Archiv für April 2011

Kleist rockt! Annonce

29. April 2011

Heinrich von Kleist, König des Nebensatzes

Es soll dem Vernehmen nach aber in dem neblichten Gaue, wo das Westfälische und das Niederheinische sich zur vagen Vermischung und Durchdringung treffen und in ein konfus hybrides Landschaftsgemenge – nicht sowohl der Hügel und Auen, als vielmehr auch der Herzen und Seelen – sich zur Vereinigung anschicken, einer brav schwarzbrot-kartoffeligen deutschen Region also, die bekanntermaßen, wiewohl gefährdet und angeteufelt durch die bedrohliche Nähe des französischen Erbfeindes und der verderbten Niederlande, durchaus vaterländisch treu und biedertrotzig sich, weiter dem Gerüchte nach, recht wacker als teutsches Grenzrayon durchgeschlagen hat, und zwar in einer von welschem Wein-Genuss noch unangekränkelten Bierbrauerstadt mit dem altholländisch-schollerndem Namen Duisburg, ein entlaufener Magister, Ex-Theolog und Gelehrter der sieben Artes Liberales sich einigermaßen wohl befinden und derohalber dort seine irdische Frist hinbringen, der auf den Namen Bruno Kraska, wenn auch vielleicht nicht recht höret, so doch mittels dieses immerhin amtsbekanntermaßen bestätigten Titulus behördenkundig sein soll, welchselber Skribent, wie das Gerücht will, der seltenen magischen Kunst einigermaßen kundig sei, Sätze zu drechseln, wie komplex, interpunktionsreich und schwurbelig sie sonst nur der berühmte abgebrochene Student der Kameralwissenschaften und altpreußische Adelssproß Heinrich von Kleist hätte hinbekommen, dem in diesem Aufsatze zuvörderst das höhere Andenken mehr und rechtlich gehöret, welchselbes Gedächtniß und frommes Angedenken sich nicht zuletzt aus jener erschröcklichen That ableitet, die sich vor zweihundert Jahren am Ufer des Kleinen Wannsees, dem von den Bauern Stolper Loch genannten Gewässer, zutrug, jedem Christenmenschen zum Grauen,  allwo nämlich besagter Kleist, Sproß einer hochangesehenen Familie, die sonst unzählige Generäle, Majore und gar einen Feldmarschall hervorbringen durfte, im Falle des armen Heinrich aber nur einen zu Lebzeiten erfolglosen Dramatiker und Novellendichter, Projektemacher und Pläne-Zernichter, dem, wie er selbst mit eigener Hand schrieb, „auf Erden nicht zu helfen“ gewesen, sich, in Begleitung einer gewissen Frau Vogel, mit Hilfe eines Pistol selbst entleibt hat. Leider!

Hüte sich aber das verehrte Publikum, diese That für den ganzen Mann zu nehmen, welcher nämlich ein zwar unaufgeräumter, doch überragend heller Kopf gewesen, ein Meister, Magier und Machthaber der deutschen Zunge überdies, dem wir markerschütternde Tragödien, heiterste Lustspiele und atemberaubende (besonders beim Vorlesen!) Novellen verdanken, mit denen füglich das unreife Schulvolk bis zum Abwinken traktiert werden sollte, dergestalt, daß die Jugend einmal merken wolle, wie wenig die deutsche Sprache auf die leichte Schulter genommen werden könne, in Sonderheit zu gegenwärtigen Zeiten, wo das Heilige Idiom Goethens, Schillerns und eben auch und gerade Kleistens in arge Gefahr geraten ist, von den barbarischen Lauten des Englischen oder Osmanischen überflutet, erobert und zuschanden geritten zu werden, sodaß eine finstere, geistferne Zeit einzutreten droht, in der man Kleistens Werk schon kaum noch lesen, geschweige denn verstehen und würdigen dürfte. Dieses am Horizont dräuende Elend zu wehren und zu dessen Prävention beizutragen, indem er des Genius gedenke, hat sich oben bezeichneter Magister nun entschlossen, jenem Kleist einen Vortrag oder eine Vorlesung  zu widmen, einen rühmenden und ehrenden Aufsatz, den er zu gegebener Zeit, so er eben fertig geworden ist, spätestens aber im November dieses Jahres dem geneigten Publico, so es eben gebildet und auch willens ist, zu hören, unterbreiten wird, versprochen und Ehrenwort!

Sollten aber die Gebildeten Anstoß nehmen und in Atemnot geraten ob der naturgewaltigen Hochflut in einander geschachtelter Nebensatzkonstruktionen, dergestalt dass sie dem Überdruß nahe, das Mitdenken einzustellen drohten, wäre, in diesem Falle, weil er auch an die Geneigtheit seiner Mitbürger angewiesen ist, der Autor bereit, sich dazu zu bequemen, gewisse Kürzungen vorzunehmen, ja, sich sogar zu einer preußisch-militärischen Breviloquenz zu verstehen, indem er das Thema seiner Abfassung auf einen spitz gesetzten Punkt bringt: KLEIST ROCKT! 

Noise Day gefeiert

28. April 2011

Arm dran, wer gleich zwei solcher Geräte besitzt (Quelle: Wiki)

Ich hab noch immer keinen Schimmer, wer diese Tage immer festlegt – Tag der Milch, Tag des Buches, Tag des wohlverwahrten Spargroschens usw. Urplötzlich heißt es in den Medien, z. B. morgens in diesen als „Frühstücksfernsehen“ firmierenden digitalen Höllenvisionen, die einen eigentlich sofort wieder ins Bett treiben müssten, mit grauenhaft fröhlich vor sich hin pfeifender Gutelaunehaftigkeit: „Guuuten Mooorrrgen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Heute ist der Tag des…“ – und dann hat man noch verfluchtes Glück, wenn nicht gerade „Tag der Darmkrebsvorsorge“ ist und man, während man sein einsam-mönchisches Frühstücksei vor dem Computer/Fernseher aufklopft, von eigens dazu engagierten, berühmten, graumelierten TV-Kommissaren ermahnt wird, sich als älterer Herr nun aber mal dringend von einem Proktologen in den … – zack! Puh! Gerade noch rechtzeitig weggezappt auf Phoenix-Tierfilm! Wobei man dann wieder sich freuen darf, wenn gerade über Mitgeschöpfe berichtet wird, die nicht mehr als vier Beine besitzen und sich angemessen fellpuschelig zum freundschaftlichen Kuscheln und Streicheln anbieten.

Ich genieße das unverdiente Privileg, mit einer Journalistin verheiratet zu sein, die ihr Büro direkt am Puls der Zeit aufgeschlagen hat und mich notfalls mit Nachrichten aus der sog. Wirklichkeit versorgt. Als ich ihr gestern morgen wehleidig die Nöte meiner Existenz e-mailte, replizierte sie fröhlich: „Passt ja! Heute ist doch Tag des Lärms!“ Es verhielt sich nämlich so und begann morgens um 8.00 Uhr: Nachbar Özgür machte ernst mit der Ankündigung, es könne demnächst „vlleich ma bisschen laut“ werden und bearbeitete zusammen mit seinen Mitstreitern die Wand zu meinem Arbeitszimmer mit Bohrer, Vorschlaghämmern und Spitzhacken. Im Frühstücks-TV kam gerade ein Bericht darüber, wie Lärm den Blutdruck in lebensbedrohliche Höhen treiben könne, wovon ich zum Glück nur wenig mitbekam, weil es nämlich viel zu laut war. Minütlich erwartete ich, dass das Osmanenheer bei mir durchbräche, sodass ich es persönlich bei mir am Schreibtisch zu begrüßen die Ehre hätte. Stattdessen machte der Baulärm pünktlich Pause, damit ich Zeuge eines mörderischen Radaus vor meinem Hause werden durfte.

Hab ich schon mal über die Irren in unserem Viertel geschrieben? Wohl nicht, oder? Meistens hacke ich ja auch bloß auf den Migranten herum.  Dabei haben wir im Geddo auch Irre, Meschuggene, Psychos und Bekloppte, die übrigens, fall es jemanden interessiert, zumeist die deutsche Minderheit repräsentieren. Bei dieser bunten Minorität handelt es sich zumeist um Delirierende, alkoholbedingt stark verwirrte Korsakoff-Patienten, Schizos, Paralytiker, Paranoiker und freiberufliche Phantasten, denen vor langer Zeit leider abhanden kam, was der Normalbürger ehrfurchtsvoll „Sinn & Verstand“ nennt. Gott, ja, ist halt so. Einer von der Zunft der Teilzeit-Außerirdischen, der mir noch neu war, kam um ca. 11.00 Uhr mit seinem feuerroten Fliwatüt vulgo irgendwie aufgemotzten Kehrgerät (das aber nichts kehrte!) ins Geddo gebrettert, hielt, den Motor aufbrüllend lassend, gegenüber meiner Haustür und produzierte, dem Tagesmotto entsprechend, LÄRM.

Vom „Bock“ stieg ein älterer Hardrocker im Arbeitsanzug, mit schütterem, rötlich-blonden Wikinger-Pferdeschwanz, der hoch echauffiert Zornentbranntes in sein Handy brüllte. Es dauerte ein bisschen, bis er begriff, dass er zum Behuf der angestrengten Telekommunikation vielleicht doch besser vorher die Lärmschutzkopfhörer absetzen sollte. Hierauf freilich wurde er zwangsläufig Opfer meines aus dem Fenster gebölkten Hinweises, dass er, würde er dermaßen weiterbrüllen, eines mobilen Telefongerätes weißgott nicht länger bedürfe. Der an seiner Weltsicht kurzfristig irre gewordene Schreihals stutzte, bedachte meinen Ratschlag mit zunehmend wohlwollendem Nicken, zögerte noch ein kurzes Weilchen, steckte das Gerät dann folgsam in die Hosentasche, – um in weiterem den Disput mit dem jetzt endgültig als imaginär entlarvten Gesprächspartner nunmehr mithilfe etlicher ins Irgendwo gerichteter, lauthals gebrüllter Bemerkungen fortzusetzen. Da dies seine Energie noch nicht erschöpfte, tigerte er wild gestikulierend unter meinem Fenster auf und ab, mit sich selber telefonierend, aber in einem Ton, also, da hätte ich längst aufgelegt.

Danach das allfällige Kindergeschrei, das sich hier im Geddo anhört wie eine Horde (sagt man Horde? Herde? oder Schwarm?) Papageien bei der Gruppernbalz im Regenwald, fortwährend misstönendes, hochfrequentes, unartikuliertes Kreischen, von dem nicht auszumachen ist, ob es einer irgendwie gearteten Kommunikation oder lediglich lauterer Daseinsfreude zum Ausdruck dient. Bevor mich jemand belehrt: Ich weiß, dass man mit der Zwille nicht auf Kinder schießen darf.

Wenigstens hat sich das Baupionier-Batallion von nebenan jetzt erholt und kann wieder in die Wand. Zwar hat der Elan nachgelassen, aber es reicht noch, um meine vorbehandelten Nerven mit beharrlichen Scharren, Kratzen und Schleifen richtig blank zu bekommen, sodass sie beim abwechslungsreichen Arabesk-Geknödel aus den fahrbaren HiFi-Türmen arrivierten Zuhälternachwuchses, unten auf der Straße, schon präventiv mitschwingen. Fasziniert betrachte ich die kleinen kreisförmigen Mini-Wellen in meinem Kaffeebecher und frage mich, ob es theoretisch auch akustisch ausgelöste Tsunamis geben könnte.

Den Abend des Tags des Lärms begehe ich mit der Gattin in aller Stille. Mit einer Ausnahme: Als sie fragt: „Warum bist du denn so gereizt?“ schreie ich markerschütternd: „Ich BIN nicht gereizt! Ich freue mich nur auf den TAG DES ZORNS!“

Auf der Umlaufbahn (Metaebene 2)

24. April 2011

Die Welt schaut nach London

Irgendwo hab ich mal eine Anekdote gelesen über einen Astronomen, der, ich weiß nicht mehr wo, in Pressburg vielleicht oder im Wienerwald, jedenfalls öffentlich einen Vortrag über die Planeten unseres Sonnensystems hielt, Saturn, Pluto, Jupiter, Venus & Co., und hinterher sei aber ein Bäuerchen oder Schuster oder so aufgestanden, hätte zwar sein Gefallen an dem Gehörten bekundet, dann indes nachgefragt, wie man denn, wenn man auf  jenen Gestirnen doch noch nie gewesen sei, überhaupt wissen könne, wie die alle heißen? – Zwar muss ich darüber schmunzeln, doch bin ich auch so ein Depperl. Ich meine: Ständig werden irgendwelche Sachen gewusst, beispielsweise über die Sicherheit von AKWs, über die Zukunft der Renten oder die Stärke des Euro in fünf Jahren, und ich frage mich: Woher wissen die das denn?

 Gestern machte der regional zuständige Rundfunk mich mit der lapidaren Mitteilung staunen, am kommenden Dienstag, oder wann das jetzt ist, würden 4 Milliarden Menschen am Fernseher die Hochzeit des britischen Prinzen mit seiner Erbsenprinzessin verfolgen. Wie jetzt? Vier Milliarden Menschen gucken am gleichen Tag, wenn auch wg. Zeitverschiebung vielleicht nicht gänzlich synchron, neun Stunden lang zu, wie ein verschrobenes, für seine Exzentrizität berühmte Inselvölkchen sich selbst veralbert? Dreht sich die Erde dann überhaupt noch weiter? Nur, auch wenn das politisch vielleicht nicht korrekt ist, mal angenommen, diese satte Mehrheit der Weltbevölkerung wäre zugleich identisch mit deren weiblicher Hälfte – heißt das jetzt, an diesem schwarzen Tag bliebe rund um den Globus die Küche kalt, die Wäsche würde nicht gebügelt und Abermillionen von zu recht ungehaltenen Babies blieben ungewickelt? Hat man das, inklusive des weltwirtschaftlichen Gesamtschadens, irgendwie statistisch hochgerechnet, oder woher weiß man das?

 Na, ich will mal nicht den Naiven spielen: Die Medien, die so etwas herumposaunen, haben das natürlich aus den Medien, woher sonst? Die Söhne Luhmanns kennen das Fachwort dafür, es heißt Selbstreferentialität. Ein Wort wie ein vertrockneter, morscher Ast, aber es sprießen Blätter und Wunderblumen aus ihm. Ebenfalls gestern und auf selbigem Rundfunksender nämlich erfolgte endlich, worauf ich schon lange gewartet hatte: eine Sendung, die mit gebotener Fassungslosigkeit über den „Medienrummel“ berichtete, der um die fosssile Prunk- und Pompposse veranstaltet würde. Interessant ist ja, dass, wenn man sich darüber amüsiert, wie die Medien den von ihnen selber angerührten Quark bestaunen wie ein Kind, das erstmals A-A in sein Töpfchen gemacht hat und sein ureigenstes Produkt händeklatschend bejubelt, und man diese Erheiterung öffentlich und medial glossiert, man sich unversehens selber schon auf der zweiten Meta-Ebene der Selbstreferentialität befindet, also praktisch schon im Orbit planetarischer Unwirklichkeit. Die Luft wird dünn, Sinn und Substanz kommen nur noch in Spurenelementen vor.

 Leser, die das Vorangegangene für bemerkenswert halten, schlucken vielleicht auch die Meldung, das demnächst bevorstehende DFB-Pokal-Endspiel zwischen dem MSV Duisburg und Schalke 04 würde auch von ziemlich genau 44% aller außerirdischen Intelligenzen „am Schirm“ verfolgt. Woher ich das weiß? Steht doch im Internet. Nämlich keine drei Sätze vor diesem hier.

Monsignore Kraska – Oberster Religionswächter im Geddo

22. April 2011

Traurig trotz allem...

„Oh Himmel, strahlender Azur!“ (Brecht) – Der Frühlingstag im Geddo so rücksichtlos schön, dass es fast wehtut. Bäume und Sträucher im Festtagsgrün, die Amseln flöten fromme Motetten, blank poliert und seinsfromm ruhen die silbernen Daimler am Straßenrand. Nachbar Özgür ist das wurscht, seit Tagen wütetet er im Nachbarhaus mit Bohrmaschine, Hammer und Meißel, schleppt Steine und Rigipsplatten, kurz, schuftet, dass die ganze Straße etwas davon hat. Soviel arbeitet der sonst im Jahr nicht! Tagelang war ich genervt, heute bin ich verärgert, denn es ist, nun ja … Karfreitag, weswegen ich mich persönlich herunter bemühe, um Nachbar Özgür mordsmäßig zusammenzuscheißen, dergestalt, dass ich ihm in derben Worten donnernd, zum Teil auf Türkisch (ayıp! haram!), vorhalte und verdeutliche, dass heute im Gedenken an den Märtyrertod des Propheten Isa ein hoher christlicher Feiertag begangen werde, an dem ruhestörender Arbeitslärm wahlweise Polizeieinsatz oder Höllenverdammnis nach sich ziehe. Schwer beeindruckt und offenbar eingeschüchtert lässt Häusleumbauer Özgür den Hammer sinken und verspricht eilfertig die Einstellung der Bauarbeiten.

Befriedigt ziehe ich ab. Die Gattin hingegen, zufällige Zeugin meines Einsatzes zur höheren Ehre Gottes, zieht die Brauen hoch und spöttelt: „Oha! Der Magister als oberster Religionswächter im Geddo! Ist ja mal ganz was Neues!

Nun ja, stimmt schon, als gläubiger Christ bin ich seit meiner Konfirmation nicht mehr hervor-, sondern vielmehr definitiv ausgetreten. Und doch. Man kann aus einer Kirche austreten und eine Religion ablehnen und ist ja doch in ihrem Dunstkreis aufgewachsen, von ihren Traditionen kontaminiert und visuell oder musikalisch verstrahlt. Ich hab zu viele öde Kindergottesdienststunden auf Bilder des am Kreuz gemarterten Jesus gestarrt und zu viele barocke Passionsoratorien gehört, als dass mir die wirre, traurige, unfassbare Passions-Poesie nicht irgendwie, sagen wir ruhig: im Herzen, naheginge, was immer diese gequälte, triste Geschichte nun symbolisieren will.

Man erkenne mir meinetwegen deshalb das Goldene Ausrufezeichen am Bande (für fünfzig Jahre linientreuen Atheismus) ab, – es ist halt so. Ich habe auch die immer mal auftauchenden, von eher pubertär geprägtem Humor zeugenden Persiflagen auf das Kruzifix, bei dem da ein Frosch, eine Osterhase oder sonst was gekreuzigt wird, nie besonders lustig gefunden. Und als kürzlich der öde Landeslümmel von den NRW-Grünen die Aufgabe der karfreitäglichen Feiertagsrestriktionen forderte – diese scheiß Generation implodiert halt, wenn sie mal einen Tag nicht „Party machen“ dürfen –, erlitt ich einen knapp einstündigen Anfall mittelalterlichen Glaubenskriegertums und rief nach dem Zorn Gottes, dass er niedergehe oder wahlweise bitte sich ergieße auf die Landeszentrale der Grünen, die mir sowieso immer mehr auf den Sack gehen, diese islamophil-debilen Erzschelme. Damit das auch mal gesagt ist.

So. Was noch? Gestern waren schon wieder die Zeugen Jehovas an der Tür. Haben mich  die Sekten-Ganoven doch tatsächlich notiert, weil ich sie neulich nicht gleich die Treppe herunterwarf, sondern freundlich ihres Weges schickte! Da könnte man ja eventuell noch mal mit dem „Wachturm“ nachbohren, dachten sie sich, in eklatantem Missverständnis dessen, was der dicke Magister sein „Tao der Sanftmut“ nennt. Selbst der sanfte Jesus soll ja gelegentlich recht grobianisch gewesen und mit dem Schwert gedroht haben. Manche Leute verstehen halt keine andere Sprache, wird er sich gedacht haben, und verzichtete daher darauf, soweit wir Leben-Jesu-Forscher wissen, mit doofen Heftchen von Tür zu Tür zu latschen. – 

Im Übrigen tröstete mich als Kind an der Passionsgeschichte immer, dass nach drei Tagen alles wieder gut, heil und in Butter war. Dramaturgisch ist das vielleicht etwas übers Knie gebrochen, aber was schluckt man nicht alles für ein bisschen Hoffnung. In diesem Sinne wünsche ich ein frohes Osterfest, an dem ihr glauben möget, was ihr wollt – wenn ihr nur die Finger vom Heimwerkern lasst!

Schärfer als Möpse und Sex: franz. Bulldogge

19. April 2011

Sexy Lockvogel im Netz: Franz. Bulldogge (Quelle: Wikipedia, gemeinfreies Foto)

Einfach mal irgendwas tippen und dann ins Netz stellen reicht ja nicht, das weiß jedes Blogger-Kind. Man muss LeserInnen ködern und unaufhörlich „traffic generieren“, wie der Eingeweihte sagt. Mit den tags, den Hieb-, Stich-, Schlag- und Suchwörtern, mit denen man seine Artikelchen beklebt, damit Leser dran hängen bleiben, hat es freilich sein eigene Bewandtnis. Sie führen oft in die Irre, vor allem solche Zeitgenossen, die sich vom Internet sensationelle neue Kicks im bunten Bereich des Sexuellen versprechen. Einmal hab ich eine Art Kolumnen-Geschichte geschrieben, in der, ganz marginal und sozusagen nur so zu  Dekorationszwecken, die Achselhaare des Pop-Stars Madonna vorkamen. Ein anderes Mal hatte ich ein Aufsätzchen über Sprachpsychologie und Neurophysiologie keckerweise mit dem Foto einer gut gebauten, freizügig posierenden Blondine geschmückt. Das Foto aber, aus dem Netz gefischt, trug, was ich vorerst gar nicht bemerkt hatte, den Titel „busted blonde girlfriend“. In beiden Fällen schnellte kurz- bis mittelfristig meine Leserschaft ins Astronomische!

 Je nun, wohlan, „sex sells“, denkt der Weltkundige und geht müde schmunzelnd zur Tagesordnung über. Denke ich auch. Aber nun habe ich etwas entdeckt, das noch tausendmal mehr Besucher – für, wie ich vermute, sehr, sehr kurze Zeit – auf mein Blog  lockt, und sie in der Folge bitter enttäuscht wieder abschwirren lässt, und das hat mit kleinen dicken Hunden zu tun. Wer jetzt „Ha! Möpse! Möpse! Er hat ‚Möpse’ als Schlagwort!“ denkt, den muss ich eines anderen belehren. Keineswegs. Ich habe lediglich irgendwo am Rande mal erwähnt, dass mir die Französische Bulldogge zum unangefochtenen Modehund der Nuller und Zehner Jahre des Jahrtausends avanciert zu sein scheint. So eine Beobachtung kann man ja mal machen und beiläufig äußern, oder?

 Zumal ich da wohl richtig liege, weil ich seither täglich (!) zwischen hundertfünfzig und zweihundert BesucherInnen verzeichne, die mein Blog mit dem Stichwort „französische Bulldogge“ er-googelt haben. Was für eine herbe Enttäuschung erwartet die modehund-bewussten Tierfreunde! Bei mir erfahren sie über diese Rasse überhaupt nichts, es sei denn, für sie sei die Information wertvoll, dass diese Tiere für mich aussehen wie mit Kuhfell bespannte Leberwürste, denen man aus purem Züchterübermut alberne Fledermausohren appliziert hat, mutierte Möpse mit abgrundtief traurigem, ja anklagenden Blick, der mir nicht völlig unberechtigt erscheint. Die Züchtermafia, die alle 15 Jahre eine neue bescheuerte Creation (Nackthunde, Chihuahuas, Pinscher, Mini-Yorkshire-Zitterlinge etc.) auf den Markt wirft, kann bei mir nicht auf freundschaftliche Gefühle rechnen.

 Ob die Möpse, quatsch, franz. Bulldoggen nett zu Kindern und kleinen Ferkeln sind, ob sie beißen, betteln, zu becircen wissen, ob sie verträgliche Hausgenossen sind oder hässliche, mies gelaunte und stinkende Köter – all das weiß ich nicht. Schrübe ich, dieses Blog sei für Liebhaber der französischen Dogge völlig irrelevant, und sie sollten ihn keinesfalls lesen, würde er von diesen bestimmt erst recht angeklickt, weil sie auf solche kontrafaktisch-rekursiven Mätzchen („Dieses Schild nicht beachten!“) besonders gerne hereinfallen. Das Übrige erledigt die doofe Suchmaschine.

 Was, frage ich die anwesenden Fachleute, tut man da? Ich hab doch keine Lust, dass fünfzig Prozent der  Besucher wutenbrannt wieder abziehen, weil über die hochgeschätzte Französische Bulldogge hier absolut nichts zu erfahren ist! Mir scheint, Negation bringt hier gar nichts. Man kann nur seufzend einwilligen. Ich versuch mich demnächst mal an einem Text über Möpse. Der könnte immerhin zwei große Gruppen von Fehl-Googlern mal zusammenbringen. Vielleicht wird eine virtuelle Freundschaft daraus?

Allahs Wunder (hat untergeschrieben)

17. April 2011

SPRACHE ABER AUCH!

Wer wie ich noch in der frühen Goethe-Zeit aufgewachsen ist, muss sich, wenn er ins Ruhrgebiet zieht, eh auf einen gewissen Sprachabstieg einstellen; wer sich dann noch darauf kapriziert, im Geddo zu wohnen, lernt zudem, das Deutsche mit anderen Augen zu sehen. „Ich musste heute nich bei Schule gehen“, erzählt Nachhilfeschüler Milan. „Zu der …“ korrigiere ich milde. „Nee,–  zu is der nich…“,  druckst Milan, „war ich bloß Verwarnung, ein Tag, durft ich nich bei Schule“. „Wie jetzt? Heißt das, du bist vom Unterricht ausgeschlossen worden?“ Milan überdenkt die Frage gründlich und nickt dann betont vage. Ich ziehe die Brauen hoch und durchbohre ihn mit dem strengsten Blick, den ich über die Lesebrille schießen kann. „Mach nich so, Lehrer!“ jammert mein sensibles Erziehungsobjekt sofort los, „bitte! Nich wieder so Gesicht!“ 

Im Verhör macht der Beschuldigte dann folgende Angaben: Natürlich kann er, wie immer, „nix für“, ist „voll übel abgepetzt“ worden, und zwar „wegen bisschen Schubsn“. Ich unterdrücke den Gedanken, warum eigentlich ausgerechnet er immer so blöd ist, sich erwischen zu lassen und frage stattdessen ahnungsvoll: „Und das war alles, nur Schubsen?“ Milan schenkt mir seinen treuesten Dackelblick: „Schau, Lehrer… war auch noch … wegen Zettel, aber weiß ich auch nicht, ich schwör…“ Da ich mich mit der Trickser-Psychologie meines Wunderknaben schon auskenne, schließ ich messerscharf: „Du hast einen schriftlichen Verweis von der Schule bekommen und ihn mal wieder verschwinden lassen?“ –„War gar nicht verschwindet“, wehrt der Knabe, in seiner Ehre gekränkt, empört ab, „hab ich bei Schule beigehabt! In Tournister“ – „Ja und?“ – Hinter der kleinen, noch fast durchsichtigen Denkerstirn arbeitet es schwer. Wie soll man einem begriffsstutzigen Erwachsenen ein Wunder erklären? „Schau, Lehrer, war Verweisungszettel schon untergeschrieben… von meim Vater“. – „Aber dein Vater war doch die letzten Tage gar nicht da!?“ –  Stumm wartet er ab, bis bei mir der Groschen fällt.

„Nein!“, ich versuche nicht zu grinsen, sondern das Gesicht eines für Kapitalverbrechen zuständigen Hauptkommissars zu machen, „ – du hast doch nicht etwa?“ Milan errötet, zieht einen Flunsch und drückt sich doch tatsächlich ein paar dicke Tränchen in die Augen. Eigentlich will er später „Autorennenfahrer in Form eins“ oder aber, man höre und staune, „so Kunststeller“ werden „mit Buntstifte und so“, aber wahrscheinlich reüssiert er eher mal als Charakter-Schauspieler. Über sein grundehrliches Kindergesicht gespenstern in rascher Folge Verzweiflung, gelindes Staunen und perfekt gespielte Unschuld: „War Vater eben auf einmal untergeschrieben auf Zettel, weiß ich auch nich, wer da gemacht!“ Eines der seltenen Wunder Allahs, schätz ich. „Kann es sein, dass du es vielleicht selber warst, der da unterschrieben hat?“ frage ich sanft.

Jetzt ist seine Verblüffung echt und grenzenlos: „Lehrer! Wie weißt du schon wieder?! War doch voll Geheimnis!

Ich überdenke still meine pädagogischen Qualifikationen. Als Charakter-Bildner bin ich offenbar ein Versager – aber wenn ein Achtjähriger, für den „6 x 6“ eisern „zwölf“ ergibt und der schreibt wie eine gesengte Sau, sich schon imstande sieht, die Unterschrift seines Vaters zu fälschen, kann die Nachhilfe ja auch nicht völlig umsonst gewesen sein. Vielleicht bewerb ich mich mal bei Schule.

Dem Führer wird es zu blöd. Nix Anpassung

17. April 2011

Reden, wie der Schnabel gewachsen ist

Heute in der serbischen Stammkneipe. Komme wie immer zu spät, hab die ersten Runden Diebels oder Warsteiner verpasst. Am Stammtisch ist Schalke gegen Milano schon durch, es herrscht bereits Religionskrieg. Oh, Allah, dicke Lufthoheit! „Bismallah ah-Rahman i-rahim“, sage ich höflich, klopfe auf den Tisch und grüße brav „Selam-aleikum“. Ich bin halt so erzogen. Immer höflich, kommt von Mutti. Sportrentner Horst ist aber schon auf höchster Krakeelstufe. „Aaaannn-passsn solln die sich! Aannpass-ssen!“ – „Wer denn? Was denn jetzt? Woran denn?“ versuche ich die Tagesordnung zu eruieren. „Na, die scheiß Türken!“ brüllt Horst, und zeigt erbittert auf seinen serbisch-montenegrinischen Herzensfreund Branko. Wie sich nach einigen Gläsern Wein (vino bjelo), mit denen ich mich einzugrooven versuche, herausstellt, Horst möchte gern, dass unsere Muslime hier Schweinefleisch essen, „weil das numaa unsre Regeln sind“, greint er pampig. – „Horst“, rüge ich milde, „du bist doch noch nicht mal Christ! Also blas hier die Backen nicht so auf!“ – „Anpassen oder rausschmeißen!“ insistiert der Sportrentner bockig, der eigentlich, nüchtern, ein herzensguter Mensch ist und noch nicht mal wirklich Ausländerfeind. Der Alkohol hat ihm irgendwie die Koordinaten verknotet.

 Horst stiert mich wütend an und versetzt: „Proff! Du hast von nix ne Ahnung!“ Ich schlucke das zunächst, wie alles, was man mir in dieser Kneipe vorsetzt (obwohl ich bei selbstgebranntem, mit dem Bus aus der Heimat [„Ch’aimath“] hergeschmuggelten Slibo inzwischen mädchenhaft zimperlich geworden bin). Eigentlich hatte ich die Chancen des MSV Duisburg beim Pokal-Endspiel diskutieren wollen, aber hilft nichts, der Integrationsmagister ist jetzt gefragt.

Ich formuliere ein paar wohlgesetzte Worte über religiöse Toleranz, werde aber von Horst direkt volley niedergebrüllt. „Der Türke“, beharrt er und macht eine weit ausholende Geste in Richtung der überwiegend serbisch-orthodoxen oder bosnisch-liberalmuslimischen Gäste, „der Türke“ sei ein „Sozialschmarotzer“. Und seine besondere Dreistigkeit sei, kein Schweinefleisch zu essen, obwohl er sich vom deutschen Staat durchfüttern ließe. Ich gebe zu, über diese logische Komplikation einen Moment lang nachgedacht zu haben, gab dann aber zu Protokoll, mir persönlich sei es völlig gleichgültig, was ein Mensch äße oder nicht; ich zum Beispiel verschmähte geröstete Kakerlaken und gegrillte Meerschweinchen, hielte mich deswegen aber nicht gleich für einen besseren Menschen. Zum Beispiel möge ich auch keinen Spinat, würde aber von niemandem verlangen, meine Abneigung gegen dieses köstliche, vitaminreiche Blattgemüse zu teilen. Geschweige denn, dass ich darauf eine Religion gründen möchte.

 „Außerdem: Was haben wir denn davon“, versuche ich es mit der gewaltfreien Kraft des Arguments (Habermas), „wenn der Türke jetzt Schweinefleisch isst?“„… unn die ganzen Zigeuner!“ trumpft der Sportrentner auf und gerät in Rage. „Alle rausschmeißen!“ – Ich gebe, um die Redundanz des Diskurses durch Bildungselemente aufzulockern, zu bedenken, dass diese Leute meines Wissens weder Muslime seien noch Schweinefleisch verschmähten. „Anpassn!“ beharrt Horst, „oder ehm raus hier!“ – „Wie denn anpassen, alter Mann“, frage ich, langsam etwas auf Krawall gebürstet, den Schweinefleisch-Fundamentalisten, „solln die sich auch die Haare blondieren wie du?“ – Nebenbei fällt mir auf, wenn der Sportrentner sich die Fusselfrisur schwarz färben würde, hätte er frappierende Ähnlichkeit mit Muammar al-Gaddafi, und ich kann mir nicht verkneifen, ihm (also Horst) das mitzuteilen.

 Weil man am Stammtisch deshalb nun auch lebhaft über „Egüppten“  und „Lübien“ redet und dabei Mubarak und Gaddafi ständig verwechselt, mache ich zur Güte den Vorschlag, nach 22.00 Uhr am Stammtisch evtl. die Sachgebiete Religion und Politik besser auszuklammern, vergeblich natürlich, weil, man hält mich als „Prof“, „Magister“ und „Lehrer“ zwar in gewissen Ehren, hört mir aber trotzdem nicht zu. Im Gegenteil, nach dem 20. Bier schlingert Horsts Blick ins Visionäre. „Ich grünne ne Paatei!“ verkündet er der vorwiegend aus „Ausländern“ bestehenden Runde charismatisch, fixiert mich dann plötzlich mit verliebtem Blick und donnert: „Unn du, Proff, wirst unser Führer!“ – „Horst“, repliziere ich maliziös, „ich glaube, die Partei, die dir vorschwebt, gibt es schon“, und ergänze, ich sei indes weder geneigt, deren „Führer“ noch auch der irgendeiner anderen Partei werden zu wollen und mache mich dann auf den kurzen Heimweg, was ich mit einem knappen, aber konzisen „Das wird mir jetzt zu blöd hier!“ begründe.

Freund Branko, der in Erfüllung seiner Wirts-Pflicht, stumm brütend dabeigesessen hat, macht eine halb bedauernde, halb resignierte Geste. Seine Form von Islam ist von der fatalistischen Sorte und besteht im wesentlichen darin, seine Kinder sonntags zum Hodscha zu schicken, „damit die da Anstand kriegen“. –

Der Sportrentner aber hat das letzte Wort: „Typisch den Proff, eyh. Wennas ma kons… kons…trucktief wird, hauter ab!“