Archive for the ‘Lesefundfruchtstückchen’ category

Dringender Aufruf

6. Dezember 2011

Was Robert Walser kaum für möglich hielt: Ein Zarter, Großer! Eine Art Genie...

Demnächst, habe ich mir vorgenommen, werde ich eine krachende Eloge schreiben. Das kann ich zwar nicht so gut wie Verrisse, aber ich werde mir alle Mühe geben. Gott, wann LOBE ich denn schon mal? „Loben“ passt auch gar nicht – wer bin ich denn?! Hier ist pur rückhaltlose Bewunderung angesagt! In die Rubrik „Meine Idole“ passt er zwar nicht, weil er noch (mit knapper Not und ohne große Perspektiven) gerade so noch lebt und ich eigentlich nur bereits gut abgehangene und mindestens lange verstorbene Literaten idolatriesiere, – aber Leute, wahrlich, ich sage Euch: Wer in der tristen, sturzöden und strunzdoofen sog. Gegenwartsliteratur nach lichtvollen, ja erleuchteten Perlen sucht, der lese: Wolfgang Herrndorf, lese seine Bücher („In Plüschgewittern“, „Jenseits des Van-Allen-Gürtels“, „Tschik“ und „Sand“) sowie unbedingt wie seinen Blog „Arbeit und Struktur“!

Wäre er mein Sohn, was altersmäßig gerade so hinkäme, meine Todesart wäre gebucht: Platzen vor Stolz! Wer Herrndorfs Sachen liest, ist hingerissen, verliebt und berauscht, hin und weg, ein bisschen neidisch –  oder aber hoffnungslos blöd. Schon wer bloß sein Blog studiert, und sich nicht an der tragischen Situation dieses gottvollen Mannes festsaugt (Glioblastom, geringe Lebenserwartung usw.), der lernt (fast) alles übers Schreiben, nämlich vor allem mal wieder, dass das ungemein viel Arbeit macht und die hohe, aber auch quälerische Kunst des Weglassens und Wegstreichens voraussetzt. Oder dass man, um komische Sachen zu schreiben, ein verflucht trauriger und ein bisschen autistischer Weltfremdling sein muss.

Ich übe mich – stümperhaft freilich – in der Kunst des Weglassens, indem ich hier auf jegliche Begründung verzichte. Ein Mann, der über meine Heimat Sätze schreibt wie: „Hinter Schleswig wird der Himmel hoch und strahlend wie eine renovierte Altbauwohnung“, der muss schon allein deshalb Beachtung finden. Darüber hinaus ist Wolfgang Herrndorf ein ungemein komischer Tragiker, trauriger Humorist und ein Stilist, der einfach schreiben kann wie eine gesenkte Sau. Seit Salinger (entschuldige, Herr Herrndorf, ich weiß, wie sehr Sie dieser Vergleich nervt), hat niemand derart präzise, einfühlsam, klug und witzig über die Psyche heranwachsender männlicher Jugendlicher von 13 bis 33 geschrieben; beim Lesen kommen mir manchmal echte Tränen: dass es so etwas noch gibt! – jemand, der Herzenstakt und Bildung, Jugendwut, Energie und Elan mit geradezu frappantem Sprachgefühl und weltweiser Einsicht verbindet, das hätte ich von besagter Gegenwartsliteratur nie nicht mehr erwartet. Wie er heißt? Ich sagte es vielleicht schon: Wolfgang Herrndorf.  Wer stirbt, ohne ihn gelesen zu haben, hat, zumindest ab jetzt, selber Schuld!

Lebende Idole? Nun ja, ich schätze Eckhard Henscheid, Max Goldt und Eugen Egner, aber Wolfgang Herrndorf … würde ich gern SEIN! Ach ja? Auch mit Hirntumor? Verflucht, Scheiße, ja, zur Not sogar das! Ich kenne ihn nicht, ich bin nicht mit ihm befreundet, aber, um noch mal Salinger zu bemühen, er gehörte wohl zu der Klasse der Schriftsteller, die man nachts, in schlimmen Stunden, gern mal anrufen würde. Was ich mich natürlich nie trauen würde.

Einem todkranken Genie Blumen ins Krankenhaus schicken, wär ja wohl eher so ein Mädchending. Meins dann wenigstens dies: Der Aufruf an meine ca. 45 LeserInnen, Follower und virtuellen Freunde: Besorgt Euch Bücher von Wolfgang Herrndorf! Er ist, und das sage ich jetzt mit dem vollem Gewicht meines literaturwissenschaftlichen Magistertums: ein Großer! Ein Guter! Einer von uns!

Eilmeldung + + + Guttenberg für unzurechnungsfähig erklärt + + +

29. November 2011

Er sagt, er wars nicht!

Jahrelang hatte eine Serie von Schwindeleien, Geschummel und Betrug Deutschland in Atem gehalten. Jetzt die sensationelle Wendung: Der berüchtigte Schummeldoktor, der zeitweise in die USA geflüchtet und dort – nach einer Gesichtskorrektur, einem Friseurbesuch und einer Brillenoperation als Lothar Matthäus verkleidet –  untergetaucht war, soll zur Tatzeit unzurechnungsfähig gewesen sein! Das würde ihm wohl das Gefängnis ersparen. – Opfer reagieren verstört auf die Nachricht.

 Die Pressemeldung schlug am Nachmittag ein wie eine Bombe. Professor Dr. No, Sprecher der Psychiatrischen Uni-Klinik Bayreuth, erklärte, es deute alles daraufhin,  dass der überführte Serien-Kopierer und Plagiator unter bizarren und größenwahnsinnigen Zwangsvorstellungen leide. Unter anderem soll er über sieben Jahre lang an vier Kopierern und achtundzwanzig Rechnern gleichzeitig Fremdmaterial aufgehäuft und solange systematisch durcheinander gebracht haben, bis er es versehentlich für eine Ausgeburt seines eigenen kranken Gehirns hielt. Zwanghafte Grandiositätsphantasien hatten den „Irren von Culmbach“ kürzlich noch ankündigen, er müsse „jetzt mal dringend das deutsche Volk führen, befreien oder ordentlich durchkopieren, egal“, sowie wirre Drohungen gegen die „scheiß Medien und alle“ ausstoßen lassen.

Möglicherweise sei eine bösartige Schwellung der paarigen Ego-Furunkel im großen Schädelschmierlappen für die Wahnkrankheit des einstigen Hoffnungsträgers verantwortlich, so die Forensiker. Diese Erkrankung führe häufig zum Verlust des Unterscheidungsvermögens von mein und dein und zerstöre im weiteren Krankheitsverlauf die Fähigkeit, Schuld zu empfinden und für seine Taten Verantwortung zu übernehmen. Die Heilungschancen, so das Gutachten der Uni-Klinik, seien gering. Resozialisierung gelänge in solchen Fällen nur selten.

Frühstückskriminalistik (Die lügnerische Tochter)

24. Oktober 2011
So ginge es natürlich auch. (Foto-Quelle unbekannt, natürlich)

Herrlich kommodes, besinnliches Eheleben: Am Wochenende nach dem Frühstück beim Kaffee sitzen und, obwohl wir beide nicht katholisch sind, die Samstagsausgabe der „Rheinischen Post“  teilen. Egal, gerade deswegen: Katholisch erwachsen gemeinsame Zeitungslektüre, einhellig zwischen Weltverachtung und Realitätsverblüffung, Lachen und Kopfschütteln, Suizidneigung und Lebensjubel, usw. – Der Blick der Gattin wird erst beim Anzeigenteil wach. „Hör mal…“, sagt sie plötzlich und runzelt grüblerisch die Stirn, „… hör doch mal!“

* * *

 Der Text der kryptischen Anzeige aber lautete, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr, so:

 „Für meine Tochter

Bitte nicht weiter lügen.

Ich weiß Bescheid, dass Umzüge

laufen. Bin zu einem Gespräch

bereit und stehe hinter Dir.

Kommt bitte beide vorbei.“

 * * *

 Nach hinreichend langer Ehe sieht man nicht nur die Filme im eigenen, sondern auch die im Kopf der Gattin ablaufenden, und das kann beunruhigend wirken, wegen der Kontraste und, nun, der … Interferenzen. Stumm telepathisch einig waren wir Frühstückskriminalisten uns immerhin darin, dass die Annonce von einer Mutter stammen musste. Männer begehen nicht diese Art Denkfehler. Auch die Überlegung, wie viele anonyme Töchter sich durch die Botschaft einer namenlosen Mutter angesprochen fühlen dürften, war uns gemein, desgleichen, dass man unter „beide“ wohl das gleißnerisch verlogene Fräulein Tochter sowie ihren obskuren Lover, Stecher oder Schwängerer  zu vermuten hätte. Vielleicht ja ein Türke! Zum common sense durfte ferner gehören, dass ein Vater niemals mit „beiden“ sprechen wollen würde, sondern sich wohl vorerst den Knilch, das Jüngelchen, den „verdammten Frechling“  zur Brust genommen hätte.

 * * *

 Bedrohlich und kontrovers beurteilt wurde indes die unheilschwangere Andeutung, dass „Umzüge laufen“. Umzüge! Man bedenke das! Und sie „laufen“ bereits! Wieviele Leute ziehen da um, nomadisieren, wechseln ihre Adressen, verschwinden und sind womöglich nur noch durch Zeitungsanzeigen auffindbar! Der Abgrund eines ziemlich verzweifelten Durcheinanders tut sich auf. Man sollte die Polizei einschalten, oder besser noch RTL.

 * * *

 Meine lässig hingeschlenzte Bemerkung, „bitte nicht weiter lügen“ sei ja nun freilich eine Aufforderung, die gerade an mutmaßlich pubertierende oder bereits adoleszierte Töchter definitiv eher verschwendet sei, bedachte die Gattin mit kaltem Blick. Mütter! Andererseits ist dieses penetrante Bescheidwissertum ja nun typisch für Mütter, oder? Dass Mütter immer über alles Bescheid wissen, nervt und ist gerade kein Grund, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Andererseits, zugegeben, gehört es ebenfalls zu ihrer Definition, immer hinter einem zu stehen. Das ist gewiss ehrenwert. Aber sollte man deswegen gleich ein „Gespräch“ mit ihnen suchen, den Müttern?

* * *

 Andererseits aber: Warum lügt diese Tochter denn nur immer? Und warum hat sie keinen Namen? Sie heißt doch bestimmt Chantalle, Jaqckeline oder wenigstens Jassmin-Nikolle? Ist sie vielleicht bloß untergetaucht („umgezogen“), weil sie es satt hat, von ihrer Mutter mit Zeitungsanzeigen terrorisiert zu werden? Könnte doch sein! Wär ja nun nicht das erste Mal.

 * * *

 Der Fall bleibt ungelöst, vorerst, und ohne Pointe. – Also wenn die Tochter dies liest, soll sie sich bitte melden. Bald und egal wo, ich bin da und gesprächsbereit.

Sterm lernen (Geniale Gene)

5. Oktober 2011

Obwohl ich deren absurd überdrehten Primitivpopulismus manchmal – mit leichter Ekel-Faszination – durchaus zu goutieren weiß, kauf ich die BILD-Zeitung nicht; das beruht nicht auf rationalen Gründen – ich bin halt mit der Idee sozialisiert worden, dass das ein grundbös verderbtes, menschenfeindliches Drecksblatt sei, das zu lesen gleichsam bedeutete, den Satan unterm Schwanz zu küssen. Natürlich ist das Unfug, aber gegen Überzeugungen, die in Jahrzehnten bis in die letzten roten Blutkörperchen vorgedrungen sind, rechtet man selbst mit sich selbst vergebens.

Jetzt aber nun lag zum 3. Oktober eine Gratisausgabe im Treppenhaus, und da hab ich halt blindlings zugegriffen, weil sich mir die Schlagzeile „Diesen 100 Deutschen gehört die Zukunft“ versehentlich ins Auge gebohrt hatte. Auf fein, das les ich jetzt mal, dachte ich, von einer flüchtigen Verstandeseintrübung beschattet, denn ich kenne zwar Leute, denen halb Deutschland gehört, aber gleich die ganze Zukunft? Das Studium der Liste eminenter Mustermenschen, die, so BILD, „mit ihrer Arbeit und ihren Ideen unser Land verändern“, bereicherte mich zuvörderst um eine Reihe neuer Wörter, die ich in runder Kleinmädchenschrift säuberlich in mein Vokabelheft eintrug: Catwalk-Gazelle, Latzhosen-Pirat, Twitter-Goethe, SPD-Generalwaffe. Hm, soso.

Unter allerhand Jungsschauspielerinnen und Herrenmodemodellen stach ein rötlich-semmelblondes, pausbäckiges Kleinkind (19 Monate) hervor, das auf dem Foto kindstypisch dümmlich und optimistisch in die sonnige Zukunft blinzelte und frappierende Ähnlichkeit mit dem Knäblein aufwies, das früher die Packungen von Brandt-Zwieback zierte. Vermutlich ein Wunderkind, denn es wunderte mich doch, wie man in derart frischem Alter schon mit seiner Arbeit und seinen Ideen das Land verändert; um der Wahrheit die Ehre zu geben, sah das Bübchen eher nach der Art Konzentration aus, die man ausstrahlt, wenn man erstmals auf dem Töpfchen sitzt und seinen Eltern unbedingt eine Freude machen will. Die erläuternde BILD-Bildlegende versicherte, es handele sich beim Erstmals-auf-dem-Töpchen-Hockenden um Amadeus (!) Becker, den vorerst letzten Spross von Boris Becker und irgend so einer Frau oder was. Ja und? dachte ich herzlos, ein behindertes Kind halt, was solls! Wieso wird DAS denn Deutschland verändern? Nun, BILD, die es wissen muss, weiß es auch: Das Kind hat nämlich, was man ihm gar nicht ansieht, „geniale Gene“! Weil es von einem einfältigen, zusehends schwer verlotterten, kognitiv massiv beeinträchtigten Ex-Filzball-Prügler und einem lebenden Kleiderbügel abstammt?

Während ich mir noch vorstellen kann, dass der geniale Töpfchen-Tropf dereinst eine Karriere als BILD-Redakteur einschlagen könnte, um dort geniale Formulierungs-Granaten zu drechseln, reicht meine Phantasie nicht hin, um mir vorstellen, was für eine Deutschland-relevante Zukunft Ferdinand Zvonimir (!) von Habsburg (14) verspricht. Der kleine Prinz besitzt außer einem korrekten Seitenscheitel noch die Qualifikation, als „zukünftiger Chef des Hauses Habsburg“ einer der „ehrwürdigsten Dynastien Europas“ (BILD) anzugehören. Das mag ihn evtl. dazu befähigen, dermaleinst eine Doktorarbeit abzuschreiben und transatlantischer Interkontinentalclown zu werden, der ehrenamtlich in einer amerikanischen Denkfabrik am Fließband steht wie Karl Theodor vonundzu, aber dass die „ehrwürdigste Dynastie Europas“, will sagen die dreimal verfluchten Habsgierer in Deutschland noch einmal eine Rolle spielen, nein, so grausam kann der Engel der Geschichte nun doch nicht sein, oder?

Mein depressiv-aggressiverer Anfall begann galoppierende Vehemenz anzunehmen, als ich ferner las, Deutschlands Zukunft würde gestalterisch, neben dem blonden Scheißerchen und dem kleinen Prinzen, auch noch von dem sprechenden Gemüsehobel Jimi Blue (!) Ochsenknecht bestimmt. Das ist dieser eine, enorm backpfeifengesichtige Sohn des mittelbegabten Glupschaugen-Dramatikers Uwe; der andere heißt Wilson Gonzales (!) und seine Schwester Cheyenne Savannah (!). Die Ochsenknechts gehören zweifelsfrei zu den ehrwürdigsten Proll-Dynastien wenn schon nicht Europas, dann doch von München-Grünwald, einem sauteuren Um-Gottes-Villen-Viertel, in dem Jimi Blue und Wilson Gonzales zu  VIVA-tauglichen Gettho-Strassenkids und Gangsta-Rappern heranwuchsen.

Unterm Strich liegt, glaubt man BILD, die Zukunft unseres Landes überwiegend in den Händen von Schauspielerschnepfen, Sportidioten und mittelprächtigen Show-Sternchen mit Prolletten-Namen, die ihre mittlere Dschungelcamp-Reife anstreben, mit anderen Worten: BILD lesen heißt sterben lernen, denn wer wollte in so einer Zukunft leben? Ich jedenfalls nicht. 

Er hat „Hitler“ gesagt!

3. August 2011

Er hat "Hitler" gesagt!

Frühmorgens im Sommerloch. Bei einem Becher unfair gehandelten Kaffee begrüble ich gerade schlaftrunken das frisch aufgeschnappte Wort „Mitleidsmüdigkeit“ (die Spendenindustrie mault über Geldstromausfall), – da schlägt der Erregungsinfarkt zu: Huch! Huhah! Heiner Geißler hat „Hitler“ gesagt! Boah! Unfassbar! So spricht ja wohl der Ungeist des Rexechtstremstmismus! Antifaalarm!

Wie? Was? – Er hat gar nicht „Hitler“ gesagt?  Iwo, noch viel braungrausiger! Er hat „Wollt ihr den totalen Krieg?“ gesagt! Schockwellen durchrasen das Land. Gänsehaut pur! Die Journaille sprintet & springt  im angestammten Zweieck! Überall in den Redaktionen müssen die Praktikanten ’ran,  um den Geißler zu geißeln. Menno, man kannonnich „totaler Kriech“ sagen! Das ist doch astreiner Stürmerstil! Das ist so was von 40er! Menschenverachtend! Echt die unterste Schublade von Dr. Goebbels’ Giftküchenschrank!

Also, ich bin mir nicht sicher – sind das nun sommerloch-bedingte Arschbomben im Wasserglas oder ist die zerebrale Vollverklinkerung der Pawlow’schen Diskurspolizisten schon so weit gediehen, dass die rostige Hirnspieldose quasi vollautomatisch losrattert, sobald ein Reizwort klingelt? Könnte ja sein. Also flugs das Hetzmützchen auf den Brausekopf und ab in den antifaschistischen Kampf! Den Nazi-Geißler mal fix durch-googeln, vielleicht hat er ja auch noch „Autobahn“ gesagt oder „Heil“ oder gar „Winterhilfe“!

Nun kann man von einem knapp der Uni entlaufenen Mittdreissiger, der bei SPIEGEL, SZ oder taz online die Meinungsmühle drehen darf, nicht erwarten, dass er weiß, was eine Metapher ist. Sie haben halt am schiefen Elfenbeinturm von Pisa studiert und deswegen alle bloß Sudoku-Diplom. Und dass Geißler lediglich drastisch den hirnverbrannten Glaubenskrieg der Kopf- und Fußbahnhöfler ob deren totaler Bockigkeit anging, um diese verstockten Stuttgarter Bahnhofsnazis wegen ihrer verschmockten Verbohrtheit zur Räson zu bringen, das überfordert den Durchschnittshirni mit BA-(„Bloß-Angefangen“)-Abschluss natürlich empfindlich. Kommentieren geht eh vor kapieren. Und als diplomierter Zeithysteriker und geborener Antifaschist weiß man doch, wie der Hase läuft. Nämlich notorisch Hakenkreuze schlagend. Was möglichst meinungsführend und zeitnah anzuprangern, zu demaskieren und öffentlich zu bestrafen ist. Vernichten wir den Mann! Er hat „Hitler“ gesagt!

Die fest betonierte Zuverlässigkeit, mit der grenzdebile Fatzkes jederlei Geschlechts ihre schwer linksdrehende, joghurtgleiche Hirnerweichung in Stellung bringen, um, gedeckt durch die veröffentlichte Mehrheits“meinung“ bzw. den CvD (leitenden Quotenidioten), jedes Mal ihr unsägliches Politgekasper  abhaspeln, sobald ihr eingebautes Nazisuchwortprogramm „ping!“ macht, frappiert, deprimiert und isoliert – glaubt man sich doch von lauter kalt verschleimten, vollrohr blickdicht doofverschweißten Idioten umgeben! — Die berühmte Stimme der Vernunft ist grausam  heiser und kann nur noch so bisschen mäusepiepsen. Fast möchte man religiös werden und angesichts des kognitiven Elends der vermeintlichen „Eliten“ dem alten Denk-Nazi Heidegger zustimmen: Nur ein Gott kann uns noch retten! Nur, woher nehmen?

Och nö

26. Juni 2011

Wird demnächst Gärtner*

Keine Ahnung, ob es das heute noch gibt: Als Kinder hatten wir so Blechröhrchen mit Seifenlauge drin. Dort hinein tauchte man eine Art Drahtschlinge am Stiel, und dann konnte man damit bunte Seifenblasen pusten. Begeistert patschten wir in unsere Kinderhände! Die frühe Faszination für das schillernde Nichts bereitete uns so auf die Medien des 21. Jahrhunderts vor. Als Medienkonsument verfüge ich daher heute über ein gerütteltes Maß an Abgebrühtheit. Mir ist schon bewusst, dass das meiste, was ich lese, höre und sehe, aus grobem Unfug, Kasperlkram und aufgeschäumter heißer Luft zusammengesetzt ist. Wie Bob Dylan schon in den 60ern sang: „It’s all phoney & propaganda“. Mit stoischen Gleichmut lasse ich mir täglich den kruden Brei vorsetzen, der von Quoten-Idioten als „Wirklichkeit“ ausgewählt wurde. Gutgläubigkeit hab ich ja schon mit der pommerschen Muttermilch aufgesogen.

Nur ganz manchmal schaue ich irritiert auf den Kalender (schon wieder 1. April? War doch gerade erst…) und blicke mich nach verborgenen Kameras um. Verstehe ich Spaß? Das ist so ein Gefühl wie in dem Film „Die Truman-Show“, wo einer in einer inszenierten Reality-Soap aufgewachsen ist und dann fällt plötzlich ein Scheinwerfer vom Himmel über der Kleinstadt. So ein Erlebnis latenten Veralberungsgefühls hatte ich gestern bei der Lektüre einer Nachricht (SPIEGELonline, schätz ich mal), derzufolge sich demnächst die Machthaber Afghanistans, Pakistans und des Irans zu einer Konferenz treffen wollen, und zwar, um über die „Bekämpfung des Terrorismus“ zu debattieren. Vertreter Somalias und des Sudans sollen auch teilnehmen; nicht gemeldet, aber doch wahrscheinlich wird sein, dass auch Repräsentanten Tschetscheniens, der syrisch-libanesischen Hisbollah und der Hamas aus Gaza mit am Tisch sitzen.  Bloß Gaddafi ist momentan verhindert. – Kinder, das wird was geben! Oder wie der Korrespondent der „Bäckerblume“ gern schreibt: Man darf gespannt sein!

Menschen, die so etwas ernst nehmen, wundern sich auch nicht, wenn Mario Barth Bildungsminister wird oder die Jahreshauptversammlung des Dachverbands der Taschendiebe über den verbesserten Schutz des Privateigentums diskutiert. Wenn dereinst eine Weltrepublik gegründet wird, dann wird sie Absurdistan heißen. So, Schluss jetzt, ich muss Nachrichten gucken – man will doch informiert sein, oder? Nee, war bloß Spaß. In Wahrheit heißt die Antwort: Och nö.

[Da die WordPress-Technik zur Zeit bei Bildunterschriften herumzickt, trage ich hier die Foto-Quelle nach: Das BIld stammt vom Tierheim Kronach, dem ich viel Erfolg bei der Vermittlung des säuberlich ausgewogenen, schwarz-weißen Ziegenbocks wünsche. Gärtner werden ja immer gesucht…]

Der Deutsche ist ein großes Kaninchen auf der Welt

30. März 2011

Sofort abschalten!

„Der Mensch“ sei, so schrieb einst Nobelpreisträgerin Hertha Müller, eine rumänische Redensart zitierend, „ein großer Fasan auf der Welt“. Mir hat das schon immer irgendwie eingeleuchtet. Der Deutsche, erlaube ich mir, zu ergänzen, ist hingegen eher ein enormes Kaninchen. Das Volk der Jod-Tablettenkäufer, Knut-Betrauerer und Panik-Bürger hat eine zarte, empfindsame Seele. Furchtsam zitternd wittert es in alle Richtungen, hektisch schnuppert, twittert und tickert es sich Gefahren zu, hoppelt im Zickzack, sucht manisch nach Rettung, und fürchtet sich depressiv furchtbar vor dem Tod. Das Böse lauert ja überall. Apokalyptische Reiter: Grippe, Atom, Klon, Dioxin, Islam und was noch alles! Anderen geht das auf den Sack, uns unter die Haut. Nie bekommen wir mal, was wir so dringend benötigen: Ruhe. Unserer Kernkompetenz, Mümmeln und Rammeln, können wir nur noch marginal nachkommen, denn wir brauchen erstmal INFORMATIONEN. Mit aufgestellten Löffeln gieren wir nach Aktualität: Wo müssen wir hin oder weg, Ausschüsse bilden oder Menschenketten knüpfen, Sachen boykottieren, Vorsichtsmaßnahmen ergreifen? Man kann doch nie wissen! Was, verdammt, dürfen wir denn noch essen? Wenn da nun Atom drinne ist oder Gene? Vegetarier dürfen doch keine Gene essen!

Selbst das ziellose Hoppeln wird zum Problem. Wir hängen am Tropf medialer Aktualität. Raserei des blinden Augenblicks. Aktualität ist für das Kaninchen das, was bedrohlicherweise gerade passiert, aber nicht zu begreifen ist. Die online-Medien antworten mit dem liveticker, dem „Wahlfolgen-Ticker“ (!), „Eilmeldungen“ und breaking news sowie jetzt, neuerdings in SPIEGELonline, dem „Minutenprotokoll“.  Mindestens minütlich müssen wir ja wissen, woher der Wind weht und was Böses oder Schmutziges er für kleine Nagetiere bringt. Wir brauchen Frühwarn-, nein, sogar Brühwarm-Systeme! Sonst bleibt keine Zeit mehr fürs Wegducken. Andere Nationen grinsen und spötteln über die German Angst. Aber die sind auch keine Kaninchen, oder, um dass Personal des Kinderbuchklassikers „Winnie te Pooh“ zu zitieren, Ferkel. Ferkel ist ein etwas großmäuliges, aber extrem furchtsames Tierchen. Als es zur Jagd auf den rein imaginären „Heffalumpp“ geht, sorgt sich Ferkel nicht darum, was ein „Heffalumpp“ überhaupt ist, sondern grübelt bloß: „Ist es auch gut mit Ferkeln?

Manchmal zwickt die Medien der Übermut, und sie ziehen auf die Straße, um ihr Publikum zu veralbern. So fragten kürzlich ZDF-Reporter in der Einkaufszone, was die Leute denn jetzt von der Braunschweiger Atom-Uhr hielten. Eine gut gekleidete, eher bildungsbürgerlich wirkende Dame, von der German Angst schon ganz grau-grämlich, greinte in die Kamera: „Ja, die muss man jetzt wohl auch abschalten…“ – Wenn ihr mich fragt: DAS ist deutsch!

PS:  Vielleicht trage ich zur Kalmierung der Bevölkerung bei, wenn ich desalarmierend beruhige: Die Gefahr einer Kernschmelze besteht bei der Braunschweiger Atom-Uhr kaum. Sie abzuschalten empföhle sich ohnehin nicht. Für Länder ohne natürliche Zeit-Ressourcen ist Atom-Zeit leider unverzichtbar, sonst bleiben irgendwann die Kuckucksuhren stehen, Eier könnten nicht mehr auf den Punkt gegart werden und alle verschlafen. Auch erneuerbare Quellen wie Sand- und Sonnenuhren können den enormen Zeit-Bedarf einer modernen Industrie-Nation nicht decken!

Der blinde Herr der Bücher

28. Mai 2010
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Jorge Luis Borges (1899-1986)

Auch wer ihn nicht kennt, kennt ihn vielleicht indirekt: In Umberto Ecos berühmtem Kloster-Krimi „Der Name der Rose“ trägt der Bösewicht „Jorge von Burgos“ seine Züge: Ein blinder Hüter der Archive und Bibliotheken, etwas unheimlich und furchterregend. Der blinde Direktor der argentinischen Nationalbibliothek, der Dichter, Essayist und Erzähler Jorge Luis Borges freilich wear, anders als seine Karikattur bei Eco, weder humorlos noch ein Bösewicht oder gar ein Mörder. Er war einer der größten und interessantesten Schriftsteller des 20. Jahrhundertsa!
Borges’ bevorzugtes Gebiet ist das Phantastische, das Unheimliche und Bestürzende, das Schwindelerregende des Imaginären, aber – obwohl auch solche Phänomene ihn faszinieren – es sind nicht vorwiegend Fabeltiere, Aliens und Gespenster, die er beschwört, sondern verstaubte Folianten, mittelalterliche Manuskripte und verwehte Inschriften, aus denen das bizarre Genie, der Triumph und der Wahnsinn von Jahrtausenden menschlicher Geistesanstrengung aufsteigt und nach uns greift. Metaphysischem Irrsinn und irrer Metaphysik verleiht Borges eine merkwürdige Vertrautheit und Selbstverständlichkeit. Uralte Ketzereien, die Irrlehren vergessener Häresiarchen und abseitiger philosophischer Dissidenten treten wieder ans Tageslicht. Aus dem Staub und Moder alter Büchergruften steigt die dunkle, verworfene Heiligkeit des Apokryphen und Kryptischen und wir vermeinen, wieder das ganze Grauen jener verschollenen Meister und Mystiker zu spüren, die zu nah an den Rand des Undenkbaren gerieten und von dort nicht mehr zurückkehrten.
Borges ist zweifellos ein Magier. Er hält uns in Atem und Beklommenheit, obwohl seine Albträume ganz »trockener«, theoretischer Natur sind und sein Ton lakonisch, betont nüchtern, wissenschaftlich referierend, oft im Stil eines Lexikon-Eintrages. Gelassen, betont rational, mit einem kaum wahrnehmbaren ironischen Ton, führt er uns durch die Labyrinthe seiner offenbar unerschöpflichen, enzyklopädischen Gelehrsamkeit und konfrontiert uns mit Rätseln, Paradoxien und schwindelerregenden Gedankenabstürzen aus der maßlosen und verworrenen Geschichte des menschlichen Denkens. Er vergegenwärtigt ehrwürdige philosophische Dilemmata, Aporien und Antinomien, die man aus gutem Grund irgendwann in der Vergangenheit ruhen ließ und vergessen hat, um zum Frieden der Einfalt zurückzufinden. Borges beschwört aber gerade diese Relikte und Reliquien der Ruhelosigkeit, die Ausgeburten unzähliger Nachtwachen, Meditationen und Erleuchtungserlebnisse, all dies ausgestellt in einem bizarren Museum, das in geheimnisvolles Licht getaucht ist und als dessen lebende Bewohner wir am Ende uns selbst bestürzt wiederfinden. Borges kreiert dabei in technischer Hinsicht ein Misch-Genre, eine literarische Hybridform, die es bis dahin, soweit ich sehe, nicht gegeben hat: die »philosophisch-essayistische Erzählung« könnte man diese Form nennen oder das »phantastische Philosophie-Essay« oder auch ein »Lexikon philosophischer Albträume«. Die philosophischen Themen von Borges sind dabei weder exotisch noch besonders gesucht und esoterisch, es sind die alten, die ewigen Fragen der Menschheitsgeschichte: Zeit und Unendlichkeit, Freiheit und Vorhersehung, Tod, Unsterblichkeit und das Schicksal der Seele, die Rätsel und Fragwürdigkeiten der Wirklichkeit und ihrer infiniten Spiegelungen im Traum, in der Poesie und allen Formen der Imagination. Besonders angetan haben es ihm die grotesken und absurden Versuche tapferer Denker, das Chaos des All-Seienden in ein universales Ordnungssystem zu bringen, etwa die Träume des Barock von der Universalsprache, an der Leibniz arbeitete oder der legendäre John Wilkins, über dessen analytische Universalsprache, in der jedes Wort zugleich sein Signifikat definiert, Borges eine wunderbare Geschichte geschrieben hat.Borges versteht es bei alledem, den Eindruck zu erwecken, als wäre er überall im Universum der Texte, in der gesamten Bibliothek menschlichen Wissens zuhause. Für Borges scheint das Entlegene nur einen Regalmeter vom Mainstream entfernt; er ist, so scheint es, ein »Spezialist für alles«. Wer die Erählungen von Borges verschlingt, den ergreift eine Art Höhenangst und Bildungsschwindel. Ob es um altisländische Sagas, frühe Ketzer und Kirchenväter, um die Odyssee, die kabbalistische Zahlenmystik oder Dantes »Göttliche Komödie« geht, um die Visionen des Mystikers und Geistersehers Emmanuel Swedenborg oder das Werk des arabischen Philosophen Averroës, um apokryphe Bibeltexte, pythagoreische Sekten oder die Alchymie des Paracelsus, um Shakespeare, »Don Quijote« oder die verschiedenen Übersetzungen von »Tausendundeiner Nacht« – Borges scheint sich überall detailliert auszukennen und dekoriert seine Erzählungen reichlich mit gelehrten Zitaten, philologischen Anmerkungen und bibliographischen Apparaten, die ihnen das Flair umfassender Gelehrsamkeit verleihen und den staunenden Leser die unermeßliche Weite des Universums der Texte erahnen lassen….

JETZT NEU AUF DEM „denkfixer“-Blog [http://reinhardhaneld.wordpress.com]: Eine LIEBESERKLÄRUNG AN JORGE LUIS BORGES

Oops, they did it again! Kommunikatiosguerilla stellt richtig…

22. September 2009
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Das Fake der NEW YORK TIMES, am 12. Nov. 2008, mit Datum 4. Juli 2009, verteilte Auflage 1,2 Mio., in denen die Welt so funktioniert, daß man "YES!" sagen könnte

Apropos „Und alle so ’Yeaahh!’“: – Auch die bewährte Kommunikationsguerilla der Yes Men hat wieder zugeschlagen, wie man dem Blog spreeblick.com entnehmen kann. Die Aktion im November 2008, bei der sie 1,2 Milionen gefälschte Exemplare der New York Times unters Volk brachten, in denen u. a. die Beendigung des Irak-Kriegs bekanntgegeben wurde, scheint zur Fortsetzung geeignet. Diesmal haben die Yes Men mit zweitausend Helfern eine gefakete Ausgabe der – nicht eben umweltinteressierten – Boulevard-Zeitung New York Post (im Besitz von Rupert Murdoch) „ausgeliefert“, die drastisch die Folgen des Klimawandels für New York ausmalt.

Die Yes Men, von WTO, Chemie- und Ölkonzernen gefürchtete Kommunikationsguerilleros, die sich gern auf internationalen Symposien und Kongressen einschleichen, verfolgen eine Kampftaktik, die man überraschender Weise bereits beim skurrilen Schweizer Literaten Robert Walser findet: die – ironische – Überidentifikation. Man übernimmt den Standpunkt des Gegners und übertreibt ihn dabei aber so wahnsinnig, daß seine eigentliche Geistesverwahrlosung und Menschenfeindlichkeit hervortritt. Unvergessen z. B. die Forderung gefaketer Repräsentanten auf einem internationalen Freihandelskongress, frei handelbare „Gerechtigkeitsgutscheine“ einzuführen, mit deren Hilfe sich Staaten und Konzerne, analog zum Handel mit Emissionslizenzen von Anklagen wegen Menschenrechtsverletzungen freikaufen könnten.

Seit ein Yes Men-Abgesandter auf einem international hochkarätig besetzten Wirtschaftskongress der WTO (World Trade Organisation) ausführlich Adolf Hitlers Wirtschaftspolitik lobte und für eine modifizierte Form der Sklaverei aussprach, bei der man den Sklaven ein zuhause („zum Beispiel in Gabun…“) belässt, weil er dort billiger verpflegt werden könne und man die „Transportkosten“ spare, – und unglaublicherweise NIEMAND Einspruch einlegte oder auch nur irrititiert war, seitdem also ist man in den Zentren der Macht alarmiert. Demonstranten, die sich gegen die Globalisierungspolitik auflehnen, kann man abdrängen, einkesseln, wegsperren, auch mal niederknüppeln. Aber wie man gegen unauffälligen grauen Anzugherren mit Access-Sticker am Revers vor, die als Referenten auftreten, und Ja! Jaa! Jaaa! zu den unsinnigsten Dingen sagen? Wie unterscheidet man sie von den eigenen Leuten?

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Zwei bekannte Aktivisten der Yes Men: Igor Vamos und Jacques Servin

Wenn die Welt sich zu bewegen verweigert, helfen die Yes Men freundlich ein bißchen nach, zumindest in der medialen Berichterstattung, die sie einfach selbst übernehmen. In der Millionenauflage der falschen New York Times wurde die Welt kurzerhand richtig gestellt: Die Yes Men beendeten den Irak-Krieg, ließen Georg W. Bush wegen Hochverrat anklagen und Condoleeza Rice sich für ihre Lügen-Politik entschuldigen. Aufsehen erregte auch die im britischen Fernsehen verlesene Erklärung des schuldigen Konzerns, man werde jetzt endlich die Opfer der Katastrophe von Bophal entschuldigen. Das Dementi der Dow Chemical-Giftmischer war dann natürlich peinlich… 

Man muß nachdenken: Diese Taktiken der Subversion scheinen mir vielversprechend: Ironische Affirmation, ironische Überidentifikation, Medien-Hijacking. Und alle so: „Yeaahh!“

Sprachblondinen verursachen N400!

29. Mai 2009

ÜBER HYPNOTISCHE SÄTZE, DEN N400 UND DIE BLONDINEN VON RIGA

Kennt das noch jemand? Daß man von einem einzigen Satz hypnotisiert und gewissermaßen gekidnappt wird? Mir ging das heute so mit einem irgendwie mysteriösen Satzgefüge von Franz Kafka, das geht so:

Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.“

Ich weiß nicht genau, warum, aber diese beiden ominösen Sätze lähmen mich irgendwie, weil, einerseits stimmt meine Lebenserfahrung Kafkas seltsamer Diagnose eifrig nickend zu, andererseits bekomme ich bei jedem Durchlesen einen N400. – Jetzt habt Ihr auch einen N400, oder? N400 nennen die Neuropsychologen einen Ausschlag beim EEG, der immer dann erfolgt, wenn einem Probanden oder Patienten während der Hirnstrommessung ein Satz vorgelegt wird, der in sich semantisch unstimmig ist. „Langbeinige blonde Mädchen träumen von Model-Karrieren“ – das ergäbe im EEG nichts Auffälliges. „Langbeinige blonde Schäfchen träumen von Model-Karrieren“ dagegen gäbe einen Oops?, also einen N400. Was Kafkas Satz betrifft, so tapse ich irritiert in ihm im Kreis herum und zögere, aus ihm wieder herauszukommen. Er erzeugt, was er behauptet. Das ist merkwürdig und selten, vor allem in der Kürze.

Bei langen Texten geht das schon leichter. Ich erinnere mich, während des Studiums eine ungefähr hundertseitige Vorlesung über das Phänomen der Langeweile studiert zu haben; sie stammte vom berühmten Schwarzwälder Seins-Beschwörer Martin Heidegger und war stilistisch dermaßen fädenziehend langweilig, daß sie sich sozusagen gleich selbst zum Beispiel nehmen konnte. Lachtränen und Gähntränen mischten sich beim Augenreiben! Ich weiß nicht, ob der alte Fuchs das beabsichtigt hatte, für Humor war er eigentlich nicht bekannt. Aber unfreiwillige Komik erheitert ja oft mehr als krampfhaft gewollte, oder?

Außer Sätzen, die sich auf Leser-Hypnose verstehen, gibt es noch solche, die praktisch mit Zeitzünder arbeiten; sie bleiben nach der Lektüre erstmal wie tot im Kopf liegen und dämmern schon dem Vergessen entgegen, und dann explodieren sie plötzlich und aus ihnen regnet ein kleines oder größres Häufchen Blödsinnskonfetti. Beispiel gefällig? Hier habe ich eine Zeitungsmeldung von heute, die gleich einen zweistufigen Zeitzünder besitzt, bei mir jedenfalls:

Blondinen gegen Krise. Mit einer Pfingstparade durch Riga wollen hunderte blonde Frauen die durch die Wirtschaftskrise getrübte Stimmung in Lettlands Hauptstadt aufhellen. Mindestens 500 Teilnehmerinnen würden an der Parade am Sonntag teilnehmen, sagte die Chefin des Verbandes blonder Frauen, Marika Gidere.“

Zunächst überlas ich die beiden Sätze achselzuckend, um zum Sportteil überzugehen, denn die begehrte unfeiwillige Komik nistet gern im Stil der journalistischen Sportlyriker. Erst Minuten später setzte ein durch N400 verursachtes Kopfschütteln ein: Wieso, fragte es sich in irgendeinem meiner entlegeneren Hirnareale, soll eine „Parade“  ausgerechnet blonder Frauen etwas an einer Wirtschaftskrise ändern? Die Idee klingt ja wie vom Satiriker und Absurdisten Slawomir Mrozek erfunden! Was soll dieser Quatsch denn? So oder so ähnlich nörgelte es in meinem Kopf noch eine Weile weiter, bis ich dem Gemaule, wie meist, mit einem abschließenden „Die Welt ist eben voller Blödsinn“ ein Ende machte.

Ich ging zur Tagesordnung über. Der nächste Tagesordnungspunkt lautete: Einen zweiten Becher Kaffee trinken. Ich erledigte dies gerade gewissenhaft, als es in meinem Hirn leise „puff“ machte und ein aufgeregt blinkendes Fragezeichen einen neuen N400 ankündigte: Wieso, bitte, warum und zu welchem Behuf braucht es in Lettland einen „Verband blonder Frauen“??! Gibt es das etwa bei uns auch, oder ist das eine baltische Spezialität? Sind dort nicht eh alle Frauen blond? Oder doch etwa eine unterdrückte, wegen ihrer Haarfarbe verfolgte und inkommodierte Minorität? Ist Blondheit dort irgendwie bedroht?  Warum sollten blonde Frauen sich sonst überhaupt in einem Verband organisieren? Zur Weiterbildung? Und sind sie mit dem Verband der Brünetten verfeindet, oder ist das eine Schwesterpartei? – Lauter Fragen stoben auf im Synapsengewitter, und wäre ich in diesem Moment an ein EEG-Gerät angeschlossen gewesen, hätte dieses bestimmt verrückt gespielt! Schon begann meine Phantasie zu wuchern und sich in das Verbandsleben der Letten und speziell der weiblichen, blonden hineinzufräsen, da rief ich dem  davoneilenden Hirnschwurbel gerade noch rechtzeitig ein energisches „Platz! Sitz! Aus!“ zu, um meine Gedanken wieder bei Fuß zu bekommen.

Aber geschafft hatten sie es trotzdem, diese Zeitungstext- bzw. Sprachblondinen, und zwar etwas, was reale Frauen, zumindest allein aufgrund ihrer eventuell vorliegenden Blondheit, gar nicht vermögen: Ich war nachhaltig irritiert! –  Nun gilt es natürlich erst einmal, die weitere Entwicklung der lettischen Wirtschaftskrise zu verfolgen. Wie der Kafka-Franz lehrt: Möglichkeiten der Rettung gibt es wieder so viele wie Verstecke – wenn Riga also demnächst einen Aufschwung meldet, müssen wir wohl über Blondinen umdenken oder wenigstens, meine verehrten Freundinnen, auf jeden Fall mal nachblondieren!