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Ontologische Verteidigung des Negers

19. Februar 2012

Eigentlich schwarz: Barry White

Statistiker sagen, im Geddo hausten Repräsentanten von 99 Nationen. Das ist aber Stand vorletztes Jahr, möglicherweise sind es heute schon 120, 130, man weiß es ja nicht. Einer der interessantesten Zuwanderer dabei ist der Neger.  Er lebt nur Freitag und Samstag Nacht hier im Geddo, dies praktisch ist der Tag des Negers! Unter der Woche geht er offroad dunklen Geschäften nach. Man sieht ihn nicht, er verteilt sich und macht sich dünne. Das ist natürlich ein Vorurteil, ganz klar, das sehe ich ein und entschuldige mich in aller Aufrichtigkeit. Ich bin beileibe kein Rassist, das liegt mir fern. Der große Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, wusste übrigens, obschon er zeitlebens über das Weichbild Königsbergs nie hinausdrang, vom Neger, dass dieser morgens seine Hängematte verkaufe und dann des Abends aber nicht wüsste, wo er sich betten soll. Diese Ansicht gilt aber als überholt. Heute verkauft der Neger Hängematten, die er gar nicht hat, und schläft abends im Hotel. Ha, ha, kleiner Scherz mit Gruß an die Nigeria-Connection. Zum Glück versteht der Neger Spaß!

Manche Leute haben Vorurteile, weil sie den Neger nur aus der Schlagerparade kennen; ich hingegen darf sagen: Einige meiner besten Freunde sind sogar Neger. Einer von ihnen heißt, was mir einen unversiegbaren Quell der Verblüffung darstellt, Wolfgang! Wolfgang Mbami-Goreng. Er ist sogar durchaus auf seine Weise ein bisschen sympathisch, aber wenn wir mal so auf ein Hirsebier zusammensitzen, kommt es noch immer vor, dass ich, von einem unwiderstehlichen Drang getrieben, meinen Zeigefinger mit Spucke befeuchte und vorsichtig  an seiner Haut reibe. „Wolfgang“, sage ich dann regelmäßig, „ich wollte es nicht glauben, aber du bist ja allem Anschein zum Trotz wirklich ein in der Wolle gefärbter Originalneger! Als kämest du aus Afrika!“ Wolfgang pflegt dann mit extrem weißen Zähnen zu lachen und haut mir gutmütig eins aufs Maul. Während ich mein Nasenbluten zu stillen versuche, lacht er noch immer generös: „Bruder, Blödmann, ich BIN aus Mother Afrika!“ Ich ertrage das wiederum , denn Diskuskulturen sind halt unterschiedlich.

Wolfgang findet Weiße aus Gründen, die ich nicht teile, aber nachvollziehen kann, etwas unappetitlich. Sie haben eine Haut aus Käse, können nicht tanzen und riechen irgendwie penetrant nach türkisblauen Klo-Steinen. Wir fremdeln also, aber mit Herz und Sinn für Völkerverständigung. Wär ja noch schöner, wenn wir den Neger nicht nach seinem Gusto hier leben ließen. Die Zeiten der Sklaverei sind vorbei, heute heißt das „keine Papiere“ und, na, haha, „Schwarzarbeit“.

Ich gelte ja als philonegroid. Die Frage ist, ob auch bulgarische Roma im weitesten Sinne zu den Negern gehören. Ich denke ja nicht. Lange Zeit habe ich vergeblich versucht, an ihnen was Gutes zu finden. Es wollte mir erst nichts einfallen. Wodurch bereichert uns kulturell der Roma-Bulgare? Wir verstehen ihn nicht, denn zumeist spricht er ein Türkisch mit heißen Kartoffeln im Schlund, es schollert und bollert, dass es einen graust, und die Hauptbeschäftigung des Roma-Bulgaren ist, nebst Akkordeon-Belästigungen im Innenstadt-Bereich und der Produktion von mindestens zehn Kindern, die Ablagerung von eklem Müll auf dem Bürgersteig. Lange Zeit, ich gebe das zu und entschuldige mich dafür, fand ich den Roma-Bulgaren nicht als Bereicherung.

Jetzt aber doch, denn er singt! Während Biodeutsche debil Thomas Gottschalck gucken, gruppiert sich der Roma-Bulgare zur Gemeinschaft und singt folkloristische Lieder. Polyphon, pentatonisch und heimwehzerfressen intonieren bulgarische Roma-Frauen herrliche Gesänge, die eindringlich über dem Geddo erschallen. Da kann der Muezzin einpacken mit seinem blöden Geknödel! Bulgarinnen singen, das ist von zahlreichen CDs bekannt, wie die Engel! Der Bio-Deutsche hingegen hat die schöne Praxis des gemeinschaftlichen Singens völlig verlernt!

Der Neger, technisch etwas mehr beschlagen, ist meistens ohrverkabelt und LÄSST singen, Reggae, Ska, Dub und 2Step, das ganze Programm auf dem iPod. Kürzlich sprach mich ein wildfremder Neger am Brückenplatz an: „Hey, Bro, aint it a perfect night to party?“ Ich bejahte dies freundlich. Wem Rassismus fremd ist, der kann dem Neger nichts abschlagen. Er ist halt durch seine komische Hautfarbe geschlagen, aber er ist doch immerhin auch EIN MENSCH! Soweit wage ich mich vor in der ontologischen Verteidigung des Negers! – Über den Juden dann ein anders Mal…

Nationalmigräne (Umdenken)

4. Juli 2011

Dynamisches Wachstum mit internationalem Flair

Neulich im Geddo: Einer unserer vorletzten Wurzeldeutschen hat Nationalmigräne und bepöbelt auf der Straße einen der allfällig Maulaffen feilhaltenden Almancılar. In sein Handy, mit dem er angeblich die Polizei ruft, bölkt er empört: „Kommen Sie sofort! Mich belästigt hier ein Ausländer! Ein AUSLÄNDER!!“ – So siehts aus bei uns: Selbst belästigt werden möchte man lieber von seinesgleichen. Ist ja auch ein offenes Geheimnis: Die Belästigungsqualität ist stark gesunken durch den Zuzug von Migranten, die nicht alle die Belästigungsqualifikation von selbstbewussten Anatoliern oder geburtenstarken Roma-Bulgaren besitzen. Schwarzafrikaner, Tamilen, Kroaten, selbst Ägypter sind praktisch gänzlich molestifikationsunfähig!

Ach, na ja, das Geddo! seufze ich wohlig vor Mieselsucht: Hier kriegt man Nörgelgründe, die für ein lang-langes Rentnerleben reichen! Zwielichtiges Gesindel allerorten, chauvinistische Blicke, unverhohlen verhüllte Frauen, gewetzte Messer, gefletschte Zähne. Anarchischer Müll türmt sich an jeder Ecke, halbwilde Kinderhorden terrorisieren die Ruheständler, das Viertel verschlampt, verroht, verwahrlost. Die Toleranzschwellen sind längst überschwemmt, hier hilft nur noch Indolenz und Ignoranz. Wenn nicht sogar Intransigenz. So dachte ich bis her.

Es ist aber alles ganz anders. In einer Immobilienannonce las ich jetzt von meinem einzigartigen Privileg: Ich lebe gar nicht, wie immer gedacht, im multi-ethnisch asozialen Problem-Brennpunkt, sondern in „einem dynamischen multikulturellen Viertel mit internationalem Flair“! Oha, oder wie man in meiner norddeutschen Heimat sagt: Ohauaha! Jetzt geht es mir wie Omid Djalili in seiner Filmkomödie „Alles koscher!“, wo er nach 40 Jahren als pakistanischer Moslembruder in London erfahren muss, dass er bloß adoptiert – und in Wahrheit ein blutsgebürtiger Jude ist: Oi! Ich muss umdenken, unbedingt flexibler werden, möglicherweise sogar, wie es im Medien-Werbe-Gequatsch jetzt immer heißt, „mich neu erfinden“!

Der römische Stoiker Epiktet hatt es schon vor knapp zweitausend Jahren gewusst: „Nicht die Verhältnisse beunruhigen uns, sondern unsere Ansichten über diese!“ Will sagen: Ändere deine Sichtweise und alles wird gut! Diese Kunst kreativer Umdeutung habe ich in letzter Zeit etwas vernachlässigt.

Ich habe das wie Pubertätspickel wuchernde Konglomerat von Spielhöllen, Dealer-Dielen, Nutten-Kaschemmen, Schmierinfektionspizzerien und osmanischen Wärmestuben scheeläugig beargwöhnt, anstatt die Dynamik des agilen Kleingewerbes zu würdigen; anstatt anzuerkennen, dass die südosteuropäischen Zwangsprostituierten hier immerhin völlig unverschleiert ihrem traurigen Gewerbe nachgehen, habe ich mich über Burkassen und Kopftuchmädchen echauffiert; mit finsteren Blicken bedachte ich den bulgarischen Schwarzarbeiter-Strich am Wanheimer Dreieck, anstatt mich über die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zu freuen. Nicht mal das ultra-babylonische Sprachen-Gewirr, das den LIDL-Einkauf regelmäßig zum UNO-Erlebnis macht, konnte ich gutheißen! Innerlich geflucht sogar habe ich über Bäuerinnen, die nach dreißig Jahren hier noch immer nicht geschnallt haben, dass die Amtssprache vor Ort weder albanisch, bulgarisch, marrokanisch, libanesisch noch serbisch oder tamilisch ist, sondern, verdammt noch mal: deutsch. Stattdessen hätte ich mich schon seit langem am „internationalen Flair“ ergötzen können! Zumindest flair-mäßig steht Duisburg-Hochfeld nämlich Metropolen wie New York in nichts nach!

Seit kurzen trage ich nun zum exotischen Flair des Geddos bei, in dem ich eine deutsche Fahne aus dem Fenster hänge, was ich als galanten Tribut an die Frauen-Fußball-Nationalmannschaft verstanden wissen will. Bei Weltmeisterschaften erleide ich regelmäßig Anfälle von Patriotismus. Wie ein Pawlowscher Hund: Sobald ich durchtrainierte junge Menschen Kaugummi kauend der Nationalhymne („Brüh im Glanze“) lauschen sehe, bügle ich mein kleines Schwarz-Rot-Goldenes auf!

Falls wir das Viertelfinale überstehen, worüber ich mir nicht geringe Sorgen mache, hänge ich wieder, ich bin halt unverbesserlicher Intellektueller, die große schwarze Piratenflagge daneben, um mein nationales Bekenntnis ironisch zu brechen. Ob diese Subtilität von der Nachbarschaft gewürdigt wird, bezweifle ich allerdings. – Das kapieren die doch nicht, die Ausländer!

Fremdenführung durch „da ‚Hood“

15. Mai 2010

Guck jetzt nicht hin, da die
Smarten, die Harten, die Derben
Das sind Balkankriegs-Serben.
Die grüßen mich nie.

Die da mit den Halbmondfahnen
proben als sture Alt-Osmanen
Den Spagat
Zwischen Bacardi-Cola
Und Kalifat.

Die dunklen Jungs am Wiesengrund
Nennt man Tamilen, und
sie wollen bloß (Volleyball)
spielen.
Auch bei Exoten ist auf jeden Fall
Der Ball meistens rund…

Die Finstergucker am Eck? Ach, Skipetaren,
Machen etwas Im-, meistens aber Export
Vielleicht sinds auch Kossovaren,
jedenfalls, wenn sie reden
Versteh ich kein Wort.

Häkelkappe, Vollbart und Kaftan,
Die Burkasse immer dahinter,
Das ist ein Mullah aus Dingens-tan,
Sein Name? Na,
bestimmt nicht Günther!

Ich sags nicht gern, doch der Roma-Rumäne,
Und zwar wegen dem seinem Müll,
macht mir manchmal Migräne!
Den Dreck in die Tonne stopfen
Ist dem schon zuvüll.

Und dann die armen Bulgaren
Auf ihren Limousinen
Liegt ein Fluch:
Immer müssen sie mit ihnen
durchs Viertel fahren,
Den Parkplatz nimmt ihr Besuch.

Des Nomaden liebster Spaß ist Grillen.
Die Türken grillen wie irre,
Als sei das ihr’m Allah
Sein allahhöchster Willen.
Mich macht der ganze Qualm
Schon ein bißchen kirre.

Opa, und wie erkennt man die Polen?
Gar nicht, Junge, sind gute Katholen
Wie wir auch,
Nur etwas mehr unverhohlen
Ist deren Wodkaverbrauch.

Einen Belorus oder einen Ukrainer
Kennt – jetzt persönlich – keiner,
und doch sind sie da, mit ’nem Truck,
Und was sie liefern,
Ist sicher kein Muckefuck.

Steinern die Fresse, das Kinn aus Granit,
Die Putins wollen immer nur eines: Profit.
In ihrem BMW-Cabriolet
Frauen, Waffen und Schnee.
Wenn du sie störst, tun sie dir weh.

Hier, die Süßen: Emine, Dilem und Semra
Verhüllen mit Doppelkopftuch ihr Haar.
Ich finds a weng schizophreng:
Ihre Hüftjeans sind nämlich hauteng!

Die ganze Black Community groovt
Wenn Miri „Queen Mum“ Kuti zum Essen ruft,
Ihre Sandalen machen fröhlich flip-flap,
Auf den Tisch kommt freilich
Meistens Millipap.

Multikult! Ein Durcheinander von Nationen und Rassen.
Es gäbe bei manchen Gründe, einander zu hassen,
Doch tut man es nicht. Auf engem Raum
Geht man sich aus dem Weg, gelassen,
man kennt sich ja kaum

Fernmündlichkeiten im Heimatdorf der hundert Nationen

20. August 2009
yufka

Dorf ist in der größten Hütte: Die Damen machen Yufka

 

Wer ins Hundert-Nationen-Ghetto zieht, muß sich früher oder später integrieren, es sei denn, er schottet sich in seinem speziellen Heimatverein ab, wenn man denn die bulgarische Mafia, den Verband serbischer Ex-Milizionäre oder die Mahdjid-Ali-Moschee als solchen bezeichnen will. Da ein landsmannschaftlicher Deutschen-Verein zum einen nicht existiert, hier, und zum anderen mich sicher nicht auf Dauer nehmen würde, bleibt mir nur der Weg der Integration. Leider weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Der kahlköpfige grimmige Zweimeter-Serbe mit dem steinernen Gesicht und den eisgrauen Augen, der das Serben-Café betreibt, registriert mich zwar sehr sorgfältig aus den Augenwinkeln, scheint aber nicht daran zu denken, mich zu Knoblauch-Brot, Zwiebel und Slibovitz einzuladen.

Die sanften, fröhlichen Afrikaner würden mich schon aufnehmen oder zu mir kommen, wenn ich einen Club zum Billig-nachhause-Telefonieren einrichtete, aber ich bin halt nicht im mindest schwarz oder auch nur bräunlich, sondern habe im Gegenteil eine sehr empfindliche blasse Haut, mit der ich leicht Sonnenbrand bekomme – ich stäche doch immer heraus und bliebe ein Fremdkörper. Die ebenfalls sehr dunkelhäutigen Südasiaten – ich weiß immer nicht, ob das Srilankesen (sagt man so? Ceylonesen wär, glaub ich falsch, weil kolonialistisch kontaminiert) oder Bengalen sind (darf man noch Bengalen sagen? Oder heißt das jetzt … – Bangladeshis?), jedenfalls treiben die fast unentwegt Sport (Power-Volley-Ball sowie so eine Art Baseball, nur mit so breiteren Schlägern, keine Ahnung, wie das heißt), oder sie spielen auf einem Teppich, den sie auf den Bürgersteig legen (!), Karten. – So fühlen sich alle ein bißchen wie zu Hause.

Am meisten tun das natürlich die Anatolier. Sie haben in der Regel ihr Dorf von zuhause einfach mitgebracht. In dem kleinen idyllischen Park ohne Namen, der sich zwischen dem Ghetto, der Brücke der Solidarität und der alten ehemaligen Kupferhütte erstreckt, herrscht jetzt, an den warmen Augustabenden, reges Dorfplatzleben. Auf der Wiese picknicken Gruppen behäbig-korpulenter Kopftuchmatronen; in den gemauerten Sitzrunden sammelt sich die ranke, glutäugige Dorfjugend und beschaut sich schon mal gegenseitig in Hinblick auf spätere Heiratsinteressen. Dafür, daß man hier wenig erlebt, was alle anderen nicht schon wissen, gibt es eine Menge zu erzählen!

Trotzdem stimmt nicht jedes Klischee. Wer das Haus bei mir gegenüber so anschaut (oder ihm zuhört, was ziemlich unvermeidlich ist), könnte glauben, dort wohne Ali Baba mit seinen vierzig Weibern. Und ich traue meinen Augen auch zunächst nicht, als ich in der Toreinfahrt eine Gruppe von vier Frauen entdecke, die wie zu Abrahams Zeiten mit Walzstock und gewölbtem Kohlenblech Fladenbrot („Yufka„) backen – das hab ich zuletzt in einem Nomadenzelt an der syrischen Grenze gesehen! Was aber neu ist: Die Frauen – drei von ihnen mit Kopftuch und langem Hausmantel, die vierte in Jeans und mit blondierter Pferdeschwanzfrisur –, die mich am Fenster entdecken, winken mir fröhlich und selbstbewusst zu, und als ich einen zweiten Blick riskiere, werde ich fernmündlich zu einer Verkostung eingeladen. (Fernmündlich heißt bei uns, daß man so laut man kann, über die Straße schreit. Is billiger als Handy, weissu.)

Ich laß mich nicht lange bitten, lauf rasch rüber und plaudere ein paar Worte türkisch, was zunächst die schon gewohnte Reaktion auslöst: Man reißt in einer Mischung aus Furcht, Entsetzen und Ungläubigkeit (Verzeihung!) die Augen weit auf und stößt ein entsetztes „Türk müsünüz?!“ hervor. Ich verneine beruhigend, und man fängt sich schnell wieder. Rasch werde ich, als Zugereister, einem kleinen deutsch-türkischen Interview unterzogen. Es stellt sich heraus, daß man über mich und meinen Einzug schon gut informiert ist. „Öğretmenlık yapiorsunuz, değil mi?“Ja genau, ich bin so eine Art Lehrer, felsefe için… Und geh jetzt mit frischem Yufka frühstücken! „Afiyet olsun!“ rufen sie mir hinterher. Sie haben mich schon ein bißchen integriert, glaub ich.