Das Geddo zeigt Flagge (Patriotentrost)


Nicht alle Flaggen im Schrank

Nachts um elf am Brückenplatz: Eine wüst schreiende Horde wild gestikulierender Schwarzer stürmt im Laufschritt auf mich zu. Sie schütteln die Fäuste in den Nachthimmel und blecken die schneeweißen Zähne. Hab ich etwa Angst? Ach, I wo! Denn erstens hat mich das Alter und das Leben im Geddo verblüffend angstfrei gemacht, und zweitens, die vermeintlichen Menschenfresser aus den Ölsümpfen Nigerias skandieren ja nur ein ums andre Mal frenetisch „Isch-liebbe-Deutsche-land“, umarmen mich, bedecken mich mit feuchten Küssen, schütteln mir die Hand und rufen „Danke! Danke!“ – obwohl ich streng genommen ja gar nicht mal mitgespielt hatte. Bescheiden abwehrend, und doch auch halbwegs und dezent in den Jubel einstimmend, nahm ich die Huldigungen entgegen. Was hätte ich denn machen sollen?

Der mit Abstand fanatischste und bekloppteste Deutschland-Fan im Viertel hat seinen Ford Mondeo vierfach schwarz-rot-gold beflaggt, die Rückspiegel sind in den gleichen Farben bezogen und dito sogar noch die komplette Vordersitze. Es grenzt fast ans Übertriebene; der gefürchtete deutsche Neo-Chauvinismus wird indes nicht unerheblich dadurch gemildert, dass der Fahrer ein zierlicher, sehr dunkelhäutiger Tamile ist.

„Deutschland! Deutschland!“ rufen die Bulgarenkinder auf der Straße mit leuchtenden Augen und tröten inbrünstig in ihre Vuvuzelas. Vorerst ist es wohl das erste und einzige deutsche Wort, das sie kennen. Aber immerhin. Ich meine – besser als „…deine Mutter!“, oder?

Hell und sonnig lächelnd flattert das schwarz-rot-goldene Fähnchen derzeit auch aus meinem Fenster, und zwar, im Gegensatz zu 2010, gänzlich unironisch und mit Eichendorffscher Treuherzigkeit – ich weiß aber nicht, ob meine Mitbürger den Unterschied zwischen einer ironisch-distanzierten und einer naiv doofen Begeisterungsbeflaggung registrieren. Meine schwarze Flagge mit dem Totenkopf bleibt diesmal im Schrank. Die Piraten-Partei hat mir den Spaß verdorben.

Ein bisschen muffig stellt sich allein der hier ansässige türkische Mittelstand an. Die rote Fahne mit Stern und Halbmond trauen sie sich nicht zu zeigen, wegen der Schmach der Nicht-Qualifikation, aber zur deutschen können sie sich, nach erst dreißig Jahren hier, auch noch nicht recht durchringen. Christliche Nigerianer, diffus synkretistische Roma-Bulgaren und hinduistische Tamilen scheinen mir dahingehend, und das meine ich rein komparativ und ohne rassistische Untertöne, im Durchschnitt geistig etwas beweglicher. Fairerweise muss man zugeben, dass Tamilen, Bulgaren und Schwarzafrikaner auch nicht alltäglich unter dem Ansturm der „Islamophobie“ zu leiden haben. Dauerbeleidigtsein ist halt auch kräftezehrend.

Der Fahnenquatsch kann auch hilfreich und belehrend wirken. Nach drei Jahren, in denen ich sie für die letzten Deutschen im Viertel hielt, erweisen sich meine Nachbarn von gegenüber nun dann doch letztendlich als Polen. Bei dieser interessanten Erfahrung kam mir in den Sinn, dass ich es vielleicht hübsch fände, wenn die Belegschaft in unserem Geddo, wenigstens sonntags etwa, mal versuchsweise identifizierende Nationaltrikots trüge. Ich könnte mir vorstellen, dass dies zu einer differenzierteren Betrachtungsweise unserer Mitbürger führen könnte, ein Gedanke, den ich jedoch noch in der Halbzeit verwarf, da ich, von einer Überdosis Fußball affiziert, derzeit nichts Haltbares zu denken imstande bin, leider.

 

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11 Kommentare - “Das Geddo zeigt Flagge (Patriotentrost)”

  1. /cbx Says:

    Hier im antimultikulturellen Baden hat sich die politisch korrekte Doppelbeflaggung durchgesetzt. So ca. jedes fünfte Heilige Blechle fährt beflaggt – und davon rund die Hälfte mit einer Deutschen und einer ausländischen Flagge. Ist das jetzt helden- oder wieselhaft?

    Ich beflagge diesmal übrigens nicht. weder deutsch noch österreichisch (diese äußerst subtile Ironie würde hier wohl auf keinerlei Verständnis stoßen).

    Aber immerhin: So wenig flexibel der Badener (auch der migrierte) sonst im Kopf ist – politische Fahnenschändungen habe ich hier noch nicht beobachtet.

  2. oachkatz Says:

    Die dauerbeleidigten Türken aus dem Geddo in Duisburg scheinen sich völlig von denen in Berlin zu unterscheiden. Entweder sind sie hier nicht dauerbeleidigt oder es ist doch die Großstadt, die ihre Bewohner im Durchschnitt geistig beweglicher hält, mal ganz ungeachtet der ethnischen oder sonstiger Zugehörigkeit. Lieber Magister: Du mit Fähnchen? Und Eichendorff?

  3. 6kraska6 Says:

    Na ja, wenn ich dran erinnern darf: „Ich“ bin ja nicht unbedingt ich… Aber das mit dem Fähnchen stimmt. Ich mache das hautsächlich, um meine türkischen Nachbarn zu ärgern, die sogar, wenn sie hochzeitshalber hupend durch die Straße fahren, ihre Osmanfahne wehen lassen.
    Und Eichendorff? Wieso denn nicht? War doch ein guter Mann?

  4. Lakritze Says:

    Ist immer noch Fußball? (Ich kokettiere kaum.)
    Abwechslung bei den Fähnchen fände ich nicht schlecht; hier ist alles uniform schwarzrotgold. Langweilig.

  5. richensa Says:

    Hier in der Hauptstadt treibt das Fußballfieber auch komische bis charmante Blüten:
    Letzten Sonnabend sah ich eine ältere Dame, die sich „très chic“ in einen schwarzen Hosenanzug, der sicher nicht preiswert war, gewandet hatte und dazu rote Pumps, eine rote Handtasche und ein Zweierlei von rotem und goldigdeutschem Schal trug. Wirklich elegant! Ich konnte nicht umhin, sie zu bitten, sich von mir fotografieren zu lassen. Sie bejahte freudig.. janz Berlina Schnauze…

  6. haushundhirschblog Says:

    Flagge zeigen, daran kann doch nichts Falsches sein, jedenfalls solange es die Richtige ist. Diese Zeile sollte schon gestern Abend hinterlassen werden, aber es gelang mir nicht, die Hände frei zu bekommen. Mit Beginn der Europameisterschaft habe ich mich in eine Flagge einnähen lassen, um auch bei langweiligen Spielen bei der Stange zu bleiben … manchmal ein bisschen öde, aber es gibt Dinge, die einfach getan werden müssen.
    Es grüßt die Flagge …

  7. 6kraska6 Says:

    @HausundHirsch: Gäbe es da vielleicht eine kolorierte Graphik von? Mit Bewegungsunschärfe und allem?

    • haushundhirschblog Says:

      Solche Arbeiten sind momentan nicht möglich … der Nachteil beim Flaggeeinnähen ist leider die verminderte Bewegungsfreiheit.


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