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Geddo Symphony

6. Oktober 2010

 

Hätt ich auch gern manchmal: Eine sog. Schallkanone (hier zur Piratenabwehr an Bord der Queen Mary). Fotoquelle: Wikipedia, Artikel "Lärm"

 

 

Wenn mich Leute mitleidig angucken, bloß weil ich erwähne, freiwillig im Hochfelder Geddo zu leben, krieg ich ja Trotzphase. „Hier, meine Lieben“, patze ich pampig oder prahlerisch zurück, „ist jedenfalls tausendmal mehr Leben auf der Straße als in euren muffig-putzigen Kleinbürger-Vorstädten mit Vorgarten-Idylle und Keramikschild an der Tür („Hier wohnen Anika und Thorben Mustermann mit Finn-Luka, Cleo-Malwine und Hund Nappo“); in solchen sklerotischen Norm-Schlafboxen für mittlere Angestellte möchte ich ja nicht für geschenkt wohnen!“

Sitz ich hingegen in der stylisch-coolen Wohnung der Gattin bei Abendessen und Tagesrückblick, hört sich das etwas anders an, in etwa so: „Dieser gottverfluchte verfickte Scheißlärm in meinem Geddo macht mich noch krank! Da hast du keinen Augenblick Ruhe, Mensch! Können die nicht mal für ’ne Minute die Klappe halten, das Kreischen und Bölken einstellen und ihr bescheuertes Arabesk-Gedudel runterdrehen?!“ – Beides ist nicht falsch. Leben find ich eigentlich ganz gut, und die vollverklinkerten niederrheinischen Mittagsschlafmützendörfer, die hinter heruntergelassenen Sicherheitsjalousien immer wie verzehrsberuhigt ausgestorben wirken, machen mir eher Angst. Andererseits bin ich ruhebedürftiger, denkberufstätiger Nörgelrentner, der auch schon mal gut ohne Soundtrack auskäme.

Leider fehlt mir die technische Ausstattung, sonst würde ich euch einen achtzehnstündigen Mitschnitt aufnehmen. Los geht’s um 7.00 Uhr. Ouvertüre: die städtischen Müllharmoniker. „Kraaatz-rawong! Braatzkrackgrommel? Mjampftrumbrummel Rattazong! Und Wrummm.“ Das Geddo steht an der Spitze der Welt-Müllproduktion, weswegen jeden zweiten Tag die Stadtreinigung mit einem airbusgroßen Schreddermonstertruck heranbrettert, um zerschlissene Sitzgruppen, kaputte Schrankwände und anderes undefinierbares Geraffel an Ort und Stelle herzhaft saftkrachschmatzend zu zermalmen. Leider geht das nicht erschütterungsfrei, so dass regelmäßig zwei, drei Auto-Alarmanlagen anspringen („Lalüüüja, lalüüüi, lalüüiiiii“), was die Besitzer aus den Betten scheucht, die vor dem Haus erst einmal ein ausgedehntes Palaver veranstalten, also nicht die Betten, aber die arbeitslosen Daimler-Besitzer von nebenan („Oooh, ağabey, olmaz! Sizin arabınz  kırıldı mı? Lanet olsun!“ – Yook, ama bilmiyorum ya, bu işi anlayamamıyorum, allahbilir!“*). [*= Etwa: „Oh weh, großer Bruder, das kann doch nicht! Ist Ihr wertes Automobil etwa entzweigegangen? So’n Mist!“ – „Nee, aber weiß ich ja auch nicht; werde aus der Kiste nicht schlau, weiß Gott!“] Dann: „Bollatabolla bollertromm bong dongboller“ – die geleerten Mülltonnen werden geborgen.

Sobald sich der Dorfplatz etwas beruhigt, schwärmen die Kids aus. Kinder treten ja hier grundsätzlich in Schwärmen auf. Kaum sind die kleinen Prinzen vor der Tür, schreien sie schon nach Mama: „An-nne! An-nne!“ gellt es die Fassaden hinauf, „den Yavuz, den scheiß orospuçocuğu, will misch der Ball nich…!“ Der Ball wird aber, nachdem „An-nne“ aus dem vierten Stock ausgiebig keifend die gelbe Karte gezeigt hat, doch frei gegeben, um dann für die nächsten Stunden ausdauernd gegens Garagentor gedonnert zu werden. Es holzbollerbolzt Galatasaray gegen Beşiktaş Istanbul; manchmal funkt auch Inter Mailand alias „Mehmed, den makat* [*=Arschloch]“ dazwischen. Der fette blonde Dirk kräht: „…unn deine Mudda is’ne Schwuchtel!“ – Der Pegel steigt. „An-nnne! An-nne!!“ Mama hat aber jetzt den Papp auf, hält einen erzieherischen Vortrag in mehrstimmig anatolischen Oberton-Koloraturen und trompetet abschließend ein energisches, arabisch aspiriertes „Bana rahat birak!“ in den Morgenhimmel. Ja, „laß mich in Ruhe“, das denke ich da auch schon.

Später Vormittag. Die ersten Trucker und Busfahrer aus dem Montenegro trudeln im Café Lipa ein. Als erstes treten sie steifbeinig vor die Tür, um der Heimat von ihrer glücklichen Ankunft („dobro! dobro, hvala!“)  zu berichten.  (Seltsames Phänomen: Die Serben qualmen zwar im Lokal, zum Telefonieren gehen sie aber grundsätzlich nach draußen…) Zuhause ist indes sehr weit weg, da müssen sie schon volle Lungenkraft einsetzen. Je kleiner das Handy, desto lauter; um die Nachbarschaft nicht auszuschließen, wird gastfreundlich auf Lautsprech geschaltet – man hört die Stimme Serbiens sogar bis hier hin („krrchz, rhzrntsch, prrschtnscht vryznntpt?“).  Außerdem donnern, rumpeln und klabautern jetzt in endlosen Krawallkarawanen die Lieferwagen, Vans und SUVs mit bulgarischem Kennzeichen durch die Straße. Vom Balkan haben die Fahrer die schöne Sitte mitgebracht, mitten auf der Kreuzung stehen zu bleiben, um sich, von Seitenfenster zu Seitenfenster, mit einem Bekannten auszutauschen. Das allfällige Hupkonzert wird dabei wohlwollend in Kauf genommen und fröhlich beantwortet.

Mittag. Einkaufszeit für Semra, Dilem und Aynur. Die Kinder kreischen markerschütternd. Die Mädchen kriegen eine geschallert, die Proto-Paschas werden zusammengebrüllt. Dorftratsch wird furioso con fuoco e fortissimo bequaakgackelt. Trolleys holpern übers Rumpel-Pflaster. Es wird Zeit, die heimischen HiFi-Türme auf Muezzin-Lautstärke zu bringen: gnadenlos jodelt, knödelt und jault das ewig gleiche Arabesk-Geschluchze durchs Viertel und gibt bis abends nicht mehr Ruhe.

Ab Nachmittag versammelt sich männliche Jugend, zumeist um ein Auto, dessen Motorklappe aufklafft. Man spielt „türkisches Ferngespräch“. (Vallah! Das geht preisgünstig ganz ohne Telefon – einfach bloß quer über die Straße schreien!) Johlend werden Jungmänner begrüßt, die im BMW-Cabrio auf extra breiten Schlappen vorbeipatroullieren, um uns großzügig und flächendeckend mit („Umpf! Umpf! Uffta-umpf!“) Gangsta-Rap und HipHop zu bedröhnen. Bei mir im ersten Stock beginnen alle Tassen im Schrank  zu klirren. Zum Glück nähert sich ein Streifenwagen mit Sirenengeheul. Aus dem Café Lipa schallen traurige Lieder. Die Heimat, die schöne Heimat.

„Düüdelflöt, flööt, flöööt!“ – die ambulanten Schrotthändler bitten um Aufmerksamkeit. „Schrapp schrapp futscherfutscherfutscher“ – ein Polizeihubschrauber kreist überm Viertel – die „Bandidos“ vom Chapter um die Ecke haben heut Jahreshauptralley mit geselliger Sammelausfahrt („Dröhndröhndonner, wummerkrawrrrumm, krawroll!“). Es wird Abend. Zeit für ein bissel marginales Bollywood-Quäken, Reggae-Tamtam und Radio Gaziantep. Fußball ist zuende („Geh isch gezz Video!“), Zeit für den Obst- und Gemüsehandel („schleif, kräwatter, rummbums“), die Kisten im Sprinter zu verstauen. „Krömmmm, wrömmmm rödelröchelrödel“ – Nachbar Izmet versucht noch immer, den maroden Motor seines Zweit-Astra zu starten.“Trömmel trömmel trömmel“ – endlich läuft er und wird vorsichtshalber die nächste Stunde angelassen, damit er nicht wieder ausgeht.

Letzten Sonntag war mal für eine halbe Stunde himmlische Ruhe – da wummerte urplötzlich etwas in die Stille, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ: DEUTSCHE SCHLAGERMUSIK! „Ruhe da unten!“ hörte ich mich brüllen, während ich nach dem Besenstiel suchte, um gegen die Wand zu bollern. Ist doch wahr, Mensch!

Chrash test dummy beim Pizza-Test

17. März 2010

Also, auf was für Quatsch man immer kommt, oder? In jungen Jahren kaprizierte ich mich zu meiner Unterhaltung gern darauf, vor Publikum völlig unhaltbare Thesen und Theorien aufzustellen, und zwar je unsinniger, desto leidenschaftlicher und apodiktischer vorgetragen. So posaunte ich beispielsweise einmal die empirisch sparsam untermauerte Behauptung in die Welt, je schäbiger, billiger, mieser, desolater, primitiver, elender und bastel-improvisierter eine Pizzeria aussähe, desto besser sei zumeist ihre Pizza in kulinarischer  Hinsicht. Dies gälte als Regel zumindest im Ruhrgebiet, basta! (Ist natürlich Quatsch mit Tomatensauce.)

Späterhin unterließ ich solche unreife Thesen-Huberei und schliff meine rhetorische Brillanz lieber an anderen Herausforderungen. – Neulich aber, beim ziellosen Herumkramen in meinem alten Kopf, entdeckte ich plötzlich, daß diese Hypothese anscheinend immer noch irgendwie bei mir herumspukte und allen bisherigen geistigen Frühjahrsputzaktionen zum Trotz auf meinem verstaubten Überzeugungsdachboden überwintert hatte. Das wird jetzt aber mal endgültig überprüft, sagte ich mir streng.

Gestern war es soweit. Ein Objekt hatte ich schon ausgemacht: Der, die oder das „Pizza Man“; ich passiere es fast täglich, denn es liegt am Eingang zu meinem Viertel, strategisch platziert am Schnittpunkt der Sex-Laufhäuser und Großbordell-Komplexe im Hochfelder Norden. Am Tor zu „Sin City“, wie meine Nachbarn von den Bandidos gern sagen. Ich schätze, so manches gepudertes Nutten-Näschen kräuselt sich hier im Vorbeilaufen lüstern angeruchs des lockstoffgetränkten Hefeteigdufts und denkt sich ( – was Näschen halt so denken!): „Ooch,  so eine kleine Handvoll Kohlehydrat schaufle ich mir mal lieber eben rein, bevor ich auf Schicht noch schlapp mache…“

Allerdings weiß ich von früher (– ich bin ja, wie einige wissen, hier von hiesigen Binnenschiffer-Nutten gefunden und aufgezogen worden… –), daß Sex-Arbeiterinnen in der Regel einen Hygiene-Pingeligkeits-Standard besitzen, an dem selbst meine Mutter nichts hätte aussetzen können, und so frage mich daher andererseits, ob je eines der Fräuleins freiwillig auch nur einen einzigen High Heel in diese Siffbude setzen würde. Sie machens bestimmt telefonisch. „Pizza Man“ ist nämlich der Bringer. Also Bringdienst.

So, jetzt ist es also schon fast heraus und ich sags mal mitleidlos knallhart: Liebe Freunde, Gott ist mein Zeuge! Eine fiesere, trübere, vermülltere, beängstigerende, deprimierendere, ja traumatisierendere Pizza-Bude als dieses von Tamilen betriebene indo-italische Kompostat sah ich noch nie von innen! Mein Immunsystem sprang förmlich im Dreieck, kaum hatte ich die Kaschemme gestern um 22.00 Uhr betreten. Am schmierigen Resopal-Tresen des 2qm-„Gastraumes“ hing eine (nur in der Höhe, nicht in der Breite) zwergwüchsige, ‚dunkelheutige’ (haha, Wortspiel-Teufel) Südasiatin und gab etwas von sich, was mich auf akuten, mit schweingrippisch-schleimreichem Auswurf verbundenen Keuchhusten tippen ließ. Hm.  Ich hätte das aufnehmen und an Sound-Designer verkaufen sollen.

Die optische Besonderheit der gekachelten, offenbar seit Jahren ungelüfteten, fettverußten Besucher-Nasszelle bestand indes darin, daß man hier, wie nirgends sonst in der Welt, Bakterien praktisch schon mit bloßem Auge erkennen konnte. Hier sind sie groß genug! Panisch tastete meine Hand nach dem Sagrotan-Desinfektionspray, doch das lag zuhause im Bad. Beim Versuch, mir gedanklich eine Pizza zusammenzustellen, funkte mir deshalb ein geheimes Alarmzentrum meines Gehirns schon ständig Fluchtimpulse dazwischen, Blaulicht! Blaulicht! Blaulicht!, bis ich es anherrschte: „Ist ja gut jetzt! Laß mich mal in Ruhe! Ich will hier den Helden spielen und im Selbstversuch eine Pizza probieren!“

Aus dem hinteren Kabuff, zwischen überquellenden Mülleimern und verklebten Tupperware-Kisten, die allerhand Organisches beherbergten, schlurfte ein beleibter Tamile herbei, der mich mit müden Augen musterte und ergeben meine Bestellung erwartete. Gemütvoll wischte er sich die Hände am fettfleckigen, schmutzstarrenden T-Shirt ab und machte sich dann an die Arbeit; zwischendurch, nachdem er kassiert und das Geld in eine Kasse gestopft hatte, fragte er irgendwas wie „oluppie?“ – und als ich meinen Olivenwunsch bestätigte, kratzte er sich kurz den Bauch, dann  den Schopf, schlurfte nach ganz hinten, lange mit der Hand in eine Tupperdose, kramte darin herum, um dann, die schwarzen Knödelchen in der Faust, zum Ofen zurück zu waten und sie dort auf die Pizza zu schmeißen. Ähnlich wurde mit Knoblauch verfahren. Ich schickte ein Stoßgebet zum Pizzagott, daß der Ofen heiß genug sein möge, die mutmaßlichen Riesenbakterien, Viren-Tiere sowie fibrösen Fibrillen (K. Valentin) halbwegs totzumachen, dann nahm ich die Pappsarg mit meiner Pizza in Empfang und schob ab nach Hause, den besagten Test durchzuführen.

Nach meiner überspannten Theorie hätte die Pizza wirklich grandios sein müssen! Leider, trotz großzügigem Einsatz von Geschmacksverstärkern, Antioxydationsmitteln und Ersatzaromen, war sie dies nicht. Auch meine nachträglichen privaten Doping-Ergänzungen, Kapern, Sardellen, Oregano usw., halfen dem Fladen nicht über die Unterer-Durchschnitt-Hürde. Kostenabrechnung: 1 mittelgroße Pizza mit 1 Zusatzbeilage (davon 1/3 tatsächlich gegessen): 5,00 Euro + 12 Stunden Diarrhoe. Nutzen: Einsicht. Nie mehr blödsinnige Theorien aufstellen. Schmuddel-Pizzerien meiden.

A Polaroid Snap Shot from Charlotte Road, Sin City: 11/2 09, 7.05 pm

3. November 2009
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Warten auf das SEK. (Foto: DPA)

A Polaroid Snap Shot from Charlotte Road. 11 /02 2009 / 7.05 pm

Meister Sun Tsu schreibt in der Kunst des Krieges: „Jene, die sich als erste am Schlachtfeld einfinden und den Gegner erwarten, sind entspannt; jene, die als letzte am Schlachtfeld eintreffen und sich übereilt in den Kampf stürzen, verausgaben sich.

 Ich weiß nicht, ob hier alles nach Sun Tsus Plan läuft. Als ich am Montag abend die Charlottenstraße passiere, bietet sich mir ein beunruhigendes Bild. Vor ihrem Headquarter ist ein 30, 40 Mann starker Trupp Bandidos aufgezogen, einige 1%er, außerdem Prospects, Supporter. Harte Blicke. Stumme Umarmungen, wenn ein neuer Brother eintrifft. Die Männer sind angespannt, ernst, nüchtern, konzentriert lehnen sie an der Hauswand. Wachsam. Kein Alkohol. Ihnen gegenüber, kaum eine Armeslänge entfernt auf dem Bürgersteig SEKler in schwarzer Kampfmontur, Maschinenpistolen im Anschlag, den Lauf etwa in Kniehöhe der Bandidos zielend. Jetzt, zwei Tage nach dem Gewaltausbruch, scheinen sie sich stark genug zu fühlen. Sie stehen breitbeinig und grinsen. Tatüü, ta daa: Die Staatsgewalt ist auch schon da. Zwei Tage zu spät, aber mit wiedergewonnenem Selbstbewusstsein und frischen Hosen. Schwer zu sagen, was das SEK jetzt hier gegen wen verteidigt.

Die Tür zum Fat Mexican ist weit offen. Rock der härteren Gangart ist von drinnen zu hören. Man demonstriert: Soo schlimm waren die Verwüstungen durch den Hell’s Angels-Überfall nun auch wieder nicht. Man wechselt harte Blicke. I’ll gonna kill ya, versprechen sie. Sure I’ll do, no kiddin’! Manche dieser Blicke wirken dunkler und bedrohlicher als das dunkle Auge im Lauf der MP. Noch hat die Nacht nicht begonnen.

Frisch aus da hood…

2. November 2009
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Hochfelder Lichtspiele (Foto: DDP)

Echt wahr: Grad hatte ich mir genügend Mut angespart, mal die Einladung anzunehmen und meine Nachbarn zu besuchen. Was soll schon passieren, dachte ich. Zwar bin ich nur Drahtesel-Biker, aber ich bin andererseits auch weder Bordell-Kunde, noch brauch ich derzeit eine Waffe, und meine Drogen gibt’s legal im Fachhandel. Ich muß also heikle Dinge gar nicht ansprechen und kann in Ruhe die neue, heiße Kaffeemaschine testen, die es im Fat Mexican gibt.

Aber nix ist, bzw. der Himmel über der Hood ist schon wieder blaulicht-beleuchtet und es riecht nach Street Fightin’ Men. Das Fat Mexican hatte bereits „Besuch“ – weniger friedlichen und freundlichen, nämlich die Hell’s Angels. Zwischen dem Großbordell „Laufhaus 26“ und dem Bandido Place  gabs die nächste Runde Rockerkrieg. Baseballschläger, Dachlatten, Totschläger, Tränengas-Kartuschen, Molotow-Cocktails. Das Vereinsheim der Bandidos wurde verwüstet. Wenigstens waren diesmal keine Todesopfer zu beklagen. Trotzdem, die Lage ist angespannt.

Was mich angeht, ich bin nicht Quentin Tarantino, ich bin von Gewalt nicht unbedingt fasziniert, aber entgangen ist mir nicht, daß die Rocker zig mal besser ausgerüstet, effizienter organisiert und rascher vor Ort waren, als die Polizei, deren SEK-Kräfte gerade noch rechtzeitig eintrafen, um sich sagen zu lassen, sie mögen sich heraushalten. Ein Polizeisprecher dazu: „Das haben wir denn auch getan“.

Der Presse entnehme ich, an einem durchschnittlichen Samstagabend hätte man in ganz Duisburg rund 20 Streifenwagen im Einsatz. Die MCs mobilisieren, wenn’s  sein muß, innerhalb von 30 Minuten zwei-, dreihundert motorisierte Kräfte. Mir gibt das zu denken.

Ein stark dramatisierter, alarmistischer Bericht auf SPIEGEL online:

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,658720,00.html

Shoot Out in SIN CITY: Duisburgs Ruf wieder aufpoliert!

11. Oktober 2009
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Bandidos unterwegs

Wer Duisburg nicht kennt, kennt es wahrscheinlich aus den „Schimanski“-Tatort-Machwerken der Achtziger und Neunziger: Verrostete Mega-Montanstadt, leicht verlottert und verwahrlost, mit ruhrpottherzigen Eingeborenen, versoffenen Proll-Komissaren (Paraderolle von Götz George) und ab und zu mal ’nem Deko-Türken. Beilage: Gemütliche Holländer mit süßem Akzent. Schöne Tage in Clichée. Na ja. Das Schlimme, las ich kürzlich in einem Reiseführer über Polen, von einem Polen geschrieben, sei, daß die meisten Vorurteile AUCH stimmen! Aber eben andererseits auch wieder gerade nicht.

Zu meinen ganz unmittelbaren Nachbarn gehören, ich habe ihnen einen Text bei Qype und auf meinem Blog gewidmet, die Motorrad-Rocker vom hiesigen „Chapter“ der „Bandidos“. Je nach Blickwinkel eine super-freundliche (und, bitte nicht übel nehmen, ja? –  etwas … spießige) Orstvereinigung motorradsportbegeisterter, hoch-bodygebuildeter Früh-Senioren – oder aber, wenn man der Presse glauben darf, eine der organisierten Kriminalität zugewandte schlimm-fingrige Konkurrenz-Mafia zu den berüchtigten, noch unsympathischeren „Hell’s Angels“. Hmm. Da ich selbst nur ein Fahrrad-Biker bin, an den Versammlungen „meiner“ Bandidos immer nur vorbeifahre (auf dem Weg zu einer in ihren Augen wahrscheinlich extrem uncoolen Arbeit) und an Gewaltkriminalität ein eher theoretisch kriminologisches Interesse habe, traute ich bislang mich nicht, die auf meinen skeptisch-ironischen Text hin eintrudelnde rau-herzliche Einladung eines gewissen „Mike“ einzugehen, der mir zusicherte, ich dürfte THE FAT MEXICAN, das hiesige, in der Hood unübersehbare Vereinslokal der „Bandidos“, ruhig mal aufsuchen, aufn Kaffe, und müßte dabei keine Angst um meine teuren Kronen hegen.

 Jetzt trau ich mich aber schon wieder nicht, weil es direkt vorm Fat Mexican am Freitag eine tödliche Schießerei gab. (Wenn ich wo wohne, gibt’s anscheinend irgendwann immer irgendwo in der Nähe eine tödliche Schießerei. Beim großen Mafia-Massaker vor drei Jahren wohnte ich auch um die Ecke!) Jedenfalls hat ein arbeitsloser, turkstämmiger Freefighter namens Timur A. den neuen Freund seiner Ex erschossen, auf offner Straße. Das Opfer war Bandido „Ashley“, Anfang dreissig. Schon wenig später sickerte durch, der Mörder stehe mit den „Hell’s Angels“, den Erzrivalen der „Bandidos“ in Verbindung. Au weia. Bzw. ach du Scheiße! Jetzt gibs wohl wieder Krieg. Die Bullen haben schon eine ambulante Wache vor Vereinslokal aufgebaut. High Noon in SIN CITY! Und ich muß mir mit meinem Fahrrad wohl einen anderen Weg zur Arbeit suchen.

Spiel mir noch mal das Lied vom bösen Macho!

14. September 2009

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Mal ehrlich: In Wahrheit sind wir alle ganz anders, oder? Aber Selbstmystifikation wird heute halt verlangt. Man muß sich stilisieren! Das Leben ist eine Bü-hü-hü-ne! Und nichts als Theater! Show! Bei Männern verhält es sich in diesem Zusammenhang so:  Martialisches Auftreten kompensiert oft eine verschärft empfindsame Seele. Ich zum Beispiel laufe herum wie eine Mischung aus Gothic (immer alles in schwarz!), Death Metaller und Hardcore-Rocker (wenn auch inzwischen, aus Altersgründen, mit Lesebrille), – aber ich bin ja nicht im mindesten gefährlich! Ich tu doch nur so und will bloß spielen! Harmlos wie eine blass-anämische Germanistikstudentin, lese ich  privat daheim mit sanfter Stimme halblaut Rilke-Gedichte, schlürfe mit Honig gesüßten Jasmin-Tee, massiere der Gattin die Füße mit Rosenöl, und als erregendstes Abenteuer meines Lebens gebe ich an: Wie ich zum ersten Mal die Anfangsakkorde von Rachmaninovs 2. Piano-Konzert im Radio hörte!

Aber so etwas offen einzugestehen brächte einen in den Ruch der Effeminiertheit, oder? Solche Zartbesaitetheit ist doch unmännlich wie Baileys-Trinken, Badminton oder Bettwäsche von Bruno Banani! Da seine schmächtige Sensibilität Kraska I. aber bizarrer- und unpassenderweise in einer beeindruckend großmächtigen, hoch wie breit gewachsenen Körperfigur steckt, würde man ihm auch bestickte Jeans-Kutte und Lederjeans mit Fransen abnehmen, zumal Bauch und graue Pferdeschwanz-Frisur bereits in Arbeit sind. – Ja, und dann? Dann traute ich mich möglicherweise in eine Kneipe hinein, die ich bislang nur neugierig mit dem Fahrrad umkreise: The Fat Mexican. Den Namen find ich schon mal klasse!

Dies ist übrigens das offizielle Vereinsheim des Duisburger Ortsverbandes („Chapter“ heißt das, für Insider!) der Bandidos, eines ursprünglich us-amerikanischen Motorradclubs ehemaliger Vietnamkriegs-Veteranen mit etwas, sagen wir mal, gemischtem oder durchwachsenen Image, weil sich Bandidos-Mitglieder gelegentlich mit ihren verhassten Konkurrenten von den Hell’s Angels Schläger- oder gar Schießereien liefern. (Hier, wo Industrie-, Gewerbe- und Rotlichtbezirk aneinanderstoßen, wird das Testosteron gleich in ganzen Tanklastwagenladungen transportiert!) Es soll bei den Streitigkeiten angeblich nicht um Ventilmodelle, Vergaser oder Sattelformen, sondern um veritabel kriminalen Drogen-, Waffen- und Frauenhandel gehen. Ich weiß das nicht. Manchmal glaub ich’s fast, dann wieder nicht. Wenn die Bandidos vor ihrem Vereinsheim Straßenversammlung haben – ich muß da ja mit meinem Rad auf dem Weg zur Arbeit immer vorbei –, komm ich allerdings oft ins Grübeln. Warum sind Motorradrocker fast jedesmal über fünfzig, tragen graue lange Haare oder, neuerdings, tätowierte Glatzen, und sehen immer so aus, als hätten sie auf Warmduscher und Schrumpf-Biker wie mich nur gewartet, um mich mal nach Strich und Faden zu vermöbeln bzw. als wachsweiches Fünf-Minuten-Ei zum späten Frühstück zu verspeisen? (Am furchterregendsten finde ich übrigens die wenigen weiblichen Bandidas. DIE machen mir ECHT Angst, und ich fürchte mich sonst nicht mal vor kampfsportgestählten Lederlesben!)

Dabei bin ich fast sicher, daß auch bei den Bandidos das meiste auf Selbstmystifikation beruht. Die heutigen Vereinsmopedtouristen sind halt keine beinharten Kriegsveteranen mehr, da muß der Nimbus irgendwoanders herkommen. Man macht auf Brutalo-Macho. Was ich in dem Kontext schon irgendwie süß finde, sie nennen den Block in meiner Nachbarschaft, in dem sie ihre Residenz haben, also bei mir direkt um die Ecke, „Sin City“. Also The Fat Mexican in der Sin City! (Formerly known as the industrial district of Duisburg) – Cool, oder? Darauf wäre selbst ich als alterfahrener Mystifizierer nicht gekommen! Ich hätte wohl vermutlich gesagt: Ich wohn da ziemlich nebenan von diesem tristen, industriell organisierten Kasernen-Großbordell für einsame Ausländer. Nein! Nichts dergleichen! Stattdessen bin ich Resident in der ober-coolen Kult-Community SIN CITY!  Klingt doch schon ganz anders!

 Glaubt man, was ich eigentlich ungern tue, der gemeinen Spießerprintfresse, sind die Bandidos schlicht eine Form organisierten Verbrechens. Ein Mafia-Verein mit ungutem Geschäftsmodell. Hm. Na ja. Wenn das stimmt, ist das organisierte Verbrechen durch ein Schrebergärtner-ähnliches, brav-spießiges Vereinsleben gekennzeichnet, bei dem ständig rührende Ralleys, gemeinsame Moped-Ausritte und Reparier-Workshops organisiert werden, über die dann auch noch auf hinreißend harmlose Weise auf der Homepage berichtet wird – im Stil der „Bäckerblume“ oder einer ambitionierten Schülerzeitung. Nur, daß diese Homepage mit einer detailversessenen Liebe gestaltet ist, wie sie sonst nur Leute aufbringen, die den Kölner Dom mit Streichhölzern nachbauen. Ich kann mich natürlich verhängnisvoll täuschen, aber ich glaube fast, die Bandidos-Vereins-Moped-Fahrer sind, wie alle anderen in meiner neighbourhood, im Grunde viel lieber, harmloser und netter, als mein frisch zugezogenes Vorurteil zunächst befürchtet hat. (Peter Fox singt über Berlin-Neukölln: „Berlin ist gaanich so hart, wie du denx!“ – Das trifft auf mein Viertel wohl auch zu!) Nur – wie soll ich’s herausfinden?

Cowboystiefele ich dazu in den FAT MEXICAN zum Tresen und murmele als geheimnisvoller Fremder (etwa wie Charles Bronson in „Spiel mir das Lied vom Tod“):

 „Ich hätte gern ein eiskaltes DosEques mit Limonenschnitz, einen dreifachen Tequila oder gern auch einen goldbraunen Mescal (der mit der toten Raupe in der Flasche!), dann noch eine nichtregistrierte Smith&Wesson 9mm-Parabellum mit 100 Schuß Munition sowie eine chili-scharfe, willige Latina-Virgin, nicht älter als fünfzehn; außerdem erstünde ich gern für eine Handvoll Dollars ein paar lines pur weißes, reines Columbia-Kokain für direkt hier zum Schniefen, bitte mit Spiegelscherbe und Rasierklinge!

 Tja – was wird mir der von  meinem extrem maskulinen Auftreten eingeschüchterte Barmann des Bandidos-eigenen THE FAT MEXICAN antworten? Etwa: „Selpsvastänntlich, geht sofort klar, Sir, gerne der Herr, kommt alles sofort, Schnaps, Knarre, Nutte, minderjährige Latina-Schlampe, alles, sehr wohl der Herr Gast! Macht dann hunnertfummzig Dollars im Voraus!“?

 Oder antwortet er eher: „Sach ma, Alter, … geeeeht’s noch? ’N Köpi kannze noch kriegen, oder’n Diebels Alt eventuell, aber dann geehsse auma schön nach Hause nache Mutti, nöch, vasteesse, sonst gibbat hier näämich Äärger!“ –

Wäre ich seeeehr mutig, würde ich vielleicht noch leise protestieren: „Aber, ich mit meim Faarrad bin doch praktisch auch’m Beiker!“ – aber dann ginge ich doch lieber. Ich will ja keinen Streit.

 Nur wüsste ich halt zu gern, wie viel Lyrik-Liebhaber, Teetrinker und Frauenversteher es unter, rein statistisch, diesen mörderharten Rockern wohl gibt. Ich glaub nämlich immer weniger an Klischees! Und irgendwann geh ich in den FAT MEXICAN, bestell mir’n gepflegtes Glas Milch und sag Euch, wie es WIRKLICH da drin so ist…!