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Frauen: Freuen oder den Mund halten?

9. Mai 2011

Irgendwie voll pussy? Na und?

Zu meinen anti-zyklischen Lebensverschönerungs-Capricen gehört es, mich zur aktuellen Aufregern generell, wenn überhaupt, immer erst dann zu äußern, wenn das allerletzte Wort schon gesagt bzw. bis zum Überdruss breitgetreten und die Sau definitiv längst durchs Dorf getrieben ist. Natürlich hab ich dann oft das Nachsehen, weil die Einfälle knapp werden. Selbst meine mich eine Weile irritierende Beobachtung, dass Osama Bin Laden eigentlich genau so aussieht, wie ich mir Jesus vorgestellt habe, stand schon irgendwo.

Weil aber gestern Muttertag war, möchte ich doch, nachlesend, zwei Frauenschicksale mit Bin-Laden-Bezug erörtern. Frauen haben es schwer. Was sie machen, machen sie falsch. Mutter Merkel etwa. Frenetischer Gefühlsüberschwang ist dem nordischen Meck-Pommelchen eher fremd. Meistens, schätze ich, darf sie lieber gar nichts fühlen und muss etwaige Emotionen im tiefsten Mundwinkel verstecken. Wenn sie allerdings, wie Politiker das symbolisch schon mal tun müssen, falsche Gefühle aufsteckt, wirkt das, wenn ich das so uncharmant sagen darf, immer ein wenig ridikül, weil sie dabei schon präventiv so eine pampige Schnute zieht, als hätte man sie beim Schwindeln erwischt. Lächelndes Lügen gehört nicht zu ihrem Repertoire. Da guckt sie vorsichtshalber gleich sauer wie eine Spreegurke aus dem flaschengrünen Hosenanzug. Sympathisches Menschsein blitzt bei ihr nur auf, wenn sie sich mal so richtig freut. Wer gesehen hat, wie sie beim Spiel Deutschland : Argentinien beim 3. Tor aufsprang, kindlich in die Händchen patschte und verzweifelt jemandem zum Umarmen suchte, dem ging das Herz auf, ein bisschen. Leider saßen um sie herum nur afrikanische Würdenträger in Nadelstreifen, die offenbar alle Argentinien-Anhänger waren.

So, nun hat sie sich einmal wieder gefreut, weil das Spiel Obama vs. Osama (1:1 nach Verlängerung) durch technisches K.O. entschieden wurde. Ja und? Lasst ihr doch das bisschen Freude! Aber nein, die halbe Welt echauffiert sich, weil man sich als Christ angeblich nicht über den Tod eines Menschen freuen darf. Ich möchte ja mal wissen, wo das stehen soll? Die Bibel ist voll von Völkergemetzel, und Jehova, keineswegs unparteiisch, immer feste mittenmang. Schickt gegen die Feinde der Israeliten Pestilenz, Pech und Plagen sonder Zahl. Als die Armee des Pharaos im Roten Meer versoff, hat er sich bestimmt die Hände gerieben! Und da darf sich eine pommersche Protestanten-Pute nicht mal ein bisschen freuen, weil es den „Terrorfürsten“ erwischt hat? – Außerdem, was war das denn noch für ein Leben? Vor einem uralten Fernseher sitzen und auf allen Kanälen kommt immer bloß man selbst! Jetzt ist er in seinem Paradies und darf täglich Jungfrauen bombardieren oder so was. Ist doch eine schöne Lösung für uns alle, win-win sozusagen. Da m. W. sowohl für Kreuzzügler wie für Muselmanen die Sause im Jenseits erst richtig losgeht, müsste man sich, der Logik nach, eigentlich immer freuen, wenn einer stirbt. Endlich raus aus dem irdischen Jammertal und voll auf die Jungfrauen! Bloß aufs Merkel wird wieder dreingeschlagen.

Noch aberwitziger und toller aber die „Debatte“ über ein Foto von Frau Clinton, den Amtskollegen der Westerwelle. Auf dem Bild guckt sie im Fernseh die Live-Übertragung vom kill job im Hause Bin Laden und, so scheint es, schlägt oder hält sich die Hand vor den Mund. Diese Entsetzens- oder Angst-Geste, informiert mich die Gattin, sei absolut rein weiblich, Männer machten das nie; sie, die Geste, ist, um einen Ausdruck einzuführen, den ich vom Schulhof gelernt habe, „irgendwie voll pussy“. Wenn eine US-Außenministerin eine unmännliche pussy-Gebärde zeigt, ist das offenbar derart ehrenrührig, dass ihr Büro sofort weltweit dementieren musste: Es habe sich keineswegs um eine Entsetzensgebärde angesichts einer Horrorshow gehandelt, sondern „vielleicht nur das Unterdrücken eines allergischen Niesens“ abgebildet. Dabei – hätte die Frau vielleicht die Zähne zu einem triumphierenden Siegesgrinsen fletschen sollen? Oder auf und nieder hüpfend in die Hände patschen wie unsere Mutter Jubilage? Den anti-amerikanischen Furor dann hätte ich ja sehen mögen!

Busen oder Beine gehen ja noch, aber wenn eine Frau in der Politik mal versehentlich das Strumpfband der Menschlichkeit sehen lässt, dann ist gleich Polen offen und die Reputation beim Teufel. Deshalb überrasche ich mich jetzt selbst einmal mit dem Aufruf: Politikerinnen! Zeigt unverschleiert Gefühle! Haltet euch ruhig mal die Augen zu, zieht Schmoll-Schnuten oder hüpft, tanzt und patscht! Auch ein Tränchen darf (außer vielleicht hinsichtlich Herrn Bin Ladens) ruhig mal verdrückt werden. Freut euch! Die Niedertracht des Politischen muss nicht immer mit versteinerter Fresse daherkommen.

PS: Kunden, die diesen Arikel lasen, lesen vielleicht auch: 

http://cbx.amadyne.net/blog/articles/891/erwachsene-menschen-und-ihre-macken

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Trotzdem. Deprimiert im Paradies

13. März 2011

Manchmal, angesichts gewisser Nachrichtenlagen, schäme ich mich für mein entbehrliches Verbrauchergeschwätz in paradise county. Ich meine, mein Gott! Libyen brennt, der Sudan hungert und in Japan droht der Katastrophen-Overkill – und was mache ich? Mich über die fehlende Aromatisierung eines Kaffees in einem x-beliebigen Frühstückscafé ereifern? Wirke ich nicht wie ein Idiot, ein ignoranter Stoffel? Doch, doch, unvermeidlich. Der Globus fliegt uns gerade um die Ohren, und ich habe nichts Besseres zu tun, als Ciabatta-Beläge zu bewerten! Bin ich noch zu retten? Wahrscheinlich nicht. Ich bin ein Décadent, ein überflüssiger Genussdandy, ein menschenverachtender Zyniker, ein Trivialitäten-Bestauner! Tut mir leid. Nach Menschheitstragödien heißt es immer: Das Leben geht weiter. Und wer ist schuld? Wir Banalitäten-Bastler.

Andererseits hab ich seit früher Kindheit das Gefühl, das Elend der Welt zwänge mich nicht automatisch dazu, alles, was mir widerfährt, gut zu finden, nur weil es allen anderen noch viel schlechter geht. Eine stehende, oft wiederholte Redensart meiner Mutti, wenn ich meine verkochte Spinat-Pampe mal wieder nicht essen wollte, lautete, dass hungernde Kinder in Indien froh wären, wenn sie meinen Spinat essen dürften. Für die Antwort, darüber wäre ich auch froh, bekam ich regelmäßig eine geschallert. Diese nicht restlos gewaltfreie Erziehung hat mich übrigens nicht zu einem besseren Menschen gemacht, ich bin bloß wehleidiger geworden.

Aber mal realistisch: Was genau soll ich machen, um mich nicht wie ein Depp zu fühlen? Ich bin weder Erdbebenhelfer noch TV-„Atom-Experte“, und was eine Kernschmelze ist, musste ich sogar erst googeln. Also geh ich bloß Kaffee trinken, zwänge mir appetitlos ein, zwei Ciabatta rein, puste fassungslos in meinen Milchkaffee und starre auf die Schlagzeilen der ausliegenden Tagespresse. Ich bin deprimiert, aber das ist normal, das kann ich nicht mal auf Erdbeben, Tsunamis und Nuklearkatastrophen schieben. Und auf das Café erst recht nicht, das ist ganz gut. Ich wäre selbst in Xanadu deprimiert oder unter resp. auf 72 Jungfrauen. Apropos: Überfordert bin ich auch. Die Gleichzeitigkeit des Unvergleichbaren macht mich krank. Zehntausende verrecken im Schlamm, Tausende werden vom eigenen Diktator bombardiert, am Nebentisch quatschen eine MILF und drei mittelhohe Töchter über Modekram und ich trink gemütlich Kaffee und überlege, ob ich noch so ein leckeres Ciabatta mit frischem Rührei bestellen soll. It’s a wonderful world. Jetzt bloß nicht larmoyant werden und in die Tasse weinen, denn der Kaffee ist eh schon nicht übermäßig stark. Das Leben geht weiter.

Deswegen ist jetzt auch aus der „Mokka-Bar“ das „Lu-cafe.de“ geworden; die Leitung ist nicht mehr polnisch, sondern italo. Meinetwegen gerne. Es gibt schmackhafte Ciabatta, mittags auch Pasta & Co. Die Karte klingt appetitlich. Die Kaffee-Spezialitäten können mit denen des „Fino“ am Salvatorweg nicht ganz mithalten, sind aber immerhin trinkbar und ziemlich preiswert. Bequeme Sitzgelegenheiten gibt es noch immer keine, aber was zählt das schon angesichts einer halben Million Obdachloser in Japan. Man mahnt sich zu Bescheidenheit. Den neuen Betreibern wünsch ich Glück und Erfolg. Cafés, in denen man ungestört vor sich hin deprimieren darf, kann es nie genug geben.

Oder fast ungestört. Beim Warten am Tresen sagt jemand hinter mir: „Hallo!“ – „Hallo!“ antworte ich reflexhaft. Darauf der Mann hinter mir hochnäselnd: „SIE habe ich nicht gemeint!“ – „Egal“, hör ich mich sagen, „…trotzdem!“ – Ich hoffe, ihm wird das zu denken geben. Den Tag mit einem „trotzdem“ im Frühstückscafé zu beginnen, schien mir im nachhinein eine gute Idee.

 

Barock im Baumarkt: Die Nacht der leitenden Reichen

4. Februar 2010

...raffgierig-schlaraffische Gier nach Weiberfleisch (Peter Paul Rubens, Fleischereifachgemälde-Herstellung en gros)

OH FREUDE, TOCHTER DES DELIRIUMS

Etymologische Ironie: Das Wort „Banause“ kommt, – ich hoffe, manchen LeserInnen damit noch etwas Neues zu erzählen – , vom altgriechischen Wort bánausos, was ausgerechnet soviel hieß wie „Handwerker“. Die Zeitgenossen von Platon und Sokrates hegten nämlich noch eine schnippische Verachtung für Leute, die mit eigenen Händen arbeiteten, erst recht, wenn sie’s um des Geldes willen taten.

Insofern bin ich eine wandelnde Paradoxie, nämlich bekanntlich sowohl Hausbau- als auch Bauhausbanause. Eher homo laber als homo faber, komm ich mit Ingenieuren meist nicht gut zurecht. Mir fehlt das Daniel-Düsentriebhafte. Mir sind Dichtungen Hölderlins und Rilkes vertrauter als jene von Spüle und Waschmaschine, ich besitze weder das Deutsche Dübeldiplom, noch habe ich eine Lizenz zum Löten. Ich bin ein notorischer Pfuscher, bekennender Bastel-Larifari und ein insgesamt eher blind herumprobierendes Frickelmännchen, was bedeutet, die Sachen kommen zwar letztlich schon „irgendwie“ an die Wand, unter Putz oder ins Lot, aber keine Schraubverbindung, Flunschverflanschung oder Silikonikone ist korrekt genug angepasst, getackert und eingenordet, um den Eindruck auch nur elementarer Professionalität zu erwecken. Bei mir ist mehr als nur eine Schraube locker, die Tassen klappern im Schrank, und alles ist ein bißchen schief, wackelt oder hat zuviel Spiel. Wäre Heimwerkelei mein Steckenpferd, hätte mich dieses längst wutschnaubend abgeworfen.

Nicht obwohl, sondern weil das so ist, erinnert mich jeder Besuch in einem richtig-richtig großen, gut sortierten Baumarkt – wie es z. B. Bauhaus ist – an meine erste Besichtigung des Louvre.

Ich war ja erst altkluge, aber noch jungfräulich ungebildete Vierzehn. Mein Wissen über die abendländische Kunstgeschichte beschränkte sich vorerst auf das wiederholte Durchblättern des Bertelsmann-Sammelbandes „Hundert Meisterwerke der Malerei“, den ich mal zum Geburtstag bekommen hatte („der Junge malt doch so gern…!“). Dementsprechend stiefelte oder schlurfte ich, – auf Klassenfahrt in Paris der marodierenden Mitschüler-Meute mal kurz entlaufen –, eingeschüchtert, irritiert und verstohlen staunend, durch das endlose Labyrinth der Louvrepalast-Säle und ließ mich u. a. von extrem üppigen Rubens-Schinken hypnotisieren, deren spektakuläre Grässlichkeit mich in eine Art atemlose Schockstarre bewundernder Abscheu versetzte. Peter-Paul Rubens! Die flamboyant-opulente Korpulenz der barock-nackerten Damenwelt verursachte mir Albträume: Die Nacht der leitenden Reichen! Deren raffgierig-schlaraffische Gier nach Weiberfleisch per Auftragsschinken in Öl gebadet! Urrghs! Da stand ich vor ca. vier Quadratmetern fleischlichen Gewusels, Gewürges und Geschwurbels, vom Boden bis zur Stuckdecke reichendem barocken Öl-Geprotze, von dem ich damals naiverweise dachte: Das würde ich aber mir ungern über meine Jugendliege hängen! –

Der nur scheinbar banale Bauhaus-Baumarkt hingegen zeigt mir Banausen, wie es in meinem Kopf aussehen könnte, wäre ich ein ganz anderer, ein Haus-Mann zum Beispiel, ein Heim-Vati und Pfiffikus. Ordnung, Funktionalität und Zweckmäßigkeit heißen die Generäle, die hier die Parade ihrer rechtwinklig organisierten Truppen abnehmen: Schraubenschwadrone, Dübeldivisionen, Kabelkavallerie, Nagelsortimente, dazu gefechtsbereite Schlagbohrer, Hieb- und Stichsägen, Pionierbatallione multifunktionaler Patentwerkzeuge, solide konsolidierte Konsolenmodule („Modell Konsul“), patent-vorverklemmte Lüster-Klemmen, Klabastersäulen aus original Kunstimitat sowie selbstverständlich nicht-klumpende Kleisterkanonen, raffiniert verdrahtete Spiegelmuffen, fettfreie Lauflafetten und gewiß, die neuen, hochmodernen doppelt geflanschten Traversal-Transformatoren, gleich daneben Scharnier-Schabrackenschoner und vorgehobelte Trubeldoubletten, kindersichere Überbetten und linksdrehende Unterlegscheiben, alles auch aus Filz, Holz, Bast, Gips und Gummi, Paletten voller Matten, Rabatt-Platten und Furnierholz-Matratzen, dazu gegen fiese Energieschlamperei gefeite Energiesparlampen, ganze Batterien komplett vormontierter, blank transparenter Nasszellen-Trakte, eine Superauswahl an Ziertapezierfasermustern, jederzeit auch Kleintierbedarf und garantiegrüne Pflanzenbrunst, reparaturorientierte Proletenpolitur, videogesteuerte Klingelstreichwurst, erschwingliche Kunstabzugshauben, kombinierte Fühlschränke und HiTec-Inflationsherdplatten mit Leckerleiste…

– es nimmt einfach kein Ende, die Fluchten der Realienregale deregulieren mein Realitätsbewusstsein, mir schwinden die Sinne, im Rausch der Zwecke erfüllt mich Beethovens Ode „Freude, Tochter des Deliriums“, und ich sinke, ermattet, überwältigt und in Ehrfurcht ergriffen auf die gutmütig bereitliegende Auslegeware: Wäre ich doch nur ein Heimwerkberserker – ich befände mich im Nirwana, Walhalla, Paradies und Garten Edeka des Wirkens und Werkens!

Ich schwömme im permanent funktionalen Erledigungsorgasmus; gelegentlich käme der Herrgott im Blaumann vorbei, um mir gütig ein paar Tricks zu verraten, wie man eine hübsche Welt zusammenschustert, ohne sich länger als höchstens sechs Tage hineinzuknien. Konvertierte ich zu dem Glauben an die prinzipielle Konstruierbarkeit der Weltbeheimatung – der Bauhaus-Baumarkt wäre meine Bastel-Basilika, mein Tool-Tempel, meine Malocher-Moschee!

Herrlich Getue und Summen der Nachtigall

12. Januar 2010

Hier summt die Nachtigall...

Wieder mal beziehe ich tiefere Einsichten aus meiner Lieblingszeitschrift „Ohrenkuss“. Ich habe über diese wunderbare Blatt schon 2008 auf Qype berichtet; getextet wird es von jungen Menschen mit Down-Syndrom. Angeblich sind Menschen mit dieser genetischen Besonderheit kognitiv zurückgeblieben und im sprachlichen Ausdruck behindert. Wenn man den „Ohrenkuss“ liest, zweifelt man manchmal, ob das in allen Belangen so zutrifft. Ich erliege dem poetischen Charme der Beiträge immer wieder. In der neuesten Ausgabe, die das Thema „Paradies“ behandelt, schaffen es zwei Autoren mit Trisomie 21, geschätzte 25.000 Qype-Beiträge in zehn Zeilen zusammenfassen. Glaubt Ihr nicht? Wetten das? Hier, bitte:

Nr. 1 (Text: Stefan Zajak)

„… weil ich gerne wandern gehe und da treffe ich bei der Hütte Oben alte Bekannte und dann mache ich einen schönen Radeltour. Dann fahre ich mit dem Schiffsfähre aufs Land hinaus. Und in den Hütten da habe ich ein Mittagessen verdient, dann bin ich mit der Schiffsfähre wieder zurück gefahren. 
Im Urlaub da lese ich am Strand liegend und ich geniesse das Meer das die Wellen schlägt. Und den abend den Sonnen Untergang wenn ich ein Glas Rotwein Trinke da bin ich wie im Paradies! 
Und DANN Wenn ich im Hotelzimmer schlafe da Summt die Nachtigall.“

Nr. 2 (Text: Lars Breidenbach)

„Sonnenuntergang im Meer, schöne Vogelgefischert. Geräusch von Meer, auch Muschel Geräusch, Wasser, labala-Tanzen, (Leute) auch mit bunte Feder, Feder in Haare stecken oder mit Hawaikranz. Herrlich Getue, gibt auch Hotel, Paradieshotel. Gute Essen und Trinken, schöne Ort, nette Leute romantisch, auch sexy, auch Freundschaft. Freundschaft ist gut, ist wichtig Punkt.“

Ja, Punkt. Was auch sonst noch? Gute Essen und Trinken, schöne Ort; wenn’s richtig hoch kommt, noch ein Hotel mit Nachtigall-Gesumme und ein wenig herrliches Getue mit Hawaikranz. – Die Texte antworten übrigens darauf, wie das persönliche Paradies aussieht.

Und wo bleibt die Einsicht? Nun, ich stelle gerade fest, falls Archäologen des 10. Jahrtausends n. Chr. von unserer Kultur kein anderes Zeugnis hätten als Qype-Beiträge, müßten sie da nicht denken, sie blickten in ein verlorenes Paradies? Dessen wohlhabende, anspruchsvolle, gebildete und weitgereiste Bewohner schienen keine anderen Sorgen zu haben als höchstens mal pampigen Service, zu fettes Essen oder eine Erbse unter der Matratze. Ansonsten kultiviert man den kritischen Genießer und Shopper, trifft nette Leute beim labala-Tanzen, trinkt – romantisch, aber auch sexy – Rotwein bei Sonnenuntergang und lauscht dem Summen der Nachtigall. Herrlich, dieses Getue! Da, denkt der Zukunftsarchäologe, würde ich gern leben – auf den paradiesischen Qype Islands, im immerwährenden Paradies der wohl verdienten Mittagessen!

Diese Einsicht ist keine Kritik. Natürlich ist Qype kein Verbraucherportal für Landminen-Krüppel, AIDS-Patienten, Bürgerkriegsopfer und Hungernde, denen vermutlich selbst ein mit nur einem Stern bewertetes Essen noch schmecken würde. Paradies-Vorstellungen sind eben halt auch sehr relativ. Ich empfehle „Ohrenkuss“ Nr. 23/2009, „Paradies“.

Die liebenswürdigste,  philosophischste, an Blaise Pascal und Lao-tse gemahnende Paradiesvorstellung formuliert für mich dies:

Nr. 3 (Text Mandy Kammeier):

Ich lege mich auf den Sofa und schliesse mir die Augen zu singen. Singen ist Mein Paradis. Wenn ich mir die Augen öffnne lache ich über mich selbst weil mir das spas macht. In meinem Zimmer finde ich immer mein Pradedise.“

Auf dem Sofa die Augen schließen, singen, über sich selbst lachen, weil einem das Spaß macht: Wem dies das Paradies bedeutet, der gehört wahrlich schon zu den Erleuchteten…

Vom Verschwinden

23. April 2009
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Von der anderen Seite des Bildschirms aus gesehen

NICHT WISSEN, DASS MAN DUMM UND HÄSSSLICH IST…

Ich habe oft protestiert, wurde mal wieder der Gemeinplatz breitgetreten, das Fernsehen verblöde. Der dumme Stolz gewisser hochkultureller Herrenmenschen, die immer erwarten, daß man sofort schamrot in die Knie sinke, sobald sie lautstark verkünden: „ICH!  HABE!  NICHT MAL!  einen Fernseher!“ wollte mir immer als Indiz dafür vorkommen, daß Dummheit nicht nur gern auf große Trommeln schlägt, sondern die eigene Armseligkeit auch mit Vergnügen als besondere Auszeichnung wertet. Was soll denn das? Behauptete ich auf der gleichen Festivität mit banausischem Hochmut: „Ich HABE nicht mal eine Brille!“, würde doch auch nicht gleich ein jeder glauben, ich sähe nur das Gute im Menschen! Ein TV-Gerät ist ein Werkzeug wie jedes andere. Es macht mich nicht verdächtig, eine Kettensäge zu besitzen, ein Psychologe wäre nur gefragt, wenn ich sie Tag und Nacht nicht mehr aus der Hand legte!

Daß Fernsehen keineswegs zwangsläufig zur Verkümmerung kognitiver Fähigkeiten führe, bezog ich jedoch, ohne lange zu überlegen, auf die Welt diesseits der Aquariumsscheibe. Was mit den putzigen Damen und Herren Zweidimensionalitäten jenseits der Bildschirmscheibe los ist, hm, das verdiente füglich gesonderte Untersuchungen. Wirkt meine Vermutung unbescheiden, daß auch Menschen, die jedem Tag „im Fernsehen“ sind, gewissen Irrtümern unterliegen können? Mir will das nämlich so scheinen, ohne daß ich jetzt groß Namen nenne. Aufmerksamkeitssüchtige und Medien-Junkies, die glauben, sie müßten implodieren, wenn sich nicht fünfmal am Tag eine TV-Kamera auf sie richte, glauben oft, uns ginge es umgekehrt ähnlich, dergestalt, daß wir des täglichen Anblicks ihrer Nasen nicht entraten und entbehren könnten. Das freilich, um es in aller Härte zu sagen, ist falsch. Ich zum Beispiel komme wochenlang bequem durchs Leben, ohne ein einziges Mal Herrn Guido „proud to be:“ Westerwelle, Frau Elke Heidenreich, Küchenmeister Lafer, Lachkasper Gottschalk oder Oberklugscheißer Ranicki ansichtig zu werden. Sternchen, Stars und Stehgeiger sind mir schnuppe, und ob  ein in ganz Deutschland gesuchter Superstar nun von „XY ungelöst“ oder durch Mobbing-Agenturen gefunden wird, was verschlägts?

Ich habe gar nichts dagegen, wenn „auf dem Schirm“ gelegentlich Leute auftauchen, die z. B. irgendwas gut können: Kunstfurzer, Schnurrenerzähler, Fingerpfeifer, Politikerimitatoren, Schelme, Narren, Spaßmacher, Spielleute, Zwerge und fahrendes Volk aller Art mag seine Allotria treiben, es darf meinetwegen nach Herzenslust gefußballert, hobbygeköchelt und karaokisiert werden, was die Studios hergeben, wenn, ja wenn nur all die dort Auftauchenden nicht immer das Auch-wieder-Verschwinden vergäßen!

Wie enervierende Kinder, die, weil beim ersten Mal die Erwachsenen darüber gelacht haben, immer denselben Unfug zum allgemeinen Ennui ad infinitum wiederholen, glauben manche Quoten-Idioten, wir könnten ihrer prinzipiell nicht überdrüssig werden. 

Da sind sie aber schwer auf dem Holzweg! Die Backpfeifengesichter der allermeisten Politik-Schlingel, Pappenheimer und Erzschelme kenne ich zur genüge. Auf lange Sicht muß man mir keinen Franz-Werner Steinbeißer, keinen  Hotte Köhler oder Bundesmutti Merkel mehr zeigen! (Erst, wenn die wieder so ein Mörder-Dekolletée spazierenführt, wie neulich mal irgendwo!) Auch nicht diesen neuen smarten Gel-Heini da, mit den zig Vornamen, diesen Hadschi Halef Omar von und zu Guttemberg, auch dessen Fresse nämlich ennuiert mich kolossal! So. Das mußte auch mal gesagt werden. Möge doch das gesamte Pack und Gesindel getrost mal einen Ausflug machen und für ein gut abgehangenes Weilchen einfach fort und gestohlen bleiben! Und man nehme dieses elende Geschmeiß der Comedians, Affen und Zotenreisser gleich mit, das dominante Quietscheentchen Heidi Klump und ihre Super-Moppel auch sowie freundlicherweise diesen eklen alten Bohlen, der mir desgleichen herzlich zuwider ist! 

Was für eine Stille wär dann, eitel Kontemplation und ruhige Naturbetrachtung! Haach! Und wäre dann die Besinnung, wie Heinrich von Kleist mutmaßte, durch ein Unendliches gegangen, stellte sich auch die Anmut wieder ein und es fände sich eine Hintertür zum Paradies, vor der kein grimmer Cherub wachte! Auf die Gefahr, als ungebetener Missionar in die Nerv-Ecke gestellt oder auf die Quengel-Strafbank gesetzt zu werden, komme ich hier noch mal mit meinem Taoismus an, den ich, wenn schon, als Staatsreligion wärmstens empfehlen würde. Der ehrwürdige Meister Yoshida Kenkô nämlich schrieb folgendes:

„Nicht wissen, daß man häßlich, daß man dumm ist, daß man in den Künsten nur pfuscht, vergessen, daß man von niederem Stande, daß man alt und allen Krankheiten hilflos preisgegeben ist, sich nicht darum kümmern, daß der Tod schon ganz nahe vor einem steht, und trotzdem nicht merken, daß das eigene Streben nach Buddhas Pfad höchst oberflächlich ist – wer in solcher Weise seine Schwächen nicht erkannt hat, wie soll der das würdigen können, was andere an ihm auszusetzen haben? 

Wie das Gesicht aussieht, vermag man natürlich im Spiegel zu erkennen, wie alt man ist, läßt sich errechnen, es ist also nicht so, daß man von sich nichts wissen kann… Ich will damit keinem nahelegen, der möge sein Gesicht verschönern und sich jünger machen, aber weshalb zieht sich so einer nicht zurück, wenn er weiß, daß er zu nichts mehr taugt? Warum sucht er nicht für seinen Körper Stille und Frieden, wenn er fühlt, wie alt er geworden ist?“

Ja, warum?  – Ich fände es schön, wenn man, wenn das zugemessene Alter erreicht ist, immer dünner, durchsichtiger, geruchloser und sublimer würde, erst wie ein Hologramm, dann wie eine Spiegelung und schließlich wie ein Gerücht, das keiner mehr wirklich glaubt und das sich verflüchtigt in die Träume einiger weniger Menschen, deren Herz man einmal berührt hat. Und mehr nicht? Nein – warum?

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Verschwinden üben!