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Traumkritik

4. März 2014
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Man wird nicht ernstgenommen!

Auch bei Träumen gibt es mehr oder minder erfolgreiche Remakes. Solange das nicht ins zwanghaft Redundante ausartet, ist da gegen ja nichts einzuwenden, auch wenn man sich fragt, was das denn nun wieder soll. – Vor Jahren musste ich, im Traum, als Sechsjähriger, noch im flanellenen Bärchenschlafanzug, in meinem Kinderzimmer eine Doktorarbeit bei Theodor W. Adorno schreiben – mit abgebrochenen Buntstiften auf zweilagigem Toilettenpapier, als Schreibunterlage nur ein grober Sisalteppich zur Verfügung, während Adorno unten mit meinen Eltern am Nierentisch Liqueurwein trank und ungeduldig mit den Fingern auf die Lehnen des 50er-Jahre-Sesselchens trommelte. Er war übrigens taubengrau mit lila Punkten, – der Sessel, nicht Adorno.

Zwei Jahrzehnte später sitze ich in einer altmodischen Druckerei, die eher einem osttürkischen Basar gleicht, und zwar einem, in dem gerade ein Selbstmordattentat stattgefunden hat, und soll, weil es sich um eine Art Workshop handelt, vielleicht aber auch um eine Fortbildung, eine Geschichte schreiben, wobei in der gesamten Druckerei nicht ein einziges Fetzchen unbedrucktes Papier aufzutreiben ist; Schreibgerät gibt es auch keines. Nachdem ich ein furchtbar weinerliches Gezeter angestimmt hatte, des Tenors, ohne Material und Gerät könne ich nicht arbeiten, reichte man mir endlich, höhnisch grinsend, ein Stück Frischhaltefolie und einen lichthellgrau schreibenden, hauchfeinen Drehbleistift: Ich konnte selbst kaum lesen, was ich damit niederschrieb!

Zudem hatte ich meine Lesebrille nicht dabei. Wer setzt denn schon zum Träumen seine Brille auf? Es zog sich dann, dergestalt, dass man mir immer absurdere Surrrogate anbot; in einer Episode sollte ich mit einem komplett ausgelaufenen Filzstift um eine Krankenkassenreklame mit lauter lebensfröhlichen Menschen herum feinziselierte, hochartifizielle Literaturprodukte fabrizieren! Schließlich bestieg ich, entnervt, erschöpft und, wäre ich eine Comicfigur gewesen, gewiß mit lauter Blitzen und Totenköpfen um meinen Kopf herumschwirrend gezeichnet, einen Schusterschemel und hielt eine flamboyante Beschwerderede, in der ich die prekären Verhältnisse scharf verurteilte und vor weiteren Eskalationen warnte.

Das einzige Resultat war, dass man mir mit einer ans Putineske grenzenden Kaltschnäuzigkeit beschied, ich solle nun mal zu jammern aufhören und gefälligst etwas mehr Kreativität an den Tag legen. Kann es mir als Schwäche ausgelegt werden, dass ich unter diesen widrigen, ja niederträchtigen Umständen von meiner Geschichte nur ein einziges Wort ins Wachleben davon- und hinübertrug? Hier bitte dieses Wort. Es hieß: Nopil.

„Was soll das denn heißen?“ fragte die Gattin, der ich zum Frühstückskaffee den ganzen Quatsch brühwarm auftischte. „Ich habe keinen Schimmer“, antwortete ich, „es handelt sich um einen Namen, glaube ich, den Namen eines irgendwie unglücklichen, vom Schicksal hartherzig und mit tiefgefrorener Stiefmütterlichkeit behandelten Menschen…“„Du Armer“, murmelte die Mütterliche und bedachte mich mit einer Serie rascher, rhythmischer Schulterklopfer, die sie als „eben selbst erfundene Therapie gegen Verspannungen“ apostrophierte. – Kein Zweifel: Traum und Realität konkurrierten darin, mich nicht ernst zu nehmen!

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Hirnstaub

23. Juni 2012

Triumph des Willens, der Kraft, der Freude (Source: Wikipedia)

Mutter, die nunmehr wohl schon komplett hemmungslos Wahnsinnige, hatte mich mit Zwetschgen-Knödeln geknebelt. Humpf, humpf. Das Badewasser wurde kalt, die Finger schrumpelten, mein mattes Widerwort erstickte in grünblauem Badedas. Warum trug ich eine Krawatte beim Baden? Und sonst nichts und war nackig? Mutter klopfte mir sanft, aber methodisch mit einem Löffel auf den Kopf. Sie glaubte fest, ich wäre ein Ei. „Eichen, mein selig Eichen…“ summte sie versonnen und salzte mir schmunzelnd den Kopf. Dann sagte sie über mir ein Vaterunser auf, in der Absicht, darauf dann in Andacht und Dankbarkeit mein Eigelb-Hirn zu verspeisen. Ich verschwiemelte glanzlos, und meine verdrehten Augen wurden blau vom Schaum, ich rutschte, fiel, fiel und hatte den Himmel schon weit unter mir. Was sollte mir noch Sinn? noch Zweck? Mit letzter Kraft zog ich Mutter gemein an den dünnen Haaren. Sie, die Entfesselte, schrie schrill auf und holte Gott aus der Kittelschürze, um mich mit seiner Hilfe zu kujonieren. In der Gegenwart des HErrn beschlug jedoch ihre Brille.

Ich nutzte das aus, sprang aus der Wanne und stieß dabei gegen den dicken, hölzernen Vater, der ohne Nutzen in der Badezimmertür stand und fassungslos durch seine 60er-Jahre-Hornbrille glotzte. Ich fühlte mich wie in einem Film von Ingmar Bergmann! – Was für Wirrnis begegnete mir? War dies meine Kindheit? So ein widriger Blödsinn? Aber nein! Das war bloß Traum, Alb, schleimiger Nachtschrecken. In Wahrheit,  und dies zu betonen bin ich der Mutter schuldig, wurde ich nie gezwungen, nackt und mit Krawatte zu baden, sie knebelte mich auch nicht mit Knödeln, und das einzige, was einigermaßen stimmt, ist das mit Gott und dem Vaterunser. Den Rest hab ich geträumt, was freilich keine wirkliche Beruhigung darstellt, weil, bitte, warum träume ich denn heute noch so etwas?

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SPARGELonline ist mal wieder alarmiert: Die Lillipertulaner sind süchtig nach Quiz! – A, B, C oder D? Das ist die Welt-Frage, die Kleinwüchsige umtreibt, quält und beschäftigt! Das Leben ist ja ein multiple choice, ohne Aussetzen oder Publikumsfrage. Kein Telefon-Joker weit und breit. Unerbittlich fordert das Schicksal Entscheidungen und, blöd genug, sie sind immer, wirklich immer falsch. Soll ich in High-Heels sterben? Im Trainingsanzug? Ein Star in Gesang oder Tanz werden? Meine eigene Frau heiraten (vgl. Inzest)? Die Ukraine bokottieren? Oder gar einfach still in fader Bedeutungslosigkeit untergehen? Der Möglichkeiten sind bestürzend viele. Eine gute Muslima reüssiert wegen Kopftuchbehinderung nicht beim table dance, eine bayrische oder gar genuin Paderborner katholische Bauernmagd nicht im lukrativen Pornogeschäft und nie je, traun, wurde ein Zwerg Toptorhüter der Nationalmannschaft: Meine Möglichkeiten sind also begrenzt. Früher, als ich ein blutjunger, rotwangiger Punkrocker war, grölte ich mit Inbrunst: „No future!“ – Heute, wo ich tatsächlich keine Zukunft mehr habe, verstehe ich nicht mehr, was ich daran mal so toll fand.

Ansonsten ist natürlich alles ein Triumph des Willens, der Kraft, der Freude. Lebe deinen Traum! Du kannst Bundesbanker werden, Violin-Virtuose oder Golf-Magier, Hauptsache, du fängst mit drei Jahren an zu üben und sparst auf der Sonnenbank. Wer nur „schlafen, sterben, vielleicht träumen“ möchte wie Hamlet, fällt, padauz, durch den Rost. Karriere zum Knicken. Oooch, schade, aber unvermeidlich. Zum Glück gibt es guten Lebensersatz: Fußball, Olympia, Fürstenhochzeiten, Eurorettung, Rosé-Wein aus Spanien. Vor Fistel und fisten steht im Lexikon: Fiskalpakt. – Pain in my ass!

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Neuerdings habe ich einen Organspende-Ausweis, das ist meine Form von Optimismus bzw. Humor. Wer meine Organe kriegt, dem wünsche ich ja viel Vergnügen damit, aber das soll meine Sache nicht sein. Nach meinem Ableben lege ich keinen Wert mehr auf mich. Meinetwegen können sie auf meinen Knochen Marimba spielen. Akzeptabel fände ich es, wenn mein Schädel als Requisit in der Hamlet-Aufführung eines Behinderten-Theaters Verwendung fände.

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Francis Bacon hat gesagt, er hasse Bilder, die sich reimen, und gute Kunst sei alles, woran man sich hinterher nicht mehr genau erinnern kann. Das kann man so stehen lassen. Texte, die grooven, sind solche, wo man nie weiß, was im nächsten Satz kommt. Manchmal ist es bloß das plötzliche

Aus

Magister lacrimae

26. April 2012

Schönheit findet sich überall - selbst im Geddo!

Tränenlizenz – Kaum zu glauben: Selbst das stille Studierstubenleben eines eremitierten Rechtsschreibemönches ist noch dermaßen hektisch und unübersichtlich, dass man sich versehentlich abhanden kommen kann, vergesslichkeitshalber. Jetzt fand ich im Kohlenkeller etwa vergilbte Ausbildungsunterlagen, denen zufolge ich, seit neuerdings Geschlechterdiskriminierung verboten ist, praktisch als lizenziertes Klageweib arbeiten dürfte. Stimmt ja, ich habe damals bei der Koryphäe der Fundamentallamentologie, Arnold Winterseel, meinem unvergessenen Mentor und verehrten Traurigkeitslehrer, den magister lacrimae gemacht! Wer sich im Metier nicht auskennt: Ich bin dadurch befugt, nicht nur Kleinigkeiten zu betrauern, verlorene Schlüssel, entlaufene Ehefrauen oder verstorbene Haustiere, – ich darf vielmehr auch in großem Stil die menschliche Existenz beweinen, die sog. condition humaine und alles, bis hin zu Pestilenz, Krebs und Tod! Ich empfehle mich hiermit wärmstens der verehrten Kundschaft.

Was das kostet! –­ Der Sportkommentar wird mehr und mehr zum Gebiet der modernen Physik. „Die Bayern müssten jetzt Tempo machen! Aber das kostet Zeit!“ –  Und die krümmt sich in die Verlängerung.

Landleben – Ein Dorf in Südostwestfalen, in dem ich ermitteln muss. Oder nicht direkt ermitteln, sondern vielleicht bloß etwas mitteilen, so genau habe ich das nicht verstanden (Rauschen im Ohr). Man begegnet mir feindselig, bewirft mich mit Schimpftomaten, verkauft mir kein Bier und klebt mir herabsetzende Spottzettel auf den Rücken. Es herrscht Schützenfest oder Trödelmarkt, ein älterer Wallach wird versteigert und eine Horde angetrunkener Kleinwüchsiger umzingelt mich und versucht mir in die Schuhe zu urinieren. Ich fühle mich etwas unbehaglich, weiß dies jedoch wohl zu verbergen. Nur nichts anmerken lassen. Forsch und energisch trete ich auf wie ein echter Sonderbeauftragter oder Konfliktbereiniger,  beschwichtige, beruhige und schlichte. Allmählich legt sich die Volkswut. Man ignoriert mich jetzt – ein erster Erfolg meiner legendären Anpassungsfähigkeit! Ich mische mich unter die Eingeborenen, es sind ja auch nur Menschen, ich esse mit ihnen Wallachklößchen, kaufe sogar etwas Porzellannippes vom Trödel und verspreche ihnen die baldige Einführung des Fernsehens. Mit einer Pointe konnte der Traum nicht dienen – so ist das halt dort auf dem Land.

Ein Lied ­– Wenn man eine 1,5L-Flasche Cola light nimmt (da weiß ich’s ganz gewiss, aber vielleicht geht’s auch mit Mineralwasser), sie öffnet, sich ein Glas eingießt und hernach aber den Drehverschluss der Flasche nicht mehr gänzlich bis zum Anschlag zudreht, dann kann es sich zutragen, dass man ihm zu lauschen vermag, dem Gesang der Kohlensäure, einer feinlieblichen Musik für Zwerge mit langen Ohren, von erlesener Melismatik und enormer Expression, die reicht vom schüchtern-rhythmischen Wispern und fast tonlos brizzelndem Flüstern bis hin zu lang gezogenem, meditativen Fiepen, Schniefen sowie zart diskantem Pfeifen und Schweifen im Grenzfrequenzbereich des gerade noch Hörbaren: silbrig irisierende Feenklänge aus den Zwischenräumen des Seins, als spielte ein verborgener Persephonograph aus der Welt hinter den Scheuerleisten. Schau an, wie Recht er hatte, der gemütvolle alte Eichendorff: Es schläft ein Lied in allen Dingen! Manchmal wacht es halt auf und nervt.

Und wer, wir? (Mutter ruft an)

19. Februar 2012

Mutter ruft an!

Wörter, manche Sätze, Beifang in den Flachgewässern der Wachträume. Aber wie rasch auch wieder entglitten. Väter und Söhne sind Zwillinge, fiel mir ein, nur eben einwärts längs in die Zeit gedreht, mit den gleichen schreckgeweiteten Augen, der Vater voran, der Sohn, freilich ohne es zu wissen und erst spät erwachend, ihm nach. Flüchtige clairevoyance, unwiederbringlich schon wieder versunken, bevor notiert werden konnte, was sie für einen Moment zu begreifen gab. Wie können wir uns je verständigen? Das Gehirn erblüht zuweilen verfrüht im ersten Morgenlicht, verschwenderisch zaubernd in seiner Bildermacht und bleibt doch, wiewohl mein eigen, mir fremd, wie ein sehr fernes Tier: wie der Merlan, das Opossum, die Seeanemone – wir ahnen uns kaum! Unter dem Eis tragen die Stimmen nicht. Wie sollen wir uns finden? Und wer, wir?

„Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,
 / Wenn wir die irdische Verstrickung lösten, / 
Das zwingt uns stillzustehn“, so heißt es im Hamlet. Vielleicht. Aber es wird einem schwer gemacht. Immer um acht, am Morgen, ruft mich meine verstorbene Mutter an, aus Übersee, sie benutzt den batteriebetriebenen Wecker auf meinem Nachttisch dazu. Sprechen will sie nicht eigentlich, macht nur so pickende Geräusche, wie der Warnruf einer Drossel klingt es. Pick-Pick, dann lauter: Pick-Pick-Pick. – „Mutter, jetzt nicht!“ rufe ich stumm, „ich muss noch fertig träumen!“ Zu spät – jäh verblassen die Visionen, wie Polaroids, nur umgekehrt: Was Bild war, wird Schemen, Schleier und Schliere. In jedem Menschen schläft ein Mozart, ein Munch, ein Magritte, ein Musiker oder Malerfürst – und dann verscheucht Mutter die Musen!  Aber sie weiß es ja nicht besser, sie hat es immer gut gemeint, sie hat mich beschränkt gemacht aus edler Absicht.

Im Traum ein Tagesrest: Ich bin wieder Schüler und werde zur Gruppenarbeit verurteilt. Gepeinigt schreie ich: „Niemals! Hier ein ärztliches Attest! Diagnose Autist! Ich habe Asperger! Gruppenarbeit tötet mich!“  Oh das dumme Gelächter der Eltern, der Lehrer! Sie sind heute, vermute ich, alle schon tot, leiden Langeweile und vertreiben sich die Ewigkeit mit Scherzanruf und Klingelstreich. Die Menschen sind ein Maisfeld. Kaum brechen wir durch das Unterholz der Nichtigkeiten, richten uns auf, mit schwerem Atem noch und blutig geschunden, erblicken wir vor uns endlich den Weg, doch, ach – um ihn zu beschreiten gebricht es für heute schon an Kraft. Im Dunst der morgendlichen Dämmerung lächeln am Horizont die Hänge des Vergeblichkeitsgebirges, unbezwungen und entrückt.

Ist das Leben nur Mühsal und Last? Nicht nur. In der Küche waltet ja schon die Gattin und bereitet das Frühstück, die liebe, und grüßt mich mit linder Sorge: „Hat Mutter wieder angerufen?“ Ich tauche auf, schüttele mir das Fruchtwasser aus den Ohren, sammle mich und nicke, aber schon besänftigt, getröstet fast. Es riecht nach Realität und frischem Kaffee und in der Sonntagszeitung eingefaltet wartet die Weltlage.

Albtraumatlanten

4. Februar 2012

Weiße Flecken in Schwarzafrika

Ich besitze als Erbstück einen gediegenen, sommernachtsblauen Atlanten von 1905, in dem die Welt noch weiße Flecken der Unerschlossenheit enthält, vor allem in Schwarzafrika. Es handelt sich, obwohl er bescheiden unter dem Titel „Handatlas“ firmiert, um einen fast hundsgroßen, mit Goldprägung versehenen 40-Pfünder, über dem zu träumen einen massiven Ohrensessel und sehr starke Knie erfordert. Manchmal weiß man bei einem weißen Fleck auf der Karte nicht auf Anhieb, ob die entsprechende Gegend noch nicht erforscht oder bloß unbewohnt ist. Mich würde dies speziell für das Land Oklahoma interessieren, denn dorthin wanderten die Gebrüder Reinhold und Christoph H., meine Ur-Ur-Großonkel väterlicherseits, aus, und zwar aus Birnbaum, woher sie gebirtich; heute liegt das verträumte Örtchen an der Warthe-Schleife, um Juden und Deutsche sorgsam bereinigt, in der Woiwodschaft Wielkopolskie, Rzeczpospolita Polska, und heißt nun Międzychód. Damit aber genug der geographischen Pedanterien!

Meine beiden Ahnen sind, mangels Wildwesttauglichkeit, leider umgehend, kurz nach ihrer wohlbehaltenen Ankunft, in der Prärie verschollen. Verschollen, das ist übrigens 2. Partizip von „verschallen“, ein Wort, das längst nicht mehr erklingt. Es ist also seinerseits verschollen, das schöne Verb. Ich male mir gern aus, dass die auswanderlustigen Brüder von edelwilden Indianern der Marke Sioux massakriert wurden. Nicht dass ich ihnen das direkt gewünscht haben möchte, aber es wäre irgendwie romantisch und verliehe einem doch ein gewisses Flair, wenn man auf Partys, nachts in der weinseligen Küchenrunde, von einer Familiengeschichte zu erzählen wüsste, in der es von Tragischem und Exotischem wimmelt bzw. strotzt, z. B. von skalpierten Ur-Ur-Großonkeln väterlicherseits. Man wäre berechtigt, kurz und männlich beherrscht aufzuschluchzen, wonach einen möglicherweise Frau Frerkes an den wogenden Busen risse und einem mütterlich tröstend über den Kopf striche!

Wenn ich heute von der Lust überfallen würde, meinem Vaterland den Rücken zu kehren, fände ich Zuflucht auf den Hebriden, wo ich ein Stück Land besitze, einen Quadratmeter Schafsnasengrasnarbe in Küstennähe, eine Parzelle im Nirgendwo, die ich mal als Werbe-Gimmick drauf zu bekam, als ich im Internet eine Flasche sehr teuren schottischen Whiskys erstand. Er schmeckte ungeheuer authentisch nach verbranntem Torf, Salzwasser und Schafsexkrementen – ein Schluck, und man wähnte sich auf den sturmzerzausten Hebriden! Was man trinken muss, um da wieder wegzukommen, ist pauschalschriftlich nirgends erwähnt; man kann sich also ganz individuelle Trinkrouten ersinnen, zum Beispiel mit der MS Verpoorten nach Eierland, von dort den Rumgrogzug nach On-the-Rocks nehmen und dann gemütlich mit dem Riesling-Express wieder nach Hause in den Ohrensessel, wo man traumtrunken erwacht, um sich gnadenreich vage an erlittene Reise-Unbill zu erinnern.

Ein vierzigpfündiger, fast hundsgroßer Atlas eignet sich nicht zum Handgepäck, weswegen ich ohne ihn unlängst eine Traumreise in die Residenz Moers unternahm, um Fleisch und Hemden zu kaufen, ein Marktflecken, der in meinem Traum freilich nicht nur Ausmaße ungeheuerlichster Unübersichtlichkeit angenommen hatte und mit exaltiert Walt-Disney-haften Sakralbauten vollgestellt war, sondern auch einen labyrinthischen Grundriss besaß, so dass ich mein Fahrrad nicht mehr fand und den Weg verlor; unter anderem begegnete mir ein Mensch mit einem grässlichen, rosa-schleimig glitzernden Elefantenfuß, ferner, in einem Kinderwagen, ein Kopf ohne Körper, der jämmerlich vor sich hin greinte, sowie eine Menge durchweg freundlicher Einwohner, die mir den Weg erklärten, nur jeweils immer einen anderen. Wäre ich nicht vom dringlichen Dingdong der Türglocke erwacht, ich würde heute noch, die Hände voll rohem Fleisch und flatternden Hemden, in Moers herumirren.

Als ich jedoch nichtsahnend die Tür öffnete und davor meine beiden in karierte Reise-Plaids gehüllten Ur-Ur-Großonkel standen, mit blutüberströmten Schädeln und einem verlegenen Grinsen im Birnbaumer Bauerngesicht, da schwante mir freilich, der Traum sei noch nicht zu Ende, sondern drohe zum Alb auszuarten.

Traumberuf Truchseß

27. Januar 2012

Ein Truchseß werden!

Schon immer, so lange er denken, bangen und sehnen konnte, wollte Tobi ein Truchseß werden. Kein anderer Beruf kam für ihn in Frage. Sieben Jahre verdingte er sich als wandernder Vorkoster, stieg manchmal befristet zum Mundschenk auf, trug dann den hohen Hut mit Stolz und Würde. „Vorankommen!“ rief er sich schon vor Sonnenaufgang zu, „wer einmal ein Truchseß werden möchte, der rühre sich früh!“ Frisch das Schuhwerk poliert, die Wangen geschmirgelt und dann mutig heraus zum Markt der Praktikantensklaven getrabt! Traf er unterwegs vermeintliche Reichsverweser, riss er sein besticktes Mützchen vom Kopf, entbot den vorschriftsmäßigen Gruß und bekannte ihnen: „Ich lebe nämlich meinen Traum!“ Gleichgültige Blicke fochten ihn nicht an; ein flüchtiges Stirnrunzeln schon nahm er als günstiges Zeichen und Ansporn, seine Anstrengungen zu verdoppeln.

Vom Onkel, dem er ein wenig leid tat, bekam Tobi einen Schubkarren geschenkt, da schaufelte er seine Mappen hinein und schuf sie am Nachmittag zum Bewerbungspostamt, immer ordentlich mit Passbild drin, tabellarischem Lebenslauf und allem Pipapo. „Traumberuf Truchseß!“ schrieb er jeweils darüber, und „Ich bitte höflichst, einer Antwort gewürdigt zu werden“ darunter.

Abends saß er beim Schein der Petroleumlampe am Küchentisch, studierte die heiligen Benimmbücher, memorierte Königslisten (Merowinger, Ottonen, das ganze Programm) oder schneiderte an seiner selbst entworfenen Uniform, denn von einem Truchseß, daran glaubte Tobi fest, erwartete man tadellose Gepflegtheit in Kleidung und Auftreten. Wurde es spät, strich ihm wohl einmal die Mutter übers Haar und bat ihn sanft, den nötigen Nachtschlaf nicht zu vernachlässigen. „Ach, meine gute, liebe Mutter“, sprach der Strebsame dann, „ich muss doch an meiner Zukunft arbeiten, damit ich meinen Traum leben kann!“ Den von Sorgenfalten gesäumten, zu Tränen bekümmerten Mutterblick nahm er schweren Herzens nicht zur Kenntnis. „Wer eine Karriere in meinem Fach anstrebt, der muss es sich sauer werden lassen“, beruhigte er sich, und übersah geflissentlich selbst die sich anbahnenden Anzeichen seiner bestürzenden Gesundheitsverkümmerung.

Das Märchen tritt hier ein wenig auf der Stelle, deswegen führen wir rasch den Vater ein und regen an, ihn ein Machtwort sprechen zu lassen. Also poltert er, der Hierarch und gütige Wegweiser, donnernd in die Küche und aus seinem sympathischen Herrschermund entrollt sich ein Spruchband, auf dem steht in Fraktur: „Bub! Lass ab von deinem Traum! Und wisse – deinen Beruf gibt es nicht! Du gehst jetzt in die Schule wie andere Kinder auch!

Vergeblichkeitsempfindungen brachen einigermaßen schwallartig über dem Kind zusammen. Drohend erhob sich ein Trauma. In höchster Not brachte das „Große Volksbuch der Seelischen Zerrüttungen“ im Bücherschrank Hilfe: Vatermord nach Professor Freud! Tobi eilte zurück, wo unterm Küchenhimmel noch das väterliche Spruchband hing. Hitzig schrillte es aus dem noch weichen Kindermund: „Bei meiner Seele, Herr Vater! Meinen Traum lasse ich nicht! Eher musst du sterben, und zwar nach Professor Freud!“ Mit diesen Worten der Rebellion zerschnitt er das schriftlich verbietende Spruchband und sprengte hinaus auf die Straße der Freiheit. – Wer nun also in Gottes Namen Verwendung für einen Truchseß hat, der erbarme sich doch des armen Kindes und nehme sich seiner an meiner statt an!

Beim Angstarzt

22. Januar 2012

Traumberuf Chefarzt

Kurz vor Anbruch der Morgendämmerung war ich wohl ein junger Arzt. Ich habe  triftigen Grund, dies anzunehmen, denn eine ältere Dame, die vor meinen Augen mit Krämpfen aus dem Bett fiel, gab zu wissen, dieses Ungemach geschehe unter meiner Obhut, und, sofern sie jetzt evtl. stürbe, sogar auf meine Verantwortung. Ooh ooh! Jäh erschüttert rief ich geistesgegenwärtig nach dem Chefarzt der Klinik. Er eilte herbei, eine Aura von Wichtigkeit um sich verströmend. Ob er aber auch wirklich ein Arzt war, daran gab er mir Anlass zu zweifeln. Hilflos umstanden wir nämlich gemeinsam, wenn auch vertikalhierarchisch um Meilen getrennt, eine geraume Weile konsiliarisch die verkrampfte Dame, die sich hilfeheischend auf dem Boden wand. Ich registrierte flüchtig, dass sie eine mit faustgroßen roten Rosen bedruckte Kittelschürze trug, verwarf diese Wahrnehmung jedoch als medizinisch irrelevant. „Wir sollten eine Infusion legen!“ schlug ich vor, denn in Krankenhaus-Serien sagen junge Ärzte so etwas, zumeist zwischen Wissensstolz und Befangenheit vor dem großen Chef schwankend. Dieser indes trat vor Wankelmut und unterdrückter Inkompetenz förmlich bebend von einem Fuß auf den anderen und replizierte: „Och, ich weiß nicht, sagen wir, na – vielleicht morgen mal irgendwann?“ – „Nein!“, stieß ich mit aufbrausender Selbstsicherheit hervor, „kommen Sie, Chef! das machen wir jetzt sofort! Morgen könnte es angesichts des desolaten Zustandes der unserer Obhut überlassenen älteren Rosen-Dame bereits zu spät sein!

Diffuses murmelnd und mit sichtlichem Widerwillen lud mir der Chef diverses Gerät in die Arme, Ständer, Stative, Stangen, Stäbe sowie ca. zwei Pfund Schlauch & Kabelsalat. Freilich, wie alles zusammengesteckt, geschraubt und verkabelt werden sollte, zumal unter lebensbedrohlichem Zeitdruck,  diese ominösen Schläuche, Kabel und außerdem noch die notorisch schicksalshaften Pieps-Dinger, wie sie auf Intensivstationen gebräuchlich sind, und die, falls man Pech hat, mit monotonem Geräusch den leider eingetretenen, beklagenswerten Tod des Patienten anzeigen, nun, das wusste er nicht und ich auch nicht.

Die ältere, uns anvertraute Dame machte sich derweil schon durch eindringliches Röcheln vernehmlich. Es klang beunruhigend nach etwas, was der Fachmann Agonie nennt. Der Chef legte seine überaus gepflegten, perfekt manikürten, bewundernswert fokussierten Arzt-Hände mit den Fingerspitzen konzentriert auf den Tisch und sprach: „Ich sollte jemanden anrufen, warum und wie so was geht, hier, Dings, das mit der Impfusion…“, und seine pianistisch-virtuosen Chirurgenhände wählten sensibel den Notdienst an der Pforte. Währenddessen fand ich, einem heilenden Instinkt folgend, die richtigen Schlauchschraubverbindungen doch noch und infundierte der kollabierten Dame flugs und entschlossen zunächst erst einmal Beruhigendes, dann Hilfreiches. – Aah, sie atmete!

Normalerweise ist Atmen kein Anzeichen für etwas medizinisch irgend  Besonderes, durfte in diesem Fall aber als Genesungszeichen wohlwollend gewürdigt werden! Die geblümte Dame erholte sich zusehends und die Kittel-Rosen erblühten zu neuem Leben. – „Puuhhh!“ hörte ich mich sagen, „Chef! Da haben wir uns aber mal echt als Ärzte erwiesen!“ Denn, so ist’s nun mal, was hilft, hat Recht! Unter uns Fachleuten heißt das „evidenzbasiert“, was bedeutet, wenn es hilft, war es gut, sonst möglicherweise leider nicht so.

Aus diesem Arztangsttraum erwachte ich mit Selbstzweifeln. Verhält es sich denn so? Befähigt das gewissenhafte Anschauen von Arzt-Serien im Fernsehen wirklich zu lebensrettenden Maßnahmen? Ganz sicher bin ich mir nicht, und ich weiß auch nicht, ob ich im Sterbenskrankheitsfalle mir selber in die Hände fallen möchte. Andererseits, der Kittel stand mir gut und ich machte eine insgesamt ja  kompetente Erscheinung.

Die geblümte Dame, deren Leben ich, nicht zuletzt durch Mut, Zivilcourage und Wagelust gerettet hatte, war übrigens Frau Frerkes! Ich habe sie dann aus Dankbarkeit geheiratet. Unsere Fernbeziehung – Frau Frerkes lebt ja in Argentinien – würzt unser Geschlechtsleben ungemein. Letzteres möchte ich jedoch als private Mitteilung, gegen entsprechende Gebühr, nur im Privatfernsehen mitgeteilt wissen! Das gebietet die ärztliche Schweigepflicht! Und Arzt, das war ich ja nun mal, im meinem Traum, ist ja nicht ohne! Mein  vielleicht nur vorgespiegelter Chefarzt hat übrigens in der Nähe von Buenos Aires ein Restaurant aufgemacht. Er behauptet auf einer Ansichtskarte, die er mir schickte, es läge „direkt am Jakobsweg“! – Nur: Kann man „Ärzten“ trauen?