Improvisieren können


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Im Fernsehstudio

Damit mich keiner erkennt, hatte ich einen Schlips umgebunden. Ordentlich schick gemacht: Camouflage für die Talkshow. Ins Gesicht schön bunt Werbung gemalt, für Schwarzbier und Dosenravioli. Ich liebäugelte damit, das einfache Volk zu repräsentieren. Aber dem einfachen Volk sagt ja keiner etwas, zum Beispiel, dass man zu solchen Einladungen irgendetwas mitbringen muss. Neben mir saß einer, der mit dem Rollstuhl quer durch den Regenwald war und darüber mit dem Mund Bilder gemalt hatte. Zwei Plapperwachteln litten an rätselhaften Krankheiten, von denen die Kasse nichts wissen wollte, eine beleibte feministische Dame verbat es sich, auf ihren Körper oder ihre Weiblichkeit? egal, jedenfalls reduziert zu werden, und die anderen hatten eben was Selbstgemachtes mitgebracht, einen Song, ein Werk, ein Opus maximus, zum Vorzeigen und Herumprahlen. Und ich? Typisch wieder, immer denk ich, mir wird schon etwas einfallen, ich improvisiere einfach, und dann kann ich bloß Sendepause und Maultaschen feilbieten. Oder heißt es Maulfeigen? Nein, Maulaffen, jetzt weiß ich, Maulaffen. Was sind eigentlich nochmal Maulaffen? So etwas wie Ohrfeigen? Erwähnte ich schon, dass ich mich schwer konzentrieren kann?

Schon wandte sich die superfreundliche Moderatorenschlampe an mich, zeigte mir ihre gewienerten Zahnreihen und krähte mit koksbetriebenem Enthusiasmus: „Aber nun zu Ihnen, Herr…!“ und auf ihr Zeichen hin fuhr mit Karacho eine Riesenkamera auf mich zu, knallte mir frontal ins Gesicht und filmte mit Teleobjektiv neugierig in meine Nasenlöcher hinein, zum Glück frisch gepflegt mit dem Nasenhaarrasierer der Firma Oldsmobil. Das einfache Volk begann zu schwitzen wie ein Störungsmüller. Oder heißt es Schwerenöter? Briefbeschwerer? Beschwerdeführer? Jetzt half jedenfalls nur eines: maximale Hysterie!

„Ja, jaha! Verdammich, ich wars!“ schrie ich, „Erwischt! Ich bin der Schwindelbischof von Humburg, Jonathan Kraska! Also Butter bei die Fische, große Portion Beichte mit doppelt Bußkram: Ich habe gehurt, geschlurt, geschleimt und leimsiederisch rumgeschlampert! Auf dem Satanstrip wie nichts Gutes! Brokat-Bilanzen, kostbar halbseidenene Steuerverklärungen, dann wieder voll die Gelage, skrupellose Ferkel-Orgien, klar auch hier Dingsbums, Knabenliebe, Ministrantenstrich mit rotem Teppich, schwergoldene Urinale, grotesk teure Platinesken und diözesane Rubinate usw., pah, peanuts, meine leichtesten Übungen! — Wer Gott dient, muss einen guten Anzug tragen! Und zwar ministrös gebügelt! sag ich immer. Und wer moppert, kriegt eine Leviten-Abreibung in Kirchenrhetorik: Anlaufen, Beschleunigen, Abheben, himmelwärts Düsen, krass fertiges eschatologisches Weggetreten-Sein. Das ist mein Sport! Da bin ich richtig, richtig gut drin. Und der feine Herr Jesus ist mein Zeuge! Meine Devise: Für den Gottessohn nur Weihrauch, Myrrhe, Koks und Kaschmir. So! Und jetzt Sie!“, – ich begann haltlos zu schluchzen.

Eine der kranken Tanten reichte mir ein Tempo und tätschelt meinen Arm, der links vorne an der Lehne des Bischöflichen Stuhls befestigt war. „Na, na“ sagte sie begütigend, „na, na…„, die Moderollatorin starrte irritiert in ihre gelben Karteikarten, der Regenwaldrollo kicherte blöd und das Saalpublikum johlte und haute sich krachend auf die westfälischen Schweineschenkel. Vollends durchschizophreniert – wie kam ich aus dieser Nummer bloß wieder heraus – brüllte ich in den Saal: „So, Schluss jetzt! Hört auf mit dem Geschwindelgrinsen, das war kein Spaß! Beziehungsweise wohl, ich wollte sagen, wohl, das war vielmehr bloß Spaß, ein kleiner Scherz, ein Gag, zur Auflockerung, in Wahrheit bin ich…“ , und nun musste ich aber echt improvisieren, „…der Steinerne Gast, der unsichtbare Dritte, der ganzganz Andere, das Objekt klein a, der abwesend Anwesende, der Dritte Mann, jenes höhere Wesen, das wir verehren….“, – dann wurde das einfache Volk mittelsanft nach draußen geleitet.

Mann, Mann, dachte ich im Aufzug nach unten, du bist ein echter Diskurs-Vergeiger! Aber als es mir in der Senderkantine gelang, meine entwerteten Straßenbahntickets als Essensmarken zu verwenden und einen Teller Käsemakkeroni zu erschwindeln, gewann ich schon wieder an Selbstachtung. Man muss improvisieren können!

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One Comment - “Improvisieren können”

  1. puzzleblume Says:

    krass fertig – wie wahr!


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