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The long goodbye (III)

20. Juni 2012

Manche sozialen Forderungen im Geddo erschließen sich nicht von selbst.

Es ist Sommer. Sieht zwar nicht so aus, fühlt sich auch nicht so an, ist aber trotzdem so, also will ich raus in den Park, – Buch lesen. Dickes, schweres Brikett-Buch sogar. Scheiß drauf, was die Leute denken! Park im Geddo ist aber mal wieder mit stinkenden Müllbergen vollgeräumt, von Mitbürgen, die ich genau kenne, für die ich aber meine Hand nicht ins Feuer lege. Feuer legen tät ich im Viertel in Momenten des Zorns zwar schon ganz gern mal, aber das ist selbstredend ein inakzeptables Verhalten, das ich mit anmutiger Selbstverständlichkeit streng, aber gelassen verurteile, anprangere und dementsprechend auch widerstrebend unterlasse. Dennoch, multikulturelle Toleranz hin oder her, meine Stammbank im Park bleibt zugemüllt und stinkt. Die Abfall-Ratten haben vorsichtshalber ihre Anwälte mitgebracht, eine Schar im hohen Gras einherstolzierender Rabenkrähen im schwarzen Talar. C’honorarr! C’honorarr! kächzen sie gierig, alles wie immer. Keine Chance für Buch.

Dafür treffe ich, tiefer in den urbanen Regenwald vorgedrungen, den Marek. Der Marek trägt eine leuchtend orangefarbene Latzhose und ist es seines Zeichens assistierender, ansonsten weitgehend funktionsloser Begleiter des operativ leitenden Geräteführers einer körperkraftbetriebenen Ein-Sack-Abfall-Sammelmaschine der Duisburger Wirtschaftsbe-triebe. Der städtisch bevollmächtigte Chipstüten-Aufspießer  (Abteilung Klein-Abfall) heißt Horst, und Horst spricht jetzt ein Machtwort: „So. Pause!“ – Marek, ein melancholischer Mager-Pole, der zuhause in Krakau wahrscheinlich einen Doktor in Jura hat, und sich dadurch verrät, dass ihn mein Buch überhaupt nicht befremdet, erklärt mir auf Anfrage kompetent: „No, sagen wer ma so, der bekloppte Leut, wo nicht mal mindest der Zins entrichten tun fihr Sauberkeit von Stadt, der machen nebbich der meiste Dreck!“ So sehe ich das auch, selbst wenn ich es nicht so gut hätte ausdrücken können.

Erleichtert stelle ich fest, dass „Pausen“ bei den Duisburger Wirtschaftsbetrieben (vormals Stadtreinigung, noch vormaliger: Müllabfuhr) genug Muße lassen, um ganz in Ruhe zu frühstücken. Ich les derweil zwei-, dreihundert Seiten Unterhaltungs-Brikett weg. „Glennkill“, ein Bestseller, aber nicht wirklich richtig gut. Horst bietet Marek generös von seinem Formschinkenbaguette an. Der lehnt heroisch ab. Ja, wärs Pastrami gewesen. Dann trinkt man gemeinsam Fanta und meditiert. – Bester Satz im Buch übrigens: „’Es ist schön, dass wir nach Europa fahren’, sagte Cordelia nachdenklich, aber ist schade, dass wir dafür von hier wegmüssen.’ Die anderen Schafe nickten zustimmend.“ – Ich auch.

Um die Ecke werfen die Sons of Afrika ein paar Körbe gegen die Jungs vom Islam-Internat. Ahmed erklärt kurz, wie das geht mit dem Körbe-Werfen: „Erstens…“, sagt er und lässt den Zeigefinger vorschnellen, „musst dus wollen, Bruder, und zweitens…“, er zieht bedächtig am Joint und zeigt zusätzlich den Mittelfinger, „musst dus natürlich auch können.“ Doch, in etwa so könnte man das Leben im Geddo zusammenfassen. Ich bin froh, raus zu kommen – wenn man dafür bloß nicht hier weg müsste!

Umgangston im Geddo. Ein Sprachführer

6. Juni 2011

Isch figgdisch! – Muddersprachler versucht, sich zu artikukalkulieren...

„Bei uns, wir Türken“, strahlt mich meine einschlägige Gewährsfrau an, die es wissen sollte, „müssen wir immer schreien. Wir Türken schreien IMMER. Das IST so!“„Das kannst du laut sagen“, wollte ich schon antworten. Aber geschenkt. Nebenbei: Ist das eigentlich so ein Testosteron-Ding wie Brusthaare oder starker Achselschweiß, dass man immer mit quietschenden resp. kreischenden Reifen anfahren muss? Je mickriger der Twingo oder Opel Corsa, desto mehr scheint man vorgeben zu müssen, einen Fluchtwagen zu fahren!

Generell gibt es Leute, ethnischer Hintergrund jetzt mal egal, die sich ihrer eigenen Existenz nur sicher sind, wenn die Welt von ihnen vernehmlich widerhallt. Hat der Nachbar unter mir eheliche Differenzen, wispert er nicht etwa galant: „Verehrte liebe Gattin, wir haben da eventuell einen Dissens“, sondern es brüllt Gefängnishof füllend: „Du blöde Votze, ich knall dir gleich eine!“ – „Herzlichen Dank, dass ich an eurem spannenden Leben teilhaben darf“, sage ich leise, laut aber rufe ich zum Fenster hinaus „Hol dich verdammt noch mal der Teufel, du scheiß Brüllaffe!“ – So geht es bei uns zu, ich schwör, Punk und Pogo den ganzen Tag!

Der Ton ist, soweit ich die Sprachen draußen verstehe, roh, ungehobelt und herzlos. Ich hab schon immer das Volumen afrikanischer Frauenstimmen geschätzt. Nach zwei Jahren im Viertel weiß ich immerhin, wo sie das üben – auf der Straße unter meinem Wohn-Büro nämlich, auf der sie ihren erbarmungswürdigen Männern, die schon hundert Meter weit weg auf der Flucht sind, soulig-barocke Flüche nachröhren, wobei sich das in ihrem Dialekt verblüffend melodisch, erotisch-guttural und eminent stimmig anhören kann.

Die Frauen sind überhaupt im Kommen. Wie? Doch, doch. Zum Beispiel letzten Freitag im Straßen-Café auf dem Brückenplatz: Ein baumlanger, natürlich in keiner Hinsicht verallgemeinerbarer mutmaßlicher Südosteuropäer mit schwarzer Ballonseidenhose (die mit den drei weißen Längsstreifen), ultra-knappem Muskel-T-Shirt und dicht behaartem (!) Schwellkörper-Bizeps, tigert unruhig vor meinen Tisch hin und her. Er muss, was ich persönlich gar nicht wahnsinnig männlich finde, ein geradezu übertrieben winziges Möpschen oder Pinscherchen beaufsichtigen, das sich gerade an meinen Kuchenkrümeln gütlich tun möchte.

Der Finstermann misst mich mit Killer-Blicken, als hätte ich versucht, mir seinen Schoßmops quer aufs Brötchen zu legen. Bedrohlich lässt er diverse Muskeln zucken. Oha! Gleich brüllt er und trommelt sich auf die Brust, denk ich noch, doch in diesem Moment taucht die Freundin des Muskelberges auf; ein betörend hübsches Püppchen, etwas kleiner als Shakira, also etwa 1,52m und 40 Kilo, stemmt die Ärmchen in die Seite und begießt den Riesen mit einem Schwall mutmaßlich südosteuropäischer Flüche und Verwünschungen.

Der Mannomann sinkt getroffen auf ein Stühlchen, während seine Gespielin oder Herzensdame jetzt in fehler- und akzentfreies Hochdeutsch verfällt: „Jetzt hör mal gut zu, du blödes Arschloch“, schmettert sie, fast im Heldinnen-Sopran, „wenn ich soo mache“ (sie schnipst mit den Fingern), „dann hast du gefälligst anzutanzen und nicht hier irgendwo abzuschmieren, ooooh-kay?!“ Der Ballonseide-Gorilla zieht eine Schnute und will was sagen, aber gerät an die Falsche, die jetzt schon wirklich schneidend wird: „Und wenn ICH rede, dann hältst du gefälligst mal dein scheiß blödes Maul, jaah?!“ Aus dem Gorilla entweicht die letzte Luft. Mehr als kleinlaut fingert er ein Tütchen Gras aus der Hosentasche, um eine große Tüte zu drehen. Seine Hände zittern aber dabei so stark, dass er das schöne Gras überall verkrümelt. Dies wiederum scheint sein Minne-Fräulein zu rühren: Jauchzend fällt sie ihm um den Stiernacken, bedeckt ihn mit Küssen und pflückt ihm, schon beinahe unanständig sorgfältig, die kostbaren Gras-Krümel aus dem Schoß. – War also alles vielleicht nicht wörtlich zu nehmen.

Schon eher wortwörtlich gemeint war mein sonores, aus tiefstem Herzen kommendes „Sag mal, geht’s noch, du Arschloch?!!“, eine zugegeben rhetorische Frage, die ich an den Fahrer (mutmaßlich südosteuropäischer Herkunft) eines schwarzen SUVs richtete, der in der Spielstraße mit ca. 60,70kmh auf mich zubretterte und mich beinahe mit letalem Ausgang vom Fahrrad geholt hätte. In Todesnähe kann ich schon mal sehr direkt werden. Die Antwort? Blödes Glotzen und „Isch figgdisch, Alder!“ Nun bin ich als gelernter Sprachmagister auch des lokalen Straßenidioms mächtig und hätte also korrekt antworten müssen: „Unnisch fffigg d’eine Mudder!“ – Die Frau Mutter freilich, eine Matrone oder Fregatte vom Typ anatolischer oder bulgur-türkischer Pinguin mit Kopfputztuch und beigem Bodenfeger-Mantel, saß aber auf dem Beifahrersitz. Also besser nicht. Zuverlässig schlug meine Erziehung zu Buche und ich schwieg höflich, wenn auch grimmig und blitzenden Auges Blicke aussendend, die schon getötet haben.

„Was ist denn mit DIR los“, fragt die Gattin, bei der ich, glücklich angekommen, Möhren schäle, aber auf ungewöhnlich aggressive und brutale Art und Weise. – „Keine Ahnung, weiß auch nicht“, antworte ich sanft zurückhaltend, „irgendwie bin ich heute wohl auf Krawall gebürstet. Ich weiß auch nicht, warum…“ Die Gattin, pragmatisch wie immer, diagnostiziert messerscharf: „Du musst da weg, Mensch!“

Ein Traum von Afrika

30. April 2010

Es gab auch schon afrikanische Kaiser! - Fotoquelle: http://de.academic.ru/pictures/dewiki/66/Bokassa_.jpeg

Ich war beim Kaiser, zur Audienz, schon das zweite Mal. Die Gattin hatte das vermittelt. Waren wir eigentlich in Berlin oder in Wien? Ich weiß es nicht genau. Alles war jedenfalls aus Marmor oder Granit. Das heißt, zunächst handelte es sich um eine zwielichtige Art pornographisches Kabinett, in dem altmodisch, aber nachlässig gekleidete ältere Herren verstohlen mit allerhand skandalösen Unanständigkeiten beschäftigt waren. Plötzlich aber wurde ich aus den beklemmenden Schummrigkeiten dieses Angst einflößenden Ortes in den hell getäfelten Warteraum geführt, von dem aus man schon die mächtige Flügeltür erblicken konnte, hinter der sich das Arbeitszimmer des Kaisers befand.

Ich fühlte mich unwohl in meinem unförmigen lederbewehrten Winterpelz, unter dem ich aber, wie mir siedendheiß einfiel, einen mit Eigelb und Mehl total bekleckerten Pulli trug (ich hatte vortags Kichererbsenpuffer gebacken), so daß ich den blöden Mantel schlecht ablegen konnte. Alle anderen Herren trugen Frack oder Cuts! Ein comme il faut elegant geschneiderter Hofsekretär, so aristokratisch bleich, daß er wie aus einem österreichischen Schwarz-Weiß-Film der 40er wirkte, eilte auf mich zu: „Bestehen der Herr Magister auf dem Thema HipHop?“ wisperte er atemlos vor devoter Arroganz. Ich wechselte einen Rat suchenden Blick mit der als Souffleuse fungierenden Gattin, die energisch, aber unauffällig, also in einer Art gestischem Bühnenflüstern, den Kopf schüttelte. „Nein, nein!“ rief ich daraufhin dem Schranz nach, der schon wieder davoneilen wollte, „nehmen Sie Afrika! Das Thema ist Afrika! Der Kaiser interessierte sich seinerzeit immer sehr für…

So kam es, daß ich, um ein weniges später, vor dem mächtigen, aus lauter Walnussbaum und puren Ebenholz gedrechselten Schreibtisch des Kaisers auf dem Besucherklappstühlchen saß und über meine abenteuerliche Somalia-Reise referierte. Während meines zunächst in schüchterner Heiserkeit (Frosch im Hals!)  vorgetragenen Berichts wurde mir freilich bald schon peinigend bewußt, daß ich eine solche Reise niemals unternommen, vielmehr bloß kürzlich, nach abendlicher, und wohl übermäßiger Lektüre des SPIEGELS, geträumt hatte! Eine einigermaßen peinliche Situation. Der Kaiser, der mich durch das blankgebügelte Fensterglas seiner zwiebelförmigen Audienzbrille gütig anblinzelte, ließ sich nichts anmerken. Um nicht gänzlich dumm dazustehen, leitete ich mein Referat behutsam über zur Biographie meines Urgroßonkels, der in der Tat und familienhistorisch verbürgt einst nach Tanga in Deutsch-Ostafrika gegangen war und dort 1912, glaube ich, einem schwarzen oder irgendwie sumpfigen Fieber erlag. Der Kaiser ließ es sich nicht nehmen, meinem Urgroßonkel hierfür postum eine silberne Verdienstmedaille zu verleihen. Seine Hände zitterten dabei unübersehbar, was mir schlagartig in Erinnerung brachte, daß er nun auch schon überschlägig 130 Jahre das undankbare Reich regierte.

Nach all diesen Aufregungen wieder auf freiem Fuß, bzw. als die Wirkung der Kräuterzigaretten nachließ und ein ziemlicher Hunger-Flash aufkam, fiel es uns am späten Nachmittag schwer, das Erlebte nicht auch wieder unter die belanglosen Traumgespinste zu subsumieren. Fände ich nur die blöde Medaille wieder, die irgendwo in den Untiefen des Futters meiner Winterjacke verschwunden ist! – Aber wie gesagt, das Thema ist Afrika.

In meinem Viertel leben viele Schwarze, welcher Nation oder Ethnie im einzelnen weiß ich leider nie zu sagen. Manche sprechen französisch oder gut deutsch, seltener etwas extrem Hitzig-Kehlig-Gutturales, als hätten sie dicke, heiße Kartoffeln verschluckt und bäten einander nun verzweifelt um ein Schlückchen Wasser. Unter meinen multiethnischen Mitbürgern sind sie bei mir persönlich ehrlich gesagt die beliebtesten: Sie sehen gut aus, bewegen sich wie Halbgötter, haben die süßesten und intelligentesten Kids, hören korrekte Musik und sind überhaupt umwerfend cool. Ihre Kneipe hier ist das „Bistro-Café Paradiso“, ein äußerst karg, ja vereinsheimmäßig ausgestattetes, allerdings mit einem Bob-Marley-Poster einladend geschmückten Etablissement, in dem ausschließlich Schwarze verkehren. Und das bringt mich zu meinem Dilemma.

Ich würde das „Paradiso“ gern mal testen, ja, empfehlen und zum Beispiel demnächst bei der WM die Spiele der afrikanischen Mannschaften hier verfolgen, ich trau mich aber nicht hinein! Nicht, daß man mich abschrecken würde – die Männer machen alle einen freundlichen, fröhlichen und unglaublich entspannten Eindruck. Nie hört man böse Worte oder gar lautes Gebölk. Aber wenn ich jetzt da hineingehe und frage, ob man auch als Weißer Zutritt hätte, fühlen die sich vielleicht versch…pottet? Andererseits weiß ich aus meiner Zeit in Chicago, Illinois, daß es ganz schön blümerant werden kann, wenn man, sagen wir in South Side, als singuläres Weißbrötchen eine Schwarzen-Kneipe betritt und so tut, als sei nichts.

Infolgedessen, ärgerlich an meiner zähen Mixtur aus Neugier und Schüchternheit kauend, umschleiche ich den Laden erstmal, bis sich einer erbarmt und mich zum Ehrenneger ernennt. Immerhin hat mich auch schon der Kaiser empfangen! Ich berichte dann…