Archive for the ‘Eigenlebenserinnerungen’ category

Patientenbericht

7. Februar 2012
Ich weiß nicht … In letzter Zeit sehe ich irgendwie komisch aus…

Wer heute etwas genuine Kafka-Luft schnuppern möchte, der lasse sich in ein Uni-Klinikum einweisen. Noch vor seinem Lebensmut hat man alle Orientierung verloren und irrt sinnlos, identitätsstiftende Formulare an sich pressend, als ginge es ums blanke Leben, durch endlos lange, gewienerte Korridore, die alle gleich aussehen, es indes aber überraschenderweise, wie sich herausstellt, leider mitnichten sind. An jeder Ecke winken einem matt lächelnde Sterbende zu und verschwinden dann jäh in Fahrstühlen, wo sie hohlwangig vorletzte Zigaretten schmauchen und vergeblich nach der Schwester rufen, dass sie mehr Morphin herbeischaffe. Zukünftige Hinterbliebene drücken sich schräg in Wartestühle und kneten verwelkte Cellophan-Blumensträuße zwischen den schweißfeuchten Fingern.  Einem Dicken, der trübselig an seiner Lebenslust knuspert, flüstere ich zu: Freund, freue dich weder zu früh noch allzu lange: Du bist auch bald dran! 

In verborgenen Boxen, Nischen und scheuerleistenbewehrten Abteilungsecken verstecken sich sog. Ärzte und lauern auf Opfer. Sie ernähren sich von Blut, Ultraschall und Urinproben. Eine unappetitliche Spezies, die Ärzte! Tiere gibt es in Unikliniken nicht, jedenfalls keine sichtbaren, nur Bakteriokokken, Fibrillen und Stracciatellapickel. Erste Panik: Wo sind die Sagrotan-Duschen? Und wer ist überhaupt jemals für mich zuständig? Wie lässt sich den Ärzten ausweichen, dass man noch sein Quäntchen Lebensfrist genießen darf? Und warum bin ich überhaupt hier? – Na, sicher nicht für die heute so übertrieben beliebte Gesundheit.

Das Gute an Unikliniken: Man ist nicht Patient, sondern ein – mehr oder minder interessantes – Datenbündel. Das Schlechte: Es handelt sich um ein szientifisches Riesen-Google, eine Datenkrake, ein Statistik-Godzilla, der deine Körpersäfte schlürft, um „Werte“ zu bekommen. Meine Werte sind meistens besorgniserregend, das weiß ich schon, da brauch ich keine Universität für. Cholesterin, Leber, das ganze Programm: Ein moribundes Wrack. Ich darf mich immerhin zu den privilegierten Interessanten zählen, denn ich habe ein seltenes Syndrom. „Syndrom“ sagen Ärzte, wenn sie auch nicht genau wissen, was mit dir los ist. Uniklinik heißt ja nicht zuletzt: Ich hab zwar keine Ahnung, dies aber auf sehr hohem Niveau. Auf dem Platz, wo sich die Korridore treffen, hat sich der Chor der Sterbenden aufgestellt und singt moribunde Lieder wie etwa das berühmte orthodoxe „Wir sind doch unter uns / wir Elends-Eingeweidesäcke!“ Gelegentlich bekomme ich das Gefühl, dass man mir zuzwinkert!

Der Chef-Professor (ich bin Privatpatient mit Audienzrecht!) befiehlt mir: Ziehe er sich „bitte“ aus, bis auf die Unterwäsche! Im Winter, wo man als Fahrradfahrer viele Schichten wärmender Kleidung trägt, ein beträchtliches Gepüngel. Frage aber jetzt: Gehören Socken zur Unterwäsche oder nicht? Der Professor sagt, bei Frauen nein, bei Männern? – eher ja. Ein in gender-politischer Hinsicht faszinierendes Thema! Man kann ja überall mancherlei zu lernen Gelegenheit finden, zur Not sogar in Unikliniken! „Alles Gute!“ wünscht mir der Chef noch beim abrupten Abschied. Ob meine „Werte“ hierbei Anlass zur Hoffnung geben, verrät er nicht. Erst muss das Labororakel befragt werden, das kann dauern. Solange habe ich nichts Schlimmes und bin nicht berechtigt, ohne Genehmigung wegzusterben.

Nach wenigen Stunden werde ich von der Untersuchungsmaschine vorerst schon wieder ausgespieen. Draußen in der klammen, eisigen Wintersonne kauern die Sterbenden. Sie rauchen mit höchster Konzentration. Ihre Gesichter sind, jahreszeitbedingt, grau-gelb. Mich betrachten sie mit scheelen Augen, weil sie vermuten, ich gehörte zu jenen Beneidenswerten, die den kommenden Sommer noch erleben und im Maiengrün noch mehrere Schachtel Zigaretten verrauchen könnten. Ich möchte ihnen eine kleine Rede halten, in der ich alles richtig stelle. „Wenigstens“, höre ich mich sagen, „wenigstens Hepatologen schneiden auch über mich ihre bedenklichen Gesichter!“ Nicht genug Hoffnungslosigkeit! Sympathie bei den Sterbenden gewinne ich damit nicht. Zu feist, zu rosig, zu ungeräuchert erscheine ich, um einer der ihren zu werden.

Der Unterarzt fährt mit einem Nachtsichtgerät über meine Schattenseiten. „Wissen Sie was“, wispert er heiser verschwörerisch, „Sie haben gar kein Syndrom! Sie haben, was alle haben. Fragense ma inner Straßenbahn rum! Das hat doch heute jeder zweite!“ Ich bin erleichtert, aber auch etwas enttäuscht. Ich hatte mir extra eine Krankheit ausgesucht, die nicht jeder hat, und die überdies zu 90% nur Frauen bekommen. „Tja, na ja“, hatte der Chef-Professor bedächtig gesagt, und dafür schätze ich ihn, „…die restlichen zehn Prozent, das muss ja auch irgendjemand sein.“ Es besteht also noch eine gewisse Chance, dass ich mal in der Statistik vorkomme, möglicherweise als einschränkende Fußnote. Und, ehrlich, Nachbarn, wer von uns hätte ein höheres Lebensziel? — „Raus! Nur Raus hier!“ antwortete ich dem Taxifahrer, der mich nach meinem „Wohin?“ befragt. „So rasch wie möglich ins Nirgendwo!

Dort angekommen und abgesetzt, kaufte ich mir eine Rosinenschnecke. Deren zeitnaher Verzehr verschuf mir eine knapp 25% höhere Lebensqualität. Wie man so sagt: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel.

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Was von Silvester übrig blieb

3. Januar 2012

Liegen bleiben ( http://www.halternerzeitung.de/ storage/scl/mdhl/_adm... )

Mit dem Bleigießen fing es wieder an. Alle konnten schöne, hermeneutisch griffige Figuren vorweisen: Verspratzten Spinatfladen, angebissene Pizza, überfahrene Katze; nur ich hatte wieder so ein längliches, einem Zepter ähnelndes Gerät mit einem Knubbel oben dran gegossen, das selbst ein ausgemachter Anti-Freudianer wie ich als Phallus-Symbol konzedieren musste. Das übliche Ho-Ho und Ha-Hah, und natürlich zischte die feministische Gastgeberin empört, wie jedes Jahr: „Du bist soo was von peinlich! Die Kinder sind noch auf, Mensch!“ Es ist zugegeben so, dass ich noch nie etwas anderes habe gießen können. Jedes Jahr nehme ich mir vor, dass es mal ein Bücherschrank wird, eine Schreibmaschine oder wenigstens der „Denker“ von Rodin, aber nichts da, immer dieses blöde und nahezu identische Phallus-Ding.

Ich könnte die sammeln und mir als eine Art Ordensschnalle ans Revers heften, um mir einen rasant Don-Juanesken Anstrich zu geben! Als mir dann auch noch Ulf-der-Schwamm, der doofe Steuerberater, jovial auf die Schultern klopfte und gönnerhaft prustete: „Du bist ja aber mal ganz schön schwanzgesteuert, alter Knabe!“, fing ich leise an, in mich hinein  zu weinen. Ich konnte doch nichts für das verdammte Blei! Gieß ich das doch nicht mit Absicht! – Die Pfirsich-Maracuja-Bowle erwies sich als verständnisvoll und war ganz meiner Meinung. Wir setzten uns in eine Ecke und ich schöpfte becherweise Trost.

Dann war Balkan-Disco mit Blechbläsern und die Bowle wurde plötzlich lustig und wollte mit mir tanzen. Ich zierte mich zunächst, aber als ich jemand tuscheln hörte, ich könne ja eh bloß noch Sitz-Polka, warf ich mich trotzig ins Getümmel, freilich zu dessen schmerzhaftem Nachteil. Ich bitte um Entschuldigung. Die aufpeitschende Blechblasmusik ging mir in die Beine, aber dort war bereits die Bowle angekommen bzw. ansässig und so kam es leider zu einem körperinternen Konflikt. Man nehme mein Bedauern entgegen. In regelmäßigen Abständen genoss ich uneleganten Bodenkontakt. Ich fand das übrigens lange nicht so komisch wie die anderen.

Bowle war also nichts für mich, also ging ich zu Bourbon-Cola über, damit kenne ich mich besser aus. Das Getränk belebte mich nach einigen Gläsern und ich begann mit Verve, eine neben mir platzierte, auffallend schöne, ziemlich intelligente Frau anzubaggern und kam damit auch gut voran, sogar ohne bleierne Phalli am Revers. Erst an der konsternierten Reaktion der Schönen auf meine wahrheitswidrige Behauptung, nein, nein, ich sei keineswegs verheiratet, sondern ein durchaus verfügbarer Single mit Tagesfreizeit, öffnete mir die Augen – es war ja die Gattin! Die eigene! Mein Kopfhaar kribbelte voller Ameisen und ein heißes Bügeleisen fuhr mir über die Wangen. Zum Glück gab es noch eiskaltes Bier! Ich hätte nur Spaß gemacht, versicherte ich und erbot mich bemüht generös, Getränke zu holen.

Um Mitternacht, die vom Fernseher angezählt wurde, strömte es mich mit den anderen hinaus auf die feiernde Plaza. Das Strömen gelang mir dank Bowle, Bourbon und Bier ganz fulminant. Schräg gegen die Straße gelehnt, beobachtete ich vorsichtig den sich anbahnenden expressionistischen Bürgerkrieg: Polen-Böller gegen China-Kracher. Ich setzte mir einen symbolischen Blauhelm auf und stand heroisch im Pulverdampf. The last man standing, summte ich und fühlte mich soweit ganz gut. Keine Ahnung wieso, aber unversehens war ich mit zwei Gläsern Crémant bewaffnet, aus denen ich, mir sentimental zuprostend, abwechselnd trank und mit deren Hilfe ich zugleich, ein verzeihungsheischendes Lächeln auf den Lippen, die Umarmungen wildfremder Menschen abwies.

Zurück bei in der Party. Mann! Man hatte inzwischen eine sich drehende Tanzfläche aufgebaut. Die Gattin hat später erzählt, ich hätte mich deshalb in die Küche zurückgezogen, um mit zwei Kumpanen beim Wein Scrabble zu spielen. Als Buchstaben hatten wir aber nur eine halbe Tüte Russisch Brot und einen Haufen Erdnuss-Locken. Darunter habe wohl die Semantik gelitten, denn mein Super-Siegerwort „Ungern-Erdnuss-Ypsilon-Erdnuss-Erdnuss-XYZ-Unge-Doppel-Erdnuss-ss-Erdnuss-t“ sei nicht akzeptiert worden, zumal die Mitspieler glaubten, es würde Poker (Kurti) bzw. Monopoly (Ulf-der-Schwamm) gespielt. Die Boxen im Wohnzimmer waren zu Salsamuffin oder Raggapunk übergegangen. Die Tanschfläche drehte sich jetzt schon dann aber auch um mehrere Achsen.

Irgendwann schlug die Gattin vor zu gehen. Darüber dachte ich lange nach, nickte dabei ein, schreckte wieder auf und beschied in sonderbarer Clairevoyance: „Weißt du, ich glaub, ich kann gar nicht mehr gehen“ und machte einen Gegenvorschlag, der mir rational-pragmatisch vorkam: „Lass mich doch einfach noch bisschen hier liegen!“ – „Ja, klar“ versetzte sie schneidend, das weiß ich noch, dann kuschelte ich mich aber auch schon in den Kofferraum des Taxis und widmete mich dem Vergessen…

Wie ich höre, haben wir jetzt schon 2012. Wieder ein Jahr weniger Lebenszeit! Immerhin, ich bin gut reingerutscht, so wie mir es alle gewünscht haben!

Grundregel bei Verdrängungsbedarf

29. August 2011

Wer das Glück hatte, Kinder zeugen zu dürfen, weiß, dass dieses ein durchaus zweischneidiges ist. Vom vierten bis zum achten Lebensjahr sind Menschenjunge oft beinahe entzückend, besonders, wenn sie eine Spur altklug sind oder ein Musikinstrument (Ausnahmen: C-Blockflöte, Geige, Schlagzeug) spielen. Dann allerdings geht es bald zügig bergab: Trotzkopfphase, extreme Pampigkeit, patzige Pubertät. Mit ca. 14 bricht die sog. Hebephrenie aus, früher auch Jugendirresein oder Läppische Verblödung genannt. In diesem Stadium erreicht der Mensch den Höhepunkt seiner Unzurechnungsfähigkeit.

Diese Phase dauert, je nach dem, so rund 20, 30 Jahre, dann tritt bei manchen allmähliche Besserung ein. Zuvor jedoch herrscht Unerträglichkeit, besonders bei Mädchen. Tragik der Natur: In einem Alter, in dem die jungen Damen zum Anbeißen anmutig aussehen, sind sie leider kognitiv komplett außer Kraft gesetzt und haben einen IQ, der weit unterhalb der Körpertemperatur rangiert. In diesem Entwicklungsstadium finden junge Menschen alles  peinlich“. „Meine Eltern, ey, die sind sooo was von voll peinlich!“ ist ein auf dem Schulklo beim Nachschminken häufig gehörter Satz. Es ist die Zeit, wo man sich als Vati oder Mutti unauffällig schon mal nach geeigneten Heimen umhört oder öfter mit dem Jugendamt telefoniert.

Nun, sagen wir es ungeschminkt: Nichts ist so peinlich wie junge Menschen. Wobei „jung“ unter Umständen ziemlich lange dauern kann.

Ich persönlich erreichte, das Internet war kürzlich so freundlich, mir das ungebeten unter die Nase zu reiben, den Gipfel unsäglicher Peinlichkeit erst mit 26 Jahren. Ich hatte schon gehofft, ich könnte die Tatsache, von meinem 16. bis zu meinem 28. Lebensjahr ein blickdicht beratungsresistenter Idiot gewesen zu sein, im engeren Familienkreis halten, aber Pustekuchen. Irgendein blödes Sozialgeschichte-Institut an der FU Berlin hatte nichts besseres zu tun, als die Geschichte „der außerparlamentarischen Opposition“ zu dokumentieren. Und? Unter der Rubrik „maoistische Jugendorganisationen“ werde ich da als „1. Sekretär der Roten Garde“  ausgegraben und gezeigt, wie ich in meinem umgearbeiteten Konfirmationsanzug auf irgendeiner bescheuerten Bühne stehe und unsägliche stalinistisch-maoistische Stanzphrasen aufsage, die Welt erkläre (voll imperialistisch!) und deren sofortige Umarbeitung verlange (Diktatur des Proletariats!). – Grundregel für die Jetztzeit: Wem an Verdrängung liegt, der sollte nicht den eigenen Namen googeln!

In die Schublade gesprochen

17. Mai 2011

Immer ein offenes Ohr: Schublade

Vor vielen  Jahren, als Affektkontrolle für mich noch ein Fremdwort war, geriet ich eines Nachts aus hier unerheblichen Gründen einmal in eine veritable Sauwut, der ich spontan Luft zu machen beschloss, in dem ich der Wohnzimmertür einen heftigen Tritt verpasste. Im Nachhinein betrachtet keine gute Idee! Zu meinem Nachteil irrte ich mich nämlich leider, gerade erst eingezogen, darin, die Tür für massiv hölzern zu halten, – bestand sie doch in Wahrheit kassettenweise aus tückisch überlackiertem Glas, sodass ich mir mittels meines Tritts (es war noch zu Kampfsportzeiten) versehentlich ein etwa anderthalb Handteller großes Schnitzel aus dem rechten Unterschenkel hieb. Glücklicherweise angetrunken und von Adrenalin narkotisiert, besah ich mir den Schaden furchtlos, pappte die heruntergeklappte Beinscheibe wieder an Ort und Stelle und band sie mit einem Küchenhandtuch fest. Dann legte ich mich erstmal schlafen. Ich war noch in einem Alter, in dem Schlaf Wunder wirken konnte.

Indes, wir beide, vor allem aber das Bein, sahen am nächsten Tag nicht so gut aus, ich wegen Verkaterung, das Bein, na ja. Ich humpelte widerstrebend zur nächstgelegen Arztpraxis. Der von mir zum Hausarzt erkorene Doktor war uralt und, sagen wir es offen, wohl auch schon ziemlich senil, möglicherweise sogar ganz leicht dement. Ich übertreibe nur geringfügig, wenn ich behaupte, er glaubte noch daran, dass Heroin gut gegen Husten ist. Dennoch war ich irritiert: Nach dem ich kleinlaut meine peinliche Geschichte erzählt und zur gefälligen Diagnose resp. Therapie offeriert hatte, zog mein Dr. Eisenbart bedächtig die oberste Schublade seines Schreibtisches auf und sprach eben diese Geschichte langsam, deutlich und fast wortgetreu in diese hinein. Nach kurzem Innehalten und angemessener Bedenkzeit teilte er der Schublade noch mit, was er zur Wundversorgung zu tun gedenke – und schloss sie dann behutsam wieder. Ich gebe zu, in diesem Moment habe ich ihn komplett für meschugge gehalten und wäre, wenn nicht verwundet, schleunigst wieder abgehauen. So aber ließ ich mir einen Verband anlegen, mir ein Antibiotikum für angeschossene Elefanten mitgeben und beruhigte mich mit dem Gedanken, dass Schamanen und Voodoo-Priester ja manchmal auch ganz schön bizarre Methoden haben, und helfen tut’s ja oft trotzdem.

Erst beim nächsten Besuch habe ich kapiert, dass der Medizinmann in der Schublade ein Diktiergerät verwahrte, das er zur Führung seiner Krankenakten verwendete.

Trotzdem, und worauf ich hinaus will: Bloggen ist ja bei den meisten von uns ganz ähnlich, oder? Man öffnet eine elektronische Schublade, spricht oder tippt allerhand Bizarres hinein, legt vielleicht noch ein Foto dabei und dann macht man sie wieder zu. Sie schweigt wie ein Grab. Das Arztgeheimnis bzw. die Begrenztheit der Leserschaft sorgt dafür, dass „alles unter uns bleibt“.  Sonst hätte ich hier wohl kaum die beschämende Geschichte über das Schnitzel erzählt.

Von Blogs abgesehen, ist aber in deren Nachbarschaft seit ein paar Jahren ein neues Literatur-Genre im Schwange, das mich mit wachsender Faszination fesselt: der Kommentar-thread. Sobald, sagen wir mal auf SPIEGELonline, irgendein News-Knaller aus der Welt der Superreichen, Berufs-Bescheuerten und Durchgenudelten vermeldet wird, etwa der Tod des „Terrorfürsten“, die Schweißhände von Dr. Westerwelle oder die hochominös kriminalen Sex-Abenteuer eines Welt-Bankers, fühlen sich umgehend 500, 1000 oder noch mehr Leute berufen, dies engagiert, verschwörungstheoretisch versiert und mit üppig investierter Leidenschaft zu kommentieren. Und? Und dann liest man das und bekommt Angst. Selbst wenn man, wie ich, der Überzeugung ist, 80% der Mitbürger seien Idioten und Vollpfosten (die journalistisch trainierte Gattin winkt immer ab und sagt: „Pah, da kommzze nich mit aus!“), ist man doch frappiert und geplättet von der konzentrierten Dichte des Dummheitsspektrums. Ein neuer Unterparagraph von Murphy’s law:  Was immer man sich an komplett blickdichten Blödheiten ausdenken kann – irgendwer wird’s demnächst „posten“. Oder hat schon.

Mich ängstigt das zunehmend, weil ich mir immer vorstelle, die meisten von denen laufen frei herum! Stehen neben mir im Bäcker-Laden. Arbeiten im Atomkraftwerk wie Homer Simpson, sind Polizisten, Lehrer oder Ärzte! Vielleicht ist einer der Irren mein Nachbar! Und doch, was ich beim Lesen empfinde, ist wohl eher Angstlust. Ich meine, ich habe früher nie Leserbriefe in der Zeitung gelesen, weil mich das querulatorische Gemaule von Nörgelrentnern und die Beckmesserei von Prof. Dr. Müller-Weissbescheid nicht die Bohne interessierte. Aber wenn man die konzentrierte, geballte und repräsentative Umschau über den Müll bekommt, der hinter Volkes Denkerstirn so brütet, da kann einem schon mulmig werden.

 PS: Interessiertem Damenbesuch, zumindest wenn er nur eine Nacht blieb, habe ich später beim postkoitalen Geplauder gern erzählt, die mörderdicke Narbe an meinem Bein stamme von einer stoisch durchstandenen Hai-Attacke. Heute ginge das nicht mehr. Die Schwarm-Intelligenz der Kommentar-poster hätte in Minuten herausgefunden, dass es sich in Wirklichkeit um eine kosmetische Operation der CIA handele, um Folter-Spuren aus dem Mossad-Knast, eine afghanische Kriegsverletzung oder schlicht um ein Photoshop-fake zu dem Zweck, mich interessant zu machen. Was letztlich auch wieder nicht völlig falsch ist – mal so in die Schublade gesprochen.

Nach dem Abendessen. Ein Dramolett mit Kommentar

12. April 2011

Das Mudra der Anrufung

 

Frau:             (Eine Mappe auf den Tisch werfend) Ich hab dir hier was ausgedruckt, wegen deiner Fitness, dass du da mal anrufst, in dem Rücken-Studio, okay?
Mann: Dank dir. Les ich mir durch.
Frau: Ja, ja, klar. Und dann machst du es doch nicht!
Mann:          Doch, doch, mach ich schon, gleich morgen….
Frau:             (schnippisch) Sicher! Morgen, morgen, morgen…
Mann:           Ja, soll ich’s vielleicht  JETZT lesen?
Frau:             Nein, JETZT natürlich nicht! Du brauchst nicht gleich aggressiv zu werden! Und du musst mich nicht lächerlich machen, bloß weil ich so nett war, dir was auszudrucken!
Mann:          (durchatmend) Eben, sag ich doch. Ich lese mir das morgen durch.
Frau:            Aber nicht immer nur sagen! Du musst das auch mal TUN!

Mann:          (gereiztIch TU es ja!
Frau:            Tsss. So geht das jedes Mal! Das ist dein typisches Vermeidungsverhalten! Immer vermeiden, aufschieben, reden… Ich druck dir Material aus, und das verschwindet dann bei dir in                           der Schublade! Mit Reden ist das nicht erledigt!
Mann:          (schaltet auf Zen-Atmung, bildet mit den Fingern das Mudra der Anrufung des mitfühlenden Buddha) Also soll ich’s DOCH jetzt gleich lesen?
Frau:             Das ist wieder typisch! So geht das jedes Mal! Sobald du ein Glas Wein getrunken hast, wirst du unsachlich und unausstehlich!
Mann:          Kannst du jetzt bitte damit aufhören? Ich hab doch schon gesagt, ich werde es mir morgen durchlesen!
Frau:            Sag ich doch – (flötend) Vermeiden, vermeiden, vermeiden! Du liest das doch wieder nicht! Aber Herumreden! Ausflüchte! Das alte Lied!
Mann:          (rauh aufschluchzend) Ja, verdammt! Ich habs doch jetzt schon  tausendmal gesagt: ICH LESE ES!
Frau:             Siehst du! Und dann fängst du an zu schreien...

Es gab Zeiten, da verfügte ich über schier unbegrenzte Ressourcen an Kraft und Zeit, da konnte ich solche Gespräche notfalls bis vier Uhr morgens führen und dann um 6.00 Uhr zur Arbeit fahren. Sie, die Gespräche, endeten übrigens meistens so:

Mann:     Ich hab das Gefühl, das bringt jetzt nichts mehr. Lass uns aufhören…
Frau:       (bitter) Ja, sicher, wie immer! DU bestimmst natürlich, wann Schluss ist!

Es war wohl damals, dass ich dermaßen verzweifelt und vergeblich nach einem göttlichen Schiedsrichter im leeren Himmel gesucht habe, dass ich schließlich darüber das Beten verlernte. Mein verehrter Meister Laotse sagt: Sei wie das Wasser! Sammle dich an der tiefsten Stelle. Die Kraft der Nachgiebigkeit ist unüberwindbar.


Das Schlimme ist: Ich bin mir absolut sicher, SIE hält mich jetzt für einen sturen, uneinsichtigen alten Sack, dem wirklich nicht zu helfen ist. Sie hats ja weißgott versucht, oder?

Als Durst-Phobiker in Diyarbakır

5. Januar 2010

Nichts für Durst-Phobiker: Diyarbakir (town with no cheer). - Foto: Wikipedia Open Source, Christian Koehnen (?), August 2001

Eine der psychischen Beeinträchtigungen, an denen ich ewig laboriere, besteht in einer ausgeprägten Durst-Phobie. Schon als Kind hatte ich das; in dem Rucksack mit vielfältigen Ängsten, der auf meinen zarten Schultern lastete, war dies geradezu ein Prachtstück von prospektiver Panik: Daß ich mal fürchterlichen Durst leiden könnte, und es wäre nichts zu trinken verfügbar! Entsetzlich! Keine Ahnung, woher diese Phobie stammte, vielleicht weil ich nicht gestillt wurde? Oder bereits im Leib meiner verehrten Frau Mutter einer pränatalen Dehydrierung anheimfiel? Heerscharen von graubärtigen Psychoanalytikern könnten an mir ihr Hermeneutik-Besteck wetzen – die Rätsel blieben, und das Leiden auch.

Einmal sah ich, allerdings – es war mir, ehrlich, versehentlich unterlaufen! –  bekifft und daher wie gelähmt, in einem winzigen Schwarzweißfernseher den gefühlte achtzehn Stunden langen Spielfilm „Lawrence von Arabien“, einen unter heißem Wüstenstaub fast schon verschütteten Streifen oder Schinken ohne nennenswerte Handlung, und ich erlitt geradezu höllische Durstqualen, weil mich das Haschisch fluchtunfähig auf dem Sofa festgeklebt hatte! Noch jahrelang konnte ich weder Peter O’Toole noch Omar Sharif sehen, ohne daß mir die Hände zitterten!

Später verschob sich die Phobie von einer allgemeinen Dehydrierungsangst hin zu der spezialisierteren Furcht, plötzlich ohne alkoholische Getränke dazustehen. Ja, ja, geschenkt, ich weiß, was jetzt alle denken. Man diskriminiert mich wieder mal mit der Alkoholismus-Keule! Dabei ist es das gar nicht; es handelt sich um eine echte Phobie, weil, ich muß den Alkohol ja gar nicht unbedingt trinken, darum geht es nicht, ich werde nur nervös und unglücklich, wenn keiner da ist!  Noch verstörter erlebt man mich allerdings, wenn die entsprechenden Getränke zwar im Prinzip problemlos erhältlich wären, man mir ihren Ausschank aber vormundshalber oder pädagogischerweise verweigert. So etwas kann ich überhaupt nicht leiden! Da werde ich ungenießbar! Vielleicht deshalb hat man mich nie mit grimmigerem Blick erleben können als bei Reisen durch hard-core-islamische Länder.

Mit noch heute brennender Empörung (vom Durst gar nicht zu reden!) erinnere ich mich einer Rucksacktour durch Kurdistan. In der düster-brütenden, brüllaffenheißen, stickig-staubigen ost-türkischen Provinzhauptstadt Diyarbakır, deren freudlosen Gassen nach von schwarzen Schmeißfliegen bedeckten Hammelhälften rochen, Gassen, in denen ich recht erfolgreich mit türkischen Besatzer-Soldaten im Finsterumherschauen wetteiferte, in solchen hitzeflimmernden Gassen also schleppte ich mich, halb verdurstet, geschlagene fünf Stunden durchs urbane Häuserkampf-Gelände, ohne auch nur eine einzige Gelegenheit zu finden, wenigstens ein großes, dünnes, kühles Efes-Bier zu ergattern! Freilich hatte ich, die Situation verschärfend, nicht nur meine Phobie, sondern auch meine attraktive, damalig zukünftige Ex im Schlepptau, die – zwar bodenlang frommvermummt und zuchtbekopftucht – dennoch als weiblich erkennbar blieb; mit seiner eigenen Ehefrau am Nachmittag in Diyarbakır ein Bier trinken zu wollen, könnte man mal als Horror-Aufgabe im „Dschungelcamp“ stellen! (Wer wissen will, wie das endete: Nach schließlichem Verlust aller Contenance und Schüchternheit, und plötzlich fast fließend türkisch fluchend könnend, brach ich am Ende unter Getöse und Gewaltandrohung in ein von den Islamisten noch übersehenes Speakeasy ein und zwang den Wirt dort, uns aus herbeigeschleppten Stühlen und Tischen eine Art Separée zu basteln, indem wir je zwei halbe Liter eiskaltes Efes herunterstürzten, von den Blicken der anwesenden Schmuggler-Kurden durchbohrt wie der hübsche, sexy Heilige Sebastian von Römer-Pfeilen.)

Seit diesem Trauma-Urlaub machen mich hier, in Deutschland, in Duisburg, in der hood, die Klitschen, Imbisse, Schnell-Restaurants und Holzkohlegrill-Buden EXTREM GEREIZT, die aus lauter Angst vor dem herumspukenden Stadtteil-Imam oder Nachbarschafts-Hodscha und seinen spitzelnden Spießgesellen sich nicht mehr trauen, zum hochwürzigen Essen ein Bier, ein Glas Wein oder einen Rakı auszuschenken. Echt! In den sich dicht an dicht aneinander schmiegenden Holzkohlengrill-Läden meiner Nachbarschaft gibt es nur noch Ayran und Cola zum Essen! Keine Ausnahme?

Doch – EINE EINZIGE! Frau Gülsoy druckt es stolz und furchtlos in ihre Speisekarte: Hier gibt es, Wunder Allahs!, wenn der Gast denn möchte, noch Wein („weiss oder rot“!), Rakı und sogar „Whisky“ zum Essen dazu! Kein Wunder, daß ihr Schnellrestaurant, in dem man an gemütlich-folkloristisch eingedeckten Tischen durchaus auch langsam essen darf, „Beyoglu“ heißt – wie der allerwestlichste Stadtteil des europäischen Südwest-Istanbuls. Hier sagt der Hodscha „Guten Appetit“ („Afiyet olsun!“) oder hält gefälligst die Klappe!

Nicht, daß ich am hellen Mittag zum – übrigens leckeren – Döner-Teller Alkoholisches bestellt hätte – aber ich hätte KÖNNEN! DÜRFEN! DIE FREIHEIT GEHABT! Schon wegen dieses Alleinstellungsmerkmales werde ich das „Beyoglu“ jetzt öfter aufsuchen; außerdem gibt es dort die zartknusprigduftigsten selbstgemachten Brötchen in ganz Hochfeld, und das Essen ist gut, bzw. auch für Islam-Allergiker hervorragend geeignet.

Nun hoffe ich, mit diesem Lob Frau Gülsoy nicht etwa geschadet zu haben. Was mich beruhigt: Der hiesige Imam soll, von der türkischen Religionsbehörde geschickt, kein Deutsch können. Qype kennt der bestimmt auch nicht. Wir sind hier also auf der sicheren, europäischen Seite der Türkei. Şerefe! („Prost!“)

Ein Wien-Erlebnis mit Prominenz-Bezug

11. Juni 2009
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Glückspilze treffen ihn am Naschmarkt: Herrn Grandits gibt es wirklich!

BANALER ZUFALL ODER METAPHYSISCHE KOINZIDENZ?

Weil ich übermorgen nach Wien fliege und hier für zwei, drei Tage den Rand halten muß, sende ich heute eine Wiederholung aus meinem Qype-Schatzkästchen, einen Beitrag mit Wien-Bezug, in dem auch Prominente mitspielen:

„Nee, schon klar. Ich würde das auch nicht glauben. So Geschichten gibts ja vielleicht im creative writing-Kurs, aber nicht in wirklich. Ich habe „gute Freunde“ (ha!), die sich bestimmt jetzt hämisch die Hände reiben und kichern: „Ey, guck mal, Kraska mystifiziert schon wieder! Der kann keine simple Städtetour machen wie Millionen andere auch, nee, der muß gleich wieder den Papst beim Tango treffen!“ – Und schwören nützt auch nichts? Ach, dann glaubt doch, was Ihr wollt, jedenfalls habe ich ein irres Erlebnis zu referieren…

Ich weilte also in Wien. Neben verwirrend vielen exotischen Völkerschaften hat es dort ganz glücksgelegentlichselten noch den charakteristischen, von mir bis zur Abgötterei verehrten Typus des Wiener Grandseigneurs: Gebildet, distinguiert, ungemein höflich, zuvorkommend, mit schier phantastischen Manieren und wirklich echtem, wirklich umwerfendem, auf Takt und Herzensbildung basierenden Charme. Dieser Typ Mann, den ich vom Fleck weg heiraten würde! (Und das als Mann, der ja noch nicht mal ansatzweise homosexuell ist!)

Ein Beispiel wollt Ihr? Nun, ich weiß nicht, vielleicht kennt  jemand den Herrn Ernst A. Granits – dieser soignierte, stoppelkurz-silberhaarige, kluge, reifere Herr moderiert die 3Sat-Sendung „Kulturzeit“ und ist u. a. bekannt für intelligente, auffallend uneitle, fast schon in Gespräche ausartende Interviews. Ich sehe den Mann oft, im Fernsehen, und ich gestehe: Von allen TV-Nasen ist er mir eine der sympathischsten. Da er einen ausgeprägten Akzent hat (ist der Wienerisch? Oder typisch für Graz? Oder Salzburg? das weiß ich nicht…), und wohl auch noch aus anderen Gründen kam mir dieser gewisse Herr Ernst A. Grandits, während ich in Wien herumtrabte und div. Sehenswürdigkeiten würdigte, des öfteren in den Sinn. Mal hier, mal da. Nicht obsessiv, aber immer mal wieder. So. Daran ist ja jetzt nichts Ungewöhnliches, oder? Nein.

Nun schlendere ich mit der Gattin am Montagabend über den Naschmarkt. Die Stände werden gerade abgeräumt, es ist leider Feierabend. Die abertausend Naschereien haben uns aber Appetit gemacht, und so schnüren wir am Rande des Naschmarktes herum und halten nach einem einladenden Restaurant Ausschau, und während wir noch diskutieren, strahle ich einen Passanten an, mit mutmaßlich völlig entrückt-dämlichen Grinsen und sage: “Guten Abend, Herr Grandits!“ , denn, glaubt’s nun oder glaubt’s nicht, da steht der am Naschmarkt, in persona, im vollen Glanze seiner austriakischen Höchstselbigkeit, ein paar Sackerl mit Delikatessen in der Hand und… ist ein wenig irritiert. Man sieht, wie er kramt: …Kenn ich den?  S o l l t e  ich den kennen? Ich erinnere mich nicht! Haben wir zusammen studiert, vielleicht? Oder ist das der Ex-Mann von der…hm… na….Dings?

Inzwischen sind wir etwa 15m voneinander entfernt stehengeblieben, der Herr Grandits an der Ampel, ich an der Gattin, die meinen plötzlichen Ausbruch von Enthusiasmus zu verstehen versucht, während ich stammele: „Hör mal, ist das irre! Ich glaub das nicht! Das ist DER GRANDITS! Da eben, der da, da hinten, da! Und den hab ich jetzt grad mal gegrüßt, weil, den kenn ich aus dem Fernsehen und…“ Nun ist die Gattin ja bekanntlich selber beim Fernsehen und deswegen vollkommen unbeeindruckt, und ich muß ihr erklären, warum es eine geradezu metaphysische Koinzidenz der Ereignisse darstellt, daß ich praktisch gerade erst in Wien an den Herrn Grandits gedacht hätte, und jetzt wäre der da praktisch exakt in der Wirklichkeit vor mir gestanden und… [Ich erwähnte wohl auch die ähnlich gelagerte Diskussion, die Karl Valentin im Sketch „Orchesterprobe“ mit dem von Liesl Karlstadt gespielten Dirigenten führt, ob es nämlich ein bloßer Zufall oder doch bedenkenswerte Fügung sei, daß am Sendlinger Tor, grad als er mit einem Bekannten über Radfahrer gesprochen hätte, eben ein solcher vorbeigekommen sei.] Jedenfalls redete ich, hin und wieder mit frenetischem Enthusiasmus auf den Herrn Grandits deutend, auf die Gattin ein, um ihr die Sensationalität dieses Zusammentreffens zu erläutern. Sie versteht manchmal meine Aufgeregtheit nicht, sie hat ein anderes Temperament.

Aus der Perspektive des Wiener Prominenten sah es wohl eher so aus: Da scheint ein offensichtlich hilfsbedürftiger Irrer Fürsorge zu benötigen! Fragend sieht er zu mir her. Ich wiederum hebe entschuldigend die Hände, gestikuliere erklärend – was die Sache noch wirrer macht. Der Fernseh-Seigneur, schon in mitmenschlicher Sorge, macht ein paar Schritte auf mich zu… – und ich auf ihn. Ich möchte ihm gern erklären, inwiefern ich keineswegs völlig bescheuert sei und auch gar kein Provinztrottel, der gleich erstürbe, wenn er einen Menschen, den er aus dem TV kenne, in der Wirklichkeit träfe, – während wiederum der Herr Grandits wohl denkt, er muß einem armen Provinz-Depperl aus der Patsche helfen, und so reden wir eine kurze Weile aufeinander ein – ich stammle immer wirreres Zeug (“Wissen’s, Sie! Ich kenn…, i hob, i woaß, i liab Sie praktisch – meine Verehrung! – wegen denen Ihra Sendung und bin praktisch a Fan, und dann hab i Sie auf der Strassen gsehn und da hab i denkt, ich grüß, aber i woaß natürlich, daß SIE MICH net kenna derfa und…“

– und der wunderbare Herr TV-Geheimrat oder Gnä’ Herr Professor wirft seinen sahnigen (aber nicht die Spur selbstgefälligen!) Bariton an und sagt: “Danke. – Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“ Jetzt bin ich VÖLLIG daneben. Geradezu schon debil und wie nicht mehr ganz zurechnungsfähig grinse ich das Intellektuellen-Idol nun praktisch fast fanatisch an, strahle, kichere wie doof und stammele: “Äh, nee, nein, äh. Danke, ich glaub, Sie können mir nicht helfen, mir kann wahrscheinlich keiner…“ – worauf dieser wunderbare Mann, anstatt sich achselzuckend wegzudrehen, freundlich und fürsorglich nachhakt und sagt: “Nun, aber ich habe Sie mit Ihrer Frau Gattin über dem Stadtplan grübelnd gesehen und dachte, vielleicht suchen Sie etwas?“

Da hab ich dann gestanden, na ja, schon, ja, in der Tat, ein nettes Restaurant suchten wir gewiß, und… – und der Herr Grandits fragt huldreich-geduldig: “Etwas Österreichisches? Und net zuu teuer?“ Ich kann nurmehr stumm nicken, während das Fernsehidol nachdenkt, blinzelt, stirnrunzelt und offenbar ernsthaft (wegen mir!!!) grübelt und dann spricht und das Orakel kundgibt: “Naa … da gehns doch zum Horvath! Des is reell, des is österreichisch und des is bezahlbar!“ Worauf die televisionäre Berühmtheit mir dann auch noch ganz unprätentiös, aber journalistisch präzis den Weg zum Wirtshausm  weist und beschreibt … – zu dem wir uns dann auf den Weg machten, nachdem ich dem Herrn Grandits noch ein Lächeln hinterhergeschmissen hatte, das, wäre ich eine einigermaßen hübsche Frau gewesen, ihm eventuell hätte hypothetisch den Abend hirnzerstäubend versüßen hätte können.

Der Weg dann zum Gasthaus war echt hart… – für die Gattin. Obwohl sie praktisch DABEI gewesen war, mußte sie sich von mir ungefähr fünfzehnmal die Geschichte anhören, wie ICH in Wien zufällig an den Herrn Grandits aus dem Fernseh gedacht hätte und dieser dann urplötzlich dagestanden wäre. Und daß er uns einen Weg zum Gasthaus gewiesen… Unglaublich! Oder? Oder? Liebling! Denk doch mal! Das war DER Grandits!!! DER aus dem Fernsehen! [Das vielleicht absolut Grandioseste an der Gattin ist, daß sie in diesem Moment, wiewohl vollkommen im Recht, NIEMALS sagen würde: Na und? MICH kennst Du auch aus dem Fernsehen! – – Ich habe halt eine sehr STOLZE Frau!] Das „Horvath“ war dann übrigens auch tatsächlich recht gut!

Die Frage ist freilich: Werde ich nun jemals noch den Herrn Grandits im Fernsehen erblicken können, OHNE Mitzuschauern die Geschichte zu erzählen, wie ich diesen verehrungswürdigen Mann mal am Wiener Naschmarkt getroffen habe und er mir einen Restauranttipp gab? Es gibt Koinzidenzen, die ließen auch einen metaphysisch Unmusikalischen erschauern…“