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Penibilitätsprinzen und Inkompetenzkompensationskompetenz

7. Februar 2013
CarlSpitzwegGnomEisenbahnbetrachtend

Carl Spitzweg: Zwerg, den Fortschritt der Wissenschaft begutachtend

Ein Nachteil der weltumspannenden elektronisch-digitalen Müllaufbereitungsanlage, die sich “die Medien“ nennt, besteht in der atemberaubenden und sinnenbetörenden Geschwindigkeit, mit der sich auch noch das ätzendste Geschwätz verbreitet. Der sprichwörtliche Sack Reis ist noch gar nicht umgefallen, da plustern sich schon landesweit die Hühner und rucken vor Erregung mit den Köpfchen und picken wie aufgezogen ins Leere, wirbeln Staub und Kot auf und gackern, dass es in den Ohren gellt. – So harsch urteile ich unter anderem aus purem Neid, denn ich selbst bin analog, langsam und träge, und bis ich mir etwas gebildet habe, was wenigstens ansatzweise einer Meinung ähnelt, womöglich sogar einer eigenen, bebrütet das federführende Federvieh längst andere Themen und ich habe allenfalls das Nachsehen. Aber trotzdem!

Ausgerechnet die Journaille, die Tag für Tag nichts anderes tut, als geistlos und stumpfsinnig voneinander ultrageläufige Phrasen abzuschreiben oder nachzubeten, kaut jetzt wieder die Plagiatsgeschichte durch, das Heuchelschmalzbrot dick mit Schadenfreude gesalzen. Es rührt und schüttelt mich, zu erfahren, wie viele kompetente Menschen sich Sorgen um die Reputation der deutschen Geisteswissenschaften machen! Und das alles zu Ehren einer weitgehend verkommenen, hirnlosen Bürokratie verbeamteter Pedantenseelen und Gänsefüßchenzähler, die in ihrer gesamten Universitätskarriere noch nicht einen einzigen eigenen Gedanken zu fassen vermochten und demzufolge „korrekte Zitierweise“ für das Nonplusultra ihrer „Wissenschaftlichkeit“ halten! Die Standards! Ha!

Ich habe Annette Schavans Werk „Person und Gewissen“ nicht gelesen, zum einen, weil es mich nur mäßig fesselt, was eine knapp 25-jährige, kinderlose katholische Studentin ohne Hochschulabschluss zu moralphilosophischen Monumentalfragen der pädagogischen Gewissensbildung so denkt, zum anderen, weil dieses Opus in der Fachwelt kaum für Furore gesorgt hat, obwohl es hierzu 33 Jahre Zeit hatte. Womit ich zum Punkt komme: Mir altem Immoralisten ist es aufs Rücksichtsloseste und skandalös Wurstigste vollkommen und totaliter gleichgültig, ob Frau Schavan irgendwelche Zitate verschusselt oder Fußnoten vergessen hat – dies für wichtig zu halten mag unter erzdeutschen Bügelfaltern und Krawattenstutzern für intellektuell gelten – , sondern, obacht! ob sich in ihrem Elaborat anregende, interessante, nicht-langweilige, vielleicht sogar neue Gedanken tummeln oder verbergen oder was solche Gedanken sonst tun, wenn man ihnen freien Auslauf gewährt. Michel Foucault, ein Heros der französischen Postmoderne, hat mal einen üppigen und einigermaßen bahnbrechenden Aufsatz geschrieben, der zu ca. 80% ungekennzeichnete (!) Nietzsche-Zitate collagiert. Dieser Text hat die Geschichtswissenschaft revolutioniert. Noch nicht mal mehrfach sitzengebliebene Schulkinder kämen indes in Frankreich auf die Idee, dem Starphilosophen deshalb „betrügerische Absicht“ zu unterstellen.

Womit wir beim nächsten Merkpunkt ankommen: Nach ca. 50 Jahren Postmoderne sollte sich eigentlich beim letzten Dorfdeppen die Einsicht eingenistet haben, dass wir immer, immer zitieren. Niemand denkt als Originalgenie im Vakuum zwischen den eigenen tauben Ohren. Alles, was wir wissen, haben wir gelesen (oder, na ja, im Fernseh gesehen); alles, was wir denken, wurde so oder geringfügig anders schon einmal gedacht. Sowenig wir, um Strümpfe oder Nachtmützen zu stricken, hierzu Wolle verwenden, die auf dem eigenen Kopf gewachsen ist, so sehr sind wir auf bereits Gedachtes, Gesagtes und Geschriebenes angewiesen, an das wir anknüpfen. Wir collagieren, arrangieren, zitieren und re-zitieren, prinzipiell und unausweichlich. Die Frage ist, ob wir das auf eine inspirierende, innovative und originelle Weise tun. Eine weitere (bislang meines Wissens nie gestellte) Frage ist, ob  Frau Schavan das geschafft hat. Und noch eine abschließende Frage wäre, ob ihre damaligen Pädagogikprofessoren, die allesamt aus Johannes Raus upgegradeten Bildungsvolksturm der sozialdemokratischen 70er Jahre stammten, eine originelle Arbeit überhaupt erkennen würden, wenn sie die ernsthaft läsen, wozu diese universitären Karnevalsprinzen freilich selten die Zeit haben.

Ich habe mal eine Abiturientin betreut, die mir schluchzend ihr Aufsatzheft vorzeigte. Ihr ganz gescheiter Text (ich hatte ein bisschen mitgearbeitet) war förmlich blutübertrömt vor lauter kritischer Pädagoginnentinte. Jedesmal, wenn mein Schützling auch nur den Hauch eines halben eigenen Gedankens geäußert hatte, sah sich die Lehrerin bemüßigt, anklagend Beleg??? an den Rand zu schreiben, und zwar ungefähr 241 Mal. „Das vorliegende Werk ist ein Roman“ – „Beleg???“  Gut möglich, dass die betrreffende Lehrerin in Düsseldorf studiert hat.

Ich komme zum Schluss. Preisausschreiben! Wer kann mir schlüssig und plausibel erklären, was an Pädagogik „wissenschaftlich“ ist? In Pädagogik „promovieren“ kann jeder Gemeinplatzwart und Verfasser von Bauernkalendern. Was solls also? Wäre Pädagogik eine Wissenschaft, hätten wir doch brave, kluge, fleißge Kinder! –  Unter den Einsendungen verlose ich einen Text von mir, der nicht von mir ist. [Pädagogikprofessoren sind von der Teilnahme ausgeschlossen.]

 

PS: Dieser Text enthält keinen eigenen Gedanken. Jeder Satz wurde so oder ähnlich schon einmal geäußert, u. a. von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich „Fritz“ Schlegel, Friedrich Nietzsche, Karl Kraus, Odo Marquardt, Roland Barthes, Jacques Derrida und, hm, wie sagt, von Michel Foucault, sowie von meiner Kneipenbekanntschaft Klaus, dem Nörgelrentner Wolfgang Rombach und meiner Mutter.

 

Gez. Mag. Kraska

 

Zug um Zug: Umzug (Hegel und das Tao 2.0)

3. Juli 2012

Home, sweet home…

Unter den philosophischen Großzauseln des 19. Jahrhunderts steht mir Hegel eigentlich am fernsten; gar zu monströs und abwegig erschien mir immer sein monumentales Weltgeistgebastel, trotz allem Respekt, – den ich aber freilich auch Menschen entgegenbringe, die in lebenslanger Hobby-Fron im Keller den Kölner Dom maßstabgerecht aus Streichhölzern zusammenleimen: eine grandiose Leistung, das ja, das schon, aber doch letzten Endes von geringem Nutzen für die Menschheit. – Was mir den schwäbischen Starkbierdenker trotz seiner bierernsten Humorlosigkeit dennoch ein wenig liebenswert macht, ist seine zutrauliche und freimütige, aber doch dezidierte Ablehnung der Alpen.

Der Anti-Romantiker fand sinn- und vernunftlos aufgehäufte Gebirge schlichtweg banal; bei einem Ausflug in die Berner Alpen notierte er vorbildlich herzenskühl: „Die Vernunft findet in dem Gedanken der Dauer dieser Berge oder in der Art der Erhabenheit, die man ihnen zuschreibt, nichts, das ihr imponiert, das ihr Staunen oder Bewunderung  abnötigte. Der Anblick dieser ewig toten Massen gab mir nichts als die Vorstellung: es ist so.“ Das nenne ich mal konsequent und furchtlos gegen den Mainstream gedacht! Heilige Indolenz der Vernunft!

An den anti-alpinen Panlogisten  musste ich gerade denken, weil ich derzeit ohne Orientierung und nennenswerten Mundvorrat durch die Schluchten des Kartongebirges klabautere. König Ohneland muss nämlich sein Weltreich, in dem die Schreibtischsonne nicht untergeht, in eine ALDI-Tüte packen, bzw. in die Tüte kommen natürlich nur die Wertsachen, aberhunderte von Umzugskisten aber wollen mit Büchern befüllt werden. (Für unsere Kleinen: sog. „Bücher“ waren einstmals archaische, Gemütlichkeit und Wohnlichkeit stimulierende, Gelehrsamkeit simulierende, aber durchaus auch sperrige und in der Masse bleischwere Speichermedien aus der Goethe-Zeit; „Goethe“ indes nannte man so eine Art Sprachspielprogrammierer aus der Weimarer Puppenkiste; „Weimar“ wiederum ist … ach, ich hab keine Lust, das jetzt alles zu erklären, Mann!) Jedenfalls: totales Buddelschiff-Rätsel-Syndrom – ich frage mich, wie ich den ganzen Kram eigentlich je in mein winzig-karges Wohnbüro-Kloster bekommen und darin beherbergt habe, ohne selbst vor der Tür bleiben zu müssen.

Mein großes Tao-Buch, das wie immer nur allzu Recht hat, empfiehlt Männern meines fortgeschrittenen Alters, allen Besitz bis auf einen Wanderstab und eine Reisschale fort zu geben und in die Berge zu ziehen. Solche guten Ratschläge wurden allerdings zu einer Zeit ertüftelt, als man alles Wissenswerte noch mühelos im Kopf behalten konnte. Natürlich könnte der Wandermönch heute nebst Stab und Schale noch ein Notebook mitnehmen und den ganzen großen Lebensschamott in einer cloud parken – Tao 2.0, sozusagen. Aber dazu bin ich zu old school, und Berge, fällt mir grad ein, sind eh nichts für mich, da bin ich dann doch Hegelianer.

Außerdem stecke ich bis zum Hals in Wirklichkeit, in der Hegels Weltgeist-Dialektik gar nicht vorkommt; dafür Scheuerleisten-Probleme, Beleuchtungsangelegenheiten und diffizile Logistik-Wirrnisse. Dinge, die ich nicht studiert habe! Wirklichkeit ist wie alpine Gesteinsmassen: vernunftlos, blickdicht und doof positivistisch: „Es ist so…“, das ist noch das beste, was über sie zu sagen ist, freilich mit dem Zusatz: „…kann aber so nicht bleiben“.

 

Bin ich „Der Kannibale von Hochfeld“? (Schlechte Bücher)

18. September 2011

Dass zu viel schlechte Lektüre ins Verderben führt, ist heute selbst bei Extrem-Alarmisten ein nur noch selten gehörter Warnruf. Längst stehen Killer-Spiele, Ego-Shooter und überhaupt dieses ganze Internetz aus Porno und Gewalt im Fokus des Verdachtes. Doch vielleicht zu unrecht! Lesen kann noch immer Schäden verursachen! Der Beweis in Bild und Schrift: Es kam so. Heute war so ein mies-kühler Herbsttag, diverser Lebensunbill hatte mich klamm ums Herz werden lassen und ich hatte so Fröstel-Blues, und da dachte ich: Legst Du mal Kant und Hegel beiseite und gönnst dir, schön muggelich im Hausmantel in den Sessel gekuschelt, Kanne Kaffee dabei, einen richtig schönen Serienkiller-Kannibalen-Splatter-Roman. „Blut und Knochen“ von Stuart MacBride schien mir das genau Richtige für einen besinnlichen Sonntag: Jede Menge Sadismus, kannibalischer Horror und Blut bis über die Kachelgrenze – danach würde es mir vielleicht besser gehen.

Während ich mich der blutigen Lektüre hingab, machte ich nebenher immer mal wieder Notizen auf meiner To-Do-Liste für später, wenn ich die Gattin zu Szegediner Gulasch und Münsteraner „Tatort“ besuchen würde. Spät abends heimgekehrt fiel mein Blick auf die liegengebliebene Liste –  und mir gefror das Blut in den Adern. Da stand tatsächlich: „Nicht vergessen: Einmalhandschuhe – Tupperdosen – Reinigung! – Versicherung prüfen!“ Purer Zufall, ich schwör! Und ich kann alles erklären!

Aber nur mal angenommen, gerade wäre per tragischem Zufall meine Nachbarin zerstückelt aufgefunden worden und man entdeckte nun bei einer Hausdurchsuchung diesen Zettel bei mir! Würfe dies nicht ein verdammt schiefes Licht auf mich? Zwar würde die Gattin bestätigen können, die Tupperdosen seien für frischen Apfelkuchen bestimmt gewesen und die Handschuhe ihr schon lange zum Putzen versprochen worden, ferner hätte ich geäußert, die Kosten meiner Krankenversicherung fräßen mich auf und ich müsste mal die Tarife klären und außerdem mein Sakko in die Reinigung bringen  – aber reichte das zur Entlastung? Bloß gut, dass nicht auch noch „Kettensäge“, „Schaufel“ und „Parkanlagen googeln!“ auf meinem Zettel standen – ich hätte mir ja selbst nicht mehr über den Weg getraut!

Paranoia schärft den Blick: Bloß nichts Schriftliches hinterlassen! Geriete ich in den Blick der „in alle Richtungen ermittelnden“ Kripo, würde man bestimmt auch die Reste unseres Gulasch in die forensische Pathologie bringen und dort hochnotpeinlich überprüfen. Und? Man fände Bröckchen von einer blöden Kuh und einem fiesen Schwein! In Chili-Sauerkraut! Iigitt! Ich seh mich schon in der BILD-Zeitung, einen nur äußerst knapp bemessenen schwarzen Balken vor den Schamteilen meines Gesichts, darunter die Schlagzeile: „IST DAS DER KANNIBALE VON HOCHFELD?“ – Würde ich danach jemals wieder Vorlesungen über Kants Kategorischen Imperativ halten können? Iwo! Ich könnte nicht mal öffentlich „Königsberger Klopse“ sagen, ohne dass man mich mit schauderndem Misstrauen scheeläugig examinierte! Vor meinem Haus rottete sich der Mob zusammen und reckte Schilder in die Luft, auf den stünde: „Raus die Sau!“, „Unsere Kinder sind vor Kannibalen nicht sicher!“ und „Keine Gnade für Fleischesser!“

Den Rest meines Lebens müsste ich in einer Höhle im Stadtwald zubringen, getarnt mit einem Klebebart und einer künstlichen Glatze! So gefährlich sind niveaulose Lektüren und fahrlässige To-Do-Listen. Also, Nachbarn: Bedenkt, was ihr tut!

Moment verpennt

13. Juni 2011

 

Mozart mit Kopfhörer (Gemälde von Anna Maria Dusl für "Falter")

Immer wieder gern gehört wird das Stück „4’33“ von John Cage, eine dreisätzige Komposition, bei der alle Instrumente schweigen („tacet“). Das Stück gibt es für Klavier, Kammer- sowie Sinfonieorchester. Ich bevorzuge die machtvoll schweigende („tutti“!) Londoner Orchesterfassung, die ich oft auflege und so laut drehe, dass sie eigentlich alles andere übertönen müsste. Leider funktioniert es nicht – die Straße will einfach nicht, wenn ich das mal so lautstark ausdrücken darf, ihre Fresse halten! Ich beklagte dies schon öfter, in letzter Zeit nicht nur aus rentnerhafter Ruhebedürftigkeit, sondern auch aus richtig gewichtigen Gründen: Ich soll nämlich Texte von mir einsprechen und hab dafür eigens ein teures Profi-Mikrophon-Headset von Sennheiser auf den Kopf geschraubt bekommen. Wenn ich aber meine elaborierten Klügeleien (von Augustinus bis Zoroaster!) später abhöre, klingt es immer, als hätte ich Kiplings Dschungelbuch vertont, sofern man als Dschungel akzeptiert, dass dort türkisch gebellt, Arabesk-Musik oder Gangsta-Rap gespielt und die Rolle kreischender Papageienschwärme von dauerfußballernden Kindern übernommen wird.

Ich meine, wer will schon erklärt bekommen, warum Hegel meinte, das Wirkliche sei das Vernünftige, wenn dann auf der Soundspur ewig das doofe Geddo lärmt? Die Straße ist zwar nie vernünftig, aber immer verdammt wirklich! Man stelle sich vor: Die zart-filigrane Abstraktionsarchitektur von Immanuel Kants „Kritik der“ leisen, quatsch, „reinen Vernunft“, und dann brüllt ständig einer dazwischen: „Du blöde Votze, ich hau dich zu Brei, du Nutte! Ich frag zum letzten Mal: Wo ist das Geld“? Das ist doch weder pädagogisch noch didaktisch als wertvoll einzustufen, Wirklichkeit hin oder her. – „Kinder, so kann ich nicht arbeiten!!!“

Aber jetzt, heute, Pfinxen, Montag. Ich erwache verkatert (hatte Pfinxen mal wieder mit Vatertag verwechselt, passiert mir jedes Jahr) um 6.00 Uhr morgens in meinem Schlaf-Büro und: ……….. es herrscht himmlische, ja göttliche Stille! Mein Hirn spielt alarmierende Musik ein (Eminem: „…the mike is yours and you’ve got only ONE SHOT, ONE OPPORTUNITY“!) und empfiehlt senile Bettflucht. Jetzt oder nie! Ran an den Schreibtisch, Hörbücher produziert, garantiert ohne Nebengeräusche! Negergeräusche? Nein, nein, Nebengeräusche. Natürlich bin ich es gewohnt, spontane Impulse noch mal reflektierend zu überdenken. Als ich zehn Minten später damit fertig bin, ist es 9.30 Uhr. Auf dem Hörbuch-Track nur weißes Rauschen, untermalt mit John Cage. Immerhin. Es war einfach zu ruhig zum Arbeiten.

post modern blues

30. Dezember 2009

The Raven: Prof. Laurie Gane

Haah! Yeaah! Aah, Aaaaah! – oh, sorry. Jetzt seid ihr unbeabsichtigt Ohrenzeuge eine Quasi-Orgasmus geworden. Quasi, weil nicht wegen Sex, sondern musikhalber. Kennt ihr das, daß ihr ein halbes Leben lang nach einer gottverdammt obskuren, raren, möglicherweise. nicht mal existierenden, sondern bloß geträumten Platte gesucht, geforscht, gegiert habt – und dann, nach Jahrzehnten, steckt sie, aus den unermesslich gnädigen Weiten des Internet angeschwemmt, und nach dem ihr alle Hoffnung längst aufgegeben hattet, plötzlich doch noch in eurem Briefkasten. Zitternd fummelt man das Teil mit fickrigen Fingern in den Player: Oh Mann! Ob man das noch immer so geil findet wie als twentysomething?

In meinem Fall war die Sache echt kompliziert. In den Achtzigern hatte ich mal einen Trinkfreund u d Kollegen, einen Captain-Beefheart-Experten und Frank-Zappa-Freak, der, damals machte man so etwas, obsessiv Mixtapes für seine Lieben aufnahm. Oft die ganze Nacht lang; Promille-Pegel und Abgedrehtheit der Mucke korrespondierten dann hörbar. Und so bekam ich eines Montagmorgens (!) ein extrem rätselhaftes Tape von ihm, im Tausch gegen 4 Alka Seltzer, glaube ich, eine Handvoll Songs, die mich dann vom ersten Hören an absolut und für Jahre elektrisierten.

Es handelt sich um eine Art Pilotaufnahme, das Fanal einer neuen Musikrichtung, die sich dann leider nie weiter durchgesetzt hat: Postmodern (oder: „Electronic“) Blues. Strange war nun freilich, daß die Band, die das Album aufgenommen hatte (hatte sie denn?), gar nicht existierte! Es kursierte gerüchteweise zwar ein Band-Name („the enemy within“), aber erstens kannte die wirklich niemand bzw. keine Sau, und ausgefuchste Experten dementierten sogar: Dies seien vielmehr eindeutig Tracks des rettungslos dem Heroin verfallene Fleetwood-Mac-Gitarristen Peter Green; andere raunten, bei dem Gitarristen handele es sich vielmehr um den mysteriösen Anonymus mit dem Pseudonym „The Raven“. Aber wer war das, der Rabe? Manche behaupteten, dieser sei im Wahrheit identisch mit dem komplett irren Gitarristen „Snakefinger“ (stimmte nicht!), der wiederum immer mal wieder verdächtigt wurde, Mitglied der legendären anonymen US-Band „The Residents“ zu sein (stimmt wahrscheinlich), die ja auch eine Art „Postmodern Blues“ spielten, manchmal. – Also wie nun? Und wer? Und welche lade- bzw. bestellfähige Adresse? Ähnlich enigmatisch kam das Album selber daher. Dem Vernehmen nach hieß es „A touch of sunburn“. Nur tauchte es unter diesem Titel in keiner Publikationsliste auf. (Wer konnte ahnen, daß man es zu gleicher Zeit unter dem doofen Titel „Two Greens make a Blues“ hätte bekommen können? Und daß es eine andere Mischung gab, die den nicht minder befremdenden Titel „Nietzsche’s Ass“ trug?)

Gleichviel, ob leichter Sonnenbrand, Friedrich Nietzsches Arsch oder die Zwei Greens (nämlich Peter und Mick) aus der britischen White-Blues-Underground-Szene – selbst die ausgebufftesten Platten-Dealer zuckten bedauernd die Achseln. Ich zitierte flehend meine Lieblingszeilen, spielte die Riffs auf meiner Luftgitarre, grölte sogar den einen oder anderen Chorus: Niemand konnte mir helfen; sobald ich die Musik dann auch noch enthusiastisch beschrieb, tippten die meisten, die ich damit belästigte, auf Drogenmissbrauch meinerseits, und daß ich mir dieses Zeug mit Sicherheit nur eingebildet hätte. Hatte ich aber nicht!! Die Platte gibt es wirklich! Und sie ist ein Meisterwerk!

1987 schrieb der Melody Maker, die Platte klinge wie ein Duett von Dr. John und Tom Waits, der mit Dr. Feelgood jammt, nur mit halber Geschwindigkeit abgespielt. Wenn man sich dazu vorstellt, daß Captain Beefheart die Lyrics durchs Megaphon nölt und die Residents den Background-Chor geben, kommt das hin – nur funkiger, treibender, verschwitzter, härter, durchgeknallter, mit unterleibsaufwühlenden Gitarrenriffs, elektrisch verstärkter Blues-Harp und verfremdeter Schweineorgel, und ganz viel mysteriös dröhnender, pumpernder und pluckernde 80er-Casio/Atari-Elektronik, dazu neunmalklug-düstere Texte, die zwischen Caravaggio, Nietzsche und Science-Fichtion-B-Movie mäandern und vermutlich von The Raven inspiriert sind, jenem Kunstprofessor aus South Kensington, den nur seine Mutter und seine Studenten unter dem Namen Laurie Gane kannten. Über ihn heißt es im Booklet: „The Raven kann lesen und schreiben; seinen Hegel spart er sich aber für die Rente auf“.

„I made a call at the endzone / but there was nothing to hear / as just a pre-recorded message: / no one at home…“ raunt es verstörend aus einer von heulendem Wüstenwind untermalten menschenleeren Zukunft. „Post modern blues“ beschrieb eine Zukunft, in der die Menschen keine persönlichen Erinnerungen mehr besitzen, nur gemeinsame Fernseh-Erinnerungen; sie bewohnen ihre Häuser als Touristen und haben allen Grund für zeitgenössischen Blues.

Alles in allem wurde die Zukunft dann doch etwas weniger schlimm: Der Kunstprofessor und Psycholinguist Prof. Laurie Gane vom Roayal College of Art ist sogar über facebook erreichbar. Ob er schon Hegel liest? Ich hab ihm mal geschrieben – vielleicht erinnert er sich noch an die Zeit, als er der Rabe war? Oder wird nur der Anrufbeantworter dran sein, der durchs Megaphon röhrt: No one at home…?

I finally got the post modern blues


Arnold Winterseels Jour Fixe (III): Zwischen Ramadan und Remmidemmi

15. März 2009
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Achtung, Mode-Schnarchnasen: Die Schlafmaske wird heuer zum Fashion Accessoire!

SELBST-GEHEGELTES: DAS JA UND DAS NIX

Nach meinem ersten Eindruck war Enver Konopke ein Roßtäuscher, wie er im Buche stand. Der kleinwüchsige, monströs beleibte Glatzkopf in seinem unseriös schillernden Glenchek-Anzug und mit dem wenig überzeugenden Knebelbart eines Berufs-Catchers war mir erstmals aufgefallen, als er in Winterseels Salon lauthals von sich behauptete, er sei „der einzige muslimische Atheist seiner Nachbarschaft“, wenngleich aber zwar, wie er mit wichtigtuerische Miene hinzukrähte, „… ein stock-schiitischer!“ Dennoch hätten, so schwadronierte der „Privat-Mystiker“, wie er sich hochmögend nannte, weiter, ihn „sämtliche Mullahs auf dem Kieker“, weil er im Fasten-Monat Ramadan „mit dem Saufen donnich so abrupt aufhören“ könne („Menno, Schnaps issn Medikament, da mußte dir janz lannsam ausschleichen, wa?“); dafür stelle er doch dabei in der Fastenzeit tagsüber, solange er einen schwarzen von einem weißen Faden unterscheiden könne, „det Reden komplettmang“ ein, was für ihn ein weitaus größeres Opfer an Allah darstelle, zumal wenn man in Betracht zöge, daß man für dessen Existenz vor allem nach dem Hinscheiden seines angeblichen Profeten Muhammad H. jeden Beweis schuldig geblieben sei.

Oma Hager bekam hektische rote Flecken auf den Wagen und zischte mir mit theatralisch durchdringendem Bühnenflüstern zu, sie kenne „doch diesen Blender“ noch aus der Zeit, als er schwarz-blau-weiße Lackschuhe getragen und sich „Elvis“ genannt hätte; während eines „frivolen Techtelmechtels“ habe er ihr, seiner beträchtlichen geschlechtlichen Erregung Tribut zollend, sogar in einer Art Geständniszwang einmal offenbart, sein Taufname sei eigentlich Erwin, und er sei in Wahrheit der illegitime Sproß eines preussisch-protestantischen Pedanteriewarenhändlers aus Rixdorf gewesen, bevor er zum Islam konvertiert und an jenem dann wiederum zum Renegaten geworden sei. – „Enver Bey“, wie er sich gern rufen ließ, zwinkerte mir bei Oma Hagers unüberhörbar  konopke-kritischenen Einlassungen lediglich verschwörerisch zu und deutete mit vor den Augen absolvierten, energischen Wischbewegungen an, daß er die alte Dame für unrettbar dement (i. e. „völlig gaga und plem plem“) hielte.

Unser Einserjurist Mangold warf schneidend ein, nach den Regeln der Aussagenlogik mache es ja wohl, ob man sich nun jüdischer, christlicher oder muslimischer Atheist schimpfe, ungefähr so viel Unterschied wie die Frage, ob man John Cage’s Stück > 4′ 33“ <, das bekanntlich aus ca. viereinhalb Minuten Stillschweigen bestünde, nun für Piano (Fassung von 1952) oder für Orchester (London, 1982) aufführe. – Hauke und Hinrich Dittmers, die Aquavitzwillinge, protestierten unisono und furioso: Ihre friesische Ontologie der Negation besagte, um es zusammenzufassen, es sei „scha numah ein völlich anneres Gefühl“, ob man „kein Jubi mehr“ in Gefrierfach hätte oder „bloß ma das Jever aus“ sei! 

Unser Mentor und Traurigkeitslehrer, Dr. Arnold Winterseel, hatte, noch in der Tapetentür verweilend, dem sich anschließenden Disput über das Sein und das Nichts mit gütigem Schmunzeln beigewohnt, räusperte sich aber dann, um beiläufig zu bemerken:

„Liebe Freunde, es ist doch wohl ohne Zweifel folgendermaßen: … die Negation steht unmittelbar der Realität gegenüber: weiterhin, in der eigentlichen Sphäre der reflektierten Bestimmungen, wird sie dem Positiven entgegengesetzt, welches die auf die Negation reflektierende Realität ist, – die Realität, an der das Negative scheint, das in der Realität als solcher noch versteckt ist“!

„Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. I, Kap. II, Abschnitt A, Absatz b, Anmerkung1“ – murmelte Fredy Asperger neben mir traumverloren, während Miss Cutie plötzlich einem hysterischen Gickel-Krampfanfall zum Opfer fiel und wenig damenhaft, mit hochrotem Köpfchen losprustend und „ich mach mich gleich nass, ich mach mich gleich nass!“ quiekend schleunigst aufs Lavobo retirierte. 

Winterseel schien mir, seinem bekümmert eulenhaften Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ernsthaft konsterniert! –  Und hier war es nun doch ausgerechnet der bramarbasierende Barbaren-Brahmane und Sufi-Säufer Enver Konopke, der die Situation rettete, wenn auch mit einer unleugbar atemstockenden Vulgarität, die manche an Jonathan Swifts Erzählung erinnerte, wie Gulliver einst den Brand im kaiserlichen Palast von Liliput gelöscht hatte, in dem er ungescheut vollrohr draufschiffte: – Ein schnapsbedingstes schweres, saures Aufstoßen zerriss jedenfalls die betretene Stille, in die hinein Enver Bey Konopke seinem Rülpser mit einem artikulationsmäßig leicht verwaschenen, sonst aber formvollendeten Hegel-Zitat Gewicht und Vollendung verlieh:

Die Qua… Qua…Qualierung oder Inqualierung…, einer in die Tiefe, die Tiefe, aber, äh, in eine trübe Tiefe gehenden Philosophie, bedeutet die Bewegung einer Qualität (der sauren, herben, feurigen usf.)“ – hier stierte der Ex-Konvertit uns mit einem wehe wattigen Grinsen ins Gesicht, – „in ihr selbst, insofern sie in ihrer… ihrer negativen Natur (in ihrer Qual) sich aus anderem setzt und befestigt, überhaupt die Unruhe ihrer an ihr selbst ist…“

„…nach der sie nur im Kampfe sich hervorbringt und erhält“,  fielen wir alle erleichtert in jubilitatorischem Chore ein, uns an den Händen fassend und mit den Füßen sanft den Rhythmus in den Teppichboden stampfend. These und Anti-These, Realität und Negation lagen sich dialektisch in den Armen und des Schmatzens fraternisierender Wangenküsse wollte es kein Ende nehmen. Mit seiner Bravourleistung hatte sich Enver Konopke in unsere Herzen rezitiert und wir nahmen ihn, ungeachtet seines inzwischen erfolgten komatösen Zusammenbruchs, einstimmig in unsere Salon-Runde auf, wo er seither darauf pocht, die Rolle eines „Paradiesvogels“ zu spielen….