Town with no cheer


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Duisburg, Todestreppe

Klar, unsere Stadt ist wie Dodge City, Deadwood oder Tombstone, bloß zum Quadrat, nämlich fraglos eines der desolatesten Käffer im Wilden Westen der Republik, eine auf die schiefstmögliche Bahn geratene Pleitegeier- und Geisterstadt voller Bausünden, Millionengräber und öder Korruptionssümpfe, eine durch Schlaglochpisten notdürftig verbundene Ansammlung von Schrottimmobilien und Leerstandsruinen, mehr drangsaliert als regiert von fünf Handvoll großmäuliger, von den eigenen Grandiositätsphantasien im Dauersuff vegetierender Schwindler, Schieber, Rosstäuscher, Tagediebe und Scharlatane, deren Inkompetenz nur von ihrer Großmäuligkeit übertroffen wird – oder von ihrer leimsiederischen Feigheit, wenn es darum geht, mannhaft die Verantwortung zu übernehmen für den windschiefen Bruchbudenzauber, die geplatzten Spekulationsblasen, die Planungskatastrophen und sonder Zahl ans Licht gezerrten Verkommenheiten einer psychisch, mental und moralisch verwahrlosten… – was? das wäre übertrieben hart gesagt? Kann wohl sein; man ist halt zu nah dran. Wahrscheinlich ist unsere Stadt gar nicht viel anders als andere Knotenpunkte an der Bahnlinie Richtung Abgrund, eine nach dem Schneeballsystem künstlich am Leben gehaltene Kreditleiche und noch unbestattete Stadtattrappe, in der die Tageszeitungen „Die Durchhalteparole“ und „Unser Potemkinsches Dorf“ heißen und Hoffnung ein Wort ist, das nicht mal mehr die verbliebenen Deutschen noch buchstabieren können.

In diesem gottverlassenen Industriewüstenloch läuten heute alle Glocken. Jedenfalls sofern sie nicht bereits von Schrottdieben „mit südosteuropäischem Aussehen“ abmontiert, geklaut und eingeschmolzen wurden. Das Geläut erinnert an das love parade-Desaster heute vor eintausendfünfundneunzig Tagen, an dem 21 junge Menschen ihr Leben verloren und Hunderte verletzt und traumatisiert wurden. Eintausendfünfundneunzig Tage ist es nun her, das ein parakriminelles, unfassbar dilettantisches, dafür aber juristisch unfassbares System aus Behörden, Unternehmen und Verwaltungsapparaten, zugleich vereint und zertreut durch seine „organisierte Verantwortungslosigkeit“, angetrieben von Gier, Größenwahn und Renommiersucht, alle Bedenken, Warnungen und nicht zuletzt die Seufzer des gesunden Menschenverstandes in den Wind schlug und jenes entsetzliche loveparade desaster anrichtete, das 21 jungen Menschen das Leben kostete und Hunderte verletzte und auf Dauer traumatisierte. Die Ereignisse sind bekannt.

Seither, also seit drei vollen Jahren, „ermittelt“ die Staatsanwaltschaft; dreissig kompetente, gut ausgebildete Staatsanwälte haben mit vereinten Bürokräften, so wird verlautbart, 3500 Zeugen vernommen, 1000 Stunden Videos angesehen und damit mittlerweile eine Ermittlungsakte von mehr als 30.000 Seiten zusammengeklaubt, was in etwa einhundert Regalmetern Leitz-Ordner entsprechen dürfte. Niemand wird den Fleiß und den Willen zur Wahrheit anzweifeln, der die Juristen motiviert – und niemand wird sie um das Dilemma beneiden, in dem sie stecken, offenbar ohne vor oder zurück zu können. Denn eine Anklage ist noch immer nicht erhoben worden – je mehr man sucht, gräbt, bohrt, sortiert und Akten studiert, desto unwahrscheinlicher wird es, dass man für das tödliche Desaster juristisch verantwortliche „Täter“ findet. Darüber murrt das Volk, verständlicherweise. Man will Gerechtigkeit, Genugtuung usw., man will Schuldige und möchte ein paar Leute hängen sehen. Leider werden Hinterbliebene, Opfer und das durch sein gesundes Empfinden bekannte Volk in dieser Hinsicht in die Röhre schauen, und das, obwohl die Staatsanwaltschaft beteuert, „immer weiter vorwärts“ zu kommen. Sicher, bald werden es noch ein paar Meter mehr Akten sein – und dann?

Hat man mehrere Optionen, die darum konkurrieren, die schlechtmöglichste zu sein: Entweder man präsentiert am Ende – wie der kreißende Berg, der eine Maus gebar – ein paar subalterne Pechvögel und nachgeordnete Galgenstricke, die zwar ausgewiesene Schluris, Schlampen und Schlawiner sein mögen, in ihrer Inferiorität und subordinierten Nichtigkeit aber kaum als „Hauptverantwortliche“ figuriren können (wer die sind, weiß man ja, kann sie aber juristisch nicht belangen). Oder man stellt das gigantische Ermittlungsprojekt am Ende aus Mangel an Beweisen ein, was ebenfalls eine Katastrophe wäre. Am besten scheint mir noch, man ermittelt erstmal einfach weiter, bis irgendwann das Gras wieder wächst.

Warum ist das so? Weil der ganze grandiose Trick dieser Bande von Verwaltungsfuzzis, Stadtmarketingfritzen, Unternehmern, Polizeiführern und Genehmigungsbetreibern gerade darin bestanden hat, ein System zu konstruieren, indem nie jemals eine Person für irgendetwas von Bedeutung belangt werden kann. Opferanwalt Julius Reiter nennt es das System organisierter Verantwortungslosigkeit. Das trifft es. Dieses System arbeitet autopoietisch und subjektlos. Niemand ist persönlich zurechenbar verantwortlich, weil diese Verantwortung im undurchschaubaren Filz des Systems rotiert, wie ein zu kleines Kapital in einer betrügerischen Unternehmensgruppe. DerApparat besteht aus einem labyrinthischen Gewirr von Verweisungen, Delegationen und Vorbehalten, in denen die Staatsanwaltschaftshasen allenthalben Igeln begegnen, aber immer anderen, die auf noch andere verweisen. Die Befehlskette hat kein Anfang und kein Ende, sie ist zirkulär, eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, wie ein von Kafka ersonnenes Amtsnetz, das kein Zentrum und kein Außen besitzt und deshalb unangreifbar bleibt. Deshalb wird niemand belangt. Der politisch verantwortliche Oberbürgermeister ist mit guter Pension abgetaucht; ein anderer Drahtzieher ist Landesminister, ein dritter noch immer im kommunalen Amt.

Schön war der richtige Wilde Westen: Die Bösen trugen alle schwarze Hüte oder rote Haut und man wußte, wer zu hängen war. Vorbei, Vergangenheit. Heute sehen wir den hochrangigen Politikdarstellern, die sich die eigens die für Feiertage reservierten Bekümmertheitsknitter ins verlogene Gesicht gebügelt haben, dabei zu, wie sie Kränze niederlegen und Betretenheitsschleim absondern. Morgen geht es weiter, wie bisher. Wir sehen uns nächstes Jahr beim Gedenktag, okay?

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6 Kommentare - “Town with no cheer”

  1. mattin Says:

    „System organisierter Verantwortungslosigkeit“, eine immer weiter umsich greifende Verbrechensart.
    btw wieder sehr guter beitrag

  2. /cbx Says:

    Ich hatte mich schon ein bissl gefürchtet angesichts der mächtig polternden Einleitung. Dann aber folgte, wofür ich Deine Beiträge so schätze. Wohlgesetze Worte tiefer Weisheit. Auch wenn sie mich dennoch aus der Haut fahren lassen.

    Indes frage ich mich, wie viel böser Wille dem System der „organisierten Verantwortungslosigkeit” innewohnt und wie viel davon zwangsläufig auf den wirr gespannten Drähten der Organigramme wuchern muss wie der allgegenwärtige Schimmelpilz.

    Wer Föderalismus und Subsidiarität will, muss mit unscharfen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten rechnen. Das ist die Folge eines (möglicherweise) durchaus sinnvollen demokratischen Systems. Dass sich für jede Ritze eine schmierige Kakerlake findet, die es sich darin bequem macht, ist das eigentliche Problem.

    Das allerdings hängt dann doch wieder direkt mit den Kakerlaken zusammen.

  3. Thomas Volmert Says:

    Mann, was fürn erbärmlicher Angeberjargon, was fürn potthässliches Deutsch! Wie kann man nur! Zuviel Luhmann gelesen? Beispiele: „schiefstmögliche“, aber dann „schlechtmöglichste“ … aua! „persönlich zurechenbar verantwortlich“ … auaaua! Und dann die ganz primitiven Fehler! Beispiele: „das 21 jungen Menschen das Leben kostete“ … das ist nun wirklich Cretino-Journalisten-Un-Deutsch! „kosten“ steht (zum Glück) immer noch mit Akkusativ (von wegen rettet dem Dativ!). „dreissig“ … ja sind wir denn in der Schweiz? „figuriren“ … oder wieder im 19. Jh.? Aslo ICH weiß jedenfalls, wer hier seinen „Grandiositätsphantasien“ die Zügel schießen lässt! Pobrecito!


  4. Nein, nein, das ist so gar nicht richtig, das bedarf einer Kommentierung und Korrektur: 30.000 Seiten entspricht exakt 60 Ordnern (á 500 Blatt), mal 8cm sind das 4,80m. Oder auch ein 80er Regal mit 6 Böden, das sind also exakt 0,8% der in des Autoren Beitrags prognostizierter Regalmeterlänge.

    So frage ich mich: Wenn schon mit den Regalmetern geschlampt wird, wie ist mit dem Gesamtartikel umzugehen? Sind vielleicht nur 2,8 Zeugen vernommen worden, wer ist dann der 0.8%-Zeuge, und vor allem, welcher Mensch zählt nur als 0,8%? Und aus den 1000 Stunden Video werden vermutlich nur 480 Minuten?

    Wer zu hängen ist, das weiss ich immer noch nicht! Was für einen Hut trägst Du?

    Erschütternd…


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