Archive for the ‘Emotional Weatherreport’ category

Ansichtskarte aus dem Augenwinkel

6. Februar 2014
Seh ich aus wie ein Therapeut? Herz ausschütten hier verboten!

Seh ich aus wie ein Therapeut? Herz ausschütten hier verboten!

Im milden Westen viel Neues: Heuer nix mit Winter. Definitiv Eis-Abstellgleis: Winter fährt hier nicht mehr. Wir bitten um Verständnis. Babyblau und vertraulich zwinkert der Stadthimmel aus windzerzausten flauschigweißen Wolkenwindeln. Sonne brilliert als Debütantenball. Das ortsübliche Kleingeflügel macht schon Höllenlärm, es meiselt, finkelt und funkelt auf dem Balzplatz, als gäbs kein Morgen, bzw. eben schon ganz viel Morgen, Frühling, Aufbruch usw., Elstern in Paarungsplanung ziehen aufgeregt keckernd gen Norden, zu IKEA, Naturholzzweige fürs Nest. Ich steh derweil auffm Balkong, rauch mein Kaffee und fühl mich irgendwie so Rilke, vielleicht auch bisschen Benn dabei. Wieder mal leide ich unter meiner Unflexibilität: Ich hasse es, wenn ich mich auf etwas einstelle, und dann kommt alles ganz anders. Schon im November hatte ich den Kopf grottentief zwischen die Schultern geschraubt, doppelt Pulloverpower, orntlich Rotwein eingekellnert, Streusalzstreuer aufgefüllt, vorsorglich Depression (SAD – seasonal affective disorder) eingeübt – und was ist? Keine Nacht traut sich unter Null, prunkt dafür aber mit Sternbildern, die ich gar nicht kenne, im Park rotieren die Rentner-Rollatoren um blühende Japankirsche, grellbunte Velozipedisten rauschen durch den Rajon, und keiner sagt mir, wie diese Jahreszeit hier heißt.

Aber mir sagt eh keiner was. Menschen, die mir nahestehen, verabscheuen mich in der Regel, schneiden schnöde Schnuten und meiden mich nach Kräften. Eine unerklärliche Anziehungskraft übe ich hingegen, wie, ich schwör, immer, immer schon, solange ich denken kann, nur auf Hunde, kleine Kinder und Irre aus. Kind und Hund wird man ja wohl noch sagen dürfen? Irre ist vermutlich nicht pc. In der Sache stimmt es aber: Kaum sitz ich mal auf der Parkbank, legen mir wildfremde Hunde treuherzig die nasse Schnauze aufs Knie und Kleinkinder strecken mir hoffnungsvoll schwanzwedelnd ihre klebrigen Wurstfingerchen entgegen, um sich herzen zu lassen. Die Tugend entschlossener Höflichkeit ist hier gefragt; nicht immer beherrscht man sie ohne Beanstandungen. Was die Verpeilten, Verstörten, Psychonauten und Schizonosen an mir finden, weiß ich nicht. Sehen sie in mir einen Seelenverwandten? Eigentlich habe ich nichts Therapeutenhaftes an mir, im Gegenteil. Mit aus Eiszapfen gebildeten Buchstaben steht auf meiner Brust: Hier bitte keine Herzen ausschütten! Nützt es was? Kaum.

Eine treue, mir allerdings gänzlich unbekannte und bestürzend schwerverwirrte Freundin etwa, eine reichlich bizarre Lady Gaga aus den kalten Weiten des Internetzes, schickt mir seit Wochen und Monaten pro Tag oder Nacht ca. ein Bäckerdutzend Mails mit Verwünschungen, Drohungen, Obzönitäten sowie knapp 60% absolut unverständlichen verquasten Verbalquatschtextmüll. Stalking on the wild side: Brieffreundschaft auf blackmail.de. – Was soll man da machen? „Kann man da denn nix machen?“ fragt die Gattin stirnrunzelnd, „Polizei oder so?“ Ich resigniere pantomimisch. „Oder deine Russenfreunde?“ insistiert sie. „Also erstens“, stelle ich richtig, „sind das ja nun mal keine Russen, sondern bloß Serben, und außerdem werde ich ja wohl, was die mir schulden, nicht für die Einschüchterung einer ungezogenen Pampelmuse verplempern…“ – Sie schüttelt missbilligend den Kopf. – „Du weißt, Liebelein, ich bin Taoist, da muss man nicht immer was MACHEN“ füge ich noch hinzu, ganz Oberschulrat Schlaumeier. „Und was MACHST du, wenn du NICHTS machst?“ fragt die Gattin, die nicht umsonst Kriminalhauptkommissarin auf der Visitenkarte stehen hat. „Ich lese ergeben den ganzen Schrott weg, als sei das meine Aufgabe, für die ich auf der Welt bin, wackle bekümmert mit dem Kopf und antworte … nichts.“ Ihr „Aha!“ nahm ich mal als bedingte Zustimmung. Wie ich nämlich mittlerweile erkannt habe, beruht gedeihliches soziales Miteinander auf Duldsamkeit und Nicht-so-genau-Hinsehen.

Ich fürchte, ich werde herzensliebe Künstlerfreunde verprellen, wenn ich behaupte, genaues Hinsehen wird überschätzt. Man liegt stundenlang auf dem Bauch im Garten, kiloschweres, schweineteures optisches Gerät im Anschlag und: sieht genau hin. Was sieht man dann da überhaupt? Besagtes singendes Kleingefügel, wenn man schnell genug ist, mit dem 200er aber auch schon Vertreter der Kerbtierwelt, und mit der nächsten Anschaffung dann wird man das Leben der Mikroben, Fibrillen, Spirillen, Mycoplasmen, Spirochaeten, Clostridien und anderer Repräsentanten des Prokary0tentums ans Licht zerren. Will man das denn? Dieses ganze Geschmeiß, Geziefer  und Geschnetz?

Die alte Mume Wikipedia wispert: Ein Mensch besteht aus etwa 10 Billionen (1013) Zellen, auf und in ihm befinden sich etwa zehnmal so viele Bakterien.“ Schon bei der Vorstellung, wie 100 Billionen Exemplare eklen mikrobiellen Gewürms „auf und in“ mir herumwuseln, wird mir blümerant, da brauch ich gar nicht noch genau hinsehen! Frauen sind nach meiner von Bonhommie gesättigten Erfahrung ja am schönsten bei Kerzenlicht, Sonnenuntergang, etwa 1,80m Abstand, ohne Brille und durch ein Glas Spätriesling betrachtet. Beim candle light dinner schreit doch auch keiner: Machma das Neonlicht an, ich muss da mal genau hinsehen! Ich persönlich liebe es verschwommen, verschleiert, verwischt und verhuscht. Eben so aus den Augenwinkeln bloß. Übrigens: Männer sind am schönsten im Dunklen. Überhaupt Männer! Man kann nie mit ihnen reden! Und wenn, dann brechen sie das Gespräch mitten im.

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An Old Fart’s Blues

16. Juni 2012

Es perlt

Na, mal wieder Monsum-Zeit im Zwergenwald. Zartgrau rauchtaubenblaue, total verperlte Dämmerstunden in der Nasszelle, zähflüssig wie Rübenkraut auf warmer Margarine. Gehört das denn auch zum sogenannten Leben? In der Schlafwandergruppe: Die junge Zukunftshoffnung am Nebentisch (mademoiselle donneuse la leçons), monopologisiert wie der Dauerregen und redet dabei wie eine Nähmaschine. Monotones Surren, Sticheln, Nadeln. Kommunikativer Kollateralschaden: Singert und pfafft mir Mund und Ohren zu, mit staubgrauem Zwirn. Nerven nadelstreifendünn und fadenscheinig. Dr. Kimble ertappt sich bei Gedankenflucht, dergestalt, dass er sich fragt, was er in dem klebrigen Hier und Jetzt eigentlich ist, macht und soll, was logisch dann freischwimmend schließlich zu funeral-fundamentalen Gedanken über den Tod überleitet und abschweift, oder auch, beispielsweise, warum nicht, zu Gott. Agnostiker mit Stil gedenken durchaus gelegentlich des HErrn, wenn auch nur schüchtern aus den Augenwinkeln schmollend (plus Flunsch wegen andauernder Offenbarungsknappheit).

Obwohl solch metaphysikverliebtes Denken ja selbstredend auch schnell an seine natürlichen, von Immanuel Kant straff gescheitelten Grenzen stößt: Im Grunde geht es bloß um die Frage, wie man es vermeidet, in einem deutschen, beige-grün karierten Pflegeheim zu landen, in dem das Leben unzumutbar und der Tod unerschwinglich ist. Wenn man schon sterben muss, dann bitte nicht im Stuhlkreis mit anderen Demenz-Exzellenzen, besinnungslos in die Hände klatschend und mit einem einfältigen Kinderlied im zahnlosen Mümmelmund. Durch welche Schuld hat man es eigentlich verdient, alt zu werden?

Der neue bundesdeutsche Gesundheitsreport fällt mir da ein, die jüngste Offenbarung des Hippokrates: Die vier apokalyptischen Reiter, Adipositas, Hypertonias, Osteoporosis und der grimme Demenzius auf dem fahlen Pferd, fahren hin über und gegen die Deutschen, auf dass sie diese verderben und definitiv zuschanden reiten. Ach, das Gezwitscher der Ärzte! Und was empfehlen überraschenderweise diese sogenannten, selbsternannten und erzverdammten Ärzte? – Bewegung! Mehr fällt dem Mediziner-Gesindel nicht ein. Ich freu mich schon auf die erste Dementen-Olympiade (paralytic olympics), Diszplinen: Ausbruch aus dem Heim, Hürdenlauf zum alten Zuhause, Verwandten-Erinnern mit Hindernissen. Künftige Medizinhistoriker werden unsere Epoche als die Ära des abgeschmackten Wahns identifizieren, in der „Bewegung“ das definitive Universalremedium für alle Gebresten gefunden zu haben.

Wer glaubt, das Alter, der angeblich schwer eisweingoldene Herbst des doofen Daseins, winke wenigstens, als Trostpreis für Impotenz, Inkontinenz und Indolenz, mit wachsender Toleranz und Gelassenheit, den muss ich enttäuschen. Ihr verwechselt Toleranz mit Resignation und Schwäche. Vitale Senioren erkennt man daran, dass sie an rein gar nichts mehr glauben und ihnen außerdem immer mehr Leute immer verschärfter auf die Nerven gehen. Toleranz heißt bloß, dass man, wie ich, die Zwille in den Schrank hängt und Passanten nicht mehr mit getrockneten Kichererbsen beschießt, sondern es dabei belässt, ihnen trocken hinterzukichern. Mögen sie denken, dieser Kicherer sei der Tod. Vielleicht bewegen sie sich dann ein bisschen, und zwar gerne erstmal aus meinem Blickfeld.

Aber gut, mal angenommen: Wir bescheuerten Fitness-Idioten, allesamt ausgemergelte Bewegungsmelder mit Bundessportabzeichen in ihren goldenen Neunzigern, sitzen nun im Stuhlkreis. Wir sind, was das Schlimmste am Alter ist, in die Hände jüngerer Leute gefallen. Sie klatschen und singen mit uns und führen uns ihren Golden Retriever zu, Emma, eine ganz liebe! Mit zittrigen, arthritischen Händen betatschen wir das blonde Kind, Quatsch, Tier, und erinnern uns wieder. Zum Beispiel an unsere Ex-Frauen. Wollen wir das? Und haben wir dafür dankbar zu sein? Sind wir dafür geboren, so zu enden?

Schon gut, ich hör auf mit dem Schlechte-Laune-Funk. Man soll selbst den Realismus nicht übertreiben. Außerdem: Dauerregen im Juni, Schlafwandergruppe, Gespräche mit der Nähmaschine: Was soll da schon noch Arges kommen? Und jetzt ein Saxofon-Solo.

Mann-am-Rand-Blues

19. Januar 2012

Am Rand da hat ein Mann gestanden
Der war vom Wandern schon ganz wund
Auch kam ihm der Verstand abhanden
Zwischen Al-Andaluz und Annalund

Er erstand etwas Sand in Flandern
Und ein Stück Land mit eigenem Fluss
Den ließ er im Sand mäandern
Das Stranden empfand er als Lebensgenuss

Als die andern das Abendland erfanden
Blieb er orientalisch entspannt
Er ist dann in den Anden gelandet
Und Abendland ist abgebrannt.

Bleibt die Sache mit dem Verstand
Der ist, wie gesagt, zuschanden
Und der Mann steht deshalb am Rand
Wo wir ihn ja am Anfang schon fanden.

Ein Weihnachtsalbtraum

23. Dezember 2011

Alles ist erleuchtet! (Ich, im Festtagsschmuck)

Weit oben, jenseits der sumpfig-dunstigen Schwellpolsterauen, verstieg ich mich einst hoch im Schrankwand-Gebirge. Ein hartes, ein reiches Land! Hoch ragten die Buchattrappen, furnierbestandene Plateaus äugten fremdelnd, wie von Munch gemalt, in stummem Schrei, und Schluchten aus eitel purem Resopal gähnten verstohlen! Von Höhenangst und Luftnot gebeutelt, folgte ich dem kargen Weg der Hungerholzwürmer und wilden Staubmäuse, surfte, schürfte und schnob durch nie gesehene Welten aus Repräsentationsgeröll und erblindetem Lebensmüll. Oho ich war ein Abenteurer gewesen! Das Reich der undurchsichtigen Gardinen hatte ich durchstreift, die Herden der Alpenveilchen geweidet, mich als Teppichfransen-Kämmer verdingt und durchgeschlagen; Weihnachtssterne hatte ich gesehen, verdorrte Strohkränze gekaut und in manch trockene Tischkante gebissen! Doch jetzt balancierte ich auf unsagbar öden Graten, rauchte die letzten Luftreserven und leckte darbend den Teer vom Himmelsgewölbe.

Schminke er sich umgehend! Werfe er sich verkleidungshalber rasch in erstbeste Frauengewänder und eile zum Trefpunkt (sic)!“ – erging der Befehl an mich. Im Schminkraum herrschte das typische Chaos. Obwohl ich abdeckte, pinselte, schmierte, spachtelte und Schlieren wischte, bis mir schlecht wurde, ich bekam die Frau nicht hin, weder Vamp noch auch nur Mutti, sah in meiner Kittelschürze eher aus wie ein trauriger Musikal-Clown mit derangierten Glitzerapplikationen. Wie sollte ich so zum Agententreffen? Weh mir, in der Vitrine klirrten die Gläser. „Er kriegt es nicht hin! Er kriegt es nicht hin!“ wisperte die Nippes-Innung, und tausend schielende Engel bliesen die grause Blockflöte und summten ergrimmt: „Hängt ihn! Hängt ihn an die nächste Edeltanne!

Unten stieg die Mutter erschöpft von der Gänsebrust und rief: „So wartet doch! Ich muss mir noch den Bratendunst aus dem Haar bürsten!“ Der Vater gestikulierte wegwerfend und kippte fortwährend hochkonzentriert kleine Schnäpse hinunter. Zunächst lustige, dann zunehmend auch Noten in Moll-Tonarten schwirrten um seinen hochroten Kopf. Oben vom Gebirg herab, wie durch ein umgedrehtes Fernglas, erblickte ich meine Schwester, die opportunistische Schlampe, wie sie indolent Gedichte herunterleierte und dabei dauernd lauernd nach Geschenken gierte. „Meine Schwester ist ein Fisch“, schoss es mir durch den Kopf. Mir ward zugleich unerklärlich edelmütig und ekelhaft elfenhaft zumute, wie nach zuviel Kräuterlikör, wiewohl zugleich, wie beiläufig, auch Mordgedanken kamen und gingen. Familienmassaker! Wann, wenn nicht jetzt? Gleich kommt die Langspielplatte mit dem Karpfen-Konzert! „Am Himmelsrand gibt’s keine Scheuerleisten“, dachte ich und merkte dem Gedanken an, dass er an kargen Almen nagte.

Untertage tobte der gnadenreiche Festtagstango. Verwandtschaften strömten in rauen Massen in die stickichte Stube, verflochten sich in der Sitzgruppe zu einem Rattenkönig, schnatterten und schnäbelten schamlos, die Reptilienmischpoke, Lemuren, Lurche, langustenhafte Lumpentanten und Ludertunten. Ich sehnte mich nach Marzipankartoffelbrei mit Vollbart und 50 Stimmungskanonen, aber daran war nicht mal zu denken! Ich saß ja fest, oben im Schrankwandgebirge, ließ die feinstrumpfbehoste Seele baumeln und formte stumm die Worte der Weihnachtsgeschichte, ahmte dabei, alle Viere von mir gestreckt,  pantomimisch den Stern von Bethlehem nach und betete insgeheim inbrünstig um wenigstens  drei Weise…

 Später hat es geheißen, ich sei schon am Heiligabendvormittag (was für ein Wort!) betrunken gewesen, hätte wirres Zeug geredet und sei persönlich ja wohl nun bestimmt am wenigsten berechtigt, über Vaters Schnäpse Sottisen zu schnörkeln. Der Alb ist noch nicht beendet, aber was kann man tun außer hoch in der Schrankwand zu sitzen und zu warten, bis es vorüber geht?

50 Wörter für Schnee (Aber 366 dagegen!)

20. Dezember 2011

Wetterkitsch für Kinder (Foto: Wikipedia)

Ich bin zwar kein Inuit, hab aber auch 5o Wörter für Schnee: Dreckszeug, Matsche, Ärgernis, Lästigkeit, Verkehrsgefährdung, Naturkitsch, Wetterblödsinn, Scheißwetter, Überflüssigkeit, Mistpampe, Räumpflichtgeröll, Moppelkotze. Die restlichen 38 Bezeichnungen sind geheim und gehören zum Arcanum der Schwarzen Fluchkunst, die bei Strafe sofortiger Straßenverkehrsverhexung durch Frau Hölle nicht ausgesprochen werden dürfen. – Ich begreife erwachsene Mitbürger nicht, die, den Daumen tief im kindischen Flunsch, alljährlich bangen, barmen und quengeln, ob es denn heuer bloß wohl auch noch weiße Weihnachten geben werde. Dabei haben sie mit Weihnachten gar nichts zu tun. Ob da Jesus oder Kindkaiser Kim Jong-Un geboren wurde, ist ihnen schnurz. Hauptsache, es liegt Ende Dezember überall gefrorenes Schmutzwasser herum! Das ist nämlich unabdingbar für die Gebrüder-Grimm-Stimmung provinzieller Heimeligkeit, die das Bratapfel-Kernstück des deutschen Gemütlichkeitsterrors bildet. Nirgends offenbart sich die infantilistische Regression der Weihnachtszeit grauser als im Schneekult.

* * *

Vollends außer Rand und Band gerät der Schneekult im sog. Wintersport. Ab Dezember/Januar kennt das öffentliche Rentnerfernsehen keine Politik mehr, keine Kultur und nicht mal mehr Wettkochen: Rund um die Uhr wird Wintersport gesendet. Menschen stellen sich auf Bretter und rutschen Berge herunter. Das ist so spannend wie Frau Frerkes beim Hemdenbügeln zuzugucken. Ich würde ja lieber mal sehen, wie es gelingt, auf dem Fahrrad unfallfrei über die Graupelpisten zu schlittern, wenn man zur Arbeit muss. Aber das zeigen die Herren Wintersportfanatiker natürlich nicht. Soll ich in meinem Alter vielleicht auf dem Snowboard zur Schule?

* * *

Das einzig Gute an Schnee ist, dass man schnell nasse Schuhe bekommt. Nasse Schuhe liebe ich über alles, davon kann ich nie genug bekommen; besser sind nur noch eiskalte Füße. Darauf könnte ich Loblieder singen! Übrigens, das einzige Wintergedicht, das ich auswendig kenne, ist vom genialen Wuppertaler Diplom-Psycho Eugen Egner und geht so: „Winter. / Unpraktische Jahreszeit.“ Gut, das ist jetzt nicht episch, aber Schnee ist auch nicht episch, sondern bloß zweieinhalb Monate Kopf-zwischen-die-Schultern-Ziehen, Zittern und Warten, dass es irgendwann vorbei ist. Soundtrack dazu: Henry Purcell, Zitter-Arie („The Cold Song“) aus „King Arthur“: „Let me, let me, / Let me, let me,/ Freeze again…/ Let me, let me, / Freeze again to death!“

* * *

Googelt mal zwischen Schneeballsystem und Schneewittchen: Es gibt auch noch Faulschnee, Sulzschnee, Blutschnee und Büßerschnee. Das sagt ja wohl alles! Schneeekel!

Romantik? Is‘ mit Sehnsucht, oder? (Aus meinem Tagebuch)

10. Oktober 2011

Romantik ist mit Sehnsucht, aber oft ohne Frühstück...

Polaroid von mir: Da kommt der König des Geddo! Altmagister Kraska walzt nächtens zu fuß, majestätisch seinen Embonpoint vor sich herschiebend wie den Bug eines äußerst selbstbewussten Öltankers, leicht schwankend über den Brückenplatz, steuert eine Gruppe schwarzer, des nachts aber noch erheblich schwärzer wirkender Ganja-Anbeter und Vielbier-Trinker an, teilt diese wie das Rote Meer, schreitet gemächlich durch sie hindurch, als wäre er von einer Uno-Blauhelmtruppe eskortiert und komplett immun gegen Anfeindungen und Zweifel jeder Art, grinst dabei auch noch doof herablassend und macht dazu ein Gesicht, das mimisch besagt: „Ja? Waas?!“ – Und? Kriegt er aufs Maul? Iwo! Rätselhafterweise nicht, im Gegenteil, ehrerbietig bildet das Zwielicht-Volk eine Gasse und lässt ihn sanftmütig passieren! – Bang frage ich mich, seit wann ich eigentlich dermaßen angstfrei bin. Ist es der Wein? Oder ist bereits das ein Anzeichen nachlassenden Lebenswillens? Geht es zu Ende mit mir?

* * *

Wunderlich scheint mir auch, dass ich in erotischer Hinsicht, nach Cellistinnen, Friseusen und Sport-BH-Trägerinnen, nunmehr und gegenwärtig stark von barfuß singenden Soulschnepfen angefackelt werde? Ich wusste gar nicht, dass Senilität so bunt ist!

 * * *

Wenn nachts das Telefon in meinem Schlafbüro klingelt, dessen Nummer fast keiner kennt, kann es eigentlich nur Boris sein, mein Philosophen-Kollege, der Ex-Militante und gewesener Berliner Landesjugendmeister in der Kategorie „Forensisch relevantes und entsprechend kostspieliges Pflasterstein-Schmeißen“, dessen Doktor-Arbeit ich einst betreuen durfte (vgl. Boris Raskolnikov-Bronski, „Stein und Sein. Die Metaphysik der Überschreitung im Lichte hermeneutischer Ästhetik“, Heidelberg 1999); wenn ihm nach Telefonieren ist, liegt er meist, Unmengen von Absinth ohne Eis und Wasser vertilgend, in seiner Wohnbadewanne mit Blick auf den Zentralfriedhof, und äußert teils finsteres, teils aggressiv feindseliges, kulturpessimistisches Gedankengut.  Was uns zusammen schmiedet, ist unsere suizidale Neigung: Boris schläft mit dem Kopf im Gasofen, ich horte Pillen und übe Segler-Knoten an eingeseiften Hanfseilen. Wir sind beide noch am Leben, weil wir uns nicht einigen können, wer auf wen die Grabrede halten darf. Wir haben beide so gute Ideen!

Nach ca. drei, vier Stunden sind wir fertig mit Telefonieren, bzw. ich kann nicht mehr. Ich werde alt, Mensch! Boris, der gelegentlich leichte Züge von hereditärer Homophobie an den Tag legt, sagt noch: „Mann! Wie Mädchen! Wir telefonieren wie Mädchen!“ Dann ist es irgendwie zu spät, noch ins Bett zu gehen und zu früh, um Frühstück zu machen. – „Mein Gott!“, die Gattin schüttelt den Kopf, „Worüber zum Teufel UNTERHALTET ihr euch denn so lange?!“ „Darüber, dass alle außer uns doof sind“, entgegne ich betont beiläufig. – „Ach“, versetzt die Gattin nicht ohne Sarkasmus, „und dafür braucht ihr VIER Stunden?“

 * * *

 Nach früher Kälte noch mal Föhn. Die Fenster stehen auf und der warme, nächtliche Wind blättert in den aufgeschlagenen Büchern über das Wesen des Lesens, die sich auf dem Schreibtisch stapeln. Wer so etwas poetisch findet, kann nur ein sentimentaler alter Idiot wie ich sein. Machen wir uns nichts vor: Ein Großteil sogenannter Lyrik beruht auf peinlichen Klischees, das lässt sich kaum leugnen.

 * * *

 Azzize, die ich im Auftrag von Boris durchs Deutsch-Abitur peitschen soll, ist ein olivfarbenes, großes Fragezeichen mit seitlich so riesen Kreolen dran. Wir sollen steinalte, bemooste Gedichte verhutzelter Frömmlerinnen interpretieren. „Barock?“, murmelt Azzize ratlos, „nee, keine Ahnung. Ich hör mehr Old Scool, Jay Z und P. Diddy, kenn’ Se die?“ Ja, stell Dir mal vor, das kennt der alte Mann, Kiddo! – „Barock mehr so als … Epoche“, souffliere ich. Azzizes Gesicht hellt sich auf: „Ach, ja, Epoche, klar, wie Romantik oder? Romantik ist doch das mit Sehnsucht, ne?“ Na ja, in etwa kommt das hin.

 * * *

 „Boris!“ krähe ich ins Telefon, „kann es sein, dass unsere Schulbürokratie ein ziemlich zynisches Schweinesystem ist, das hauptsächlich Migrantenkinder verarscht?“ Ich soll nämlich inskünftig Murat, Emre, Gülter und Azzize (13. Klasse) Thomas Manns Schnarchsack-Wälzer erklären, aber pronto und inert vier Wochen. . „Manno, Boris“, jammere ich, „die können doch noch nicht mal ’ne Backpulveranleitung von Dr. Oetker kapieren!“ – Boris in seiner Wanne zuckt hörbar die Achseln: „Du wolltest doch die aussichtslosen Fälle!“ – Das hat man von seiner scheiß Phillipp-Marlow-Romantik!

 * * *

 Alle, die das Wohnzimmer der alten Bundesrepublik möbliert haben, werden früher oder später  verfilmt: Margarete Steiff, Marcel Reich-Ranicki, die RAF, Udo Jürgens und neuerdings Beate Uhse (Vorsicht, Pilcher-Kitsch mit fast gefühlsechtem Schleim!). Wer noch fehlt, ist Freddy „the mighty“ Quinn. Wenn ich mich erinnern will, wie verdammt scheiße alt ich bin, denke ich daran, wie ich als Kind von meinen Eltern zu Tante Klara abgeschoben wurde, die wiederum von ihrem weltläufigen Sohn Manfred, einem Seemann, einen Plattenschrank geschenkt bekommen hatte, auf dessen Zehn-Platten-Wechsler hauptsächlich Freddy-Quinn-Singles liefen, Sachen wie „Sie hängen Tom Dooley“, Fremdenlegionärs-Balladen und Seemannsschnulzen. – Wenn man danach gräbt, wovon man geprägt wurde, blickt man in einen Abgrund!

 * * *

 Früher erschien mir plausibel, was der Philosophie-Prof. Dr. Sloterdijk mal im Fernsehen sagte, dass man nämlich mit einem Riesenhaufen Dummheit geboren würde und dann sein Leben damit verbrächte, idealerweise zumindest, diesen Haufen im Laufe seines Lebens abzubauen. Ich hab das befolgt, in mühevollen Jahrzehnten, nur um am Ende zu kapieren, dass das Einzige, was man im Alter wirklich schmerzlich vermisst, die eigene Dummheit ist.

 * * *

 Romantik ist übrigens die Epoche, in der man voller Sehnsucht seiner vollkommen bescheuerten Jugend gedenkt. Mann, was hatten wir … Zukunft! Und, ja, nun,  Sehnsucht!

 


 

Das wahre Leben (ist nicht empfehlenswert)

18. September 2011

Wenn mir echt GAR nichts einfällt: Eigen-Nase in die Kamera

Huihh, puh, endlich! Darf nach öder Sommerpause wieder den Engel der Verwaisten, Bekloppten und Bescheuerten im Geddo spielen. Die Flaute bedrohte mich schon mit narzisstischer Störung! Aber jetzt ist alles gut, – d. h. also schlimmer denn je. Erstens ist der komplett wahnsinnige, aber beängstigend lebenstüchtige Rombach wieder da, der energetisch-meschuggene Querulanten-Prozess-Rentner mit „doppelt beiderseitig Lunge im End-Stadion“, der in Ägypten erwartungsgemäß seine Perle nicht wiederfand, sein Geld nicht mal ansatzweise wieder einspielte und ferner schwerstoperiert resp. lungenmäßig halbiert jetzt nur noch raucht, wenn er vorher eine Morphin-Tablette eingenommen hat. Immerhin ist er jetzt der braun gebrannteste Krebspatient, den ich kenne.

Ich durfte schon wieder eine kleine Übersetzung für ihn machen, aus dem Deutschen ins Internationale, und zwar einen Drohzettel an einen nigerianischen Dealer am HBF. Ich habs, glaub ich, ganz gut hingekriegt und auf Englisch heißt es ungefähr so: „Ey, Fucker! Don’t’cha sell any drugs further to A***, ’cause she’s observed by german drug police authorities! Otherwise I’ll smash your head on the wall and put the pieces of your shit head in your fucking asshole, you dirty motherfucker!“ Ich hoffe, ich habe Intention und Impetus stimmungsmäßig ziemlich original rübergebracht.

Rombach hat nämlich einen neuen Schützling, A*** (20), polytoxikomanische Junkie-Nutte, die ihn schon mehrfach ausgeraubt hat. Rombach ist wie ich: Er will einfach nicht lernen! Immer bloß Welt retten und gefallene Engel auf therapeutische Rosen betten. Wir beknackten Weltretter lieben so was. Einen Augenblick war ich versucht, ihm klar zu machen, dass es in unserer Stadt ca. 20.000 Drogen-Dealer gibt und er soviel Drohzettel gar nicht mal drucken kann, geschweige denn in schmutzige Hände drücken, aber ich hab’s dann gelassen. Die Lust, Menschen Illusionen zu nehmen, ist mir komplett vergangen. Wer bin ich denn.

Spät abends aber dann noch voll den Schutzengel gemacht. Schieb gerade mein Rad in den Hausflur und seh im aufflammenden Treppenlicht, wie eine ertappte Motte, Pitti (70), den frisch verwitweten und verzweifelten Ex-Hausbesorger durchs Treppenhaus geistern, die circa bummlig 28. Flasche Alt in der rechten, mir mit der linken Hand wattig zuwinkend, wie er, elegant in der Hüfte einknickend, mir Hopp! Hopp! Hoppfff! Rabumms! die Stufen entgegen stolpert, taumelt und rumpumpelt, auffm Arsch, um’s deutlich zu sagen. „Datt is, weil hier de Motten reinkommen“ begründet er seine momentane Stehschwäche etwas unmotiviert. – „Kenn ich, Pitti“, repliziere ich begütigend, „DIE Motten hatte ich auch schon mal!“ und rette ihm dann geistesgegenwärtig den Oberschenkelhals. War knapp. Jetzt sitzt er sicher unten im Hof, neben seiner Gattin in Form einer DM-Markt-Plastik-Totenkerze, trinkt Bier und saugt aus dem herbstlich warmen Abend den letzten Bodensatz abgrundtiefer Traurigkeit.

So, Geddo, was noch. Özgür steht im Schlafanzug in meiner Studierstube, rollt wild mit den Augen, sträubt den Schnauzbart und ringt die Hände. Mein Vorwurf, seine wahrscheinlich „scheiße verschweißten Rohre“ hätten meine Bude geflutet, kränkt ihn zutiefst in seiner anatolischen Ehre. „Ağabey“ (sprich: „Aaahbii!“) sagt er, die Hand auf dem schmerzenden Herzen, „vallah, isch schwör, das nich mein Wasser!“ Stimmt. Muss ihn rehabilitieren! Schuld war eine kaputte Heizung. Ich bescheinige hiermit anatolischen Schwarzarbeitern, die gewissenhaftesten Rohrverschweißer Europas zu sein, die ich nur wärmstens empfehlen kann.

Herr Ezme, vormaliger Kunstmaler aus Antalya, jetzt Multitasking-Hausmeister in Deutschland und praktizierender Alltagsphilosoph, schweigt weise, beäugt still den Wasserschaden, kratzt sich wie ein perfekter Bergmann am Kopf und sagt schließlich begütigend zu Özgür: „Na, weißt, Ağabey, bei DEIN Hottentottenhaus kann man ja auch nie wissen…

Im Park ist Ahmed unterwegs und will mir für 10 Euro einen iPod verticken. Sein Verkaufsargument: „Hab isch selbz geklaut“ zieht bei mir ja nun gar nicht. Ich hab nämlich schon einen iPod. „Aber, Bruder, Alder“, spricht Ahmed mit Emphase und legt die Hand aufs Herz, „wir sind hier im GEDDO! Für dich 5 Euro, Brrruder!“ Mein Herz bleibt kalt. „Mann, Alder“, flucht Ahmed, „ich brauch aber fünf Euro für Ganja!“, was mir dann einleuchtet.

Hömma!“ brüllt Anatol, der 50-jährige Altpunk durch den Hausflur. Ich erstarre, weil Sätze, die mit „Hömma!“ anfangen, dauern bei Anatol Stunden und enden in endlosen Jeremiaden darüber, dass man von Hartz4 nicht leben kann. Wovon ich leben muss, verschweige ich, ganz verarmter Adel mit Stock im Arsch, aufs Vornehmste. Wäre ja obszön irgendwie.

„Ich, ähm“, sag ich, „ich hab ma den Pitti im Hof geparkt. Schieb’tn scheiße schwarzen Blues wieder wegen Elly.“ Anatol nickt verständig und sinnig. „Kannze ma’n Auge drauf haben?“ Anatol nickt noch mal, gerade hinreichend beflissen. Okay, soll mir genügen. Ich geh mit, na, mit wem wohl? Mit meinem Gewissen ins Bett. Heißes Paar, wir beide. Wird wieder klasse Nacht.

Und? Oben in der Klause? Welche Musik jetzt zur Nacht? Tom Waits? Frankie Miller?  Tim Harding? Nee, wär alles Klischee. Bei mir muss es anti-zyklisch und kontrafaktisch klingen. Zu den heroisch-pathetischen, erz-verlogenen Klängen von Hanns Zimmers „Pirates of the Carribean“ stapfe ich ins Bett. Ich liebe das Stück. Es klingt, als könne man komplett neben der Spur sein und trotzdem ein Held: Damm-tatta-da-dam, dam-tatta-da! – Grandios, oder? Irgendwie?