Archiv für März 2011

Gott unter Strom. Die neuen Energie-Experten

30. März 2011

Schwer unter Strom: Gott (catholic version)

Mit Gruß an cbx (Gutes Blog!)

Obwohl ich weißgott Besseres zu tun hätte, lese ich verdammter Suchtkrüppel noch immer Nachrichten und komme prompt aus dem Staunen wieder nicht heraus. Die Bundesregierung (oder wer auch immer) hat eine „Neue Energie-Kommission“ gebildet. Fein! Kann ja nicht falsch sein, wenn sich jetzt in der verfahrenen Lage mal Fachleute zusammensetzen, denke ich. In dem vierzehnköpfigen Gremium sitzen, wie ich leider ferner erfahre, bloß irgendwelche ausgesteuerten Ex-Minister, ein paar (mit Sicherheit, ich kenne diese Zunft!) extraordinär weltfremde Philosophie-Professoren sowie ein paar dubiose Konzern-Heinis, zur Sicherheit dann aber noch … Ulrich Fischer, Landesbischof der Badischen Landeskirche, Alois Glück, Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising.

Mit anderen Worten, und wenn ich das richtig verstehe – und die Universitätsphilosophie-Hansel jetzt mal wider besseres Wissen als „Wissenschaftler“ durchgehen lasse –, bestehen immerhin satte 20% der Kommission aus naturwissenschaftlich bzw. energiepolitisch absolut unqualifizierten Quatschblasen, Aberglaubenshirten und Hirnschwurbel-Propheten,  kurz: komplett und blickdicht unterbelichtetem Theologen-Gelichter und Klerikalfunktionären. Für Ungläubige unglaublich. „Fasse es, wer es fassen kann“ (Jesus von Nazareth). Mich wundert, dass der Islamrat nicht schon wieder loszetert, weil kein sublim-muslimer Quatschprediger und Orientalobskurantist mit in der Runde sitzt. Ich kenne da übrigens auch einen meschuggenen Rabbi, der vor Erleuchtung nur so strahlt, ohne viel Energie zu verbrauchen. Ob der dann nicht auch…

Aber im Ernst, Leute: Geht’s noch? Wofür sind diese Betbrüder ernannt? Um die Sessel warm zu halten? Sollen sie für die Bundesregierung die Erschließung neuer Energiequellen („Es werde Licht!“) aus dem übersinnlichen Bereich erkunden? Oder koordinieren sie schon mal die Notfallseelsorge, falls mit der „Brückentechnologie“ doch was schief gehen sollte?

Sitzen in der UNO-Kommission für globale Bewässerungswirtschaft (falls es so etwas gibt) eigentlich auch Experten für Regentanz? Oder Botaniker (wegen der Erdbeerensicherheit)? Haben Erz-Bischöfe irgendein Geheimwissen über verborgene Rohstoffe? Soll die heiße Luft, die sie predigen, die Windenergie beflügeln? Ich meine, dass Berufspolitiker keine Ahnung haben, sondern auf Fachreferenten angewiesen sind, ist halt eine hinzunehmende Begleiterscheinung der parlamentarischen Demokratie. Aber müssen wir deshalb die Inkompetenzcenter jetzt zusätzlich auch noch mutwillig mit Leuten bestücken, die von nichts Ahnung haben außer von „Gott“, von dem sie aber naturgemäß auch nichts Genaues wissen? Oder, vielleicht viel einfacher und ökonomischer gefragt: Wozu ist diese „Neue Energie-Kommission“ eigentlich da?

 

 

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Der Deutsche ist ein großes Kaninchen auf der Welt

30. März 2011

Sofort abschalten!

„Der Mensch“ sei, so schrieb einst Nobelpreisträgerin Hertha Müller, eine rumänische Redensart zitierend, „ein großer Fasan auf der Welt“. Mir hat das schon immer irgendwie eingeleuchtet. Der Deutsche, erlaube ich mir, zu ergänzen, ist hingegen eher ein enormes Kaninchen. Das Volk der Jod-Tablettenkäufer, Knut-Betrauerer und Panik-Bürger hat eine zarte, empfindsame Seele. Furchtsam zitternd wittert es in alle Richtungen, hektisch schnuppert, twittert und tickert es sich Gefahren zu, hoppelt im Zickzack, sucht manisch nach Rettung, und fürchtet sich depressiv furchtbar vor dem Tod. Das Böse lauert ja überall. Apokalyptische Reiter: Grippe, Atom, Klon, Dioxin, Islam und was noch alles! Anderen geht das auf den Sack, uns unter die Haut. Nie bekommen wir mal, was wir so dringend benötigen: Ruhe. Unserer Kernkompetenz, Mümmeln und Rammeln, können wir nur noch marginal nachkommen, denn wir brauchen erstmal INFORMATIONEN. Mit aufgestellten Löffeln gieren wir nach Aktualität: Wo müssen wir hin oder weg, Ausschüsse bilden oder Menschenketten knüpfen, Sachen boykottieren, Vorsichtsmaßnahmen ergreifen? Man kann doch nie wissen! Was, verdammt, dürfen wir denn noch essen? Wenn da nun Atom drinne ist oder Gene? Vegetarier dürfen doch keine Gene essen!

Selbst das ziellose Hoppeln wird zum Problem. Wir hängen am Tropf medialer Aktualität. Raserei des blinden Augenblicks. Aktualität ist für das Kaninchen das, was bedrohlicherweise gerade passiert, aber nicht zu begreifen ist. Die online-Medien antworten mit dem liveticker, dem „Wahlfolgen-Ticker“ (!), „Eilmeldungen“ und breaking news sowie jetzt, neuerdings in SPIEGELonline, dem „Minutenprotokoll“.  Mindestens minütlich müssen wir ja wissen, woher der Wind weht und was Böses oder Schmutziges er für kleine Nagetiere bringt. Wir brauchen Frühwarn-, nein, sogar Brühwarm-Systeme! Sonst bleibt keine Zeit mehr fürs Wegducken. Andere Nationen grinsen und spötteln über die German Angst. Aber die sind auch keine Kaninchen, oder, um dass Personal des Kinderbuchklassikers „Winnie te Pooh“ zu zitieren, Ferkel. Ferkel ist ein etwas großmäuliges, aber extrem furchtsames Tierchen. Als es zur Jagd auf den rein imaginären „Heffalumpp“ geht, sorgt sich Ferkel nicht darum, was ein „Heffalumpp“ überhaupt ist, sondern grübelt bloß: „Ist es auch gut mit Ferkeln?

Manchmal zwickt die Medien der Übermut, und sie ziehen auf die Straße, um ihr Publikum zu veralbern. So fragten kürzlich ZDF-Reporter in der Einkaufszone, was die Leute denn jetzt von der Braunschweiger Atom-Uhr hielten. Eine gut gekleidete, eher bildungsbürgerlich wirkende Dame, von der German Angst schon ganz grau-grämlich, greinte in die Kamera: „Ja, die muss man jetzt wohl auch abschalten…“ – Wenn ihr mich fragt: DAS ist deutsch!

PS:  Vielleicht trage ich zur Kalmierung der Bevölkerung bei, wenn ich desalarmierend beruhige: Die Gefahr einer Kernschmelze besteht bei der Braunschweiger Atom-Uhr kaum. Sie abzuschalten empföhle sich ohnehin nicht. Für Länder ohne natürliche Zeit-Ressourcen ist Atom-Zeit leider unverzichtbar, sonst bleiben irgendwann die Kuckucksuhren stehen, Eier könnten nicht mehr auf den Punkt gegart werden und alle verschlafen. Auch erneuerbare Quellen wie Sand- und Sonnenuhren können den enormen Zeit-Bedarf einer modernen Industrie-Nation nicht decken!

Frühling im Geddo. Eine Idylle

28. März 2011

Mittelgebirge im Geddo (wächst nachts noch...)

„Maßlos ist das Wachstum der Bäume und Gräser im Frühjahr
Ohne Unterlaß fruchtbar
Ist der Wald, sind die Wiesen, die Felder.
Und es gebiert die Erde das Neue ohne Vorsicht.“

(Bertolt Brecht)

Erste arabische Aufstandsbewegung um 6.49 Uhr morgens (ja, ich hab umgestellt!), zum Glück nur Musik, freilich Straßen füllend. Allah und Habibi-Gejodel. „Tod dem Merkel“ skandiert noch keiner und Schuhe fliegen noch nicht. Trotzdem: Aufstehen! Apropos: Das übliche Meisen- und Amselkleingeflügel tiriliert schon. Zart randaliert das Frühjahr. Meine Freunde, die Elstern, hat der harte Winter allerdings offenbar stark dezimiert. Dafür schreitet ein Kollegium ernster Rabenkrähen in schwarzglänzenden Seidenroben gravitätisch über den Hinterhof und erörtert anscheinend irgendetwas Juristisches.

Sonor volltönend Südostanatolisches pünktlich ab Acht. Nee, nicht der Muezzin, das ist bloß wieder Nachbar Abdul, der jetzt wichtige Ferngespräche führt, wie immer ohne Telefon, diagonal über die Straße. Es geht, ebenfalls wie immer (mein Basis-Türkisch reicht wirklich aus!), um Autos und sowie Geschäfte mit Autos. Ein richtiges Autohaus hat Abdul wohl nicht, er betreibt seinen Handel ambulant, was sicherlich sinnvoller ist. Er lehnt an seinem handpolierten silbernen Daimler und streicht sich wägend den Schnauzbart. Manchmal fliegen die Rabenkrähen ohne ersichtlichen Grund auf und krächzen hämisch, dann wirken sie fast wie Geier oder Anwälte.

Auf den ersten Bäumen und Sträuchern unnachahmlich frischgrüner Hauch. Wie Deo gegen den Wintermuff. Forsythien und Japankirschen feuerwerkeln schon protzig in der Morgensonne. Begleitet von unübersichtlich zahlreichem Nachwuchs schieben die ersten langmäntligen Mütter ihre Kinderwagen durchs Viertel. Oft auch Zwillingskinderwagen. Willkommen in Sarrazins Albtraum: Hier scheinen Migrantenkids im Stundentakt geboren zu werden. Man gebiert das Neue ohne Vor-, hier und da aber vielleicht mit Absicht. Merkwürdig genug: Überraschend viele Leute in unserem muslimischen Viertel besitzen auch noch Hunde (haram wie Schwein, aber außer mir weiß das mal wieder kein hiesiger Muslim), alle Größen und Sorten, vom monströsen Kangal über den toitschen Schäferrrrhund bis zur französischen Bulldogge und dem zittrig-winzelnden Yorkshire. Die werden jetzt ausgeführt, den Bolzplatz zuscheißen.

Aus meiner serbischen Stammkneipe stolpern blinzelnd die letzten Gäste  der Nacht. Es ist neun Uhr früh! Ich weiß Bescheid: Es gibt nämlich eine neue weibliche Bedienung. Die hat legendärerweise schon mal in einem Porno mitgemacht, den hat natürlich jeder Gast bereits auf dem Handy. Den Unterschied zwischen nacktem Märchen und bekleideter Arbeit zu checken, wird niemand müde. Der Slibo fließt die ganze Nacht. Ist ja eh eine Stunde weniger. Und der Schwanz, wie eine serbische Redensart heißt, guckt wenigstens nicht in die Schuhe.

Ab mittags steigt aus allen Ecken weißer Rauch auf. Keine Angst, kein neuer Papst und kein Super-GAU: Sobald der Himmel blaut und die Quecksilbersäule über 15°C steigt, wird unweigerlich der Holzkohlengrill angeworfen. Der betörende Duft von Grillfleisch umhüllt das Gesamtgeddo. Das ist ganz gut so, denn der Sonntag ist in der Folklore einer bestimmten, nicht genannt werden wollenden Volksgruppe auch der Tag, an dem man traditionell seinen verwesenden Haus- und krumpeligen Sperrmüll auf die Straße kippt. Verwesung vs. Fleischverkohlung: 0:1 nach Verlängerung.

Auf der Straße zeigen sich die ersten Grüppchen von türkischen Schönheiten, die jetzt mit Schminken und Kopftuchknüpfen fertig sind. Allgemein herrscht Disco-Islam: hautenge Hüftjeans, körperbetonte Tops, aber Kopftuch, in grell leuchtendem Rosa-, Türkis- oder Mintgrünmetallic. Mode ist, sich das Haar unterm Kopftuch dergestalt in einem Knoten zu binden, dass der Hinterkopf aristokratisch ausladend aussieht wie bei einer altägyptischen Prinzessin. Straße und Park sind schwarz von bunten Menschen, später auch bunt von schwarzen Menschen. Ganz selten mal das graue, verkniffen-argwöhnische Gesicht eines scheuen Deutschen – er wirkt irgendwie fremdartig hier, komischerweise auch auf mich.

Hinterm Kraftwerk parken über Nacht  Kohle-Trucks aus Bulgarien, der Tschechei und Polen. Es riecht nach Kohlenstaub, Nachtschweiß und Illegalität. Vor den Schlafkojen spreizen die Raben ihre Roben und warten auf Mandanten. „Honorarrr, Honorarrr, Honorarrr!“ krächzen sie erregt. Schlaftrunken blinzeln die Trucker in die Sonne. Sie bewegen sich vorsichtig und schwerfällig, wie die Leute bei der Mondlandung. Die Luft scheint zum Atmen geeignet, mit Abstrichen, aber ob der Planet Geddo auch bewohnbar ist? Immerhin, über allem – auch wenn man das Verb nicht mehr gern in den Mund nimmt – strahlt ein kobaltblauer Himmel.

Abends. Die Sonne versinkt postkartenreif hinter den Müllbergen. Es wird kühl. Wer jetzt kein Haus hat … schläft halt im Auto. Daheim aber beginnt die Natur unermüdlich und maßlos ihr fruchtbares Werk. Du spürst den Frühling, auch im Geddo.

Schneekugeln, Altlasten, Fernsehen ohne Geruch

26. März 2011

Bombenstimmung im Geddo

Neuerdings interessiere ich mich für den Buddhismus der Tibeter. Also nicht die für den Westen weichgespülte Version des lieben Onkel Dalai Lama, sondern die alte hard-core-Lehre. Die weisen alten Männer auf dem Dach der Welt waren z. B. der Überzeugung, was uns alltäglich quält, schmerzt, ängstigt, nervt oder auch nur schwer auf die Kette geht, sei im wesentlichen bloße Illusion, Projektion des Ich oder Einflüsterung mieser Dämonen, nichts Wirkliches jedenfalls. Das hat was, finde ich. Es beruhigt. Man starrt auf den Bildschirm und atmet tief durch: Nothing is real! Kann mich also letztlich kalt lassen. Oder warm: Guckt man in eine Schneekugel, die man schüttelt, friert man ja auch nicht, obwohl drinnen der Blizzard tobt.

Außerhalb der großen Schneekugel – bzw. innerhalb der kleinen eigenen – hat man es schön, aufgeräumt, satt und bequem. Da ist der kleine Mann ganz groß. Kann etwa die Füße auf den Tisch legen und den Strategen spielen. Solln wa Bodentruppen einsetzen? Oder bloß die neuen Marschflugkörper antesten? Mal unsren fetten Eurofighter aus der Hose holen? Ich Fernseh-Depp guck mir startende Bomber an und denk tatsächlich im Stillen: Genau! Bombt den doch weg, den scheiß Diktator, schmort dem seinen verfickten Untergangs-Bunker zu Asche! (Man bleibt ein Kind, trotz allem…) – Das Beste an den elektronischen Medien ist immer noch, dass sie keine Gerüche übertragen können, oder? Der Geruch nach Phosphor, Napalm, verbranntem Fleisch und eiternden Wunden bleibt hinterm Schirm. Gut so! Will ich vielleicht wissen, wie es in den nordjapanischen Ortschaften riecht, wo noch tausende Leichen geborgen werden müssen? Nein, möchte ich lieber nicht.

Gestern hatte ich ein Flugblatt im Briefkasten. Darauf war mein Stadtteil (genau, das Geddo plus Umland) abgebildet, darüber war eine Art Fadenkreuz gelegt, mit so Zonen-Kreisen wie um Fukushima. Erst dachte ich, es handele sich vielleicht um diese neumodischen Kaufkraftanalyse-Diagramme und es ginge um ein neues Möbelhaus oder so. In Wirklichkeit (!) wurde eine weitere britische oder amerikanische Zehn-Zentner-Bombe (= ca. 145 Zentner TNT) aus dem II. Weltkrieg gefunden, mitten im dicht besiedelten Wohngebiet, in der Friedenstraße. Montag wird man versuchen, die Bombe zu entschärfen. Wir müssen dann daheim bleiben, die Fenster schließen und unter dem Küchentisch Platz nehmen.  Ich selbst befinde mich mal wieder im Zonenrandgebiet, aber die Sommerresidenz der Gattin liegt so ziemlich im Zentrum der Kreise. Nun ja, Duisburg war ein Zentrum der faschistischen Schwerindustrie, da wimmelt es halt vor Blindgängern, auch 67 Jahre nach den alliierten Luftschlägen. Aber bis jetzt fand man die schlummernden Höllenmaschinen immer in anderen Vierteln (andere Schneekugel!), nicht bei mir um die Ecke. Erstmals würde ich das Misslingen der Bombenentschärfung also nicht aus den Medien erfahren, sondern unmittelbar. Es würde schneien in meiner eigenen Kugel!

So weit wird es aber vermutlich nicht kommen. Der nordrhein-westfälische Kampfmittelräumdienst verfügt glücklicherweise in allen größeren Kommunen über erfahrene, professionelle Bombenentschärfer, die gewohnheitsmäßig ihr Leben riskieren, damit uns die Wirklichkeit nicht einholt. In Duisburg haben sie es schon mit der dritten Bombe in diesem Jahr zu tun. Es sind unberühmte Leute, wie die meisten echten Helden. Sie entsorgen den tödlichen Müll des Krieges. Nach sieben Jahrzehnten immer noch. – Wer sich vor dem Bildschirm an „chirurgischen Luftschlägen“ ergötzt, sollte das evtl. im Auge behalten: „Die Wirklichkeit blutet wirklich“ (Botho Strauß). Es sei denn, man entschließt sich, ein tibetischer Mönch zu werden.

 

Die Mädchen, der Hurensohn

23. März 2011

Definitiv KEIN Hurensohn

Gestern in meinem Geddo, Besuch in der hiesigen Grundschule. „Wir sind eine Auffangschule“ sagt der taffe, coole und verblüffend kluge Lehrer. Das klingt ein bißchen nach Auffanglager, aber darum handelt es sich letztlich ja auch. Mein Freund Branko, bayrischer Exil-Serbe und Kneipenwirt, mustert nachdenklich die nach Ertönen der Schulglocke herausströmenden Zweit-, Dritt- Und Dritte-Welt-Klässler, die überwiegend aus Albanien, Bulgarien, Bosnien, Ghana, Jordanien, Montenegro, Pakistan, Indien, Rumänien, Serbien, der Türkei und dem Libanon kommen (der taffe Lehrer sagt: „Wir haben auch zwei deutsche Kinder in der Klasse! Den Kevin und die Jackeline!“), Branko also, der bärengestaltige Ruhepol im Viertel, mustert die Kinderschar, die, kaum aus dem Schulgebäude, auf babylonische Art durcheinander kreischt, brüllt und jubelt, mit melancholisch-skeptischem Blick und sagt bedächtig: „Schau mal, Kraska, woaßt, dös is fei nu unser Zukunft. Die solln mal unser Rente bezahlen…“ Ich verkneif mir die spitzige Bemerkung, sein Sohnemann, der nicht unbedingt zur Spitzengruppe vulgo Elite der Leistungsstars zählt, und wegen dessen Verfehlungen wir zur Sprechstunde antreten, auch nicht gerade zu den Hoffnungsträgern gehört. Er weiß es ja.

Ich hab irgendwie ein UNO-Gefühl, nur dass die Nationen-Vertreter noch klein und putzig sind. Kinder haben ja im Grunde noch keine Nationalität, oder? Nur Haut- und Haarfarben sowie sprachlich ungeklärte Hintergründe.  Im Foyer (nennt man das bei Schulen so?) hängt ein riesiges Anti-Gewalt-Poster (könnte die UNO auch mal machen!), auf dem feierlich pazifistische Höflichkeit geschworen wird („Wir schubsen, hauen, treten, spucken und beleidigen nicht! Niemals nicht!“), wobei dieser Eid noch auf recht wackligen Kinderbeinen steht. Milan zum Beispiel, Brankos Stammhalter, hat eine Verwarnung eingefangen.

Im traulichen Vier-Augen-Gespräch erschloss sich die Sache folgendermaßen. Ich zu meinem Nachhilfe-Zögling: „Milan, komm, mir kannstu sagen! Warum Verwarnung?“ Er: „Bin ich abgepetzt worden! Mädchen sagen, ich sie Beleidigung machen…“ Ich verzichte zugunsten der Wahrheitsfindung zunächst auf grammatikalische Korrekturen und bohre nach: „Wie jetzt Beleidigung? Was hast du gesagt?“ Er: „Hab ich bloß gesagt verschwinde!“ Ich: „Milan verarsch mich nicht! Wegen verschwinde kriegstu nicht Verwarnung!“ Er (nach einigem Zögern und Sich-Winden): „Na ja hab ich gesagt bei die Mädchen Du Hurensohn!“

Ich sortiere grammatische, semantische und ethische Problematiken, fange der Reihe nach an und erkläre, dass man erstens nicht zu mehreren Mädchen „Du Hurensohn“ sagen könne, von wegen Singular und Plural, dass dies außerdem zweitens generell wegen Beleidigungsverbot überhaupt unangemessen sei und drittens, wenn denn schon, streng genommen „Hurentochter“ heißen müsse. Er (nach langem Grübeln und Fragen-Wälzen): „Lärrerr, hab ich Frage. Was … was heißt eintlich Hurensohn?“ Ich erläutere gütig und mit forsch betonter Sachlichkeit: „Eine Hure ist eine Frau, die Sex…“ – Milans eh schon riesige braune Dackelaugen weiten sich angstlust-entsetzt – „… für Geld verkauft. Jemand einen Hurensohn nennen, heißt, dessen Mutter in den Schmutz ziehen …“ – Milans Wangen röten sich krebsartig – „… und zu behaupten, man wüsste nicht, wer sein Vater sei.“ Milans Augen quellen über und er schlägt sich die Hand vor den Mund. Wenn er schon sonst bei mir nichts lernt – die Ungeheuerlichkeit seiner Verbaltätlichkeit hat sein Herz getroffen. Unglücklich, mit brennenden Ohren, starrt er zu Boden. Ich schätze mal, so schnell wird er kein Mädchen mehr „Hurensohn“ nennen, sei es nun aus semantischen oder ethischen Gründen, denn Milan ist ein braver und überaus ehrpusseliger Knabe.

Um seine lebenswichtige Ehre zu retten, mault er jedoch: „Aber die haben mich abgepetzt! Und die schminken sich immer!“ Die Mädchen nämlich, in der zweiten Klasse, die  Hurensohn.

 

 

 

Gedanken zur Zeit: Ausweicheier am Welt-Katastrophentag

22. März 2011
Auweia – Wie jetzt nichts sagen…?

Heute ist, wie passend, Welt-Katastrophentag. Wusstet ihr gar nicht? Hab ich auch grad erst ausgerufen, den Tag. Grund genug, einmal nach dem Beitrag Deutschlands zur Weltkatastrophe zu fragen. Da sieht es, nach Ende des II. Weltkriegs leider mau aus. Waren wir einst führend in der globalen Katastrophenproduktion, sind wir heute auf hinterletzte Plätze abgerutscht, noch hinter Tonga, Liliput und Lummerland. Am schlimmsten ist es in der Jetztzeit. Japan hat einen Tsunami, wir eine mit Haarfestiger gebändigte Westerwelle. Lühbien hat den grottigen Großkotz („Zenga, Zenga“) Gaddaffi („der große Diktatatatatator“), wir bloß einen eklig kleinen („Geiz ist gel“) Guttenberg. Italien hat immerhin den mussolinesken Triebtäter und Trebegänger („Bunga, Bunga“) Berlusconi, wir nur den greisen Exilkubaner Roberto Blanco („Ein bisschen Spaß muss sein“.) Die Welt verliert komplett Verstand und Gleichgewicht, – wir vermissen bloß unseren Kuschelbär. Katastrophenmäßig drohen wir, auf das Niveau eines Zwergstaates herabzusinken. Großmächte stapeln Tarnkappenbomber, Drohnen, Cruise Missiles. Und der Deutsche? Exportiert den Musikantenstadl nach Österreich. – Wer war es denn? Marshall? Stalin? Adenauer? Irgendwer hat nach ’45 anscheinend eine Vollkasko-Versicherung für uns abgeschlossen und das betreute Wohnen zum Verfassungsgrundsatz gemacht.

Früher fürchtete uns die Welt, heute werden wir belächelt und bekopfschüttelt als Nation, die am Rockzipfel bzw. Hosenanzugshosenbein einer froschäugig-klappmäuligen Miesmuschel namens Mutter („sans courage“) Merkel, diesem Mensch gewordenen abwaschbaren Bürodrehstuhl, hängt, und einem nassforschen Blender, notorischen Onanisten und Politiker-Imitator erlaubt, für sie den Außenminister zu spielen. Wir machen uns halt so klein wie möglich. Ein politisches Schwergewichtel. Nach Japan schicken wir 45 (!) Mann, Frau und Hund, um selbige nach drei Tagen wieder abzuziehen. Nach Lybiien schicken wir nicht mal nen symbolischen Eurofighter. Einst ließen wir uns stolz mit den „Hunnen“ vergleichen – heute gehören wir zu der in der UNO zu vernachlässigenden Gruppe der Leisetreter, Heuchler, Ausweicheier und unsicheren Kantonisten. Wenn die USA noch immer den Weltpolizisten spielt, geben wir den Welt-Sozialarbeiter. Ich habs nicht glauben wollen, kam aber in den Nachrichten: Deutschland hat generös angeboten, „Anti-Konflikt-Teams“ nach Liibüen zu schicken. Was Gadaffi vielleicht brauchen könnte und bestimmt noch nicht kennt, ist ein von deutschen Sozialpädagogen geleiteter Anti-Aggressionskurs. Ansonsten immer bei uns zu haben: die sog. „Humanitäre Hilfe“. Schicken die Verbündeten Flugzeugträger, setzen wir ein Lazarett-Schiff von „Ärzte ohne Grenzen“ in Marsch. Aber nur, wenn wir von der Weltgemeinschaft drum gebeten werden. Ansonsten steht das THW bereit, beim Aufbau von IKEA-Zelten zu helfen, und – es ist noch Suppe da!

Wie ich höre, gab es als Reaktion auf das japanische Atom-Unglück neben einer Menschen-Kette  mit Gesang vor allem einen Ansturm auf Jod-Tabletten. Dabei ist höchstbehördlich noch gar nicht geprüft, ob deutsches Jod gegen japanisches Atom überhaupt hilft. Andere Impfungen (Vogel-, Schweinegrippe etc.) waren ja verbraucherschutzmäßig auch umstritten. Und apropos, die ersten Avantgardisten greinen schon: Was darf man denn JETZT überhaupt noch essen? Unsere Fischstäbchen werden nämlich vor Japan gefangen! Weiß BILD das schon? Und wie verstrahlt ist Sushi? Wird Sushi überhaupt artgerecht gehalten? Oder, nebenbei, der Döner? Weil, wie unsere Tierschützer bemängeln, Knut wurde nämlich nicht artgerecht gehalten. Tatenlos sahen grausame Tierquäler zu, wie er von drei alten Weibern gemobbt wurde! Auf n-tv war das übrigens nach Japan und Lüybien die drittte Top-Nachricht. Zum Glück haben wir in Deutschland einen relativ neuen Beruf geschaffen: den Notfallseelsorger. Er schließt den deutschen Kreis, der einst mit, ich glaube einem Schlager von Ralph Bendix, begann: „Ich zähle täglich meine Sorgen“. Wenn ich mich recht erinnere, wurden es täglich „immer mehr“. Ein prophetisches Liedchen, das man mal gut re-mixen könnte. Vielleicht können wir wenigstens am Welt-Sorgentag punkten.

PS: Frage an die Experten: Wie erkenne ich bloß, ob mein Haustier schon Atom hat?

 

 

 

Sind die Berliner noch zu retten? (Knut-Verpeilung)

21. März 2011

Knutsch.

 

Hab ich’s nicht schon mehrfach erwähnt? Den größten Teil der Welt kenn ich nur aus den Medien. Ausnahme: Der, die und das Berliner. Diese famose Spezies habe ich schon life kennen lernen dürfen, in Form von Taxi- und Busfahrern, Hausbesetzern, Prenzlberg-Schwaberia, Sado-Kellnern und Muffköppen aller Art. Tolerant konzidierte ich die berühmte „Berliner Schnauze“ als unvermeidliche Folklore usw. und vergab freimütig und generös den exkulpierenden Behinderten-Bonus für alle Berliner.  Das ist mal gut, dieser Reality-Check, denn der lediglich bloß medial vermittelte Berliner nebst seiner Mutti-Form scheint mir ohne Zweifel ganz eindeutig ein mittelschweres Rad ab zu haben. Und zwar, tut mir Leid, Leute, irreversibel.

Schon als es hieß, am dritten oder vierten Tag der japanischen Katastrophe, die Bewohner der Hauptstadt hätten mit einem Konsumenten-Run auf Jod-Tabletten (!) begonnen, dachte ich schmunzelnd: Schau an, die Metropole ist nicht nur arm, aber sexy, sondern auch noch von ausgemachten Kretins, Grenzdebilen und anderen Schwachköpfen besiedelt. So eine Mischung aus Zerebralschwurbel, dumpf-trotzigem Icke-Bewußtsein und penetrantem Hypochondertum steht den Berlinern recht passabel, mit anderen Worten: So sind sie, schätz ich mal, jedenfalls die nativen Ureineinwohner von Westberlin. Da paart sich halt blickdichte Brunzdummheit mit hypertrophem Selbstbewusstsein, Wehleidigkeit mit Schmarotzertum, vermutete ich meinungsfreudig.

Bevor ich an meinem Vorurteil noch Zweifel aufkommen lassen konnte, spülten mir die Eil-Medien per liveticker die neueste „Tragödie“ ins Haus: Erst Japan, dann Libyen, dann nun dies: Knut ist tut, äh, tot. Postklimakterielle Muttis im Angora-Pulli mit Strass-Applikationen und goldfarbener Seiden-Stepp-Joppe liegen sich schluchzend und tsunamihaft tränenüberflutet in den Armen: Ihnen ist „das Herz gebrochen“, sie „wissen nicht, wie weiter leben“, sie finden „die Menschen so grausam“! Nun ja, dachte ich, zwar ein wenig hysterisch, aber angemessen angesichts der geopolitischen Weltkatastrophen. Es war aber wegen dem knuffigen Bärchen! Blumen, Kerzen, Totenlichter, Croissants („die hat er doch so gerne gegessen!“), allgemeine Volkstrauer, wie seit zu Guttenbergs Rücktritt vor drei Wochen nicht mehr. Man bricht zusammen wie der sterbende Schwan, man zittert, tremoliert und hat Delirium tremens: Der Bär ist tot!

Der Magister, durch Alter und Gram herzlos geworden, denkt: Tja, Freunde, der Tod gehört halt zu den Dingen, die Lebewesen gelegentlich unterlaufen. „Aber donnich soo jung noch!“ greint die Berlinerin und schneuzt in ihren Dufflecoat, „det is donnich gerecht, ditte!“. Nun wird der sympathische Knut „obduziert“. Vielleicht wurde er von Ex-Stasis ermordet? Gift? Epilexplexie? Verschwörung? Kann doch sein! Die Berlinerin, nun schon vollkommen entfesselt & entgeistert, verlangt, der Bär solle neben seinem verstorbenen Pfleger beerdigt werden. Geschmackssicher war der Berliner auch schon immer. Schade, dass Schadow nicht mehr lebt. Eine Gips-Statuette, der Berliner Knuddel-Pfleger, seinen Bären umarmend, hätte ich ergreifend gefunden. Zu Tränen hätte mich das gerührt! Nass hätt ich mich gemacht vor Rührung!

Der Bärliner hat seine eigene Prioritäten. Müssen wir sie begreifen, wir Westler? Bei n-tv wird’s schon einen Experten geben, der ihn uns erklärt, den Berliner. Unterm Strich erscheint er uns Medienkonsumenten als sentimentaler Idiot. Als nicht mehr ganz richtig  im Kopf.  Aber das wird ein Vorurteil sein. Bis dahin gehen wir in den Zoo, Croissants niederlegen. Wichtigers gibt es im Moment eh nicht zu tun.  Ach, Knut, du hast es gut.