Archive for the ‘In the ghetto’ category

Magister Jekyll und der Volksmund (Altersindolenz)

28. November 2012

Herr Gauck wird in ein Lied involviert (Foto: A. Probst)

Ich spreche ganz gut Volksmund, wenn es darauf ankommt, aber nicht gerne. Mir liegt das Rohe, Derbe, Gemeine nicht. Ich bin noch in der Goethe-Zeit aufgewachsen und finde, die Sprache eines älteren Herren sollte gepflegt, reinlich und voller Anmut sein. Also nicht gerade geschniegelt, auf Kante gebügelt und steifleinern, aber doch von Obszönitäten und gemaulten Schimpfreden frei. Leider überdauern meine guten Vorsätze nie die Silvesternacht, und so entfuhr mir kürzlich eine unfassbare Entgleisung, die mich zwar noch immer erröten lässt, die ich aber doch bekennen will. Kürzlich beobachtete ich nämlich auf dem Fernsehschirm die 3Sat-Kulturzeit-Schnepfe Tina Mendelsohn, wie sie gerade im Bezug auf den Nahost-Konflikt plapperte, man solle doch mal „die Narrative ändern“ und „die Hamas endlich von der Liste der Terrororganisationen streichen“. Da entfuhr es mir, ehe mich mir den Mund mit Seife auswaschen konnte, laut und herzhaft: „Du bist doch echt eine scheißblöde Antisemiten-Kuh!“ – Oh Mann, und jetzt lüge ich auch noch! Ich habe gar nicht Kuh gesagt, sondern – zarten Gemütern empfehle ich, jetzt einen Piepton beliebiger Länge einzublenden – … Fotze. Echt. Antisemiten-Fotze! Entsetzlich, oder? Na ja, so entsetzlich auch wieder nicht, denn zum Glück war ich ganz allein im Fernsehzimmer, und Frau Mendelsohn im Flachbildland hat mich nicht gehört. Ins Gesicht gesagt hätte ich ihr solche Unflätigkeiten natürlich nicht! Obwohl, die hätte bestimmt eine ordentliche Schnute gezogen und einen Flunsch dazu mit ihren dicken Aufblaslippen, die dumme Kuh!

Der Volksmund sagt gern, wenn ihn Ereignisse unberührt lassen, sie gingen ihm „am Arsch vorbei“. Ich zitiere das nur, ich selber würde den Begriff indolent vorziehen. Meine Indolenz erreicht derzeit das Stadium einer gewissen Altersabgebrühtheit, stelle ich fest. Die letzten Tage war hier nämlich der Teufel los, aber mein Ruhepuls lag trotzdem kaum über der Raumtemperatur. Zuerst kam Opa Gauck, der Bundespräsident aller Gutwilligen und Harmlosen, direktemang mitten ins Geddo. Ach was sage ich, in meine Straße! Die wurde dafür den ganzen Tag gesperrt, der Müll wurde weggeräumt und die Anwohner, das Geddo-Gesindel, bekamen, zack, Hausarrest. Gauck kam dann, als die Luft rein war, und hat angenehm unverlausten, frisch schamponierten Migrantenkindern den Kopf getätschelt, die ihm dafür was gemalt haben. Zum Höhepunkt haben sie ihm auch noch ein Lied vorgesungen. Der Presse entnehme ich, der Präsident sei „sogar in das Lied involviert“ worden. Ich war noch nie in ein Lied involviert, glaube ich. Wie das geht, weiß ich gar nicht. Das heißt, ich weiß es in diesem Fall ja doch: Er hat mitgeklatscht! Es gibt sogar ein Beweisfoto in der Lokalzeitung, obwohl man auf einem Foto natürlich gar nicht sehen kann, ob einer klatscht oder nur mit den Händen anzeigt, wie weit ihm die scheiß Symbolpolitik zum Hals raushängt. Ups, schon wieder der böse Volksmund!

Kaum war der Gutmensch abgedampft, hat man nebenan eine Weltkriegsbombe gefunden, die siebente in diesem Jahr, 500 Kg bester Sprengstoff mit Säurezünder, und zugleich brannte im Geddo auch noch eine Schule ab. Oh, oh. Den ganzen Abend bretterten alle dreihundert Löschzüge der Region mit Blaulicht und Sirene panisch durch die Stadt und veranstalteten ein solches Chaos, das alles Leben zum Erliegen kam. Eigentlich hätte man die Bombe auch gleich hochgehen lassen können. Sogar der Weihnachtsmarkt wurde teilweise evakuiert, während im anderen Teil das Gedudel eines Karussells sich in das Sirenengeheul mischte. Ich radelte munter dran vorbei und amüsierte mich darüber, dass die einzige Möglichkeit, in der Stadt mit dem Auto voranzukommen, darin bestand, in dieses Karussell zu steigen. Zum Beispiel in ein Feuerwehrauto.  Bizarr, aber lustig. So weit zu meiner Indolenz. Ich habe trotz allem meinen Abend-Vortrag über den Selbstmord durchgezogen. Viele Zuhörer blieben auf der Strecke, allerdings schon vorher, weil die Autobahn abgeriegelt war.

Das alles hat mich kaum tangiert. Blöder ist schon, dass die Gattin zur Wellnessüberholung weg ist. Gut, man bekommt sie vielleicht wie neu wieder, aber erst einmal fehlt sie bitterlich, und mir ist novembrig zumute. Ja, wäre sie eine Zimtzicke, dann käme vielleicht ein Hauch diebischer Freude auf über ihre Abwesenheit, aber das ist sie ja nicht. Sie ist eine gute Frau. Männer mit schlechten Frauen führen ein trauriges Leben, das kneift und kratzt wie ein härenes Hemd. Oft sieht man solche Männer im Schlafanzug einsam durch ihren Garten streifen und aus lauter Verzweiflung Käfer fotografieren. Ich möchte das nicht. Ich möchte auch nicht, dass die Gattin dies hier liest und daher jetzt weiß, was ich zu Tina Mendelsohn gesagt habe. Sie soll nicht an meiner Gesittung zweifeln, sondern mir den Kopf tätscheln, sich in ein Liebeslied involvieren lassen und: Magister Jekyll, möge sie sagen, dein Herr Hyde geht mir am Arsch vorbei, – und nun hopphopp, Leergut wegbringen!

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Real gone

20. Juli 2012

„Sach ma, wo is eintlich der Proff gezz immer? Ich wollt ma nach dem hin wegen so paar kleine Schriftstücke…“ – Tut mir leid, Freunde. The master of desaster(-prevention) is temporarily not available. Ich muss jetzt in den Obergrund. Untergrund ist zu voll geworden. Außerdem brauch ich mal gemäßigte Sozialklima-Tapeten und will auch nicht mehr immer der bunte Hund sein. Inzwischen kennen mich sogar die beiden Brennpunkt-Bullen schon so gut, dass man auf der Straße stehen bleibt, um ein Pläuschchen mit mir zu halten: Wie läufts? Alles ruhig? Irgendwelche neuen Drogerie-Märkte eröffnet? Die Herren haben übrigens – was? Etwa Verstärkung bekommen? Na, das nun nicht gerade, aber brandneue, total schnieke dunkelblaue Uniformen, dazu blaue Krawatten und schneeweiße s-steife Dienstmützen. Wenn das doppelte Kriminalabschreckungslottchen des Sommermorgens, wenn es mal nicht regnet, gemeinsam Arm in Arm im Geddo auf Streife geht, sehen sie aus wie Kapitänleutnants-zur-See auf Landgang. Hey-Ho! Dies nur nebenbei. Alles wird gut, manches sogar besser.

Einige Nachbar-Menschen werden mir fehlen: Der Trinkteufel und eiserne Sportrentner Horst, der dauertraurige Milan, mein Busenfreund und Busfahrer Branco-Bär natürlich, und sogar der bekloppte Nachbar, Bastelbaumeister  und Spezialist für die Produktion kostspieliger Wasserschäden, Emre Özgur, sowie sowieso die gescheite nette Kopftuch-Frau von gegenüber, die mir immer meine Vorurteile zerlegt hat; dazu „Mazze“ Vlado, der mazedonische Ex-Seemann, der in Ex-Jugoslawien immer nur in der Kaserne blieb („war wegen damalig leider scharfes Mangel an Schiffe, verstehst?“), ferner Ahmed (Import-Export), besonders überdies Pitti, der stocktaube Hausbesorgerinnen-Witwer, treue Blockwart und Hausverweser der Mülldomäne; die black community werde ich nahezu durch die Bank vermissen – die Männer, mehr noch ihre Königinnen und am meisten die blitzgescheiten, pfiffigen polyglotten Milchkaffee-Kids, dazu noch die blujungen, ranken beauty queens des Disco-Islam, allen voran Azizze, das kurdische Bildungsdornröschen, und zu guter letzt vor allem Werner Rombach, den lebenstüchtigen, aber interessanterweise komplett wahnsinnigen Querulatoriker und international umtriebigen Nah-Ost-Korrespondenten aus Phantasialand.

Weitaus weniger wird mir die Bande der altdeutschen Alk-Fraktion abgehen, die in dem verschimmelten Loch unter mir bis vor kurzem nachts um drei oder Hatz4 ihre Wodka-Parties feierte, stur weg allnächtlich Marius-Müller-Westernhagen-Hits aus den 70ern gröhlte und mich – halbwegs widerwillig – die Muslime hoch schätzen lehrte, die wenigstens niemals volltrunken durch die Nacht klabautern und auch nicht morgens ihre doofen Mops-Köter zum Scheißen in den Hof schicken.

Was ich sonst noch erleichtert hinter mir lasse, erwähne ich nicht, um den stets über mir schwebenden Vorwurf der Ausländerfeindseligkeit zu umgehen. Dabei bin ich nicht im mindesten Fremdenfeind, im Gegenteil, ich kann nur Menschen generell nicht besonders gut leiden. Wo sie jeweils im Einzel- oder Gruppenfall dahergeschneit kommen, ist mir dabei herzlich egal. Blödheit ist per se kosmopolitisch und eine durchaus globale Erscheinung – das lernt man im Geddo. Überhaupt durfte ich hier eine Menge kapieren lernen: Z. B., dass der viel beschworene Multikulturalismus im wesentlichen darin besteht und solchermaßen funktioniert, dass ein gutes Hundert diverser Nationen auf engstem Raum, unter Aufbietung aller erdenklichen Höflichkeit und diskreter Distanz, gepflegt aneinander vorbeilebt.

Was Besucher aus dem bürgerlichen Ausland ja nie glauben wollen: Sicherer als hier ist es nirgends. Drei Jahre im übelbeleumdesten Geddo – und ich fahre immer noch das gleiche Fahrrad! Das ist ein Rekord, den ich im „bürgerlichen“ Innenstadtviertel nie geschafft habe. Es wird ja viel, unter anderem von mir, über die archaischen und mittelalterlichen Mentalitäten gewisser Zugewanderter geredet. Aber, mal im Ernst und andererseits: Zu den überkommenen Traditionen gehört auch der Respekt vor älteren Menschen und vor Lehrern. Ich habe das zu schätzen gelernt.

Jetzt bin ich ein paar Tage offline.

Demnächst something completely different: Spannende Berichte über Rollatoren-Rocker, Kirchentags-Punks und die allsonntägliche Morgenmahls-Prozession der Methadon-Marginalen. Geddo, Leute, ist im Grunde nämlich überall.

Ethik-Dilemma im Geddo (The long good-bye IV)

9. Juli 2012

Der Parfumeur-Performer: Im Geddo keine Hilfe

Man darf mich für kapriziös halten, für einen Snob oder gleich für ein voll schwules Weichei, aber neulich saß ich halt im Geddo in der Grün-Oase auf meiner Lieblingsbank, von der ich den schwunghaften Ganja-Handel und den Basketball-Court gleichermaßen im Blick habe, und las Rilke. Sonette an Orpheus, glaub ich. Mir war danach und es ist ja ein freies Land. Manche desillusionierten Kritiker halten Rainer Maria Rilke für einen sprachlichen Parfumeur-Performer, der immer mehr oder minder hart an der Kitschgrenze entlang schrammt. Kann gut sein, aber als obsessiver Olfaktoriker schätze ich erlesene Düfte, auch wenn sie mehr versprechen, als sie je halten können. Ist es denn mit schönen Frauen anders? (Rhetorische Frage, bitte nicht antworten!) Und dennoch verehrt man sie und schaut ihnen traumverloren hinterher. Also bitte, Rilke. Gerade buchstabierte ich halblaut skandierend mein Lieblingssonett mit seinem unnachahmlich buddhistischen Flair:

„Sei allem Abschied voraus, als wäre er hinter / dir, wie der Winter, der eben geht.  / Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter, / dass, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.“

Hach, herrlich, oder? Und so tief gedacht, nicht wahr? – „Du scheiß Votze, ich hau dich zu Brei, dich brauch ich nicht, du Drecksnutte, kriegst gleich in die Fresse, du blöde fette Sau!“ – Was ich da hören musste, erzeugte bei mir zusammen mit der Rilke-Lektüre etwas, das der Fachmann mit gewissem Recht eine kognitive Dissonanz nennt. Ich meine, in den Kreisen erlesen edelblütenhafter Gräfinnen, in denen – also den Kreisen! – der zart besaitete Dichter verkehrte, war „Ich ersterbe, wenn ich mit Ihrer gütigen Erlaubnis ihre Hand küssen darf“ ungefähr das Verwegenste, was man einer Dame gegenüber äußern durfte. Wenn überhaupt.

Hier aber hatte ich, keine fünf Meter von meiner Kontemplationsbank entfernt, einen nach Schweiß stinkenden Gorilla mit abschreckender Akne-Fresse, hennagefärbtem Islamisten-Bart und muckibudengestählten Bergen kalten Fetts vor mir, der das bleiche, verhärmte Mädel, das er am Halsband führte, an den dünnen, schweißnassen Haaren zog und Schattenboxhiebe gegen ihre Brüste vollführte, sie unentwegt unflätig bedrohte, drangsalierte und genussvoll demütigte. Man konnte sehen, wie ihm dabei in seiner ballonseidenen Trainingshose fast einer abging. Über seinem Bauch spannte sich ein T-Shirt mit der Aufschrift „Thug life“. Ohne Frage schlug der Schläger-Typ in die Kategorie von Männern, denen ich gern ein finales Anti-Gewalt-Training verabreicht hätte – die nötigen Werkzeuge hatte ich ja immerhin in der Fahrradtasche dabei: einen 80.000-Volt Elektro-Taser, einen CS-Gas-9mm-Beretta-Nachbau, der fast wie echt aussieht, sowie ein rasierklingenscharfes, tückisch gekrümmtes vietnamesisches Krabbenausbeinmesser, mit dem man renitente Bluthochdruckpatienten, wenn man sich beeilt, blitzschnell Erleichterung verschaffen kann. Das übliche Geddo-Besteck halt.

Ehe ich mich versah, befand ich mich aber nun in einem mittelschweren Dilemma, wie man es aus dem Ethik-Unterricht in der Elften kennt: Einerseits kann man ja wohl nicht weiter einfach Rilke lesen, wenn nebenan in der lieblosen Realität eine Frau bedroht wird, andererseits war der gottgefällige Mohammedaner und fromme Frauendompteur mit ca. 30 Jahren eindeutig fitter als ich, bei dem, mit knapp sechzig, die Kampfsportzeiten schon so lange zurückliegen, dass ich mich kaum noch erinnern kann, welche Farbe damals mein Gürtel hatte. Außerdem war noch keine Straftat begangen worden, die wirklich drastische Notwehr gerechtfertigt hätte. Was also tun? Die Bullen rufen? Ha ha. „Die Bullen“ sind in der Geddo-Wache zwei (2) liebenswürdige ältere Herren knapp vor der Pensionsgrenze, deren einzige Waffe in dem Glauben besteht, ihre Uniform könne evtl. irgendwie eine abschreckende Wirkung zeitigen. Bei elfjährigen Roma-Jungen klappt das auch ganz gut. Sie (die Bullen) sind in den Dienstzeiten von 8.30 bis 16.00 Uhr telefonisch erreichbar. Soweit zur Staatsgewalt und ihrem Gewaltmonopol.

Verkompliziert wurde die Situation dadurch, dass das kujonierte Mädchen gegen seine entwürdigende Behandlung nicht etwa protestierte, sondern die ganze Zeit bloß jammerte: „Gib mir wenixens meine Kippen!“ Noch mal: Was jetzt tun?

Rilke riet: „Sei – und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung, / den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung, / daß du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.“ – Also, eine wirkliche Hilfe war das nun auch nicht!

 

The long goodbye (III)

20. Juni 2012

Manche sozialen Forderungen im Geddo erschließen sich nicht von selbst.

Es ist Sommer. Sieht zwar nicht so aus, fühlt sich auch nicht so an, ist aber trotzdem so, also will ich raus in den Park, – Buch lesen. Dickes, schweres Brikett-Buch sogar. Scheiß drauf, was die Leute denken! Park im Geddo ist aber mal wieder mit stinkenden Müllbergen vollgeräumt, von Mitbürgen, die ich genau kenne, für die ich aber meine Hand nicht ins Feuer lege. Feuer legen tät ich im Viertel in Momenten des Zorns zwar schon ganz gern mal, aber das ist selbstredend ein inakzeptables Verhalten, das ich mit anmutiger Selbstverständlichkeit streng, aber gelassen verurteile, anprangere und dementsprechend auch widerstrebend unterlasse. Dennoch, multikulturelle Toleranz hin oder her, meine Stammbank im Park bleibt zugemüllt und stinkt. Die Abfall-Ratten haben vorsichtshalber ihre Anwälte mitgebracht, eine Schar im hohen Gras einherstolzierender Rabenkrähen im schwarzen Talar. C’honorarr! C’honorarr! kächzen sie gierig, alles wie immer. Keine Chance für Buch.

Dafür treffe ich, tiefer in den urbanen Regenwald vorgedrungen, den Marek. Der Marek trägt eine leuchtend orangefarbene Latzhose und ist es seines Zeichens assistierender, ansonsten weitgehend funktionsloser Begleiter des operativ leitenden Geräteführers einer körperkraftbetriebenen Ein-Sack-Abfall-Sammelmaschine der Duisburger Wirtschaftsbe-triebe. Der städtisch bevollmächtigte Chipstüten-Aufspießer  (Abteilung Klein-Abfall) heißt Horst, und Horst spricht jetzt ein Machtwort: „So. Pause!“ – Marek, ein melancholischer Mager-Pole, der zuhause in Krakau wahrscheinlich einen Doktor in Jura hat, und sich dadurch verrät, dass ihn mein Buch überhaupt nicht befremdet, erklärt mir auf Anfrage kompetent: „No, sagen wer ma so, der bekloppte Leut, wo nicht mal mindest der Zins entrichten tun fihr Sauberkeit von Stadt, der machen nebbich der meiste Dreck!“ So sehe ich das auch, selbst wenn ich es nicht so gut hätte ausdrücken können.

Erleichtert stelle ich fest, dass „Pausen“ bei den Duisburger Wirtschaftsbetrieben (vormals Stadtreinigung, noch vormaliger: Müllabfuhr) genug Muße lassen, um ganz in Ruhe zu frühstücken. Ich les derweil zwei-, dreihundert Seiten Unterhaltungs-Brikett weg. „Glennkill“, ein Bestseller, aber nicht wirklich richtig gut. Horst bietet Marek generös von seinem Formschinkenbaguette an. Der lehnt heroisch ab. Ja, wärs Pastrami gewesen. Dann trinkt man gemeinsam Fanta und meditiert. – Bester Satz im Buch übrigens: „’Es ist schön, dass wir nach Europa fahren’, sagte Cordelia nachdenklich, aber ist schade, dass wir dafür von hier wegmüssen.’ Die anderen Schafe nickten zustimmend.“ – Ich auch.

Um die Ecke werfen die Sons of Afrika ein paar Körbe gegen die Jungs vom Islam-Internat. Ahmed erklärt kurz, wie das geht mit dem Körbe-Werfen: „Erstens…“, sagt er und lässt den Zeigefinger vorschnellen, „musst dus wollen, Bruder, und zweitens…“, er zieht bedächtig am Joint und zeigt zusätzlich den Mittelfinger, „musst dus natürlich auch können.“ Doch, in etwa so könnte man das Leben im Geddo zusammenfassen. Ich bin froh, raus zu kommen – wenn man dafür bloß nicht hier weg müsste!

Das Geddo zeigt Flagge (Patriotentrost)

14. Juni 2012

Nicht alle Flaggen im Schrank

Nachts um elf am Brückenplatz: Eine wüst schreiende Horde wild gestikulierender Schwarzer stürmt im Laufschritt auf mich zu. Sie schütteln die Fäuste in den Nachthimmel und blecken die schneeweißen Zähne. Hab ich etwa Angst? Ach, I wo! Denn erstens hat mich das Alter und das Leben im Geddo verblüffend angstfrei gemacht, und zweitens, die vermeintlichen Menschenfresser aus den Ölsümpfen Nigerias skandieren ja nur ein ums andre Mal frenetisch „Isch-liebbe-Deutsche-land“, umarmen mich, bedecken mich mit feuchten Küssen, schütteln mir die Hand und rufen „Danke! Danke!“ – obwohl ich streng genommen ja gar nicht mal mitgespielt hatte. Bescheiden abwehrend, und doch auch halbwegs und dezent in den Jubel einstimmend, nahm ich die Huldigungen entgegen. Was hätte ich denn machen sollen?

Der mit Abstand fanatischste und bekloppteste Deutschland-Fan im Viertel hat seinen Ford Mondeo vierfach schwarz-rot-gold beflaggt, die Rückspiegel sind in den gleichen Farben bezogen und dito sogar noch die komplette Vordersitze. Es grenzt fast ans Übertriebene; der gefürchtete deutsche Neo-Chauvinismus wird indes nicht unerheblich dadurch gemildert, dass der Fahrer ein zierlicher, sehr dunkelhäutiger Tamile ist.

„Deutschland! Deutschland!“ rufen die Bulgarenkinder auf der Straße mit leuchtenden Augen und tröten inbrünstig in ihre Vuvuzelas. Vorerst ist es wohl das erste und einzige deutsche Wort, das sie kennen. Aber immerhin. Ich meine – besser als „…deine Mutter!“, oder?

Hell und sonnig lächelnd flattert das schwarz-rot-goldene Fähnchen derzeit auch aus meinem Fenster, und zwar, im Gegensatz zu 2010, gänzlich unironisch und mit Eichendorffscher Treuherzigkeit – ich weiß aber nicht, ob meine Mitbürger den Unterschied zwischen einer ironisch-distanzierten und einer naiv doofen Begeisterungsbeflaggung registrieren. Meine schwarze Flagge mit dem Totenkopf bleibt diesmal im Schrank. Die Piraten-Partei hat mir den Spaß verdorben.

Ein bisschen muffig stellt sich allein der hier ansässige türkische Mittelstand an. Die rote Fahne mit Stern und Halbmond trauen sie sich nicht zu zeigen, wegen der Schmach der Nicht-Qualifikation, aber zur deutschen können sie sich, nach erst dreißig Jahren hier, auch noch nicht recht durchringen. Christliche Nigerianer, diffus synkretistische Roma-Bulgaren und hinduistische Tamilen scheinen mir dahingehend, und das meine ich rein komparativ und ohne rassistische Untertöne, im Durchschnitt geistig etwas beweglicher. Fairerweise muss man zugeben, dass Tamilen, Bulgaren und Schwarzafrikaner auch nicht alltäglich unter dem Ansturm der „Islamophobie“ zu leiden haben. Dauerbeleidigtsein ist halt auch kräftezehrend.

Der Fahnenquatsch kann auch hilfreich und belehrend wirken. Nach drei Jahren, in denen ich sie für die letzten Deutschen im Viertel hielt, erweisen sich meine Nachbarn von gegenüber nun dann doch letztendlich als Polen. Bei dieser interessanten Erfahrung kam mir in den Sinn, dass ich es vielleicht hübsch fände, wenn die Belegschaft in unserem Geddo, wenigstens sonntags etwa, mal versuchsweise identifizierende Nationaltrikots trüge. Ich könnte mir vorstellen, dass dies zu einer differenzierteren Betrachtungsweise unserer Mitbürger führen könnte, ein Gedanke, den ich jedoch noch in der Halbzeit verwarf, da ich, von einer Überdosis Fußball affiziert, derzeit nichts Haltbares zu denken imstande bin, leider.

 

The long good-bye (II)

3. Juni 2012

Natürlich hat das Geddo auch schöne Seiten: Zum Beispiel die reiche Kultur!

Wenn bettelarme Dörfler und Dörflerinnen, minimum vier Generationen gemeinsam, sich fern der Heimat, in der verwirrenden Fremde, zusammensetzen, gemeinsam zur Akkordeon- und Fiedelbegleitung inbrünstig pentatonische Volkslieder singen, dazu klatschen, ekstatisch juchzen, bittersüß aufschluchzen und „Aiiiiííí! Hò’pa, hò’pa!“ rufen – ist dagegen irgendetwas einzuwenden? – Aber nein, Iwo! Wieso denn? Ist doch schöön! werdet ihr antworten und damit leider eine gewisse medial vermittelte Kurzatmigkeit im Denken offenbaren: Wenn das spontane Festival im Hinterhof nämlich nachts um halb drei unter eurem Schlafzimmerfenster stattfindet, werdet ihr, das wette ich, eure multikulturelle Begeisterung alsbald zu überdenken und zu zügeln wissen. Vielleicht werdet ihr das Fenster zum Hof aufreißen und mit mühevoll gezügelter Gereiztheit hinab rufen: „Leute! Es ist halb drei!!!“ Aber die Musikanten, tut mir leid, liebe Fremdenfreunde und Xenophilatelisten, werden euch nicht verstehen, und wenn doch, sich über das saturierte Deutschlandparadies wundern, in dem man sogar noch nachts gratis und ungefragt eine Zeitansage erhält. Das inkriminierte Wort „Zigeuner“ verwendet ich übrigens nur zu präzisierenden Diskriminierungszwecken – ich weiß nämlich nicht, ob es sich um Roma oder Sinti handelt. Sinti sind doch die mit der jazzigeren Musik, oder? Dann wärens wohl eher Roma gewesen. Darf man noch „leider“ sagen?

Was ich damit ausdrücken will: Ob das Leben im Geddo immer so lustig ist, wie ich es in Texten manches Mal zu suggerieren trachtete, ist eine Frage des Blickwinkels bzw. des Zeitpunktes, an dem man morgens aufstehen muss. Oder ob das Blut, welches das Hemd durchtränkt, mit dem man sich nach einer langen Nacht als Blauhelm-Magister ins Bett fallen lässt, das eigene ist oder nicht. In meinem Fall war es glücklicherweise Fremdblut, nämlich das von Sportrentner Horst, meinem Nachbarn, der nüchtern ein liebenswerter Mensch und xenophiler Nachbarschaftsengel ist, betrunken sich aber anhört wie ein erzblöder Neo-Nazi. Leider ist er ziemlich selten nüchtern. Wie oft habe ich ihn gewarnt: „Horst! Bitte! Nach elf Uhr resp. 25 Bier bitte nichts mehr über Religion oder Politik!“ Aber der Horst ist ein Argloser, ein Tor mit reinem Herzen, und er kriegt nicht mit, wenn sich anti-deutsche Abneigung und Verachtung im Geddo in blanken Hass verwandeln. Er checkt es einfach nicht, dass man irgendwann die Fresse halten muss, auch und gerade wenn man mit mazedonischen, bosnischen oder kroatischen „Freunden“ zusammen hockt und NOCH mehr Bier trinkt.

Ich war nüchtern genug, den Hass in den Augen des Mazedoniers zu sehen, aber leider, trotz Kampfsportausbildung nicht geistesgegenwärtig genug, zu verhindern, dass er Horst urplötzlich eine volle Flasche Diebels gegen den Schädel knallte. Bier und Blut spritzten auf mein Hemd, ein Scherbenregen ging auf mich nieder, während ich, die Ein-Mann-Friedenstruppe, das Schlimmste zu verhindern suchte, nach meiner Taschenlampe kramte und dem Sportrentner, der aus diversen Gründen nicht mehr recht zu stehen kam und definitiv ausgezählt mit dem blutüberströmten Kopf wackelte, im Funzellicht kreuz und quer Erste-Hilfe-Pflaster auf die Klotzkopfkerbe klebte, um erstmal die Blutung zu stoppen.

Schon bizarr: Ich, der Feingeist, Bildungshändler und Privatgelehrte, agierte praktisch als Blauhelm vor einer Hinterhofgarage im derbsten und dümmsten aller Religionskriege! Mann, Mann, was MACH ich hier? – so keimte die peinigende Frage in mir.  Übrigens, um keine Vorurteile zum Blühen zu bringen, der brutale Schläger, der seinen „Glauben“ zu verteidigen meinte, war kein Moslem, sondern ein „orthodoxer“ Christ. Er verpisste sich nach vollbrachtem Glaubenskriegertum sofort und ließ seine Verwandten für ihn lügen, sie hätten „gar nichts mitgekriegt“. Wie oft sein Jesus Christus irgendwelchen Feinden eine Bierflasche  auf den wehrlos betrunkenen Schädel gehauen hat, ist ja bekannt. „Orthodox“, ha, klar!

Seltsam: Ich ziehe nur ca. 1000 Meter weiter, aber dort gibt es so etwas nicht. Die schöne, attraktive alte Dame, die bei uns im Haus wohnt, ist evangelisch, wackelt Sonntags am Rollator in die Kirche und sieht insgesamt nicht danach aus, Andersgläubigen Bierflaschen auf den Schädel zu hauen. Auch wenn ich mich eventuell langweilen werde – ich weiß doch Zivilisiertheit zu schätzen.

Wünsche werden einem erfüllt, aber nicht unbedingt dann, wann man es braucht und auch nicht, wie schon Goethe wusste, zu den eigenen Bedingungen, sondern, so Goethe in den „Wahlverwandtschaften“ weiter, um uns etwas zu lernen zu geben: Endlich hat man die Alk-Fraktion, die unter mir hauste, aus dem Haus klagen können. Ab jetzt keine stinkenden, kläffenden, den Hof voll scheißenden Köter mehr, keine im Vollrausch veranstalteten Parties nachts um drei (mit nur einer einzigen Platte die ganze Zeit: Marius Müller-Westernhagen, „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“! Gott! Wie ich diesen Mann im Laufe schlafloser Nächte hassen gelernt habe!), kein Rund-um-die-Uhr-Gegröhle, keine von Wodka beflügelten Prügeleien mehr. Keine mein eigenes Gewissen molestierenden Anrufe bei der Polizei. Heike, die Frau vom Chef-Randalierer, ist ja auch tot. Mit der Obduktion scheint man sich nicht viel Mühe gegeben zu haben. Geddo eben. Der menschlichen Ausschuss interessiert den Staatsanwalt nicht besonders. Dass die 44-jährige Frau nur aus blauen Flecken bestand, als sie starb, fand man forensisch nicht bemerkenswert. Die Realität ist nicht wie im „Tatort“. Nun, jetzt ist das Pack weg. Hinterläßt ca. 12 Kubikmeter Messi-Müll, Schmutz und Drecks-Geraffel und zeigt uns allen den Mittelfinger. Nicht, dass ich ein Ausländerfreund wäre, aber, Leute, die DEUTSCHEN hier, die sind schon das allerletzte…

Ob ich das Geddo vermissen werde? Tja, na ja. Wahrscheinlich erst, wenn ich da raus bin…

The long good-bye (I)

30. Mai 2012

Abschied vom Geddo-Magister?

Faszinierend und wahrscheinlich kein Zufall („Zufall“ ist überhaupt ein unbefriedigendes Konzept, finde ich, alles in allem): Seit Tagen höre ich nur noch Musik, die mit Exil, Exodus und Heimkehr zu tun hat. Erst wars Monteverdis „Il ritono d’Ulisse in patria“, dann, über Pfingsten, Händels Oratorium „Israel in Egypt“ und seit heute früh dreht sich in Kopf und Player unentwegt und mit fast schon enervierender Hartnäckigkeit Dylans „Just like Tom Thumb’s Blues“, allerdings zunächst in der grandiosen, unfassbar larmoyanten Cover-Fassung vom schottischen Alt-Alkoholbarden Frankie Miller (1973) gewinselt, gejammert und geheult; danach vom Meister selbst, staubtrocken, sarkastisch, überdeutlich prononciert, abgründig selbstironisch und immer mit so einem gedehnt höhnischen Unterton, wie es in der Zeit um 1965 („Highway 61 revisited“) halt seine Art war.

In dem Song über den Blues des Däumlings (Literaturprofessoren behaupten, das sei eine Anspielung auf den Däumling-Träumling „petit poucet rêveur“ in Arthur Rimbauds „Ma Bohème“, vielleicht ist aber auch nur die tragisch verblichene Experimental-Dampflokomotive gleichen Namens, nämlich Tom Thumb,  gemeint, die einst in Maryland oder wo gegen eine Pferdebahn siegte und trotzdem nicht rüssierte) geht’s um einen Typ, den es in das Grenzkaff Juarez, Chihuahua, Mexico verschlagen hat, unter Dealer, Huren („Saint Annie“, „Sweet Melinda, the goddess of gloom“) und zwielichtige Heilige, korrupte Bullen und fiese Beamte, und die „hungrigen Frauen“ machen ihn fertig, er ist zu schwach, sich einen neuen Schuss zu setzen, er ist total down und am Ende in der „Rue Morgue Avenue“, wo ihm selbst Arroganz und Negativität nicht mehr helfen, und am Schluss heißt es: „I’m going back to New York City / I do believe I’ve had enough.“ Tja, das kenn ich. Hab wohl auch genug, nach drei Jahren Geddo. Der Däumling geht.

Meine Tage sind gezählt. Damit ihr es fast als erste erfahrt – ich komme nach drei Jahren im Geddo nämlich auf Bewährung raus, ich lege den Blauhelm ab, verstehe ab sofort kein Wort Türkisch mehr und wage das Abenteuer, nach zwanzig Ehejahren, mit der Gattin in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, und zwar in einen bürgerlichen Luxus-Palast mit knapp tausend Quadratmetern, ausgestattet mit mehreren Bädern, privater Tennishalle und Gästefahrrad, in einem gepflegt begrüntem, von der Polizei spezial überwachten Rentner-Reservat voller Rollatorenpiloten und öko-christlicher Mülltrenner.

Wie ich mich kenne, werd ich in der Ruhezone natürlich alsbald wieder zu nörgeln beginnen: Da ist ja nirgends einer auf der Straße! Wo sind die ganzen kurz geschorenen, segelohrigen Schmuddel-Kinder, die schwarzen Dealer, die bulgarischen Eckensteher? Wo das schöne Müllgebirge, die possierlichen Ratten, der ewige Straßenlärm, die keifenden Kopftuchmuttis? Und nachts ist es so still, dass man seinen Herzschlag hört und das monotone Sausen in den Adern! Vor allem aber ist es mit meiner lieb gewonnenen Selbstmystifikation als mönchischem Geddo-Magister vorbei, dem herben Engel der Verwahrlosten, Bescheuerten und displaced persons, deren treuer Tröster und kaiserlicher Türsteher ich war. Circa zum achtzehnten Mal im Leben muss ich mich komplett neu erfinden. Was geht, was hatte ich noch nicht? Was könnte mich noch an mir interessieren? Ich hab keine Ahnung. Aber Juarez, nee, ich glaub, davon hab ich genug.

Heroische Testpersonen probierten übrigens damals, auf der von „Tom Thumb“ gezogenen Dampflokbahn, bei der Wettfahrt 1830 mit der Pferdebahn, ob das menschliche Hirn bei 24Kmh noch in der Lage sei, schriftlich Empfindungen zu protokollieren. Es gelang! Ich werd also wohl weiter schreiben…