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An Old Fart’s Blues

16. Juni 2012

Es perlt

Na, mal wieder Monsum-Zeit im Zwergenwald. Zartgrau rauchtaubenblaue, total verperlte Dämmerstunden in der Nasszelle, zähflüssig wie Rübenkraut auf warmer Margarine. Gehört das denn auch zum sogenannten Leben? In der Schlafwandergruppe: Die junge Zukunftshoffnung am Nebentisch (mademoiselle donneuse la leçons), monopologisiert wie der Dauerregen und redet dabei wie eine Nähmaschine. Monotones Surren, Sticheln, Nadeln. Kommunikativer Kollateralschaden: Singert und pfafft mir Mund und Ohren zu, mit staubgrauem Zwirn. Nerven nadelstreifendünn und fadenscheinig. Dr. Kimble ertappt sich bei Gedankenflucht, dergestalt, dass er sich fragt, was er in dem klebrigen Hier und Jetzt eigentlich ist, macht und soll, was logisch dann freischwimmend schließlich zu funeral-fundamentalen Gedanken über den Tod überleitet und abschweift, oder auch, beispielsweise, warum nicht, zu Gott. Agnostiker mit Stil gedenken durchaus gelegentlich des HErrn, wenn auch nur schüchtern aus den Augenwinkeln schmollend (plus Flunsch wegen andauernder Offenbarungsknappheit).

Obwohl solch metaphysikverliebtes Denken ja selbstredend auch schnell an seine natürlichen, von Immanuel Kant straff gescheitelten Grenzen stößt: Im Grunde geht es bloß um die Frage, wie man es vermeidet, in einem deutschen, beige-grün karierten Pflegeheim zu landen, in dem das Leben unzumutbar und der Tod unerschwinglich ist. Wenn man schon sterben muss, dann bitte nicht im Stuhlkreis mit anderen Demenz-Exzellenzen, besinnungslos in die Hände klatschend und mit einem einfältigen Kinderlied im zahnlosen Mümmelmund. Durch welche Schuld hat man es eigentlich verdient, alt zu werden?

Der neue bundesdeutsche Gesundheitsreport fällt mir da ein, die jüngste Offenbarung des Hippokrates: Die vier apokalyptischen Reiter, Adipositas, Hypertonias, Osteoporosis und der grimme Demenzius auf dem fahlen Pferd, fahren hin über und gegen die Deutschen, auf dass sie diese verderben und definitiv zuschanden reiten. Ach, das Gezwitscher der Ärzte! Und was empfehlen überraschenderweise diese sogenannten, selbsternannten und erzverdammten Ärzte? – Bewegung! Mehr fällt dem Mediziner-Gesindel nicht ein. Ich freu mich schon auf die erste Dementen-Olympiade (paralytic olympics), Diszplinen: Ausbruch aus dem Heim, Hürdenlauf zum alten Zuhause, Verwandten-Erinnern mit Hindernissen. Künftige Medizinhistoriker werden unsere Epoche als die Ära des abgeschmackten Wahns identifizieren, in der „Bewegung“ das definitive Universalremedium für alle Gebresten gefunden zu haben.

Wer glaubt, das Alter, der angeblich schwer eisweingoldene Herbst des doofen Daseins, winke wenigstens, als Trostpreis für Impotenz, Inkontinenz und Indolenz, mit wachsender Toleranz und Gelassenheit, den muss ich enttäuschen. Ihr verwechselt Toleranz mit Resignation und Schwäche. Vitale Senioren erkennt man daran, dass sie an rein gar nichts mehr glauben und ihnen außerdem immer mehr Leute immer verschärfter auf die Nerven gehen. Toleranz heißt bloß, dass man, wie ich, die Zwille in den Schrank hängt und Passanten nicht mehr mit getrockneten Kichererbsen beschießt, sondern es dabei belässt, ihnen trocken hinterzukichern. Mögen sie denken, dieser Kicherer sei der Tod. Vielleicht bewegen sie sich dann ein bisschen, und zwar gerne erstmal aus meinem Blickfeld.

Aber gut, mal angenommen: Wir bescheuerten Fitness-Idioten, allesamt ausgemergelte Bewegungsmelder mit Bundessportabzeichen in ihren goldenen Neunzigern, sitzen nun im Stuhlkreis. Wir sind, was das Schlimmste am Alter ist, in die Hände jüngerer Leute gefallen. Sie klatschen und singen mit uns und führen uns ihren Golden Retriever zu, Emma, eine ganz liebe! Mit zittrigen, arthritischen Händen betatschen wir das blonde Kind, Quatsch, Tier, und erinnern uns wieder. Zum Beispiel an unsere Ex-Frauen. Wollen wir das? Und haben wir dafür dankbar zu sein? Sind wir dafür geboren, so zu enden?

Schon gut, ich hör auf mit dem Schlechte-Laune-Funk. Man soll selbst den Realismus nicht übertreiben. Außerdem: Dauerregen im Juni, Schlafwandergruppe, Gespräche mit der Nähmaschine: Was soll da schon noch Arges kommen? Und jetzt ein Saxofon-Solo.

Wie Immanuel Kant einmal in den Krautsalat fiel

4. April 2012

Kant-Salat

Also das kam so: Der Tag hatte schon „saublöd“ (Karl Valentin) angefangen, mit einem Halbalbtraum nämlich, in dem ich auf die zweifelhafte Idee gekommen war, eine Fahrradtour nach Teheran (!) zu machen. Am Abend wollte ich zurück in Dortmund (?) sein, obwohl ich da gar nicht wohne, und dann hatte ich kein Geld, keinen Pass, sprach kein Farsi, konnte die Schilder nicht lesen und kam aus der gottverdammten Mullahmetropole nicht wieder heraus; überdies war die Stadt auf der 9x7cm großen Weltkarte in meinem Notizbuch irgendwie verrutscht und lag plötzlich am Meer, anstatt im Gebirge, was mich zwang, endlos durch den Teheraner Container-Hafen zu gondeln, kurz, es wurde Nachmittag, die Sonne stand schrägtief, die Muezzine begannen schon von den Minaretten zu quengeln und ich war noch immer nicht aus dem Weichbild der Stadt hinaus – und dann ging auch noch das Licht an meinem Fahrrad kaputt! Wahrscheinlich waren Allahs Ajatollahs mir schon auf den Fersen bzw. Felgen, meine Stimmung entsprechend beinahe weinerlich. – So fängt kein guter Tag an. Und dann als nächstes der Müllschock!

Ich hatte nämlich am Montagmorgen Müll-Dienst und musste die geleerten Tonnen in den Hof verfrachten, eine im Sechs-Wochen-Rhythmus zu absolvierende Pflicht, die ich sehr ernst nehme. Also den Albtraum notdürftig weggeduscht, rasiert, geföhnt, in den legeren Straßenanzug geschlüpft, ohne Krawatte, aber gepflegt, die Stiege herunter auf den Bürgersteig und – Schock! Ein anderer Hausbewohner hatte meine Arbeit schon getan! So etwas kann ich auf den Tod nicht ausstehen! Ich bin eine Art Autist, ich habe praktisch Asperger, ich brauche verlässliche Strukturen und werde verdammt nervös, wenn mir einer in die Ordnung pfuscht. Zitternd hockte ich eine bange Stunde in der Stube, brutal um den geplanten Tagesanfang gebracht. Eine Weile überlegte ich, ob es nicht besser wäre, die Mülltonnen wieder hinauszubefördern, um sie dann ordnungs- und turnusgemäß eigenhändig wieder einzuholen, aber das kam mir dann selbst blöd vor.

Trotzdem, der Tag drohte im Chaos zu versinken. Außerdem waren Ferien, ich hätte die Zeit gehabt, online Solitaire-Mikado zu spielen, meine Weinkorken-Sammlung zu sortieren oder mir strunzdumme Sendungen im Plapperkasten anzuschauen – stattdessen knabberte ich Fingernägel, ventilierte zaghaft halbgare Pläne und beging zahllose, hier nicht darstellbare Übersprungshandlungen, deren Folgen ich dann zu beseitigen hatte. Bloß gut, dass die Gattin nicht da ist, um Zeugin zu werden, was ich anstelle, wenn sie nicht da ist! Ich bin derzeit nämlich nervlich besonders gefährdet, weil ich Strohwitwer bin. Sagt man das eigentlich noch? Strohwitwer? Jedenfalls die Gattin hat derzeit ihre Gesundheitswochen und ist in ein Wellness-Hotel gezogen, wo sie für viel Geld nichts zu essen bekommt, stattdessen aber vietnamesische Gesichtsreflexzonenmassage, Leberwickel und Glaubersalz. Ihr kulinarischer Tageshöhepunkt besteht in der Verabreichung eines Glases Sauerkrautsaft. Mich macht das ganz krank, ehrlich, obwohl sie das freiwillig tut; ohne das gemeinsame Kochen fehlt mir aber der Lebensmittelpunkt und die Tagesstruktur.

Aus Solidarität beschloss ich, wenigstens vegetarisch zu leben und bereitete mir nach Anweisungen aus dem Internet einen Krautsalat mit Tofu-Würstchen zu, um mal zu sehen, wie das ist, wenn man nichts Gescheites isst. Strohwitwerschaftssbedingt schon etwas verwahrlost übernahm ich mich indessen; ich wollte mangels menschlichem Gegenüber an meinem High-Tec-Schreibtisch speisen, guckte also dabei, linker Bildschirn, Fernsehen, beobachtete (rechter Bildschirm) das Internet, strich mit der einen Hand Senf auf die Tofu-Kringel, wollte aber zugleich was nachschauen und hielt deshalb in der Linken zusätzlich noch ein Büchlein von Immanuel Kant. Als aber dann auch noch das Telefon klingelte, begann ich unkontrolliert zu zittern, unvermutet trat Zerebralkrampf ein, die Motorik verschmorte und … Kant fiel in den Salat. – Es handelte sich übrigens um die „Kritik der praktischen Vernunft“.

Schmierblatt „taz“ (Indianer mit kalten Händen)

22. Februar 2012

Indianer mit kalten Händen (Fotoquelle: http://www.pflichtlektuere.com/.../ 12/kalte-haende1.jpg)

Von Philosophen lernen heißt fragen lernen. Mein Idol, der Königsberger Meisterdenker Immanuel Kant, warf einst („Von den verschiedenen Rassen der Menschen“ 1775) die bis heute nicht befriedigend beantwortete Frage auf, warum bloß der Indianer immer kalte Hände hat. Und zwar hereditär und unvermeidlich. Die eventuell aufkeimende Gegenfrage: Woher kannte Kant, bei dem man auch viel über den Neger („faul, weichlich und tändelnd“) lernen kann, denn das kleine Geheimnis des Indianers? Im Königsberg des 18. Jahrhunderts waren Indianer (und selbst Neger) nur extrem selten gesehene Gäste, und das Internet gab es ja noch nicht. Nun, Immanuel Kant bezog seine Weltkenntnis bei durchreisenden Engländern, die ihm beim Punsch allerhand Schnurren erzählten.

Mit Internet wird nun jeder zum Superhirn und birst vor Meinungen. Wahres Wissen verbreitet sich mit Lichtgeschwindigkeit. Man weiß, dass Thomas Gottschalk Alzheimer hat, Bettina Wulf früher Prostituierte war und Präsidenten-Kandidat Gauck ein Antisemit ist. Steht doch alles im Internet! Das heißt, letzteres entnehmen wir der derzeit kognitiv verwahrlosesten, schmierigsten und verkommensten Art von Boulevard-Journaille, die auf dem Markt herumkrakeelt und verzweifelt Abonnenten kobert, die das eigene Dumpfbacken-Ressentiment teilen – der „taz“. Dort darf ein Kolummnen-Kretin namens Deniz Yücel, der das Denunzieren offenbar noch vor dem Schreiben gelernt hat, Gauck-Zitate solange kürzen, verdrehen und sinnentstellend zusammenkleistern, bis das genaue Gegenteil des Gesagten herauskommt. Gesagt hatte Gauck nämlich etwas sehr Kluges:

„Nicht nur aus deutscher oder jüdischer Sicht ist die Erinnerung, Vergegenwärtigung und Darstellung des Holocaust von zentraler Bedeutung. Allerdings wird sich in den kommenden Jahren zeigen, welche Art des Erinnerns und Gedenkens von nachhaltiger Bedeutung sein wird. Nur am Rande sei die Gefahr der Trivialisierung des Holocaustgedenkens erwähnt. Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocaust. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt. Das ist paradoxerweise ein psychischer Gewinn, der zudem noch einen weiteren Vorteil hat: Wer das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren hat und unter einer gewissen Orientierungslosigkeit der Moderne litt, der gewann mit der Orientierung auf den Holocaust so etwas wie einen negativen Tiefpunkt, auf dem – so die unbewusste Hoffnung – so etwas wie ein Koordinatensystem errichtet werden konnte. Das aber wirkt »tröstlich« angesichts einer verstörend ungeordneten Moderne.

Würde der Holocaust aber in einer unheiligen Sakralität auf eine quasi­religiöse Ebene entschwinden, wäre er vom Betrachter nur noch zu verdammen und zu verfluchen, nicht aber zu analysieren, zu erkennen und zu beschreiben. Wir würden nicht begreifen. »Aber der Holocaust wurde inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt, in einer hoch entwickelten Zivilisation und im Umfeld außergewöhnlicher kultureller Leistungen; er muss daher als Problem dieser Gesellschaft, Zivilisation und Kultur betrachtet werden.« Das nicht zu sehen, es aus dem historischen Gedächtnis zu verdrängen oder aber entlastende Erklärungsmuster zu akzeptieren, bedeutet die Gefahr einer »potentiell suizidalen Blindheit«. So sagt es der jüdisch­polnische Soziologe Zygmunt Baumann, dem ich meine gewandelte Sicht auf den Holocaust verdanke.“

Das ist, wie gesagt, überaus klug, sensibel und intelligent formuliert. Der „taz“-Schmierfink macht daraus: Gauck missbilligt es, ’wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird’“, und versucht damit „die Juden in die Schranken zu weisen“. Der Dreck wird sich verbreiten, da darf man sicher sein. Ich aber warte auf durchreisende Engländer, denen ich ins Ohr wispere: „Mr. Deniz Yücel ist ein elender Wichser („wanker“)! Und die „taz“ taugt gerade noch dazu, ein Feuerchen zu machen, damit sich der Indianer die Hände wärmen kann!“

Ontologische Verteidigung des Negers

19. Februar 2012

Eigentlich schwarz: Barry White

Statistiker sagen, im Geddo hausten Repräsentanten von 99 Nationen. Das ist aber Stand vorletztes Jahr, möglicherweise sind es heute schon 120, 130, man weiß es ja nicht. Einer der interessantesten Zuwanderer dabei ist der Neger.  Er lebt nur Freitag und Samstag Nacht hier im Geddo, dies praktisch ist der Tag des Negers! Unter der Woche geht er offroad dunklen Geschäften nach. Man sieht ihn nicht, er verteilt sich und macht sich dünne. Das ist natürlich ein Vorurteil, ganz klar, das sehe ich ein und entschuldige mich in aller Aufrichtigkeit. Ich bin beileibe kein Rassist, das liegt mir fern. Der große Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, wusste übrigens, obschon er zeitlebens über das Weichbild Königsbergs nie hinausdrang, vom Neger, dass dieser morgens seine Hängematte verkaufe und dann des Abends aber nicht wüsste, wo er sich betten soll. Diese Ansicht gilt aber als überholt. Heute verkauft der Neger Hängematten, die er gar nicht hat, und schläft abends im Hotel. Ha, ha, kleiner Scherz mit Gruß an die Nigeria-Connection. Zum Glück versteht der Neger Spaß!

Manche Leute haben Vorurteile, weil sie den Neger nur aus der Schlagerparade kennen; ich hingegen darf sagen: Einige meiner besten Freunde sind sogar Neger. Einer von ihnen heißt, was mir einen unversiegbaren Quell der Verblüffung darstellt, Wolfgang! Wolfgang Mbami-Goreng. Er ist sogar durchaus auf seine Weise ein bisschen sympathisch, aber wenn wir mal so auf ein Hirsebier zusammensitzen, kommt es noch immer vor, dass ich, von einem unwiderstehlichen Drang getrieben, meinen Zeigefinger mit Spucke befeuchte und vorsichtig  an seiner Haut reibe. „Wolfgang“, sage ich dann regelmäßig, „ich wollte es nicht glauben, aber du bist ja allem Anschein zum Trotz wirklich ein in der Wolle gefärbter Originalneger! Als kämest du aus Afrika!“ Wolfgang pflegt dann mit extrem weißen Zähnen zu lachen und haut mir gutmütig eins aufs Maul. Während ich mein Nasenbluten zu stillen versuche, lacht er noch immer generös: „Bruder, Blödmann, ich BIN aus Mother Afrika!“ Ich ertrage das wiederum , denn Diskuskulturen sind halt unterschiedlich.

Wolfgang findet Weiße aus Gründen, die ich nicht teile, aber nachvollziehen kann, etwas unappetitlich. Sie haben eine Haut aus Käse, können nicht tanzen und riechen irgendwie penetrant nach türkisblauen Klo-Steinen. Wir fremdeln also, aber mit Herz und Sinn für Völkerverständigung. Wär ja noch schöner, wenn wir den Neger nicht nach seinem Gusto hier leben ließen. Die Zeiten der Sklaverei sind vorbei, heute heißt das „keine Papiere“ und, na, haha, „Schwarzarbeit“.

Ich gelte ja als philonegroid. Die Frage ist, ob auch bulgarische Roma im weitesten Sinne zu den Negern gehören. Ich denke ja nicht. Lange Zeit habe ich vergeblich versucht, an ihnen was Gutes zu finden. Es wollte mir erst nichts einfallen. Wodurch bereichert uns kulturell der Roma-Bulgare? Wir verstehen ihn nicht, denn zumeist spricht er ein Türkisch mit heißen Kartoffeln im Schlund, es schollert und bollert, dass es einen graust, und die Hauptbeschäftigung des Roma-Bulgaren ist, nebst Akkordeon-Belästigungen im Innenstadt-Bereich und der Produktion von mindestens zehn Kindern, die Ablagerung von eklem Müll auf dem Bürgersteig. Lange Zeit, ich gebe das zu und entschuldige mich dafür, fand ich den Roma-Bulgaren nicht als Bereicherung.

Jetzt aber doch, denn er singt! Während Biodeutsche debil Thomas Gottschalck gucken, gruppiert sich der Roma-Bulgare zur Gemeinschaft und singt folkloristische Lieder. Polyphon, pentatonisch und heimwehzerfressen intonieren bulgarische Roma-Frauen herrliche Gesänge, die eindringlich über dem Geddo erschallen. Da kann der Muezzin einpacken mit seinem blöden Geknödel! Bulgarinnen singen, das ist von zahlreichen CDs bekannt, wie die Engel! Der Bio-Deutsche hingegen hat die schöne Praxis des gemeinschaftlichen Singens völlig verlernt!

Der Neger, technisch etwas mehr beschlagen, ist meistens ohrverkabelt und LÄSST singen, Reggae, Ska, Dub und 2Step, das ganze Programm auf dem iPod. Kürzlich sprach mich ein wildfremder Neger am Brückenplatz an: „Hey, Bro, aint it a perfect night to party?“ Ich bejahte dies freundlich. Wem Rassismus fremd ist, der kann dem Neger nichts abschlagen. Er ist halt durch seine komische Hautfarbe geschlagen, aber er ist doch immerhin auch EIN MENSCH! Soweit wage ich mich vor in der ontologischen Verteidigung des Negers! – Über den Juden dann ein anders Mal…

Das Würstchen als soziale Skulptur betrachtet

13. Juli 2011

Das Gesicht unserer Stadt? (Foto-Quelle: http://www.rosenheim24.de/bilder)

Wir sind eine Pleite-Kommune. Also sparen! Zum Beispiel durch das Zusammenlegen von Funktionen. Andere Großstädte haben einen OB, wir leisten uns Adolf Sauerland. Er hat Duisburg weltberühmt gemacht hat. Von den üblichen Amtspflichten (Kinder tätscheln, Plätze taufen, Schützenfeste eröffnen) ist er weitgehend suspendiert, dafür arbeitet er als Kunstwerk im öffentlichen Raum, als soziale Skulptur sozusagen.

Wie bei modernen Kunstwerken üblich provoziert er, eckt er an, erregt er Abscheu und Faszination. Moderne Kunst muss wehtun, sie muss geschmacklos sein, ein juckender Stachel im Fleische, und all das kann Herr Sauerland gut. Die berühmte Scherz-Frage: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ stellt sich bei ihm nicht. Nie mehr, wahrscheinlich. Wie einen hässlichen Denkmal-Brunnen aus Beton kriegt man ihn nicht mehr aus dem Stadtbild. Nicht für Geld und böse Worte. Fest hockt er uns im Nacken, klebt wie Pest an der Backe, lastet feist und bleiern auf unserer Seele, nämlich als Mahnmal: Er verkörpert die schlimmstmögliche Antwort auf Immanuel Kants Frage „Was ist der Mensch?“ – der Mensch ist ein monströses Würstchen, eine fade, traurige Erbärmlichkeit, ein peinliches und peinigendes Nichts.

Immerhin ein modernes Würstchen, mag sein, ein Würstchen mit Lotus-Effekt: An ihm prallt und perlt alles ab, Wut, Zorn und Verachtung der Bürger, das Kopfschütteln der Nation, die bohrenden Fragen der Medien; selbst Ketchup, mit dem er bei einem der seltenen Augenblicke, in denen er sich nach dem Loveparade-Desaster zu zeigen wagte, schon mal bekleckert wurde, haftet an der Pelle nicht, genau so wenig Schmach und Schande. Mit wehem, vor Selbstmitleid triefenden Dackelblick hält er seinen Mitbürgern den Spiegel vor: So feige, instinktlos, ohne Haltung, Anstand und Mitgefühl, so bar jeden Sinnes für Stil und menschliche Größe kann einer sein – und trotzdem ihr oberster Repräsentant bleiben! Seit einem Jahr sehen wir zu, wie diese infektiöse Mischung aus Weinerlichkeit und Kälte, Selbstmitleid und Dickfelligkeit. Impertinenz und Indolenz ausweicht, abtaucht, um den Brei herumschleicht, sich wegduckt und jedes Fettnäpfen voll faselt, kurzum, nahezu alles tut, nur das nicht, was jeder Mensch mit Sinn für symbolische Politik für das Naheliegendste hält. Nein, er tritt nicht zurück,  er nicht, sozusagen und buchstäblich ums Verrecken nicht.

Ein Jahr seit der Katastrophe, bei der 21 junge Menschen ihr Leben verloren, – und noch immer hat ihm keiner erklären, aufmalen oder beipulen können, was Verantwortung heißt. Erst dachte er  immer, so hieße die repräsentative Aufgabe, sich im Glanze gelungener Investoren-Aquise und bei der Einweihung protzkotziger Shopping malls zu sonnen; dann, einen Tag nach dem Desaster, glaubte er, Verantwortung sei das, was man auf die Opfer abwälzt, um seine Haut zu retten. Und jetzt? Jetzt hat er eine papierne Floskelgirlande abgehaspelt, der zufolge er „moralische Verantwortung“ für die Katastrophe übernähme. (Kaum waren die Kameras aus, hat er dann gleich wieder „die Medien“ bepöbelt, die angeblich eine „Hetzjagd“ gegen ihn betrieben…) Worin die Übernahme der „moralischen Verantwortung“ denn nun de facto besteht, bleibt rätselhaft.

Das hintergründig Komische dabei: Ob er moralische Verantwortung trägt, ist ja noch nicht mal gesichert; als OB trägt er jedoch die politische Verantwortung als oberster Repräsentant einer Stadtverwaltung, die auf ganzer Linie komplett und desaströs versagt hat; als solcher zurückzutreten, wäre das Minimum an politischer Kultiviertheit gewesen, das selbst einer Beamtenseele zuzumuten ist.

Nun, immerhin, jetzt ist Herr Sauerland ein wahrhafter Repräsentant: Er ist das Gesicht eines juristisch kaum greifbaren Systems aus Dilettantismus und Gier, Verlogenheit, Inkompetenz und Unbelehrbarkeit, Opportunismus, Duckmäusertum und Korruptibilität, Egoismus, Kälte und Instinktlosigkeit, eines Systems, das letztlich, trotz aller verdrucksten, schmierigen Verheucheltheit seiner Vertreter, eine unfassbare Brutalität und Menschenverachtung an den Tag legt, – kurz, Herr Sauerland ist das Gesicht unserer Stadt. Wenn man sich in ihm spiegelt, empfindet man Scham. Sind wir wirklich so hässlich?

Der Mensch Sauerland läuft Gefahr, sich das schlimmste anzutun, was denkbar ist: den sozialen Tod. Irgendwann wird das geduckte Häufchen Aussitzfleisch, ich wage diese Prophezeiung, noch nicht mal mehr Hass auf sich ziehen – sondern nur noch stille, aber grenzenlose Verachtung. Wie man damit leben kann, ist mir ein Rätsel. Aber so ist das mit moderner Kunst. Sie gibt uns Fragen, nicht Antworten.