Archiv für Mai 2010

Der blinde Herr der Bücher

28. Mai 2010
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Jorge Luis Borges (1899-1986)

Auch wer ihn nicht kennt, kennt ihn vielleicht indirekt: In Umberto Ecos berühmtem Kloster-Krimi „Der Name der Rose“ trägt der Bösewicht „Jorge von Burgos“ seine Züge: Ein blinder Hüter der Archive und Bibliotheken, etwas unheimlich und furchterregend. Der blinde Direktor der argentinischen Nationalbibliothek, der Dichter, Essayist und Erzähler Jorge Luis Borges freilich wear, anders als seine Karikattur bei Eco, weder humorlos noch ein Bösewicht oder gar ein Mörder. Er war einer der größten und interessantesten Schriftsteller des 20. Jahrhundertsa!
Borges’ bevorzugtes Gebiet ist das Phantastische, das Unheimliche und Bestürzende, das Schwindelerregende des Imaginären, aber – obwohl auch solche Phänomene ihn faszinieren – es sind nicht vorwiegend Fabeltiere, Aliens und Gespenster, die er beschwört, sondern verstaubte Folianten, mittelalterliche Manuskripte und verwehte Inschriften, aus denen das bizarre Genie, der Triumph und der Wahnsinn von Jahrtausenden menschlicher Geistesanstrengung aufsteigt und nach uns greift. Metaphysischem Irrsinn und irrer Metaphysik verleiht Borges eine merkwürdige Vertrautheit und Selbstverständlichkeit. Uralte Ketzereien, die Irrlehren vergessener Häresiarchen und abseitiger philosophischer Dissidenten treten wieder ans Tageslicht. Aus dem Staub und Moder alter Büchergruften steigt die dunkle, verworfene Heiligkeit des Apokryphen und Kryptischen und wir vermeinen, wieder das ganze Grauen jener verschollenen Meister und Mystiker zu spüren, die zu nah an den Rand des Undenkbaren gerieten und von dort nicht mehr zurückkehrten.
Borges ist zweifellos ein Magier. Er hält uns in Atem und Beklommenheit, obwohl seine Albträume ganz »trockener«, theoretischer Natur sind und sein Ton lakonisch, betont nüchtern, wissenschaftlich referierend, oft im Stil eines Lexikon-Eintrages. Gelassen, betont rational, mit einem kaum wahrnehmbaren ironischen Ton, führt er uns durch die Labyrinthe seiner offenbar unerschöpflichen, enzyklopädischen Gelehrsamkeit und konfrontiert uns mit Rätseln, Paradoxien und schwindelerregenden Gedankenabstürzen aus der maßlosen und verworrenen Geschichte des menschlichen Denkens. Er vergegenwärtigt ehrwürdige philosophische Dilemmata, Aporien und Antinomien, die man aus gutem Grund irgendwann in der Vergangenheit ruhen ließ und vergessen hat, um zum Frieden der Einfalt zurückzufinden. Borges beschwört aber gerade diese Relikte und Reliquien der Ruhelosigkeit, die Ausgeburten unzähliger Nachtwachen, Meditationen und Erleuchtungserlebnisse, all dies ausgestellt in einem bizarren Museum, das in geheimnisvolles Licht getaucht ist und als dessen lebende Bewohner wir am Ende uns selbst bestürzt wiederfinden. Borges kreiert dabei in technischer Hinsicht ein Misch-Genre, eine literarische Hybridform, die es bis dahin, soweit ich sehe, nicht gegeben hat: die »philosophisch-essayistische Erzählung« könnte man diese Form nennen oder das »phantastische Philosophie-Essay« oder auch ein »Lexikon philosophischer Albträume«. Die philosophischen Themen von Borges sind dabei weder exotisch noch besonders gesucht und esoterisch, es sind die alten, die ewigen Fragen der Menschheitsgeschichte: Zeit und Unendlichkeit, Freiheit und Vorhersehung, Tod, Unsterblichkeit und das Schicksal der Seele, die Rätsel und Fragwürdigkeiten der Wirklichkeit und ihrer infiniten Spiegelungen im Traum, in der Poesie und allen Formen der Imagination. Besonders angetan haben es ihm die grotesken und absurden Versuche tapferer Denker, das Chaos des All-Seienden in ein universales Ordnungssystem zu bringen, etwa die Träume des Barock von der Universalsprache, an der Leibniz arbeitete oder der legendäre John Wilkins, über dessen analytische Universalsprache, in der jedes Wort zugleich sein Signifikat definiert, Borges eine wunderbare Geschichte geschrieben hat.Borges versteht es bei alledem, den Eindruck zu erwecken, als wäre er überall im Universum der Texte, in der gesamten Bibliothek menschlichen Wissens zuhause. Für Borges scheint das Entlegene nur einen Regalmeter vom Mainstream entfernt; er ist, so scheint es, ein »Spezialist für alles«. Wer die Erählungen von Borges verschlingt, den ergreift eine Art Höhenangst und Bildungsschwindel. Ob es um altisländische Sagas, frühe Ketzer und Kirchenväter, um die Odyssee, die kabbalistische Zahlenmystik oder Dantes »Göttliche Komödie« geht, um die Visionen des Mystikers und Geistersehers Emmanuel Swedenborg oder das Werk des arabischen Philosophen Averroës, um apokryphe Bibeltexte, pythagoreische Sekten oder die Alchymie des Paracelsus, um Shakespeare, »Don Quijote« oder die verschiedenen Übersetzungen von »Tausendundeiner Nacht« – Borges scheint sich überall detailliert auszukennen und dekoriert seine Erzählungen reichlich mit gelehrten Zitaten, philologischen Anmerkungen und bibliographischen Apparaten, die ihnen das Flair umfassender Gelehrsamkeit verleihen und den staunenden Leser die unermeßliche Weite des Universums der Texte erahnen lassen….

JETZT NEU AUF DEM „denkfixer“-Blog [http://reinhardhaneld.wordpress.com]: Eine LIEBESERKLÄRUNG AN JORGE LUIS BORGES

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Über Samuel Beckett

26. Mai 2010

Samuel Beckett 1906-1989 (Foto: Jane Brown)

Bestseller waren Becketts Romane gerade nicht, sind es auch zu keiner Zeit geworden. Es sind Romane, wie das Jahrhundert sie verdient. Beim breiteren Publikum eilt ihnen der Ruf voraus, schwierig, langweilig, sogar unlesbar zu sein. Ein Vorurteil, das sich bei der heutigen Lektüre nicht unbedingt bestätigt. Becketts Romane sind voll von abgründigem, rabenschwarzem Humor, sie entfalten eine ganz eigentümliche, bizarre Poesie und der illusionslose Sarkasmus des Autors erlaubt diese ungerührten, hellsichtigen und zwingenden Einblicke in das Groteske, Heillose und Verstörende der menschlichen Existenz, wie sie zuvor nur Dostojewski und Kafka zustande gebracht haben. Beckett ist im Grunde ein großer Realist: seine Helden, Lebensversehrte und Halbkrüppel, sind allesamt so gut wie tot, stammeln eine Menge albernes sinnloses Zeug und begehen kraftlose, konfuse Handlungen, die zu nichts führen – sind sie also nicht wie du und ich? Der Blick auf die condition humaine ist nüchtern und unverstellt, aber immer hochkomisch. »Nichts ist komischer als das Unglück«. Man kann die Welt anders ansehen als Beckett – aber sicher nicht ehrlicher und illusionsloser.

Das Personal des Becketschen Prosawerks besteht aus Virtuosen des Unglücks, seltsam eigensinnigen, gleichmütigen Vergeblichkeitsartisten und Sinnverweigerern, verkrüppelt, von Schmerzen geplagt – Randgänger und komische Heilige, um ihr Ziel gebrachte Sucher und seit Ewigkeiten Wartende. Becketts frühe Romane sind Meisterwerke artistischen Sprachwitzes, abgründige Grotesken von einem Humor, so schwarz – um eine Lieblingssprachfigur von Beckett zu benutzen –, so schwarz also, daß schwarz schon nicht mehr das richtige Wort ist…

JETZT NEU IM „denkfixer„-BLOG (http://reinhardhaneld.wordpress.com):

Ein Vortrags-Text, der die Prosa-Werke Samuel Becketts vorstellt und erläutert – als PDF-Datei zum kostenlosen Downloaden!

AUS MEIM GEDDO

20. Mai 2010

Verbraucherschutz wird bei uns im Geddo ernst genommen!

Ich will ja nicht prahlen, aber wer in meinem Viertel Verbraucherinformationen will, der muß schnell sein, verdammt schnell. Vielleicht nicht so schnell wie Bond, James Bond, aber doch geschwinder, als man schwierige deutsche Worte wie „Rauschgiftdezernat“, „Richterlicher Durchsuchungsbeschluß“ oder  gar „Ingewahrsamnahme von Tatverdächtigen“ aussprechen kann.

Das Café Yildiz hatte grad erst neu eröffnet. Schnieke; richtig mit Geld. Orientalisches Design plus Flatscreens, Internet-Arbeitsplätze usw. Richtig gemütlich. War es draußen kühl, wie meist, entzündete man auf dem großen Flachbildschirm sogar ein DVD-gestütztes Kaminfeuer!

Umso erstaunlicher, daß man fast nie Leute IM Café sah, sondern immer nur DAVOR. Pro Quadratmeter die größte Dichte an stämmigen, kurzgeschorenen Dunkel-Männern in Einheitstracht (helle Jogginghose, schwarzer Kunstleder-Blouson, Piloten-Sonnenbrille bei Tag und Nacht)! Breitbeinig standen sie vorm Etablissement und sprachen Unverständliches in luxuriöse Handys, die so klein waren, daß es immer so aussah, als hielten die Fernsprecher sich ein Ohr zu, wenn sie ihre Geschäfte oder was abwickelten. Mich harmlos Vorbeiradelnden bedachten sie dabei oft genug mit Blicken, denen jede Kundenfreundlichkeit abging.

Bevor ich das Café in näheren Augenschein nehmen konnte, kam, heute morgen schon, zahlreicher Besuch in grün oder zivil. Das Geschäftsgebaren dreier Unternehmerpersönlichkeiten im Umkreis des Café Yildiz wurde mit dem Anlegen von Handschellen gewürdigt. Die solchermaßen Ausgezeichneten bereitete man auf einen schonenden Abtransport vor, der sich im Verlaufe des Morgens dann auch folgerichtig ereignete.

Der Duisburger Polizeitbericht vermeldet über den Einsatz noch nichts; das Café Yildiz hat weiterhin geöffnet, aber ich habe das Gefühl, das Kerngeschäft hat erstmal erheblichen Schaden genommen.

PS: Über das Sortiment bzw. Angebot im Café Yildiz kann ich noch keine Aussage machen. Ich bin doch nicht meschugge, bei den ganzen Bullen da!

Fremdenführung durch „da ‚Hood“

15. Mai 2010

Guck jetzt nicht hin, da die
Smarten, die Harten, die Derben
Das sind Balkankriegs-Serben.
Die grüßen mich nie.

Die da mit den Halbmondfahnen
proben als sture Alt-Osmanen
Den Spagat
Zwischen Bacardi-Cola
Und Kalifat.

Die dunklen Jungs am Wiesengrund
Nennt man Tamilen, und
sie wollen bloß (Volleyball)
spielen.
Auch bei Exoten ist auf jeden Fall
Der Ball meistens rund…

Die Finstergucker am Eck? Ach, Skipetaren,
Machen etwas Im-, meistens aber Export
Vielleicht sinds auch Kossovaren,
jedenfalls, wenn sie reden
Versteh ich kein Wort.

Häkelkappe, Vollbart und Kaftan,
Die Burkasse immer dahinter,
Das ist ein Mullah aus Dingens-tan,
Sein Name? Na,
bestimmt nicht Günther!

Ich sags nicht gern, doch der Roma-Rumäne,
Und zwar wegen dem seinem Müll,
macht mir manchmal Migräne!
Den Dreck in die Tonne stopfen
Ist dem schon zuvüll.

Und dann die armen Bulgaren
Auf ihren Limousinen
Liegt ein Fluch:
Immer müssen sie mit ihnen
durchs Viertel fahren,
Den Parkplatz nimmt ihr Besuch.

Des Nomaden liebster Spaß ist Grillen.
Die Türken grillen wie irre,
Als sei das ihr’m Allah
Sein allahhöchster Willen.
Mich macht der ganze Qualm
Schon ein bißchen kirre.

Opa, und wie erkennt man die Polen?
Gar nicht, Junge, sind gute Katholen
Wie wir auch,
Nur etwas mehr unverhohlen
Ist deren Wodkaverbrauch.

Einen Belorus oder einen Ukrainer
Kennt – jetzt persönlich – keiner,
und doch sind sie da, mit ’nem Truck,
Und was sie liefern,
Ist sicher kein Muckefuck.

Steinern die Fresse, das Kinn aus Granit,
Die Putins wollen immer nur eines: Profit.
In ihrem BMW-Cabriolet
Frauen, Waffen und Schnee.
Wenn du sie störst, tun sie dir weh.

Hier, die Süßen: Emine, Dilem und Semra
Verhüllen mit Doppelkopftuch ihr Haar.
Ich finds a weng schizophreng:
Ihre Hüftjeans sind nämlich hauteng!

Die ganze Black Community groovt
Wenn Miri „Queen Mum“ Kuti zum Essen ruft,
Ihre Sandalen machen fröhlich flip-flap,
Auf den Tisch kommt freilich
Meistens Millipap.

Multikult! Ein Durcheinander von Nationen und Rassen.
Es gäbe bei manchen Gründe, einander zu hassen,
Doch tut man es nicht. Auf engem Raum
Geht man sich aus dem Weg, gelassen,
man kennt sich ja kaum

Alles geben. Die Wahl in NRW

9. Mai 2010

Als Schule noch bunt war... (Codex Manesse. Leher in Esslingen)

Eine neue (?) Blödsinnsphrase fällt mir in letzter Zeit verschärft auf den Wecker. Zwar leben wir in einer gnadenlosen Wettbewerbsgesellschaft, in der jeder Raffzahn vom Stamme Nimm so viel an sich zu reißen versucht, wie eben reingeht, aber alle betonen, sie hätten jedenfalls „alles gegeben“! Der VFL Bochum ist abgestiegen, weil, so der Trainer, die Mannschaft „im Endeffekt“ (!) eben nicht „alles gegeben“ hätte; dabei hieß es auf der letzten Pressekonferenz doch noch, für den Klassenerhalt wollen man auf jeden Fall unbedingt „alles geben“!

Im Früh-Radio gurren schon die von Heidi Klum säuberlich dressierten Disco-Mietzen, deren Sinnlichkeit, scheints, wohl nie schläft. Sie „geben alles“, zu jeder Zeit und rückhaltlos, um bei Viva oder wo ihr Schnütchen zu spitzen. Halsbrecherisch stöckelt das Leben stotternd auf Stöckel-Pumps: Vorzugsweise traumatisierte Traumfiguren in Spitzenspitzenunterwäsche! Ich möchte eigentlich gar nicht „alles“ von ihnen, mir reichte es schon hin, wenn sie mal etwas Ruhe gäben auf ihrem cat walk. Nicht auszuhalten, das Maunzen und Miauen!

Die aus der Bundeshauptstadt eingeflogenen, auf meiner Dachrinne aufgereihten Besserwisser haben jetzt ihren Song-Einsatz. Bitteschön, die Damen und Herren Schlaubeger: „Denn mach domma einfach det Jerät aus, Mann!“ Ja, danke, Spitzentipp, ditte, aber ich brauch doch Nachricht, wann in Griechenland die Revolution ausbricht! Benötige ich meine Euros noch, oder soll ich alles rechtzeitig verschleudern? Mir sagt doch keiner was! Ich hab schon den Mauerfall und die Wiedervereinigung verpeilt und verbaselt, weil ich da gerade Liebeskummer hatte. Nun möchte ich bei der gesamteuropäischen Revolution wenigstens nichts verpassen. Wenigstens einmal möchte ich Zeitzeuge eines historischen Ereignisses sein, anstatt im breiig-bleiernen Einerlei des Alltäglichen herumzuwaten.

Andererseits bin ich seit meinen maoistischen Steineschmeißerzeiten staatsbürgerlich gereift. Deswegen hab ich heute morgen auch schon „alles gegeben“, nämlich meine Erst- und meine Zweitstimme. Prinzipiell sympathisiere ich mit einem Staat, in dem man auch Piraten wählen darf. Als von fern her verschwägerter Schwipp-Nachkomme des entlaufenen Theologen Magister Wigbold, dem nachmaligen Strategen Klaus Störtebeckers, liebäugele ich nämlich schon mit einem kleinen weißen Totenschädel im schwarzen Feld unserer Nationalflagge! Das wär mal ein kleidsames Staatswappen, oder?

Trotzdem, Politik ist zwar heute weder „ernst“, noch auch nur „die wichtigste Nebensache der Welt“, nein, Politik ist heiter Spaß und Spiel und Narretei, aber trotzdem doch kompliziert wie Hallen-Halma und Hüpfburg-Husten. Zum Beispiel warnte unser liebenswürdig verschusselter, treuherzig verlogene, irgendwo aber auch wieder hochsympathische schwarz-gelbe Landesvater uns unmündig-übermütige Landeskinder heute morgen beim Frühstück noch einmal dringendst davor, mutwillig eine „rot-rot-grüne“ linke Diktatur zu wählen, denn diese bedeute „Schulchaos und Schulden“. Schulchaos und Schulden ist aber nun exaktemang genau das, was wir gerade haben. – Also wie jetzt? Den Wechsel wählen, um das Chaos zu bewahren? Oder mehr vom selben, damit sich was ändert? Als wankelmütig-windelweichem Wechselwähler bricht einem der Examensnotschweiß des intellektuell Überforderten aus: Was ist bloß die richtige Antwort? Und, wie immer, man darf noch nicht mal beim Nachbarn abgucken oder spicken!

Solchermaßen vorverwirrt, betrottet man sein „Wahllokal“ für die Bezirke 2808 und 2807, und steht unmittelbar, wie bei einer Geisterbahnfahrt, inmitten der beschworenen Schul- und Schuldenkrise. Hier wird sie erlebbar. Das Mercator-Gymnasium nämlich, in dessen kalten, grauen, angststarren und mittelmäßig verwahrlosten Wänden der Bürger zur Stimmabgabe schreitet, präsentiert sich als architektonischer Archetypus der Lieblosigkeit, Geldknappheit und klandestinen Jugendverachtung. Wer hier was lernen soll, lasse mal erstmal alle Hoffnung fahren. Von den neon-grau kränklich beleuchteten Wänden tropft das Kondenswasser des Schülerangstschweißes. Man meint, die schrill überschnappende Stimmen demotivierter Lehrerinnen widerhallen zu hören, das dumpfdumme Gelaber von Murat, Aaron und Basti, das müde Gekicher der Mädchen. Gott, können NRW-Gymnasien hässlich sein! Es riecht nach Mathe-Arbeit, nach Verzweiflung und nach Hormonen. Immerhin, am Horizont leuchtet es: Im Sekretariat gibt es schon Abiballkarten…

Draußen hingegen tirilieren Nachtigallen, Feldlerchen, Amseln und Sperlinge tschilpen, Maienluft fächelt kühlen Sonnenduft um frisch Ergrüntes! Warum, warum nur wählen wir denn nicht im Freien, in Parks, am Rheinufer auf den Wiesen und Auen, oder in den Wäldern? Weil da alles schon grün ist?

Leute, bitte, schimpft morgen nicht über die Bevölkerung von NRW: Ich jedenfalls hab bei dieser Wahl alles gegeben!

Von nun an bergab

3. Mai 2010

VON NUN AN BERGAB

Neulich auf Patrouille im Viertel. Früher Abend, Vorfrühling. Sonnenuntergang hinter den Hochöfen. Ruhrromantik satt. Näh, watt is datt schön bei uns innen Westen! – Ein glamourös goldfarbener Daimler (!) mit Herner Kennzeichen schwebt neben mir ein, landet an Gate Bürgersteig, das nachtblau getönte Fenster senkt sich lautlos. Drinnen dröhnt türkische Arabesk-Musik mit extra viel Bass und Jefühl. Ein schnieke gegelter junger Smoking-Träger schaut zu mir hoch und brüllt, um die Musik zu übertönen:

„Efendim, Ağabey, nerede ya düğün solonu Aad’lenn’sch’e-trasse?“

Ich schaute, obwohl als Wahl-Niederrheiner jederzeit fest entschlossen, ratsuchenden Fremden jedweden Weg zu erklären, selbst wenn er mir selber absolut unbekannt wäre, hier doch etwas ratlos: Zwar verstand ich als Ehrentürke, daß der Kapitän der Goldenen Fregatte nach einer Spezialgroßgaststätte zum Zweck türkischer Hochzeitsabfeierung suchte, aber obwohl ich mein Geddo kenne wie ein bulgarischer Taxi-Fahrer, hatte ich keinen Schimmer, wo wohl diese „Aad’lenn’sch’e-trasse“ liegen möge. Aufs Geratewohl schickte ich den Goldenen Reiter und seine Festkumpane in eine falsche Richtung. Unabsichtlich aber, ich schwör, Alda!

Erst Tage später wurde es mir, Wunder des Gehirns, aus heiterem Himmel plötzlich schlagartig klar, daß man die Adelenstraße (sprich also: Adéeehlen-Straße) gesucht hatte, eine der ödesten, tristesten Industriestraßen auf dem Hinterhof alter Hüttenwerke in Hochfeld, auf der sich jedoch ein Pracht-Saal für das ethnologisch reizvolle Ritual befindet, das wir als „Türkenhochzeit“ kennen.

Das Etablissement ist eine Art real gewordener feuchter Mädchen- bzw. Märchen-Traum aller Schwiegermütter und altjüngferlichen Nenntanten zwischen Izmir und Van, eine innenarchitektonische Rauschgold-Schoko-Buttercremetorteneisbombe mit Doppelrahmschlag-sahne, Krokant und Nougat-Applikationen, ein seiden-damast-gold-rosa-weiß gestaltete Honigkuchen-Deko-Orgie der perfekten Illusion, eingedeckt, geleckt und steifgebügelt für die große Opern-Ouvertüre vor dem finalen Absturz ins brunznormale Scheißleben: Aah, Hochzeit! Vetter Murat und Cousine Selma (Frisch-Import aus der Heimat) werden hier in Marzipan gegossen, mit Tüll umwickelt und mit Geldscheinen beschmissen. Der Efendi düğün salonu sorgt für das Komplett-Rundum-Sorglos-Paket: Musike (Pop, Arabesk, Folk), Video, Choreographie, Conference etc. Das Schicksal kann ungestört seinen katastrophalen Lauf nehmen.

Wer hätte, erst recht als fremder, deutscher, ungläubiger vulgo aufgeklärter und vom postmodernen Schicksal desillusionierter Gast, das Herz oder die Stirn, Selma über ihre Zukunft aufzuklären? Lieber Volkstanz und Verbrüderungstralala. Aber Deutsche werden eh auch nicht mehr oft eingeladen. Die rund achthundert Leute aus dem Heimatdorf füllen den Saal gut genug.

Als bekennend mieselsüchtiger Bedenkenträger, mache ich mir ja, offen gesagt, je größer, teurer, aufgebauschter der Hochzeits-Trubel-Prunk, um so mehr Sorgen um die dann nachfolgende Ehe. Das gilt übrigens ohne Ansehen der jeweiligen ethnischen Kultur und ist nicht auf Türken beschränkt. Auch bei deutschen Event-Hochzeiten (mit Feuerwerk, Performance und Fallschirmspringen) denke ich meist: Oha! Wenn das werte Mitmenschenpärchen mal die überirdische Aufladung der Hochzeits-Inszenierung im Alltagsleben bloß ratifizieren kann!

Kann es natürlich nie: Was mit dem „schönsten Tag im Leben“ (so glaubt wenigstens Braut Selma, Serab, Aynur, Dilara und Emine!) beginnt, kann danach logischerweise ja nur noch schlechter werden. Wird’s ja dann auch in aller Regel. Mich gruseln Feste, bei denen man sich die Seele aus dem Leib tanzt und euphorisiert, weil man genau weiß: Von nun an geht es nur noch bergab.

Ich weiß, noch immer verschulden sich türkische Familien bis ins Aschgraue, ja bis in griechische Dimensionen, um ihren Kindern eine rauschende Hochzeit mit 800 – 1000 Gästen ausrichten zu können. Das Wohl von Vetter und Cousinchen steht dabei nicht im Vordergrund. In der orientalischen Scham-Kultur zählt die Familienehre, und, um einmal als „großer Herrr“, Bey und Efendi dazustehen, verpfändet man gern das letzte Hemd. Hauptsache, die Nachbarn und Dorfkollegen zollen Anerkennung! Deshalb gibt es spezielle Unternehmen wie Efendi düğün salonu, die dafür sorgen, daß sich keiner schämen muß.

Jedenfalls nicht am Tag der Hochzeit. Was danach kommt? Allahbilir…