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Wie immer zu spät (Grass-Debatte)

14. April 2012

Unsere moralische Instanz: Der Butt! (Foto: Wikipedia)

Nachlese. Einmal die dicke Jägersuppe bitte, mit Windhundwurst und Greisenkraut! Und dazu ein Anmaßfass Stammtischbier! Das wird man doch wohl noch bestellen dürfen, oder? Die grinde Horde johlt. Delirium Larum Löffelstiel! Endlich frei und ungebunden. Seht her, der Pfeifenschornstein – jetzt raucht er schon und schmaucht die alten Lieder wieder. Ächzend kracht der Plapperkasten, proppevoll mit Topexpert, und dann und wann ein westenweißer Elefantenzwerg. Hutzelmänner, Runkelrüben, tosender Applaus: Der innre Schweinehund muss jetzt mal raus. – Ey, was jetzt das? Da reimt sich was! Ich glaub es nicht – soeben schrob ich ein Gedicht!

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Keine Pfeife? Oder noch mal anders. Ein Gedicht, heißt es immer, ist wie ein Wickelrock. Warum? Ich weiß es nicht! Vielleicht wegen der haarigen Beine? Ich hab noch einen Koffer im Kabuff mit Germanistenbesteck, da müsst ich mal nachkramen. Hier, ach, sieh mal: Dr. Kaisers klassisches Werk über Nudistenkostüme! Porno-Cord mit Lederflicken, schwarzbraun wie die Faselnuss. Alle, die mit uns auf Kapern-Fahrt wollen, müssen Männer mit Bärten sein. „Dies ist keine Pfeife“ urteilte Magritte harsch über den Dichter. Falsch. Pfeife sehr wohl, bloß eben Dichter nicht. In Möbeln gesprochen: Der Stuhlkreis steht, was nebbich ausfällt, ist die Reise nach Jerusalem.

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Lost in translation. Ich bin schon so sehr an Anglizismen gewöhnt, dass ich heftig schmunzeln musste: Waren die Salafisten-Spinner mit ihrer Koran-Verteilaktion wirklich gut beraten, als sie dafür den Slogan „Lies!“ erdachten?

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Alte Männer, die auf junge starren. Zugegeben, junge Leute können es leicht mit mir verderben. Ich leide altersbedingt unter Toleranzdefizit. Vorlaute, präpotente und unbescheidene junge Männer, die also exakt so sind wie ich früher, kann ich nicht ausstehen. Bei SPIEGELonline gibt es einen Kolumnisten und „Kritiker“, nennen wir ihn mal Georg Dietz, warum nicht, denn so nennt er sich ja selber, nämlich „Der Kritiker“, und „Georg Dietz“, der mir erstmals durch eine brunzdumme Polemik auffiel, in der er mein Idol Heinrich von Kleist mit – wem? Nicht wirklich, oder? Doch! Echt! mit Karl Theodor von Guttenberg auf eine Stufe stellte. Warum? Weil beide von Adel sind oder waren! Dann verriss er den neuen Roman von Kracht, den er ersichtlich nicht gelesen oder zumindest nicht begriffen hatte. So weit, so ärgerlich.

Laut Selbstauskunft schreibt er auch für die FAZ, und zwar „über alles“, was entschieden mehr ist als das, wovon er einen Schimmer hat. Aber Ritter Georg „der Kritiker“ Dietz, der topmodische Hornbrillen-Intellektuelle, gibt halt keine Ruhe, er will partout und gründlich gegen die Wand. Also hat er einen Artikel über Günter Grass geschrieben. Das ist nicht schlimm, alle tun das, und seiner war, seien wir fair, gar nicht mal der blödeste. Nur – wenn einer einen Artikel betitelt mit „Der Dichter, der nicht auf seine Worte achtet“ und darin dann „mit flinker Lippe“ (G. Grass) einen Satz heraushaut, der lautet: „Es ist dieser gerade für einen Romanautor überraschende Mangel an Emphase, der so frustrierend ist“ – dann entbehrt das durchaus der Peinlichkeit nicht, weil, erstens, wenn es dem mediokren Schriftsteller und anti-israelischen Stinkstiefel an einem nun definitiv nicht mangelt, dann wohl an Emphase; zweitens meinte Herr Dietz wahrscheinlich Emphysem? Empyreum? oder, nee, wartet, Quatsch, Empathie!

Das ist das Wort! Und drittens wäre es nicht schlecht, wenn auch „Kritiker“ auf ihre Worte achteten. Mal gut, dass ich nicht der olle Blech-Butt bin, oder noch schlimmer für den bürgerlichen Dietz, der aristokratische Karl Kraus: Prompt wäre ich in diesem Fall mit meinem Aperçu angehoppelt, der Journaille reichte es nicht, keinen Gedanken zu haben, nein, sie müsse auch unfähig sein, denselben auszudrücken. Aber den jungen Leuten ist ja eh alles wurscht.

Disclaimer. Ja, ja, keine Sorge – ich bin auch gegen alte Männer, vor allem die abgefeimten, erloschenen, ausgestopften Pfeifendeckel, die dementen Wichtigtuer, Besserwisser und ausgezehrten, morschknochigen Moralkeulen, die sich für das Gewissen der Welt halten und nicht bemerken, dass sie schon lange rattentot sind, diese unsäglich aufgeblasenen Ochsenfrösche mit erstorbenen Herzen so kalt wie Schweinssülze, deren Namen ich gar nicht nennen will, selbst wenn es Namen wären wie Günter Grass, Martin Walser oder Peter Scholl-Latour. – Ich selbst bin in einem schwierigen Alter – zu alt für einen „tragischen“ Tod, zu jung, um dramatisch abzutreten. Dennoch: Folgende „Dichter, die auf ihre Worte achteten“, vermieden es, im Alter zur Nervensäge zu werden: Heinrich von Kleist, Georg Büchner, Georg Trakl, Georg Heym, Franz Kafka, Robert Walser, Stefan Zweig, Silvia Plath, Paul Celan, Ernest Hemingway. Unter vielen anderen.

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PS. Früher wollte ich Schaffner werden, dann Tierforscher. Jetzt wäre ich gern U-Boot-Bauer, dann würde ich Israel so viel Schießzeug liefern, wie nur geht. Geradezu zuschmeißen würde ich sie mit U-Booten, Abwehrraketen und Sicherheitskram. Das wäre ja wohl das mindeste!

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Theologie im Kinderzimmer (Frag den Hodscha)

23. Juni 2011

Schmeißt Allah mit Büchern? (Foto-Quelle: Wikimedia Commons)

Freitags, da mach ich immer allgemeine Fragestunde. Mirko, mein serbo-deutscher Nachhilfeschüler darf fragen, was er will. „Auch über dich, Lehrrärr?“„Klar!“ – „Also ch’ab ich Frage: Warum bistu nich Muslim, Lehrrärr?“ Darüber haben wir nun schon tausendundeinmal gesprochen, aber es will einfach nicht in den kleinen kurz geschorenen Quadratschädel, weil, der Hodscha hat gesagt, ein Muslim weiß alles, was man wissen muss, und da ich in Mirkos Augen jemand bin, der nahezu alles weiß (sogar die Geheimnisse achtjähriger Knaben), muss ich in seinen Augen logischerweise auch Muslim sein. Eigentlich spreche ich nicht gern über Religion, um keine Verwirrung zu stiften, aber Mirko hat einen ähnlichen theologischen Forscherdrang wie ich mit acht Jahren. Er lässt nicht locker, denn er sorgt sich um mich: „Aberr wie kannstu nich an Allah glauben! Denn tuter dich mit Blitze verschmettern!“ Ich erkläre ihm, dass der Hodscha, von dem er das hat, vielleicht was falsch verstanden haben müsse, denn da hätte Allah ja wohl allerhand zu gewittern, weil nämlich ein paar Milliarden Menschen nicht an ihn glauben.

Mirko lässt sich erstmal aufmalen, wie viel Nullen eine Milliarde hat und macht große Augen. Da der Hodscha anscheinend nicht viel auf dem Kasten hat, übernehme ich widerstrebend den Religionsunterricht. „Weißt du denn überhaupt“, fragt also der jovial-liberale Toleranz-Onkel Kraska, „wie der Koran entstanden ist?“ Mirko nickt selbstgewiss: „Is von Himmel geregnet auf ersten Mann, wo geboren wurde, wie heißt noch?“ „Adam“, souffliere ich und bohre nach: „Wie jetzt? Allah hat den ersten Menschen mit Büchern beschmissen?“ Mirko muss  grinsen, weil er die Vorstellung auch ein bisschen lustig findet, nickt dann aber ernsthaft: „Hmm, aber nur mit die gelb-roten!“ (Beim ihm zuhause steht die „offizielle“ Koran-Prachtausgabe in Rot und Gold auf dem Wohnzimmerbuffet.) – Also gut, erzähle ich dem jungen Mann mal vom Propheten Mohammed (hat er noch nie gehört – in der Sonntagsschule von diesem Hodscha möchte ich ja mal Mäuschen spielen!), von Mekka und Medina, vom Erzengel Gabriel und von der Entstehung des Koran. (Im Stillen schüttle ich über mich selbst den Kopf: Hab ich jetzt hier Koran-Schule, oder was?)

Mirko möchte wissen, ob Mohammed in Serbien wohnt. „Eher nicht“, erkläre ich, „der ist seit mehr als dreizehnhundert Jahren tot.“ – „Der hats gut!“ murmelt mein Koran-Schüler. „Wie bitte?“, ich fasse es nicht. „Möcht ich auch gern, gestorben haben...“ träumt Mirko weiter, der momentan nämlich lieber tot wäre, weil er ewig Stress mit Papa und Mama hat, die Geschwister doof sind und die Mitschüler ihn immer schubsen. Doch dann gewinnt sein theologisches Interesse wieder oberhand: „Lehrrärr, ch’ab ich noch Frage: Kann Gott auch sterben?“ Ich wechsle einen kurzen Blick mit dem Nietzsche-Porträt bei mir an der Wand und antworte ausweichend: „Na, das darfst du gerade MICH nicht fragen…“„Aber Lehrrärr, du hast gesagt, ich darf ALLES fragen!“ protestiert er empört. – „Schon, sicher, aber da ich nicht an Gott glaube, kann er für mich doch auch nicht sterben…

Mirko ist kreuzunglücklich und insistiert: „Lehrrärr, wie kannstu nich an Gott glauben, wo hat dich doch gemacht!?“ Ich bestreite das: „Also, mich haben meine Eltern gemacht…“ Mirko weiß zwar noch nicht genau, wie Kinder entstehen, aber dass es etwas mit Vater und Mutter zu tun hat, scheint ihm plausibel. Ich setze nach, weil ich der Versuchung nun doch nicht widerstehen kann, einen zarten Keim des Zweifels ins fromme Kinderherz zu pflanzen: „Schau, du hast gesagt, Adam war der erste Mensch, wo, äh, ich meine, DER geboren wurde?“ Er nickt. „Und wer hat ihn geboren?“ „Is von seine Mutter geboren“ läuft mein Disputpartner prompt in die Falle. „Aha!“ triumphiere ich.

Miko grübelt, aber dann fällt ihm ein, dass es noch ein anderes Gebiet gibt, das ihn brennend interessiert: „Lehrrärr, wie kriegt man Babies?“ – Da ich mir nicht sicher bin, ob sich mein Lehrauftrag auch auf Sexualkunde erstreckt, antworte ich knapp: „Indem man grüne Erbsen isst.“ Mirko ist begeistert. „Stimmt nicht!“ jubelt er, „Gar nicht! Ch’ab ich gleich gemerkt! Du willst mich Scherz machen!“ –  Ich zuck die Schultern: „Dann frag doch deinen Hodscha!“ – Jetzt bin ich mal gespannt…

Peinlichkeit. Religiöser Zwiespalt

14. Juni 2011

Honneckerin der Evangelen: Hodscha Käßmann

Was mir zu denken gibt: Heute habe ich meinem achtjährigen serbischen Nachhilfeschüler Mirko, der, soweit er weiß, Muslim ist, weil es a) zuhause kein Schweinefleisch gibt und er b) jeden Sonntag zum Hodscha geschickt wird, um den Qu’ran (immerhin auf serbisch, nicht auf arabisch!) auswendig zu lernen, eine Geschichte von Janosch vorgelesen, in der zwei dumme Brüder vorkommen, die „den ganzen Tag in der Kneipe sitzen und den Mädchen nachpfeifen“. – „Äh. Lehrrärr“, sagt Mirko, „ch’ab ich Frage, darf ich?“ – „Klar! Nur zu….“ – „Ahrrmm, äh, … sind Brüder … Muslime?“ – Ich, vorbildlich neutral, antworte, dass Janosch, der Autor, meines Wissens katholisch (und das heißt: schlimm!) erzogener deutscher Pole sei, der inzwischen auf Teneriffa lebe, Atheist sei und Muslime wahrscheinlich gar nicht kenne. – Mirko, als Kneipenwirtssohn nicht gänzlich ohne Lebenserfahrung, macht ein skeptisches Gesicht. Ich seh es ihm an: Er glaubt, Janosch kennt die Muslime DOCH!

Mirko kann übrigens auch einfach nicht glauben, dass ich kein Muslim bin. Das will ihm nicht in den kurz geschorenen Quadratschädel. „Weiß ich schon, gibt auch Ch’christ und so, aber…“ … Aber in seinen ehrfürchtigen Kinder-Augen weiß sein Lehrrärr praktisch alles – ich kenne sogar die bestgehütetsten Geheimnisse achtjähriger Buben! –, und „ein-Mann-der-alles-weiß“ ist für ihn praktisch definitionsgemäß gleichbedeutend mit einem Muslim. So lehrt es der Hodscha. Allerdings und andererseits: „Gibt Kinder wo hassen richtich den Hodscha“, fügt Mirko nachdenklich hinzu. – Ich: „Wieso denn das?“ – Er:  „Weil haut Kinder an der Kopf und sss’wiebelt immer so an die Ohren, wenn nich gut gelernt Qu’ran!“ Letztlich bloß  gut, dass ich „Ungläublicher“ bin, weil vor Christen hat Mirko, obwohl er „Atheist“ für ein schlimmes Schimpfwort hält, schlimmer als „Hurensohn“ jedenfalls,  nämlich noch mehr Bammel. Die essen nicht nur Schwein, sondern auch ihren Herrgott und trinken sein Blut. Voll eklig!

Und dabei kennt er Gottes Nervensäge noch nicht, die achte & echte ägyptische Plage, den Weib gewordenen Zorn Gottes, die zwischenmenschliche Posaune von Hannover, die penetranteste Betschwester und unsäglichste seiner Post-Apostelinnen: Frau Margot Käßmann! –  Natürlich erzähle ich Mirko nicht von ihr, denn ich will ihm keinen Schrecken einjagen oder seine unschuldigen Kindernächte mit Alpträumen belasten! Klar, ich könnte ihm drohen: Wenn du bei mir nicht gut lesen, schreiben und rechnen lernst, holt dich die schwarze Frau Käßman! Sie wird dich armen beschnittenen Muslim-Knaben solange umarmen, küssen, mit Dialogen überschütten und dich mit klebrig-süßem Gesabbel vollschleimen, bis du an Erbrochenem erstickst!

Margot K., die approbierte Honneckerin der Evangelen, Star der Kirchentage und eine der beliebtesten Deutschen überhaupt, ist eine herausragende Strategin der Geopolitik. Vor allem ist sie Afghanistan-Expertin. Mit den Taliban etwa, empfiehlt Frau Käßmann unermüdlich, als protestantische Kaltmamsell Knall auf Fall auf jedem Podium hockend, müsse man „gemeinsam beten, anstatt sie zu bombardieren“. Überhaupt sei Krieg immer ganz böse, und wenn schon mal ein Feind begegnete, solle man diesen durch Küssen, Backe-Hinhalten und Vollschleimen erledigen! Zu diesem debilen Schwachsinn bleckt sie die überkronten Pferdezähne, grinst keck unter ihrem flotten Pony hervor und freut sich diebisch, dass man sie bei ihrem Geschwafel auch noch beflissen noch abfilmt.

Zum Glück fragt mich Mirko nicht nach Frau Käßmann. Was sollte ich als ehrlicher Mensch antworten? Dass die Deutschen frenetisch eine dusslige Kuh verehren, eine Art weiblichen Hodscha, der/die wegen Trunkenheitsfahrt ihren Job verlor und seither als bewunderte Demonstrativ-Bußfertige ein um das andere Mal alle drei Monate ein besinnliches  Schwafelbuch veröffentlicht, peinlichsten Unfug redet (mit oder ohne Alkohol), und penetrant ihre trotz mittelalterlicher Ideologie ostentativ zelebrierte „Modernität“ zur Schau stellt, um unsere Ohren zu zwiebeln? Soll ich denn den Knaben an jeder Integration hindern?

Als ein offensichtlich atheistischer Reporter Frau Käßmann fragte, was sie denn mit ihrem billigen Hurra-Pazifismus über das Ende der Hitlerei denke, und dass sie ohne die Opfer der Alliierten ihren Scheiß wohl kaum frei verbreiten könnte, grinste sie saublöd in die Kamera und patzte pampig: „Ach, da sag ich nichts zu, Sie schreiben ja doch, was sie wollen…!“ – und stöckelte modern, aber unbelehrt, schnippisch davon. – Jetzt zittere ich vor dem Tag, an dem Mirko mich fragt, was eigentlich „Peinlichkeit“ bedeutet. Da ich der Mann bin, der alles weiß, werd ich ihm antworten müssen. Oder soll ich sagen: „Frag doch deinen Hodscha!“?  

Noch schwerer wäre freilich die Frage zu beantworten, warum ich es von Herzen gern hätte, wenn Frau Käßmann direkt nach Afghanistan flöge, um dort „mit den Taliban zu beten“. DAS würde ich wirklich ZU GERN sehen, vallah…!

Immer milder: Kraska hat Klimawandel

14. April 2011

All along the watchtower: Vallah, klar lesisch Bibel!

Ich hab voll Klimawandel! Im Kopf! Die Gattin meint, ich würde immer cholerischer, dabei werde ich langfristig auch milder. Gestern Mittag in der klandestinen Denkstube reißt mich die Türglocke aus dem Denksport-Krafttraining. Verdammter Bengel, denk ich, weil Nachhilfeschüler Milan „kann“ immer noch „nicht Uhr“ und kommt gern, wenn er das Gefühl hat, es wäre vielleicht Zeit. Aber im Treppenhaus steht gar nicht Serbiens Sonnenschein, den hätte ich schon von weitem erkannt, weil er derzeit, wenn er die Stufen hochkommt, immer laut die Monatsnamen deklamiert, weil ich ihm gesagt hab, die nicht zu können sei für einen frisch gebackenen 8-jährigen voll Baby. Wenn nicht sogar Mädchen! Im Pädagogischen bin ich halt Autodidakt.

Vor der Tür steht vielmehr eine verhuschte Dame mittleren Alters, dezent schlammgrau Popeline-ummantelt, ungeschminkt und wetterfest; zwei Schritte hinter ihr ein älterer Herr (also sogar von mir her gesehen „älterer“), der ihr vage besorgt über die Schulter linst und mich präventiv etwas kummervoll betrachtet. Vielleicht handelt es sich um ihren im Dienst gebleichten Schutzengel. Beide wirken hier im tiefsten Geddo so schutzbedürftig deutsch, dass ich spontan brüderliche Instinkte in mir empor perlen fühle. Ob man eventuell, wenn es nicht sehr ungelegen käme, wispert Frau Graumann, mir wohl eine Frage stellen dürfe? Sie wusste ja nicht, dass ich als unterforderter Geistesmagister leidenschaftlich gern Fragen beantworte. Frag mich was, dann bin ich. Nun also, ahem, – ob ich denn die Bibel kennen würde, schon, vielleicht? Was ich nicht so mag, ist, wenn man mich für doof hält.

Dennoch antworte ich milde (!): Gute Frau, in diesem wunderlichen Buch habe ich bereits herumbuchstabiert und nach gewissen „Stellen“ gesucht, als Sie – ich ziehe charmant eine Braue hoch wie der frühe Mickey Rourke – mutmaßlich noch gar nicht auf Erden wandelten! Zudem setze ich Sie ungefragt noch in Kenntnis, dass ich als Religionsphänomenologe selbstredend auch Thora und Kabbala, Koran und Hadithe, tibetanische und ägyptische Totenbücher, ferner das Popul Vuh, das Gilgamesch-Epos, die griechischen Mythen, die buddhistischen Sutren und die taoistischen Schriften des Daodeking mit Fleiß studiert habe. Ferner verfüge ich über Grundkenntnisse der Gnosis, der Plotinischen Metaphysik, der Mystik des Dionysios Areopagita, der Schriften von…

… ich bremse erstmal ab, denn Frau Graumann schaut betreten auf ihre flachen Gesundheitsschuhe, während der ältere Herr Engel die Backen aufbläst und mich mit weit aufgerissenen Augen fixiert, als wäre ihm eben bewusst geworden, bei Dr. Mephisto persönlich geschellt zu haben. Pause. Dann ist das brave Aschenmuttel wohl durch mit der inneren Repitition ihrer Demutsregeln und setzt schüchtern nach: „Ja, aber wissen Sie auch, dass die Bibel praktische Hinweise zur Lebensführung gibt?“ Im Stillen denke ich: Nun ja, doch, schon, und ich bemühe mich zumeist, keinen von diesen Tipps arglos zu befolgen. Ich begehrte allerdings schon mancherlei Nächsten Weib, hatte gelegentlich Lust, meinen Sohn zu schlachten, hätte, gerade jetzt, wo die Steuernachzahlung droht, gegen ein Kalb aus eitel Gold nichts einzuwenden und die sieben ägyptischen Plagen habe ich meinen Mitmenschen auch schon an den Hals gewünscht. – Laut aber verweise ich darauf, als Philosoph und Geisteswissenschaftler leider ohnehin nicht mit praktischen Lebensfragen konfrontiert zu sein, und wenn doch mal, würde ich diese zumeist an die pragmatische Gattin überweisen, die sich mit Praxis auskennt.

Bekümmert bezeugt das verhärmte, sanfte Duo Verständnis für meine vermutlich irreversible Heidenhaftigkeit; mit dem letzten Schimmer verdämmernder Hoffnung fragt die Missionarsdame aber noch, ob man mir wenigstens ein Faltblatt andienen dürfe, als Denkanstoß und zwecks eventuell später noch einsetzender Bekehrung. Höflich unterdrücke ich die patzige Antwort, da trauten sie ihrem mickrigen Flyer aber eine Menge zu, nehme stattdessen das Blatt huldreich entgegen und wünsche noch einen Guten Tag. Schon hab ich die Tür geschlossen, da wird mir die Lage bewusst, weswegen ich sie, die Tür, wieder aufreiße und dem Pärchen hinterher rufe: „Und passen Sie bloß auf sich auf!“ – Mann! wissen die denn nicht, wo sie unterwegs sind? Hier wohnen 75% Muslime! Ich male mir aus, was Izmet, Muhammad, Asiz, Fuat und der dicke Erol antworten, wenn sie an der Tür gefragt werden, ob sie auch schön die Bibel lesen…

Schau an, denke ich, und das ist eben der Klimawandel bei mir, die guten alten „Zeugen Jehovas“! Entweder faszinierend unerschrocken oder echt nicht von dieser Welt! Irgendwie schon wieder rührend. – So milde bin ich geworden. Allerdings, wenn die tausendmal lästigeren, dreimal gottverfluchten Drücker-Ganoven klingeln, die mir zudringlich und schamlos trickbetrügerisch neue Vodafone-, O2- oder Telekom-Verträge   aufschwatzen wollen, dann solltet ihr mich mal hören. Da brülle ich los wie Luzifer, Leviathan und Behemoth zusammen, so dass die kleinkriminellen Nepper und Rentnerfängner glauben, der Tag des Zorns („dies irae“) sei angebrochen. Da bin ich cholerisch wie Jehova!

 

Im Geddo: Cherchez le pig (Deutsch nichso gut)

9. Dezember 2010

Rätselhaftes Schweinchen: Was hat man auf der Pfanne?

 

Für Chris & Hella (Gute Besserung, Mensch!)

„Dialog der Kulturen“ im Geddo. Fragt kleiner serbischer Nachhilfe-Schüler mich: „Lehrerr! Ch’abb isch mal Frage – darf ich? – „Hhmmm?“ – „Lehrerr, bist eintlich … Müslim?“ – „Nee! Niemals nich!“ – „Und, ja aber, Herrr Lehrerr, ch’ast du doch Frau! – Deine Frau, ist der denn Müslima?“– „Also erstens heißt es: ‚die’! Und außerdem, nö, schätz ma erst recht nich!“ – „Ach so, denn is der Krist oda was?“ – „’Die’, Blödmann!!! Aber sonsten: nö, wohl auch nicht…“ – „Unn was seit’n ihr denn zusammen?“ – „Na, weißt … eher so … halt … nix!“  – „???“ – „Na, schaust, Kleiner, Deutsche sind oft weder Krist noch Müslima…“ – (Schüler, sich stolz aufrichtend): „Aba binnisch auch Deutscher … –  und ischbinnich Muslim!“ – Ich, etwas jovial: „Ja, und? Was issn das gezz überhaupt so dolles, Muslim?“„Wir essen kein Schweinfleisch!“ kommt die Antwort prompt wie aus dem Bolzenschussgerät geschossen. Aha.

Aber mal andere Frage: Schweine jetzt – sind die, also von sich her, eigentlich „halal“, „koscher“ oder „ungläubig? Kurzum, was frisst’n so’n Schwein denn selbst? Ja klar, die Studis von der Wikipedia-Uni schnipsen eifrig mit den Fingern. Nach ihrem frisch gebackenen Klickwissen sind Schweine nämlich „Allesfresser“. How how! Beißen, schlingen und knuspern also alles Organische, was nicht bei „drei“ auf den Bäumen ist! Toastscheiben, Suppenreste, Kartoffelschalen: Dem Schwein ist alles Wurscht! Notfallls, wie mein Lieblingsfilm „Hannibal“ zeigt, frisst das wilde Waldschwein auch unmenschliche Bösewichter. Verdient hamses ja wohl, oder?!

Weil isch bin gutte Lehrer, ging ich Sache auf Grund. Schwein! Gibssu mir Wahheit! Bist du koscher, halal oder bös schlimmer Finger? Stieß ich auf so rundes Töppchen „Appel-Grieben-Schmalz“ von öko-edlem „Apfelparadies“. Aah! Ha! – Bzw.: Was? Wie? Ob denn lecker? Ja, ja, klar! Aber nicht die Frage. Auf Deckel von Töppchen hatte Chef von Schmalz-Schmiede (wer sonst traut sich so, bitte?) unbeholfen visuelle Graphik appliziert. Siessu drauf eines von den drei kleinen Schweinchen (Oink-oink-oink, aber ohne böse Wolf, wo pustet Häuschen um!), keckes Kochmützchen auffm Schweinskopp druff. Unterm Hals war so dünnes linkes (!) Ärmchen windschief drangemalt, wo hält seinerseits Pfanne in Pfötchen (sieht bisschen aus wie Augsburger Puppenkiste, Serie: „Die Mumins“). In Pfanne aber nun wiederum entweder vielleicht a) boah! ein klein niedlich Hundchen (hä? Is das chinés Schwein? Unn essen süß-saure arme Hundchen mit Soja unn Anananas, wo doch aber niedlich? – Bah!) , – oder doch vielleicht eher b) noch mal’n Schweinchen (also das zweite von den drei kleinen…). Was soll’n das? Grübel-grieben-grübel.

In Kopp von zweitem Schweinchen stecken, schlarraffenlandesk surreal unwirklich bereits verzehrfertig & verbrauchergerecht Messerchen und Gabeline. Geht Hermeneutik auf Grundeis: Wie jetzt? Is Schweinchen denn kannibal? Schwein & Schweinchen im Blickwechsel: Mag ich disch? Fress isch disch? Bissu Koch oder Opfer, du … Sau? Kannibalische Wohlfühlkommunikation! Schwein guckt Schwein guckt Schwein guckt Schwein … und so weiter. Rätselbild! Fiesolophisch gesagt;  „Selbstobjektiviert und entfremdet durch den die Anerkennung verweigernden Blick des Anderen wird das Subjekt, den Fremden er-blickend als subjektiviertes Objekt auf der ent-fernt anderen Seite des Blick-Agons, seinerseits subjektiviert, kurz: wird im dialektischen Blickwechsel das identifizierte Andere seiner selbst im Spiegel des fremden Blicks“ (J.-P. Sartre, „Das Sein und das Nichts“). Jaha! Genau! Resp. Au weh!  Das Schwein ist des Schweinchens böser Wolfi! Das Böse lauert überall. Wer Schwein, wer Wolf, wer Werwolf? Der Apfel der Erkenntnis fällt im Apfelparadies (!) nicht weit vom Schwein. Hirnschmalz siedet, mit Apfel und Zwiebelgemüse, Grieben noch dabei. Dem Reinen ist alles Schwein. Aber wie soll das ausgehen?

Wie schön iss Muslim-Sein. Nix Dialektik, nix kannibal, nur sauber Übersicht und klare Regel: „Wir essen nix Schwein!“ Kann Schwein mal sehen, wo bleibt. Botschaft von Werbung ist schweindeutig: „Wir obergut, wir vorsichtshalber mal nix essen von unübersichtlich Tier! Wie sagt Proffeeht? Kannibalschwein is grundbös das! Genau wie Schnaps und fiese Kippen!“ – So, jetzt klar das. Schwein unrein unn hat Gesicht wie Steckdos! Sogenannt Schi-nitzel ist Essen von Ungläubige Hunde wie mich und dir! Womit geklärt  Ontologie von Schwein, – wir nix essen dies, bah & basta!

Weil gutte Lehrer immer geben Weltwissen, ich erklär: Wir auch nix essen Oile, Meerschawein und Käng-Guru! Aber sind deswegen nicht doll stolz drauf. Gebe kein Distinktionsgewinn. (Wort Schüler nich verstehn. Aach, mache nix, egal!) Weil deutsch, auch nich schlingen Frosche, Spaghetto und Kakerlak. Aber deswegen nich gleich gut, weil andermal wieder knuspere Kroko, Hummere und Auster-Schleim. Stecke in Mund, was kommt. Unsere Gott egal. Will nur nich, dass wir beiße in Goldene Kalb. Goldene Kalb ganz schlecht, auch in Scheibe (Schi-nitzl).

Serbische Freund’ von „Lehrerr“ fressen gern Manne-Essen: Fett mit Fett an Fett in Fett, aber bittscheen mit gut Buttersoße, sowie viel mit dicke Käse bei. Ja, schaust du: Dicke Mann, gutte Mann, unn is auch viel testosterone Mann-Mann! Frauen machen scharf, wenn dicke Mann! Mann muss immer könne, esse Viagra, fette Lamm, Hammelbein und mächtige Huhn mit Fetttauge-Suppen. Geht alles, wenn hinterher Slibo gut viel.  Hauptsach, nix Schwein. Schwein doppelplusungut. Allah unn Proffeht will nich wissen von Schwein. „Ich soll geschöpft haben? Nie, nix, nimmer. Ist doch krass eeklich Geziefer! Sieht aus wie Mensch, schmeckt wie Mensch, rolle blonde Auge wie Mensch, wenn köpfe.“, so sagt Herr Koran.  Allah meine nich gut mit Schwein. Zwar geschöpft, aber Ausschuß von Schöpfung!

So, willzu esse gut Schweinschmalz, gehssu in Paradies von Apfel. Nix 72 Jungfraue, aber gut esse! Mann stark danach! Ganze Runde ruft: „Ey, Wirt, mache Slibo fiehr Lehrerr! Is nich Müslim, aber gutte Mann, derr Magistrevic!! Weiß immer Bescheid!“ Frau aber schittelt Kopf (ohn Tuch). Hat sie wirklich gesagt: „Mann! Du bist zuviel in dieser Serbenkneipe! Du verblödest da noch!“ ?

PS: Chabb ich gehert, Freund von Freund Chris is anne Airport London gestoppt, weil hatte Töppchen Grieben-Schmalz in Gepäck. Musste ausläffeln an Gate zweihunderfuffzich Gramm von die fette Schmier! Hat danach nebbich bisschen explodiert, und war dann alles voll … Schweinesch…malz. – Allah! Wußt ich, dass Schmalz is fettich und schwer im Magen. Aber Sprengstoff? Nich glauben. Schwein harmlos. Und Islamerer-Terrorist geht nie mit Schwein!

 

Ich bin ein Pionier der Gentrification, denn ich finde mein abwrackreifes Ghetto „sexy“

16. August 2009

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SPÄTSOMMERBLUES NACHTS IM VIERTEL…

Manchmal, ich weiß auch nicht, sticht mich der Hafer, dann tu ich ignoranter, als ich eigentlich bin. Nur so „aus Daffke“, wie der Berliner früher sagte. Auch ich habe schroffe Seiten. Also nenne ich Aphrodite, den Hund der Alk-Fraktion im Erdgeschoß, einen Mops. „Na?“, sage ich beispielsweise sarkastisch zu Elli, der Hausbesorgerin, „watt machsn fürn Gesicht? Hat die Alk-Fraktion ihren Mops wieder erschöpfungshalber zum Scheißen bloß in den Garten geschickt?“ Der Ton in meinem neuen Ghetto ist halt rau, aber warmherzlich, ich kann nix dafür. Und natürlich weiß ich in Wirklichkeit sehr gut, daß Aphrodite kein Mops ist, sondern eine schwarz-weiß gescheckte französische Bulldogge, mit arttypischen Fledermausohren und dem wissenden, abgründig dunklen, unendlich todtraurigen Blick eines schwarzen, baumwollpflückenden Blues-Sängers. Ich nenne sie aber solange einen Mops, bis die Alk-Fraktion aufhört, mich durch nächtliche Gesänge oder Krakeelereien zu ängstigen! Man kann sich doch, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, auch mal still betrinken!

Tja, was soll ich sonst über mein Viertel sagen? Verkehrssprache ist hier ein basales Pidgin-Turk-Deutsch. Jungmännerdialog zwischen Osman und Tolgan (gestern im Rheinpark mitgehört) geht hier in etwa so: „Oh, Alter, Bruder, Weiber ey, isch sach dir! War Tussi an Händi!“ – „Escht? Scheise, Mann. Unnn? Haddse gestreitet?“ „Nee, war’m Heuln! Schwör! Die willmisch! Die Alde steht voll auf misch!“ „Schwör? Öylemi? Escht am Heuln, Ağabey?“ „Ja, Bruder, schwör! Ferttich war die, Mann, voll datt Opfer, eh, vallahi!“ „Boah, voll Missgeburt, Mann, äy! Issie scheis Jude, oder was?“ „Näh, die is auch Duisburger!“ „Abba Madonna is Jude, und, ey, die Alte da, in dem Film, wie heiß noch, Halle Berry…“

Thema der Woche bei der allabendlichen Hausgemeinschaftsbesprechung war, neben dem Dauerbrenner, daß die Alk-Fraktion immer das Treppenhaus versaut, das alljährliche Fest der Stadtwerke hier im Viertel, an diesem Wochenende. Wie früher die römischen Kaiser mit ihrem Zirkus, spendiert man fürs Volk Belustigungen. Hausbesorgerin Ellis Ehemann Pitti hat sichs schriftlich geben lassen und säuberlich aus dem Anzeigenblättchen ausgeschnitten: Costa Cordalis kommt! Und Olaf Hennig! Nach dieser Nachricht muß Pitti erstmal zur Bude, Frischbier holen, was mir Gelegenheit gibt, mich unauffällig zu erkundigen, wer die genannten Gaststars denn seien und welcher Lebensleistung sich ihr Ruhm verdanke. (Es handelt sich um einen ur- und einen mittelalten Schlagerheini mit Appeal zum Schlichtpublikum!) „Aber auch Sweet!“ trumpft Anneliese, der 60er-Spätlese-Teenager aus dem Nachbarhaus auf, „Sweet kommt auch! Die aus den 70ern! Fox on the run und so! Damdam dadada-damdam!“ Das Stadtwerkefest heißt übrigens „Energiespaßtage“, und ich bin ganz froh, nicht der herzlose Diktator von Deutschland zu sein, weil ich dann bestimmt zur Abschreckung ein paar Werbefuzzis für ihre scheiß Wortspiele ins Arbeitslager schicken würde.

Das friedliche Zusammenleben der Ethnien und Nationen wird bei uns nicht zuletzt durch sorgfältig getaktete Zeitkorridore geregelt. Alle haben ihre Zeit, die bulgarischen Menschen- und die serbischen Waffenhändler, die breit watschelnden, schnatternden anatolischen Kopftuchmuttis, die pakistanischen oder srilankesischen Krickett-Spieler, die verkniffenen altdeutschen Blockwarte, die beinharten russischen Putin-Doppelgänger und BMW-Kabrio fahrenden Bodybuilder vom Großpuff. An einem warmen Spätsommerabend wie gestern gehört seltsamerweise das Viertel ab 22.00 Uhr dem schwarzen Mann. Ich muß das leider so pauschal sagen, denn von außen sieht man ja nicht, ob einer jetzt Afro-Deutscher, Afroamerikaner oder Originalneger aus Mother Africa ist. Das hat mit Rassismus nichts zu tun! Ich kann von weitem sehen, ob einer Pole, Ukrainer, Kroate oder Slowenier ist, aber Hutu, Tutsi, Bantu oder Xhosa kann ich kaum unterscheiden! Ist hier aber auch nicht wichtig, nehm ich an.

Auf meiner Spätpatrouille entdecke ich vor „Gino’s Nachtcafé-Bistro“ die dicke Mandy, die, glaub ich, in Wirklichkeit Magdalena heißt und aus Kiew stammt. Es heißt, sie habe Architektur studiert oder Pharmazie. Auf jeden Fall macht ihr in Sachen Superblondheit keiner was vor. Ihr himmlisch weißbrotfarben schimmerndes Dekolletée erleuchtet die Straße wie ein dreidimensionaler Doppel(fast)vollmond; sie verhandelt auf der Straße mit zwei bejammernswert dürren, langen Schwarzen, und es sieht aus, als käme man ins Geschäft. Überhaupt kapier ich Naivling allmählich, daß die nachts überall an den Ecken herumstehenden, oft überraschend hübschen Mädchen gar nicht auf den Bus warten. Ich hab mich schon gewundert, weil hier nämlich gar keiner fährt!

Am Brückenplatz, der tagsüber der internationalen Alk-Fraktion gehört, sind in der Nacht alle Männer schwarz. Es müssen Afrikaner sein, denn sie frönen überwiegend ihrer, wie es aussieht, in der Fremde einzig kultivierten Obsession: Nach Hause telefonieren! „Hello?! Helloo?! Can you hear me?“ schallt es aus Rostlauben, Billigkneipen und Telefonierkabinen. Yes, we can! Die Dorfgemeinschaft daheim will schließlich informiert werden, was im deutschen Paradies so läuft. Ob man auch von Mandy erzählen wird?

Am Brückenplatz befindet sich die m. W. einzige Trinkhalle (für Nicht-Ruhris: Das ist ein Kiosk für Trinker- und Raucherbedarf mit extrem dehnbaren Öffnungszeiten) Duisburgs, die, ausweislich einer Reklameinschrift, auch jederzeit Zahngold und Unterhaltungselektronik ankauft.

Den südlichen Teil des Platzes beherrscht die bei mir hochrespektierte Duisburger Bäckereikette Bolten, die hier einen Brötchenladen mit angeschlossenem Café betreibt. Bolten ist gut: Deren Baguette z. B. kann ich warm empfehlen! Warm schmeckts jedenfalls am besten. Im Café sitzt die Bevölkerung der Postmoderne. Kaftan-Islamisten geben hier ihre zwei, drei Burkassen zur Aufbewahrung ab, wenn sie Koranlesen gehen; blasse, dünne Frauen aus Osteuropa ruhen sich hier aus, die all night long vergeblich auf den Bus gewartet haben; Herren aus aller Männer Ländern buchstabieren stirnrunzelnd ihre Zeitung, und manchmal trifft man auch mich hier, über esoterische Fragen nachgrübelnd, wie die, warum Konditoreimädel oft wirklich wahnsinnig und kinofilmreif süß sind, Fleischereifachverkäuferinnen hingegen überdurchschnittlich oft einen Hang zum Wurstigen und Grobfleischernen zeigen. Bei Bolten im Café sitzend und das Treiben im Viertel betrachtend, hat man die Wahl: Wahnsinnig werden, Amok laufen, oder still, bescheiden und konzentriert einer milden, wohlwollenden Melancholie verfallen.

Vielleicht bring ich Aphrodite mal ein Zipfelchen Wurst mit?