Archiv für Januar 2010

Sex & Metaphysik: Platonische Perversionen leicht gemacht

30. Januar 2010

Schwer verkopft: Erotologe Platon, der Herr ohne Unterleib

Lange Zeit, seit 2003, kursierte sie nur als Gerücht, als vage Erinnerung an einen Skandal, an eine unfassbar unseriöse, unverschämte und dreist verständliche  Vorlesung, bei welcher der Dozent seine ZuhörerInnen angeblich nicht nur mit Mengen billigen Weins betrunken und wehrlos machte, sondern sich, die Zuhörerschaft schwindelig redend, auch noch anmaßte, den großen Gipsheiligen Platon, den Oberpriester und Standeshalbgott der Philosophen-Zunft, vom Sockel zu holen und zügellos der Lächerlichkeit preiszugeben. Dieses legendäre Symposion über Platons „Symposion“ machte das mutmaßliche psychopathologische Elend eines antiken Neurotikers sichtbar, der aus Angst vor dem Tod den Selbstmord empfahl und mit seiner kranken Metaphysik das erotische Leben Europas für Jahrhunderte vergiftete.

Und jetzt die Sensation: Das Manuskript der Skandal-Vorlesung ist jetzt öffentlich zugänglich! Und zwar auf dem Blog „denkfixer“:

http://reinhardhaneld.files.wordpress.com/2010/01/platon22.pdf

– man kann es sich als pdf-Datei herunterladen und sich bei ein, zwei Glas Wein zu Gemüte führen. Die akademische Welt steht natürlich Kopf: „Dieser Herr ist eine Schande für den gesamten Denkerstand! Verbrennt seine schändlich respektlosen Texte!“ heißt es allenthalben, aber Digitales brennt ja zum Glück nicht. Höchstens auf den Nägeln – wie dieser Vortrag über einen mumifizierten, aber immer noch infektiösen Denkleichnam beweist. Das Schönste: Zum ersten Mal wird einem mal verständlich, amüsant und ohne falschen Respekt erklärt, was es mit der sogenannten „platonischen Liebe“ denn eigentlich auf sich hat! Guckt mal rein, Ihr hellen Köpfe!

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Schöner Sterben: Operntod mit Kuschelrock

30. Januar 2010

Gestern am späten Abend habe ich arte eingeschaltet. Gar nicht mal, um mich hochkulturellen Bedürfnissen hinzugeben, sondern weil ich eigentlich die dritte Staffel der von mir geschätzten Krimi-Serie „KDD“ sehen wollte, die man ins arte-Nachtprogramm verbannt hat, damit das nur Spezialisten gucken und die Quote hübsch niedrig bleibt. Man will die Serie nämlich wegen Intellligenzüberschuß einstellen. Egal – es lief aber jedenfalls noch eine Übertragung aus der Pariser Bastille-Oper, und weil Oper eine so schön bizarre Kunstform ist, blieb ich daran hängen. Es gab „Werther“ von Jules Massenet.

Man befand sich bereits im III. Akt, also, wie es im Sport heißt, „in der Schlussphase“. Titelheld Werther, von der Unerfüllbarkeit seines Liebesleidenschaftsbegehren, das schöne, aber vergebene Fräulein Charlotte betreffend, gründlich erbittert, hatte bereits die Selbstentleibung erwogen und sich zu diesem Zweck mit Pistolen totgeschossen. Der neue deutsche Star-Tenor Jonas Kaufmann brachte diesen beklagenswerten Zustand vollendeten Suizids nicht zuletzt durch die angemessene Blutüberströmtheit seines weißen Hemdes hervorragend zum Ausdruck! Auch die billigen Plätze hinten oben, und selbst wir Fernsehzugeschaltete im Ausland konnten uns von der irreversiblen Vergossenheit des Wertherschen Herzblutes zweifelsfrei überzeugen.

Doch anders als in Goethes Romanvorlage ist dieser Werther hier offenbar kein Sensibelius und Weichei, sondern ein harter Hund. Gescheitert, ungeliebt und totgeschossen läuft er erst zu richtiger Form auf, schüttelt die jungdunkelblonden, Frauen zum Schmachten bringenden Locken und es ist ihm – im Grunde gewissermaßen post mortem! – nach Singen zumute! Das ist erstmal nichts sooo Ungewöhnliches. In Opern wird beim Sterben meistens und gern noch ein wenig gesungen, allein oder mit anderen. Die edelmütige Nobel-Kurtisane Violetta Valéry (Diagnose Lungen-TBC im Endstadium) singt beim Hinscheiden, nachdem sie einen schweren Hustenanfall absolviert hat, im III. Akt von Verdis „La Traviata“ noch eine üppig herzbetörende Arie resp. ein finales Trio mit Alfredo und Vater Germont. Bon. – Bei Massenets „Werther“ wird’s aber selbst mir ein bißchen zu bunt: Der so gut wie schon lange tote Werther, man faßt es nicht und muß beinahe lachen irgendwann, singt und singt und singt, bis endlich, von der Sterbesingerei alarmiert, Charlotten hinzukommt, Werthern gesteht der Verstörten singend seine grenzenlose Hingegebenheit, das Fräulein beginnt daraufhin nachdenklichkeitshalber ebenfalls zu singen, es kommt, nach einigem motivischen Hin und Her, zum innig-sinnlichen Singe-Duett stimmlicher und sozusagen nachträglichtragischer Liebesverschmelzung, die hinwiederum singend und sterbend gefeiert wird, wobei das musikalische Liebessspiel nach Beendigung der Schlussphase, um mit dem Sport zu sprechen, nun aber doch schon deutlich in die Verlängerung geht.

Überschlägig dauert es bei Werther und seiner nun reumütig doch rückhaltlos zurückliebenden Lotte eine geschlagene Viertelstunde vom Todesschuß bis zur Einsicht, daß nun mit dem Gesang aber auch mal gut sein muß!

Jemand, der mein Interesse teilt, aber mehr Zeit hat, sollte mal ein Ranking entwickeln, meinetwegen fürs Fernsehen mit Jörg Pilawa oder Günter Jauch aufbereiten, in dem die bekanntesten Opern mal nach der jeweiligen schieren Länge ihrer vokalmusikalisch begleiteten Sterbeszenen geordnet werden. Gern erstünde ich dann einen Zusammenschnitt: Sterbeoper statt Kuschelrock. Soviel Morbidität muß sein, und man hat gleich den passenden Soundtrack parat für verschiedene ausgefallene Lebenssituationen.

Zum Beispiel könnte die Platte mit dem Sterbegesinge laufen, während man am Küchentisch vom Laptop seine E-mails liest, in deren einer man, wie ich kürzlich, aufgefordert wird, in Doktor Roger Kuschs Sterbeverein „SterbeHilfeDeutschland e.V.“einzutreten. Das soll 100,00 Euro im Jahr kosten oder, für Kurzentschlossene, „einmalig 1000,00 Euro bis zum Lebensende“, was dann, hihi, händereib, wahrscheinlich ja schon recht bald eintritt. Was man für dieses Geld genau bekommt, wird nicht recht deutlich, auch nicht auf der Homepage der Sterbe-Freunde&Helfer. Die Website www.kuschsterbehilfe.de (ich hatte erst „Kuschelbeihilfe“ gelesen!) wird auch nicht konkreter.

Feststeht, der Herr Dr. Roger Kusch, ehedem Justizsenator in Hamburg und nachmaliger semiprofessioneller Sterbehelfer, hat in der Öffentlichkeit einen Ruf, der, hm, sagen wir: verbesserungswürdig erscheint. Andererseits wird in den Medien natürlich gegen jeden gehetzt, der nicht der perfiden christlichen Ideologie vom Freitodverbot anhängt.

Bleibt vorerst festzustellen: Die Geschäfte des Herrn Kusch sind nach Verbraucherschutz-Kriterien schwer zu bewerten: Kunden, die damit positive, befriedigende Erfahrungen gemacht haben, werden naturgemäß aus eigenem Erleben keine Sternchen mehr vergeben können. Ohne dem Dr. Kuscheltod etwas Explizites anhängen zu wollen: Mir wäre es lieber, es müßte solche obskuren Vereine bzw. Geschäfte gar nicht geben. Ich persönlich lebte (und stürbe) am liebsten in einem freien, laizistischen Staat, in dem es freundlicherweise mir selbst überlassen bliebe, wie und wann ich abtreten möchte, ob nun versehentlich („natürlich“), mit einer Plastiktüte über dem Kopf, einem Opiumpfeifchen zwischen den blauen Lippen, oder, im Extremfalle, blutüberströmt, unter Absingen einer eindringlichen, mit einem Pistolenschuß eingeleiteten Opernarie.

Heiliger des Verschwindens

29. Januar 2010

Nun ist er also doch mal gestorben, vorgestern, mit 91 Jahren. Für die Welt war er ja eh schon lange tot: 1965 das letzte Buch, 1980 das letzte Interview, Lebenszeichen danach entweder obskur oder unfreiwillig. Niemand weiß so genau, was er die letzen Jahrzehnte draußen auf seiner Farm in New Hampshire so getrieben hat. Er wollte es so. Er hielt sich bedeckt. Er haßte jede Form von Rummel, und er wollte nicht begafft werden – wie sein cooler, sensibler, verzweifelt sarkastischer Held Holden Caulfield:

„Es dauerte eine ganze Weile, bis ich einschlief – ich war gar nicht mal müde –, aber schließlich schaffte ich es doch. Aber eigentlich war mir eher danach, mich umzubringen. Mir war danach, aus dem Fenster zu springen. Wahrscheinlich hätte ich es sogar getan, wenn ich sicher gewesen wäre, dass mich jemand gleich nach dem Aufprall zugedeckt hätte. Ich wollte nicht, dass mich ein Haufen Gaffer anglotzte, wenn ich ein einziger Blutklumpen war.“

J. D. Salinger hat mit seinem „Catcher in the rye“ (deutsch: „Der Fänger im Roggen“) mal mein Lebensgefühl über Jahre geprägt; durch ihn habe ich erstmals Sinn für Tonfälle im Amerikanischen (und in der Sprache überhaupt) bekommen, und, am wichtigsten, er war ein Meister im Tao des Verschwindens, er demonstrierte ein halbes Jahrhundert lang, daß man ein großer Schreiber sein kann, und sich dennoch nicht zum Tanzbären der Verlage und zum Sklaven der Eigenreklame machen muß. Das letzte Bild, das von ihm kursiert, zeigt den Eremiten, in seinen Sechzigen, wie er wütend gegen das Autofenster eines Papparazzo schlägt, der auf seine Farm vorgedrungen war. Paradox nur auf den ersten Blick: Dieses Foto hat einen Ehrenplatz in meiner Wohnung.

Nun kreisen wieder die Geier über der Salinger-Farm, denn immerhin ist durchgesickert, daß Jerome D. Salinger all die Jahrzehnte seiner Zurückgezogenheit wohl geschrieben hat, für sich, für die Schublade. In den Augen der Verlagsagenten rotieren blinkend die Dollar-Zeichen….

Was soll man ihm nachrufen, diesem großen, leisen, klugen Mann? Jedenfalls nicht „Viel Glück“:

„Als ich die Tür geschlossen hatte…, schrie er mir etwas hinterher, aber ich konnte ihn nicht genau verstehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er mir „Viel Glück!“ hinterschrie. Bloß das nicht. Ich würde keinem „Viel Glück!“ hinterherschreien. Es klingt furchtbar, wenn man’s sich recht überlegt.“

Sollte man erwähnen, daß wir J. D. Salinger nicht nur einen der ergreifendsten Romane des 20. Jahrhunderts verdanken, sondern ihm und seinen Kameraden auch unsere Freiheit? Er war unter den Soldaten, die 1944 in der Normandie landeten und später in der blutigen Ardennenschlacht die Nazis niederrangen.

So long, Sir.

Unnützes unverzichtbar (sonst: Godzilla!)

25. Januar 2010

UNNÜTZES UNVERZICHTBAR

Wahrlich aber, ich sage euch: Bald werden alle Städte im Zentrum aussehen wie Bitterfeld, Wladiwostok oder Detmold. Überall werden die Innenstädte durch identische Shoppingmalls ersetzt, die so viel Charme haben wie eine feucht gewordene Fototapete von Las Vegas (im Morgengrauen). Die vulgärpompösen Plexiglaskomplexe sind schon bei der Eröffnung Ruinen, nur sieht das keiner, weil der Geldschein so blendet. Hier hält der nackte Kaiser Modenschau. Kettenladenketten, Franchise-Scheiß, Systemgastronomie: Gäähn! Man möchte konvertieren und den Großen Godzilla anbeten: Oh möge das Häuserzerstampfmonster kommen und alles zu Brei stampfen!

Spätestens unsere Enkel werden vergeblich in ihren E-Book-Lexika blättern und den Begriff „Unikat“ nachschlagen. So was werden sie nicht mehr kennen, die armen Nachgeborenen. Das haben wir ihnen versaut! Dinge, die es nur ein einziges, unverwechselbares Mal gibt, wird man nicht mehr finden, und wenn man sich den Arm aus-googelt. Die Serie wird regieren, die Wiederholung, die pur-doofe Redundanz. Kinder, die nicht aussehen wie Heidi Klump oder Karl Lagerhut, werden eingeschläfert, alles hat massenkompatibel konforme Normform und man kaut allenthalben gelangweilt eklig-banale Retortentorten. Um es mit dem Futurindianer und Schwarzseh-Häuptling Dunkle Wolke zu sagen: Spätestens, wenn der letzte kleine Laden, der noch Witz, Charme und Individualität barg, seine Pforten schließt, werdet ihr merken, daß man Langeweile nicht essen kann. – „Der Müll, die Stadt und der Tod“ (Rainer W. Fassbender), diese drei werden dann wohl Synonyme sein, und das wäre gewiß, um wiederum an George Orwells „1984“ zu erinnern, „doppelplusungut“!

Wenn man dann dereinst unzufrieden, genervt und deprimiert durch diese bargeldlose Weltautomatenwelt schnürt, wird man sich fragen: Was ist es nur, was hier fehlt? Was macht denn die Urbanität einer Stadt aus, gleichviel ob Mediokritätsmetropole oder marodes Mittelaltermuseum? Nun, was schmerzlich vermisst werden wird, sind jene kleinen, geheimnisvollen, schrägen, ja, geradezu unwahrscheinlichen und unter betriebswirtschaftlichen Aspekten völlig aberwitzigen Geschäfte, als deren Seele ein wirklicher Mensch wirkt, der seinen sehr persönlichen Träumen nachhängt. Unnütze Abgelegenheitsgeschäfte, heroische Umsatzzwerge, wunderbar taugenichts-tagediebische Phantasmen-Handlungen, in denen man, wie im Traum, nur Dinge bekommt, die noch keinen Namen haben. Ein solches Geschäft, und es gibt es tatsächlich noch, ist beispielsweise das „Chamäleon“: Ein Kontor für „Klamotten, Klunker, Kitsch und Kunst“

Das „Chamäleon“ ist, bei allem Respekt, ein veritabler Kramladen, aber auf hohem Niveau und, bei allem bunten, wüsten, funkelnden Durcheinander, streng durchstrukturiert: Hier gibt es kein einziges Ding, das sich dem Diktat trivialer Nützlichkeit unterwirft. Buddhas aus Messing, Keramik, Holz oder Katzengold, thailändische Puppen, kambodschanische Schrumpfschopfmöpse, indonesische Zaubernussknacker, prahlerisch prächtige Prunkpiratenperlen, schneewitzige Spiegeleien, ornamental-orientalische Ohrgehänge, marionette Nettigkeiten, Funkelzeug und französische Glanzfransen, fiktive Figurinen und Nippon-Nippes, dazu Sektflöten und Süßweinglasharfen, Feuerzeugsalamandersammlungen, schimmernde Dingsbumsgirlanden, archivarische Folianten, kurz, eine ganze hochgestapelte, tief gestaffelte, übervollgestopfte Wunderwelt magisch-kuriosen Krimskrams – wie bei Pipi Langstrumpfs Oma auf dem Dachboden! In dieser kleinen Traumanstalt regiert nicht die Ökonomie oder der Pragmatismus, sondern die schamanische Logik des Hosentascheninhalts achtjähriger Knaben: Bunte Steine, Bindfädenknäuel, Stiftestummel, Fadenkreuze, Froschmumien und perlmutterne Kindsknöpfe klumpen sich in talismanischer Manie zusammen, um auf frei-eigenwillige Weise ihre Unverzichtbarkeit zu behaupten.

Als Herrscherin dieser Zauberhöhle präsidiert eine etwas unwirklich wirkende Grand Dame, Frau Doris Eberlein, eine weißhaarige Glamourettendiva  und gewesene Schönheitskönigin, der man eine nicht unerhebliche Vergangenheit zutraut, als artistische Ausdruckstdiseuse vielleicht, als mondäne Millionärsherzensbrecherin, mütterliche Musikermuse, Mätzchen-Mäzenatin und Salon-Dompteurin. Frau Eberlein, eine gelernte Traumtänzerin, glaub ich, ist eine Legende, die allmählich in Vergessenheit gerät. Wer kennt noch ihren bewundernswert bizarren, in einem aufgelassenen Sarglager eingerichteten Kleinkunst-Salon, in dem sich Schauspieler, Lebenskünstler und entlaufene Philosophen zum  Gedankenaustauschumtrunk trafen? Er ging, zehn Jahre ist das her, in Flammen auf. Zurück blieben Erinnerungen, die nur noch wenige teilen.

Auch wer gerade nichts Unbrauchbares benötigt, sollte das „Chamäleon“ und seine Kramkönigin aufsuchen, denn beides. Laden und Lady, sind Unikate, Originale, Persönlichkeiten, also das, was es bald im Stadtbild nicht mehr geben wird. Ein Phänomen, das an den ursprünglichen Sinn von Kultur erinnert: Überschüssig Unnützes, das unverzichtbar bleibt.

Godzilla in der Antitortenschlacht

19. Januar 2010

Mit schweren Beinen: Godzillas Antitortentanz

Am Sonntagnachmittag hatte ich, und wer das als Vergreisungssymptom deuten will, ist dazu herzlich eingeladen, erstmals seit Jahren sog. „Kaffeebesuch“. Eine Dame zwar, aber Damenbesuch wäre dennoch ein Wort, das falsche Assoziationen weckte. Eine alte Freundin aus wüsteren Tagen halt; nennen wir sie, wegen ihrer enormen Hippelichkeit, Ritaline. Als Kind war Ritaline dermaßen hippelig, daß sie schon mit 11 Jahren NRW-Vizelandesjugendmeisterin im Akkordeonschnellspielen wurde. Damals war sie noch nicht der hinreißende „Schwan von Dinslaken“, sondern eine kleine rothaarige Ente mit Zahnspange und glasbausteindicken Brillengläsern. Ihre Tastenraserei ging dessen ungeachtet den ehrlichen Menschen des Reviers ins heiße Blut, oder, je nach Temperament, in die schweren Beine.

Apropos schwere Beine. Ritaline, auch heute, in mittleren Jahren, noch rank wie eine resche, kesse Tscherkessin, brachte ein Riesentablett Sahnetorte mit, zum Teil durchaus auf Eierlikörbasis. Weil wir beide saisonal bedingt deprimiert waren und den Winter-Blues hegten, fraßen wir zum Trost Unmengen Torte in uns hinein, weil, wie Max Goldt sagt, ab und zu auch mal was egal sein muß. Um die viele – und in meinem Fall völlig ungewohnte Torte – zu bewältigen, tranken wir im Anschluß besonnen, aber doch in rascher Folge einige Ouzo hinterher. (Ich hatte nichts besseres im Haus!) Der toxikulinarische Dreiklang Pfefferminztee, Eierlikörsahnetorte plus eisgekühlter Ouzo gab dem Sonntag insgesamt eine extravagant psychedelische Note, die den Winterblues mit einer goldbrokatenen Borte seligsüßer Melancholie umsäumte. Wir verabschiedeten uns tränenreich und unverhohlen blümerant.

Am Abend schrieb ich der grünäugigen Ritaline noch eine E-mail, ihren Besuch nachbereitend und mit Fußnoten-Links versehend. Darauf mailte sie mir eilends zurück, sie könne momentan leider nicht antworten, sie „tanze sich gerade die Torte von den Hüften“, und zwar, wie sie beiläufig anmerkte, „zur Film-Musik von Godzilla“. Ich erinnere mich an diesen Film, nicht aber an die Musik. Den Antitortentanz stelle ich mir daher als einen so breit- wie schwerbeinig dreifach gestampften Häuserzermalmmonstertanz vor, bei dem asthmatisch ächzendes Mobiliar panisch in tausend Stücke springt. In seiner Dramatik untermalt wird der formidable Ausdruckstanz durch gelegentliche gellende Entsetzensschreie, die eine entschiedene und zutiefst menschliche Abneigung gegen scheußliche Häuserzermalmmonster zur Sprache bringen.

Auch wenn ich es nötiger gehabt hätte als Ritaline, verzichtete ich, um meine Restwürde besorgt, auf Antitortentänze. Obschon, so einen breitbeinig aufstampfenden Godzilla hätte ich vielleicht ganz ordentlich hinbekommen. Gleichviel, Ritaline verriet mir, von welchem Dealer sie das locker-lecker-leichte, delikate und versucherische süße Tortengift bezogen hätte: Vom Café Ortjohann! Es sei das beste Haus am Platze und die Torten allemal eine Sünde wert. Das kann ich absolut rückhaltlos bestätigen. In der bevorstehenden Ruhestandszeit, in der gemütliche Tortennachmittage allmählich die Besuche im Swingerclub ersetzen, werde ich die Produkte des Cafés Ortjohann bestimmt öfter wohlwollend in Betracht ziehen. Einen flankierenden Magenbitter, womöglich der Marke „Fernet Branca“, werde ich dann freilich bereit halten.

Profane Propangaspropaganda

18. Januar 2010

Frühes Fernsehgerät (Telefunken 1936). Foto: Wikipedia / Eirik Newths

Unter der Woche ohne eheliche Aufsicht, unterläuft es mir ab und zu, daß ich spät abends vor laufendem Fernseher einschlafe. Nicht weiter schlimm eigentlich, obschon es mich stört, daß ein unbekannter Besucher meine vorübergehenden Absenzen regelmäßig ausnutzt, um mir die Weinflasche leerzutrinken. Irritierend ist es außerdem, wenn man in dem einen Spielfilm einschläft und mitten in der Nacht in einem ganz anderen Film wieder aufwacht. Man dämmert beispielsweise in einem tiefsinnsblauen, bedächtigen Unterwasserfilm weg und schreckt Stunden später in einem hektischen, schwarzweißen US-Musical wieder hoch, in dem karierte Männer zu kurze und zu enge Anzughosen tragen und ihr alltägliches Handeln mit Duett-Gesang und Steptanz würzen. Hier die fehlende „continuity“ (so nennt es der Fachmann) herzustellen fällt dann im Halbschlaf nicht leicht, Sinnzusammenhänge geraten ins Wanken und am Ende wundert man sich, was man wieder für schnöden Galimathias geträumt hat.

Vor dem Beruf des Filmregisseurs habe ich daher einen Heidenrespekt. Manchmal wäre ich selbst gern einer, weil ich nämlich schon lange die Idee mit mir herumtrage, einmal einen Film zu drehen, indem ein ganz bestimmter, magisch-enigmatischer Dialogsatz vorkommt, den ich ebenfalls mal geträumt habe. Er lautet: „Seien Sie nicht prätentiös! Hier handelt es sich bloß um profane Propangaspropagandaprospekte!“ – Aber was könnte das für ein Film sein?

Ich könnte mir etwas Biographisches vorstellen, etwa die Verfilmung des Lebensweges eines berühmten Dichters wie Goethe oder Erich Kästner. Am Anfang weiß der dünnhäutige Dichter (im Film gespielt von Matthias Schweighöfer) noch gar nichts von seiner ruhmvollen Geistes-Berufung, sondern schuftet noch als ahnungsloser Palaversklave im Textbergwerk einer Werbeagentur, die Reklamesprüche sagenwirmal für EON oder RWE schmiedet. Bleistiftkauend und mit blutigen Fingernägeln hockt der latent talentierte Laberlaborant in seiner Wörterbucht und quält sich leidenschaftlich mit einer „Ode an den himmlischen Äther, Fluidum des Glücks“ ab. Da tritt federnd, in weißem Smoking und mit schwarzem Zylinder, der Chef ins Kontor. Er ist Milliardär und hat das Seminar„Innerbetriebliche Kommunikation in flachen Hierarchien“ nicht belegt. Hat er ja nicht nötig, der Herr!

Dem schüchternen Subjekt und Sensibelius, wo einst ein berühmter Dichter werden und sogar den Nobelpreis ergattern wird, verbietet die fiese Führungspersönlichkeit in dieser Schlüsselszene nun zunächst mal kategorisch, weitere Hoffnung in ein sich anbahnendes Liebestechtelmechtelchen mit seiner, des Bosses, blauäugig blondierter Tochter zu setzen. „Nicht mal planktonisch!“ brüllt der grobianische Herrenmensch, was nebenher nicht nur seinen Mangel an Herzenstakt, sondern auch seine schmachvolle Unbildung unterstreichen soll. Herzzerreissende und bedeutungsschwangere Musik von André Richelieu wird eingespielt. Weinende Geigen greinen geisterhaft geile Galanterien. Im weiteren, immer mehr eskalierenden Verlauf seiner unmäßigen Echauffierung entreißt Häuptling Weißer Smoking seinem schweißgebadeten Texteknecht das mit Herzblut geschriebene Odenbruchstück, schaut kurz höhnend schmiergrinsig darauf herab und dann fällt eben dieser besagte schauerliche Satz: „Seien Sie nicht prätentiös! Hier handelt es sich bloß um profane Propangaspropagandaprospekte!“

Der weitere Fortgang des Streifens interessiert mich eigentlich nicht mehr so sehr. Matthias Schweighöfers Odenbruch kommt irgendwie am Stadttheater von Detmold groß heraus und wird der literarische Überraschungserfolg des Jahres, der junge Dichter wird auf Debütantenbällen, Talentshops und Stalkshows herumgereicht, er kriegt die Tochter vom ehemaligen Chef, der sich nun natürlich verbittert und rumpelstilzchenmäßig irgendwohin beißt, alles wird blau, tief blau, schemenhaft schweben schweigende Mantelrochen und Degenhaie durchs Geflimmer, elektro-blubbernde Unterwassermusik brandet auf und…manno! Jetzt bin ich bei meinem eigenen Film eingeschlafen! Es ist halt schwer, mich kinematographisch zu fesseln.

Eine zusätzliche Würze erhält mein feierabendlicher Fernsehgenuß, vom periodischen Wegdriften mal abgesehen, dadurch, daß ich weder verkabelt bin noch eine Schüssel habe, mit anderen Worten, ich gehöre zu jenen Verdammten, die über DVBT gucken. Ich vergeß immer, was das heißt. Irgendwas Anglotechnisches, was dann aber trotzdem nicht funktioniert. Praktisch jedenfalls heißt DVBT, daß immer dann, wenn ein Tatort-Kriminalstück ausnahmsweise mal spannend wird, und das ist schon selten genug, das Bild einfriert und der attraktiven Hauptdarstellerin der Sprechton im seidentuchumschlungenen Halse stecken bleibt. Funklochbedingt schockgefrostet! Nun muß man wie ein würdeloser Deppenderwisch vom Sofa hochschießen, quer durch seine Gemächer zur Fensterbank rennen und die Zimmerantenne neu ausrichten, damit man hoffentlich gerade noch mitkriegt, wer jetzt Mörder war und wer der Kommissar. Man kommt sich echt vor wie in den späten 50ern, als die Fernsehpioniere noch, in karierten Romika-Puschen und Filzwesten, verzweifelt mit den Fäusten auf ihren konzertflügelgroßen TV-Apparaten herumhämmerten, um „das scheiß Gekrissel wegzukriegen“. Der frühe Herztod meines Vaters geht vermutlich nicht zuletzt auf das Konto solchen schlechten Fernsehempfangs. Zum Glück bin ich nicht, wie er einst, sportschauabhängig.

Wenn man früher vor dem Fernseher einschlief und dann wieder erwachte, war Testbild. So wusste man, es ist Schlafenszeit, und man schlüpfte erleichtert in seinen flanellenen Schlafanzug mit fröhlichem Bärchenmuster. Damit ist es vorbei. In der heutigen Zeit folgt rastlos Film auf Film, rund um die Uhr. Es sei denn, man hat DVBT.

Traumasiatisches

17. Januar 2010

Hiroshige Utagawa: Schale mit Sushi

(Wer den Text brav durchliest, kriegt zur Belohnung in der zweiten Hälfte einen brandheißen Sushi-Tipp!)

Der Noro-Virus tritt nach sieben Tagen Regentschaft bei mir den Rückzug an. Er hinterließ mir, in der post-fibrösen Mulm-Phase der Rekonvaleszenz, eine Serie äußerst bizarrer Träume. (Unter anderem umsprang mich heute Nacht eine Gruppe nachlässig gekleideter, kleinwüchsiger, zudem erschreckend verkrüppelter und verwachsener Graubärte, die, eine Art archaisches Bügeleisen in den gichtigen Fäusten schwingend, ein spätindianisches Geistertanz-Ritual um mich herum aufführten und mich dabei in einem rhythmisch komplexen Sprechgesang bitterlich und schneidend dafür anklagten, daß ich angeblich die zweite Hälfte des gestrigen Erstliga-Spiels FC Bayern München gegen TSG Hoffenheim nicht „irgendwo aufgenommen“ hätte. Später habe ich, weiß der Teufel, in welcher Eigenschaft und in wessen Auftrag, einige Helikopter abgeschossen Daß ich aus solcherlei, den Vorschriften der Sigmund Freud’schen „Traumdeutung“ zweifelsfrei absolut zuwiderlaufenden Traumdelirien mit einer Beule an der Stirn erwachte, lag indessen an meinem neuen dreieckigen IKEA-Nachttischchen, dessen raumzeitliche Koordinaten ich noch nicht vollständig abgespeichert habe.)

Weil die Gattin mit am Tisch saß und ich mich benehmen mußte, unterdrückte ich meinen Frühstückswunsch („2 doppelte Fernet Branca bitte! Rasch, wenn’s geht! Ich hatte schlechte Träume!“) und speiste stattdessen mal hübsch brav und deutschmarine-manierlich ein 6-Minuten-Ei und einen Marmeladentoast mit Margarine. Dünnen Schon-Kafffè dazu. Brrr. In meinem Magen toste toastbrothaft trostlos eine morose, marode, molluskenhaft mysteriöse, aber deutlich monströs malvolente, resp. maligne Grundstimmung herum, rumorte, böskasperte, klabasterte und koboldisierte in den südlichen Eingeweiden wie der sprichwörtlich dreifaltige Bi-, der Ba- sowie der Butzemann. Ooh Mann: Mir war blümerant! Ich hatte so Magen!

Beim samstagvormittäglichen Einkauf tapperte ich der Gattin fast greisenhaft nichtnutzig hinterher, ostentativ weinerlich meine Magengegend reibend und die eheliche Dialog-Spur mit allerhand wehem Gestöhn und Gegreine untermalend. Einkäufe sind auch immer so stressig! Und was man alles brauchen muß! Gitarrensaiten, Grünkohl, Imbus-Schlüssel Nr. 3, Bourbon-Vanille, Klavieradapterkabel, Hautcreme, Pandan-Essenz, Kasseler-Koteletts, womöglich noch div. Galanterie- und Kurzwaren sowie Frauenkram! Es hatte anscheinend auch HartzIV-Geld geregnet und zwischen den Discounter-Regalen wuselten mir Scharen von Mokka-Pilgern um die Beine und rhabarberten dabei katharrisch raspelnd arabische Rachenlaut-Rauchwaren-Ruchlosigkeiten, sodaß mir weißeuropäischem Zimperling stark die Nerven flatterten. „Weib!“, röchelte ich mit letzter Kraft, „laß uns jetzt… mal rasch… zum Onkel Lam vorbeifahrn..!“

Die Weisheit Ostasiens wirkt nämlich nervenberuhigend! Der ehrwürdige Onkel Lam sitzt versunken in seinem Asia Laden und meditiert. Zen, schätz ich mal, denn sobald ein Kunde auftaucht, ist der alte Onkel Lam in Sekundenbruchteilen voll da! Und spricht deutsch! Ich so: „Ehrwürdiger Onkel Lam, ich suche diese eine Mehl-Mischung für um so Tempura-Sachen zu frittieren, weißt du, so Panade…“ „Aaa-ah so“, lächelt Onkel Lam, „jaa-ah! Banane, ne?“ Ohne sich von seinem Meditationsklappstühlchen zu erheben, deutet er in den dämmrigen Ladenhintergrund und verspricht: „Doo-oh! Frau geben!“. Rätselhafterweise (vgl.: Asien!) reicht mir seine Fau indes aber keine Banane, sondern tatsächlich das gewünschte Tapioka-Mehl!

An der Kasse aber hat Buddha, der erhabene Wegweiser und Reiseführer zum vollkommenen Wohlbefinden, für mich einen Flyer hinterlegt. Die Kalligraphie kündet kaum Glaubliches: In der Kulturwüste Duisburg hat eine zweite Sushi-Bar eröffnet! Ein Blick auf die Speisekarte läßt mich zweifeln: Träum ich noch immer? So günstig ist Sushi doch in der Realität nicht!?

Fragend blicke ich zu Onkel Lam. Doch der ehrwürdige Greis lächelt gütig bestätigend und versichert: „Aahjaa-ah!“ (Vietnamesen können aus einer einzigen Silbe einen abendfüllenden Gesang formen!), „Zzuuuou-shi! Zz-ehr g’utt! Zz-ehr z-zauber!“

Meine und der Gattin Blicke kreuzen sich, blitschschnell und präzise wie die Schwerter zweier Shaolin-Mönche aus dem Wudang-Gebirge: „Hu-ah! Ha! Da! Müssen wir SOFORT! Hin!“ Ist ja auch nur um die Ecke, mitten in der Innenstadt-Mitte. Zack, Huii und Wuusch! Mit federnden Ninja-Schritten sausen wir los – und die Realität meint es gut mit uns: Sie erweist sich als traumhaft! Das Ambiente: Kühl japanisch, schmucklos, ohne nervende Schnörkel. Der herbe japanische Grüntee ordnet den wirren Kopf; die absolut perfekt köstliche Miso-Suppe beruhigt den Magen-Mulm; die übersichtliche, aber verführerische Karte läßt die Augen übergehen: Nicht nur Sushi-Menüs für jeden Appetit, Hunger und Geldbeutel, sondern darüber hinaus leckerste Vorspeisen wie Yakitori oder Gyoza-Teigtaschen, Tempura-Krabben und Fisch-Salate, Suppen und Makis, und alles zu Preisen, die es sonst eigentlich nur in geträumten Sushi-Bars gibt!

Wir testen, kosten und toasten: Als vorerst einzige Gäste, vom (phillipinischen? indonesischen?) Betreiberpaar ängstlich beäugt, kommen wir aus dem anerkennenden Nicken, Schnalzen und Schmatzen gar nicht mehr heraus: Sushi-Reis perfekt, delikater Fisch super-zart, ultra-frisch und schmackhaft, Präsentation tadellos, Preis unwirklich, aber berauschend! Auf Anhieb von Null auf Hundert: Das beste Sushi der Stadt! Wir schmieden schon Pläne, was wir hier noch alles probieren wollen.

Wie hoch die Wellen unserer Begeisterung schlugen, mag man an folgendem ermessen: Die sonst extrem zurückhaltende, wortkarge deutsche (!) Gattin bescheinigt (mit leicht vietnamesischem Akzent!) dem phillipinischen Chef und seiner indonesischen Frau, das japanische Essen sei „zz-zehr authentisch!“. „Mensch, was red ich hier für’n Scheiß“, kichert sie hinterher. Mein Magen-Rumor hatte sich unterdessen in vollkommenes Wohlbefinden aufgelöst.

Soll ich mal verraten, was wir für eine Kanne Grüntee, zwei Miso-Suppen und zweimal schöne Sushi-Auswahl zum Sattessen ausgegeben haben? – 20 Euro! Im Ernst! Und zwar mit Trinkgeld! Gibt’s nicht, oder? Werd ich geträumt haben…

Im Ernst, Leute! Duisburger! Geht bitte bald oder besser sofort in diese Sushi-Bar! Dieses Lokal muß der Stadt erhalten bleiben! Denkt dran, wir sind mit Kulturhauptstadt! Probiert und genießt Sushi! Wann und wo, wenn nicht hier und sofort! Hört auf Onkel Lam: „Zzehr g’utt! Zz-ehr zzauber!“ KANA-Sushi!