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Ethik-Dilemma im Geddo (The long good-bye IV)

9. Juli 2012

Der Parfumeur-Performer: Im Geddo keine Hilfe

Man darf mich für kapriziös halten, für einen Snob oder gleich für ein voll schwules Weichei, aber neulich saß ich halt im Geddo in der Grün-Oase auf meiner Lieblingsbank, von der ich den schwunghaften Ganja-Handel und den Basketball-Court gleichermaßen im Blick habe, und las Rilke. Sonette an Orpheus, glaub ich. Mir war danach und es ist ja ein freies Land. Manche desillusionierten Kritiker halten Rainer Maria Rilke für einen sprachlichen Parfumeur-Performer, der immer mehr oder minder hart an der Kitschgrenze entlang schrammt. Kann gut sein, aber als obsessiver Olfaktoriker schätze ich erlesene Düfte, auch wenn sie mehr versprechen, als sie je halten können. Ist es denn mit schönen Frauen anders? (Rhetorische Frage, bitte nicht antworten!) Und dennoch verehrt man sie und schaut ihnen traumverloren hinterher. Also bitte, Rilke. Gerade buchstabierte ich halblaut skandierend mein Lieblingssonett mit seinem unnachahmlich buddhistischen Flair:

„Sei allem Abschied voraus, als wäre er hinter / dir, wie der Winter, der eben geht.  / Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter, / dass, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.“

Hach, herrlich, oder? Und so tief gedacht, nicht wahr? – „Du scheiß Votze, ich hau dich zu Brei, dich brauch ich nicht, du Drecksnutte, kriegst gleich in die Fresse, du blöde fette Sau!“ – Was ich da hören musste, erzeugte bei mir zusammen mit der Rilke-Lektüre etwas, das der Fachmann mit gewissem Recht eine kognitive Dissonanz nennt. Ich meine, in den Kreisen erlesen edelblütenhafter Gräfinnen, in denen – also den Kreisen! – der zart besaitete Dichter verkehrte, war „Ich ersterbe, wenn ich mit Ihrer gütigen Erlaubnis ihre Hand küssen darf“ ungefähr das Verwegenste, was man einer Dame gegenüber äußern durfte. Wenn überhaupt.

Hier aber hatte ich, keine fünf Meter von meiner Kontemplationsbank entfernt, einen nach Schweiß stinkenden Gorilla mit abschreckender Akne-Fresse, hennagefärbtem Islamisten-Bart und muckibudengestählten Bergen kalten Fetts vor mir, der das bleiche, verhärmte Mädel, das er am Halsband führte, an den dünnen, schweißnassen Haaren zog und Schattenboxhiebe gegen ihre Brüste vollführte, sie unentwegt unflätig bedrohte, drangsalierte und genussvoll demütigte. Man konnte sehen, wie ihm dabei in seiner ballonseidenen Trainingshose fast einer abging. Über seinem Bauch spannte sich ein T-Shirt mit der Aufschrift „Thug life“. Ohne Frage schlug der Schläger-Typ in die Kategorie von Männern, denen ich gern ein finales Anti-Gewalt-Training verabreicht hätte – die nötigen Werkzeuge hatte ich ja immerhin in der Fahrradtasche dabei: einen 80.000-Volt Elektro-Taser, einen CS-Gas-9mm-Beretta-Nachbau, der fast wie echt aussieht, sowie ein rasierklingenscharfes, tückisch gekrümmtes vietnamesisches Krabbenausbeinmesser, mit dem man renitente Bluthochdruckpatienten, wenn man sich beeilt, blitzschnell Erleichterung verschaffen kann. Das übliche Geddo-Besteck halt.

Ehe ich mich versah, befand ich mich aber nun in einem mittelschweren Dilemma, wie man es aus dem Ethik-Unterricht in der Elften kennt: Einerseits kann man ja wohl nicht weiter einfach Rilke lesen, wenn nebenan in der lieblosen Realität eine Frau bedroht wird, andererseits war der gottgefällige Mohammedaner und fromme Frauendompteur mit ca. 30 Jahren eindeutig fitter als ich, bei dem, mit knapp sechzig, die Kampfsportzeiten schon so lange zurückliegen, dass ich mich kaum noch erinnern kann, welche Farbe damals mein Gürtel hatte. Außerdem war noch keine Straftat begangen worden, die wirklich drastische Notwehr gerechtfertigt hätte. Was also tun? Die Bullen rufen? Ha ha. „Die Bullen“ sind in der Geddo-Wache zwei (2) liebenswürdige ältere Herren knapp vor der Pensionsgrenze, deren einzige Waffe in dem Glauben besteht, ihre Uniform könne evtl. irgendwie eine abschreckende Wirkung zeitigen. Bei elfjährigen Roma-Jungen klappt das auch ganz gut. Sie (die Bullen) sind in den Dienstzeiten von 8.30 bis 16.00 Uhr telefonisch erreichbar. Soweit zur Staatsgewalt und ihrem Gewaltmonopol.

Verkompliziert wurde die Situation dadurch, dass das kujonierte Mädchen gegen seine entwürdigende Behandlung nicht etwa protestierte, sondern die ganze Zeit bloß jammerte: „Gib mir wenixens meine Kippen!“ Noch mal: Was jetzt tun?

Rilke riet: „Sei – und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung, / den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung, / daß du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.“ – Also, eine wirkliche Hilfe war das nun auch nicht!

 

Nationalmigräne (Umdenken)

4. Juli 2011

Dynamisches Wachstum mit internationalem Flair

Neulich im Geddo: Einer unserer vorletzten Wurzeldeutschen hat Nationalmigräne und bepöbelt auf der Straße einen der allfällig Maulaffen feilhaltenden Almancılar. In sein Handy, mit dem er angeblich die Polizei ruft, bölkt er empört: „Kommen Sie sofort! Mich belästigt hier ein Ausländer! Ein AUSLÄNDER!!“ – So siehts aus bei uns: Selbst belästigt werden möchte man lieber von seinesgleichen. Ist ja auch ein offenes Geheimnis: Die Belästigungsqualität ist stark gesunken durch den Zuzug von Migranten, die nicht alle die Belästigungsqualifikation von selbstbewussten Anatoliern oder geburtenstarken Roma-Bulgaren besitzen. Schwarzafrikaner, Tamilen, Kroaten, selbst Ägypter sind praktisch gänzlich molestifikationsunfähig!

Ach, na ja, das Geddo! seufze ich wohlig vor Mieselsucht: Hier kriegt man Nörgelgründe, die für ein lang-langes Rentnerleben reichen! Zwielichtiges Gesindel allerorten, chauvinistische Blicke, unverhohlen verhüllte Frauen, gewetzte Messer, gefletschte Zähne. Anarchischer Müll türmt sich an jeder Ecke, halbwilde Kinderhorden terrorisieren die Ruheständler, das Viertel verschlampt, verroht, verwahrlost. Die Toleranzschwellen sind längst überschwemmt, hier hilft nur noch Indolenz und Ignoranz. Wenn nicht sogar Intransigenz. So dachte ich bis her.

Es ist aber alles ganz anders. In einer Immobilienannonce las ich jetzt von meinem einzigartigen Privileg: Ich lebe gar nicht, wie immer gedacht, im multi-ethnisch asozialen Problem-Brennpunkt, sondern in „einem dynamischen multikulturellen Viertel mit internationalem Flair“! Oha, oder wie man in meiner norddeutschen Heimat sagt: Ohauaha! Jetzt geht es mir wie Omid Djalili in seiner Filmkomödie „Alles koscher!“, wo er nach 40 Jahren als pakistanischer Moslembruder in London erfahren muss, dass er bloß adoptiert – und in Wahrheit ein blutsgebürtiger Jude ist: Oi! Ich muss umdenken, unbedingt flexibler werden, möglicherweise sogar, wie es im Medien-Werbe-Gequatsch jetzt immer heißt, „mich neu erfinden“!

Der römische Stoiker Epiktet hatt es schon vor knapp zweitausend Jahren gewusst: „Nicht die Verhältnisse beunruhigen uns, sondern unsere Ansichten über diese!“ Will sagen: Ändere deine Sichtweise und alles wird gut! Diese Kunst kreativer Umdeutung habe ich in letzter Zeit etwas vernachlässigt.

Ich habe das wie Pubertätspickel wuchernde Konglomerat von Spielhöllen, Dealer-Dielen, Nutten-Kaschemmen, Schmierinfektionspizzerien und osmanischen Wärmestuben scheeläugig beargwöhnt, anstatt die Dynamik des agilen Kleingewerbes zu würdigen; anstatt anzuerkennen, dass die südosteuropäischen Zwangsprostituierten hier immerhin völlig unverschleiert ihrem traurigen Gewerbe nachgehen, habe ich mich über Burkassen und Kopftuchmädchen echauffiert; mit finsteren Blicken bedachte ich den bulgarischen Schwarzarbeiter-Strich am Wanheimer Dreieck, anstatt mich über die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zu freuen. Nicht mal das ultra-babylonische Sprachen-Gewirr, das den LIDL-Einkauf regelmäßig zum UNO-Erlebnis macht, konnte ich gutheißen! Innerlich geflucht sogar habe ich über Bäuerinnen, die nach dreißig Jahren hier noch immer nicht geschnallt haben, dass die Amtssprache vor Ort weder albanisch, bulgarisch, marrokanisch, libanesisch noch serbisch oder tamilisch ist, sondern, verdammt noch mal: deutsch. Stattdessen hätte ich mich schon seit langem am „internationalen Flair“ ergötzen können! Zumindest flair-mäßig steht Duisburg-Hochfeld nämlich Metropolen wie New York in nichts nach!

Seit kurzen trage ich nun zum exotischen Flair des Geddos bei, in dem ich eine deutsche Fahne aus dem Fenster hänge, was ich als galanten Tribut an die Frauen-Fußball-Nationalmannschaft verstanden wissen will. Bei Weltmeisterschaften erleide ich regelmäßig Anfälle von Patriotismus. Wie ein Pawlowscher Hund: Sobald ich durchtrainierte junge Menschen Kaugummi kauend der Nationalhymne („Brüh im Glanze“) lauschen sehe, bügle ich mein kleines Schwarz-Rot-Goldenes auf!

Falls wir das Viertelfinale überstehen, worüber ich mir nicht geringe Sorgen mache, hänge ich wieder, ich bin halt unverbesserlicher Intellektueller, die große schwarze Piratenflagge daneben, um mein nationales Bekenntnis ironisch zu brechen. Ob diese Subtilität von der Nachbarschaft gewürdigt wird, bezweifle ich allerdings. – Das kapieren die doch nicht, die Ausländer!

Aus dem Tagebuch eines Insomnikers (Unternehmens-Rater)

30. Mai 2011

Blauer Traum: Eine Ladung Drogerie

Heute wieder unruhige Nacht. Bei Hochsommer im Mai ja kein Wunder. Extrem langweiligen Traum gehabt: War mit meiner Ex-Frau (Ex seit 20 Jahren!) in Moskau. An einer belebten Trambahn-Haltestelle stiegen wir versehentlich in einander entgegenlaufende, jeweils hoffnungslos überfüllte Züge, sodass wir uns umgehend aus den Augen verloren. Quälende Frage (im Traum) – was jetzt tun? Aussteigen und auch in die entgegensetzte Richtung fahren? Aber wenn sie nun wiederum das gleiche ebenfalls tut? Dann verpassen wir uns ja wieder! Ausweglose Zwickmühle mit Ex-Frau erinnert mich an Samuel Becketts glorioses Dilemma: »Ein Mann liegt im Bett und möchte schlafen. Eine Ratte ist hinter der Wand, an seinem Kopfende, und möchte sich bewegen. Der Mann hört, wie die Ratte sich rührt, und kann nicht schlafen, die Ratte hört, dass der Mann sich rührt, und wagt nicht, sich zu bewegen. Sie sind beide unglücklich, einer rührt sich, und der andere wartet, oder beide sind glücklich, die Ratte bewegt sich und der Mann schläft.« – Ich denke, dass sie denkt, das ich denke, dass sie… usw. – Des weiteren (im Traum) tagelang ziellos durch Moskau gelaufen, das ein bisschen aussah wie Gütersloh oder Pinneberg. Meine Ex-Frau schließlich vor einem Moskauer Schnellgericht wieder getroffen. Man machte mir heftige Vorwürfe, was ich extrem ungerecht fand. (Warum kann denn die blöde Kuh nicht in den richtigen Zug steigen? Warum ist das denn meine Schuld?!)

Im Traum (?) dennoch depressiv geworden, weil ich immer alles falsch mache. Zerknirscht über meine heillose Unverbesserlichkeit nachgedacht; ein bisschen geweint.

 Nach schlafloser Nacht des Morgens mit viel adstringierendem Rasierwasser ein frisches Gesicht gezaubert, weil Besuch angekündigt war: die Polizei! Mensch, alles ist anders als früher: Eines Polizisten ansichtig, werfe ich nicht mehr mit Steinen oder ergreife die Flucht, sondern biete mit vorzüglicher Hochachtung Kaffee und stilles Wasser an! Der Wille zur Kooperation blitzt mir aus den bürgerlich gebügelten Knopflöchern! Geradezu freundschaftliches Gespräch mit dem uniformierten Drei-Sterne-General; er kam in vollem Ornat, als Geddo-Spezialist (zum Glück kein uninformierter Ununiformierter!) mit Schirmmütze und kleidsamen Sterne-Applikationen auf den Schultern.

Spielten dann zusammen Unternehmens-Rater: Was das wohl für ein Unternehmen sei, das neuerdings in meiner Ex-Stammkneipe residiere? Die Gäste kommen im Minuten-Takt, bleiben aber immer nur wenige Augenblicke im Lokal. Vielleicht, weil es da gar nichts zu trinken gibt? Wir Geddo-erprobten Kriminalisten kamen auf ein passendes Gewerbe und waren uns einig: Das wird ein Drogerie-Markt sein! Wieder stellte sich, diesmal in echt, die Frage: Und was jetzt tun? Der Mann will schlafen, die Ratten wollen sich bewegen. Ein Uniformträger kann ja nun schlecht in einen Coffee-Shop gehen und nach Gras fragen. Die sagen glatt, Gras wär grad aus! (Die Lösung des Problems wird aus ermittlungstaktischen Gründen nicht verraten!) Hoffe jetzt auf Razzien, weil, die finden bei uns im Viertel immer mit vollem Einsatz statt, mehr Bewaffnete als bei den Bad Segeberger Karl-May-Festspielen, Schwarzvermummte mit MPs usw., wie im Fernsehen. Wenn ich’s fotographiert kriege, lasse ich alle teilhaben! Großes Indianer-Ehrenwort!

Habe dem Beamten, leutselig geworden, überflüssigerweise noch gebeichtet, dass ich vor dreissig Jahren selber gekifft hätte; unsicher, ob das schon verjährt ist, hab ich vorsichtshalber hinzugefügt, ich hätte das Zeug aber nie vertragen. Und das stimmt wirklich! Andere hatten von Dope & Gras die herrlichsten Bewusstseinsexaltationen, lediglich mir wurde nur schlecht, dann wurde ich schläfrig und am Ende hatte ich tierischen Hunger. Wegen solcher Effekte eigens teure Drogen zu konsumieren, halte ich heute für unökonomisch. Habe eben gelernt, mit meiner Behinderung zu leben (THC-Unverträglichkeit).

Sonst an der panisch japanisch-spanischen Front alles ruhig. Still schmelzen die Kerne, und die Gurken gurken halt vor sich hin, oder, um mit Lewis Caroll („Alice im Wunderland“) zu sprechen: Sie rottern gorkicht im Gemank. – Sind wir noch zu retten? Wir sind ja die Prügelknaben des Erdballs: Man ascht mit seinen Vulkanen auf uns herum, schickt uns Fisch-Stäbchen, die im Dunklen leuchten und eine EHECrise haben wir auch noch! Wie es in Kommentarspalten gerne heißt: „Armes Deutschland!“

Der Tag ist rum. 23.00 Uhr, und noch immer 26° C. Ein afrikanischer Wind weht. Ist DAS der Grund, warum GERADE JETZT soviel Schwarze auf der Straße sind? Eine Frage, die ich ohne Polizei klären muss. Genauso wie das Problem, ob das Schlafgesetzbuch mir für heute erholsamen Nacht-Schlaf annonciert. Nach der doofen Moskau-Tour wär das mehr als gerecht.  Na ja, zur Not nehme ich mir einen richtig teuren, guten Schlafverteidiger, wie der wüste Kachelmann, der ja bis morgen (und danach, wie es aussieht, mangels Beweisen ohnehin) als unschuldig zu gelten hat.

Liebes Tagebuch, entschuldige: So viele Fragen, so wenig Antworten. Und apropos Drogen: Aus Serbien-Montenegro avisiert man mir eine frisch eingetroffene apotheken-frische Lieferung Viagra. Soll ich zuschlagen? Ach egal, ich mach eh alles falsch! Nur blöd, dass ich deswegen nicht schlafen kann… Ich seh schon, dieser Text findet keine Pointe. Tut mir leid, Ihr Lieben! Wieder ein ereignisreicher Tag, an dem nichts passiert ist. Aber wenn mal echt was los ist, Leute! Dann seht Ihr hier Sterne splittern! Bis dahin: schlafbedürftig, Euer Magister K.

AUS MEIM GEDDO

20. Mai 2010

Verbraucherschutz wird bei uns im Geddo ernst genommen!

Ich will ja nicht prahlen, aber wer in meinem Viertel Verbraucherinformationen will, der muß schnell sein, verdammt schnell. Vielleicht nicht so schnell wie Bond, James Bond, aber doch geschwinder, als man schwierige deutsche Worte wie „Rauschgiftdezernat“, „Richterlicher Durchsuchungsbeschluß“ oder  gar „Ingewahrsamnahme von Tatverdächtigen“ aussprechen kann.

Das Café Yildiz hatte grad erst neu eröffnet. Schnieke; richtig mit Geld. Orientalisches Design plus Flatscreens, Internet-Arbeitsplätze usw. Richtig gemütlich. War es draußen kühl, wie meist, entzündete man auf dem großen Flachbildschirm sogar ein DVD-gestütztes Kaminfeuer!

Umso erstaunlicher, daß man fast nie Leute IM Café sah, sondern immer nur DAVOR. Pro Quadratmeter die größte Dichte an stämmigen, kurzgeschorenen Dunkel-Männern in Einheitstracht (helle Jogginghose, schwarzer Kunstleder-Blouson, Piloten-Sonnenbrille bei Tag und Nacht)! Breitbeinig standen sie vorm Etablissement und sprachen Unverständliches in luxuriöse Handys, die so klein waren, daß es immer so aussah, als hielten die Fernsprecher sich ein Ohr zu, wenn sie ihre Geschäfte oder was abwickelten. Mich harmlos Vorbeiradelnden bedachten sie dabei oft genug mit Blicken, denen jede Kundenfreundlichkeit abging.

Bevor ich das Café in näheren Augenschein nehmen konnte, kam, heute morgen schon, zahlreicher Besuch in grün oder zivil. Das Geschäftsgebaren dreier Unternehmerpersönlichkeiten im Umkreis des Café Yildiz wurde mit dem Anlegen von Handschellen gewürdigt. Die solchermaßen Ausgezeichneten bereitete man auf einen schonenden Abtransport vor, der sich im Verlaufe des Morgens dann auch folgerichtig ereignete.

Der Duisburger Polizeitbericht vermeldet über den Einsatz noch nichts; das Café Yildiz hat weiterhin geöffnet, aber ich habe das Gefühl, das Kerngeschäft hat erstmal erheblichen Schaden genommen.

PS: Über das Sortiment bzw. Angebot im Café Yildiz kann ich noch keine Aussage machen. Ich bin doch nicht meschugge, bei den ganzen Bullen da!

Frisch aus da hood…

2. November 2009
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Hochfelder Lichtspiele (Foto: DDP)

Echt wahr: Grad hatte ich mir genügend Mut angespart, mal die Einladung anzunehmen und meine Nachbarn zu besuchen. Was soll schon passieren, dachte ich. Zwar bin ich nur Drahtesel-Biker, aber ich bin andererseits auch weder Bordell-Kunde, noch brauch ich derzeit eine Waffe, und meine Drogen gibt’s legal im Fachhandel. Ich muß also heikle Dinge gar nicht ansprechen und kann in Ruhe die neue, heiße Kaffeemaschine testen, die es im Fat Mexican gibt.

Aber nix ist, bzw. der Himmel über der Hood ist schon wieder blaulicht-beleuchtet und es riecht nach Street Fightin’ Men. Das Fat Mexican hatte bereits „Besuch“ – weniger friedlichen und freundlichen, nämlich die Hell’s Angels. Zwischen dem Großbordell „Laufhaus 26“ und dem Bandido Place  gabs die nächste Runde Rockerkrieg. Baseballschläger, Dachlatten, Totschläger, Tränengas-Kartuschen, Molotow-Cocktails. Das Vereinsheim der Bandidos wurde verwüstet. Wenigstens waren diesmal keine Todesopfer zu beklagen. Trotzdem, die Lage ist angespannt.

Was mich angeht, ich bin nicht Quentin Tarantino, ich bin von Gewalt nicht unbedingt fasziniert, aber entgangen ist mir nicht, daß die Rocker zig mal besser ausgerüstet, effizienter organisiert und rascher vor Ort waren, als die Polizei, deren SEK-Kräfte gerade noch rechtzeitig eintrafen, um sich sagen zu lassen, sie mögen sich heraushalten. Ein Polizeisprecher dazu: „Das haben wir denn auch getan“.

Der Presse entnehme ich, an einem durchschnittlichen Samstagabend hätte man in ganz Duisburg rund 20 Streifenwagen im Einsatz. Die MCs mobilisieren, wenn’s  sein muß, innerhalb von 30 Minuten zwei-, dreihundert motorisierte Kräfte. Mir gibt das zu denken.

Ein stark dramatisierter, alarmistischer Bericht auf SPIEGEL online:

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,658720,00.html

Bubikopf, Einschlafbier, demokratischer Fisch-in-Tomatensauce (Ein Gespräch über Madonnas Achselhaare)

10. Juli 2009
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Stilikone Madonna in der Neigungsnische (Foto: Lee Friedlaender, PLAYBOY 1985)

Innerfamiliär schätzen wir das bekannte Gute Gespräch. Neulich beim Abendbrot haben wir uns in der Runde z. B. lange über Madonnas Achselhaare unterhalten. Einig war man sich insofern, daß Madonnas Style heute – also dieser Typ abgemagert-hager-sado-sehnige Fitness-Tucke – uns ja nun überhaupt nicht anmacht. Die Frau sieht aus wie eine sm-hardcore-lederlesbische Turnlehrerin im Stadium fortgeschrittener Unterleibsverbitterung! Dassisdonnich schön! flöteten wir unisono.

Ich gab dann damit an, daß ich mal das PLAYBOY-Heft von 1985 besessen habe, worin nachträglich Aktfotos der 17-jährigen Karriere-Beginnerin abgedruckt waren, die da noch  Madonna Louise Veronica Ciccone hieß und ein reizendes italienisches Pummelchen-Frollein war, dazu südländisch-mediterran, also ungemein großzügig körperbehaart. Auf den künstlerischen (ha!) Schwarzweißfotos, ich erinnere mich erschauernd noch heute, stach ihr flamboyantes, lockig-buschiges, pechschwarzes Achselhaar einigermaßen provokant ins Auge. Unvorsichtigerweise gestand ich, dies damals „irgendwie auch sexy“ gefunden zu haben, worauf die 21-jährige Tochter des Hauses pantomimisch einen Kotzwürganfall andeutete und mich mit weit aufgerissen-überquellenden Augen puren Ekelentsetzens anstarrte, als hätte ich gerade zugegeben, von Sex mit Königspudeln zu träumen. So kamen wir auf das Thema Haare.

Nebenbei, Schwarzweißfotos und Haare: Frau Gülcan Kamps (26, Abitur in Lübeck) hat nicht nur im Fernsehen ihren Brötchen-Prinz geheiratet, sondern auch an der Quizsendung „Was denkt Deutschland?“ teilgenommen. Ausweislich eines Radiomitschnitts ist herausgekommen, was die VIVA-Moderatorin selber denkt. Sie denkt, auf Schwarzweißfotos sind weiße Haare schwarz und schwarze Haare weiß abgebildet. „Du meinst Negative“ hält man ihr daraufhin vor. „Nee, überhaupt nicht“, antwortet sie da, „ich mein das gar nicht negativ…!“

Haare gehören zu den evolutionär eigentlich längst überholten Sachen, um die Menschen ein dennoch riesiges Gewese machen. Es wird unentwegt gestylt, gelockt, getönt, gesträhnt, geföhnt, gegelt, gescheitelt, wachsen gelassen, abgeschnitten (stufig!) oder wegrasiert, aufgetürmt, verfilzt (dreadlox), kunstverstrubbelt (Schlingensief), geflochten und noch weißderteufelwas. Manche, wie der Internet-Prominente Sascha Lobo, gelen sich das Haupthaar zu einem feuerroten Irokesen und können ganz gut davon leben. Andere fühlen sich morgens suizidal, weil „einfach die Haare nicht sitzen“. Der aus haarigen Verhältnissen herausgewachsene Herrenfrisör Udo Waltz ist zur Kanzler-Beraterin und gefragten Society-Tucke aufgestiegen, weil er sich gut mit Ministerinnenfrisuren auskennt.

Frisuren sind derjenige Teil einer Weltanschauung, den man sehen kann: Glatzen (Skins, Neo-Nazis, Werbe-Fuzzis) und Vokuhilas (Zuhälter, Fußballprofis, Muckibuden-Betreiber) können bei der sozialen Einordnung des Gegenübers helfen; auf Heavy Metal-Konzerten sieht man im Schnitt 35% mehr Haare als bei einem Gig von Placebo oder Jan Delay. Ob Haare als hip oder gar „sexy“ empfunden werden, hängt von der Stelle ab, wo sie wachsen, und auch noch von Mode. Ich wuchs in Zeiten auf, als der Schnauzbart en vogue war, den später nur noch Polizisten trugen, leistete mir dann, weil es mit meiner Nasenlänge harmonierte, einen Bart à la Frank Zappa; noch später erwog ich die Anpflanzung eines Grunge-Ziegenbärtchens, was mir aber meine Frau geschmackvollerweise untersagte.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts hielten es die subtilsten Erotiker der Republik für ungemein erregend, wenn eine Dame einen sog. Bubikopf trug. Es gab eigens von irgendeiner Hochkulturzeitschrift eine Umfrage unter Geistesgrößen, was man von so einer neumodischen Kurzhaarfrisur denn zu halten habe. Sogar Thomas Mann hat es sich damals nicht nehmen lassen, einige verschwiemelte Gedanken hierüber ins Schriftdeutsche zu stelzen. Noch Ernest Hemingway, der alte Männlichkeitshaudegen, Entenjäger, Kriegstrinker und Frauensäufer, kriegte sich erotisch gar nicht mehr ein, wenn er davon schrieb/träumte, mit einer Kurzhaarfrisur tragenden Frau zu schlafen. Es kam vermutlich seinen krypto-schwulen Neigungen entgegen; das Irisierende, Oszillierende und Irritierende von Mädchen mit Jungshaaren hat ihn genauso wie Thomas Mann schwer angefackelt.

Heute finden Mädels aller Frisurklassen und Haarkreationen die verdiente erotische Beachtung, vorausgesetzt, sie beherrschen den Umgang mit einem lady shaver. Das allerdings soll ein Muß sein. Die Rasierklingenschmiede und Rasierschaumschläger reiben sich schon seit einiger Zeit die geschäftigen Hände: Die großflächige Epilation haarwuchsverdächtiger Körperregionen wird im 21. Jahrhundert zur zivilisatorischen Selbstverständlichkeit und ästhetischen Hygienepflicht! Eine befreundete Vielbeschäftigte, die sich freimütig gewisse exzentrische Entspannungshobbys leistet, berichtete mir jüngst, im zeitgenössischen europäischen Porno-Film seien mittlerweile auch die meisten Männer bereits Vorreiter glattrasierter Rundumtadellosgepflegtheit, und zwar durchaus auch, wie die Freundin mit hochgezogenen Brauen erläuterte, „unten rum“! Der ethno-anthropologische Beobachter registriert diese Entwicklung mit wohlwollendem Interesse.

Ein anderer Freund überraschte mich mal mit der emphatischen Behauptung, es sei für ihn „Demokratie“, daß er das verbriefte Recht hätte, nachts um drei Uhr noch eine Dose Fisch-in-Tomatensauce zu öffnen und zu seinem Einschlafbier genüsslich auszulöffeln. Als ich einwendete, meines Wissens hätte noch kein Diktator der Welt Fisch-in-Tomatensauce verboten, noch auch den Nachtverzehr desselben reglementiert, patzte er zurück, ich hätte eben einen anderen Freiheitsbegriff. – Für mich ist eher Demokratie, daß in der offenbar strikt geordneten und durchkategorisierten Welt der Internet-Pornographie inzwischen schon wieder auch für passionierte Behaarungsinteressierte eine Nische mit Bildern und Filmchen bereitgehalten wird, die Frauen von der Art der jungen Madonna Ciccone beinhalten. Vorbei die Zeit der genormten Einheitserregung! Laßt hundert Blumen blühen! Bzw. Neigungsnischen locken. Übertrieben finde ich bloß, wenn Männer sich neuerdings nicht nur die Beine rasieren, sondern auch die Brauen in Form zupfen. Solch effeminierten Spleen pflegte man meines Wissens zuletzt in der römischen Spätantike, und was aus dem Imperium dann geworden ist, wissen wir ja.

Den PLAYBOY mit den Madonna-Bildern habe ich irgendwann eingetauscht, gegen eine Mundharmonika. Zum Glück kursieren die Fotos aber noch im Internet. 

Aus meinem neurotischen Vereinsleben

4. Mai 2009
 

 

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Das waren Zeiten! Kraska mit seinem Philosophie-Examinator Theodor W. Adorno (links!)

EINE ABSCHWEIFUNG

 

Ich leide unter einer Art Abgrenzungsneurose. Das heißt, richtig leiden muß ich daran nicht eben gerade – es ist nur so, daß ich wie jeder Mensch eigentlich schon ganz gern irgendwo dazugehöre, denn das hebt einen und verrät Sozialkompetenz, selbst wenn es sich um einen Schützenverein handelt oder den Dachverband verbitterter Querulanten, Leserbriefschreiber und Prozeßhansel; wenn ich aber dann mal Mitglied einer Institution, eines Verbandes oder Vereines geworden bin, gibt es früher oder später eine Katastrophe, weil ich innerhalb des Clubs sofort wieder den Außenseiter machen muß, und zwar bis ich rausfliege. Krankhaft ist das! Ich könnte nur in extrem exklusiven Clubs Mitglied sein; exklusiv natürlich jetzt nicht wie diese snobistischen Golf- und Segelvereine, in denen schwer betuchte (Einstecktuch, Seidenhalstuch, Nummernkonto in Zürich) Silberlocken in blauen Blazern Cohibas schmauchend Prostataprobleme erörtern, sondern exklusiv im Sinne von extrem wenig Mitgliedern. Zum Beispiel befände ich mich als deutscher Aficionado de toros, als Freund des Spanischen Stierkampfes also, in einer Gemeinschaft von gerade mal ca. 400 Leuten, was bei 80 Millionen (sorry!) Deutschen schon als recht exklusiv gilt. Da ist selbst der Uigurische Heimatverein größer. Noch besser wäre es nur, einen Fan-Club des anarcho-individualistischen Anti-Philosophen Max Stirner zu gründen, da sich so ein Verein quasi als erste Amtshandlung selbst wieder auflösen müßte.

Kürzlich habe ich darüber nachdenken müssen, wie groß wohl der imaginäre Verein derjenigen Menschen sein mag, die nachts um 4.00 Uhr in der ARD diese Bahnfahrt-Filme anschauen, und zwar aufmerksam und konzentriert, so wie ich kürzlich die mit festmontierter TV-Kamera aufgenommene ICE-Fahrt Bonn-Berlin miterleben durfte, teilweise jedenfalls, weil die Fahrt zugunsten irgendwelcher blöder Nachrichten morgens um 5.00 Uhr abgebrochen wurde. Egal, jedenfalls: Diese Filme sind gar nicht langweilig! Fast möchte ich soweit gehen, eine Lanze für das wohlwollende Anschauen solcher Eisenbahnfilme zu brechen! Man „sitzt“ ja als Zuschauer praktisch, was man sonst nie darf, neben dem Lok-Führer, hat einen wunderbaren Blick und man „fährt“ sehr häufig durch geradezu bizarr unschöne, wüste und nur selten blühende Landschaften, vielmehr häufiger durch heruntergekommene Gewerbegebiete, Industriebrachen, über großflächig stillgelegte, verrostete, schon von hartem Gras überwucherte Gleisanlagen, vorbei an leer gähnenden, seit langem aufgelassenen Kleinbahnhöfen. Schaut man sich das konzentriert an, gerät man als notorischer Geisteswissenschaftler und Kulturmensch bald in eine nützliche, will sagen irgendwie „statistische“ Stimmung. Es steigen seifenblasenhaft gewisse Fragen im eigenen Inneren empor, die man sich gewöhnlich nie stellt: Wieviel LIDL-Filialen gibt es eigentlich? Warum betreibt man keine Güterbahnhöfe mehr? Wieviel Kilometer Faxe werden wohl noch täglich verschickt? Wer hat den Bürodrehstuhl eigentlich erfunden?

Ich weiß nicht, ob man mich versteht. Es ist halt so, daß man virtuell durch Erwerbs- und Verwaltungslandschaften gleitet und sich dabei klar darüber wird, wieviel Menschen jeden Tag doch das ungefähr ziemlich Gleiche tun zwischen Bad Herleburg und Gütersloh, nördlich vom Ettenheim-Münster, westlich von Fürstenwalde und südlich von Süderbrarup. Es handelt sich um einen Trivialitäts- und Kontingenzschock. („Kontingenz“ bitte nachschlagen, wenn nötig!) In der Nähe von Süderbrarup sind mal Kinder in einem Schulbus erfroren, denn der Winter war hart, sie schneiten ein und Helikopter standen noch nicht zur Verfügung. Ich streue das hier nur eben ein, um Zeugnis dafür abzulegen, daß auch in sehr unbedeuteten, kaum bekannten Örtchen Dramen, ja, Tragödien sich abspielen können. Die erste und auch schon Definition von „Kontingenzschock“ kommt übrigens vom versoffenen Nationaldichter Grabbe: „Einmal im Leben auf der Welt, und dann als Drogist in Detmold!“

Das Schönste an den Bahn-Filmen ist aber, daß man, sofern es ein ICE-Film ist, ja unverkennbar mit reichlich Schmackes durch die Gegend saust, die rechts und links nur so vorüberfliegt, und zugleich, weil man ja vor dem Fernseher sitzt, keinen Realmeter vorankommt. Man befindet sich ziemlich genau in jenem „rasenden Stillstand“, den der Kulturkritiker Paul Virilio immer angeprangert hat. Warum dieses Anprangern, ist mir allerdings nie ganz einsichtig geworden, weil, wenn jemand gegen dauernde Beschleunigung und verschärfte Geschwindigkeit von allem und jedem ist, das ist Stillstand doch gut, ob rasend oder nicht! 

Um den Menschen, die seit Jahren ohne Fernseher glücklich sind, noch etwas zu beißen zu geben: Noch mehr Stillstand ereignet sich eigentlich nur in den berühmten deutschen „Tatort“-Krimis. Während eines durchschnittlichen, um 20.15 Uhr abfahrenden Tatort-Krimis, sagen wir vom MDR, kann man bequem in Gedanken einmal durch alle sieben Kreise des Danteschen Infernos spazieren, und ist dennoch lange, lange vor der „Auflösung“ des Krimis wieder da, wo sich soeben die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ (Nietzsche) ereignet: Kommissare runzeln die Stirn, schauen irritiert, müssen „noch mal los“, steigen in den Wagen, parken aus, wechseln Worte und Meinungen mit ihrem mitfahrenden Kollegen, riskieren je nach Temperament einen Scherz oder eine sarkastische Bemerkung, dann kommen sie irgendwo an, parken ein, steigen aus dem Wagen, gehen ein paar Schritte bis zum Haus, klingeln dort an der Türe, warten, bis geöffnet wird, um dann zu sagen: „Entschuldigen Sie, Frau X,  eine Frage hätte ich doch noch: Wie war eigentliche ihre Ehe mit dem Ermordeten?“, dann bekommen sie unbefriedigende Antworten, trollen sich darob leicht verfinstert wieder, um in ihren Wagen zu steigen, auszuparken und zum Präsidium zurückzufahren, wobei der Kommissar brummt: „Irgendetwas verschweigt sie uns!„, und vielleicht fahren sie auf dem Weg noch in die Pathologie, wo ein exzentrischer Forensiker inzwischen „die Ergebnisse“  sowie aus der in Frage stehenden Leiche etwas herauszupulen und nun zu präsentieren hat, das dem Fall eine neue Wendung gibt, und dan  steigt man mit dem braunen Umschlag ins Auto und… ja, so geht das immer weiter und weiter, wie im richtigen Leben, nur in zähflüssig klebriger, fädenziehend zeitlupenhafter Laangsamkeit,  die dann pünktlich um 21. 45 Uhr gänzlich zum Stehen kommt, wobei der Mörder oder die Mörderin in aller Regel vom bekanntesten Gastschauspieler dargestellt wird, sodaß man schon weiß,  „wer es ist“, was die Spannung nicht gerade zum Glimmen bringt. Man hat so ein Gefühl wie ich einmal in einem ambivalenten Angstlust-Alptraum, in dem ich in einem Pool voll Heidehonig das Freischwimmerabzeichen machen mußte.

Albträume sind ja oft unvergeßlich und lehrreich. Ich habe mal beim berühmten Theodor W. Adorno ein Philosophie-Examen ablegen müssen, er kam dafür ins Haus zu meinen Eltern, weil ich erst sechs Jahre alt war und einen Frottée-Schlafanzug trug, und ich mußte, während Adorno unten im Wohnzimmer am Nierentisch mit meinen Eltern Portwein trank, meine Dissertation rätselhafterweise im Kinderzimmer auf Toilettenpapier schreiben, mit abgebrochenen Wachsmalstiften und dem groben Sisalteppich als Unterlage, sodaß es mir nur unzureichend gelang, meine Gedanken angemessen zum Ausdruck zu bringen. Diesen Traum hatte ich vor zig Jahren, im Studium, aber noch heute grübele ich, was er mir eigentlich sagen wollte, denn so ein Quatsch kann doch nicht ohne Sinn sein!

Immerhin bin ich m. W. nicht nur der einzige Grundschüler, der noch vor Abschluß der ersten Klasse  bei Adorno promoviert hat, sondern auch einer der ganz wenigen Linken, mit dessen Eltern Adorno Liqueurwein zu sich genommen hat! Das ist an Exklusivität kaum noch zu überbieten! An Entschleunigung allerdings auch nicht, denn mithin habe ich für meinen Studienabschluß runde 50 Jahre benötigt – was den heutigen Regelstudiensätzen wiederum energisch Hohn spricht.

Am besten werde ich mich allmählich mit einer Berufswahl auseinandersetzen. Was mir vorschwebt, ist entweder „Tatort“-Komissar oder Lok-Führer bei der Fernseh-Bahn. Beides wären Berufe mit einem gewissen metaphorischen Mehrwert!