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Raucher-Kino

18. Juli 2012

Ich hätte das gar nicht so gedacht, aber was in mir doch unerwartet heftige nostalgische Emotionen und verblüffende Anheimelungsempfindungen auslöst, sind alte Filme, in denen noch völlig selbstverständlich, normal, permanent und mit Nonchalance sowie konzentrierter Gewissenhaftigkeit geraucht wird, und zwar gleichermaßen von harten Jungs wie attraktiven Mädels. Herrlich! Zum Beispiel in „Haben und Nicht-Haben“ („To have and have not“), einem Schwarzweißfilm aus, ich glaube, den 50ern, mit extra viel hartem und lakonischem Hemingway-Feeling, klopft die damals zweiundzwanzigjährige, höllisch attraktive Lauren Bacall an die Tür von Humphrey Bogart, eine unangezündete Zigarette in der Hand, und als er öffnet, wedelt sie knapp und nervös damit und haucht extrem anfackelnd heiser: „Hi! Got a match?“  Klar, hat er natürlich. Männer ohne Feuer waren noch gar nicht erfunden.

Diese Szene ist von derart gänsehauterregender Tabakerotik, dass sie sich meinem Gedächtnis unauslöschlich eingebrannt hat. Das wird wahrscheinlich mein Anmachspruch im Alzheim: Ich werde zu nachtschlafener Zeit im flanellenen Pyjama an die Zimmertür von Frau Frerkes klopfen, und wenn sie noch aufmacht, werde ich verschwörerisch flüstern: „Got a match?“ Sicherheitshalber, falls sie komisch guckt, werde ich hinzufügen: „Das ist ein Zitat!“ – Das mach ich bei der Gattin nämlich auch immer. Wenn ich was Schräges äußere und sie guckt mich an, als hätte ich frisch den Verstand verloren, erläutere ich immer: „Das ist ein Zitat!“ Manchmal ergänze ich: „Nämlich aus einem Bob-Dylan-Song von 1963!“ Die Gattin erwidert zumeist lakonisch: „…Aha.“ Es wären natürlich enthusiastischere Reaktionen denkbar.

* * *

Elliot Gould als Phillip Marlowe („Ah! Also mit gottverdammt schwulem ‚e’ hinten“, sagt Mafia-Boss Marty Augustin im Film) raucht in „The long Goodbye“ absolut permanent und ohne Kompromisse in ausnahmslos JEDER Szene. Ich glaube, selbst beim Schlafen hat er eine Selbstgedrehte zwischen den Lippen. Noch schärfer aber: Selbst während er im Schweinsgalopp und schweißgebadet zu Fuß einen davonbrausenden Cadillac verfolgt, klebt dabei eine qualmende Kippe in seinem Mundwinkel. Sowas von cool! Er ist praktisch der einzige Marathon-Läufer, den ich kenne, der beim Rennen rauchen kann! Gott gebe uns solche Männer zurück!

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Ebenfalls in schwarz-weiß ist Jim Jarmusch’s Cineasten-Kult-Film mit dem programmatischen Titel: „Coffee und Cigarettes“. In diversen Episoden treffen sich je zwei oder drei ziemlich coole Personen in miesen Kneipen, trinken viel Kaffee und rauchen dabei nach Leibes- und Lungenkräften. Wie der Titel ja schon sagt. Dazu reden sie irgendwas. So Zeugs halt. Manchmal ist das komisch, manchmal fragt man sich: Was soll’n das? Am Anfang gibt es eine sehr lustige, absurde Szene, in der Roberto Benigni mit irgend so’nem Komiker zusammentrifft. Titel der Szene: „Strange to meet you.“ Schon mal ganz gut, oder? Am schönsten aber doch die Begegnung von Iggy Pop und Tom Waits. Zwischen ihnen liegt eine von irgend einem Gast vergessene volle Schachtel Marlboro. Sie bieten sich gegenseitig eine Zigarette an und lehnen mit der exakt gleichen Begründung ab: „No, thanks, man, i’d just quit smoking time ago.“ Sie beglückwünschen sich gegenseitig zu der Rettung vor dem Gift, dann nehmen sie jeweils irgendwann doch eine Kippe, mit der von Tom Waits erfundenen Logik: „Well, we’d quit smoking, so we can have a cigarette without danger, don’t ya think?“ Für den Rest der Szene qualmen sie wie die Schlote, was kein Problem ist, denn sie haben ja längst mit dem Rauchen aufgehört.

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Den besagten Film mit Elliot Gould guckten die Gattin und ich gemeinsam, aber noch in getrennten Wohnungen, dafür wie immer telefonisch fest verbunden. „Ja, ist ja natürlich klar, warum du den Film toll findest!“ sagt die Gattin ein bisschen sarkastisch. „Dieser ganze Anti-Helden-Kram, und dann raucht der noch ständig!“„Und? Fandest du den Film denn nicht gut?“„…doch, … doch. Schon irgendwie.“ – Na, also. Seien wir ehrlich: Lieber Lauren Bacall beim Rauchen als irgend so eine anorektische Botox-Queen beim Salatblätter-Kauen.

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Natürlich kann auch heute noch in Hollywood-Filmen geraucht werden, aber dann mit deutlich spürbaren Anführungsstrichen. Die Leute rauchen und vermitteln dabei pantomimisch: „Ich rauche nicht WIRKLICH! Dies ist ein historisches Zitat aus den gruseligen 60ern! Ich symbolisiere lediglich den damaligen verantwortungslosen  Zeitgeist!“ Auf diese Weise rauchen etwa die Leute in der preisgekrönten, vom Feuilleton geliebten Serie „Mad Men“. Diese Art ironisches Rauchen geht mir noch mehr auf den Zeiger als demonstrierter Diät-Wahn. Ausdrucksrauchen ist so sinnvoll wie Sport-Angeln. Das eine wie das andere: eine Beschäftigung für feige Männer, die sich vor dem Tod fürchten. Insgeheim hoffen sie, dieser würde sie aufgrund ihres gesunden Lebenswandels vielleicht übersehen. Das aber, verehrte Gemeinde, gehört zu den richtig unwahrscheinlichen Ereignissen im Leben, das dann am Ende ja doch tödlich ausgeht. Selbst wenn du aussiehst wie das sprichwörtliche „blühende Leben“. – Was ich an Humphrey Bogart gut finde: Er ist schon lange tot, aber man hat nicht den Eindruck, dass es ihm allzu viel ausmacht.

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Das wahre Leben (ist nicht empfehlenswert)

18. September 2011

Wenn mir echt GAR nichts einfällt: Eigen-Nase in die Kamera

Huihh, puh, endlich! Darf nach öder Sommerpause wieder den Engel der Verwaisten, Bekloppten und Bescheuerten im Geddo spielen. Die Flaute bedrohte mich schon mit narzisstischer Störung! Aber jetzt ist alles gut, – d. h. also schlimmer denn je. Erstens ist der komplett wahnsinnige, aber beängstigend lebenstüchtige Rombach wieder da, der energetisch-meschuggene Querulanten-Prozess-Rentner mit „doppelt beiderseitig Lunge im End-Stadion“, der in Ägypten erwartungsgemäß seine Perle nicht wiederfand, sein Geld nicht mal ansatzweise wieder einspielte und ferner schwerstoperiert resp. lungenmäßig halbiert jetzt nur noch raucht, wenn er vorher eine Morphin-Tablette eingenommen hat. Immerhin ist er jetzt der braun gebrannteste Krebspatient, den ich kenne.

Ich durfte schon wieder eine kleine Übersetzung für ihn machen, aus dem Deutschen ins Internationale, und zwar einen Drohzettel an einen nigerianischen Dealer am HBF. Ich habs, glaub ich, ganz gut hingekriegt und auf Englisch heißt es ungefähr so: „Ey, Fucker! Don’t’cha sell any drugs further to A***, ’cause she’s observed by german drug police authorities! Otherwise I’ll smash your head on the wall and put the pieces of your shit head in your fucking asshole, you dirty motherfucker!“ Ich hoffe, ich habe Intention und Impetus stimmungsmäßig ziemlich original rübergebracht.

Rombach hat nämlich einen neuen Schützling, A*** (20), polytoxikomanische Junkie-Nutte, die ihn schon mehrfach ausgeraubt hat. Rombach ist wie ich: Er will einfach nicht lernen! Immer bloß Welt retten und gefallene Engel auf therapeutische Rosen betten. Wir beknackten Weltretter lieben so was. Einen Augenblick war ich versucht, ihm klar zu machen, dass es in unserer Stadt ca. 20.000 Drogen-Dealer gibt und er soviel Drohzettel gar nicht mal drucken kann, geschweige denn in schmutzige Hände drücken, aber ich hab’s dann gelassen. Die Lust, Menschen Illusionen zu nehmen, ist mir komplett vergangen. Wer bin ich denn.

Spät abends aber dann noch voll den Schutzengel gemacht. Schieb gerade mein Rad in den Hausflur und seh im aufflammenden Treppenlicht, wie eine ertappte Motte, Pitti (70), den frisch verwitweten und verzweifelten Ex-Hausbesorger durchs Treppenhaus geistern, die circa bummlig 28. Flasche Alt in der rechten, mir mit der linken Hand wattig zuwinkend, wie er, elegant in der Hüfte einknickend, mir Hopp! Hopp! Hoppfff! Rabumms! die Stufen entgegen stolpert, taumelt und rumpumpelt, auffm Arsch, um’s deutlich zu sagen. „Datt is, weil hier de Motten reinkommen“ begründet er seine momentane Stehschwäche etwas unmotiviert. – „Kenn ich, Pitti“, repliziere ich begütigend, „DIE Motten hatte ich auch schon mal!“ und rette ihm dann geistesgegenwärtig den Oberschenkelhals. War knapp. Jetzt sitzt er sicher unten im Hof, neben seiner Gattin in Form einer DM-Markt-Plastik-Totenkerze, trinkt Bier und saugt aus dem herbstlich warmen Abend den letzten Bodensatz abgrundtiefer Traurigkeit.

So, Geddo, was noch. Özgür steht im Schlafanzug in meiner Studierstube, rollt wild mit den Augen, sträubt den Schnauzbart und ringt die Hände. Mein Vorwurf, seine wahrscheinlich „scheiße verschweißten Rohre“ hätten meine Bude geflutet, kränkt ihn zutiefst in seiner anatolischen Ehre. „Ağabey“ (sprich: „Aaahbii!“) sagt er, die Hand auf dem schmerzenden Herzen, „vallah, isch schwör, das nich mein Wasser!“ Stimmt. Muss ihn rehabilitieren! Schuld war eine kaputte Heizung. Ich bescheinige hiermit anatolischen Schwarzarbeitern, die gewissenhaftesten Rohrverschweißer Europas zu sein, die ich nur wärmstens empfehlen kann.

Herr Ezme, vormaliger Kunstmaler aus Antalya, jetzt Multitasking-Hausmeister in Deutschland und praktizierender Alltagsphilosoph, schweigt weise, beäugt still den Wasserschaden, kratzt sich wie ein perfekter Bergmann am Kopf und sagt schließlich begütigend zu Özgür: „Na, weißt, Ağabey, bei DEIN Hottentottenhaus kann man ja auch nie wissen…

Im Park ist Ahmed unterwegs und will mir für 10 Euro einen iPod verticken. Sein Verkaufsargument: „Hab isch selbz geklaut“ zieht bei mir ja nun gar nicht. Ich hab nämlich schon einen iPod. „Aber, Bruder, Alder“, spricht Ahmed mit Emphase und legt die Hand aufs Herz, „wir sind hier im GEDDO! Für dich 5 Euro, Brrruder!“ Mein Herz bleibt kalt. „Mann, Alder“, flucht Ahmed, „ich brauch aber fünf Euro für Ganja!“, was mir dann einleuchtet.

Hömma!“ brüllt Anatol, der 50-jährige Altpunk durch den Hausflur. Ich erstarre, weil Sätze, die mit „Hömma!“ anfangen, dauern bei Anatol Stunden und enden in endlosen Jeremiaden darüber, dass man von Hartz4 nicht leben kann. Wovon ich leben muss, verschweige ich, ganz verarmter Adel mit Stock im Arsch, aufs Vornehmste. Wäre ja obszön irgendwie.

„Ich, ähm“, sag ich, „ich hab ma den Pitti im Hof geparkt. Schieb’tn scheiße schwarzen Blues wieder wegen Elly.“ Anatol nickt verständig und sinnig. „Kannze ma’n Auge drauf haben?“ Anatol nickt noch mal, gerade hinreichend beflissen. Okay, soll mir genügen. Ich geh mit, na, mit wem wohl? Mit meinem Gewissen ins Bett. Heißes Paar, wir beide. Wird wieder klasse Nacht.

Und? Oben in der Klause? Welche Musik jetzt zur Nacht? Tom Waits? Frankie Miller?  Tim Harding? Nee, wär alles Klischee. Bei mir muss es anti-zyklisch und kontrafaktisch klingen. Zu den heroisch-pathetischen, erz-verlogenen Klängen von Hanns Zimmers „Pirates of the Carribean“ stapfe ich ins Bett. Ich liebe das Stück. Es klingt, als könne man komplett neben der Spur sein und trotzdem ein Held: Damm-tatta-da-dam, dam-tatta-da! – Grandios, oder? Irgendwie?

Here’s to the last working heroes

13. Januar 2011

Als ich vor zwei Jahren ins Geddo emigrierte, war das Hausbesorger-Ehepaar Elly und Pitti L* (*Name geändert). mein erster Kontakt. Nicht, dass wir uns spontan mochten. Die letzten autochthonen Deutschen im Viertel  hatten Schwierigkeiten, den spröde-mysteriösen Magister einzuordnen, der aus einer fremden Welt in die ihre geschneit war, ohne einen nachvollziehbaren Grund – und ich, na ja, mochte gewisse Blockwart-Allüren nicht so. Ich schätze es nicht, wenn man im Altpapier meine Post filzt, gerade weil es sich nur um Mahnungen handelt.

Allmählich lernte ich ihre grunddeutsche Wachsamkeit und nie erlahmende Neugier aber doch zu schätzen: Manchmal ließ ich (mitten im Geddo!) mein Fahrrad versehentlich über Stunden unverschlossen vor der Tür – doch kein Problem: Elly und Pitty hatten ein Auge drauf. Sie wussten, wann ich das Haus verließ, wohin ich ging, und Pitti hatte irgendwann auch keine Bedenken mehr, mich regelmäßig zu fragen, wann ich denn wiederkäme. Wie Mutti!

Pitti ist ein Goldstück in unserer Sekte der USA (Unspezifischer Alkoholiker). Seitdem er, nach 45 Jahren im Job, das LKW-Fahren drangegeben hat, strukturiert er seinen Tag durch drei Gänge zur Trinkhalle. Zwischendurch verkasematuckelt er seine Pilschen, still, sanft, ohne Randale, zumeist schweigsam im Hausflur am Fenster sitzend, auch im Dunklen, in melancholische Meditation versunken. Jedesmal, wenn ich abends zur Arbeit aufbreche, höre ich seine Grabestimme, die aus dem finstren Treppenhaus flüstert: „Erschrick Dich nicht!“ – „Nö, Pitti„, antwortete ich dann regelmäßig, „ich erschreck’ mich höchstens, wenn du mal nicht mehr hier sitzt!“

In letzter Zeit saß er aber schon immer seltener im Flur. Elly, seine hyper-vitale, energie-sprudelnde, ein bisschen furchteinflößende  Frau mit Mutterwitz und Haaren auf den Zähnen, die wieselig fleissige ehemalige Schuhverkäuferin wurde irgendwie krank und bettlägerig. Wenn ich sie, alle paar Wochen, mal im Hausflur traf, schnürte es mir das Herz ab. Sie sah aus wie ein verhungerter KZ-Häftling. Nur ihre Augen glühten noch, aus tiefen Höhlen. – Pitti ist kein Bescheidwisser; er gehört zu den Leuten, denen nie jemand etwas sagt, erklärt oder klarmacht. Dass seine Frau immer weniger wurde, am Ende nur noch 38 Kilo wog, registrierte er mit bekümmerter Ratlosigkeit. Treu und ergeben chauffierte er seine Gattin alle zwei Tage „nach’m Arzt“. Was genau „Chemo“ ist, hat er nie kapiert.

Dafür hat er bei mir den understatement-award 2011 gewonnen. Letzten Sonntag unterhielten wir uns abends im Treppenhaus ausgedenht über häusliche Müll-Angelegenheiten. Ich hatte nämlich Mülldienst, und Pitti ist der Obermüllwart unseres Hauses. Nachdem wir alle Details besprochen und erörtert hatten und ich mich verabschieden und schon abwenden wollte, sagte Pitti mit zittrig- wackliger Stimme nachdenklich: „Reinhard, Hömma! Die Frau geht das nich so gut...“ – „Klar, weiß ich doch…“ wollte ich entgegnen, da fügte Pitti noch etwas leiser und resignierter hinzu: „Wir warten gezz, datt’se einschläft“.

Drei Stunden später, um Mitternacht, so höre ich, war sie dann tot, nach 42 Jahren harter Arbeit und zwei Jahren Rente. Meine Serben-Freunde sagen, sie hätten Pitti gestern auf der Straße gesehen, abgemagert, schlohweiß geworden, und er weinte, oder, wie Milan, der Bosnier sagte: „Er wainte, wainte und wainte…“.

Aach, Leute…

Aus dem Jenseits: Blaubeerkuchen

28. Juni 2009
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Was bedeutet Blaubeerkuchen?

Schwere, dumpfe Nacht (Grüner Veltliner). Geträumt, ich sei am Nachmittag bei Professor Sigmund Freud zum 81. Geburtstag in den Garten eingeladen. Wir saßen in klapprigen Liegestühlen und rauchten gelbe Zigarren. Es gab Blaubeerkuchen und eine Menge unattraktiver älterer Hausfrauen in geblümten Kittelschürzen hasteten mit Kaffeekannen durchs Buschwerk. Wir langweilten uns. Freud schlug nachlässig, aber unentwegt mit der flachen Hand nach kleinen blondgelockten Kindsköpfchen, die ihn liebreizend umschwirrten. Der Zwölfton-Komponist und kommunistische Arbeiterliedermacher Hanns Eisler war auch da; er passte nicht in den Liegestuhl und quengelte die ganze Zeit, wann wir endlich „einen heben gehen“ würden, da er pünktlich 15.30 Uhr (er sah dabei auf eine tropfenförmige Taschenuhr, die an einer Kette über seinem Embonpoint hing), seinen ersten Alkohol brauche. Eine mittelalte Matrone mit graumeliertem Dutt (Anna Freud?) klatschte in die Hände und rief in schauderlich ver-wienertem Englisch sinngemäß: „Kinder, Kinder, es gibt Kakao und Kokain in der Küch’n!“

Ansonsten passierte in dem Traum, der noch gefühlte Stunden vor sich hin ödete, nichts weiter Bemerkenswertes. Es war einer der langweiligsten Träume, die ich je hatte! Außer, daß wenigstens die Sonne schien, kann ich im Traummaterial keine verborgene Wunscherfüllung entdecken, die nach Freuds Traumtheorie dort zu finden sein müßte.

Das unbehagliche, irgendwie wehmütige, beinahe weinerliche Gefühl, das den Traum grundierte, hielt nach seinem Ende weiter an, so ein diffuses, symptomloses Leiden, ein leichter Druck in der Brust, so ein ziehendes Klopfen im Hinterkopf, ein irgendwo viszeraler Schmerz mit neuronalen Komponenten, verbunden mit einer sehr vagen, intermittierend aufstoßenden hysterischen Lachlust, – ich weiß nicht, vielleicht fühlt es sich so an, wenn man sich die Schweinegrippe zugezogen hat? Sie soll ja gar nicht schlimm sein, heißt es. Davon abgesehen, fühlte ich mich weder zu Eros noch zu Thanatos hingezogen, kein Todestrieb zu spüren, allerdings auch keine großartige erotische Begierde, außer stark nach frisch gebrühtem Kaffee und evtl. einer doppelten Kopfschmerzbrause „plus C“.

Der Traum war irgendwie aber schon doch ein stückweit signifikant, vor allem auch erklärlich, denn am Tag zuvor war ich vom famosen Dauerrregen nach Wien, in den 9. Bezirk, in die Berggasse 19, gespült worden und hatte mich erst in Freuds Warte-, dann in seinem Behandlungszimmer aufgehalten, bis ich einigermaßen getrocknet schien. (Einen großen Regenschirm, nach Freud DAS phallische Sexualsymbol, besaß ich nicht – nur einen „Knirps“ (!), welcher zwar meines Wissens dennoch keine Kastrationsangst in mir auslöste, gegen den Wiener Heldenplatzregen aber tatsächlich nur unzureichend Schutz geboten hatte). Die Berggasse in Wien, das ist, wie die meisten Wiener Gassen, natürlich gar keine Gasse, sondern ein Boulevard, der von großmächtigen Bürgerhäusern der Gründerzeit flankiert wird, Stuckpalästen von einer gewissen Monströsität und Protzigkeit, gewiß, aber immer noch besser als die Nachkriegsbauten der Betonfetischisten- und Verklinkerer-Innung.

In Nr. 19 hauste, werkelte, therapeutelte und traumdeutelte Prof. Freud beinahe geschlagene 50 Jahre lang, will sagen, hier wohnte er, hier hatte er Wartezimmer, Behandlungsraum und Arbeitskammer, nebenbei überraschend kleine, dunkle, niedrige Räume, damals, den Interieur-Fotos nach zu urteilen bis zum Anschlag mit Möbel, Plüsch und Nippes vollgestopft. Ich glaube ja, das berühmte psychoanalytische Couch-Setting hat Freud oder Frau Freud erfunden, weil für normale Sitzgelegenheiten kein Platz mehr war. Wer nicht stehen wollte, mußte sich halt aufs schonbezugbezogene Kanapée legen! Der karge verbliebene Luftraum wurde von dem gemeingefährlich aussehenden daumendicken, kurzen, gelben Zigarren beansprucht, die Freud unentwegt qualmte, um seine Denktätigkeit in Gang zu halten, nachdem sich Kokain wider Erwarten auf Dauer doch nicht so gut als Alltagsstimulanz eignete. – Übrigens habe ich eben zunächst statt „daumendick“ versehentlich „damendick“ geschrieben; ob dies als ein sog. Freudscher Verschreiber zu deuteln ist, der auf meine uneingestandene Verehrung für korpulente Frauen schließen läßt, bleibe vorerst dahingestellt bzw. ist auch meine Privatsache. Ich liege ja nicht auf der Couch!

Im kleinen Freudmuseeum, das in den ehemaligen Praxisräumen untergebracht ist, gibt es eine dunkle Kammer, in der auf Monitoren in Endlosschleife ein recht gespenstischer Filmschnipsel-Salat zu besichtigen ist. Man sieht tattrige Schwarz-Weiß-Stummfilmaufnahmen vom zittrigen alten Freud, der meistensteils zu sehen ist, wie er sich im hohen Alter in der Sommerfrische befindet, im Garten im Liegestuhl liegt und kurze Briefe schreibt, in denen etwa steht: „Nach der letzteren Operation“ (Freud hatte Mundhöhlenkrebs, von den Zigarren, schätz ich) „geht es schlecht; Essen, Trinken und Rauchen (sic!) geht noch gar nicht recht gut“. Ansonsten feiert er meistens Geburtstag. Der Meister wirkt dabei genervt, begreiflicherweise vielleicht, weil die Nazis den alten, gebrechlichen, kranken Mann nach 50 Jahren in der Berggassen-Plüschhöhle ins ungeliebte englische Exil vertrieben hatten. Am irresten ist aber die Kommentarstimme: Eine offenbar auch schon gefühlt 90-jährige Tochter Anna Freud, des Professors psychoanalytische Kronprinzessin, kommentiert in einem Englisch, das schauderhaft nach Grinzing klingt, mit einer irgendwie total unwirklich heulenden, jaulenden Stimme komplett Überflüssiges aus dem Off: Ist Freud zu sehen, jault die singende Nervensäge: „My Fathsser“, bekommt der Blumen, heult sie „Flowers…!“, und kommt der qirlige kleine Pekinese aus dem Busch gehoppelt, greint sie: „Sssiss iss ourr litt-tle dog“. Irgendwie spooky, als würde beim okkulten Tischerücken Oma aus dem Jenseits anrufen, um mitzuteilen, es stünde demnächst eventuell eine Reise bevor. Na ja, ungefähr so sind die Ausssagen der Psychoanalyse ja auch.

Eigentlich halte ich Freud nicht für einen Geistesriesen; er war ein Schlawiner, ein Windbeutel und ein bissel auch ein Ideologe vulgo Demagoge. Dennoch war ich irgendwie geknickt und bedrückt von der für heutige Verhältnisse unerträglichen Spießigkeit, Trivialität und Beschränktheit des Lebens in der Berggasse.

Die verbleibenden Fragen: Was machte Hanns Eisler in dem Traum? Der war zwar auch Wiener und auch Jude, hatte aber sonst, als Kommunist, mit dem kleinbürgerlichen Seelengepule gar nichts am Hut. Und schließlich: Wieso Blaubeerkuchen? Im Film kommt Blaubeerkuchen nicht vor! Was bedeutet es, wenn man von Blaubeerkuchen träumt? Steht da was drüber in der „Traumdeutung“? – Blaubeerkuchen … Blaubeerkuchen … Blaubeerkuchen….

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Fünzig Jahre in der gleichen Plüsch-und Nippeshöhle! Berggasse 19, 9. Bezirk, Wien


Das Menschsein / Autoreifen / Anenzephale Menschenfrösche

25. Juni 2009
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Menschenfrosch im Weckglas: Anenzephaler Embryo

Trennungen und Scheidungen mögen das Dasein würzen, sie haben aber den Nachteil, daß man oft nicht nur Sorgeberechtigungen für Kinder, Hunde und Fahrräder, sondern auch bis zu 50% seiner Plattensammlung zurücklassen muß. Hinzu tritt erschwerend die sog. Altersvertrottelung, die nicht, wie der irreführende Name andeutet, „im Alter“ geduldig auf einen wartet, sondern schon mit den allerersten Filmrissen nach durchzechter Nacht ihr Zersetzungswerk beginnt, sodaß einem beispielsweise Bandnamen und Albumtitel komplett entfallen. Einfach weg, futschikato, leider unwiderruflich gelöscht!

Meine diversen Ex-Frauen werden natürlich den Teufel tun, anstatt mir mal auf die Sprünge zu helfen mit diesem einen Song, den ich in den 80ern besaß: Also, ich glaube, es war ein Duo; der elektronische Automaten-Beat ziemlich schlicht, technisch anspruchslos, und dazu greinte ein Mann in gedehntem, weinerlich-nörgelndem, näselnd-schnarrendem Grinzing-Wienerisch ungefähr folgende Zeilen:

 „I wär sso gerrn aan Autoreifn,
i wär so gern a Bonbonnng,
i wär sso gerrn a Briefmarkn
i wär sso gerrn a Tresorrr,
 norr das Menschsein,
das Meeeenschsein peinigt mich gar sehrrr.
 Aan jedr Autoreifn hat an Profil (i hoab koaans, i hoab koaans)
Aan jedr Bonbonng hat G’schmack (i hoab koaan, ich hoab koaan)
A jede Briefmarken hat aan Ziel ( i net, i net)
A jedr Tresorr hat oan Geheimnis (i waas koans, i woas koans…)
 Ja, das Meeenschsein, das Meeenschsein,
das peinigt mich gar sehrrr!“

 Immerhin konnte ich mir diese Zeilen noch merken! Wahrscheinlich, weil’s stimmt: Menschsein peinigt! Nicht wie Zahnschmerz oder Liebesblues, sondern wie in dem einen Traum von mir, wo ich, als Sechsjähriger im Frotteeschlafanzug, unter Aufsicht von Professor Theodor W. Adorno im Kinderzimmer eine Philosophie-Klausur schreiben sollte, aber auf nur zweilagigem Toilettenpapier, mit abgebrochenen Wachsmalstiften, auf einem groben Sisalteppich als Schreibunterlage, und unten am Couchtisch warteten meine aufgeregten Eltern und tranken mit Adorno Portwein oder Stachelbeerlikör, weiß nicht mehr, kurz: eine kaum lösbare Aufgabe, ein hoffnungsloses Unternehmen! Menschwerdung: Vergiß es! Menschsein? Kaum denkbar. Menschbleiben: Schön wärs!

 Um sich mal das ganze unsagbare Ausmaß des Jammers vor Augen zu führen, der katastrophalen Bedrohlichkeit und fortwährenden, eminent beängstigenden Gefährdung zerbrechlichen Menschseins, empfiehlt es sich, gerade für Hypochonder wie mich, den josefinischen Narrenturm in Wien inwändig zu besichtigen – genauer, die pathologisch-anatomische Sammlung, die man dort, im festungsähnlichen ehemaligen Irrenhaus von 1784, Interessierten zeigt: Ein melancholisches Panoptikum der Missbildungen und Verkrüppelungen, der Geschwüre, Infektionen und Tumoren, der Seuchen, Epidemien, Mangel- und Armutskrankeiten, aber auch der mörderischen Scharlatanerien und bestialischen Quacksalbereien, mit denen man einst, voll guten Willens und Gewissens, Kranke traktierte. Draußen das morbide Wien im Dauerregen, drinnen blasse junge Mediziner in weißen Kitteln, die dir mit wissenschaftlicher Leidenschaftslosigkeit (und im gedehnten Zentralfriedhofs-Wienerisch der Berufsmelancholiker) den Horror organischer Existenz präsentieren, die Schrecken von Rachitis, Tuberkulose, Syphilis, Lues und Lupus, Krebs und Beulenpest; lepröse Nekrosen, morose Karzinome, groteske Geschwülste, wucherndes, fressendes, faulendes Gewebe, in Weingeist oder Spiritus, als Schnittpräparat, Skelett oder Paraffin-Moulage von Körperteilen, die von eigens dafür angestellten Pathologen liebevoll mit den Symptomen unaussprechlicher Hautkrankheiten bemalt, bepustelt, gesprenkelt, gefleckt, gescheckt wurden. Dann weiter, die Herrschaften, immer Dr. Frankensteins gepiercten, bleichen Gehilfen nach. Der weiße Kittel sei das Fanal!

 Regale voller Einweckgläser, Abteilung Missgebildete: Da schwimmen sie im imaginären Fruchtwasser grünlich trüber Traumlosigkeit: Anencephale Föten, hirnlose Menschenfrösche, blicklos ein-äugende Zyklopen-Babys, stumm versunken für alle Zeit im Abgrund zwischen Tod und Leben, kleine, sanfte Albtraumkarpfen, die das Menschliche knapp nur verfehlten, Nimmerlein-Aliens von Nirgendwo, wesenlose Schwebewesen, eingelegt in Vergangenheit, die nie Gegenwart wurde. – Und dort, in den Vitrinen: Namenlose Knochenqual, Skelettgrotesken, schaurig verdreht, verkrüppelt, rachitische Körperkarikaturen, die sich noch als Gebein wie in Höllenqual drehen, winden und die kleinen Krüppelfäuste schütteln gegen einen schweigenden Himmel und einen sadistischen Gott. Meine Damen und Herren – Das Menschsein! Ein Krampf, ein Gekröse, Gekrüppel und Gekrebse. Mann, Mann, mir wird blümerant! 

 Was die allgemeine Hinfäligkeit, Kränklichkeit und Skrofulösität des Organischen im allgemeinen, Hunger, Aremut und Dreck im besonderen nicht schaffen, den Rest also, den besorgten die Ärzte: Wenn sie die Kavernen tuberkulöser Lungen mit Amalgam (!) oder flüssigen Wachs verfüllten, wenn sie Kranke zu Tode röntgen oder vermeintlich renitente Irre mit Wasser-, Kälte- oder Zentrifugenfolter torturierten.

 Wieder draußen. Mir war nach starckem Weinen. Ach, ach: Wir armen Menschen. Meine Tränen mischten sich mit dem niederösterreichischen Dauerregen. An diesem Abend mußte ich viel Wein trinken, bis ich breit war – wie ein Autoreifen. Das Menschsein!

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Traumlos im Fruchtwasser: Eingelegt in Vergangenheit, die nie Gegenwart wurde

Tao des schönen Sterbens

23. April 2009
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Christoph Schlingensief, öffentlich krank

ES MAG VERSTÄNDICH SEIN, ABER IST ES AUCH … SCHÖN?

Heikles Thema heute! Vorab: Ich mag Christoph Schlingensief. Der sympathische Wirrkopf mit dem adrett verwuschelten Schopf und den blanken, lebensvollen Augen, der seine Karriere als Aufnahmeleiter bei der „Lindenstraße“ begann, hatte immer eine so charmante Art, einem auf dem Senkel zu gehen! Auch für den größten Quatsch („Deutsches Kettensägen Massaker“, „Tötet Helmut Kohl“) konnte man ihm nicht böse sein, weil sein ganzes vorlautes theatralisches Getue, Gewürge und Gefrickel immer mal wieder auch überraschend Sinn machte. Außerdem ist er Oberhausener, also praktisch ein Junge aus der Nachbarschaft. Katholisch zwar, aber auf angemessen verquälte, verschwurbelte und mit Gott hadernde Art.  Theater-Leute haben ja oft Sinn fürs Katholische, wg. der visuellen Unterhaltungswerte. [Es mag ein reichlich schlechtes Licht auf mich selbst werfen, wenn ich bekenne: Ich persönlich fands auch gut an ihm, daß ein unangepaßter, schräger Intellektuellenvogel ausnahmsweise mal nicht schwul war…] Außerdem hat er eine unsentimentale, denkwürdige Theater-Arbeit mit Behinderten und Kranken gemacht, ohne diese für seine eigene Reputation auszubeuten. Also weder Zyniker noch affiger Gutmensch: Gar nicht so einfach, sich da hindurchzulavieren! Kurzum: Nervig manchmal, okay, aber unterm Strich für mich sicher einer von den Guten!

Aber nun zum Aber. Schlingensief (47) ist krank, todkrank. Lungenkrebs. Ein Lungenflügel wurde schon entfernt, im anderen gibts Metastasen. Gut möglich, daß Christoph Schlingensief bald stirbt. Nach schwerer OP und Chemo sieht er schon ziemlich scheiße aus, er ist bleich, hat tiefliegende brennende Augen und er weint viel – und zwar häufig und gern vor laufenden Kameras. Der habituelle Selbst-Inszenierer hat es für gut befunden, seine höchst privaten Schmerzen, seine Ängste, seine Verzweiflung und sein Elend vollrohr öffentlich auf alle erreichbaren Bühnen (TV, Print-Medien, Buch) zu kotzen. Schonungslos, ungefiltert, nicht ohne Larmoyanz und Peinlichkeit. Was mich ärgert: Meine Neugier ist noch immer größer als meine Geschmackserziehung zuläßt: Ich habe Christoph Schlingensiefs gestern erschienenes Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ gekauft und gelesen – und ich bin unangenehm berührt.

Natürlich möchte ich niemandem vorschreiben, noch nicht einmal bewerten, wie sich jemand zu Krankheit und Tod stellt, wenn er selbst davon betroffen ist. Nach meinem Eindruck machen es die meisten Menschen mehr oder weniger still ab, mit sich, der Familie, ein paar Freunden, wenns hochkommt. Man zieht sich zurück aus dem Trubel und leckt seine Wunden stilvoll, wie ein kranker Wolf oder ein alter Indianer. Kaum einer, den ich je kannte, rannte, als er erkrankte, laut schreiend durch die Straßen auf den Marktplatz, um dort eine Bühne zu erklimmen, sich in der Raserei hiobsmäßiger Verzweiflung die Haare zu raufen, das Hemd zu zerreißen und mit blutiger Brust hinauf zum Himmel zu schreien: „Gott! Warum nur! Warum ich? Warum jetzt schon?“ Da ich, obwohl ein alter zauseliger Emo, der auf Beerdigungen immer als erster losflennt, dennoch ein etwas herzloses Verhältnis zum Tod habe, ist es mal gut, daß ich nicht Gott bin, – ich würde dem Schreihals und kleinen Häwwelmann nämlich kühl antworten: „Ja – was? Warum nicht du? Und wann, wenn nicht jetzt? Wann wäre es denn genehm?“

Mein Problem mit Schlingensiefs Selbstentblößungen betrifft nicht so sehr die „Tyrannei der Intimität“, also die Tatsache, daß er dem Zeitgeist entsprechend offensiv, ja brutal mit dem herumtratscht, was besser privat bliebe (ich führe auch nicht gern Wartezimmergespräche mit Senioren, die ihre mehr oder weniger fiesen Krankheiten zum Lebensinhalt machen – ich find mich selbst schon eklig genug!), – sondern daß er es offenbar für extrem ungerecht hält, daß er todkrank ist – wo er doch noch so viel vorhatte! Er will, er will, er will! doch noch so viel: Pizza essen gehen, heiraten, Kinder zeugen, im Fiebersumpf von Kamerun ein Opernhaus bauen (echt! im Ernst! Ein Schlingensief muß doch „Spuren hinterlassen“!), nachdenken, herausfinden, wer er ist, und weiß der Teufel noch, was alles. – Ja und? Wessen Problem ist das? Ohne wen hat er denn da seine Rechnungen und Pläne gemacht? Wenn Orientalen muselmanischer Richtung persönliche Zukunftspläne, und sei es nur ein Wirtshausbesuch am nächsten Tag, verabreden, flechten sie immer ein: Inşallah! Was so viel heißt wie: Falls mir nicht Gottes Hand dazwischen funkt und mich arme Eintagsfliege vorher auf die Tischplattte klatscht. Damit ist, Gottesglaube hin oder her, nämlich allezeit und immer zu rechnen, da wir, und zwar wir alle, eben ausnahmslos sterblich sind. Und ziemlich empfindlich. Wir gehen halt leicht kaputt. Auch wir ganz besonderen Menschen, wir Künstler, Gelehrte, Schönheiten und Daseins-Adlige, auch wir Ausnahmebegabungen, Genies und Unverzichtbare … selbst wir, ohne die die Welt kaum noch Grund hat, sich weiterzudrehen, werden sterben, und zwar, wie man so sagt: früher oder später.

Der Tod ist in unserer Geselschaft nahezu das einzige, was gerecht verteilt ist: Er ereilt jeden, und die meisten zur Unzeit. Aber was heißt das, Unzeit? Wer will das beurteilen? Wann ist es genug? Schließlich gibt es auch Menschen, die die Zeit zum Sterben versäumten: Nietzsche, der stolze Verherrlicher der Gesundheit und Souveränität, starb nach elenden, demütigenden Jahren als dementer Pflegefall. Walter Jens, der einst so brilliante, intellektuelle Rhetoriker ist jetzt das, was er auf keinen Fall werden wollte: ein in Windeln liegender, hilfloser greiser Alzheimer-Patient ohne Verstand. 

Die alten Griechen priesen diejenigen glücklich, die im Vollbesitz ihrer Kräfte, in Schönheit und mitten im Kampf aus dem Leben gerissen wurden. So dumm war das nicht. Weder Dummheit noch Fanatismus kann man auch den stillen Betrachtungen nachsagen, die der ehrwürdige Mönch Yoshida Kenkô dem Thema widmete:

„Wie die Ameisen scharen sie sich zusammen, eilen nach Ost und West, laufen nach Nord und Süd. Menschen von hohem und niederen Stande, Alte und Junge haben ein Ziel und haben ein Haus, in das sie heimkehren; abends gehen sie schlafen, und am Morgen stehen sie auf. Aber was treiben sie denn? Sie sehnen sich nach einem langen Leben, und sie streben unaufhörlich nach Gewinn. Welches Glück erwarten sie denn, während sie sich so plagen? Nichts als Alter und Tod stehen ihnen bevor, und sie kommen schnell, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern. Worüber freuen sie sich etwa, während sie auf Alter und Tod warten? (…) Dumme Leute jammern über Alter und Tod. Sie möchten, daß alles ewig währe, und sie wissen nichts von dem Gesetz der Hinfälligkeit alles Irdischen.“ [Yoshida Kenkô, „Betrachtungen aus der Stille„]

Man kann etwas lernen – ohne sich moralisch über andere erheben zu wollen. Ich tadele Schlingensief nicht. Wir überaus Mitteilungsbedürftige und Ausdruckssüchtige sind alle ein klein wenig narzißtisch gestört. Schlingensief, seit 25 Jahren daran gewöhnt, um sich und seine diversen Drolligkeiten maximalen Medien-Wind zu machen, Provokationen zu säen und öffentiche Aufmerksamkeit zu ernten, mit extra viel Theaterdonner irgendwelches Gekasper und post-Beuys’sches Sozialgemache anzuzetteln; gewöhnt auch daran, 24 Stunden am Tag auf erleuchteten Bühnen, vor laufenden Kameras und offenen Mikrophonen zu leben; begierig danach, den eigenen Namen täglich landauf landab, von Burma bis Bayreuth genannt zu hören; gesalbt, geölt und zu heiß gebadet in den Wassern massenmedialer Aufmerksamkeit – kann wohl gar nicht anders. Er will, wie Jean-Baptiste Molière, unbedingt auf offener Bühne, vor Publikum sterben. Seinen privaten Tod als Schaustück inszenieren. – Mein Gottt, soll er. Wir werden ihm den Applaus nicht verweigern, nur …

… das Tao des guten, bescheidenen Abschieds geht anders. Stiller Rückzug will rechtzeitig geübt werden. Für die Anhänger des Tao im japanischen Mittelalter war das nicht nur eine ethische, vielmehr noch eine ästhetische Frage.

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Zen-Garten: Die Welt ist auch schön, wenn wir weg sind!