Posted tagged ‘Brust-OP’

Umheimliche Begegnung am Brückenplatz (steampunk)

16. Januar 2012

Professor Freud mit neuem Triebmodell (Fotoquelle: http://www.untote.cc/2008/07/21/steampunk-artwork/)

Die Menschen, scheint’s, werden zunehmend wunderlicher, ich bemerke das durchaus, ihr abgeschmacktes Auftreten, das flirrend Narrenhafte und Flamboyante ihrer Kleidung und wie sie hinterrücks mit toten, farblosen Augen mir Löcher in die Welt bohren! –

Gestrigen abends war es spät geworden; ein langer arbeitsreicher Tag lag hinter mir, sowie noch eine sowohl detaillierte als auch epische Schilderung der Gattin, wie sie selbigen Tages eine Brustvergrößerungsoperation gefilmt habe, wobei es aber der Tontechnikerin blümerant geworden sei, weil sie nämlich das Blubbern, Zischen, Knirschen und saugende Schmatzen des Fleisches direkt auf die Kopfhörer übertragen bekommen musste und zwischen ihnen, den Kopfhörern, eben nicht genügend Platz zu finden gewesen sei, um sich dem fleischlichen Elend flüchtend zu entziehen, – so dass ich, diese Erzählung auf dem Heimwege ins Büro noch ventilierend, mich für berechtigt hielt, mir am Büdchen auf dem Brückenplatz eventuell ein kleines Fläschchen Jägermeister zu erstehen: Man ist ja, wie es der Präsident unserer Republik sachdienlicher Weise formuliert hat, „auch nur ein Mensch“. Aber stimmt das denn auch und passt auf alle?

Wie ich nämlich gerade in den Hosentaschen nach kleiner Münze grub, um ein Schlückchen vom hilfreichen Kräuterlikör zu erwerben, traten mir wie aus dem Nichts entsteigend drei unheimliche, schwarz gekleidete Geschöpfe der Nacht entgegen, eines wohl männlich, eines ein fettes Mädchen, sowie ein ungeheuer langes, mich Norm-Riesen weit überragendes, klapperdürres Gespenst unbestimmter Geschlechtszugehörigkeit, das, nach steampunk-Art gewandet, sich mit schulterlangen, neonbunt durchflochtenen Dreadlocks schmückte und eine Brille mit gruftgrünen Gläsern (goggles) in die Stirn geschoben hatte. Das Gothic-Mädchen hingegen war nur notdürftig aus breitem, weißem Hefeteig geknetet, aber derart eng bestrumpft, gegurtet, umpuschelt, gehalsbandelt, vernietet, umkettet, abgespachtelt und generalübertüncht, dass es von ganz allein in der Form seiner Umrisse verblieb, was den Dritten im Bunde der apokalyptischen Triole zu einem gewissen Frauen-Besitzerstolz animieren schien. Selbdritt starrte man mich aus feindseligen Kajal-Augen an, als sei ich der personifizierte Absturz, der schwarze Morgen-Kater, das wandelnde Entzugssyndrom. „Wartet, wartet, ihr drei Schönen…“, japste ich mit unnatürlich hoher Stimme, denn ich wollte einen Beweis, „darf ich euch…“ – Ich wollte sagen: „…vielleicht fotografieren?“, aber da waren die drei schon genauso totenstumm und maskenschweigend wieder in der Nacht verschwunden, aus der sie sich zuvor so instantan manifestiert hatten.

Wie ich aber nun heute des morgens, am frühen Sonntag, auf dem nämlichen Brückenplatz, die dorten firmierende Bäckerei Bolten betrat, um, wie es meine gute, bewährte Gewohnheit ist, frische Brötchen zu kaufen, damit ich in der Folge frühstückshalber kommod der Gattin beizuwohnen in die Lage käme, fand ich sie, die Bäckerei, knüppeldicke besetzt, voll gestopft und nahezu verrammelt mit Scharen bestürzend ungefüger, grobschlächtiger, teilweise auch hässlich entstellter Brillenträger vor, welche in dummen, ja geradezu frappant albernen hellblauen Uniformen aus dem frühen 19. Jahrhundert steckten, welche ihnen sei’s viel zu groß um die Knochen schlackerten, sei’s spack und wurstig um die ausladenden Hüften spannten,  dergestalt dass sie, die urplötzlich emergierten Karnevalsjecken, denn um nichts anderes handelte es sich bei dem pickligen, unfrohen Volk,– am Ladentresen unentwegt eine, haha! „steife Latte“ und Zwiebelmettbrötchen „aber ohne Zwiebeln“ ordernd –, mir jede Aussicht auf zeitnah zu erwerbendes Backwerk raubten, was in mir, so früh am Morgen, heftige Anwandlungen von Misanthropie, wenn nicht sogar schlimmer, bösartiger Anthropofugalität verursachte, sintemalen ich, eben um diese Zeit, von einer enormen ästhetischen Hypersensitivität geplagt werde, die in reziprokem Verhältnis zu meiner mitmenschlichen Toleranzschwelle steht.

Was, frug ich mich, hat denn dieses idiotische Narrenpack, dieses urdeutsche Demenzphänomen  und Belästigungsgesindel, morgens um halb zehn, am heiligen Sonntag, ausgerechnet bei uns im Geddo zu schaffen? Ist denn, halten zu Gnaden, die Menschheit nunmehr ganz und gar aus dem Häuschen geraten? Aus dem urgemütlichen deutschen Haus- und Gemeinwesen ist wahrhaft ein bizarres Charivari geworden, in dem Tag und Nacht, Sinn und Nonsense, Menschliches und Gespenstisches schrill kichernd und haltlos ineinander gleiten, uns Gutgesinnte und gemütvolle Herzenstakt-Besitzer böswillig verwirrend, behindernd und ängstigend! Wie soll das noch auskommen?

 * * *

Apropos: Kürzlich hörte ich mich gesprächsweise behaupten, das voluminös gleißnerische Gesamt-Werk des Scharlataneriewarenhändlers Prof. Sigmund Freud mit all seiner vollrohr verschlungenen Psycho-Hydraulik, seiner plüschig-sofaesken Dampfsexualität und der wirren Bricolage aus Ventilen, Druckmessern und mystischen Triebwerken sei recht eigentlich eine veritable steampunk-Wissenschaft, eine phantastisch-retrofuturistische, viktorianische Bastelei von monströser Schönheit zwar, wiewohl dennoch letztlich auch zur Gänze nutzlos.  Ich rede viel, wenn der Tag lang ist, doch dieser Gedanke erschien mir noch lange, bis in die tiefe der Nacht hinein, haltbar. Wenn nicht sogar ausgezeichnet!