Archiv für Mai 2009

Sprachblondinen verursachen N400!

29. Mai 2009

ÜBER HYPNOTISCHE SÄTZE, DEN N400 UND DIE BLONDINEN VON RIGA

Kennt das noch jemand? Daß man von einem einzigen Satz hypnotisiert und gewissermaßen gekidnappt wird? Mir ging das heute so mit einem irgendwie mysteriösen Satzgefüge von Franz Kafka, das geht so:

Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.“

Ich weiß nicht genau, warum, aber diese beiden ominösen Sätze lähmen mich irgendwie, weil, einerseits stimmt meine Lebenserfahrung Kafkas seltsamer Diagnose eifrig nickend zu, andererseits bekomme ich bei jedem Durchlesen einen N400. – Jetzt habt Ihr auch einen N400, oder? N400 nennen die Neuropsychologen einen Ausschlag beim EEG, der immer dann erfolgt, wenn einem Probanden oder Patienten während der Hirnstrommessung ein Satz vorgelegt wird, der in sich semantisch unstimmig ist. „Langbeinige blonde Mädchen träumen von Model-Karrieren“ – das ergäbe im EEG nichts Auffälliges. „Langbeinige blonde Schäfchen träumen von Model-Karrieren“ dagegen gäbe einen Oops?, also einen N400. Was Kafkas Satz betrifft, so tapse ich irritiert in ihm im Kreis herum und zögere, aus ihm wieder herauszukommen. Er erzeugt, was er behauptet. Das ist merkwürdig und selten, vor allem in der Kürze.

Bei langen Texten geht das schon leichter. Ich erinnere mich, während des Studiums eine ungefähr hundertseitige Vorlesung über das Phänomen der Langeweile studiert zu haben; sie stammte vom berühmten Schwarzwälder Seins-Beschwörer Martin Heidegger und war stilistisch dermaßen fädenziehend langweilig, daß sie sich sozusagen gleich selbst zum Beispiel nehmen konnte. Lachtränen und Gähntränen mischten sich beim Augenreiben! Ich weiß nicht, ob der alte Fuchs das beabsichtigt hatte, für Humor war er eigentlich nicht bekannt. Aber unfreiwillige Komik erheitert ja oft mehr als krampfhaft gewollte, oder?

Außer Sätzen, die sich auf Leser-Hypnose verstehen, gibt es noch solche, die praktisch mit Zeitzünder arbeiten; sie bleiben nach der Lektüre erstmal wie tot im Kopf liegen und dämmern schon dem Vergessen entgegen, und dann explodieren sie plötzlich und aus ihnen regnet ein kleines oder größres Häufchen Blödsinnskonfetti. Beispiel gefällig? Hier habe ich eine Zeitungsmeldung von heute, die gleich einen zweistufigen Zeitzünder besitzt, bei mir jedenfalls:

Blondinen gegen Krise. Mit einer Pfingstparade durch Riga wollen hunderte blonde Frauen die durch die Wirtschaftskrise getrübte Stimmung in Lettlands Hauptstadt aufhellen. Mindestens 500 Teilnehmerinnen würden an der Parade am Sonntag teilnehmen, sagte die Chefin des Verbandes blonder Frauen, Marika Gidere.“

Zunächst überlas ich die beiden Sätze achselzuckend, um zum Sportteil überzugehen, denn die begehrte unfeiwillige Komik nistet gern im Stil der journalistischen Sportlyriker. Erst Minuten später setzte ein durch N400 verursachtes Kopfschütteln ein: Wieso, fragte es sich in irgendeinem meiner entlegeneren Hirnareale, soll eine „Parade“  ausgerechnet blonder Frauen etwas an einer Wirtschaftskrise ändern? Die Idee klingt ja wie vom Satiriker und Absurdisten Slawomir Mrozek erfunden! Was soll dieser Quatsch denn? So oder so ähnlich nörgelte es in meinem Kopf noch eine Weile weiter, bis ich dem Gemaule, wie meist, mit einem abschließenden „Die Welt ist eben voller Blödsinn“ ein Ende machte.

Ich ging zur Tagesordnung über. Der nächste Tagesordnungspunkt lautete: Einen zweiten Becher Kaffee trinken. Ich erledigte dies gerade gewissenhaft, als es in meinem Hirn leise „puff“ machte und ein aufgeregt blinkendes Fragezeichen einen neuen N400 ankündigte: Wieso, bitte, warum und zu welchem Behuf braucht es in Lettland einen „Verband blonder Frauen“??! Gibt es das etwa bei uns auch, oder ist das eine baltische Spezialität? Sind dort nicht eh alle Frauen blond? Oder doch etwa eine unterdrückte, wegen ihrer Haarfarbe verfolgte und inkommodierte Minorität? Ist Blondheit dort irgendwie bedroht?  Warum sollten blonde Frauen sich sonst überhaupt in einem Verband organisieren? Zur Weiterbildung? Und sind sie mit dem Verband der Brünetten verfeindet, oder ist das eine Schwesterpartei? – Lauter Fragen stoben auf im Synapsengewitter, und wäre ich in diesem Moment an ein EEG-Gerät angeschlossen gewesen, hätte dieses bestimmt verrückt gespielt! Schon begann meine Phantasie zu wuchern und sich in das Verbandsleben der Letten und speziell der weiblichen, blonden hineinzufräsen, da rief ich dem  davoneilenden Hirnschwurbel gerade noch rechtzeitig ein energisches „Platz! Sitz! Aus!“ zu, um meine Gedanken wieder bei Fuß zu bekommen.

Aber geschafft hatten sie es trotzdem, diese Zeitungstext- bzw. Sprachblondinen, und zwar etwas, was reale Frauen, zumindest allein aufgrund ihrer eventuell vorliegenden Blondheit, gar nicht vermögen: Ich war nachhaltig irritiert! –  Nun gilt es natürlich erst einmal, die weitere Entwicklung der lettischen Wirtschaftskrise zu verfolgen. Wie der Kafka-Franz lehrt: Möglichkeiten der Rettung gibt es wieder so viele wie Verstecke – wenn Riga also demnächst einen Aufschwung meldet, müssen wir wohl über Blondinen umdenken oder wenigstens, meine verehrten Freundinnen, auf jeden Fall mal nachblondieren!

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Protest in scharfem Ton

28. Mai 2009

 

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SCHARFE SCHOTE!

Jetzt hab ich mich doch dermaßen geärgert, daß ich mich habe hinreißen lassen, einen Qype-Artikel zu schreiben! Hier, bitte:

Es gibt ja heute für jede Neigungsminderheit etwas. Bars, Clubs, Shops, Vereine, usw. Aber was tut ein Angehöriger der zugegeben kleinen Minderheit von Menschen, die zugleich Masochisten und Liebhaber von marktfrischem Obst und Gemüse sind, wenn sie eine plötzliche Begierde anwandelt, mal ganz rasch und kostengünstig nach Strich und Faden gedemütigt, angeschnauzt, heruntergeputzt und fertiggemacht zu werden? Wo soll der in Duisburg denn hingehen?! Und wo kann er sich darauf verlassen, wirklich zu jeder Zeit zuverlässig wie der letzte Kehricht behandelt zu werden? Ich meine, Mitmenschen, die gern unter Äußerungen absoluter Verachtung unangespitzt in die Gosse gerammt werden möchten, und möglichst von einer massiv vergrätzten Domina, die den lackschwarzen Gürtel in Unverschämtheit, Dreistigkeit und Pampigkeit besitzt, die haben doch auch ein Recht auf gelegentliche Bedürnisbefriedigung, oder? – Nun, ich hab da einen Geheimtipp.

Den Namen kann ich nicht nennen, er steht nicht dran, aber man kann den Laden gar nicht verfehlen: Masomann geht vom berühmten Duisburger Lifesaver-Brunnen in der Innenstadt einfach zweihundert Meter die Düsseldorfer Straße herunter, dann stößt er schon auf den großen, seit Jahren dort stationierten offenen Stand für Obst und Gemüse. Unter uns Insidern hieß er immer die „Gemüseapotheke“, womit wir müde scherzend auf die Mondpreise anspielten, die das Geschäft für sein – zugegebenermaßen meist ansehnliches, morgens auf dem Großmarkt gekauftes – Grünzeug verlangt. Jetzt werde ich den Stand aber wohl umtaufen:  In ‚Peitschensalon der vergrätzten Domina’ vielleicht oder  ‚Dunk-the-customer-into-the-dirt’ oder so. Ein paar Jahre habe ich diesen Stand relativ häufig frequentiert, widerwillig zwar, denn weder bin ich Krösus noch Graf Leopold von Sacher-Masoch, der berühmte Erfinder der Peitschenlady, aber zuweilen gab es keine Alternative in der Nähe. Jetzt schon, und deshalb habe ich nach Jahren stiller Verärgerung heute beschlossen, dort zum allerletzten Mal vorbeigeschaut zu haben. Das kam so:

Ich brauchte für ein Gratin, das es zur Lammkeule geben soll, möglichst große, frische Kartoffeln etwa der Sorte „Annabell“. Also trat ich zur Auslage des Standes, um mir keck wie der dümmste Bauer zwei, drei der dicksten Kartoffeln herauszusuchen. Ich mußte dazu gar nicht graben und wühlen wie ein Kartoffelkäfer, die drallen Annabellen lagen gleich oben auf. Doch kaum berührte meine Fingerspitze eine der erdigen Bollen, bellte es mit einer Schärfe von ca. 6 Mio SCU (= Scoville Units, Maßzahl für Schärfe) quer übers Gelände: „HIER WERDEN! KEINE KARTOFFELN AUSGESUCHT! JUNGER!! MANN!!!“  Hierzu schnitt die wachhabende Zimtzicke ein Gesicht wie eine Dobermann-Frau, die unter PMS leidet.  Nun habe ich zwar Angst vor Kampfhunden, aber keine vor  impertinenten Frauen mit Manieren-Defizit. Also atmete ich, der ich das Angeschnauztwerden von dieser speziellen Dame eigentlich gewohnt sein sollte, tief durch und dachte bei mir: Nein! „Junger Mann“ läßt sich ein älterer Herr, der theoretisch, was Gott glücklicherweise verhindert hat, der Vater dieser Sauren Gurke hätte sein können, nicht nennen! Noch macht der Ton, und nicht das Marktweibgekeife, die Musik! Also brachte ich zunächst ein matt sarkastisches „Ach! Werden sie nicht?“ vor, um dann die angeschärfte Frage abzuschießen: „Könnten Sie das wohl auch etwas freundlicher sagen – oder kostet Höflichkeit bei Ihnen extra?“

Zitronen-Ziege Doberfrau replizierte aber umgehend, und zwar mit einer Stimme, die, wenn mein Erlebnis verfilmt würde, die Sound-Designer zusammensetzen könnten aus Luftschutzsirene, Kreissäge und gestopfter Posaune: „SIE!!! KOSTET! HIER! GAR NICHTS MEHR WAS! SIE GEHEN! NÄMLICH JETZT WEITER!“  – Das hatte die Doberdomina natürlich geschickt gefinkelt: Stehen bleiben wie ein ausgeschimpfter Schulbub konnte ich ja schlecht, mußte also ihrem Befehlsgebell Folge leisten und, meinerseits leise schimpfend, seitlich am Stand vorbeigehen und mich wie ein geprügelter Hund trollen. Ich hab aber, weil ich ein höflicher Mann bin, der Dame noch versprochen, daß ich allen, die ich kenne, empfehlen werde, um dieses Impertinenz-Center einen möglichst weiträumigen Bogen zu machen. Man mag dort keine Kunden. –

Freilich, wie gesagt, für Mitbürger mit o. a. Sonderneigung kann ich nur sagen: Nichts wie hin! In den Staub, Sklaven!

Vorwärts zur Weltevolution der Knalltüte!

26. Mai 2009
KOREA-NORTH/

Neuerliche ungeheuerliche Provokation! Der durchgeknallte „Kleine Diktator“ ( – der alte Mann im beigen Rentner-Look ganz rechts) von Nordlummerland fordert schon wieder die Weltgemeinschaft heraus: Diesmal mit einer Weltolympiade im Reise-nach-Jerusalem-Spielen. 28 000 Armee-Generäle rennen in der Hauptstadt Pingpong um die Wette, um einen Sitzplatz auf einem der bloß in achtfacher Ausführung in Nordlummerland produzierten und entsprechend begehrten roten Stühle zu ergattern. Wer noch steht, wenn der Diktator zu dirigieren aufhört, wird erschossen oder verschwindet spurlos in einem der streng geheimen, über Google Earth aber mühelos auffindbaren Arbeitslager des Landes. Die geheuchelte Begeisterung der Generäle ist natürlich staatlich verordnet. In Wahrheit freuen sich die Würdenträger nur über ihre volkseigenen Atomschwellkörper-Mützen brandneuester Bauart. – Soeben rezitiert Diktator Sang Sung seine welthistorische Phrase: „Ein kleiner Knall bei jedem von uns, aber ein großer Bumms für die Menschheit!“ Für den Fall, daß die USA Nordlummerland nicht bald aufkaufen, droht der Dikator mit dem Platzen-Lassen mittelgroßer Langstrecken-Knalltüten.

DIE EVOLUTION MARSCHIERT!

Auf dem Gebiet paläoontologischer Angelegenheiten sind nur wenige bewandert. Man kennt den einen oder anderen monströsen Dinosaurier, aber was denen da so für Kleinvieh oder Geziefer um die dicken Säulenbeine sprang, wüssten wir kaum beim Gattungs-, geschweige denn beim Vornamen zu nennen. Eine Ausnahme bildet die Ur-Primaten-Dame „Ida“ der Gattung Darwinius masillae, deren propperes Fossil jetzt beschrieben wurde. Ich hätte das Uraffen-Mädel ja „Madonna“ getauft, weil es nämlich blutjung und steinalt zugleich ist – eine noch mit Milchzähnen ausgestattete Zweijährige, die aber schon vor 47 Mio. Jahren verstarb. Ihr noch tadellos in Schuß befindliches Skelett gibt angeblich Anlaß, die Spezies Darwinius masillae aus der Gruppe der primitiven, relativ doofen  Feuchtnasenaffen (Halbaffen, Makis etc.) in die illustre Gruppe der schlaubergerischen Trockennasenaffen (Vollaffen, Primaten, Klassen-Primusse) zu promovieren, so erklären uns die Wissenschaftler. Dabei hätte ich für meinen Teil das kleine langschwänzige Vieh – das sich hinter einer DIN A-4-Seite verstecken könnte, wäre so etwas damals schon verfügbar gewesen – eher für eine Art Eidechse gehalten. Doch nein, weit gefehlt: Uraffe mit abnorm großem Hirn, wobei uns die journalistischen Edelfedern das Getier wahlweise als „Groß-Cousine“ (stern) oder „Ur-Ur-Ur-Großtante“ (SPIEGEL online) „der Menschheit“ schmackhaft machen wollen.

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Cousine Darwinius masillae soll die Evolution erklären!

Großes Hirn hin oder her, ich finde die possierliche Proto-Primatin überfordert, las ich doch in einer Schlagzeilenmeldung: „Uraffe soll die Evolution erklären“! – Ich soll das nämlich auch, im nächsten Semester, und ich finde das gar nicht so einfach. Schon Franz Kafkas Schimpanse Rotpeter hat in der Erzählung „Bericht für die Akademie“ nicht geringe Schwierigkeiten, seine Menschwerdung zu beschreiben. Und nun ein Uraffe gleich die ganze Evolution! Was, außer ihrem daumengroßen Gehirn, qualifiziert „Ida“ für eine solche Aufgabe? Daß sie dabei gewesen ist? Das ja wohl kaum! – Die Menschen beispielsweise, die 1789 beim Sturm der Pariser Bastille dabei waren, wussten ja auch nicht, daß sie die weltberühmte „Große Französische Revolution“ machten – sie hatten sich bloß über Brotpreise aufgeregt! – Sind wir selbst denn Zeitgenossen unserer Evolution? Sind wir „dabei“? Entwickelt sich denn da noch was?

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Der gemeine Grüne Atomschwellkopf: Mit Grauem Volkstrott-Vortänzer Vogel (Volkstrottel)

Wahrscheinlich. So hat sich aus einem entlegenen, gewissermaßen cousinenhaften Nebenarm des Homo sapiens sapiens jüngst etwa der sog. Grünmützige Atomknallkopf entwickelt, eine hoch aggressive, sehr spezialisierte Spezies mit abnorm kleinem Hirn und dem typischen bunten Ordensgefieder auf der Brust, deren Populationen sich gern um einen beige-grauen Volkstrottvortänzer-Vogel (kurz: Volkstrottel) scharen, dessen charakteristisches Tschilpen ihnen eine Heidenangst einjagt. Die schwellköpfigen Grünmützen arbeiten, obwohl chronisch halb verhungert, emsig an der Massenvernichtung anderer Gattungen, was sie für ihre verdammte sowie vornehmste Pflicht und Schuldigkeit halten. Ihre zweite Aufgabe im Gefüge der Lebewesen besteht im weltall-weiten Absingen revolutionärer Hymnen auf ihren „geliebten göttlichen Führer“, den grauen Volkstrottel. Als Fernziel streben die kleinen grünen Gesellen die vollständige Umgestaltung der Erde an, deren auffällige Rundungen für sie eine Provokation des amerikanischen Imperialismus darstellen, mit denen der Klassenfeind die Hungerkünste des heroischen nordlummerländischen Volkes verhöhnen will. Eine vollständige Rückführung des dekadenten Erdballs auf seine schon von Marxengelsleninstalinmaodzedongkimilsung entdeckte würfelförmige Grundform ist daher gleichbedeutend mit dem Endsieg aller friedliebenden Kräfte bzw. dero Nachkommen, die den Atomknall überlebt haben werden. Als Banner des Friedens wird dann das steingraue Hungertuch der Revolution auf allen sechs Seiten des Erdwürfels wehen!

Fest vorgenommen haben sich die grünen Knalltüten, nicht den Fehler ihrer Vorfahren, der Neanderthaler, zu wiederholen und auszusterben. Ihre Nuklearwaffen werden ihnen dabei helfen, hoffen sie. Meine Damen und Herren – die Evolution! Und wir dürfen sagen, wir seien dabei gewesen! (Die letzten Primaten machen dann bitte das Licht aus!)

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Das Banner des grauen Hungertuchs der Revolution wird über dem von den Rundungen des Imperialismus befreiten Erdwürfels wehen!

Nachruf

24. Mai 2009
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Farewell, Lovely... Barbara Rudnik (1959-2009)

NACHRUF

Scheiß Tod immer! (Manno!)


 

 

 

Indianer überfallen Lößnitzdackel!

24. Mai 2009
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Auf unsre roten Brüder ist Verlaß: Keine Langeweile in Radebeul

WISSENSWERTES ÜBER KOMMENDE FEIERTAGE (LANGEWEILE)

Waren das Aufregungen in den letzten Wochen! Die Spannung siedete im mittleren Unerträglichkeitsbereich. Wer wird Deutscher Meister? Wird Sandy, Mandy oder Wendy Germany’s Next Top Moppel? Sterben wir alle an der Schweinegrippe? Schägt einer den Raab? Heißt Fiat bald Opel?  Machen wir wieder den letzten Platz beim Eurovision Song Contest? Welcher neue Super-Stern geht am taubstummblauen Plastik-Himmel Dieter Bohlens auf? Wird Hotte „Boring Old Fart“ Köhler noch einmal diese wuschige Zahnfee aus dem Osten besiegen? – Ein „Herzschlagfinale“ jagte das nächste, Tränen des Glücks, der Enttäuschung und Erleichterung wurden der Öffentlichkeit dargebracht, ganz Deutschland tat, was es ruhig öfter mal machen sollte, es hielt die Luft an. Pokale und Schalen wurden geküsst, Trostpreise vergeben, den Eltern und Sponsoren gedankt, und ganz besonders auch den Fans draußen an den Empfängern. Nun ist alles besiegt, besiegelt und besoffen: Deutschland kann wieder aufatmen, durchpusten, Sauerstoff tanken, die Seele baumeln lassen usw. Wunderbar, diese Ruhe. Oder…? Oder? Manch ein Mitglied der „nationalen Erregungsgemeinschaft“ (Sloterdijk) trommelt schon wieder nervös mit den Fingern: Und jetzt? Was kommt jetzt? Jetzt, so steht wahlweise zu hoffen oder zu befürchten, senkt sich das blöde, bleiern-banale Nichts fädenziehender Langeweile über das Land und erstickt alles menschliche Leben!

Manche nennen es Bundesliga-Pause, andere Sommer oder Regenzeit. Noch andere, deren Freud unser Leid ist, nennens Hauptsaison. Die Kollegen meiner Gattin verwenden noch immer den alten, liebenswerten Ausdruck „Saure-Gurken-Zeit“, der entweder, wie das englische season of the very smallest potatoes eine bedenkliche Ernährungslage meint oder eine Verballhornung des jiddischen Ausdrucks „Zóres-und Jòkresszeit“ für „Not und Teuerung“ darstellt, in jedem Falle aber bedeutet, daß man als Journalist noch kreativer sein muß als sonst, wenn man eine einigermaßen ansehnliche neue Sau durchs Dorf jagen will.

Wenn TV-Magazinen nichts Gescheites einfällt, können sie immerhin eine Straßenumfrage veranstalten und nach dem Sinn der bevorstehenden christlichen Feiertage Finxten und Frohen Leichnam fragen. Was haben wir uns an den Antworten der weitgehend ahnungslosen „Generation Doof“ schon be-ömmelt! Die Dummheit der anderen ist ja immer wieder ein ungetrübter Quell der Freude und Seelenerheiterung! Dabei, ich weiß zwar, warum Pfingsten gefeiert wird ( – wir gedenken des Ereignisses, das sich begab, als die Jünger Jesu plötzlich allesamt einen schweren Hau bekamen und ihren Mist nicht nur aramäisch, sondern auch dänisch, finno-ugrisch, uigurisch und auf Bantu predigen konnten; – Pfingsten ist daher auch bekannt als Tag des Zungenredens vulgo der Dolmetscher – Gruß an Chris nach UK!), aber den katholischen Fronleichnam muß auch ich immer mal wieder nach-googeln, weil es sich dabei um eine schon recht abgefahrene theologische Spinnerei handelt: An diesem auch als „Blutfest“ oder „Corpus Christi“ bekannten Fest feiert man die leibliche Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie.

Wenn Ihr auch das nicht kapiert, müsst Ihr halt mal eine katholische Heilige Messe buchen und Euch anschauen, was da abgeht, Freunde! Wenn der Mann mit dem kostbarsten Gewand da vorne auf der Bühne mit so einer Schelle klingelt, die Schale mit den Hostien-Oblaten hochhebt und dabei murmelt: „Hoc est corpus meus“ („Dies ist mein Leib“), dann meint man in diesen Kreisen, sei eben dieser Leib des Leibhaftigen, Quatsch, des Herrn, bzw. der von seinem Sohn, da irgendwie konkret und krass am Anwesen. Das schlichte Volk, des Kirchenlateinischen kaum mächtig, verstand bei der Priesterformel immer nur „Hokospokus“, womit, letzten Endes, darüber auch schon so ziemlich alles gesagt ist.

Wenn alle Brückentage abgefeiert sind, ist definitiv Sense, dann ist im Lande große Pause, dann sind Nasebohren, Haareraufen und Nägelbeißen angesagt, – eine Periode oder Phase großer Gefahr im übrigen, denn anthropologische Forscher haben herausgefunden, daß der gemeingefährlichste Unfug unter Humanpopulationen zumeist aus Langeweile veranstaltet wird, wofür der katholische Hokuspokus ja nur ein einfaches Beispiel ist. Aus Langeweile werden Rauschmittel eingenommen, Ehen geschlossen oder gebrochen, Kriege geführt, oder es wird wenigstens von den Nachbarn andauernd gegrillt – meine Terrasse ächzt seit Tagen unter den Miasmen verkohlten, innen noch blutigen Schweinefleisches (von wegen saure Gurken!), oder, besonders perfide, es riecht ganz mörderisch nach verschmorten Sardinen! Das ist doch widerlich! Lassen Sie das! Ich will den feinen Aromen frischen Spargels nachschmecken! Gegen Sie weg mit Ihrem blöden Fisch da!

So, da bin ich wieder, mußte nur eben was über die Hecke rufen. – Befreit vom Zwang, sich über Langeweile zu beklagen, sind an diesem Wochenende allein die Bewohner der wunderschönen Karl-May-Stadt Radebeul bei Dresden. Über diese lese ich heute auf der Wikipedia-Startseite: „Die Wein-, Villen- und Gartenstadt mit ihren acht historischen Dorfkernen und zwei Villenquartieren liegt nordwestlich von Dresden zwischen der Elbe im Süden und den Weinhängen der Großlage Lößnitz im Norden“. So weit, so gut, aber jetzt die Frohe Botschaft für alle Blutsbrüder Winnetous und Apanachis: „Die Schmalspurbahn Lößnitzdackel, die durch den tief eingeschnittenen Lößnitzgrund Richtung Moritzburg und von dort weiter nach Radeburg fährt, wird an diesem Wochenende im Rahmen des Fests wieder von Indianern überfallen“! – Wird das vielleicht Schule machen? Nun, wie wir Medienmenschen gerne sagen: Man darf gespannt sein!

PS: Zum Wochenendausklang für meine agnostischen Freunde noch ein hübsches Liedchen: ERDMÖBEL mit „Einer wie wir“ („If God were one of us“)

 

 

 

 

Alte Säcke bedrohen (evtl.) Schlager-Chanteuse!

23. Mai 2009
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Von Schlappenhüten beherrscht: Bundesrepubik Deutschland (60)

 

Sehr geehrte Bundesrepublik,

die massenmedialen Erregungsstrategen sind total aus dem Häuschen und haben alarmhalber den Kongreß der Quatschologen einberufen: Pünktlich zum heutigen 60. Geburtstag der Bunsreplik muß deren Geschichte neu geschrieben werden!  Der unselige Polizist, der vor 42 Jahren am 2. Juni auf einer Westberliner Demo den Studenten Benno Ohnesorg erschoß und damit versehentlich die studentische 68-Bewegung (samt „Bewegung 2. Juni“, RAF & Co.!) ausgelöst hatte, war nämlich insgeheim unter dem Decknamen „IM Otto Bohl“ ein hochrangiger Stasi-Agent, ein SED-Fritze, eine rote Stalinisten-Socke! Die rechte Sau war also ein linkes Schwein! Oha. Wir waren also doch vom Osten gesteuert, nur, sozusagen, mit Servo-Lenkung. Hochschulreform, Zivildienst,  anti-autoritäre Kindergärten, sexuelle Befreiung, der Ausbau der WC-Türen in den Kommune-WGs: alles von Ostberlin und Moskau gefinkelt und gefummelt, um unsere blutjunge Demokratie zu destablisieren! Man stelle sich das vor! Da wird ja, wie Frau Dr. Erika Fuchs, die legendäre Mickeymouse-Übersetzerin mal schrieb, das Huhn in der Pfanne verrückt! Oder stand das in „Fix & Foxi“? Weiß ich nicht mehr, aber egal jetzt! Es geht um Weltgeschichte!

Für mich, einen der allerjüngsten noch lebenden 68er, ist diese Enthüllung natürlich ein emotionaler Moment, vielleicht sogar ein emotionalster, ja buchstäblichst ein Deutschland-Moment! Schade, daß der Kölner Idiotensender RTL bereits heute abend die Show „Die 25 emotionalsten Deutschland-Momente“ ausstrahlt, da werden sie den neuesten Stasi-Knaller noch nicht drin haben. Dabei ist indessen, laut Ankündigung der Pressestelle, als „Höhepunkt der Sendung: Hans-Dietrich Genscher schenkt den DDR-Bürgern in der Prager Botschaft die Freiheit“. Dieses generöse Geschenk wird man dem unvergessenen Bundessympathieträger mit dem Tapir-Gesicht und den Elefantenohren, weltbekannt durch seine zitronengelben Pullunder mit V-Ausschnitt, die niemand mit solch nonchalanter Eleganz trug, wie der gebürtige Hallenser, natürlich lebenslang mit heftigen Emotionen vergelten. Mir persönlich allerdings ging dieser welthistorische Moment bedauerlicherweise eiskalt am Arsch vorbei, denn zu der Zeit schöpfte ich gerade den Verdacht, meine damalige Frau könnte evtl. „fremdgehen“, und litt daher unter starker Ego-Migräne. Gut möglich, daß sie auch eine Stasi-Agentin war, die mich destabilisieren sollte!

In welchem Ausmaß unser Schicksal von den Ostberliner Schlapphüten manipuliert wurde, ist nämlich noch gar nicht ausgemessen! Wie ich mit nicht geringem Unbehagen in der Magengegend las, hütet … – also ich meinte jetzt natürlich nicht, daß ich das „in der Magengegend“ las, sondern das Unwohlsein ist dort angesiedelt, das mich angesichts der gelesenen Meldung beschlich, nicht wahr! – …hütet die Birthler-Behörde Säcke mit 16 000 (!) ungelesenen, möglicherweise aber hochbrisanten Akten! Die Lektüre war den DDR-Abwicklern der Behörde bislang zu mühsam, denn die Ost-Fieslinge haben die Akten alle zerrissen oder geschreddert, sodaß man die erstmal in jahrzehntelanger Arbeit wieder zusammenpfriemeln muß, wozu offenbar bislang noch keiner die Kraft oder Lust gefunden hat. Begreifen kann man das ja! Ich habe mal einen deutschen Fernseh-Krimi gesehen, in dem ein Kommissar in einer (!) Nachtschicht drei (!) Säcke mit maschinell geschreddertem Aktenkonfetti wieder zur Lesbarkeit zusammengesetzt hat. Der Sprecher der deutschen Aktenschredderindustrie legt Wert auf die Feststellung, daß dies ein Ding der schieren Unmöglichkeit sei!

Nach der letzten Enthüllung wird man der ungeliebten Arbeit, in den alten Säcken zu kramen, nun aber wohl doch mal näher treten müssen. Mir schwant nichts gutes, ich seh schon die Schlagzeilen der nächsten Jahre vor dem entgeisterten geistigen Auge: Fernsehkoch und Hausfrauen-Fürst Clemens Wilmenrod, Lilo Pulver, Romy Schneider und die Jakob-Sisters, Hilde Knef, der heitere Beruferrater Robert Lemke, Hanns Joachim Kulenkampf, Wim Thoelke, der dicke Ludwig „Zigarre“ Erhard, der Kniefaller Willi Brandt, der Schah von Persil und Clementine von Persien: Steckt ihr wahres Ich noch in den Aktensäcken? Wer heute noch lebt von denen, die uns einst regiert oder terrorisiert haben, zittert: Diether Thomas Heck und Ricky Shane, Peter Kraus, Rudolf Schock (!), Dr. Helmut Kohl, Walter Scheel und Dr. Marianne Koch, Frau Professor Mitscherlich nebst Eugen Drewermann und Josef „Kardinal“ Ratzinger: Sie alle könnten fürchten, was da noch ans Licht kommt! Vielleicht müssen sie ihre Orden zurückgeben wie der Steuersparoasen-Wart Zumwinckel, oder alle ihre Goldenen Schallplatten- und Bambi-Verleihungen sowie sämtliche früheren Hitparaden-Notierungen werden revidiert.

Nehmen wir beispielsweise Frau Vicki Leandros („Theo, wir fahrn nach Lodz!“): Gerade hat sie ihre fünftausendste Langspielplatte vollgesungen und ist über die Texte, die ihr neuerdings die bekannte fromme Heulsuse Xaver Naidoo geschrieben hat, so begeistert, daß sie verlautbart hat, sie gedenke, „keinen Nebensatz davon wegzunehmen“. Zwar sind deutsche Schlagertexte bekanntermaßen ohnehin nebensatzarm, aber trotzdem: Wird Vicky Leandros, die weiße Rose aus Athen, die heute in Lüdenscheid wohnt oder wo, dabei bleiben können, wenn die alten Säcke ihr Geheimnis preisgeben? Das ihnen selbst innewohnende Geheimnis der Säcke, meine ich – denn ob die graeco-niedersächsische Chanteuse ein Geheimnis hat, wissen wir ja noch nicht. Aber wenn – ich steh bereit, die Geschichte der Republik neu zu schreiben!

Euer Geschichtsklitterer „IM Ernst“.

Herzliche Grüße sind manchen zu lang!

22. Mai 2009
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Hoffentlich nicht bald ein dicker Fisch...

Beschämende Einsicht, bestürzendes Bekenntnis: Ich habe zugenommen. Meine Jeans kneift! Früher hat sie nie gekniffen! Die Weite der Jeans, die ich jetzt bestellen muß, findet sich in der Spalte „zierlich & schlank“ leider nicht mehr.  Man mag mir die üblichen Versündigungen unterstellen: Disziplinloses Schlemmen und Zechen, Sportmuffelei, Mangel an kalorienzehrenden Ausschweifungen und andere Verwahrlosungserscheinungen. Ich sehe das ein und bin angemessen zerknirscht. – Andererseits gilt es ja nun nicht gerade als Aufreger der Woche, wenn ein Herr meines Alters mal zunimmt. Das kommt vor. Später wird es ja wieder besser! Jedenfalls hat mal eine Ärztin zu mir gesagt: „Haben Sie etwa schon einmal einen übergewichtigen 90-jährigen gesehen?“ – Seither grüble ich, der diese Frage spontan verneinte, wie sie das eigentlich gemeint hat. Heißt das, irgendwann wird man von alleine wieder klapperdürr? Werde ich im Kreis der Greise meine alten Jeans auftragen können?

Ein gewisses, nicht ganz untröstliches Frohlocken verursacht mir immerhin die Tatsache, daß ich die Phase christlicher Seefahrt untätowiert überstanden habe. Auch meine Zeit im Knast (1 Nacht bei der Stasi, Bhf. Friedrichstraße; 1 Nacht in Split, Ex-Jugoslawien) war insgesamt zu kurz, um mir den Körper mit Illustrationen dekorieren zu lassen. Mein ständiges Zu- und gelegentliches Abnehmen würde mir sonst Gemütsnöte ganz eigener Art auferlegen. Nicht ohne Bangen registriere ich nämlich den Optimismus junger Leute beiderlei Geschlechts, sich Schriftzüge und Ornamente auch auf Körperregionen tätowieren zu lassen, die im Laufe  des Lebens traurigen, aber unabänderlichen Transformationen unterliegen. Manches Segelboot verwandelt sich da im leidigen Fortgang der Biographie zum Containerschiff, mancher Drache schnurrt zur Eidechse zusammen, und welche semantischen Wandlungen diese chinesischen oder japanischen Schriftzeichen durchmachen, die man sich im Zustande jugendlich gesegneter Unverschrumpeltheit einst hat stechen lassen, läßt sich doch gar nicht absehen!

Diese Sprachen sind doch eh so knifflig! Wenn man im chinesischen Mandarin zum Beispiel einen Satz in der falschen Tonart singt, bedeutet er gleich was ganz andres, also z. B. statt „Hochverehrter Meister, ich bin glücklich, Ihr Shaolin-Kloster kennenzulernen“ kommt dann so etwas heraus wie „Du kriegst gleich derbe auf die Nuß, Opfer!“, was der etwas übelnehmerische Chinese möglicherweise als Affront versteht und gleich mit einem Boxer-Aufstand beantwortet. Mit den Schriftzeichen könnte das doch so ähnlich sein! Ich hätte Angst, wenn ich mir beispielsweise Dschuang Dsis berühmte Schmetterlingsfabel hätte tätowieren lassen, daß da heute stünde: „Zwanzig Prozent Rabatt auf alles außer Stiernacken“, und ich wüsste noch nicht einmal etwas davon und schlösse lediglich aus dem respektlosen Gekicher meiner Stamm-Geisha, das etwas nicht stimmt mit mir.

Einen Scherz mit Tattoo-Bezug hörte ich auf St. Pauli, wo ich eine zeitlang wohnte, um unter Leitung des KPD/ML-Vorsitzenden Ernst Aust Landtagswahlkampf für die maoistische Partei (Parole: „Hoch die Faust / für Ernst Aust!“; Wahlergebnis 0,1%) zu machen. Eigentlich müßte ich kurz um die Einnahme einiger Schlummer-Schnäpse bitten, wie ich sie damals bereits intus hatte, sonst ist es vielleicht nicht witzig. Jedenfalls hörte ich einen Hafen- oder Werftarbeiter über sein Gemächt prahlen, das er sich mit dem Schriftzug „HrzGraKnpl“ hätte tätowieren lassen. Nach einer dramaturgischen Pause, in der die Kneipenrunde geschlossen einen Köm kippte, fuhr er fort: „Aber wenn er s-teht, dann s-teht da ‚Herzliche Grüße aus Kons-tantinopel!’“ – und alles brüllte vor Lachen. Jedesmal, wenn neue Touris aus der Herbertstraße in die Eckkneipe trudelten, machte er den Witz noch einmal, daher hat er sich mir recht haltbar eingeprägt. Noch heute, wenn ich Jung-Machos mit gewissem Migrationshintergrund sehe, die, wie man heute in gewissen Kreisen sagt, „auf dicke Hose machen“, dann denke ich im Stillen immer: Na, – ob das wohl für eine Postkarte von zuhause reicht? (Vielleicht gerade mal für „Split is’n Hit“, aber doch nicht für „Yaşasın Galatasaray Istanbul“!)

Auf dem Zenit meiner Lebensweisheit, den ich längst überschritten habe, kam es mir vor, als sei mir praktisch nichts Menschliches fremd. Heute versteh ich schon immer weniger. So fällt es mir schwer, den Geisteszustand einer jungen Frau nachvollziehend auszumessen, von der anläßlich einer Tattoo-Messe berichtet und gezeigt wurde, daß sie sich auf die beiden Oberarme jeweilen das fotorealistische Porträt ihrer Mutti (links) und ihres Vatis hatte anbringen lassen. Also, eine Dame, die jedesmal, wenn sie sich von mir wegdreht, mir nicht nur die sprichwörtliche kalte Schulter, sondern höhnischerweise auch noch das grinsende Gesicht meiner Schwiegermutter zeigte, wäre ich wohl nicht bereit, zu ehelichen.

Der große mittelalterliche Kirchenlehrer Thomas von Aquin war nicht verheiratet, auch wohl nicht tätowiert, aber zugenommen hat er nicht zu knapp: Der Askese-Prediger wurde schließlich so dick, daß er seinen Schreibtisch im Scriptorium halbrund aussägen lassen mußte, um noch dran zu kommen. Als Mönch hatte er es gut: Er mußte nur eine längere Kordel für seine weite Kutte besorgen, und sich nicht mit den Größentabellen der Jeanshersteller herumschlagen. Leider wurde er nur 49 Jahre alt, sodaß er die finale greisenhafte Dürreperiode deutlich verfehlte. Man hat seinem Leichnam, heißt es, mit einem Kran aus der Kammer geborgen. Er hinterließ ein umfangreiches theologisch-philosophisches Werk. – Heutige Körperschmuck-Sammler hinterlassen oft schon eine derart kunstvoll tätowierte Haut, daß sie diese vorsichtshalber einem Museum vermachen. Inwieweit dies zu Lebzeiten bereits ihr Selbstwertgefühl hebt, ist mir nicht bekannt.