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Noch nicht gänzlich verworfene Projekte

5. Juni 2011

Keine Panik – ich bin es bloß, der Magister K.

Einen Tag lang in einem überdimensionalen, mindestens 1,90m großen Hühner-Kostüm (an Helfer für den Kopf denken!) durch die Stadt laufen, hyperaktiv mit den Flügeln schlagen und helle, heillose Aufgeregtheit demonstrieren. Passanten über den Sinn der Sache spekulieren lassen (Atom? Gurke? Die da oben, die Banker, die Euro-Spekulanten, das Schweinesystem? Aus Solidarität mit Japan, Spanien, Is- oder Griechenland?), – ansonsten Engagement durch permanentes Gackern unter Beweis stellen. Falls technisch machbar, Mitbürgern gelegentlich sanft auf den Kopf picken.

Die Ausweitung der Grauzone erforschen, medialen Debatten-Krieg gegen das Entweder-Oder anzetteln (FAZ und ZEIT anrufen!). Pamphlet „Für mehr dazwischen!“ gegen die diktatorische Bi-Polarität von Yin und Yang, Amok und Koma, Mann und Weib, AC/DC, brutto und netto usw. entwerfen. Natürlich geht „ein bisschen schwanger“ sehr wohl – halb tot oder fast wahnsinnig geht ja auch! Mit dieser These durch Talkshows tingeln. Auf die Frage, ob das ernst gemeint sei, bedächtig den Kopf wiegen. Vermeiden, Fragen mit Ja oder nein zu beantworten.

Einen aufblasbaren Schwimmgürtel (evtl. rosa Krokodil oder sehr gelbe Ente) kaufen (klären, ob es das in XXXL gibt!), über den eh schon dicken Bauch stülpen, die Straßenbahn besteigen. Empörten Fahrgästen erklären, meine Religion beföhle mir solches, andererseits trüge ich den Gürtel aber auch aus freiem Willen, weil ich mich sonst nicht komplett angezogen fühlte. Zeter und Mordio schreien, falls jemand (Rechtsradikale!) mir die Luft aus der Ente lassen wollte. Flammende Anklage gegen die tägliche Diskriminierung von Dementen und Altersstarrsinnigen formulieren. Ggf. Verband gründen.

Einen Doku-Spielfilm über die ersten 21050 Tage meines Lebens drehen (unbedingt Mäzene finden!), Arbeitstitel: „Trauer, Tragik und Trostlosigkeit des Ego – Die Kirche der Angst vor dem Knall im Kopf“, bei der Biennale in Venedig einreichen. Plagiatsvorwürfe energisch dementieren. Mein Ableben bekannt geben. Nachrufe ausschneiden, sammeln und abheften (delegieren!). Als Buch/Video/DVD herausgeben. Mein Ableben dementieren. Als Untoter durch die Talkshows tingeln, evtl. Interview mit der ZEIT (Giovanni di Lorenzo).

Schon mal geeignete Heime besichtigen. Fragen, ob ich Hühnerkostüm bzw. Schwimmgürtel mitbringen darf. Einen Film (Werner Herzog anfragen!) über meine Zeit im Heim: „Alter und Tod eines Enfant terrible“. Alterswerk planen. Interview in der FAZ (unbedingt Schirrmacher, nicht Bahners!). Mein gesamtes Geld verschenken (BILD: „Sind wir alle dement?“), neues Pamphlet: „Warum ich den Schwimmgürtel trage“.  Im Hühner-Kostüm durch die Talkshows tingeln. Kapitalismus anprangern. „Kirche des wollüstigen Alkoholismus“ gründen. Vielfältige mediale Aktivitäten: CD mit Trinkliedern; Vertrieb von GPS-Spezial-Geräten für Menschen, die aus der Kneipe nicht mehr nach Hause finden; gemeinsame Auftritte mit Joopi Heesters. Eine Oper über Hitler schreiben (für Drehbuch Guido Knopp gewinnen).

Nach der Weltherrschaft greifen. Erste Maßnahmen: den Kapitalismus, Afrika, Dreiviertel-Hosen und deutsche Volksmusik verbieten; übergewichtigen Männern über 60 das Tragen von Schwimmgürteln verordnen; das aufgeregte Huhn ins deutsche Staatswappen aufnehmen (weg mit dem arroganten Adler!), sonst so milde wie möglich regieren.

Endlich mal nachschauen, wohin ich meine Medikamente verbaselt habe.

Einstürzende Altnormen: Kraska tritt zurück!

27. Juli 2010

Meinetwegen: Ein Wort zu dieser Schmutzranderscheinung. Gottes Mikrophon-Fellatrice im Aufmerksamkeitsnotstand. (Foto: static.rp-online.de/.../ 21979-eva-hermann-AP.jpg)

Also gut, meinetwegen ein Wörtchen zu dieser Schmutzranderscheinung namens Eva Hermann. Was solls? Soll ja auch das kleinste Kotzbröckchen nicht unbeachtet bleiben. Irgendwer muß auch das ja mal wegmachen. – Ich sags also mal so: Da offenbar niemand den Job des Sündenbocks will, und ich als bereits berenteter, weitgehend (zu weit gehend?) ausgedienter Denk-Magister eh auf keine Zukunft mehr hoffen darf, habe ich mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, die volle Verantwortung zu übernehmen! Ich wars! Ich bin schuld! Mein Kopf rolle! Ja, es ist die „fast völlig nackte“ Wahrheit: Ich habe das Loveparade-Desaster gewollt, habe es von langer, ja, jahrzehntelanger Hand geplant, vorbereitet und mit Gottes Hilfe auch erfolgreich durchgezogen. Meinen satanischen Neigungen folgend habe ich dabei, dessen darf ich mich immerhin rühmen, „ganze Arbeit geleistet“. Ich habe sogar Sachverständige eingebunden, im Vorfeld alles richtig gemacht und in der Nachbereitung nichts ohne Not zugegeben!

Apropos: Zugegeben, zunächst wollte ich mich hinter den gerade am Pranger des Volkszorns stehenden üblichen Verdächtigen, den notorischen Inkompetenzschranzen, Erbämlichkeitsdezernenten, den windelweichen Schön-, Klein- und Ausrednern, den schwadronierenden Beschwichtigungsschwuchteln und bestallten PR-Heuchelmördern vom Schlage Pleitgen, Scheydt, Gorny, Jäger, Sauerland, Rabe, Schaller, Schmeling et al. verstecken.  Naiverweise dachte ich, wer die Chuzpe besitzt, das eigene Totalversagen als „stimmiges Konzept“ zu verkaufen, der wird doch am Teufel wohl drei gute goldene Haare lassen und dessen Großmutter zur Schönheitskönigin ausrufen können! Da habe ich mich aber verrechnet (Achtundsechzig minus 666: Nullsumme!). Leider haben sich diese Windel-Weichei-Wichte derart klein gemacht, dass sie mir keine vernünftige Deckung boten.

Entlarvt wurde ich von einer einzigen, unerschrocken zu ihrem Glauben stehenden, schlichten Blondine aus dem Volk: Frau Eva Hermann , welche mir das Handwerk legte, bloß mit der Waffe des treffenden Wortes und der Schärfe eines zeitgeschichtlich wie kulturkritisch unbestechlichen analytischen Blickes ausgerüstet.

Folgendermaßen  aber ließ sich Gottes schärfste Fregatte seit Hildegard von Bingen in Gottes Namen über das Loveparade-Desaster vernehmen:

„Die unheilvollen Auswüchse der Jetztzeit sind, bei Licht betrachtet, vor allem das Ergebnis der Achtungundsechziger (sic!), die die Gesellschaft „befreit“ haben von allen Zwängen und Regeln, welche „das Individuen doch nur einengen“. Wer sich betrunken und mit Drogen vollgedröhnt die Kleider vom Leib reißt, wer die letzten Anstandsmormen (sic!) feiernd und tanzend einstürzend einstürzen lässt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft (sic!) unterstützt wird, der ist nicht weit vom Abgrund entfernt. Die Achtundsechziger haben ganze Arbeit geleistet.“ Autsch, das saß.

Ich gebe zu, ich habe gesündigt: 1.) Ich bin, wenn auch einer allerjüngsten, Achtundsechziger und damit durchaus verantwortlich für die sattsam bekannten „unheilvollen Jetztzeitauswüchse“; 2.) und ja, zahllose Male war ich in all den Jahren seither zweifellos sinnlos betrunken, manchmal wohl auch „mit Drogen vollgedröhnt“, und habe in diesem erlösungsbedürftigen Zustand a) „feiernd und tanzend“ mindestens mir, b) oft genug aber auch willigen Zweiten oder gar zunächst noch unbeteiligten Dritten „die Kleider vom Leib gerissen“, bis diese „fast völlig nackt“ waren oder zumindest „den Busen … blank zogen“, Hoho!; 3.) ferner es mit systematischer Diabolik darauf angelegt, – und das war weißgott nicht immer einfach!, „die letzten Anstandsmormen (!) feiernd und tanzend einstürzen“ zu lassen. Letztlich habe ich aber, wie man sieht, diesen Anstandsnormen-Einsturz tadellos zuwege gebracht. Dank meiner Wühlarbeit sieht man heute allüberall „fast völlig nackte“ bzw. „dünn bekleidete Körper“ herumeiern, „in Trance“ meistens und „im Rhythmus zuckend“. 4.) Möchte ich mich bei den „Trägern der Gesellschaft“ (so wie natürlich meinen Eltern, meiner Frau, meinem Agenten, meiner Produktionsfirma sowie allen facebook-Freunden und Twitter-Followern) für ihre Unterstützung bedanken: Ohne euch Gesellschaftsträger hätte ich es bis hierin nie geschafft! 5. Wohin? Nun, ich stehe „nicht weit vom Abgrund“. Deswegen trete ich ja auch zurück! Ich bitte die Herren Träger oder Rücktrittsbremsen, die sich hinter mir verstecken, mal eben Platz zu machen.

Wie Frau Hermann, die – anders bzw. päpstlicher als Papst Bendixt der Viertelvorzwölfte –, die Tanzwut der Jugend eindeutig als Teufelswerk und „Ergebnis der Achtundsechziger“ identifiziert hat, richtig ahnt: Hier haben „auch ganz andere Mächte eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen“. Ein Ende mit Schrecken, nun ja, tja, nebbich, aber bei „Drogen-, Alkohol- und Sexorgien“ darf der Herrgott nun mal  kein Auge zudrücken. Sonst übersähe er vielleicht die „dünn bekleideten Körper“ (sic!), die sich „betrunken, vollgekifft, mit glasigen Blicken… in rhythmischem Zucken wie in Trance wiegen“;  womöglich hätte er so auch die Töchter Sodoms nicht entdeckt, die einen Anblick bieten wie „in der Verfilmung der letzten Tage, wie sie in der Bibel beschrieben werden“. Ich hab die Bibelstelle grad nicht parat, aber laut Frau Hermann lautet sie ungefähr: „Viele Mädchen haben den Busen blank gezogen (sic!), manche sind fast völlig (!) nackt. Sie wiegen sich in orgiastischer Verzückung in ohrenbetäubendem Lärm, Begriffe wie Sittlichkeit oder Anstand haben sich in den abgrundtiefen Basschlägen (sic!) in Nichts aufgelöst“. – Und am Schluß emergiert der Antichrist in Form des Geistes von Dr. Motte und reitet auf dem Goldenen Kalb!

Die Vision aus der apokryphen Hermann-Apokalypse ist freilich markerschütternd. Schon der Anblick „fast völlig“ nackter Mädchen lässt einen natürlich seelisch in den Grundfesten wanken; sich unter „abgrundtiefen Basschlägen in Nichts auflösende“ Begriffe sind da fast nur noch einen völligen Tick grauenerregender.

Trotz allem und jetzt mal im Klartext: Ich bin – manchmal mit grimmig zusammengebissenen Zähnen – Verfechter des § 5 unseres Grundgesetzes – jeder soll seine Meinung frei äußern dürfen! Und sei’s, der Herr verzeihe mir, der würgendste, gottfernste, von allen guten Geistern verlassene absolute Scheißdreck! Er mag und darf sich äußern! Nicht umsonst heißt es bei Geistesfürst Schiller: „Sire, geben Sie Gedankenlosigkeitsfreiheit!“ Dieses Recht auf unbeschränkte, unzensierte Dämlichkeitsäußerung gilt, das muß man als Verfassungspatriot nun mal aushalten, auch für geistig unzweifelhaft „fast völlig“ verwahrloste, verzweifelt gegen ihre zehrende Bedeutungslosigkeit ankrähende Publicity-Nutten und postklimakteriellen Hysterikerinnen vom medialen Straßenstrich der Aufmerksamkeits-Junkies und abgehalfterten C-Promis, die ihre umfassend nekröse Hirnzerrüttung und persönlichkeitsverheerende Hormonkatastrophe zu Markte tragen, weil ihnen selbst allgemeine und einhellige Verachtung lieber ist als gar keine Aufmerksamkeit. – Ich muß wegen dieser indenzenten, unappetitlichen Metapher um Entschuldigung bitten: Auch blondschillernd-fette Mast-Schmeißfliegen sind zwar unbedeutend und der Rede nicht wert, gewiß, und dennoch bieten sie, wenn sie in die Leichname gerade Verstorbener Eier legen und ihre Maden wachsen lassen, einen ekelerregenden Anblick. Ich weiß auch nicht, aber bei manchen Mitgeschöpfen kommt mir immer des grandiosen François Villons „Großes Testament“ in den Sinn und der Vers (am besten von Klaus Kinski gesprochen!): „Man schlage diesem Lumpenpack / das Maul / mit schweren Eisenhämmern / kurz und klein“.

Keine Sorge, dies ist natürlich kein Aufruf eines unbelehrbaren Achtundsechzigers zur Gewalt gegen Personen. Ich möchte nicht ernsthaft, dass man Frau Hermann schwere Gegenstände in die erzdumm aufgehübschte, sorgfältig restaurierte Botox-Schnute wirft! Um Gottes Willen! Ich wollte nur zu Protokoll geben und ganz im Allgemeinen zum Ausdruck bringen, dass mir, im Zweifelsfall, der unverstellt narzisstische Selbstgenuß eines „fast völlig nackten“ jungen Loveparade-Mädels in Trance weitaus angenehmer anzuschauen scheint als die schamlose, abgeschmackte widerwärtige, reaktionäre Denunziation jeder ausgelassenen jugendlichen Sinnen-Freude aus dem Plappermaul eine alt gewordenen Hure, die, vom Verschwinden der Freier beunruhigt, plötzlich auf Nonne macht. Kleopatra badete in Eselsmilch und Männer-Sperma; andere MILFS bevorzugen halt Krokodilstränen-Bäder und fromme Friktionen im Unterleibsbereich des Bewußtseins. Wem schon Spanische Fliege, Eigenurin und Spargelextrakt nicht halfen, der versuche es halt mit Jugend-Neid, Ressentiment und hormonell bedingter Unterleibsverbitterung!

Ich übernehme jedenfallls die „fast völlige“ Verantwortung für alles: Daß unbedarfte RanschmeißerInnen und erbarmungswürdig aufmerksamsnotgeile, skrupellose Mikrophon-Fellatricen ihren unsäglichen Senf zu allem und jedem beigeben dürfen und die Öffentlichkeit selbst das noch rezipiert, ist, fürchte ich, auch ein „Ergebnis der Achtundsechziger“! Daß die Medien, stets bitter angewiesen auf eine neue Sau, die man durchs Dorf treiben kann, zur Not und im Sommerloch auch der Logorrhöe einer Schwatztruhe von Ex-Fernseh-Ansagerin verfallen resp. Aufmerksamkeit schenken, ist strukturell bedingt und unvermeidlich. Wäre ich selber freilich so eine Gossen-Hure, ich wäre mir des göttlichen Beistandes nicht so sicher. Gott kann, wie die Ereignisse zeigen, ähnlich wie der Teufel, ziemlich unberechenbar sein. Auch dümmstes Geschwätz bleibt nicht immer ungestraft. Gottlob bin ich nicht gottesfürchtig – aber wer es ist, und sei es als PR-Marotte, der zittere besser.

Mich trifft der Blitz eher nicht; ich bin flink zurückgetreten.

Sudden death / over and out

26. Juli 2010

The day after – Aufräumen in der Todesfalle (Foto: apn)

Ganz plötzlich, als wollte das Wetter auch noch seinen Kommentar abgeben, ist es grau und kühl geworden in der Stadt, die sich, wie ein Kind, das man beim verbotenen Spiel ertappt hat, eilends wieder abgeschminkt. Die Stimmungskanonen schweigen, die Spass-Schlacht ist vorbei, das Wort hat die Staatsanwaltschaft. Ein müder, gleichgültiger Regen spült die Spuren des Horrors davon. Wenige versprengte TV-Journalisten stehen noch pflichtgemäß „vor Ort“ herum und stochern lustlos im Geröll ihrer leeren Worthülsen. Daß es nichts zu sagen gibt, ist natürlich keine echte Nachricht. Das Leben tut derweil, was es notgedrungen immer macht, es geht weiter und wälzt seine Lawine aus Dummheit, Schmerz, Trivialität und dem üblichen Ereignisschrott vor sich her. „Man kann nicht weitermachen…“, sagt Samuel Becket, „… man muß weitermachen. Man kann nicht weitermachen.“

Der übliche, von Selbstgerechtigkeit nie freie Volkszorn gegen „die da oben“ tobt sich, nachdem er gestern noch gegen OB Sauerland, der am Unglücksort Blumen niederlegte, tätlich wurde, nunmehr vorwiegend im Netz aus. Es herrscht, sei es aus Ohnmacht, sei es auch aus abgründiger Lust auf Rache, ein bisschen brenzlige Lynch-Stimmung. Man will Köpfe rollen sehen, rituelle Bußgesten, Rücktritte. Würden allerdings alle zurücktreten, die das eigentlich müssten, gäbe es nach hinten heraus schon wieder Stau und Massenpanik. – Ich spüre die dumpfe Wut auch in mir selbst, obwohl ich gut weiß, dass „rollende Köpfe“ lediglich eine theatralische Beschwichtungsmaßnahme fürs vergessliche Publikum darstellen. Solche Bußgesten sind nicht weniger hohl und albern als das hilflos-mechanische Gerede von „Tragik“ und „Tragödie“.

Die Toten von Duisburg sind das Resultat eines Systems, eines unüberschaubar komplexen strukturellen Geflechts von Instanzen, Behörden, Parteien, Medien, Unternehmen, von ökonomischen und Marketing-Interessen, von kommunaler Geldnot und opportunistischer Durchstecherei, überprofessionalisiertem Expertentum und demokratiebedingten Dilettantismus, von Bürokratismus, systemimmanentem Erfolgszwang, politischer Strategie und korruptem Kompromißlertum. Ein System, in dem die meisten Akteure Mittäter und zugleich auch Opfer sind – Opfer politischen Drucks, ökonomischer Erfolgspflicht und, gewiß, auch persönlicher Geltungssucht und narzisstischer Selbstüberschätzung. Die bockigen, verängstigten Funktionärs-Individuen, die man jetzt widerstrebend ins Blitzlicht der Pressekonferenzen zerrt, wissen nicht recht, wie ihnen geschieht: Sie haben doch nur ihren Job gemacht! Und vermutlich stimmt das sogar.

Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist ein jovialer, weicher, empfindsamer Mann aus der Region. Die natürliche Arroganz eines intellektuellen Überfliegers geht ihm genauso ab wie wohl auch der von Berufspolitikern entwickelte undurchdringliche Panzer aus Zynismus und Abgebrühtheit. Er spricht mit zittriger, brüchiger Stimme, hörbar gequält, mühsam nach Worten suchend. Er ist ein gebrochener Mann. Sein Rücktritt wird eine Frage der Zeit sein. Wird damit irgendetwas gewonnen werden? Altkatholische Bußrituale („mea culpa, mea maxima culpa“) ändern nichts an den Strukturen, und nichts am angeblich unverzichtbaren Motor unserer Gesellschaft – der Profitgier; im Gegenteil, die Rituale gehören zum  System dazu.

Mir persönlich, aber das mag am Alter liegen, war, von der Musik mal ganz abgesehen, die obsessive Megalomanie, der narzisstische Körperkult und die aufgesetzte Party-Orgiastik der Loveparade immer etwas unheimlich – aber zweifellos ist sie, gerade in ihrer Kommerzialisierung, ihrer karnevalesken Ekstatik und ihrer drogengestützten Exaltiertheit ein stimmiger Ausdruck unserer Zeit. Zu den ganz wenigen Privilegien älterer Jugendlicher (Ü50) gehört, diese Zeit nicht mögen zu müssen.

Der Tod ist nie tragisch – oder er ist es immer und zu jeder Zeit. Wir entgehen ihm nicht, so laut wir die Musik auch aufdrehen, so viel wir auch tanzen, trinken und gegen ihn angrölen. Irgendwann muß jeder von uns die Party verlassen. Daß das Ende für elf junge Frauen und acht Männer so brutal früh und so plötzlich kam, zerreißt uns das Herz.  Wir trauern dabei auch über uns selbst: Die Zerbrechlichkeit und Hinfälligkeit unseres Lebens wurde uns einmal wieder drastisch vor Augen geführt. Die Loveparade, so konnte man an ihrer Inszenierung in den Medien (EinsLive) fasziniert beobachten, lebte vom frenetischen Jubel über sich selbst, die eigene Jugend, Schönheit, sexuelle Potenz und subjektive Unsterblichkeit. Orgiastische Party-Exzesse gehören zu unseren kulturstiftenden Ventilen: Wir hielten es sonst wohl nicht aus. – Ich glaube nicht, dass solche Veranstaltungen künftig nicht mehr stattfinden. Ich glaube auch nicht, dass wir etwas lernen. „Man kann nicht weitermachen. Man muß weitermachen…“

Selbstbeweihräucherung, sozialverträglich

11. Februar 2010

Fürs Ego unerläßlich: Weihrauch

Eine der wenigen befriedigenden, zicken-freien Zwischenmensch-Beziehungen, die nicht in Kummer-Blues und fies verdüsterter Seelen-Verkaterung zu enden drohen: Selbstverknalltheit! Ich empfehle das! Mit sich selbst hat man totsicher eine lebenslange Affäre. Gut, zwar hab ich mich auch schon mal selbst betrogen, aber – bislang bin ich jedesmal reumütig zu mir zurückgekehrt! Mit mir raufe ich mich immer wieder zusammen, denn ich bin ja ein Typ, mit dem man Pferde stehlen kann! Ich (297) bin dufte, knorke & hip: außerdem Nichtr., schlk., tol.,  unkomplz., sportl., humorv. und Akadem.!

Mich mag ich nicht nur um meines Körpers willen, und auch nicht bloß des Geldes wegen! Ich find mich einfach supergut, hach! – „so, wie ich bin“! Um es rundheraus zu sagen: Ich bin wohl im Grunde meine große Liebe! Die Liebe meines Lebens! Keiner versteht mich so gut, keiner kennt meine verborgenen Qualitäten besser und keiner weiß, wie witzig, klug, na ja, seien wir ehrlich: im Grunde genial ich eigentlich bin – niemand leider, außer mir selbst! Nee, ich glaube, jetzt mal im Ernst, ich bin schon ein klasse Typ! Ein Unikat, ein Schnäppchen, ein Sahneteil…

„…Na“, denkt das Publikum allmählich stark verschnupft, „da ist aber mal einer schwer auf dem Selbstbeweihräucherungstrip! Was für ein eminent unerträglicher Blödmann! Das ist ja nicht auszuhalten!“ Tatsächlich nerven ja Zeitgenossen, die unentwegt von sich selber sprechen und einem erzählen, was für unfassbar aufregende Ausnahmeerscheinungen sie darstellen, immens, oder? Sie wirken immer so beklemmend bedürftig, diese Leute, die einem andauernd aggressiv ihr leeres Mützchen entgegenstrecken, damit man ihnen lauter pure Anerkennung oder atemlose Bewunderung hineintut; Anerkennungsbettler berühren unangenehm, schon weil man – unverdientermaßen auch nicht gerade in Ruhm und allgemeinem Applaus gebadet! – selbst gern mal das eigene Ego in der Sonne spazieren führen würde.

Ich persönlich praktiziere eine Form von Selbstbeweihräucherung, die ich für weitgehend sozialverträglich halte; Besucher schnuppern zwar manchmal ein wenig nervös in meinem sorgfältig stilisierten Privat-Ambiente meiner Teilzeitmönchsklause herum und meinen, gewisse Spurenelemente von Eso-Qualm, Hippietum und Baghwan-Zauber zu erschnüffeln, aber als pensionierter Ex-Punk-Rocker der härtesten Sorte bin ich hippiesk spinnerter Verweichlichungen unverdächtig; und dem vorbeischneienden Kriminalhauptkomissar-Schnüffler erkläre ich milde: Oooh, nein! Diese kristallinen Bröckchen sind weder Crack noch Crystal Meth! – es handelt sich bei diesen exotisch-berauschenden Odeurs lediglich um strunz-legalen … – Weihrauch, und den brauche ich, wenn ich meditiere und meine Übungen mit Schwert, Bogen, Zwille, Dolch oder Teebeutel absolviere. Ich bin bekanntlich Hobby-Asiate! Weihrauch reinigt, stärkt, bügelt und faltet das vom Alltag geschundene Ego wieder auf Kante, es verleiht Ruhe und Gelassenheit, stärkt die spirituellen Kräfte (Ki, Chi, Qui oder wie), und zwar  gerade an Tagen, an denen einem mal wieder alles tierisch auf den Sack geht!

Weihrauch kennt, verehrt und benutzt man seit der ur-ersten Alt-Antike. Seit Duft, zeitlos, erhaben und fremdartig, erinnert dich daran, daß du weder der erste noch der letzte Mensch bist. Weihrauch ist, was schon Jehova als Deo benutzte oder auch Buddha und seine Leute, und so weiter. Weihrauch verhält sich ein bißchen zu Gott, wie Veilchen-Parfum zu meiner Oma: Die ihn trugen, sind schon lange tot, aber ein Hauch ist in den Zimmern geblieben, in denen sie dereinst gewohnt haben sollen…

Wenn man nicht gerade das Jesus-Kindlein im Stall zu Bethlehem ist und daher Weihrauch, Myrrhe & Co. vom Lieferdienst der DREI Hl. KÖNIGE nicht frei Haus geliefert bekommt, erhebt sich die Frage: Wo krieg ich denn dieses überaus kostbare Zeugs (das getrocknete Harz des Weihrauchbaums Boswellia) her? Ich bin doch nicht katholisch, außerdem fast nie in Somalia, in Oman, oder gar in Indien? Und kann man das überhaupt bezahlen? Ja, kann man, und dank Globalisierung und Internet bekommt man – was früher Glücksache war und der Job jahrelang unterwegs seiender Kamelkarawanen! – , heute innert drei Tagen  cool geliefert, zuverlässig, aromaschutzverpackt, preiswert und in reichhaltiger Auswahl!

Wer spirituelle Aufrüstung gern durch die Nase zieht, dem empfehle ich, den liberianischen Koks-Dealer mal für eine Weile zu meiden und dafür die legale, seriöse, zuverlässige Firma „Anandam“ zu nutzen. – Auch für atheistsche Historiker geeignet: Wenn ihr mal wissen wollt, wie es in Nomadenvater Moses’ Ziegenfellzelt roch, auf Noahs Arche, oder bei Familie Gautama-Buddha daheim: Anandam hat für euch die passenden Räucherwerke. Gönnt euch das! Legt eine Platte auf, von Leonard Cohen, Nusrat Fateh Ali Khan oder mit Bollywood-Schlagern, lasst euch selbst beweihräuchern und träumt von großen Dingen! Badet den Orient! Schaumbad für die Seele: Weihrauch!

Macht das Scheinwerferlicht aus!

13. Mai 2009
Scheinwerferlicht

Beliebteste Droge: Scheinwerferlicht

…DIE IM DUNKLEN SIEHT MAN NICHT

Unser Land ist 60 Jahre alt geworden, aber kein bißchen weise, wie es im Lied des volkstümlichen, äh, Curd Jürgens, glaub ich, dereinst hieß, – denn es befindet sich mit zunehmender Rastlosigkeit auf der Suche! Ständig sucht ja Deutschland irgendwas: Alljährlich mindestens einen Superstar, ein mager-tüchtiges Top-Moppel, eine komplette Mädchen-Pop-Band, einen Wett- oder Quiz-König, einen Küchen-Meister oder wenigstens einen „Meister der Herzen“. Kaum hat man jemanden gefunden, startet die Suche schon wieder aufs neue. Es geht zu wie früher vor der Boxbude: Die Welt ist ein Rummelplatz!

Als älterer Herr genieße ich das Vorrecht bzw. habe ich den Auftrag, mir diesbezüglich um die sog. Jugendverderbnis Sorgen zu machen. Bzw. deren pädagogische Verhinderung. Die Jugend hockt vor dem Fernseher und missversteht! Unter ihr macht sich eine Art soziopathische Heliotropie breit: Die Überzeugung nämlich, man könne persönlich und ontogenetisch (notfalls nachschlagen das Wort! Wikipedia!) nicht blühen ohne Scheinwerferlicht, und man brauche zum individuellen Gedeihen unabdingbar die neidisch-verzückten Anhimmelungsblicke zahlloser Fans, Anhänger, Bewunderer und Nacheiferer. „Denn die einen sind im Dunkeln
/ Und die andern sind im Licht. / Und man siehet die im Lichte
/ Die im Dunkeln sieht man nicht“, heißt es bei Bertolt Brecht. Mag sein, aber warum glaubt heute jeder, er existiere gar nicht wirklich, wenn er nicht, massenmedial vermittelt, von einem Maximum staunender Mitbürger gesehen und gehört wird? Warum möchte heute jeder ein Konsum-, ja ein Wegwerfartikel werden, und keiner mehr ein menschenwürdiger Mensch? Warum unternimmt man ohne Applaus heute nichts mehr? Früher sang man solo unter der Dusche, heute ist keiner mehr zufrieden, wenn nicht Millionen mitklatschen! Genügte es einer jungen Dame oder einem ansehnlichen Backfisch einst, Ballkönigin beim Abschlussball der Tanzschule Drewermann zu werden, so muß heute jeder einigermaßen gerade gewachsene Teenager in Dessous über New Yorker Catwalks staksen und dämonisch-mondäne Vamp-Blicke ins Publikum werfen!

Tausende junger Menschen sehen es mittlerweile als Erfüllung eines Lebenstraumes an, sich im Fernsehen von eigens dazu geschulten approbierten Schindern oder Schindludern (Heidi Klump) quälen, schikanieren, demütigen und zum Affen machen zu lassen, um dann, mit ein paar Trostpreisen abgespeist, unter dem Hohn eben derselben Medien, wieder in die Bedeutungslosigkeit entlassen zu werden. Die meisten erleiden dabei ein seelisches Trauma vulgo einen sog. Dachschaden, der möglicherweise auch auf eine schon bestehende Vorschädigung zurückgeführt werden kann! Alle wollen Superstar werden, kaum noch einer Dachdeckerlehrling, Beleuchtungsassistent oder Kundenbetreuerin. Wenn ihr aber den letzten Volldeppen zum Superstar und die letzte Kosmetik-Tusse zum Spitzen-Model gemacht habt, werdet ihr merken, daß die Spitze wieder zur Basis geworden ist, und keiner hat was gewonnen! Und dann? Dann kommt die Alterspyramide, der Rentnerberg, die Dschungel-Camps, und schließlich werden sich die Seniorenheime füllen mit gewesenen Mannequins, singenden Nervensägen und ehemals mal im Fernsehn Gewesenen!

Hört zu! Die einzige Chance, heute exklusiv, elitär und exzentrisch zu sein, besteht in der konsequenten Ablehnung jeder Auffälligkeit! Euer Wappentier, Elite, sei…  die graue Maus! Der unterirdisch tätige Nacktmull! Die Steinlaus! In Sonderheit aber, wo Scheinwerfer auftauchen und Kameras – Nichts! Wie! Weg! Irgendwo in so ’nem Regenwald gibt es bestimmt noch einen Stamm von Naturburschen, die glauben, der Weiße Mann mit seinem dritten Auge nähme einem die Seele weg per Foto und Film. Diese wunderlichen Menschen haben nämlich genau Recht! Wer von den ganzen Supersuper-Säcken hat denn noch Seele? Die meisten haben nicht mal Herz, von Hirn ganz zu schweigen. Der einzige, der vielleicht Seele hat, ist Helge Schneider. Aber hat der sich je dem „Urteil“ eines Heidi Klump oder einer Dieter Bohlen gestellt? Wohl kaum. Also Schluß mit diesem ganzen medien-darwinistischen Auslese- und Konkurrenzmist! Keine Sängerwettstreite mehr! Weg mit den „sexy“ stöckelnden Schmoll-Schnuten! Ein lebender Kleiderbügel zu werden, Mädels, das ist kein Traumberuf, das ist Krampf und Gewürge, und am Schluß endet man wie Heid Klump, als heimlich alterndes Medien-Geschnepf.

Zum Thema und als Dessert ein Löffelchen von der Weisheit des Tao-Mönchs Yoshida Kenkô:

Wenn man die anderen übertreffen will, so möge man lernen und es ihnen dann an Wissen zuvortun. Und falls man mich fragte, warum man denn lernen solle, so würde ich antworten: um zu erkennen, daß man sich seiner Vorzüge nicht rühmen und mit anderen nicht wettstreiten darf. Nur die Kraft, die das Lernen verleiht, befähigt dann, hohe Ämter aufzugeben und seine Habe zu verschenken.“

Das nenne ich vornehm gesprochen!

PS: Übrigens habe ich bei meiner Bilder-Suche versehentlich das Suchwort „Schweinwerferlicht“ eingetippt: Kaum zu glauben, aber auch dazu gibt es jede Menge Sucherergebnisse!

Tao des schönen Sterbens

23. April 2009
christoph-schlingensief21

Christoph Schlingensief, öffentlich krank

ES MAG VERSTÄNDICH SEIN, ABER IST ES AUCH … SCHÖN?

Heikles Thema heute! Vorab: Ich mag Christoph Schlingensief. Der sympathische Wirrkopf mit dem adrett verwuschelten Schopf und den blanken, lebensvollen Augen, der seine Karriere als Aufnahmeleiter bei der „Lindenstraße“ begann, hatte immer eine so charmante Art, einem auf dem Senkel zu gehen! Auch für den größten Quatsch („Deutsches Kettensägen Massaker“, „Tötet Helmut Kohl“) konnte man ihm nicht böse sein, weil sein ganzes vorlautes theatralisches Getue, Gewürge und Gefrickel immer mal wieder auch überraschend Sinn machte. Außerdem ist er Oberhausener, also praktisch ein Junge aus der Nachbarschaft. Katholisch zwar, aber auf angemessen verquälte, verschwurbelte und mit Gott hadernde Art.  Theater-Leute haben ja oft Sinn fürs Katholische, wg. der visuellen Unterhaltungswerte. [Es mag ein reichlich schlechtes Licht auf mich selbst werfen, wenn ich bekenne: Ich persönlich fands auch gut an ihm, daß ein unangepaßter, schräger Intellektuellenvogel ausnahmsweise mal nicht schwul war…] Außerdem hat er eine unsentimentale, denkwürdige Theater-Arbeit mit Behinderten und Kranken gemacht, ohne diese für seine eigene Reputation auszubeuten. Also weder Zyniker noch affiger Gutmensch: Gar nicht so einfach, sich da hindurchzulavieren! Kurzum: Nervig manchmal, okay, aber unterm Strich für mich sicher einer von den Guten!

Aber nun zum Aber. Schlingensief (47) ist krank, todkrank. Lungenkrebs. Ein Lungenflügel wurde schon entfernt, im anderen gibts Metastasen. Gut möglich, daß Christoph Schlingensief bald stirbt. Nach schwerer OP und Chemo sieht er schon ziemlich scheiße aus, er ist bleich, hat tiefliegende brennende Augen und er weint viel – und zwar häufig und gern vor laufenden Kameras. Der habituelle Selbst-Inszenierer hat es für gut befunden, seine höchst privaten Schmerzen, seine Ängste, seine Verzweiflung und sein Elend vollrohr öffentlich auf alle erreichbaren Bühnen (TV, Print-Medien, Buch) zu kotzen. Schonungslos, ungefiltert, nicht ohne Larmoyanz und Peinlichkeit. Was mich ärgert: Meine Neugier ist noch immer größer als meine Geschmackserziehung zuläßt: Ich habe Christoph Schlingensiefs gestern erschienenes Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ gekauft und gelesen – und ich bin unangenehm berührt.

Natürlich möchte ich niemandem vorschreiben, noch nicht einmal bewerten, wie sich jemand zu Krankheit und Tod stellt, wenn er selbst davon betroffen ist. Nach meinem Eindruck machen es die meisten Menschen mehr oder weniger still ab, mit sich, der Familie, ein paar Freunden, wenns hochkommt. Man zieht sich zurück aus dem Trubel und leckt seine Wunden stilvoll, wie ein kranker Wolf oder ein alter Indianer. Kaum einer, den ich je kannte, rannte, als er erkrankte, laut schreiend durch die Straßen auf den Marktplatz, um dort eine Bühne zu erklimmen, sich in der Raserei hiobsmäßiger Verzweiflung die Haare zu raufen, das Hemd zu zerreißen und mit blutiger Brust hinauf zum Himmel zu schreien: „Gott! Warum nur! Warum ich? Warum jetzt schon?“ Da ich, obwohl ein alter zauseliger Emo, der auf Beerdigungen immer als erster losflennt, dennoch ein etwas herzloses Verhältnis zum Tod habe, ist es mal gut, daß ich nicht Gott bin, – ich würde dem Schreihals und kleinen Häwwelmann nämlich kühl antworten: „Ja – was? Warum nicht du? Und wann, wenn nicht jetzt? Wann wäre es denn genehm?“

Mein Problem mit Schlingensiefs Selbstentblößungen betrifft nicht so sehr die „Tyrannei der Intimität“, also die Tatsache, daß er dem Zeitgeist entsprechend offensiv, ja brutal mit dem herumtratscht, was besser privat bliebe (ich führe auch nicht gern Wartezimmergespräche mit Senioren, die ihre mehr oder weniger fiesen Krankheiten zum Lebensinhalt machen – ich find mich selbst schon eklig genug!), – sondern daß er es offenbar für extrem ungerecht hält, daß er todkrank ist – wo er doch noch so viel vorhatte! Er will, er will, er will! doch noch so viel: Pizza essen gehen, heiraten, Kinder zeugen, im Fiebersumpf von Kamerun ein Opernhaus bauen (echt! im Ernst! Ein Schlingensief muß doch „Spuren hinterlassen“!), nachdenken, herausfinden, wer er ist, und weiß der Teufel noch, was alles. – Ja und? Wessen Problem ist das? Ohne wen hat er denn da seine Rechnungen und Pläne gemacht? Wenn Orientalen muselmanischer Richtung persönliche Zukunftspläne, und sei es nur ein Wirtshausbesuch am nächsten Tag, verabreden, flechten sie immer ein: Inşallah! Was so viel heißt wie: Falls mir nicht Gottes Hand dazwischen funkt und mich arme Eintagsfliege vorher auf die Tischplattte klatscht. Damit ist, Gottesglaube hin oder her, nämlich allezeit und immer zu rechnen, da wir, und zwar wir alle, eben ausnahmslos sterblich sind. Und ziemlich empfindlich. Wir gehen halt leicht kaputt. Auch wir ganz besonderen Menschen, wir Künstler, Gelehrte, Schönheiten und Daseins-Adlige, auch wir Ausnahmebegabungen, Genies und Unverzichtbare … selbst wir, ohne die die Welt kaum noch Grund hat, sich weiterzudrehen, werden sterben, und zwar, wie man so sagt: früher oder später.

Der Tod ist in unserer Geselschaft nahezu das einzige, was gerecht verteilt ist: Er ereilt jeden, und die meisten zur Unzeit. Aber was heißt das, Unzeit? Wer will das beurteilen? Wann ist es genug? Schließlich gibt es auch Menschen, die die Zeit zum Sterben versäumten: Nietzsche, der stolze Verherrlicher der Gesundheit und Souveränität, starb nach elenden, demütigenden Jahren als dementer Pflegefall. Walter Jens, der einst so brilliante, intellektuelle Rhetoriker ist jetzt das, was er auf keinen Fall werden wollte: ein in Windeln liegender, hilfloser greiser Alzheimer-Patient ohne Verstand. 

Die alten Griechen priesen diejenigen glücklich, die im Vollbesitz ihrer Kräfte, in Schönheit und mitten im Kampf aus dem Leben gerissen wurden. So dumm war das nicht. Weder Dummheit noch Fanatismus kann man auch den stillen Betrachtungen nachsagen, die der ehrwürdige Mönch Yoshida Kenkô dem Thema widmete:

„Wie die Ameisen scharen sie sich zusammen, eilen nach Ost und West, laufen nach Nord und Süd. Menschen von hohem und niederen Stande, Alte und Junge haben ein Ziel und haben ein Haus, in das sie heimkehren; abends gehen sie schlafen, und am Morgen stehen sie auf. Aber was treiben sie denn? Sie sehnen sich nach einem langen Leben, und sie streben unaufhörlich nach Gewinn. Welches Glück erwarten sie denn, während sie sich so plagen? Nichts als Alter und Tod stehen ihnen bevor, und sie kommen schnell, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern. Worüber freuen sie sich etwa, während sie auf Alter und Tod warten? (…) Dumme Leute jammern über Alter und Tod. Sie möchten, daß alles ewig währe, und sie wissen nichts von dem Gesetz der Hinfälligkeit alles Irdischen.“ [Yoshida Kenkô, „Betrachtungen aus der Stille„]

Man kann etwas lernen – ohne sich moralisch über andere erheben zu wollen. Ich tadele Schlingensief nicht. Wir überaus Mitteilungsbedürftige und Ausdruckssüchtige sind alle ein klein wenig narzißtisch gestört. Schlingensief, seit 25 Jahren daran gewöhnt, um sich und seine diversen Drolligkeiten maximalen Medien-Wind zu machen, Provokationen zu säen und öffentiche Aufmerksamkeit zu ernten, mit extra viel Theaterdonner irgendwelches Gekasper und post-Beuys’sches Sozialgemache anzuzetteln; gewöhnt auch daran, 24 Stunden am Tag auf erleuchteten Bühnen, vor laufenden Kameras und offenen Mikrophonen zu leben; begierig danach, den eigenen Namen täglich landauf landab, von Burma bis Bayreuth genannt zu hören; gesalbt, geölt und zu heiß gebadet in den Wassern massenmedialer Aufmerksamkeit – kann wohl gar nicht anders. Er will, wie Jean-Baptiste Molière, unbedingt auf offener Bühne, vor Publikum sterben. Seinen privaten Tod als Schaustück inszenieren. – Mein Gottt, soll er. Wir werden ihm den Applaus nicht verweigern, nur …

… das Tao des guten, bescheidenen Abschieds geht anders. Stiller Rückzug will rechtzeitig geübt werden. Für die Anhänger des Tao im japanischen Mittelalter war das nicht nur eine ethische, vielmehr noch eine ästhetische Frage.

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Zen-Garten: Die Welt ist auch schön, wenn wir weg sind!