Posted tagged ‘Frühling’

Abwesenheitsnotiz, mit guten Zitaten

31. August 2011

Hier geht es evtl. rund! Kraska ist moseln...

Es gilt unter Kennern nicht gerade als untrügliches Zeichen geistigen Überfliegertums, sich über das Wetter zu beklagen, ich weiß. Es wäre so, als wollte man über die Gravitation jammern, was ich aus schwergewichtigen Gründen zwar im Stillen auch manchmal tue, aber es ist halt dieses Allerweltslamento doch von so eklatanter Sinnlosigkeit und ein derart plattes Klischee, dass man gute Erziehung und korrekt gebügelte Lebensart eher dadurch unter Beweis stellt, dass man mit einem mild stoischen Lächeln über die unvermeidlichen Unbill des Erden-Daseins hinweg geht. Vielleicht ist es ein Vorurteil, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein britischer Gentleman jemals über das Wetter spricht. – Freilich gibt es zu jedem einer- auch ein andererseits.

In dem Film „Willkommen Mr. Chance“ (im Original: „Being there“), einem meiner zehn Lieblingsstreifen aus den späten  70ern, die ich  einst in Cihcago, Illinois, im Kino sah oder sehen und entziffern durfte (war ohne Untertitel!), spielt der legendäre Peter Sellers in einer seiner letzten Rollen einen tumben Einfaltspinsel von Gärtner, der nur eine Weisheit beherrscht: „Well, first there is spring, then you’ll have summer, which just follows autum, and after that – winter. Then spring again“. Diese Binsenweisheits-Worte spricht er aber mit solchem Ernst und so großer Emphase, dass alle Welt denkt, er meint das bestimmt irgendwie metaphorisch und als sibyllinische politische Anspielung; man hält es für ein Statement über Ökonomie und Marktzyklen, lädt ihn in TV-Talkshows ein und am Ende wird er damit Präsidentschaftskandidat in den USA. Damals eine super Satire, würde der Film heute nicht mehr funktionieren, weil die Behauptung, dem Frühling folge der bzw. ein Sommer, nicht mehr als Binsenweisheit gilt, sondern als heikle, unsichere und höchst umstrittene Prophezeiung.

Das Blöde ist: Ich bin Sternzeichen Salamander, von der Physiologie also wechselwarm, und hatte eine längere sonnig-warme Phase fest eingeplant, um leichtblütig über die bevorstehende Herbst- und Winterdepression zu kommen. Stattdessen regnete es mir monatelang kühl und herzlos ins Hirn. (Wer sich Sorgen um mich machen will, sollte es JETZT tun, bitte. – Vielen Dank, sehr freundlich.) Die Depression erhebt ihr träges Haupt. Bang deklamiere ich für mich den armen Hölderlin: „Weh mir, wo nehm ich, wenn
/ Es Winter ist, die Blumen, und wo
/ Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde?
/ Die Mauern stehn
/ Sprachlos und kalt, im Winde
| Klirren die Fahnen.“ So sieht es doch aus! Vor lauter Fahnenklirren und Blumenvermissen ist mir schon jetzt ganz blümerant zumute.

Erstaunlicherweise war es der große Elisabethanische Unterhaltungsschriftsteller, theatralische Räuberpistolen-Dichter und Prophet William Shakespeare, der meinen Zustand vorausahnte, als er seinen Narren („Was ihr wollt“) folgenden Singsang anstimmen ließ: „Und als der Wein mir steckt’ im Kopf / Hopheisa, bei Regen und Wind! / Da war ich ein armer betrunkener Tropf; / Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag.“ – Yes, Sir, so kann man es ausdrücken! Hier im Westen regnet in der Tat der Regen jeglichen Tag. Erst war er warm, der Regen, dann fröstelig kühl, jetzt wird er schon empfindlich kalt. Ich will nicht übertreiben, aber – ist schon mal jemand am Wetter gestorben? Darauf ankommen lassen werde ich’s grad nicht, Freunde – weshalb ich zu einem verzweifelten Mittel greife: Obwohl ich diese Tätigkeit perhorresziere: Ich reise! Und zwar ab!

Bloß an die Mosel zwar nur, und lediglich ein paar Tage, weswegen die Gattin schon ätzt: „Das wird bestimmt mehr so’n Rentnerurlaub!“ – Sicher, doch „immerhin“, repliziere ich schlagfertig, „wandern wir noch nicht durch den Harz, du mit blauem Popeline-Blouson und ich in straff gebügelter beiger Anglerweste!“ Kann nichts schaden, der Gattin schon mal die eheliche Zukunft auszumalen; die stillen Tage im Alzheim.

Wenn also hier einige Tage nichts Neues unter der Sonne (Ha!) erscheint, dann, weil ich moseln gefahren bin. Entweder herrscht dort eitel Sonnenschein, oder ich stecke mir enorme Mengen Wein in den Kopf. Vielleicht, begeisterungshalber, auch beides. Danach habe ich mit Sicherheit SAD („seasonal affective disorder“), wofür zumindest die Klassiker noch angemessenes Verständnis hatten. Wenn ich es irgendwie vermeiden kann, werde ich von dem romantischen Moselort keine Fotos machen, keine Klöster und Burgen beschreiben und auf die Belobigung von Restaurants und Weinprobierstuben strikt verzichten. So viel Noblesse muss sein. Indes, falls ich dort, in der Fremde, dem wahren Leben begegne, dann lass ich es von euch grüßen. 

Advertisements

Im Geddo mit Hölderlin

11. April 2011

Grillen im Park: Zwischen Hammel und Himmel

Gang aufs Land

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng‘ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtgläubige zweifeln an
Einer
 Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.“
(Friedrich Hölderlin)

Ooch, na ja, so schlimm war es dann gar nicht – gar nicht so eng und bleiern, es glänzte sogar, ozonlochbegünstigt, eher „ein Vieles“ vom Himmel, und „leer von Gesange“ ruhte die Luft keineswegs, vielmehr quirilierte und trötete enormes Balkan-Gedudel und Arabesk-Geknödel huldreich vom segensreichen Orient her, bzw. ortsüblich gewordenes fröhliches „Geräusch“: http://cbx.amadyne.net/blog/articles/869/die-welt-wird-doch-untergehen-oder-die-80er-sind-vorbei allenthalben, damit „die Gäng’ und Gassen“ im Geddo nicht schlummern, sondern ausgiebigst nach Heimat klingen, wenn auch nicht eben grad nach der meinigen.

Ich weihte den Sonntag meiner Lust, per Fahrrad durchs Geddo zu patroullieren und hiesige „Rechtgläubige“ zu besichtigen. Im „Offenen“ vulgo kommunal betreuten Park („Grünzug Hochfeld“) knubbelte sich des Volkes dunkle Masse und opferte dem Gott dichte Schwaden verbrannten Hammelfleisches, das fromm zum Himmel stank. Oh dieses Duftes! Ex oriente lux? Mag sein, wesentlicher aber die mobil-transportable olfaktorische Heimat-Tapete. Es gibt da den einen Song von Tom Waits, wo er krächzend behauptet, sein home sei, wo immer er seinen Hut hinhänge. So der Bürger der Neuen Welt. Altwelt-Nomaden haben indes ihr Heim, wo sie das großfamiliäre Grill-Lager aufschlagen; ums Knusperfeuer gelagert genießen sie Tag und Traum, Hammel und Himmel, Lust und Lamm des Frühlings, und versorgen das Viertel mit Atmosphäre.

Zwei stolze Altweltnomaden in typischer Landestracht

Manche Besucher sind enttäuscht, wenn ich ihnen mein Geddo zeige – als Sozialromantiker  stellen sie sich immer einen Slum, ein town-ship oder eine Wellblechhütten-Favela vor und wundern sich dann über Gründerzeit-Häuser, Parks und Baumbestand. Sehen kann man das Geddo in der Tat schwerlich, riechen indessen schon.

War es im Sinne Hölderlins, dieser edlen Seele, dass ich schließlich, betäubt von Spiritus, Holzkohle und Hammelfett, in meinen 15qm-Hinterhof retirierte, um mich, in Begleitung seiner „Vaterländischen Gesänge“, im Duft des dort anwesenden Wilden Flieders zu ergehen? Fast glaube ich das. Eitel Honigseim und Blütennektar umspielte mich im lauen Frühlings-Zephyr, mir wurde in traulicher Idylle ganz wunderlich, ich träumte von anmutsvollen Nymphen und flötenspielenden Hirtenknaben, von deutschem Wald und griechischen Wiesen, mir kam das Begehren an, zu dichten und zu weinen, und zum ewigholden, heimischen Fliederbaum sprach ich: „Komm ins Offene, Freund“ – lass uns da mal gegen an stinken!

Kraskas Lustgarten-Idylle: Taoistischer Bambus, idealistischer Flieder, Mülltonnen-Prosa

 

Frühling im Geddo. Eine Idylle

28. März 2011

Mittelgebirge im Geddo (wächst nachts noch...)

„Maßlos ist das Wachstum der Bäume und Gräser im Frühjahr
Ohne Unterlaß fruchtbar
Ist der Wald, sind die Wiesen, die Felder.
Und es gebiert die Erde das Neue ohne Vorsicht.“

(Bertolt Brecht)

Erste arabische Aufstandsbewegung um 6.49 Uhr morgens (ja, ich hab umgestellt!), zum Glück nur Musik, freilich Straßen füllend. Allah und Habibi-Gejodel. „Tod dem Merkel“ skandiert noch keiner und Schuhe fliegen noch nicht. Trotzdem: Aufstehen! Apropos: Das übliche Meisen- und Amselkleingeflügel tiriliert schon. Zart randaliert das Frühjahr. Meine Freunde, die Elstern, hat der harte Winter allerdings offenbar stark dezimiert. Dafür schreitet ein Kollegium ernster Rabenkrähen in schwarzglänzenden Seidenroben gravitätisch über den Hinterhof und erörtert anscheinend irgendetwas Juristisches.

Sonor volltönend Südostanatolisches pünktlich ab Acht. Nee, nicht der Muezzin, das ist bloß wieder Nachbar Abdul, der jetzt wichtige Ferngespräche führt, wie immer ohne Telefon, diagonal über die Straße. Es geht, ebenfalls wie immer (mein Basis-Türkisch reicht wirklich aus!), um Autos und sowie Geschäfte mit Autos. Ein richtiges Autohaus hat Abdul wohl nicht, er betreibt seinen Handel ambulant, was sicherlich sinnvoller ist. Er lehnt an seinem handpolierten silbernen Daimler und streicht sich wägend den Schnauzbart. Manchmal fliegen die Rabenkrähen ohne ersichtlichen Grund auf und krächzen hämisch, dann wirken sie fast wie Geier oder Anwälte.

Auf den ersten Bäumen und Sträuchern unnachahmlich frischgrüner Hauch. Wie Deo gegen den Wintermuff. Forsythien und Japankirschen feuerwerkeln schon protzig in der Morgensonne. Begleitet von unübersichtlich zahlreichem Nachwuchs schieben die ersten langmäntligen Mütter ihre Kinderwagen durchs Viertel. Oft auch Zwillingskinderwagen. Willkommen in Sarrazins Albtraum: Hier scheinen Migrantenkids im Stundentakt geboren zu werden. Man gebiert das Neue ohne Vor-, hier und da aber vielleicht mit Absicht. Merkwürdig genug: Überraschend viele Leute in unserem muslimischen Viertel besitzen auch noch Hunde (haram wie Schwein, aber außer mir weiß das mal wieder kein hiesiger Muslim), alle Größen und Sorten, vom monströsen Kangal über den toitschen Schäferrrrhund bis zur französischen Bulldogge und dem zittrig-winzelnden Yorkshire. Die werden jetzt ausgeführt, den Bolzplatz zuscheißen.

Aus meiner serbischen Stammkneipe stolpern blinzelnd die letzten Gäste  der Nacht. Es ist neun Uhr früh! Ich weiß Bescheid: Es gibt nämlich eine neue weibliche Bedienung. Die hat legendärerweise schon mal in einem Porno mitgemacht, den hat natürlich jeder Gast bereits auf dem Handy. Den Unterschied zwischen nacktem Märchen und bekleideter Arbeit zu checken, wird niemand müde. Der Slibo fließt die ganze Nacht. Ist ja eh eine Stunde weniger. Und der Schwanz, wie eine serbische Redensart heißt, guckt wenigstens nicht in die Schuhe.

Ab mittags steigt aus allen Ecken weißer Rauch auf. Keine Angst, kein neuer Papst und kein Super-GAU: Sobald der Himmel blaut und die Quecksilbersäule über 15°C steigt, wird unweigerlich der Holzkohlengrill angeworfen. Der betörende Duft von Grillfleisch umhüllt das Gesamtgeddo. Das ist ganz gut so, denn der Sonntag ist in der Folklore einer bestimmten, nicht genannt werden wollenden Volksgruppe auch der Tag, an dem man traditionell seinen verwesenden Haus- und krumpeligen Sperrmüll auf die Straße kippt. Verwesung vs. Fleischverkohlung: 0:1 nach Verlängerung.

Auf der Straße zeigen sich die ersten Grüppchen von türkischen Schönheiten, die jetzt mit Schminken und Kopftuchknüpfen fertig sind. Allgemein herrscht Disco-Islam: hautenge Hüftjeans, körperbetonte Tops, aber Kopftuch, in grell leuchtendem Rosa-, Türkis- oder Mintgrünmetallic. Mode ist, sich das Haar unterm Kopftuch dergestalt in einem Knoten zu binden, dass der Hinterkopf aristokratisch ausladend aussieht wie bei einer altägyptischen Prinzessin. Straße und Park sind schwarz von bunten Menschen, später auch bunt von schwarzen Menschen. Ganz selten mal das graue, verkniffen-argwöhnische Gesicht eines scheuen Deutschen – er wirkt irgendwie fremdartig hier, komischerweise auch auf mich.

Hinterm Kraftwerk parken über Nacht  Kohle-Trucks aus Bulgarien, der Tschechei und Polen. Es riecht nach Kohlenstaub, Nachtschweiß und Illegalität. Vor den Schlafkojen spreizen die Raben ihre Roben und warten auf Mandanten. „Honorarrr, Honorarrr, Honorarrr!“ krächzen sie erregt. Schlaftrunken blinzeln die Trucker in die Sonne. Sie bewegen sich vorsichtig und schwerfällig, wie die Leute bei der Mondlandung. Die Luft scheint zum Atmen geeignet, mit Abstrichen, aber ob der Planet Geddo auch bewohnbar ist? Immerhin, über allem – auch wenn man das Verb nicht mehr gern in den Mund nimmt – strahlt ein kobaltblauer Himmel.

Abends. Die Sonne versinkt postkartenreif hinter den Müllbergen. Es wird kühl. Wer jetzt kein Haus hat … schläft halt im Auto. Daheim aber beginnt die Natur unermüdlich und maßlos ihr fruchtbares Werk. Du spürst den Frühling, auch im Geddo.

Pizza, Fußball & ägyptische Italiener

28. April 2010

Ägyptischer Pizza-Teller

Ungewöhnlich warmer Frühlingsabend heute. Es groovt greifbar. Im Viertel riecht es betäubend, teils nach gemähtem, teils nach gerauchten Gras; Grill-Schwaden mäandern, der Flieder duftet, desgleichen die Mädchen, die heuer wieder eminent gut gewachsen sind, Kopftuch hin oder her. Die Tamilen spielen Krickett im Park oder Volleyball im Hof; die von mir politisch unkorrekt so genannten. Reggae-Neger sind bereits alle auf der Straße und üben ihren hoch-musikalischen Gang. Cool running. Vor lauter berauschtem Vormichhinradeln und urbanem Atmosphärengenuß vergesse ich übers Patroullieren glatt, mein abendliches  Diätbreichen zu kochen, und, was schwerer wiegt, auch noch, daß heute der FC Bayern in Lyon spielt. – Oh, oh! Jetzt aber schnell! Hunger UND Eile!

Spontan, was so viel heißt, wie: in Panik, beschließe ich einen Diätbruch. Wenn schon Mangel an compliance, dann aber richtig, also Ferttich-Pizza! Aber wo jetzt, bei wem und welche? Die Frage bei uns in der Nachbarschaft lautet dabei konkret: Wer sind die besten Italiener? Die Inder, die Tamilen, die Pakistani, die Marrokkaner oder die Ägypter?

Ich entscheide nach oberflächlicher Sympathie: „Mimmo“ war ein berüchtigter Mafia-Killer, der am Ende wieder katholisch wurde und seine Auftragsmorde beweinte wie ein  kalabresisches Krokodil. Besser spät, als nie, oder? Also okay, va bene, Mimmo. Freilich, die Italiener, die hier in der „Pizzeria Mimmo“ rasch, effizient und präzise agieren, sind allesamt Pharaonen-Söhne. Im Lokal weht an die Wand genagelt die rot-weiß-schwarze Fahne.  Im Fernsehen läuft das Bayern-Spiel, übertragen vom Kairoer Fernsehen. Man sei, so erklärt mir Kemal mit charmantem Lächeln, zwar durchaus auch in der Lage, auch dem deutschen Kommentar zu folgen, fände aber den ägyptisch-arabischen spannender. Ich muß dem zustimmen: Wer einmal einen schon in der 8. Minute ultrahocherregten ägyptischen Kommentator hat „Sch’huua-wwh’ein-staige’rrrrrrch“ hat intonieren hören, dem ist selbst Marcel Reif bloß ein Schnarchsack.

Also eine mittlere Napoli mit Tonno und Kapern. Noch heiß und knusprig, als ich den DBVT-Stecker ins Notebook einstöpsele und Wein (weiterer Diätbruch, jetzt ist schon alles egal!) eingieße. Eine tadellose Pizza, stelle ich fest, während ich wohlwollend registriere, daß die Bayern inzwischen bereits 1:0 führen. Ein kritischer Gedanke, des Inhalts, daß Pizza ja nun wohl definitiv das langweiligste Thema der Welt ist, schießt mir durch den Kopf. Kann sein. Trotzdem, wenn er’s mal sein muß, will man wissen, wohin. Ich schlage vor: „Mimmo“.

Die ägypytischen Jungs sind multitasking-fähig: Sie können gleichzeitig auf arabisch ins Handy palavern, Fußball gucken, mit Kunden plaudern, kassieren und zudem anscheinend recht leckere Pizza backen. Ich bin nicht ganz sicher – hat Ägypten sich für die WM in Südafrika qualifiziert? (Ich glaube, schon…) Wenn ja – ein Fußball-Spiel guck ich auf jeden Fall in der „Pizzeria Mimmo“: Das bißchen Arabisch lern ich bis dahin!

Bayern siegt 3:0. Die Pizza ist vertilgt. Ein Rest Wein ist noch da. Der Tag endet befriedigend.

Im Frühlings-Delyrium

19. März 2010

Mädchenblüte (Bild: A. Mucha)

Zweifellos ein Rätsel der Natur: Die Bäckerladen-Mädchenblüten-Korrelation, auch Bäckerblumen-Konstante genannt. Jeder Statistiker wird es bestätigen: Man mag zum Vergleich heranziehen, was man will – Metzgereien, Parfümerien, Schuhgeschäfte, Baumärkte, egal: Es sind die Bäckereiläden, in denen grundsätzlich die hübschesten, anmutigsten, natürlichsten und nettesten Ladenfräuleins arbeiten! „Im Schatten junger Mädchenblüte“ (Marcel Proust) kauft man gern seine blonden Semmeln, brünetten Mohnzöpfe und süßen Puddingbrezeln und ist, auch als älterer Herr, nicht nur vom Backwerk nachhaltig enchantiert! Warum das so ist, weiß kein Mensch. Nicht mal Wissenschaftler oder Experten.

Fleischereifachverkäuferinnenauszubildende mögen drall sein, rosenwangig, fleischig und derb – Eichendorffsche Anmut versprühen sie fast nie. Parfümeristinnen von Douglas sind nicht natürlich, sie tragen zuviel Kajal und außerdem Strass auf den Acrylfingerkrallen. Schuhverkäuferinnen sind immer frustriert; H&M-Mädels und andere Boutiquen-Girlies wollen zu MTV, Viva oder Germany’s Next Top Moppel, und interessieren sich daher nicht für Kunden. Und selbst von Friseurinnen, die früher, neben Cellistinnen, generell einen starken erotischen Reiz auf mich ausübten, bin ich nicht mehr begeistert.  Heute heißen sie leider oft Sorina, Jackeline oder Chantalle, sie tragen grelle Proletten-Strähnchen, und mit ihrem früheren Privileg – unglaublich gut zu riechen – ist es auch nicht mehr weit her.

Aber in Bäckerläden! Wie goldhäutig zart, knusprig, resch, kross und rank, zum Vernaschen appetitlich, honigsüß, tiefenwürzig, knusperknackig, zum Anbeißen hübsch ist hier nicht nur das Backwerk in der Vitrine drapiert, – nein, über das Angebot regieren auch noch Elfen, Nymphen, Anmutsmusen und Ährenjungfrauen von frappanter Eleganz und selten seelenvollem Charme. Aufgeschlossene Munterkeit verströmend verschenken sie gute Worte und Wünsche für den Tag und geben in die Brötchentüte, als Gratisgabe, solch ein Bündel Lächelblicke mit hinein,  daß selbst graubärtige Misanthropen-Wölfe für den Moment das Zähnefletschen vergessen und sich aufs Frühstück freuen. So wie ich gestern.

Zunächst sollte ich erwähnen, daß die uralteingesessene heimatliche Bäckereiladenkette „Müller“ für mich immer noch die besten, wohlschmeckendsten und authentischsten Sachen feil hält! Erst kommt der Bäcker Müller, dann eine Weile gar nichts, dann der eigene Brotbackautomat, und schließlich der Rest. Insofern könnte Müller theoretisch auch den Drachen Frau Mahlzahn zum Brötchenverkauf einteilen, oder jemanden aus der Schreckschraubenabteilung, ich bliebe dennoch Kunde.

Um so mehr war ich gestern beim Betreten der kleinen Filiale hier im Viertel enthusiasmiert. Fast wären mir wieder rote Ohren und kurze Hosen gewachsen, derart bis zur Verlegenheit geblendet wurde ich von Charme und Schönheit einer jungen Dame, die dort Dienst tat. Sie war ganz und gar von der Art jener blonden Prinzessinnen, die ich in meinen Knabenträumen immer vor wilden Tieren und grausamen Indianern gerettet habe, um sie dann irgendwie zu heiraten, oder so. (Ganz genau wusste ich noch nicht, was man mit geretteten Blondzöpfen anfängt, die einem vor Dankbarkeit um den Hals fallen…)

Versunken in Andacht und Abschweifung hätte ich beinahe vergessen, meine Brötchentüte mitzunehmen! Dafür stand mir noch lange ein leises Lächeln im Gesicht, was freilich, wie wohl die gesamte Hochgestimmtheit, auch damit zu tun hatte, daß gestern bei uns mit plötzlicher Urgewalt der Frühling ausgebrochen ist und die Sonne einem die Hypophyse kitzelt.

Also, wer kann: Frisches Backwerk kaufen und dann ab in den Park, träumen, tanzen, Wolken umarmen.

Das Leben: Tulp Fiction

9. April 2009
img

Die digitale Tulpenmamsell: Nein danke!

Das Leben: Bloß Tulp Fiction

 Pssst, mal eben! Es klingelt an der Haustür! Wer mag das sein? Zeugen Jehovas auf mission impossible? Strenge GEZ-Kontrolleure? Der Kabelfirma verwahrloste Brut? Mais non! Weit daneben! Es ist das Leben, das Leben selbst, das pure, pralle, lächelnde, ja ungescheut breit lachende Leben! – Aber der Reihe nach: Zunächst drängt sich mir in Brusthöhe ein üppiger, farbenstrotzender, brutalst frühlingshafter, tabulos sich vorwölbender Tulpenstrauß entgegen, ein Strauß mit Körbchengröße „D“ sozusagen. Wie das prangt, prunkt und rundum punktet! Ist sich der Königin des Blumens: die Tulipane! Wofür dereinst der barocke Pfeffersack-Niederländer im Wahn sich heillos verspekulierte, duellierte und zu Grund ruinierte, des Zwiebels Kern, des Türken-Sultans geile Lieblingsblüte, duftlos zwar, aber multi-bunt und so exotisch muselmanisch wie sonst nur Harem, Hamam und Honigkuchen. Hach, die Tulpe! Tulpe aus Amsterdam! Hier steht sie stramm wie Süleyman der Prächtige vor Wien, dräuend und lockend, in Kompaniestärke, Stücker fuffzich Mann Tulipan, in rot und gelb und weiß und pink und lachs und aubergine und weißnichtwas, halt wie der Schnabel gewachsen ist, ein Durcheinander wie auf der Hochzeit von Osman und Christoph, es beißt sich ein bißchen, aber egal, es ist die natürlichste Sache der Welt, da strotzt und protzt halt der von den osmanischen Hormonellen stammende Tulpenstrauß gern vor symbolischer Lebensfreude, verheißener Neuerwachung von Sexualität, saturnalischem Gezuppel und sittenlosem Sonnenhunger!

Doch der Strauß ist nicht allein gekommen! Da schau mal an, was hamwer denn da noch? Einen Hasen? Ein Häschen? Ein Mäuschen? Abermals: au contraire! Merhaba, schöne Mamelucken-Maid, hos geldiniz, Fräulein  Tulpenmamsell! Sie krönt der Tulpen Chor mit einem augensprengend weißen, zahnspangen-trainierten, strahlenden Lächeln, einem herzlichen, herzensguten Lachen sogar, das man, da von einer jungen (ca. 28) Dame vorgetragen, als entwaffnend empfinden könnte. Honigblond ist sie, wie ich’s leiden mag, mit heutigentags modernen, vollkommen natürlich wirkenden Strähnchen, aber keineswegs klebrig, sondern frisch, innovativ, angesagt, ja  beinahe frühblüherhaft-knackigfrisch entwaffnet mich die in ein violettes Hemdblusenkleid kleidsam eingehüllte Besucherin mit ihrem tulpig blumigen Flair. Duftet sie? Ist sie vielleicht sogar eine Spur sexy? Man ahnt so manches. Stille Wasser, und so weiter. Obwohl, still ist sie gar nicht! „Lassen Sie das Leben rein!“ brüllt sie mir jugendlich nonchalant, aber doch respektvoll entgegen. Immerhin duzen wir uns noch nicht! Soll ich sie hereinbitten? Wie verhält man sich leger, cool, aber korrekt, wenn es klingelt und das Leben steht in Form eines trächtigen, also Tulpenstrauß tragenden Blumenmädchens vor der Tür?

Normalerweise würde ich entgegnen: „Da muß ich erstmal meine Frau fragen“. Bei aller in sturmgezausten Ehejahren erworbener Toleranz, ich weiß nicht, ob die Gattin, aus den von ihr streitbar eroberten Männerdomänen heimkehrend, mich gern bei einem rokoko-haft verspielten Schäferstündchen mit einem Tulpenmädchen ertappen möchte. Wie ich die Gattin kenne, dränge mir zumindest ein scharf missbilligender Blick ins Gebein! Anderseits: – das Leben!

Wie lange warte ich schon darauf, daß das richtige Leben beginnt! Erst dachte ich, es kommt nach dem Abitur, oder mit dem ersten Sex, wenigstens nach Scheidung der ersten Ehen, nach Absolvierung der Midlife-Crisis jedenfalls, oder doch zumindest, wenn die Kinder aus dem Haus sind! Das Leben! Und jetzt, wo es mit einem Blumenstrauß auftaucht, um sich zu entschuldigen, daß es mich rund 50 Jahre hat warten lassen, soll ich ihm die Tür vor dem entzückenden Näschen zuschlagen? Außerdem, ich bin doch noch immer so neugierig auf das richtige Leben! Soll ich’s also „reinlassen“?

Wiederum aber: Ich bin mittlerweile abgebrüht genug, um nicht bei jedem jungen Weibe, das mir ungebeten ein Lächeln schenkt, gleich den Verstand zu verlieren. Schweißausbrüche, Herzrasen und weiche Knie reichen doch vollkommen! Und um die Wahrheit zu sagen: Bei allzu süß strahlenden Sex-Sirenen schau ich heute vorsichtshalber erstmal aufs … Kleingedruckte. Lebenserfahrung: Je hübscher das Fräulein, desto länger der Schwanz des Kleingedruckten, der Klauseln, Kautelen und Kasuistiken, der Sorgerechtsvorbehalte, Unterhaltsansprüche und Zugewinngemeinschaftsvereinbarungen. Vorsicht: Leben! Das Leben des amourösen Heroen (vgl. Casanova, Schürzenjäger, Womanizer) ist eines der teuersten. Also buchstabiere ich das Kleingedruckte und stürze mich ins eiskalte Blumenwasser der Ernüchterung: Das Leben, das ich „reinlassen“ soll, ist nicht etwa lauter Sex, Sinnlichkeit und Paarungslust, sondern vielmehr: „Internet + Telefon + Digital TV“! Oooch, Manno! Alles wieder nur Talmi, Trash und Tulp Fiction! Das „Leben“, pah! Kenn ich, hab ich, war ich schon! Besten Dank! Für „Internet + Telefon“ setz ich doch meine Ehe nicht aufs Spiel! Das Leben kann mich mal! Da geh ich lieber fernsehen, oder ruf mal wen an. Tut mir leid, liebreizende Amsterdamer Tulpendame! Leb, mit wem du willst – mit mir nicht! Mit mir nicht! Und: rummms! Tür zu. Mag es sich doch weinend von dannen schleichen, das sogenannte Leben!

Ostern: Ein Vorschlag zur Güte

9. April 2009
490px-mathis_gothart_grunewald_023

Ich bin gegen Kreuzigungen!

ICH MÖCHTE DAS BITTE NICHT!

Ich bin, schon von Berufs wegen, eigentlich aufgeschlossen, aber ich fürchte, an mir würden tausend Missionare zu schanden werden, ein Burn-Out-Syndrom, eine Sinnkrise oder das nackte Grausen bekommen. Glasperlen, Rosenkränze, gute Worte und frohe Botschaften scheinen an mir verschwendet. Ich bin da gar nicht stolz drauf. Ich meine, meinen Beruf ergreift man ja nicht, wenn man nicht einen Faible für komplett abgefahrene, spinnerte, irre oder um mehrere Ecken herum gedachte Hirngespinste besitzt. Ich fieberte bei den Abenteuern von Hegels „Weltgeist“ mit, auf seiner langen Reise „zu sich selbst“. Von Leibnitzens irgendwie seifenblasenartigen „fensterlosen Monaden“ hab ich geträumt; mit Descartes’ Captain Cogito hab ich auf der Brücke der Körpermaschine gestanden, mit Husserl das „reine Bewußtsein“ gesucht und mit Heidegger auf „das Sein“ und dessen Raunen gelauscht. Mit Nietzsches „Übermensch“ bin ich um die Häuser gezogen, hab Sartres „Ekel“ verspürt, in Ernst Blochs „Dunkel des gelebten Augenblicks“ einen Filmriss erlitten, ich habe gegen Marcuses „eindimensionalen Menschen“ gekämpft und bin mit Theodor W. Adorno in der Dämmerung dem „Nicht-Identischen“ begegnet.

 Aber es ist Ostern, das mich verwirrt und melancholisch stimmt. Speziell der Karfreitag, weil, Ostersonntag gibt’s ja Lamm, es wird Frühling und alles hat mit Recht gute Laune. Aber Karfreitag? Leute! Ich meine, die Vorstellung von einem gütigen Gott ist ja auf den ersten Blick recht hübsch, aber dann wird der auf eigenen Entschluß hin Mensch und zwar ausgerechnet auch noch als sein eigener Sohn, läßt sich alsbald auf grausamste, viehischste Weise zu Tode foltern, und zwar, wie ich gerade wieder lesen muß, das alles, um mich von meinen Sünden zu erlösen?! Also bitte! Das wäre doch nun nicht nötig gewesen! Ich will gar nicht mit Logik kommen, aber, wenn ich Schuldgefühle möchte, dann halte ich mich an meine Mutter, die es im Erwecken von Schuldgefühlen  mit jeder jüdischen Mamme spielend hat aufnehmen können. Ich möchte nicht, daß wegen meiner Sünden – Ladendiebstahl (verjährt), leichtes Übergewicht, zuviel Alkohol, Eitelkeit und Hoffahrt – jemand zu Tode kommt! Schon gar nicht auf so entsetzliche Weise! Da muß einer gar nicht unbedingt Gottes Sohn sein – ich bin prinzipiell und aus ganzem Herzen gegen Kreuzigungen. Ich will so etwas nicht!

 Und warum sagt Gott beim Jüngsten Gericht angesichts meines im Weltmaßstab eher bescheidenen Sündenkontos nicht einfach „Schwamm drüber!“ und setzt meinetwegen meine Strafe für 500 Jahre zur Bewährung aus, in denen ich auf Erden als Engel herumspuken muß und dabei helfen, Ehen zu kitten, verlorene Geldbörsen wiederzubeschaffen und armen Kindern Fahrräder zu schenken, beispielsweise? Das wäre wenigstens nützlich. Aber so? Ich glaube 50% meiner kindlichen und präpubertären Albträume gehen auf den in Kirchen stundenlang beglotzten zerschundenen Leichnam Jesu Christi am Kreuz zurück. Fürchterlich! Unter dem Einfluß von Kirchen-Liedern wie Paul Gerhardts unvergesslichem Hit „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ wurde ich zum morbiden schwarzen Romantiker, bekam eine schiefe Weltsicht und versäumte, u. a. aus Schuldgefühlen, viel guten, früh-adoleszenten Sex. Ich hätte eventuell sogar die himmlisch süße Angela aus dem Konfirmandenunterricht küssen können, wäre mir Jesu Blut und Wunden nicht dazwischen gefunkt!

 Ich hätte da einen Vorschlag. Zeit scheint ja keine Rolle zu spielen bzw. reversibel zu sein. Wenn Jesus für meine Sünden gestorben ist, die ich erst zweitausend Jahre später werde begangen haben sollen, könnte man das dann nicht auch irgendwie umdrehen? Also ich sündige nicht mehr, mäßige meinen Weinkonsum, treibe mehr Sport und bin charmant zur Gattin – und dafür läßt ER diesen ganzen Geißelungs- und Kreuzigungsscheiß, lebt schön weiter, heiratet seine Maria Magdalena, und Ostern feiern wir ganz einfach wieder Frühling, Fruchtbarkeit und den Beginn der Spargelsaison? Ich finde, damit wäre uns doch allen gedient! – Aber das ist jetzt naiv, oder?