Archiv für September 2011

Trost im Schaf (Kurze Haare)

28. September 2011

Schafe "Ursache" und "Wirkung", nach Neutrinos Ausschau haltend (Foto: Wikipedia)

Im Fernsehen war es zu beobachten: Musste der Papst sich in das Goldene Poesiealbum einer Stadt eintragen, krakelte er ein kleinwinziges „Benedict XVI pp“ hinein. Das „pp“ ist hierbei keineswegs dasselbe wie in „etcetera pp“, wo es „perge“, d. i. „und so fort“ bedeutet, sondern will sagen: pastor pastorum, Hirten der Hirten. Ich teile dies mit, um zum Thema „Schaf“ zu gelangen. „Man kann“, sagt, in Thomas Manns nobelpreisgekrönten Roman,  der alte  Konsul Buddenbrook, der seine Tochter gewinnbringend lukrativ verheiraten will und ihr den ungeliebten Mann schmackhaft machen möchte, ja doch „am Ende nicht fünf Beine auf ein Schaf verlangen“, und das ist ja wohl wahr, und gute alte Kaufmannsweisheit dazu! Ein Schaf mit fünf Beinen wäre zwar ökonomisch durchaus wünschenswürdig, weil es eine Lammkeule mehr pro Schafskopf ergäbe, aber nebbich! so Schafe sind halt extrem selten und praktisch unbezahlbar.

Neulich träumte ich von Versuchen, Kühe zu züchten, deren linke bzw. rechte Beine kürzer als die jeweils gegenüberliegenden sind, damit sie stabiler am Hang stehen. Auch dies wäre zweifellos begrüßenswert, ist aber andererseits ebenso schwer zu realisieren. Aber so ist der Mensch –  immer angetreten, die Schöpfung innovativ zu meliorisieren.

So hätte man beispielsweise etwa den nun wieder nach Rom entschneiten Papst gern evangelisch, als homme à femmes, schwulenfreundlich und libertär, was der gute alte Mann etwa so hartleibig verweigert, wie das Schaf, sich fünf Beine wachsen zu lassen. Was hatten wir denn gedacht? Der Schaf bleibt Vierbeiner, das Papst ein Katholik. Und das ist letztlich „auch gut so“, weil, wo fänden wir sonst einen billigen Gegner? Der Papst hat mal kurz durchblitzen lassen, dass er nicht doof ist und spielte ansonsten den bockigen alten Kirchenhampel.

Brillant hat er das gespielt! Ganz am Ende hat er sogar gemurmelt, ihm seien Agnostiker lieber, die noch vergeblich Gott suchen (also praktisch auch ich!), denn „Routiniers im Glauben“. Das war, diplomatisch gesehen, schon ein Hammer, und kam bei mir sehr gut an: Wir sind schließlich die Mehrheit!  Leute, die nichts Ungewisses wissen, darauf aber nicht stolz sind, dennoch indes subtil dandyhafte Ironiker bleiben, die sich stillvergnügt über Seiner Heiligkeit erzreaktionären Starrsinn die Hände reiben, weil sie den Zwergenaufstand dagegen so putzig finden. – Die missliche Erdenwelt bietet wenig Kurzweil, da muss man sich das Vergnügen halt tröpfchenweis zusammensaugen.

Aber nun von etwas anderem! Wieviel Beine noch mal hat ein Schaf? Das kann man sich gerade noch merken, aber was man im Alter immer öfter plötzlich vergisst, ist die eigene PIN! So steht es in einem Zeitungsartikel: Kein Bargeld wegen instantaner PIN-Verschusselung! Gründe hierfür? Kommt drauf an. Ist man eine sog. gPoAe (gesunde Person ohne Alkoholeinfluss), handelt es sich vielleicht nur um stressbedingten Konzentrationsmangel; wer im Wein Vergessen suchte, darf sich allerdings nicht wundern, wenn auch geldwertes Wissen dahinschwindet. Dritte Möglichkeit, doppelplusungut: Demenz. –

Der saudumme Wissenschaftsartikel empfiehlt dann doch tatsächlich, zur Vorbeugung die ersten hunderttausend Stellen nach dem Komma der Zahl π zu memorieren oder eine schöne Primzahl-Tabelle, weil dies mutmaßlich die Durchblutung des Gehirns fördere. Da der Anblick von Zahlenreihen bei mir seit Kindesbeinen eher zu spontaner Blutleere im Gehirn führt, bleibt mir diese Dimension präventiver Demenzkompensationskompetenz verschlossen.

Apropos. Die Abnahme der geistigen Kräfte hat kurzfristig auch positive Effekte: Man wird wieder ein staunendes Weltkind im Garten der Wissenschaften. Mit vor Erregung beschlagener Lesebrille las ich von dem Kuriosum, dass irrgendliche Neutrinos aus dem CERN schneller wieder in Italien waren als der Papst. Bzw. der Papst erlaubt. Jedenfalls überschritten sie das Tempolimit um ein Beträchtliches und stellten damit die Kausalität in Frage. Weltbilder brachen zusammen! Meines auch? Nicht eigentlich. Dass Ursache und Wirkung sich geheimnisvoll schleifenartig verschlingeln können, ist mir seit langem vertraut (hier eigenes Beispiel einfügen: …………………………). Mein Bespiel, aus dem religiösen Bereich, nach Augustinus: Gott gibt es, sofern ich an ihn glaube. Dass ich glaube, ist hinwiederum aber eine Gnade, die mir nur Gott erweist, wenn es ihn gibt, was davon abhängt, dass… usw.  Wer hier die Kausalität festnageln kann, der darf sie behalten und mit nach Hause nehmen.

Ich werde wegen dieser Turbulenzen die Meeresstille der Seele nicht verlieren und womöglich von galoppierenden Neutrino-Schafen träumen, deren Beine ich zähle, um einschlafen zu können. Das ist halt der Vorzug präseniler PIN-Vergessenheit, oder wie es anderersets Konsul Döhlmann in den Buddenbrooks ausdrückt: „Kurze Haare sind bald gekämmt“.

Einwurf: Abseits!

23. September 2011

Kommen wir denn so hoch? (Bild: http://www.welt.de)

Nun abermals und wieder andersrum: Angesichts der enervierenden Selbstgerechtigkeit und bestürzenden Einfalt der sog. „Papst-Kritiker“ fühl ich mich gedrängt, ex kathedra privata einige vermischte Anmerkungen zu machen:

Den hohen spitzen Hut unerträgliche Fremdscham generierender Peinlichkeit hat, nein, nicht der Papst errungen, sondern das Oberhaupt der selbstgerechten Wichtigtuer, der Error-Sympathisant, Israel-Feind und Dauer-Nerver Christian Ströbele! Ich meine: Nichts gegen die deutsche Kulturkampf-„Linke“, die – in vermutlich realistischer Einschätzung ihrer kognitiven Kompetenz oder weil sie den „Abseits!“-Pfiff nicht gehört hat – lieber zum schwul-lesbisch-transischen Straßenkarneval gehen zu müssen glaubte; sie hätten von Professor Ratzingers Rede im Bundestag eh nichts begriffen. Die tuckige Schnepfigkeit und selbstverknallte Attitüde jedoch, mit der die stoffelige Ur-Knalltüte Ströbele wie ein verhaltensauffälliges, ungezogenes Kind den Bundestag während der Papst-Rede verließ, offenbarte eine derart blickdicht brunzdoofe Borniertheit und Selbstgefälligkeit, dass es schon wirklich weh tat.

Benedict XVI. pp., der alte Fuchs, hielt im Bundestag eine respektable Kurz-Vorlesung über Rechtsphilosophie resp. die christlich-naturrechtlichen Grundlagen aufgeklärter  Vorstellungen von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten und nutzte dabei listig die postmoderne Vernunft- und Positivismus-Kritik für seine Zwecke. Er versuchte, es schlicht und simpel zu halten, überforderte das „Hohe Haus“ aber doch sichtlich. Für wen das peinlich ist, sei dahingestellt. Desgleichen, wer unter den dummstolzen „Kritikern“ in der Lage wäre, ihm auf gleichem Niveau philosophisch zu entgegnen. So ganz einfach ist das nämlich gar nicht. Aber in Deutschland wird eh lieber mit der Trillerpfeife argumentiert.

Was meine vielen atheistischen Freunde nicht so gerne hören: Es mag wenige geben, die für Religion zu klug sind – die meisten sind dazu leider eher zu dämlich. Wie? Doch, doch, man kann auch zu doof für Religion sein! So jedenfalls mein Eindruck, wenn ich die Stimme der Straße vernehme. Zu doof für Religion? Geht denn das? Aber ja! Das geht, wenn man noch nicht mal das Bildungsniveau eines Dorf-Vikars erreicht und nicht die geringste Ahnung davon hat, in welchem ungeheuren Maß das Christentum zweitausend Jahre lang unsere Kultur und Zivilisation, Kunst, Malerei, Musik, Sprache, Ethik, Philosophie, Lebenswelt und, par bleu! sogar auch noch die Religionskritik beeinflusst bzw. geprägt hat. Ohne das Christentum und die Kirche hätten die Kartoffeln, die sich für „Säkularisten“ halten, noch nicht mal das Rüstzeug, sich, metaphorisch gesprochen, alleine die Schuhe zu binden. Warum man Respekt vor dem Papst haben sollte? So fragen echte Analphabeten.

Vor der Päpstlichen Nuntiatur, dem Nachtquartier des Papstes, haben sich fünfzig postklimakterielle Frauen zusammengerottet, die sich „Hexen“ nennen, um beknackte Lieder zu grölen, den Nachtschlaf des alten Mannes aus Rom zu stören und zur Rechtfertigung in die Kamera der Tagesschau nichts besseres zu faseln wissen als: „Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass wir Frauen sind, und dass wir als Frauen DA sind!“ Leider trifft der Papst keine Agnostiker, sonst würde ich gern mit ihm in die Knie sinken und beten: Gott steh uns bei!

Mir persönlich ist die Gnade des Glaubens nicht gegeben, worauf ich nicht stolzer bin als auf ein abbes Bein; mein Interesse an Religionen ist eher melancholisch-distanziert (darf ja nicht mitspielen…), aber was mich fuchsig macht, ist kenntnisfreie Respektlosigkeit vor der eigenen Kultur. Plumper Anti-Katholizismus ist nicht weniger borniert als jedes andere Anti-. Leider sind die Trivial-Pöbler mit ihren ennuyierenden Stereotypen, die dem Papst an den Kragen wollen, um es mal derb-lutherisch auszudrücken, noch nicht mal in der Lage, ihm in die hübschen roten Schuhe zu pinkeln.

Bin ich „Der Kannibale von Hochfeld“? (Schlechte Bücher)

18. September 2011

Dass zu viel schlechte Lektüre ins Verderben führt, ist heute selbst bei Extrem-Alarmisten ein nur noch selten gehörter Warnruf. Längst stehen Killer-Spiele, Ego-Shooter und überhaupt dieses ganze Internetz aus Porno und Gewalt im Fokus des Verdachtes. Doch vielleicht zu unrecht! Lesen kann noch immer Schäden verursachen! Der Beweis in Bild und Schrift: Es kam so. Heute war so ein mies-kühler Herbsttag, diverser Lebensunbill hatte mich klamm ums Herz werden lassen und ich hatte so Fröstel-Blues, und da dachte ich: Legst Du mal Kant und Hegel beiseite und gönnst dir, schön muggelich im Hausmantel in den Sessel gekuschelt, Kanne Kaffee dabei, einen richtig schönen Serienkiller-Kannibalen-Splatter-Roman. „Blut und Knochen“ von Stuart MacBride schien mir das genau Richtige für einen besinnlichen Sonntag: Jede Menge Sadismus, kannibalischer Horror und Blut bis über die Kachelgrenze – danach würde es mir vielleicht besser gehen.

Während ich mich der blutigen Lektüre hingab, machte ich nebenher immer mal wieder Notizen auf meiner To-Do-Liste für später, wenn ich die Gattin zu Szegediner Gulasch und Münsteraner „Tatort“ besuchen würde. Spät abends heimgekehrt fiel mein Blick auf die liegengebliebene Liste –  und mir gefror das Blut in den Adern. Da stand tatsächlich: „Nicht vergessen: Einmalhandschuhe – Tupperdosen – Reinigung! – Versicherung prüfen!“ Purer Zufall, ich schwör! Und ich kann alles erklären!

Aber nur mal angenommen, gerade wäre per tragischem Zufall meine Nachbarin zerstückelt aufgefunden worden und man entdeckte nun bei einer Hausdurchsuchung diesen Zettel bei mir! Würfe dies nicht ein verdammt schiefes Licht auf mich? Zwar würde die Gattin bestätigen können, die Tupperdosen seien für frischen Apfelkuchen bestimmt gewesen und die Handschuhe ihr schon lange zum Putzen versprochen worden, ferner hätte ich geäußert, die Kosten meiner Krankenversicherung fräßen mich auf und ich müsste mal die Tarife klären und außerdem mein Sakko in die Reinigung bringen  – aber reichte das zur Entlastung? Bloß gut, dass nicht auch noch „Kettensäge“, „Schaufel“ und „Parkanlagen googeln!“ auf meinem Zettel standen – ich hätte mir ja selbst nicht mehr über den Weg getraut!

Paranoia schärft den Blick: Bloß nichts Schriftliches hinterlassen! Geriete ich in den Blick der „in alle Richtungen ermittelnden“ Kripo, würde man bestimmt auch die Reste unseres Gulasch in die forensische Pathologie bringen und dort hochnotpeinlich überprüfen. Und? Man fände Bröckchen von einer blöden Kuh und einem fiesen Schwein! In Chili-Sauerkraut! Iigitt! Ich seh mich schon in der BILD-Zeitung, einen nur äußerst knapp bemessenen schwarzen Balken vor den Schamteilen meines Gesichts, darunter die Schlagzeile: „IST DAS DER KANNIBALE VON HOCHFELD?“ – Würde ich danach jemals wieder Vorlesungen über Kants Kategorischen Imperativ halten können? Iwo! Ich könnte nicht mal öffentlich „Königsberger Klopse“ sagen, ohne dass man mich mit schauderndem Misstrauen scheeläugig examinierte! Vor meinem Haus rottete sich der Mob zusammen und reckte Schilder in die Luft, auf den stünde: „Raus die Sau!“, „Unsere Kinder sind vor Kannibalen nicht sicher!“ und „Keine Gnade für Fleischesser!“

Den Rest meines Lebens müsste ich in einer Höhle im Stadtwald zubringen, getarnt mit einem Klebebart und einer künstlichen Glatze! So gefährlich sind niveaulose Lektüren und fahrlässige To-Do-Listen. Also, Nachbarn: Bedenkt, was ihr tut!

Das wahre Leben (ist nicht empfehlenswert)

18. September 2011

Wenn mir echt GAR nichts einfällt: Eigen-Nase in die Kamera

Huihh, puh, endlich! Darf nach öder Sommerpause wieder den Engel der Verwaisten, Bekloppten und Bescheuerten im Geddo spielen. Die Flaute bedrohte mich schon mit narzisstischer Störung! Aber jetzt ist alles gut, – d. h. also schlimmer denn je. Erstens ist der komplett wahnsinnige, aber beängstigend lebenstüchtige Rombach wieder da, der energetisch-meschuggene Querulanten-Prozess-Rentner mit „doppelt beiderseitig Lunge im End-Stadion“, der in Ägypten erwartungsgemäß seine Perle nicht wiederfand, sein Geld nicht mal ansatzweise wieder einspielte und ferner schwerstoperiert resp. lungenmäßig halbiert jetzt nur noch raucht, wenn er vorher eine Morphin-Tablette eingenommen hat. Immerhin ist er jetzt der braun gebrannteste Krebspatient, den ich kenne.

Ich durfte schon wieder eine kleine Übersetzung für ihn machen, aus dem Deutschen ins Internationale, und zwar einen Drohzettel an einen nigerianischen Dealer am HBF. Ich habs, glaub ich, ganz gut hingekriegt und auf Englisch heißt es ungefähr so: „Ey, Fucker! Don’t’cha sell any drugs further to A***, ’cause she’s observed by german drug police authorities! Otherwise I’ll smash your head on the wall and put the pieces of your shit head in your fucking asshole, you dirty motherfucker!“ Ich hoffe, ich habe Intention und Impetus stimmungsmäßig ziemlich original rübergebracht.

Rombach hat nämlich einen neuen Schützling, A*** (20), polytoxikomanische Junkie-Nutte, die ihn schon mehrfach ausgeraubt hat. Rombach ist wie ich: Er will einfach nicht lernen! Immer bloß Welt retten und gefallene Engel auf therapeutische Rosen betten. Wir beknackten Weltretter lieben so was. Einen Augenblick war ich versucht, ihm klar zu machen, dass es in unserer Stadt ca. 20.000 Drogen-Dealer gibt und er soviel Drohzettel gar nicht mal drucken kann, geschweige denn in schmutzige Hände drücken, aber ich hab’s dann gelassen. Die Lust, Menschen Illusionen zu nehmen, ist mir komplett vergangen. Wer bin ich denn.

Spät abends aber dann noch voll den Schutzengel gemacht. Schieb gerade mein Rad in den Hausflur und seh im aufflammenden Treppenlicht, wie eine ertappte Motte, Pitti (70), den frisch verwitweten und verzweifelten Ex-Hausbesorger durchs Treppenhaus geistern, die circa bummlig 28. Flasche Alt in der rechten, mir mit der linken Hand wattig zuwinkend, wie er, elegant in der Hüfte einknickend, mir Hopp! Hopp! Hoppfff! Rabumms! die Stufen entgegen stolpert, taumelt und rumpumpelt, auffm Arsch, um’s deutlich zu sagen. „Datt is, weil hier de Motten reinkommen“ begründet er seine momentane Stehschwäche etwas unmotiviert. – „Kenn ich, Pitti“, repliziere ich begütigend, „DIE Motten hatte ich auch schon mal!“ und rette ihm dann geistesgegenwärtig den Oberschenkelhals. War knapp. Jetzt sitzt er sicher unten im Hof, neben seiner Gattin in Form einer DM-Markt-Plastik-Totenkerze, trinkt Bier und saugt aus dem herbstlich warmen Abend den letzten Bodensatz abgrundtiefer Traurigkeit.

So, Geddo, was noch. Özgür steht im Schlafanzug in meiner Studierstube, rollt wild mit den Augen, sträubt den Schnauzbart und ringt die Hände. Mein Vorwurf, seine wahrscheinlich „scheiße verschweißten Rohre“ hätten meine Bude geflutet, kränkt ihn zutiefst in seiner anatolischen Ehre. „Ağabey“ (sprich: „Aaahbii!“) sagt er, die Hand auf dem schmerzenden Herzen, „vallah, isch schwör, das nich mein Wasser!“ Stimmt. Muss ihn rehabilitieren! Schuld war eine kaputte Heizung. Ich bescheinige hiermit anatolischen Schwarzarbeitern, die gewissenhaftesten Rohrverschweißer Europas zu sein, die ich nur wärmstens empfehlen kann.

Herr Ezme, vormaliger Kunstmaler aus Antalya, jetzt Multitasking-Hausmeister in Deutschland und praktizierender Alltagsphilosoph, schweigt weise, beäugt still den Wasserschaden, kratzt sich wie ein perfekter Bergmann am Kopf und sagt schließlich begütigend zu Özgür: „Na, weißt, Ağabey, bei DEIN Hottentottenhaus kann man ja auch nie wissen…

Im Park ist Ahmed unterwegs und will mir für 10 Euro einen iPod verticken. Sein Verkaufsargument: „Hab isch selbz geklaut“ zieht bei mir ja nun gar nicht. Ich hab nämlich schon einen iPod. „Aber, Bruder, Alder“, spricht Ahmed mit Emphase und legt die Hand aufs Herz, „wir sind hier im GEDDO! Für dich 5 Euro, Brrruder!“ Mein Herz bleibt kalt. „Mann, Alder“, flucht Ahmed, „ich brauch aber fünf Euro für Ganja!“, was mir dann einleuchtet.

Hömma!“ brüllt Anatol, der 50-jährige Altpunk durch den Hausflur. Ich erstarre, weil Sätze, die mit „Hömma!“ anfangen, dauern bei Anatol Stunden und enden in endlosen Jeremiaden darüber, dass man von Hartz4 nicht leben kann. Wovon ich leben muss, verschweige ich, ganz verarmter Adel mit Stock im Arsch, aufs Vornehmste. Wäre ja obszön irgendwie.

„Ich, ähm“, sag ich, „ich hab ma den Pitti im Hof geparkt. Schieb’tn scheiße schwarzen Blues wieder wegen Elly.“ Anatol nickt verständig und sinnig. „Kannze ma’n Auge drauf haben?“ Anatol nickt noch mal, gerade hinreichend beflissen. Okay, soll mir genügen. Ich geh mit, na, mit wem wohl? Mit meinem Gewissen ins Bett. Heißes Paar, wir beide. Wird wieder klasse Nacht.

Und? Oben in der Klause? Welche Musik jetzt zur Nacht? Tom Waits? Frankie Miller?  Tim Harding? Nee, wär alles Klischee. Bei mir muss es anti-zyklisch und kontrafaktisch klingen. Zu den heroisch-pathetischen, erz-verlogenen Klängen von Hanns Zimmers „Pirates of the Carribean“ stapfe ich ins Bett. Ich liebe das Stück. Es klingt, als könne man komplett neben der Spur sein und trotzdem ein Held: Damm-tatta-da-dam, dam-tatta-da! – Grandios, oder? Irgendwie?

Als Jesus mal gekommen ist (Kardinal Voll-Meise hat Schnappatmung)

16. September 2011

Meisner zeigt an: Ungefähr so weit kann man den Arsch offen haben (Bild: dapd)

Da ist man mal für einen Moment bei den Sanftmütigen und bespöttelt den Papst nur müd-milde-schmunzelnd, tatzelt sogar nebenher die linken Boykottierer ein wenig, aus Geschmacksgründen, und dann das: Kardinal Joachim „Gottes Pitbull“ Meisner ist wieder von der Kette und kriegt Schnappatmung. Oh, Herr. Was ist es denn nun diesmal? Furienkardinal Voll-Meise über die Papst-Boykottierer:

„Mich erinnert das manchmal daran, wenn Jesus gekommen ist und Besessene waren da. Da fingen die Geister, die die Menschen in Besitz genommen haben, an zu schreien: Was haben wir mit Dir zu schaffen! Und dann hat Jesus die Geister ausgetrieben.“ Die jüngsten Reaktionen erinnerten ihn an eine „rational nicht nachvollziehbare Anti-Papst-Besessenheit“, betonte der Kardinal.“ („DerWesten.de“)

Klar könnte man gelassen bleiben und sagen: Besser von Geistern besessen als von allen guten Geistern verlassen, aber bei manchen dieser Heuchelfressen ist mir nicht nach cool. Also wollen wir mal tief Luft holen und folgendes klarstellen:

Erstens. Das zutiefst mit dem Anti-Christ verschwägerte Höllenpack der Klerikalschranzen, heiligen Hooligans, papistischen Parasitenpriester, Erzkasper, Kardinalkakerlaken und letztgeölten Quatschsalbaderer soll mal schweinemäßig froh sein, dass ihr Jesus voraussichtlich nicht wiederkommt, weil wenn doch, dann brächte er den Zorn Gottes mit und würde der schleimheiligen Brut der pharisäischen Faselanten und hochfahrenden Monströsmonstranzen aber derart was in die schiefmäulige Giftvisage hauen, dass keine andere Backe zum Hinhalten mehr übrig bliebe.

Zweitens. Herr Dr. Ratzinger ist nicht Jesus. Nicht mal er behauptet das. Und wenn einer mit ihm nichts zu schaffen haben will, dann ist das dreimal verflucht seine Sache. Noch haben wir hier Religionsfreiheit, du kardinaler Karnevalsprinz! Und das beinhaltet die Freiheit, euer gesammeltes Gaga-Gesindel herzlichst zum Teufel zu wünschen sowie das Recht, nicht von euren frommen Geiferern mit komplett bestusster Moppelkotze beworfen zu werden! Ist ja widerlich!

Drittens. Mit Weihrauch aufgepumpte Transen-Schwellkörper und Wirrmichel-Hochwürden im goldbetressten Narrenhemd sollten mal nicht allzu dolle mit dem Begriff „rational nicht nachvollziehbar“ herumschäumen. Was an ihrer eigenen kraus-bizarren, byzanthinisch-blasphemischen, ruchlos ranzigen Rabulistik-Theologie „rational nachvollziehbar“ sein soll, steht ja dahin bzw. weiß der Himmel allein.

Viertens. „Mich erinnert das manchmal daran, wenn Jesus gekommen ist…“ – Meisner!!! Grammatik! Sinn!? –  Und dann noch solche Anzüglichkeiten! Was hattest du denn mit Jesus „zu schaffen“? Und wann? Als er noch ganz klein und süß-unschuldig war?

Mann, Mann, Mann.

Das Geddo erwacht (Aldisierung)

16. September 2011

Roma-Logistik, nachts am Brückenplatz

Leute fragen: Gibs denn eigentlich nichts Neues aussem Geddo? Jetzt, wo Ramadan, Ferien und Unser-Dorf-in-Türkei endlich vorbei sind? – Nö, nicht wirklich. Nachbar Özgür hat sein Haus in Eigenbau fertig „grunzsaniert“. Ergebnis: Bei mir läuft stickum Wasser in die Klause und lässt das Eichenparkett quellen. Toll. Muss gucken, was Hausratsversicherung auf türkisch heißt, sowie der Satz: „Ey Mann, kannze vielleicht verdammte Scheiße noch eins mal pronto deine super selbst geschweißten scheiß Rohre checken, Kollege? Nur so für Sicherheit?“

Yavuz, der kleine fette Prinz und Nachwuchspascha von gegenüber, ist noch dicker aus den Ferien gekommen. „Isch bin gezz gleisch Fußball!“ kräht er, und das kann auch ziemlich gut   hinkommen.

Bloß weil ich paar Minuten auf der Parkbank sitze und in der Sonne sinne, kommt gleich Ghana-Aki mit seiner neuen grün-gelb-roten Rastafari-Häkelwollmütze angetanzt und fragt: „Ey, Br’ruder, brauchsch Ganja?“ Er schi-pricht das: „Gannnnd’jschaáh“ aus. Gott, ja, voice of mozza Affrica. –  Ich lege höflich die Hand aufs Herz, nur versehentlich rechts, und sag: „Danke, Bruder, ich vertrag doch kein Ganja nich, leider… Weissu doch! Ain’t nuthin no good stuff for me… “ Er schiebt ab, schnief-schnuffelt aber noch, vorsichtshalber, falls ich doch Bulle bin, „hab sowieso nix bei“.

Was sonst noch: Hede Marciniak feiert heute Geburtstag, 50, 60, 65 – schwer zu sagen. Hede ist wurzeldeutsch-polnisch, hat nur Minimum Tassen im Schrank, und ist hässlich wie die Neumondnacht, dabei immer scharf auf Männer. Schlechte skills letztlich. Sie macht heute Tach der offenen Tür, beschallt die Hood den ganzen Tag mit Leierkasten- und Akkordeon-Walzern aus den 50ern und guckt alle drei Minuten, ob jemand zum Schwofen oder Gratulieren kommt. Schorschi, ihr Mann, hat Wasser in den Beinen und Altzheim im Kopf. Legt Puzzle, Schwarzwaldlandschaft, sei drei Jahren dasselbe. Demenzkompetenz. Kommt aus dem Polstersessel nicht mehr hoch: siamesische Schwellkörpersymbiose.

Robbi, der Ober-Alk, ist mit dem Hund raus und beim Süffel-Symposium am Brückenplatz hängen geblieben. Als ich vorbei radele, nimmt er Haltung an und salutiert zackig. „Hey!“ grölt er anschleimend, „Nachbar!“ Ja, leider, du Arsch. Weils noch ein warmer Abend ist, besteht die Chance, dass er seine Heike erst verprügelt, wenn ich schon schlafe. Sein krakeeltes Lieblingsmantra „Datt daaaf donnich waaaahr sein!“ hat schon manche meiner Nächte grundiert.

Unser frisch verwitweter Ex-Hausbesorger Pitti entwickelt einigermaßen mysteriöse Trauerrituale. Im Hinterhof hat er ein rotes Plastik-Totenlicht aus dem DM-Markt aufgestellt, was ja noch nachvollziehbar ist für gute Katholen, aber er hat auch ein frisch gebügeltes, schneeweißes Feinripp-Unterhemd daneben gehängt! Hemd ist wohl Privat-Mythologie, aber die Kerze zünd ich oft heimlich wieder an, wenn der Regen sie gelöscht hat. Auch als Atheist ist man ja nicht ohne Pietät.

Fortschreitet die optische Aldisierung des Viertels: An jeder Ecke Einkaufswagen vom Discounter. Ist Trick von Roma, wo haben keine Esel-Karren mehr: Discounter-Drahtwagen klauen, Schloss knacken, Euro rauspulen, Wagen nach Hause schieben, dann stehen lassen. Na ja, was geht’s mich an. Bin ja kein Discounter, dafür mein eigener Esel: Fahrradkurier in eigener Sache. Mein Fahrrad hab ich nämlich noch, weil die Roma nicht wissen, wie sie mein hundsteures Super-Fort-Knox-Mega-Security-Steel-Schloss aufkriegen sollen. Schätz, is Frage von Zeit.

Der versemmelte Sommer macht mich moll. Mir regnets ins Hirn. Wenn hier nicht bald Randale aufkommt im Geddo, diese Folklore, die man aus dem Fernseh kennt, wo immer (Spanien, Griechenland, Chile, Syrien, Italien etc.) junge vermummte Leute Steine gegen Wasserwerfer schmeißen, in immer gleicher Choreographie, dann weiß ich auch nicht.

Heute Suizid versucht, indem ich zwei Mongos von den Hells Angels, die nächtens auf ihren voll schwulen Harleys durchs Viertel bretterten und röhrten, hinterherbrüllte, aus vollem Herzen: „Ihr verfickten scheiß Breitreifenärsche, einmal Arsch lecken bitte!“ – Ich leb noch, weil sie’s nicht gehört haben. Mut ist halt auch immer eine Frage des kalkulierten Abstandes.

Also, wie gesagt, im Moment nichts Neues im Geddo. Gute Nacht, Nachbarn…

Habemus Besuch!

14. September 2011

Zaubrische Alltagsunterbrechung, mirakulös regenbogenhafte Unfassbarkeiten: Der Papst kommt!

Wir Deutsche, oder? Gebenedeit unter den Gebeutelten: Habemus Besuch! Obwohl ich vom Aszendenten her Einsiedlerkrebs bin, krieg ich zuweilen  ganz gern Besuch, weil mich das zwingt, endlich mal wieder die Stube zu fegen, den Abwasch zu machen und die Bettwäsche zu wechseln. Und jetzt gleich der Papst! Ich falte schon mal Servietten und setz Kaffeewasser auf. Ich mein, wir sind Papst, und wenn der jetzt kommt, heißt das ja praktisch was.

Und, ach, Jungvolk, kurz mal hergehört – Knigge für wenn Besuch kommt: Es wird bitte nicht herumgelärmt, unflätig geschrieen und höhnisch gepfiffen, nicht mit Kreide geworfen, mit dem Stuhl gekippelt und vor allem nicht gemobbt! Ruhe in der Klasse! Nur weil einer einen hohen spitzen Hut, grün schillernde Frauenkleider und jungfernweiße Spitzenunterröcke trägt sowie weinrote, saffianlederne Schnabelschuhe, muss er nicht unbedingt ein kompletter Narr sein, oder gar ein Mongo oder Spast, ihr Opfer! Und auch nicht schwul, verdammt!

Nee, im Ernst, ich freu mich wie Bolle. Ich bin ein passionierter Connaisseur und Aficionado der zaubrischen Alltagsunterbrechung, der funkelnden Mentalisten-Magie und, in frostig-grauen protestantischen Betonkirchen aufgezogen, ergötze mich heute gern an allerlei mirakulös regenbogenhaften Unfassbarkeiten. Da ist mir der Papst so recht wie früher der Circus Barnum mit seinen Menschen, Tieren, Sensationen sowie Madame Daisy, der Dame ohne Unterleib. Schönen Qualm wird es geben, opulenten Konfetti-Segen urbi, orbi und überall, und wir dürfen uns mit Fingerfarbe Herzchen und Kreuze auf die Backen salben.

Mittelschwer angenervt bin ich hingegen von diesen linken wichtigtuerischen Boykottierern. Was haben die denn für eine Kinderstube! Erstens, wenn man Erbtante Erna zum Kaffee einlädt, dann knallt man ihr nicht die Tür vor der Nase zu und kräht „Boykott! Boykott!“ – pampig, patzig und philiströs ist das! Weil, zweitens, ja, ihr Erregungsrüpel – der Papst ist katholisch! Und? Was soll er sonst sein? Schwarz, schwul, schwanger und Schwager von Westerwelle? „Du, ey, schwule Ehen sind so was von total okeeeh für mich“ – wenn er das sagt oder meint, wär er nicht Papst. Job weg, Pension futsch, Altersarmut. Also was soll diese kindische Protestiererei? Eine Messe ist eine Messe und nicht der St. Christopher’s Street Day, auch wenn es kleidungsmäßig in die gleiche Richtung geht. Vom Vorsitzenden eines Mittelaltervereins ein Bekenntnis zur Moderne zu verlangen ist, als wenn man zu den Klitschko-Brüdern sagte: Ich bin ja für Boxen, aber bloß ohne Hauen!

Noch ein bisschen Wissenswertes, das vielleicht so nicht bekannt ist. Erstens: Katholik ist man freiwillig. Wer das ganze für eitel Mummenschanz und Narretei hält, soll halt austreten – geköpft, gesteinigt, verbrannt oder gevierteilt wird deswegen ja keiner. Zweitens: Wer ständig religiöse Toleranz für stumpfsinnige islamische Eiferer einfordert und Liebesgrüße an Fidel Castro schickt, von dem darf man ja wohl ein Minimum an tolerantem Respekt auch gegenüber Christen erwarten, oder? Drittens: Papst Benedix ist im Gegensatz zu der polnischen Kartoffel, die vor ihm den Heiligen Stuhl besetzt hielt, ein ganz kluger Mann, ein bisschen wunderlich zwar, aber kein Erzschelm und er greift auch nicht nach der Weltherrschaft; außerdem ist er Philosophieprofessor, achtfacher Ehrendoktor und, was mich besonders freut, sogar Träger des Karl-Valentin-Ordens! Gerade als solcher ist er mir herzl. Willkommen, der alte Herr Papst. Er würde mich gütigst verstehen, wenn ich aus Valentins Opus „Orchesterprobe“ zitiere: „Sie hams halt oane andre Weltanschaunung!“

 

Eigentlich kein Text (9/11)

11. September 2011

Momentan weiß ich nicht, wer die Rechte an diesem Foto hat. Ich werde es rausfinden. Jedenfalls bin ich solidarisch...

Texte, die mit „eigentlich“ anfangen, grooven nicht. „Eigentlich“ ist ein weinerliches Wort und leitet keine hook line ein. Eigentlich. Eigentlich wollte ich etwas über 9/11 schreiben; dass ich den islamo-faschistischen Massenmord damals persönlich genommen habe und dies noch heute tue; dass es meine Leute waren, die starben; dass meine Art, zu leben, meine Kultur und meine Werte angegriffen wurden. Ich wollte meine Verachtung für Antiamerikanismus, Antisemitismus und Anti-Zionismus zum Ausdruck bringen, Verschwörungstheoretiker verspotten und die ebenso verlogenen wie windelweich-ideologischen Islam-Versteher, Dialog-Phantasten und Totalitarismus-Verharmloser wortgewaltig niederpolemisieren. Ich wollte, kurz gesagt, mit einem einzigen Kurztext die Zahl meiner facebook-Freunde halbieren, dito die Zahl meiner LeserInnen.  Heroisch wollte ich mir den gelben Stern des bekennenden Israel-Verteidigers anheften und mich als beinharter USA-Fan outen. Gegebenenfalls hätte ich noch erwähnt, dass „mein“ Amerika das von Dylan, Bukowski, Joplin, Hendrix, James Ellroy, Buddy Guy und Robert Crumb ist, das Amerika von Tom Waits, Captain Beefhart, Woody Allen und Tarantino, weniger das von Georg W. Bush, Donald Rumsfeld und Dick Cheney. Obwohl das ja wohl klar ist.

Ich erwog, von meinen Freunden in Chicago, Illinois, zu erzählen, die meine „linken“ anti-amerikanischen Vorurteile einst in wenigen Wochen in Luft auflösten; am Ende hätte ich Persönliches ausgeplaudert, dass ich nämlich, wiewohl nicht ungern Deutscher, eigentlich lieber Amerikaner wäre; noch lieber vielleicht Israeli, aber dafür wäre ich vermutlich zu feige.

Eigentlich wollte ich sogar noch philosophisch werden und erklären, dass es keine Situation ohne Macht gibt: Wer nicht für die Macht des Westens ist, hält es halt mit einer anderen Macht. „Keine Macht“ gibt es nicht, auch wenn grün-linke Ideologen solche Idylle nicht müde werden, zu beschwören. Möglicherweise wäre ich sogar so weit gegangen, öffentlich zu machen, dass ich für die weltweite Dominanz der Ideale der Aufklärung bin, und zwar militant, auch wenn Militanz bei einem adipösen, osteoporotischen alten Sack wie mir natürlich der Komik nicht entbehrt. Kurzum, eigentlich wollte ich mich erklären.

Aber dann walzte die ungeheure graue Staubwolke des Geschwätzes heran, in Leitartikeln, Kommentaren, Talkshows, Sondersendungen und Blogs und schlug über mir zusammen. Die großen 24 Stunden der Selbstgerechten, der Besser- und Bescheidwisser, der Klugscheißer, der Leute, die den Juden den Holocaust nicht verzeihen können und den USA nicht, dass sie uns vom Faschismus befreit und wieder aufgepäppelt haben. Diese Wolke hat mir den Atem genommen, den Mut und Lust, die Dinge gerade zu rücken. Die Einsicht von Karl Kraus, dass manche Äußerungen so dumm sind, dass noch nicht mal ihr Gegenteil wahr ist, hat mir die Kraft geraubt und den Glauben ans Wort.

Eigentlich sollte ich mich auf meine Rolle als unerheblicher, melancholisch-romantischer und impressionistischer Idylliker beschränken und das Politisieren lassen. Zum Politischen tauge ich echt nicht, weil ich die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Welt zu gut kenne; das Schweigen erlaubt mir wenigstens, mit vollem Bewusstsein naiv zu bleiben: Obwohl ich die Bilder vom Einschlag der Flugzeuge ungefähr tausendmal gesehen habe, krampft sich mir immer noch das Herz zusammen. Ich habe anscheinend ein empfindsames Herz, zugegeben, aber darin haben nicht alle Platz. Mein Mitgefühl für Taliban, die Mädchen die Nase abschneiden, „Ehebrecher“ auspeitschen und Vernunftanhänger steinigen, hält sich in äußerst engen Grenzen. Klar, die Politik von Bush, Rumsfeld, Sharon oder Netanjahu ist möglicherweise nicht klug, nicht weise, nur, wer bin ich, darüber zu urteilen?

Im Fernsehen werden klippgeschulte Hobby-Flieger-Idioten wie Roger Willemsen oder Elke Heydenreich (!!?) darüber interviewt, warum die Amerikaner alles falsch gemacht haben und die jüdische Geld-Verschwörung an allem die Schuld trägt. Jeder halbgebildete Skribent oder ambitionierte Ingenieur* (ups! Damit meinte ich die gerade im TY verfolgten Sprengmeister, die behaupten, es sei gar kein Flugzeug ins Pentagon geflogen – nicht indessen befreundete Ingenieure!) glaubt, er wüsste es besser als „die Amerikaner“, „die Juden“,  „die Imperialisten“ oder, horribilie dictu, „das System“. Nach meinem Eindruck wird viel dummes Zeug publiziert, selten aber dümmeres als das über „9/11“. Sollte man sich an diesem Geschwätz beteiligen?

Eigentlich nicht. Deswegen schreibe ich nichts über 9/11. Ich bin traurig.

Esstischnippes. Aufsatz über das Marx-Haus

7. September 2011

Keine Ode an den Pfirsichmond: Eingangstür zum Karl-Marx-Haus in Trier

Lange Zeit bin ich in die Irre gefahren, von allzu schüchternen Schildchen missleitet. Dabei hätte ich bloß den Chinesen folgen müssen. Der Chineser findet sich ja überall zurecht. Schwarmintelligenz halt. Ihm wird es freundlicher Weise in seiner Landessprache untersagt, Eis zu lutschen oder Zigarettchen zu rauchen. Darüber lächelt er großzügig. Das aus der Heimat vertraute Auf-den-Boden-Spucken unterlässt er unaufgefordert. Ich kannte einmal eine blonde Bonnerin, die sich „Rauchen verboten“ in chinesischen Schriftzeichen auf den Nacken tätowieren ließ, in der verzeihlichen Meinung, es handele sich um ein romantisches Gedicht an den zarten Pfirsichmond.

Den zierlichen Fern-Ossis nachspürend fand ich es jedenfalls schließlich: das Karl-Marx-Haus in Trier.

Es heißt so, weil darinnen Karl Marx geboren wurde. Marx war also eine Hausgeburt. Das wusste ich gar nicht. Aber wahrscheinlich ist das der Lauf der Geschichte: Jesus war ja noch Stallgeburt, ich hingegen schon ein Entbindungsheimkind. Im Entbindungsheim, das hieß wirklich so, bin ich wahrscheinlich vertauscht worden. Ich bin Generation Tauschkind! Kinder wurden damals in rauen Mengen verwechselt, vertauscht oder gebraucht verkauft, weswegen große Unzufriedenheit mit denen herrschte, die sich dann als unsere Eltern ausgaben. Man nannte uns deshalb summarisch „die Kinder von Marx und Coca Cola“. 

Eine besondere Aura hat das Marx-Haus eigentlich nicht. Weil die SPD es gekauft hat? Auch, sicher, vor allem aber, weil der kleine Kerl Karl hier nur als bettlägriger Säugling tätig wurde. Bevor er laufen konnte, zog man schon weg. Anders als in der Berggasse in Wien, wo der spießige Mief von Sigmund Freuds psychoanalytischen Quacksalberkuren noch immer irgendwie in den Möbeln hängt und Atmosphäre verbreitet, spürt man hier keinerlei marxistischen Brausewind, sondern nur den stickigen Mulm der sozialbürokratischen Partei. An einer Wand hängen „Intellektuelle“, die „vom Marxismus beeinflusst“ waren. Gut, dass man mich nicht auch da hingehängt hat!

Ich habe am Ausgang noch den Gipskopf von Marx in klein gekauft, weil ich so etwas nämlich passioniert sammele. In Weimar erstand ich einst sogar Goethe und Schiller als Salzstreuer. So etwas dient mir zur Mahnung, mich jeder Ruhmsucht zu enthalten. Nachruhm in Form idiotischen Esstischnippes kann mir ganz gut gestohlen bleiben. Auch wäre mir die Vorstellung unangenehm, dass täglich hundert rauchende Chinesen Eis schlürfend durch den Schuhkarton stoffeln, in dem ich einst verzweifelt versuchte aufzuwachsen, nur um sich dann grinsend vor meinem in Mandarin-Schrift erläuterten Gitterbettchen photographieren zu lassen.

Unter Moselmanen

6. September 2011

"Wir nehmen mal die Nr. 2" – Auf dem Seniorenweg

Reise-Notiz. An der Mittelmosel. Es ist ordentlich schön gewesen. – Erste Erkenntnis: Die Mosel gibt es wirklich! Als Kind hab ich immer gedacht, das sei ein Code-Ausdruck meiner Eltern für sauren Wein und familiäre Krisen. Fünkchen Wahrheit dabei: Mosel ist komplett jugendfreie Zone. Wer hier unter 60 ist, gehört zum Service-Personal (vgl. Saaltöchter in der Straußwirtschaft – optisch oft entzückend, kognitives Begreiftempo aber zum Verzweifeln retardiert). Der Rest: Zähe Sportrentner.

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Merkwürdiger Zeitknoten: Ich sehe Leute, die fünf Jahre älter sind als ich, und denke: Die sind ja wie meine Großeltern! – Rotwangige Greise, krachlederne Greisinnen:  Topfit, aber weitgehend gemütserloschen. Wenn Ehepaare jenseits der Goldenen Hochzeit stur nebeneinander (!) sitzen und dich wortlos parallel anstarren, fühlst du dich wie im Inneren des Fernsehers. Aquariumsstimmung. Mache Karpfengesicht.

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Zweite Einsicht also: Mittelmosel ist Deutschlands Florida. Rentnerparadies. Silberhaariges memento mori in allen Gassen. – Haben uns aber nun mal im Mittelalter eingemietet. Werden schon früh morgens besichtigt. (Seufzend-resignativer O-Ton Opa zur diamantenen Gattin, bei uns um die Ecke biegend: „Ächz, hach, gugg, ooch wieder Fachwerk!“)Ansonsten oft Sprachlosigkeit zwischen den Generationen: Ich zur hübsch blond pferdegeschwänzten Saaltochter: „Ich würde gern bezahlen!“ Moselmädchen guckt wie Auto, grübelt stumm, sinnt, verschwimmt mimisch im Ungefähren, fragt dann aber irgendwann nach bangen Minuten: „Zahlen?“ Ja, das dann auch.

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Die Mosel. Die Mosel ist, was man ihr zunächst gar nicht ansieht, ein Nebenfluss. Wer bestimmt das eigentlich? Egal, sie kurvt halsbrecherisch haarnadelhaft in scharfen Kurven durch eine weintrunkene, dementsprechend auch sonnengetränkte Landschaft. Die Mosel eignet sich, um an ihrem Ufer besinnlich Fahrrad zu fahren. Wer dabei ständig „ooh!“ und „aah!“ ruft, ist für den Reiz traulicher Landschaft empfänglich, läuft aber Gefahr, kleine, zumeist indes einigermaßen ungefährliche Insekten in den Mundraum zu atmen. Besser man radelt schweigend, verkniffenen Greisenmundes. – Die Jahreszeiten wirken italienisch-französisch und heißen Frühling, Sommerhitze, Riesling, Flaute. Der Wein ist in der Moderne angekommen, also nicht mehr sauer, sondern sturztrocken. Mit mineralischen Noten. – Aber zurück zur Mosel. Die Moselmanen sind meistens Ossis. Das nervt oft. Ausnahme: Thüringer. Bus-Rentner aus Thüringen werden zu ihrem Leidwesen oft mit Sachsen verwechselt, rezitieren jedoch im volltrunkenen Zustand (Thürieslinger) noch immer und offenbar gerne fehlerfrei Goethe. Bei Sachsen wird das nur selten beobachtet.

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 Die Gattin gesteht ungefragt, bevor wir nun moseln waren, hätte sie mir beim Scrabbeln das Wort „Wein-Café“ nicht durchgehen lassen.

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Theoretisch könnte ich übrigens von Wein leben, aber die Chefin findet, es ist besser, man isst auch etwas dazu. Höhepunkt mosellanischer Kulinarik: Bratkartoffeln. Man bestelle unbedingt Bratkartoffeln! Das kriegt man sonst nirgendwo! Wahlweise mit Weinsülze, Blut- oder Leberwoarscht. Rustikal, grundehrlich, mit ausreichend Speck für Monate. – Fleisch wird übrigens grundsätzlich durchgebraten. O-Ton Wirt zu mir: „Schmeckts? Alles in Ordnung?“ Ich weise wehleidig aufs Lammfilet und nörgele leise: „Ist aber total durch, da! Schon ganz grau!“ Wirt inspiziert bedächtig das inkriminierte Bratgut. Kommt nach einer halben Stunde wieder: „Hab den Koch gefragt. Das geht in Ordnung. Die meisten Gäste wollen das so.“ Verständnisvoll blecke ich die Dritten Zähne.

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Sitzen auf der Gasthof-Terrasse und essen durchgebratenes Fleisch zum Liter Riesling. Am Nebentisch zückt einer, der aussieht wie Heini Himmler mit Hundert, eine porno-mässig monströse Zigarre, entzündet dieselbe, zutzelt obszön daran herum und verstinkt den gesamten germanischen Lebensraum. „Zigarrennazi“ zische ich hasserfüllt und durchbohre denselben mit tötenden Blicken. Den untoten Luftpest-Krieger ficht das nicht an. „Gott!“ rufe ich laut, „wo leben wir denn!“ Die Gattin mahnt – typisch! wie immer! – zur Mäßigung, findet den Ausdruck „Zigarrennazi“ aber leise schmunzelnd angemessen.

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Bizarr: In Restaurant ein dreigängiges Menü (Blutwurst, Leberwurst, Sülze, mit na? Bratkartoffeln!), bei dem im Preis ausdrücklich die Vorführung eines zittrigen Schwarzweißfilmes inbegriffen ist, der die Geschichte des mittel-mosellanischen Weinanbaus in den 1930ern zeigt. Wir verzichten und ordern stattdessen Rieslingbrand, so alt wie der Film, aber ästhetisch befriedigender. Wenn man die Nazis schon kennt, sollte man für den Schnaps optieren. Der Nachgeschmack ist angenehmer. Statt zu fragen, ob der alte Himmler-Michel noch lebt, erkundigen wir uns nach der Adresse des Brenners. Auch dies eine kluge Entscheidung.

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Wenn man bei einem bäuerlichen Trester-Brenner morgens am Montag für eine lächerlich geringe Summe einen jahrzehntealten köstlichen Marc de Riesling ersteht, sollte man sich nicht schämen: Im Preis einbegriffen ist eine mehrstündige herzliche Unterhaltung über Zollbehörden, Schwarzbrennerei, das Wetter, lebensphilosophische Fragen und allerhand Technisches zur Schnapsherstellung. Am Ende geht das preislich in Ordnung.

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 Das finale Purgatorium ist nebenbei nicht die Mosel, sondern der Harz. Er steht noch bevor.