Archive for the ‘It’s a women’s world’ category

Ewig die Mutter (Eine Gespenstergeschichte, glaub ich)

26. Juli 2012

Auf der Couch bei Professor Freuds Zauberlehrling – Notfalltermin! – Tja, Doktor, wie soll ich nur anfangen? Also ich komme nämlich wegen meiner übermäßigen Mutterbindung. Sie werden sagen, im fortgeschrittenen Rentenalter sollte man diese überwunden haben, oder? Ich finde unbedingt auch. Aber das Problem bin ja nicht ich – die Mutter ist’s, die mich nicht lassen will und kann! Seit drei Jahren hat sie mich nun jeden Morgen, teils um 8.00 Uhr, teils, wenn sie mich mal gnädigst ausschlafen ließ, um 8.16 Uhr, aus Übersee auf dem ominösen Funkradiowecker angerufen, den sie mir, ich vermute, mit Hintergedanken, einst unterschoben hatte. Immer nur angerufen – und nie ein Sterbenswort gesagt! Nur täglich ungemein vorwurfsvolles, beleidigtes, verkniffenes Schweigen! So begann jeder meiner Tage mit Beklommenheit und bleischweren Schuldgefühlen.

Die Gattin war es aber jetzt doch leid, das ewige Schwiegermuttergeglucke, und hat deshalb irgendwas mit diesem verdammten Wecker gemacht, dass er nicht mehr fiept und pickt und stichelt, die Anrufe mithin aufhören. Das war heute Morgen. Und dann ist passiert, was Sie mir nicht leicht glauben werden, ich aber hoch und heilig, sozusagen beim Leben meiner Mutter, ha! beschwöre: Ich sitze also vor der Eisdiele Rialto, um einen Eis-Café zu löffeln – eine gewiss unmännliche, infantile Nascherei, zugegeben – und um dabei arglos das ungewöhnliche Naturschauspiel eines sonnigen Sommertages zu genießen. Aufblickend aber  erstarre ich jedoch selber zu Blitzeis: An einem Nebentisch, keine fünf Meter entfernt, sitzt … meine  Frau Mutter! Mutterseelenallein, was natürlich schon wieder einen stummen Vorwurf beinhaltet, sitzt sie kerzengerade am Bistrotischchen und kramt, wie es ihre Art ist, hektisch in der Handtasche, nestelt neurotisch am Blusenkragen, richtet alle paar Sekunden ihre Frisur und ruckt mit dem Kopf wie eine orientierungslose Hühnertaube. Die Frisur, die Brille, das Gesicht, die verbittet herabgezogenen Mundwinkel, der weh einwärts gewandte Blick – hundertprozentig Mutter, wie sie leibte und lebte, als sie noch lebte! Ist das nicht unfassbar? Mir sträuben sich die Haare auf den Unterarmen.

Was? Sie sagen, es sei sicher ein Zufall, aber nun doch nicht geradezu transzendental irrwitzig, seine eigene Mutter unverhofft in einem Café zu treffen? – Da mögen Sie schon Recht haben, Doktor, aber ich finde es doch, nach allem was ich auf diesem Gebiet weiß, entschieden unpassend für Menschen, die seit mehr als fünf Jahren verstorben sind, in einer Eisdiele herumzulümmeln! Wenn das nun alle Verblichenen so hielten! Wie? Sie meinen, dann wäre meine Mutter ja schön blöd, wenn sie es nicht auch täte? Haha. Sie nehmen mich nicht ernst, nicht wahr? Ob ich gelegentlich an Erscheinungen glaube? Ich glaube praktisch nur an Erscheinungen!

Und selbst an die kaum noch – denn nachdem ich minutenlang wie gebannt zur Mutter hinübergestarrt hatte, trat unvermittelt eine dicke, schwitzende Matrone in hässlichen roten Capri-Hosen auf mich zu und patsche mir überschäumend fröhlich auf die Schultern: „Mann, was fürn Zufall!“ krähte sie enthusiastisch. Um meine Contenance war es endgültig geschehen. Fast begann ich in Tränen auszubrechen. Was wollten denn auf einmal alle von mir? Die dickdampfende Madame in Rot, meiner entgleisenden Gesichtszüge ansichtig, trat ein Schritt zurück, fasste mich schärfer ins Auge, patschte sich vor die Stirn und murmelte verlegen: „Oh. Tschulligung. Eine Verwechslung.“ Sehr, sehr seltsam, oder? Und, nein, Mutter war nach diesem Vorfall keineswegs verschwunden. Sie saß noch immer dort, nestelte, ruckte und schaute wehmütig ins Imaginäre, als ich schon fluchtartig das Café verließ, mich aufs Rad schwang und schleunigst, wie von Furien gehetzt, davon eierte.

„Ooch“, sagte die Gattin mit ihrem gewohnt herzlichen Mangel an Mitgefühl, „wahrscheinlich bist du bloß aus Versehen in ein Paralleluniversum getreten. Geh doch mal zum Kosmogonen oder Ornithologen, dich durchchecken lassen…“ Da wäre ich also, Doktor. Ich bin doch normal, oder hab ich was Ernsteres? Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass die Manipulationen am Funkradiowecker gar nichts genützt haben. Nicht nur, dass Mutter weiterhin durchklingelt – jetzt lässt sie sich überdies noch nicht mal mehr abstellen.

 

 

Wie Immanuel Kant einmal in den Krautsalat fiel

4. April 2012

Kant-Salat

Also das kam so: Der Tag hatte schon „saublöd“ (Karl Valentin) angefangen, mit einem Halbalbtraum nämlich, in dem ich auf die zweifelhafte Idee gekommen war, eine Fahrradtour nach Teheran (!) zu machen. Am Abend wollte ich zurück in Dortmund (?) sein, obwohl ich da gar nicht wohne, und dann hatte ich kein Geld, keinen Pass, sprach kein Farsi, konnte die Schilder nicht lesen und kam aus der gottverdammten Mullahmetropole nicht wieder heraus; überdies war die Stadt auf der 9x7cm großen Weltkarte in meinem Notizbuch irgendwie verrutscht und lag plötzlich am Meer, anstatt im Gebirge, was mich zwang, endlos durch den Teheraner Container-Hafen zu gondeln, kurz, es wurde Nachmittag, die Sonne stand schrägtief, die Muezzine begannen schon von den Minaretten zu quengeln und ich war noch immer nicht aus dem Weichbild der Stadt hinaus – und dann ging auch noch das Licht an meinem Fahrrad kaputt! Wahrscheinlich waren Allahs Ajatollahs mir schon auf den Fersen bzw. Felgen, meine Stimmung entsprechend beinahe weinerlich. – So fängt kein guter Tag an. Und dann als nächstes der Müllschock!

Ich hatte nämlich am Montagmorgen Müll-Dienst und musste die geleerten Tonnen in den Hof verfrachten, eine im Sechs-Wochen-Rhythmus zu absolvierende Pflicht, die ich sehr ernst nehme. Also den Albtraum notdürftig weggeduscht, rasiert, geföhnt, in den legeren Straßenanzug geschlüpft, ohne Krawatte, aber gepflegt, die Stiege herunter auf den Bürgersteig und – Schock! Ein anderer Hausbewohner hatte meine Arbeit schon getan! So etwas kann ich auf den Tod nicht ausstehen! Ich bin eine Art Autist, ich habe praktisch Asperger, ich brauche verlässliche Strukturen und werde verdammt nervös, wenn mir einer in die Ordnung pfuscht. Zitternd hockte ich eine bange Stunde in der Stube, brutal um den geplanten Tagesanfang gebracht. Eine Weile überlegte ich, ob es nicht besser wäre, die Mülltonnen wieder hinauszubefördern, um sie dann ordnungs- und turnusgemäß eigenhändig wieder einzuholen, aber das kam mir dann selbst blöd vor.

Trotzdem, der Tag drohte im Chaos zu versinken. Außerdem waren Ferien, ich hätte die Zeit gehabt, online Solitaire-Mikado zu spielen, meine Weinkorken-Sammlung zu sortieren oder mir strunzdumme Sendungen im Plapperkasten anzuschauen – stattdessen knabberte ich Fingernägel, ventilierte zaghaft halbgare Pläne und beging zahllose, hier nicht darstellbare Übersprungshandlungen, deren Folgen ich dann zu beseitigen hatte. Bloß gut, dass die Gattin nicht da ist, um Zeugin zu werden, was ich anstelle, wenn sie nicht da ist! Ich bin derzeit nämlich nervlich besonders gefährdet, weil ich Strohwitwer bin. Sagt man das eigentlich noch? Strohwitwer? Jedenfalls die Gattin hat derzeit ihre Gesundheitswochen und ist in ein Wellness-Hotel gezogen, wo sie für viel Geld nichts zu essen bekommt, stattdessen aber vietnamesische Gesichtsreflexzonenmassage, Leberwickel und Glaubersalz. Ihr kulinarischer Tageshöhepunkt besteht in der Verabreichung eines Glases Sauerkrautsaft. Mich macht das ganz krank, ehrlich, obwohl sie das freiwillig tut; ohne das gemeinsame Kochen fehlt mir aber der Lebensmittelpunkt und die Tagesstruktur.

Aus Solidarität beschloss ich, wenigstens vegetarisch zu leben und bereitete mir nach Anweisungen aus dem Internet einen Krautsalat mit Tofu-Würstchen zu, um mal zu sehen, wie das ist, wenn man nichts Gescheites isst. Strohwitwerschaftssbedingt schon etwas verwahrlost übernahm ich mich indessen; ich wollte mangels menschlichem Gegenüber an meinem High-Tec-Schreibtisch speisen, guckte also dabei, linker Bildschirn, Fernsehen, beobachtete (rechter Bildschirm) das Internet, strich mit der einen Hand Senf auf die Tofu-Kringel, wollte aber zugleich was nachschauen und hielt deshalb in der Linken zusätzlich noch ein Büchlein von Immanuel Kant. Als aber dann auch noch das Telefon klingelte, begann ich unkontrolliert zu zittern, unvermutet trat Zerebralkrampf ein, die Motorik verschmorte und … Kant fiel in den Salat. – Es handelte sich übrigens um die „Kritik der praktischen Vernunft“.

In der Brezelstube (Schöner werden!)

2. April 2012

Frisur schon mal klasse, aber ein paar Längsstreifen wären kleidsam! (Foto-Quelle: Wikipedia)

Ich habe eine neue Lieblings-TV-Sendung entdeckt, bedeutend unterhaltsamer und stimmungsaufhellender als die allenthalben misslichen Koch-Shows, worin bekanntlich am Herd unentwegt geredet und konversiert, gefrotzelt, gealbert, gesungen und getanzt werden muss, was den Ergebnissen kulinarischer Aspirationen sichtlich nicht zum Segen ausschlägt, denn anspruchsvolle Gerichte, das weiß ich aus eigener Erfahrung, erfordern bei der Zubereitung fokussierte Konzentration, deren permanente parapraktische Störung Soufflés , Sabaione und Tornedos à la Rossini zu verpampten bzw. verkohlten Enttäuschungen missraten lässt. Das ist schon in der heimischen Küche unschön, aber solcher unter Beteiligung immer der gleichen eitlen Ein-Sterne-Köche erfolgenden Katastrophenanbahnungen auch noch als Zuschauer beiwohnen zu sollen, scheint mir, obschon man wenigstens nicht essen muss, was dort zurecht gefrickelt wurde, dennoch als mehrheitlich inakzeptable Zumutung.

Anders die von mir bei ZDFinfo enchantiert verfolgte Frauenaufbrezelungsschau „schick & schön“, ein Unternehmen mit dem unumwunden angestrebten, löblichen Ziel: „Unsere Frau soll schöner werden!“ Um möglichst dramatische Kontrasteffekte zu erzielen, castet man jeweils Stücker drei Damen, die von der Natur in ästhetischer Hinsicht etwas stiefmütterlich bedacht wurden, je graumäusiger, verhuschter und plumper, desto besser; dünne Haare, dicke Hüften und grässliche Textilien sind erwünscht, desgleichen, dass die Kandidatinnen daheim keinen Spiegel besitzen und sich, wiewohl erwachsen, die trutschige Oberbekleidung noch von Mutti kaufen lassen.

Dann geht es los! Die Stiefmütterchen werden von einer Stil-Gouvernante erst einmal zum Friseur geschleift, wo auf betont verwegene Weise aufgepuschelt, gelockt, gebügelt, geschäumt, schräg geschnitten, extendiert, gefärbt und mit Strähnchen versehen wird, was zuvor bloß so Haare waren. Hei, was für Erwachen, wenn die frisch Geföhnten erstmals in den Spiegel schauen dürfen! Einer bis dato biederen Verwaltungsangestellten hatte man zum Beispiel einen leuchtorangenen Bubikopf verpasst, mit dem sie auf jedem tschechischen Straßenstrich reüssiert hätte, und zwar besonders auch im Dunklen. Zaghaft meldete sie etwas Gewöhnungsbedarf an.

Dann geht es weiter in die Retusche, zweite Phase der Totalrenovierung. Den bislang ungeschminkt und blass durchs Leben stolpernden Pfannekuchen werden Gesichter gemalt! Als Mann ist man spätestens jetzt frappiert: Die virtuosen Visagistinnen sind wahre Zauberfeen der tuschkastengestützten Gesichtsherstellung! Die vormaligen Pumpernickel sind nicht wieder zu erkennen und sehen jetzt aus wie aus dem Fernsehen gepellt. Am liebsten würden die frisch gestrichenen Lidschattengewächse in Freudentränen ausbrechen, aber das geht natürlich nicht, da es die ganze mühselige Kunstmalerei ruinieren würde.

Schließlich die Vollendung: Die Ex-Entlein steigen aus ihren Kartoffelsäcken und werden in schickes Schwanen-Outfit eingewickelt. Bucklichtes wird gestreckt, zu Breites mit Längsstreifen kaschiert, mangelndem Selbstbewusstsein mit kessen Farbtupfern und Accessoires aufgeholfen. Ich lernte dabei, dass sehr starke, große Mädchen unbedingt kleine Handtäschchen vermeiden sollten, weil diese die Proportionen ins Ungute verzerren.

Generalüberholt und rundum aufgebrezelt werden die strahlenden Sahnetörtchen dann ihren Familien zugeführt, welche spitze Schreie ausstoßen, sich geblendet die Hände vors Gesicht schlagen und beteuern, ihre Mädels nicht wieder zu erkennen, was allgemeinen verdienten Jubel auslöst. Ich stimme schmunzelnd mit ein, obwohl ich mich frage, ob meine feministischen Kampfgefährtinnen diesen Humbug wohl ebenfalls goutieren würden. Aber was solls – unser Land ist wieder ein Stück attraktiver geworden.

Um die Show in vollen Zügen genießen zu können, sollte man dazu ein wenig leichten Weißwein genießen, einen frischen Heurigen aus dem Wienerwald vielleicht, gut gekühlt und ruhig reichlich davon, gilt doch das bekannte Sich-Frauen-schöner-Trinken hier als wohlwollender Zuschauerbeitrag, mit dem man nicht knausern sollte!

Morns um Pfümpf (Zähneknirschen)

2. Dezember 2011

Bei Kilometer 8,5: Die Schmerzen kommen erst noch!

Verdammt, abends die Tabletten vergessen und zur Strafe morgens um 5.00 Uhr aufgestanden. Menno, greinte ich selbstmitleidig, um diese klamme Unzeit schläft ja selbst Frau Dr. Angela Merkel noch! Oder schlüpft höchstens gerade erst aus ihrem mit honigblauen Bärchen bedruckten Edelflanell-Pyjama, der in der kurzen Nacht kaum Zeit gehabt hatte, schlaftypisch seine sorgfältige Gebügeltheit zu verknittern, um sich, während man ihr die Haare macht und die verquollenen Äuglein pudert, von ihrer Assistentin das Redemanuskript reichen zu lassen, weil sie das „noch mal durchgehen“ will. Frau Merkel soll nämlich um neun eine Regierungserklärung verlesen und muss noch an dieser Metapher mit dem Marathon-Lauf feilen. Vor dem Frühstück!

Marathonläufer, wird sie später sagen, hätten ihr erzählt, ab Kilometer 35 würde es erst richtig, richtig schmerzhaft. Das sollte in Bezug auf die Euro-Krise wohl bedeuten, das schlimmste käme erst noch. Dazu deutete sie mimisch ganz kurz eine gewisse innere Finanzschmerzverzerrung an, um dann aber sogleich wieder ungemein mecklenburgisch-patent, tapfer und zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Als Bundeskanzlerin braucht sie ja Contenance-Kompetenz und kann jetzt nicht einfach so losheulen! Außerdem muss sie gleich schon wieder weg, nach Frankreich trampen jetten, um den großen Pinocchio zu treffen, da will man ja gut aussehen. Im Bus Flieger wird sie noch mal mit ihrer Gesichtstrainerin diese liebreizende Miene aus errötender Mädchenhaftigkeit und mütterlichem Beruhigungstrostdusel üben, die sie immer aufsetzt, wenn sie den kleinen Frosch Prinzen in Paris küsst. In der Stadt der Liebe! Das kommt nämlich gnadenlos im Fernsehen.

* * *

Ich selber kann morgens um fünf Uhr praktisch noch überhaupt gar nichts. Zitternd vor Desorientiertheit sitz ich am Schreibtisch und spüre, wie mir brachial die Bartstoppeln durch die Gesichtshaut brechen. Derart hypersensibilisiert studiere ich die Frühnachrichten, in denen es u. a. hieß, 10% aller Deutschen knirschten mit den Zähnen. Dazu haben sie auch allen Grund, denke ich, finde aber zugleich die Vorstellung grauenerregend, wie es sich anhört, wenn acht Millionen Menschen unisono mit den Zähnen knirschen. Man könnte das mal aufnehmen und mit so einem dumpfen, schleppenden TripHop-Beat unterlegen und vielleicht noch additiv dazu einsampeln, wie 25 Millionen Deutsche morgens verzweifelt gähnen, weil schon wieder so ein Tag ist. – Das Grauen! So etwas würde Frau Merkel sicher nicht hören mögen, sie hat sich wahrscheinlich eine schöne Entspannungs-CD eingelegt, für Flöte, Harmonium und Meeresrauschen, damit sie nach 35 Kilometern noch Puste hat. Mit Schnappatmung kann man keine Währung retten!

* * *

Vorgestern hab ich mit der Gattin einen Fernsehfilm angeschaut, worin Götz George einen pensionierten, mählich dahinsterbenden Staatsanwalt spielt, der einen alten Fall aufklären will, bevor er krebshalber wegmuss, und schon bald wird klar, er ist selbst der von ihm gesuchte Mörder, ermittelt also wie Kleists Dorfrichter Adam gewissermaßen in Eigenbedarf. Wozu er aber denn da, frage ich die Gattin aufklärungsheischend, weil sie von Filmen mehr versteht als ich, erst anderthalb lange Stunden hustend durchs fahl-dunstige Brandenburg stochern musste – er hätte doch genauso gut gleich zur Polizei gehen und sagen können, ich wars. Also er jetzt. Dann wäre der Film in Nullkommanichts zu bewältigen gewesen und dieses ganze entsetzliche Brandenburg wäre uns erspart geblieben. Als ich mit der dummen Fragerei nicht aufhören wollte, breitete die Gattin schließlich genervt die Arme aus und tremolierte pathetisch: „Mensch – er tahaat es für uns!“ – Man würdigt das zuweilen vielleicht nicht genug?

* * *

Fremde Berufswelten wie die von Angela Merkel finde ich im Prinzip schon phantasieanregend. Weil ich mich morgens leicht verlese, stolperte ich über einen Roman-Satz, der besagte: „Vor der Klinik saßen die Krankenhausbesitzer und rauchten.“ Diesen Satz würde ich gerne verfilmen: Wie so feiste, in gestärkte weiße Anzüge gehüllte Hospitaliers vor ihrer Bude sitzen, Zigarren schmauchen und ihre blutigen Hände reibend auf Patienten lauern! (Es hieß aber bloß Besucher, nicht Besitzer.) Die Gattin indes, Meisterin des kreativen Versprechers, meldete noch, die Familie der Wasserableser sei unterwegs. Bevor sie sich noch in „Firma“ korrigieren konnte, erträumte ich mir bereits einen vage zigeunerhaften und dubiosen Clan, der seit Generationen die exklusive und irgendwie klandestine  Kunst des Wasserablesens hütete, deren Geheimnis aber bei Todesstrafe nicht ausplaudern dürfe. Manchmal, denke ich, sollte man sich sprachlich etwas mehr gehen lassen, um Neuland zu entdecken.

Verbraucherentwöhnung (Leben ohne Zusatzstoffe)

20. November 2011

Das Verbrauchen aufgeben: Leben ohne Zusatzstoffe!

Nach Silvester will ich nun endlich mit dem Verbrauchen aufhören. Verdammtes Laster. Jeder weiß: Die Haut zerknittert, die Lunge schrumpelt, der Magen krampft, aber es wird weiter verbraucht, als gäbs kein Morgen! Aber jetzt gewöhn ich’s mir ab! Egal, welche Mittel: Akkupunkturschrauben, Hypnosetabletten, Demut im Stuhlkreis. Denn es fällt so schwer! Man will ja nicht hören: Verbraucher sterben früher, Verbrauchen macht Krebs und die Fötis kommen schon schrumplig auf die Welt, das ist einem aber schnurzegal und wenn die Statistik zweimal klingt, man macht nicht auf, man ist nicht zuhaus, weil man ja riesige Drahtkäfige auf Rollen durch die Schluchten des LIDL schieben muss, den ALDI hoch und den REWE wieder runter, mit großen runden Verbraucheraugen und Schmacht im Hirn, denn was man jetzt braucht, sind Hartmacher, Weichmacher, Säuerungsmittel, Konservierungsstoffe, naturidentische Aromen, funktionale Additive, Farbstoffe, Backtreibmittel, clandestines Chemiezeugs, allerhand Allergene also und vom ALDI noch Mittel gegen den Tod, Vitamintabletten, Magnesium-Brause, Salbei-Hustinetten. – Aber was das immer kostet!

Nicht auszudenken, was man als Nicht-Verbraucher für Summen sparte. Sorgenfrei und kommod schlenderte man freitags zur Bank, zöge sich einen überschüssigen Batzen Scheine, die man daheim, weil man Geld ja laut Indianerehrenwort angeblich nicht essen kann, wenigstens schön bügeln, stapeln, zu Abreißblöcken lumbecken oder in transparentes Kunstharz gießen könnte, um sie später dezent neidischen Besuchern vorzuführen. Leider, wie ich mich kenne, würde mir die Geldstapelei wohl rasch fad. Mit Geld hab ich’s nicht so, das macht meistens meine Frau.

Kürzlich hat mich am helllichten Tag ein zumindest am Telefon sehr verführerisches und verbraucherfreundliches Fräulein angerufen und gefragt, ob ich mit dem Verbraucherkredit zufrieden sei, den ich bei ihrer Bank hätte. Sie hatte einen arabischen Namen (das Fräulein, nicht die Bank), und ich fühlte mich kognitiv etwas überfordert, weil nämlich unsicher, ob Zufriedenheit in Bezug auf einen Kredit überhaupt eine sinnvolle Kategorie sein könnte. Nach längerem Grübeln schlug ich der jungen Dame, die mit Sicherheit Abitur hatte, zaghaft vor, ich könnte ja vielleicht mit der Höhe der Zinsen unzufrieden sein? Ich wollte ja bloß nett sein! – „Wieso?“ schnappte die Schnippische zurück, „kriegen sie den denn woanders billiger?“ Weil ich grad an einem Philosophie-Vortrag saß, war ich ein bisschen blöd im Kopf, und, eh ich einschreiten konnte, hörte ich mich sagen: „Keine Ahnung, da müsste ich meine Frau fragen…“ – Auf solchen Geistesgegenwärtigkeiten beruht mein phänomenales Glück beim weiblichen Geschlecht!

Ich müsste dringend mal zum Schlagfertigkeitstraining. Nicht, dass mir keine guten, witzigen Repliken einfallen, nur leider immer erst zwei Stunden später. Ich hab Zeitverzögerung wie eine Sparkassenkasse. Deswegen kann ich auch nicht zu Quizsendungen, obwohl ich eine monströs umfassende Allgemeinbildung besitze – vor Aufregung könnte ich sie aber nicht abrufen. „Abrufen“ ist heute das meistgebrauchte Wort bei unsren Fußball-Profis. Nachdem man ca. zwei Jahre lang stereotyp „alles gegeben“ hat, muss man nunmehr vor allem nicht etwa sich anstrengen, sondern seine „Leistung abrufen“. – Neulich war ich übrigens ausnahmsweise einmal ziemlich auf der Höhe und hab meine Intelligenz abgerufen. Im Maredo-Steakhaus konterte der Kellner meine Beschwerde, die servierten Pommes seien kalt, in dem er sensibel mit den Fingerspitzen das Geschirr befühlte und mir mitteilte: „Der Teller ist aber warm!“ „Okay“, erwiderte ich – serve and volley!„aber den Teller will ich ja nicht essen!“ Ha, ha! Gut, was? Oder, na ja, ins große Buch der geistvollen Anekdoten wird das vermutlich keinen Eingang finden, öffentliche Aufmerksamkeit wird mir deswegen nicht zu teil.

Überhaupt: Viele wertvolle Leistungen blühen in der Verborgenheit. So wusste ich bis vor kurzem gar nicht, dass es beispielsweise eine „Europäische Meisterschaft im Gemüse-Schnitzen“ gibt. Das muss man sich mal vorstellen: Ein so gemütvolles, harmlos veganisches, gutsinniges und besinnliches Hobby wie das Gemüseschnitzen wird von den Medien kaltschnäuzig geschnitten! Billard wird übertragen, Poker, Wok-Schlittern und Springreiten, aber wenn eine einfache Sekretärin aus Bottrop es schafft, aus einem Rettich eine Seerose zu schnitzen, ist das keine Übertragung wert. Armes Deutschland!

„Armes Deutschland“ schreiben die Nörgelrentner mit den gebügelten beigen Anglerwesten immer in den Kommentar-threads, wenn „die Politiker“ mal wieder den Überblick nicht aufbringen, den die Ressentimentregimentsreiter vom Stammtisch im Verbraucherclub längst besitzen. Ein zärtlich-besorgtes, aber bitterlich resigniertes, geradezu barmendes Statement, fast wie von Heinrich Heine: Armes Deutschland. Denk ich an Deutschland in der Nacht, hab ich sie ganz gut verbracht.

Ich habe immerhin einen hübschen Nachmittag verbracht und meiner Leidenschaft für den Frauenfußball gepflogen. Beinahe hätte ich Frauenfrustball geschrieben –  im Angedenken an die Kasachinnen, die von den deutschen Damen mit 17:0 in den Boden gepflügt wurden. Man kam gar nicht zum Pinkeln zwischendurch, derart hagelte es Tore. Armes Deutschland? An Toren mangelt es uns jedenfalls nicht. Wäre das Leben insgesamt so knusprig, dass darin durchschnittlich alle 5,3 Minuten ein Tor für uns fiele, wer brauchte da noch Chips und flüssige Stimulantien? Ein verbrauchfreies Dasein winkte uns, wir atmeten frei, fassten uns zum Tanz an den Händen und bewürfen uns schmunzelnd mit Kügelchen aus Papiergeld. Famoser Traum: Ein Leben ohne Zusatzstoffe!

Romantik? Is‘ mit Sehnsucht, oder? (Aus meinem Tagebuch)

10. Oktober 2011

Romantik ist mit Sehnsucht, aber oft ohne Frühstück...

Polaroid von mir: Da kommt der König des Geddo! Altmagister Kraska walzt nächtens zu fuß, majestätisch seinen Embonpoint vor sich herschiebend wie den Bug eines äußerst selbstbewussten Öltankers, leicht schwankend über den Brückenplatz, steuert eine Gruppe schwarzer, des nachts aber noch erheblich schwärzer wirkender Ganja-Anbeter und Vielbier-Trinker an, teilt diese wie das Rote Meer, schreitet gemächlich durch sie hindurch, als wäre er von einer Uno-Blauhelmtruppe eskortiert und komplett immun gegen Anfeindungen und Zweifel jeder Art, grinst dabei auch noch doof herablassend und macht dazu ein Gesicht, das mimisch besagt: „Ja? Waas?!“ – Und? Kriegt er aufs Maul? Iwo! Rätselhafterweise nicht, im Gegenteil, ehrerbietig bildet das Zwielicht-Volk eine Gasse und lässt ihn sanftmütig passieren! – Bang frage ich mich, seit wann ich eigentlich dermaßen angstfrei bin. Ist es der Wein? Oder ist bereits das ein Anzeichen nachlassenden Lebenswillens? Geht es zu Ende mit mir?

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Wunderlich scheint mir auch, dass ich in erotischer Hinsicht, nach Cellistinnen, Friseusen und Sport-BH-Trägerinnen, nunmehr und gegenwärtig stark von barfuß singenden Soulschnepfen angefackelt werde? Ich wusste gar nicht, dass Senilität so bunt ist!

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Wenn nachts das Telefon in meinem Schlafbüro klingelt, dessen Nummer fast keiner kennt, kann es eigentlich nur Boris sein, mein Philosophen-Kollege, der Ex-Militante und gewesener Berliner Landesjugendmeister in der Kategorie „Forensisch relevantes und entsprechend kostspieliges Pflasterstein-Schmeißen“, dessen Doktor-Arbeit ich einst betreuen durfte (vgl. Boris Raskolnikov-Bronski, „Stein und Sein. Die Metaphysik der Überschreitung im Lichte hermeneutischer Ästhetik“, Heidelberg 1999); wenn ihm nach Telefonieren ist, liegt er meist, Unmengen von Absinth ohne Eis und Wasser vertilgend, in seiner Wohnbadewanne mit Blick auf den Zentralfriedhof, und äußert teils finsteres, teils aggressiv feindseliges, kulturpessimistisches Gedankengut.  Was uns zusammen schmiedet, ist unsere suizidale Neigung: Boris schläft mit dem Kopf im Gasofen, ich horte Pillen und übe Segler-Knoten an eingeseiften Hanfseilen. Wir sind beide noch am Leben, weil wir uns nicht einigen können, wer auf wen die Grabrede halten darf. Wir haben beide so gute Ideen!

Nach ca. drei, vier Stunden sind wir fertig mit Telefonieren, bzw. ich kann nicht mehr. Ich werde alt, Mensch! Boris, der gelegentlich leichte Züge von hereditärer Homophobie an den Tag legt, sagt noch: „Mann! Wie Mädchen! Wir telefonieren wie Mädchen!“ Dann ist es irgendwie zu spät, noch ins Bett zu gehen und zu früh, um Frühstück zu machen. – „Mein Gott!“, die Gattin schüttelt den Kopf, „Worüber zum Teufel UNTERHALTET ihr euch denn so lange?!“ „Darüber, dass alle außer uns doof sind“, entgegne ich betont beiläufig. – „Ach“, versetzt die Gattin nicht ohne Sarkasmus, „und dafür braucht ihr VIER Stunden?“

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 Nach früher Kälte noch mal Föhn. Die Fenster stehen auf und der warme, nächtliche Wind blättert in den aufgeschlagenen Büchern über das Wesen des Lesens, die sich auf dem Schreibtisch stapeln. Wer so etwas poetisch findet, kann nur ein sentimentaler alter Idiot wie ich sein. Machen wir uns nichts vor: Ein Großteil sogenannter Lyrik beruht auf peinlichen Klischees, das lässt sich kaum leugnen.

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 Azzize, die ich im Auftrag von Boris durchs Deutsch-Abitur peitschen soll, ist ein olivfarbenes, großes Fragezeichen mit seitlich so riesen Kreolen dran. Wir sollen steinalte, bemooste Gedichte verhutzelter Frömmlerinnen interpretieren. „Barock?“, murmelt Azzize ratlos, „nee, keine Ahnung. Ich hör mehr Old Scool, Jay Z und P. Diddy, kenn’ Se die?“ Ja, stell Dir mal vor, das kennt der alte Mann, Kiddo! – „Barock mehr so als … Epoche“, souffliere ich. Azzizes Gesicht hellt sich auf: „Ach, ja, Epoche, klar, wie Romantik oder? Romantik ist doch das mit Sehnsucht, ne?“ Na ja, in etwa kommt das hin.

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 „Boris!“ krähe ich ins Telefon, „kann es sein, dass unsere Schulbürokratie ein ziemlich zynisches Schweinesystem ist, das hauptsächlich Migrantenkinder verarscht?“ Ich soll nämlich inskünftig Murat, Emre, Gülter und Azzize (13. Klasse) Thomas Manns Schnarchsack-Wälzer erklären, aber pronto und inert vier Wochen. . „Manno, Boris“, jammere ich, „die können doch noch nicht mal ’ne Backpulveranleitung von Dr. Oetker kapieren!“ – Boris in seiner Wanne zuckt hörbar die Achseln: „Du wolltest doch die aussichtslosen Fälle!“ – Das hat man von seiner scheiß Phillipp-Marlow-Romantik!

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 Alle, die das Wohnzimmer der alten Bundesrepublik möbliert haben, werden früher oder später  verfilmt: Margarete Steiff, Marcel Reich-Ranicki, die RAF, Udo Jürgens und neuerdings Beate Uhse (Vorsicht, Pilcher-Kitsch mit fast gefühlsechtem Schleim!). Wer noch fehlt, ist Freddy „the mighty“ Quinn. Wenn ich mich erinnern will, wie verdammt scheiße alt ich bin, denke ich daran, wie ich als Kind von meinen Eltern zu Tante Klara abgeschoben wurde, die wiederum von ihrem weltläufigen Sohn Manfred, einem Seemann, einen Plattenschrank geschenkt bekommen hatte, auf dessen Zehn-Platten-Wechsler hauptsächlich Freddy-Quinn-Singles liefen, Sachen wie „Sie hängen Tom Dooley“, Fremdenlegionärs-Balladen und Seemannsschnulzen. – Wenn man danach gräbt, wovon man geprägt wurde, blickt man in einen Abgrund!

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 Früher erschien mir plausibel, was der Philosophie-Prof. Dr. Sloterdijk mal im Fernsehen sagte, dass man nämlich mit einem Riesenhaufen Dummheit geboren würde und dann sein Leben damit verbrächte, idealerweise zumindest, diesen Haufen im Laufe seines Lebens abzubauen. Ich hab das befolgt, in mühevollen Jahrzehnten, nur um am Ende zu kapieren, dass das Einzige, was man im Alter wirklich schmerzlich vermisst, die eigene Dummheit ist.

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 Romantik ist übrigens die Epoche, in der man voller Sehnsucht seiner vollkommen bescheuerten Jugend gedenkt. Mann, was hatten wir … Zukunft! Und, ja, nun,  Sehnsucht!

 


 

Vermischtes aussm Geddo

2. Oktober 2011

In vino... Die Gattin hat mich bei meinen Forschungen erwischt!

Die Gattin schätze ich unter anderem wegen ihrer Durchsetzungsfähigkeit, was manche für ein anderes Wort für Dominanz halten. Ihre Strenge macht auch vor Dingen nicht halt. Ich habe frisches Backwerk zum Frühstück mitgebracht, das auf dem Teller das Kunststück fertig bringt, einerseits noch ofenwarm, andererseits aber schon elend pappig und zäh dahinzusemmeln. Die Gattin säbelt und zerrt eine Weile mit wachsender Wut an dem Getreidegummi herum, wirft das Besteck hin, durchbohrt das Weichteil mit loderndem Blick und herrscht es schneidend an: „Du bist ein BRÖTCHEN, Mann!“ Das Teil, anstatt auf der Stelle knusprige Haltung anzunehmen, schweigt impertinent pampig und bleibt zäh. – Also ich hätte mich das nicht getraut!

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 Anatol, der cholerische Alt-Punker kommt mir schon polternd im Treppenhaus entgegen geschossen. „Mann, Mann!“ donnert er die Backen aufblasend, „die scheiß Zigeuner die, du! Dat kann donnich wahr sein! Ich hab gezz aba ma die Feuerwehr gerufen!“ – Ursache seiner romakritischen Empörung ist die Vermutung, die ungeliebten bulgarischen Nachbarn hätten jetzt! auch! noch! ihre chronisch überfüllten Mülltonnen im Hof! angezündet! Na, zutrauen tät selbst ich denen das. „Echt jetzt?“ schüttle ich vorsichtshalber den Kopf und entdecke bei Augenschein-Recherche tatsächlich, dass der gesamte Block hinterwärts auf einen halben Quadratkilometer oder so in dichten, stinkenden gelbgrauen Qualm gehüllt ist. Herrje! Leute! Sah aus wie Seveso & Gomorrha bzw. Smog-Armageddon und Gift-Apokalypse. Meine Katastrophenschutz-Instinkte alarmaktivierend geh ich schnüffelnd und hustend, tränenden Auges den Giftschwaden auf den Grund: Und? Sowieso klar! Dieser Grund liegt mal wieder bei Nachbar Özgür, dem Experten für Stress & Belästigung aller Art – er probiert heute nämlich mal seinen neuen Grill aus. Weil ich Özgür ein bisschen auf dem Kieker habe, hoffe ich herzlos, die Feuerwehr rückt mal jetzt flink mit zwei, drei Löschzügen an, um ihm den Garten zu planieren.

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So, was noch? Drüben gegenüber, im Hinterhof, tagt im grün-blau-goldenen Herbst-Delir wieder das Garagenkollegium, bei Bier, harten Eiern und sauren Gürkchen. Als halbes Vollmitglied werde ich einigermaßen enthusiastisch begrüßt und bekomme umstandslos ein Diebels sowie ein Klappstühlchen ausgehändigt. Das Wort führt gerade Sportrentner Horst, der mit den Erscheinungen hiesigen Ausländertums auf fundamentalem Kriegsfuß steht. Ginge man nur von seinen Tiraden aus, würde er bei der NPD als Rechtsabweichler verstoßen. Er ist aber nur gegen Ausländer, sofern sie im Allgemeinen existieren; im konkreten Fall hilft er, wo er kann. So hat er den kleinen Zoltan zur Einschulung begleitet, weil die armen Serbeneltern verhindert waren. In der Schule trieb man irgendwann die Kinder auf den Hof und holte die Eltern zusammen, die dann namentlich aufgerufen wurden, wodurch es dann auf jenes faszinierende Ereignis auskam und hinauslief, dass Horst, der eigentlich Schmitz heißt und Deutscher „aus Überzeugung“ ist, beim Aufruf „Milan Amir Kustranovic“ die Hand heben und laut „hier!“ schreien musste. – „So weit is datt schon“, klagte der Sportrentner nun, „dasse dich nichma mehr unter dein eichnen deutschen Namen melden darfs…!

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Der alte Blago, genannt Mazze, weil er gebürtig mutmaßlich aus Mazzzedonien stammt, ein Gründungsmitglied des Garagenkollegiums, weil es nämlich seine, euphemistisch als „Werkstatt“ titulierte, mit tonnenweise Geraffel vollgestapelte Garage ist, vor der wir tagen (das halb herunter gezogene Garagentor dient als „Marquise“), hat mit ca. 70 urplötzlich und pardauz! seine oberen Schneidezähne eingebüßt, was er mit einem umwerfend charmanten Lächeln quittiert, weil, seither kann er viel besser und genussreicher sein Flaschbier zutzeln; Mazze also hat neulich eine Fernsehreportage gesehen, und zwar über Kuba, und da sei ein Neger zu betrachten gewesen, der aus einer alten Zahnpastatube und einem Stück Schnürsenkel einen LICHTSCHALTER gebastelt hätte! Blago, selbst ein begnadeter Frickler und Bastler, ist ehrlich beeinduckt! Wir stoßen zu Ehren dieses Nobelpreiswürdigen kubanischen Bastelnegers mit einer weiteren Flasche Diebels an. Hoch lebe der findige Notneger! – Zumindest, sofern er in Kuba BLEIBT, beeilt sich Sportrentner Horst, hinzuzufügen.

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 „ – Aber weisse, Proff…“, Horst kriegt beim Ausgraben längst verstorbener fixer Ideen schon wieder glasig-glänzende Augen, „…Proff!!! Wenn WIR ne Partei gründen würden! Unn du wärs unser Führer!“ – Geduldig erkläre ich zum abertausendsten Male, dass „Führer“ heute in Deutschland keine wirkliche berufliche Option mehr sei, und für MICH schon gar nicht; Horst indes, nach dem ca. zwanzigsten Diebels, nickt plötzlich resigniert und beginnt, von mir (in meinem Beisein!) in der dritten Person zu sprechen: „Der Proff“, wispert er versonnen zu seinem Bier, „weisse, der Proff, der hat sich zur Ruhe gesetzt! Der is bloß noch son ESS…, EXSCH…, nee, EXX-RE-VO-LU-SCHONNÄR“ – Womit er zweifellos Recht hat. „Horst, du Lieber“, pflichte ich bei, „du bringssas auffn Punkt!“ – Horst denkt drüber ca. halbe Stunde nach (wir köpfen derweil neues Flaschbier), und resümiert dann ausdrucksvoll rülpsend: „Ja, aber schade! Nee, echt gezz…“

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 Im Anschluss zieht man noch über den stadtteilnotorischen Neger her, wobei ich aber entschieden nicht mitmache. „Ooh nein, den durchschnittlich hier ansässigen Neger“, doziere ich streng, wir hatten dann schon mittlerweile noch ein par Diebels-Alt getrunken, „den Neger, jetzt mal als Idee und Praxis gesehen“, – Horst kriegt runde Augen, Vlado schläft schon und Andy, der seine Schlaghand seit Wochen in Gips trägt, grinst tückisch-verschwommen – , „den Neger an sich beanstande ich keinesfalls“ fabuliere ich weiter, denn dieser sei erwiesenermaßen „sprachlich ein Super-Chamäleon, ein Checker, Auskenner und begnadeter Durchwurschtler vor dem Herren, also praktisch wie du und wir“,  wobei ich den Sportrentner Horst etwas dämonisch anzwinkere, „und wenner mal im Park bisschen Ganja vertickt, ja, na gut, dann ja wohl in bescheiden kleinen Tüten…!“ Auf meinen Antrag hin konzediert das Garagenkollegium widerwillig, „der Neger“ gehöre zu denen, die im Geddo noch am wenigsten Mist bauen; ferner sähe er immer gut aus und spräche oft besseres Deutsch als die polnisch-westfälisch-niederrheinischen Eingeborenen. „Kannzze gezzz soo aunich saagn“, mault Horst.

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 „Wie, Proff? Willzze schon wiedda gehen?“ quengelt Horst später, als ich mich nach dem soundsovielten Diebels schwankend abmelde und verabschiede, „…watt is? Lässt dich die Frau nich EIMAA in Ruhe hier bei uns sitzen?“ Ich mach mich kerzengerade und erkläre hochwürdig: „Gezz lass meine Frau ma ausm Spiel, Horst! Die sitz nämich zu Haus und dressiert Brötchen!“ Dem Vernehmen nach tagte das Garagengremium noch bis in den tiefen Abend, um meine überraschend private Aussage zu entschlüsseln….