Archiv für November 2011

Nachtod-Erfahrung (Unter Hirnis)

30. November 2011

Junge Leute auf der Suche nach ihrem Selbst (Foto entliehen von: http://www.yorkchristophriccius.de/)

Bekannte von mir, die religiöse Präferenzen ihr Eigen nennen, machen sich Gedanken über das Jenseits, wo sie, wie sie glauben, später mal hinkommen. Ich kann sie indes beunruhigen: Man befindet sich schon zu Lebzeiten dort! Man führt bereits eine Vielzahl von Existenzen im Jenseits  – in den Köpfen gänzlich wildfremder Menschen nämlich.

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Vor Jahren, als mein schwaches Ego noch nächtlicher Kompensation bedurfte, träumte ich gleich mehrmals hintereinander, irgendwo in einem entlegenen Bergdorf im Kaukasus, vielleicht war’s Aserbeidjan, Armenien oder Tadschikistan, stünde ein überlebensgroßes Bronzedenkmal von mir, da ich unter den derben Berglern dort nämlich quasi-religiöse Verehrung genösse. Die Gründe hierfür ließ der Traum trotz intensiver Nachfrage hartnäckig im Dunklen, sodass ich wochenlang ganz klamm, bang und steifbeinig durch den Alltag schlurchte, immer in der Furcht, ich könne evtl. der in der Fremde genossenen Ehre mich unwürdig erweisen.

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In Wilhem Genazinos wunderlicher Angestellten-Romantrilogie „Abschaffel“ gibt es eine Szene, die sich mir seit Ende der 70er unauslöschlich in die Seele einbrannte: Protagonist Abschaffel wird auf dem Frankfurter Römer von einer japanischen Reisegruppe gebeten, sie zu fotografieren. Nachdem er diesen Dienst freundlich erwiesen, wird er von den Japanern zum Dank ebenfalls geknipst – worauf er in eine träumerische, aber auch metaphysisch-abgründige Meditation darüber verfällt, wie nun demnächst sein Bildnis durch japanische Wohnzimmer zirkulieren und fremdartigen Kommentaren ausgesetzt sein würde, die Abschaffel sich hilfsweise mit einem ad hoc erfundenen Phantasiejapanisch anschaulich macht.

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Kürzlich stieß ich durch Zufall im Netz auf diverse Kommentare, die man unter Zitate von mir geschmiert  gepostet hatte.  Ein meinungsfreudiger Jungspund wusste, unbekannterweise („ich kenne den nicht“) über mich, ich sei „ein unfassbarer Depp“, überdies „ein Vorzeige-Antideutscher“ und „ohne Witz“. Ein anderer Krakeeler Diskussionsteilnehmer, der m. E. für den nächsten Zivilcourage-Bambi nominiert werden sollte, äußerte folgende freie Meinung: „So viel sinnentleerten Müll auf einem Haufen habe ich noch nie zu Gesicht bekommen (ich habe mir 6 Beiträge des sog. Magister Kraska ‘angetan’ um mir ein Urteil bilden zu können und es grenzte an Körperverletzung! ).“ Worauf er, der schwer Körperverletzte, einen heroischen Entschluss fasste: „…wenn ich Schwachsinn erkenne, nehme ich mir die Freiheit, als freier Bürger eines freien Landes meine Meinung dazu frei heraus zu äußern.“ Die Freiheit nimmt er sich! Trotz aller Repressalien, die er als anonymer Pöbelhannes von mir zu gewärtigen hat! Ganz schön mutig!

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Im Ernst: Ich finde solche Freiheiten legitim und billige sie. Es ist ein Vorrecht der Jugend, kurios Opa-Obsoletes wie Höflichkeit für eine negliable Überschätzheit zu halten. Im übrigen ist mir der Verdacht, eventuell ein „unfassbarer Depp“ zu sein, auch schon öfter gekommen, wobei freilich anzumerken wäre, dass ich mich zumindest aus intimem Umgang persönlich ganz gut kenne und sogar fast alle meiner Beiträge selber gelesen habe.

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Mir geht es hier mitnichten darum, Präpotenz, Impertinenz und Ignoranz junger Menschen zu geißeln – so etwas geißelt man doch nicht! Da schmunzelt man gütigst verzeihend – , sondern um die mit so etwas verbundene Nachtod-Erfahrung. Denn Todsein, ich glaube, Jean-Paul Sartre hat das mal ausgeknobelt, heißt, sich nicht mehr wehren können. Man führt ein gespenstisches Eigenleben in den Köpfen von fremden Hirnis, Köpfen, die nicht notwendig zu den aufgeräumtesten gehören, Köpfen von geistigen Hooligan-Pyromanen etwa, kaukasischen Bergbauern oder japanischen Deutschlandtouristen, oder in den Köpfen von jungen Menschen, von denen man hoffen darf, dass sie dereinst sich vor die Stirn schlagen und ausrufen: „Was war ich früher für ein unfassbarer Depp!“

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Diese Köpfe bilden das Jenseits. Dort spukt man in bizarren Gestalten herum und kann absolut nichts machen. Ich persönlich denke, so ist das Bedürfnis nach einem allwissenden Gott entstanden: Man möchte doch wenigstens EINEN Kumpel haben, dem man sagen kann: „Hey, du weißt es, Alter! Du kannst das bezeugen: Ich bin ganz anders!“

 

Eilmeldung + + + Guttenberg für unzurechnungsfähig erklärt + + +

29. November 2011

Er sagt, er wars nicht!

Jahrelang hatte eine Serie von Schwindeleien, Geschummel und Betrug Deutschland in Atem gehalten. Jetzt die sensationelle Wendung: Der berüchtigte Schummeldoktor, der zeitweise in die USA geflüchtet und dort – nach einer Gesichtskorrektur, einem Friseurbesuch und einer Brillenoperation als Lothar Matthäus verkleidet –  untergetaucht war, soll zur Tatzeit unzurechnungsfähig gewesen sein! Das würde ihm wohl das Gefängnis ersparen. – Opfer reagieren verstört auf die Nachricht.

 Die Pressemeldung schlug am Nachmittag ein wie eine Bombe. Professor Dr. No, Sprecher der Psychiatrischen Uni-Klinik Bayreuth, erklärte, es deute alles daraufhin,  dass der überführte Serien-Kopierer und Plagiator unter bizarren und größenwahnsinnigen Zwangsvorstellungen leide. Unter anderem soll er über sieben Jahre lang an vier Kopierern und achtundzwanzig Rechnern gleichzeitig Fremdmaterial aufgehäuft und solange systematisch durcheinander gebracht haben, bis er es versehentlich für eine Ausgeburt seines eigenen kranken Gehirns hielt. Zwanghafte Grandiositätsphantasien hatten den „Irren von Culmbach“ kürzlich noch ankündigen, er müsse „jetzt mal dringend das deutsche Volk führen, befreien oder ordentlich durchkopieren, egal“, sowie wirre Drohungen gegen die „scheiß Medien und alle“ ausstoßen lassen.

Möglicherweise sei eine bösartige Schwellung der paarigen Ego-Furunkel im großen Schädelschmierlappen für die Wahnkrankheit des einstigen Hoffnungsträgers verantwortlich, so die Forensiker. Diese Erkrankung führe häufig zum Verlust des Unterscheidungsvermögens von mein und dein und zerstöre im weiteren Krankheitsverlauf die Fähigkeit, Schuld zu empfinden und für seine Taten Verantwortung zu übernehmen. Die Heilungschancen, so das Gutachten der Uni-Klinik, seien gering. Resozialisierung gelänge in solchen Fällen nur selten.

Sind wir nicht alle ein bisschen Jude?

28. November 2011

Karl Kraus und Henryk M. Broder ermitteln: Eine jüdische Großmutter haben wir doch alle!

Man soll den Namen des Herren nicht missbrauchen, ich weiß, aber: Gott steh mir bei und erwecke mich wieder! Kürzlich wurde ich von einer Netzbekannten angegangen, warum ich immer am Islam nörgle, aber selten an den Christen oder am orthodoxen Judentum. Antwort: Nu, nebbich, sind halt meine Leit! Außerdem, was letzteres angeht: Warum denn? Alte Leute ziehen komische Hütchen auf, binden sich Handtäschchen um den Arm, schaukeln hospitalisierend hin und her und singen unrhythmische Lieder. Warum soll ich das kritisieren? Weil es so uraltehrwürdiges Brimborium ist? Phhh, muss ich denn mitmachen? Ich spreche nicht mal Hebräisch; eine Unterredung mit JHW wäre definitiv ein unter atmosphärischen Störungen zerbröselndes Ferngespräch mit einem sehr, sehr entfernten Verwandten, einem Urgroßonkel etwa, der es in äußerst begrenzten Arealen Israels evtl. regnen, blitzen oder donnern lässt.

Mitmachen muss ich freilich das parareligiöse Ritual des allsonntäglichen Tatort-Guckens. Das ist ein Gebot des Herrn, bzw. der Gattin, die es nicht ausstehen kann, wenn ich beim Heiligen Krimi-Dienst mal kurz wegdämmere. Egal, wie strunzdoof und grottenlurchlangweilig sich das Geschehen am Rande vollständiger Stagnation hinschleppt; unbeschadet der krudesten Plots, der debilsten Klischees und komplett spannungsfreien Beton-Dramaturgien öffentlich-rechtlicher Geistesverkümmerung – blanken Auges staunend und hellwach soll ich den hölzernen Dialogen lauschen, die man vor Überdruss schon ganz erstarrten Mimen ins Hirn gedübelt hat, soll bestürzend öden Vorhersehbarkeiten und entsetzlich magersüchtigen Scherzen Interesse abgewinnen und auch noch ausdauernd wissen wollen, wer der Mörder ist, auch wenn mich das zumeist einen Scheiß interessiert.

Generell seh ich dem Sonntag also eh mit Blümeranz entgegen; ob ich das durchhalte? Wenn ich zum Essen schon zwei Glas Wein getrunken habe, und das lässt sich aufgrund der guten Küche daheim selten vermeiden, muss mich ein Fernseh-Krimi schon zu fesseln vermögen, und sei es durch Originalität oder Spannung. Heute aber war es mal wieder eine Tortur! Volle viereinhalb Stunden dauerte der Tatort, was die Gattin aus apologetischen Gründen natürlich bestreitet, und es nahm der Ödnis kein Ende. Seit dieser Märznacht 2007, als die ARD nachts eine Zugfahrt von Oranienburg-HBF nach Zwickau-Ost übertrug, hab ich nichts Nervenverzehrenderes, Ennuierenderes und Blutdrucksenkenderes mehr gesehen. Die Handlung, wenn man das so nennen will, war so spannend wie ein Filzkügelchen im Bauchnabel, fade wie feuchtes Graubrot und zäh wie alter Pizzateig. Heroisch kämpfte ich mit dem Schlaf, konnte aber nicht immer gewinnen.

Damit aber nicht genug. Die Politkommissare, Justiziare, Sozialpädagogen und volkserzieherischen Berufsgutmenschen der öffentlich-rechtlichen ARD-Anstalt hatten sich zusammengesetzt und sich gesagt: Jetzt packen wir einfach mal ein hochbrisantes Thema an: den Juden nämlich! Der Jude ist bekanntlich ein heißes Eisen! Wir machen das aber ganz, ganz unverkrampft und betont ausgewogen. Damit uns der Jude, der bekanntlich die Medien beherrscht und habituell zu Empfindlichkeiten neigt, nix kann, streuen wir jede Menge Schulfunk-Belehrungen ein („Das Judentum ist eigentlich keine Religion“) und zeigen ihn als was? Genau! Als ganz normalen Menschen! Auch der Jude nämlich, wer hätte das gedacht, schwängert seine Geliebte, lügt, betrügt, schubst Fieslinge die Treppe hinunter und verrät andere Juden (was ihm allerdings nicht gut bekommt: Er wird gerechterweise gemeuchelt, denn der Jude richtet bekanntlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“). Auch der Jude, stellen wir emanzipiert-erleichtert fest, ist ein Schlawiner, ein Verdächtiger, ein zurecht von der Polizei Observierter! Das meinen wir aber gerade eben nicht anti-semitisch, sondern total integrativ: Der Jude ist auch bloß wie wir. Nach 65 Jahren hat er das Recht auf eine gewisse Durchschnittlichkeit.

So viel Mut fordert natürlich seinen Preis: Schlotternde Knie, Angstschweißperlen auf der Stirn, Schwindelgefühle. Was wird der Zentralrat sagen? Wird „Haaretz“ einen Artikel bringen? Broder intervenieren? Na ja, ARD eben. Also lässt man den Rebbe zwischendurch allerhand Weltanschauliches und Pseudo-Philosophisches aufsagen, und der bayrische Kommissar zeigt auf seine lange Nase, um anzudeuten, dass die Deutschen letztlich eventuell, wer weiß das schon, auch nur Juden sind. Wer noch nie in einer Synagoge war oder in a Schul, der bekommt noch gezeigt, dass der Jude, wenn er unter sich ist, zwar exotische, aber im Grunde harmlose Bizarrerien pflegt. Dass man dort Christenkinder schlachtet, ihr Blut trinkt und aus ihrem rosigen Fleisch Mazze macht, wurde dankenswerterweise dezent ausgespart. Außerdem wurde so oft „Shalom Shabbat“ gesagt, dass einem ganz muggelig zumute wurde! Fazit war jedenfalls nach mehreren Stunden, dass der Jude zwar befremdlich, aber sonst ein ganz okayer Mitbürger ist, der gar nicht möchte, dass man sich bei ihm permanent für den Holocaust entschuldigt. Selbst der jüdische Mörder „Aaron“ konnte für seinen Mord nichts dafür, weil er behindert war, was irgendwie damit zusammenhing, dass seine Eltern in Israel bei einem Selbstmordattentat zu Tode kamen und er von einem Rabbiner aufgezogen werden musste, was natürlich strafmildernd wirkt. Zum formidablen Schluss, ich biss schon in die Tischkante, fuhr der Münchner Kommissar endlich mal nach Dachau, um sich moralisch dekontaminieren zu lassen.

Spät in der Nacht aufgewacht, hatte ich zwei Dinge besser begriffen: Warum der katholische Jude Karl Kraus fand, dass „gut“ das Gegenteil von „gut gemeint“ sei und wieso der atheistische Jude Henryk M. Broder behauptet, Philosemitismus sei die andere Medaillenseite des Anti-Semitismus. Die Gattin war trotzdem nicht amüsiert. Wenn  ich laut schimpfe, nervt sie das; wenn ich meine Kritik subtil und gewaltlos durch kommentarloses Einschlafen äußere, genügt ihr das auch nicht.

Nächstens werd ich mal ernsthaft eine Polemik gegen das orthodoxe Judentum erwägen, um meinen Islam-Fans eine Freude zu machen. Der Gesang in der Synagoge ist ja nun wirklich voll uncool! Ferner gelobe ich, irgendwann eine Kipa aufzusetzen und dem unbekannten Gott dafür zu danken, dass er mich nicht unter die öffentlich-rechtlichen Pharisäer geschmissen hat! – In diesem Sinne, Nachbarn: Nächstes Jahr in Jerusalem!

Wider den grausen Neckermann! Einladung zur Kaperfahrt

27. November 2011

Wie alles anfing: So weckte ich den NECKERMANN

Von Kindesbeinheit an hatte ich Piratenaffinität. Heimatliche Störtebecker-Legenden sog ich mit der Muttermilch und dem Vaterbier auf. Hätten sie mich auf der Marinade-Akademie in Mürvik genommen, führe ich heute mit Gorch Fock auf Kapernfahrt. Ich versagte jedoch im IQ-Test für Vollmatrosen, wegen seelischer Ressourcenknappheit und mangels räumlichen Vorstellungsvermögens, und fiel somit vorerst aus der Takelage bzw. rasselte durchs Schulschiff. Na gut, dann eben Lokführer.

Die Leidenschaft für maritime Abenteuertumsverwegenheit und libertäres Segeln indes blieb, schwelte und glomm weiter in mir, vor allem als noch Johnny Depp dazukam und diese aufpeitschende Seeräuber-Hymne von Hanns Zimmer („tadadim-tatadamda-damtata-dam-da!“). – Als die letzte Fußball-WM sich am Horizont abzeichnete, erschien es mir daher stylish und angemessen verwegen, über dem Geddo eine Totenkopfflagge zu hissen bzw. als Supplement zum bürgerlichen Schwarz-Rot-Gold aus dem Fenster zu hängen. Dem Türken wollt ich’s zeigen, und den Pfeffersäcken! Rasch warf ich das Internetz aus und bestellte mir so ein Ding, für ca. 5,85 Goldstücke. Pah, dachte ich, das bisschen Muschelgeld ist der Spaß ja wohl wert. – Ich wusste ja nicht, was ich tat!

Ich hatte damit nämlich das unaussprechlich widrig-schleimige Monster der Tiefsee, den Riesenkraken Neckermann geweckt! Wer es nicht weiß – und deswegen noch seine Seelenruhe besitzt! – der Neckermann ist eine Kraken-Monsterqualle mit Oktopustentakeln, ein grauses und schaudervolles Ungeheuer, ein moroser mittelalterlicher Schleimbeutel, miasmatisch, mysteriös und marode, und ein unsagbar fieses,  ekliges, miststückiges Miesmuschelmonstrum überdies, kalt, fischig, widerwärtig, eine gefräßige Muräne, die schnapp! schnapp! die Glieder zerreißt, die Nerven zerfetzt und eventuell oder generell keine Gnade kennt! Verloren, um wen das Untier seine Saugnäpfe schlingt. Niemand, auch der beherzteste Pirat nicht, nimmt es mit dem eklen Neckermann auf!

Seit jenem unseligen Tag, den Neptun verfluchen möge, speit mir dieses Monstrum nun täglich, täglich, ach! elektronische Schleimbatzen in den Ausguck, trompetet markerschütternd „Herr Kraska, wir schenken Ihnen 20 Euro!“ oder säuselt sirenenhaft, ich hätte hier was gewonnen, dort einen versilberten Gutschein ergattert oder würde wenigstens mein Glück machen resp. ausgesorgt haben, wenn ich noch heute, unbedingt noch heute eine brandaktuelle Kittelschürze bestellte, einen sensationell günstigen Fleece-Pulli oder einen beigen Anorak. Lüstern nach meiner Seele zucken die Fangarme, schmatzt das geifernde Maul, rollen die blutunterlaufenen Augen: Neckermann, der Leviathan, die Ausgeburt der nassen Hölle, will mein Schiff auf das Kreditriff ziehen oder auf die Versandbank auflaufen lassen! Alle acht Glasen lasse ich das Deck schrubben, – und am nächsten Tag ist der Schleim wieder da!

Ich brauche Jack Black, ich brauch Captain Sparrow und ein Schiff mit fünf Segeln und pfümzig Kanonen an Bord, dann will ich gegen den Neckermann fahren! Ich werd ihm den Server aus dem Leib reißen, den Saugschlund verkleben, eine Ladung Pulver und Blei ins Spundloch rammen, ich werd Tod und Teufel nicht fürchten, hey-ho, jetzt gilts! Ich habe Männer mit Entenhaken, Säbelsägen und Rabumms-Musketen, und ich werde nicht ruhen, bis die Tinte des Kraken die Weltmeere schwärzt und er die größte Pizza des Königreichs belegt (frutti di mare).

Sollte ich freilich dem untoten Neckermann doch erliegen und bei voller Fahrt untergehen, die Segel streichen und in des Totenmanns Kiste springen, so werde ich noch am letzten Erdentag eine E-mail bekommen: „Herzlichen Glückwunsch, Herr Kraska! Die neue Herbstkollektion ist da!“

Kleist und ich. Bildungsbürgerliches und gute Suppe

24. November 2011

Wäre er auf dem AB, würde man zurückrufen?

Jahrzehnte lang bin ich durchs Leben gestoffelt, ohne zu wissen, was Pastinaken sind. Ich dachte, das wäre eine von diesen gnostischen Sekten in Bulgarien, oder so ein südamerikanisches Sumpf-Insekt, aus dem man giftige Salbe macht. Durch Unbildung entging mir so für Ewigkeiten eine leckere Suppe, wo man noch Jakobsmuscheln rein tun kann, dann wird sie eine Köstlichkeit.

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Andererseits bin ich gut darin, jungen Menschen etwas beizubringen. Weil sie eine fromme Muslima ist und ich ein bösartiger alter Sack, hab ich meiner Nachhilfeschülerin Azize von der Evolution erzählt. Die Abiturientin sieht mich mit schreckensweiten Augen an: „Saurier? Die gab es wiiiiarklich?“ – „Jaha“, bestätige ich, „genau wie Godzilla, Tarantula und Bussibär, aber die wirst du auch nicht kennen…“ – Also jetzt mal ehrlich!

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Vor kurzem kam eine Email von Azize, wahrscheinlich aus dem Schulklo: „Kannst du mir bitte, bitte ganz schnell in zwei Sätzen sagen, worum es noch mal im Chandos-Brief geht?“ Aber klar. Ich könnte auch die „Buddenbrooks“ in einem Satz zusammenfassen, aber es würde ein langer Satz, der das Handy-Display wohl sprengen würde. Immerhin konnte ich ihr zurückmailen, dass es um eine Sprachkrise ginge. Damit kennt sie sich aus, das hat sie täglich.

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Gerade arbeite ich über Kleist. Also nicht, dass er sein Büro unter mir hat, sondern Kleist als Vortrag jetzt. Der sich vor zweihundert Jahren erschossen habende Kleist war zu Lebzeiten ein ziemlich enervierender Wirrkopf. Hätte man ihn als Freund auf dem AB, man würde wohl selten zurückrufen. Schon, weil man auf seine Briefe nicht verzichten möchte. Kleist war der hinterlistigste, manipulativste und taktisch versierteste Briefeschreiber aller Zeiten. Schon wie er es schafft, auf Beziehungsfragen wortreich und melodisch nicht zu antworten, weil: „Wie soll ich es möglich machen, in einem Briefe etwas so Zartes, als ein Gedanke ist, auszuprägen? Ja, wenn man Thränen schreiben könnte.“ Nicht wahr? Aber die sind ja auf Reisen gegangen. Wenn die Gattin mich das nächste Mal fragt: „Woran denkst du?“, habe ich schon eine gute Antwort parat.

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Übrigens, nebenbei, to whom it may concern: Ein selbst herausgefundener Tipp. TV-Arztserien und Kochsendungen sind viel weniger ekelhaft, wenn man sie auf den zweiten Bildschirm legt, den man nur aus dem Augenwinkel beobachtet. Aber Ton-Abdrehen nicht vergessen! Wenn man zwischendurch wissen will, wer die bildhübsche Lernschwester Anja zum Weinen gebracht hat oder was das für schrumplige Materie-Batzen sind, die Frau Susemichel heute in der Pfanne quält, schaltet man sich halt kurz ein, per Mausklick-Blick.

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Mit der Gattin, die ja auch studierte Theaterwissenschaftlerin ist, erörtere ich über der Pastinaken-Suppe die schwer danebene psychische Struktur von Kleist. „Er war ein komplett lebensuntüchtiger Wirrkopf, voller irrer Pläne und kaputter Projekte, aus denen nie was wurde, ein Schwätzer, selbsttrunkener Träumer, Selbstmystifizierer und manipulativer Traumtänzer“, schwärme ich begeistert. Die Gattin mustert mich fast verliebt, aber auch mit ihrem berüchtigten Ärztinnen-Blick, und sagt nachdenklich: „Weißt du was? Du hast was von Kleist“, was ich nur mit Mühe als Kompliment auffasse. Und dann bringt sie wieder so einen Versprecher, der mich daran erinnert, warum ich sie geheiratet habe: „Sag mal“, sagt sie, „gab es eigentlich damals schon diese Daguerrotherapie?“ Leider nicht. Tägliches Fotographiert-Werden hätte Kleists Selbstbewusstsein möglicherweise aufgeholfen. Oder Fernseh-Talkshows, in denen er freilich vor lauter Schüchternheit und Stottern („Blödigkeit“) kein gescheites Wort herausgebracht hätte. Wie ich!

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„Was machst du noch?“ lautet die tägliche obligatorische Frage beim telefonischen Tagesabschlussgespräch mit der Gattin. Stereotyp antworte ich: „Ach, ich denk mal, ich trink noch ein Glas Wein“, wobei unter „ein Glas“ eine generalisierende Metapher zu verstehen ist, „und vielleicht schreib ich noch ein paar Zeilen.“ – Nämlich diese hier.

Ein Spielfilm „im Netz“ (Pornorama)

24. November 2011

Noch unbemannt: Nacktes Sofa

Zunächst sah man eine Weile nichts, dann erfasste die Kamera ein Wohnzimmer, das durch eine gewisse karge Unpersönlichkeit hervorstach, etwa wie so eine Möbelschaunische bei IKEA. Auf dem Sofa „Bjørndal“ aber saß bzw. räkelte sich auf etwas nervöse Art hingegossen eine blondierte Dame, die  –  hieß sie Gisela? Silke? Sabrina wohl eher? – sichtlich sich langweilte. Mal schaute sie auf die Uhr, mal las sie in einem bebilderten Magazin, dann wieder blies sie mopsig die Backen auf. Gelegentlich, so weit ging die Langeweile, nestelte sie traumverloren an den Knöpfen ihres Sommerkleides.

Fast begann der Film schon eine Wim-Wenders-hafte Langeweile auszustrahlen, da trat urplötzlich und unmotiviert ein drahtiger Jüngling zur Tür herein. Es entspann sich ein belangloser, später etwas anzüglicher Wortwechsel, der, seis aus kognitiven Beschränktheiten, seis aus dramaturgischen Gründen, die Handlung zunächst nicht wesentlich vorantrieb. Aber der Dame wurde offenbar dennoch warm von der Konversation. Knopf auf Knopf öffnete sie ihr Kleid und verschaffte sich Kühlung, dabei unversehens und gewiss unbeabsichtigt gewisse Reize enthüllend. Der hinzugetretene Jüngling machte darauf gehorsamst Stielaugen. Als zuvorkommender Gentleman kam er der Film-Partnerin insofern entgegen, als dass er sich seinerseits ungefragt seiner Beinkleider entledigte. Es folgte ein sich beschleunigender Entkleidungswettbewerb, an dessen Ende Herrenoberbekleidung und Damen-Unterwäsche auf dem IKEA-Wohnzimmerboden ein ganz schönes Durcheinander anrichteten. Aber die Kamera verweilte darauf nicht lange, sondern verfolgte lieber, wie das unversehens zum Paar gewordene Protagonisten-Duo sich nun zusehends enthemmteren Balgereien hingab.

Selten in der Öffentlichkeit auftretende Körperteile kamen zur Großaufnahme, Unaussprechlichkeiten wurden zelebriert, Interna offenbart, darunter viel Anatomisches, Überlebensgrosses, das, wie Heidegger sagt, in die Unverborgenheit trat. Der ohnehin lakonische Dialog indessen verarmte nun zusehends. „Ja, ja. Jaaah!“ sagte die Dame und „Ooooh, Baby!“ versetzte der junge Mann. Der dezidierten Zweckentfremdung zugeführten Körperteile ließen vermuten, dass Freizügigkeit zu den bevorzugten filmischen Mitteln bzw. intendierten Wirkungen gehörte.

Die Regie schien, nicht gänzlich zu Unrecht, eintretende Redundanzen zu fürchten; die konstruktive Zusammensteckbarkeit von Mann und Frau leidet unter der Beschränkung der Kombinationsmöglichkeiten; man kennt das aus der eigenen Lebenserfahrung. Also schickte man, zum Teufel mit dem Drehbuch, einen weiteren Herrn ins Getümmel, in das dieser ohne Präliminarien und lange Courtoiserien umstandslos hineintrat. Die vorübergehende Polonaise-artige Belebung ging freilich auf Kosten der Übersichtlichkeit. Nur noch ein Herr mehr, und der Tanz um die Dame gliche schon einer Art Reise nach Jerusalem. Verschlingungen und Verknotungen wurden nun geschürzt, welche die genuine Alltagspersönlichkeit überfordern würden. Ob die angestrebte Aufpeitschung der Zuschauersinne hierdurch gelang, darf offen bleiben. Zoom und Totale taten gewiss ihr Bestes.

Das große Finale fiel etwas enttäuschend aus, indem nämlich die zugrunde liegende Dame mit einer seltsamen Feierlichkeit und ekstatischen Aufregung ein klein wenig bekleckert wurde, ein eigentlich unspektakulärer Vorgang, der aber anscheinend zu den genretypischen Sensations-Faszinationen gehört. Der Kliniker steckt dies unter dem Titel Saliromanie kühl in die Schublade der Paraphilien.

Die Schauspieler waren großartig. Sie verstanden es hervorragend, „es“ zu tun und doch auch wieder nicht, indem sie nämlich verfremdend komplett neben sich standen und bar jeden Ausdrucks in die Kamera starrten, als exekutierten sie das berühmte Brechtische „Glotzt nicht so blöd“.  – Das war frappant und hätte einen Bambi verdient.

Subserwies: Gebäudereinigung als Kunstkritik

22. November 2011

Der Großkünstler Joseph Beuys wird gerade zu heiß gebadet (Fotoquelle unklar, möglichwerweise urheberrechtlich geschützt; Rechteinhaber dürfen sich melden!)

Brühwarm erlebt und erzählt: Heute (!) im Seminar. Es herrschte reichlich kregle Stimmung (Die elitären Philo-Seminare vom alten Magister gehören zu den ganz wenigen Belegen für die sonst schwer haltbare These, dass man „auch ohne Alkohol lustig“ sein kann). Grundsätzlich ging es um den Versuch, zwischen Heidegger und Baudrillard ein dünnes Seil zu spannen, auf dem eine Philosophie des Mobiliars zu entwickeln wäre. Möbel sind in der klassischen Philosophie nämlich ein total unterschätztes Thema. Lange Zeit wurde verschwiegen, wie handgreiflich und übergriffig Möbel auf Körper und Seele ihres Besitzers einwirken. Wir hatten jedenfalls gerade über die psychoanalytischen Aspekte des Resopals diskutiert, das im Deutschland der frühen 50er Jahre zwei Fliegen mit einer Klappe schlug, indem es die Sehnsucht nach Abwaschbarkeit in eins mit dem Wunsch nach geschichtlichem Gedächtnisverlust stillte, also nationalen Waschzwang mit Sühneverweigerung kombinierte, da gerieten wir irgendwie auf abwegigere Fragen, ausgelöst durch einen Versprecher von Klaus.

Klaus hatte dabei das Phänomen „dieser Kunstputzfrauen“ ins Gespräch gebracht, jener teils offensiv ignoranten, teils fundamentalistischen Reinigungskräfte, die andauernd sauteure Kunstwerke ruinieren, indem sie hartköpfig die Dekontextualisierung des Gebrauchsgegenstandes und seine museale Rekontextualisierung als Kunstwerk missachten, und dem Beuys oder dem Kippenberger seinen künstlerisch applizierten Dreck weg machten, um das jeweilig zu Kunstzwecken missbrauchte Gebrauchsdings wieder seiner vermeintlich ordnungsgemäßen Bestimmung zuzuführen.

Ich warf, verschärft scharfsinnig, dazu die Frage ins Geviert, ob es sich dabei nicht vielleicht möglicherweise um eine subversiv-kritische Kunstputzfrauen-Bewegung handeln könnte, die klandestin daran arbeite, postmoderne Überspanntheiten im Kunstbetrieb der Lächerlichkeit preiszugeben. Ich meine, wenn Banksy in Museen einbricht, nicht um Bilder zu stehlen, sondern um Bilder hinzuzufügen, warum sollte dann nicht eine Kunstputzbrigade für frischen Wind sorgen, indem sie den aufgeblasenem Kunstfurz Einhalt gebietet? Ihre Maxime wäre der bekannte Ausspruch: „Ist das noch Kunst, oder kann das schon weg?“ – Die Gattin nennt solche immerhin denkbaren Aktionen, ebenfalls aus einem Versprecher geboren, sinnig: subservice (sprich: subserwies), was eine Mischung aus Untergrund und Dienstleistung beschreibt. Gebäudereinigung als Kunstkritik!

Die ganze ontologische Verwirrung der Dingwelt hatte ja mit Marcel Duchamp begonnen, der ein Urinal und eine Schneeschaufel aus dem Baumarkt dadurch adelte, dass er das Zeug signierte und ins Museum stellte. Big deal damals, und mit einigermaßen verheerenden Auswirkungen auf die Kunstwelt und das Können an sich! – Und wenn man jetzt diesen Scheiß satt hätte und wäre der Geste überdrüssig, was hinderte einen, den hochintellektuellen Kunst- und Überfliegern ein wenig Flugangst beizubringen? Subversion kennt kein Ausruhen. „Nichts, das entsteht, ist wert, dass es nicht zu Grunde geht“ befand schon Goethes Mephisto in einem hellen Moment vulgo einem momentanen Anfall nihilistischer Grundstimmung.

Mein Lieblingssubserwies-Service begab sich einst in einer dem Kunstschamanen und Mental-Illusionisten Joseph Beuys gewidmeten Ausstellung, in der u. a. die Kinderbadewanne gezeigt wurde, in der Beuys als Kind gebadet wurde. „In dieser Wanne wurde Joseph Beuys als Kind gebadet“ beschied die angebrachte Legende feierlich ergriffen, und dann hatte jemand mit Kuli darunter gekritzelt: „Offenbar zu heiß!“ – Ich muss gestehen, dass mich, wahrscheinlich aus einer weltanschaulich fundierten Grundalbernheit heraus, solche Gemeinheiten resp. kynischen Spöttereien mehr erheitern als alle postmodernen Kunstexperimente sonst.

Ausnahmsweise ließ der Seminar-Leiter mal die Zügel streifen (vor allem die eigenen) und regte im Anschluss an eine Bemerkung von Erika an, darüber nachzudenken, ob man der Duchampschen Schneeschaufel ein, zwei oder drei weitere, freilich unsignierte, zur Seite stellen könnte, ohne dass es fad würde oder der Museums-Hausmeister dieselben in den Geräteschuppen verbrächte. „Anführungsstriche kann man nicht sehen!“ krähte ich, um zu einem Exkurs über Ironie anzusetzen. Leider ließ ich zwischendurch den Satz fallen: „Aber lassen wir das für heute“, worauf alle sofort aufsprangen, hektisch ihre Tasche packten und vor Schluss fluchtartig den Seminarraum verließen. Ich fürchte, meine Seminare ähneln sich mehr und mehr dem „Jour fixe“ des Traurigkeitslehrers Arnold Winterseel an (vgl. „Kategorien“ in diesem Blog!): Man hasst es, man fürchtet es, aber man geht trotzdem immer wieder hin.