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Der Mensch ist Maske

23. Januar 2011

DER MENSCH IST MASKE  (Eine Wiederholung von 2009)

Wien, Heldenplatz, Hofburg. Mördermonströses Marmoralbtrumm umstellt das Halbrund, bestürzende Altbauten, Einschüchterungsprotzitektur der XXXL-Klasse. Hier, vom Balkon aus, hat Adolf „du alte Nazisau!“ Hüttler den Zusammenschmiß von Ostmark und Doofdeutschem Reich verkündet, damit man gemeinsam mal was machen kann. Weltkrieg beispielsweise. Ö-Pöbel und germanische Hakenkreuznasen frenetisierten dazu im durchfallfarbenen Jubilage-Rausch. „Heil! Heil!“ rief das Pöblikum, aber es ging dann bekanntlich dennoch das meiste kaputt.

Etwa eine Bombenwurfweite von dieser unseligen Rassen-Terrierarier-Terrasse entfernt, im Seitenflügel der marmorsteinundeisen gewordenen Grandiositätsphantasie der Habsburger-Helden, residiert heut eine Abteilung des Museums für Völkerkunde. Hier werden Völker beurkundet, die man k.u.k.-halber schon mal ausgepresst hat, oder wenigstens flüchtig besichtigt, oder denen man gern mal an die Geldwäsche gehen würde. (Völkerkunde war eine Hilfswissenschaft des Kolonialismus; Ethnologie ist die universitäre Trauerarbeit darüber, daß es der Kolonialismus damals geschafft hat.)

Hier nun hat man heuer am Heldenplatz, an der Hofburg, auch was zusammengeschmissen, aber mit dem zeitgemäß gehobenen Feingoldgefühl demokratischer Zivilisiertheit durchwirkt und geadelt: Die Völkerkundler, das Kunstgeschichtliche und das Theatermuseum haben Ideen und Exponate beigesteuert zum Thema „Wir sind Maske“.

Den Machern kam dieser Titel wohl selbst etwas peinlich vor in seiner boulevardesken Schreifaltigkeit (“Wir sind Papst!“, „Wir sind Meister!“), weshalb man ihn lateinisch nobilitierte und untertitelte: „SVA CVIQVE PERSONA“, was sich der Lateinschüler mit„Einem jeden seine Maske“ aufs Handgelenk notiert. Ach so, gut. Henry Maske wäre ich nämlich nicht gern gewesen (andere Gesichtsklasse!).

Um diesen geht’s also nicht, aber sonst um fast alles zum Thema Maske, quer durch die Religionen, Regionen und Rituale, sowie längs durch die Kulturgeschichte von der Stein- bis zur Plastikbastelzeit; Totenmasken, Horrormasken, Schutzmasken, Vermummungsmasken, Theatermasken (von der Commedia dell’arte übers No-Theater bis zur Gegenwart), Ritualmasken, Karnevalsmasken, Bilder von Masken, Masken von Maskenbildnern, Masken aus Stein, Ton, Knochen, Wachs, Lehm, Leder oder Pappmachée, Kurioses, Furioses und Folkloristisches, Humoreskes, Phantastisches, Dämonisches, Horribles, Poetisches, Apotropäisches, Apokryphes und Apokalyptisches: ein auf fünf oder sieben Säle ausgedehnter ballo di maschera, bei dem auch der Kenner ein oder das andere Tänzchen um die Vitrinen wagt. Von der afghanischen Burka über die Renaissance-Prunkritterrüstung bis zu Darth Vaders („Kh..hchchch, Kh…chchch“) Schutzhelm fehlt nichts Wichtiges, womit Menschen mal ihre werte Identität verschleiert, verdoppelt, fragmentiert, larviert, vermummt, überhöht, dementiert oder konterkariert hätten.
Zusammengestellt und ausführlichst mit Texttafeln beklügelt wird dies, mir san in Wean!, von einer KuratorInnentruppe, die Geschmack, Bildung, Witz und Kenntnisreichtum genug besitzt, um sich nicht maskieren zu müssen. Selbst gichtkrüppelige Bewegungsapparaturen und wehe Schmerzensmänner wie mich drängt es, offenen Kindermundes hierhin und dahin zu sprunghüpfeln und ein und das anderemal auszurufen: „Schau nur! Sieh mal dies hier!“

Natürlich darf man auch weitaus Klügeres äußern: über Identität und Person, gesellschaftliche Rollenspiele, magische Maskeraden, kapitalistische Charaktermasken, die beunruhigende Lebendiggkeit der Totenmasken, über das Einschüchternde, Verführerische, Verwegene und Entgrenzende des Maskenspiels, über Erotik und Überschreitung, Dialektik und Digression der Verhüllung, usw. – Munition für solche virtuellen Virtuositäten verschafft einem der doppelbrikettschwere Katalog, der wunderwunderschöne Fotos von allen Exponaten enthält, dazu aber eben auch Deutungen, Deuteleien und Verdeutlichungen aus berufenem Ethologen-, Anthropologen und Kunsthistorikermund.

Nicht jede Austellung macht komplexe Beziehungen anschaulich. Diese tut es absolut. Wenn man sich nicht allergrößte Mühe gibt, dumm zu bleiben, kommt man hier klüger wieder heraus, als man eintrat. Ich zum Beispiel, ich könnte jetzt hier aus dem Stand einen fulminanten, frappierenden, ja, flamboyanten Vortrag „Über die tragische Dimension der verschiedenen Masken Michael Jacksons“ improvisieren, unter künstlerischen, psychologischen und ethno-athropologischen Aspekten, nur, auch wenn dies gewiß des Anlasses würdig wäre, ich werde es, keine Sorge, hier nicht tun. Ich spiele lieber den ahnungslosen Einfaltspinsel und Provinzdepperl, eine Maske, die mich nicht nur glänzend kleidet, sondern mir auch erlaubt, im Schutze dick aufgetragener Harmlosigkeit dünnhäutige Beobachtungen aller Art zu machen.

 

Ich bin ein Pionier der Gentrification, denn ich finde mein abwrackreifes Ghetto „sexy“

16. August 2009

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SPÄTSOMMERBLUES NACHTS IM VIERTEL…

Manchmal, ich weiß auch nicht, sticht mich der Hafer, dann tu ich ignoranter, als ich eigentlich bin. Nur so „aus Daffke“, wie der Berliner früher sagte. Auch ich habe schroffe Seiten. Also nenne ich Aphrodite, den Hund der Alk-Fraktion im Erdgeschoß, einen Mops. „Na?“, sage ich beispielsweise sarkastisch zu Elli, der Hausbesorgerin, „watt machsn fürn Gesicht? Hat die Alk-Fraktion ihren Mops wieder erschöpfungshalber zum Scheißen bloß in den Garten geschickt?“ Der Ton in meinem neuen Ghetto ist halt rau, aber warmherzlich, ich kann nix dafür. Und natürlich weiß ich in Wirklichkeit sehr gut, daß Aphrodite kein Mops ist, sondern eine schwarz-weiß gescheckte französische Bulldogge, mit arttypischen Fledermausohren und dem wissenden, abgründig dunklen, unendlich todtraurigen Blick eines schwarzen, baumwollpflückenden Blues-Sängers. Ich nenne sie aber solange einen Mops, bis die Alk-Fraktion aufhört, mich durch nächtliche Gesänge oder Krakeelereien zu ängstigen! Man kann sich doch, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, auch mal still betrinken!

Tja, was soll ich sonst über mein Viertel sagen? Verkehrssprache ist hier ein basales Pidgin-Turk-Deutsch. Jungmännerdialog zwischen Osman und Tolgan (gestern im Rheinpark mitgehört) geht hier in etwa so: „Oh, Alter, Bruder, Weiber ey, isch sach dir! War Tussi an Händi!“ – „Escht? Scheise, Mann. Unnn? Haddse gestreitet?“ „Nee, war’m Heuln! Schwör! Die willmisch! Die Alde steht voll auf misch!“ „Schwör? Öylemi? Escht am Heuln, Ağabey?“ „Ja, Bruder, schwör! Ferttich war die, Mann, voll datt Opfer, eh, vallahi!“ „Boah, voll Missgeburt, Mann, äy! Issie scheis Jude, oder was?“ „Näh, die is auch Duisburger!“ „Abba Madonna is Jude, und, ey, die Alte da, in dem Film, wie heiß noch, Halle Berry…“

Thema der Woche bei der allabendlichen Hausgemeinschaftsbesprechung war, neben dem Dauerbrenner, daß die Alk-Fraktion immer das Treppenhaus versaut, das alljährliche Fest der Stadtwerke hier im Viertel, an diesem Wochenende. Wie früher die römischen Kaiser mit ihrem Zirkus, spendiert man fürs Volk Belustigungen. Hausbesorgerin Ellis Ehemann Pitti hat sichs schriftlich geben lassen und säuberlich aus dem Anzeigenblättchen ausgeschnitten: Costa Cordalis kommt! Und Olaf Hennig! Nach dieser Nachricht muß Pitti erstmal zur Bude, Frischbier holen, was mir Gelegenheit gibt, mich unauffällig zu erkundigen, wer die genannten Gaststars denn seien und welcher Lebensleistung sich ihr Ruhm verdanke. (Es handelt sich um einen ur- und einen mittelalten Schlagerheini mit Appeal zum Schlichtpublikum!) „Aber auch Sweet!“ trumpft Anneliese, der 60er-Spätlese-Teenager aus dem Nachbarhaus auf, „Sweet kommt auch! Die aus den 70ern! Fox on the run und so! Damdam dadada-damdam!“ Das Stadtwerkefest heißt übrigens „Energiespaßtage“, und ich bin ganz froh, nicht der herzlose Diktator von Deutschland zu sein, weil ich dann bestimmt zur Abschreckung ein paar Werbefuzzis für ihre scheiß Wortspiele ins Arbeitslager schicken würde.

Das friedliche Zusammenleben der Ethnien und Nationen wird bei uns nicht zuletzt durch sorgfältig getaktete Zeitkorridore geregelt. Alle haben ihre Zeit, die bulgarischen Menschen- und die serbischen Waffenhändler, die breit watschelnden, schnatternden anatolischen Kopftuchmuttis, die pakistanischen oder srilankesischen Krickett-Spieler, die verkniffenen altdeutschen Blockwarte, die beinharten russischen Putin-Doppelgänger und BMW-Kabrio fahrenden Bodybuilder vom Großpuff. An einem warmen Spätsommerabend wie gestern gehört seltsamerweise das Viertel ab 22.00 Uhr dem schwarzen Mann. Ich muß das leider so pauschal sagen, denn von außen sieht man ja nicht, ob einer jetzt Afro-Deutscher, Afroamerikaner oder Originalneger aus Mother Africa ist. Das hat mit Rassismus nichts zu tun! Ich kann von weitem sehen, ob einer Pole, Ukrainer, Kroate oder Slowenier ist, aber Hutu, Tutsi, Bantu oder Xhosa kann ich kaum unterscheiden! Ist hier aber auch nicht wichtig, nehm ich an.

Auf meiner Spätpatrouille entdecke ich vor „Gino’s Nachtcafé-Bistro“ die dicke Mandy, die, glaub ich, in Wirklichkeit Magdalena heißt und aus Kiew stammt. Es heißt, sie habe Architektur studiert oder Pharmazie. Auf jeden Fall macht ihr in Sachen Superblondheit keiner was vor. Ihr himmlisch weißbrotfarben schimmerndes Dekolletée erleuchtet die Straße wie ein dreidimensionaler Doppel(fast)vollmond; sie verhandelt auf der Straße mit zwei bejammernswert dürren, langen Schwarzen, und es sieht aus, als käme man ins Geschäft. Überhaupt kapier ich Naivling allmählich, daß die nachts überall an den Ecken herumstehenden, oft überraschend hübschen Mädchen gar nicht auf den Bus warten. Ich hab mich schon gewundert, weil hier nämlich gar keiner fährt!

Am Brückenplatz, der tagsüber der internationalen Alk-Fraktion gehört, sind in der Nacht alle Männer schwarz. Es müssen Afrikaner sein, denn sie frönen überwiegend ihrer, wie es aussieht, in der Fremde einzig kultivierten Obsession: Nach Hause telefonieren! „Hello?! Helloo?! Can you hear me?“ schallt es aus Rostlauben, Billigkneipen und Telefonierkabinen. Yes, we can! Die Dorfgemeinschaft daheim will schließlich informiert werden, was im deutschen Paradies so läuft. Ob man auch von Mandy erzählen wird?

Am Brückenplatz befindet sich die m. W. einzige Trinkhalle (für Nicht-Ruhris: Das ist ein Kiosk für Trinker- und Raucherbedarf mit extrem dehnbaren Öffnungszeiten) Duisburgs, die, ausweislich einer Reklameinschrift, auch jederzeit Zahngold und Unterhaltungselektronik ankauft.

Den südlichen Teil des Platzes beherrscht die bei mir hochrespektierte Duisburger Bäckereikette Bolten, die hier einen Brötchenladen mit angeschlossenem Café betreibt. Bolten ist gut: Deren Baguette z. B. kann ich warm empfehlen! Warm schmeckts jedenfalls am besten. Im Café sitzt die Bevölkerung der Postmoderne. Kaftan-Islamisten geben hier ihre zwei, drei Burkassen zur Aufbewahrung ab, wenn sie Koranlesen gehen; blasse, dünne Frauen aus Osteuropa ruhen sich hier aus, die all night long vergeblich auf den Bus gewartet haben; Herren aus aller Männer Ländern buchstabieren stirnrunzelnd ihre Zeitung, und manchmal trifft man auch mich hier, über esoterische Fragen nachgrübelnd, wie die, warum Konditoreimädel oft wirklich wahnsinnig und kinofilmreif süß sind, Fleischereifachverkäuferinnen hingegen überdurchschnittlich oft einen Hang zum Wurstigen und Grobfleischernen zeigen. Bei Bolten im Café sitzend und das Treiben im Viertel betrachtend, hat man die Wahl: Wahnsinnig werden, Amok laufen, oder still, bescheiden und konzentriert einer milden, wohlwollenden Melancholie verfallen.

Vielleicht bring ich Aphrodite mal ein Zipfelchen Wurst mit?

Dick aufgetragene Dünnhäutigkeit (Masken-Kraska)

5. Juli 2009

ghirlandaio_maske_florenzSVA CVIQVE PERSONA

Wien, Heldenplatz. Mördermonströses Marmoralbtrumm umstellt das Halbrund, bestürzende Altbauten, Einschüchterungsprotzitektur der XXXL-Klasse. Hier, vom Balkon aus, hat Adolf „du alte Nazisau!“ Hüttler  den Zusammenschmiß von Ostmark und Doofdeutschem Reich verkündet, damit man gemeinsam mal was machen kann. Weltkrieg beispielsweise. Ö-Pöbel und germanische Hakenkreuznasen frenetisierten dazu im durchfallfarbenen Jubilage-Rausch. „Heil! Heil!“ rief das Pöblikum, aber es ging dann bekanntlich dennoch das meiste kaputt.

Etwa eine Bombenwurfweite von dieser unseligen Rassen-Terrierarier-Terrasse entfernt, im Seitenflügel der marmorsteinundeisen gewordenen Grandiositätsphantasie der Habsburger-Helden, residiert heut eine Abteilung des Museums für Völkerkunde. Hier werden Völker beurkundet, die man k.u.k.-halber schon mal ausgepresst hat, oder wenigstens flüchtig besichtigt, oder denen man gern mal an die Geldwäsche gehen würde. (Völkerkunde war eine Hilfswissenschaft des Kolonialismus; Ethnologie ist die universitäre Trauerarbeit darüber, daß es der Kolonialismus damals geschafft hat.)

Hier nun hat man heuer am Heldenplatz auch was zusammengeschmissen, aber mit dem zeitgemäß gehobenen Feingoldgefühl demokratischer Zivilisiertheit durchwirkt und geadelt: Die Völkerkundler, das Kunstgeschichtliche und das Theatermuseum haben Ideen und Exponate beigesteuert zum Thema „Wir sind Maske“.

Den Machern kam dieser Titel wohl selbst etwas peinlich vor in seiner boulevardesken Schreifaltigkeit (“Wir sind Papst!“, „Wir sind Meister!“), weshalb man ihn lateinisch nobilitierte und untertitelte: „SVA CVIQVE PERSONA“, was sich der Lateinschüler mit „Einem jeden seine Maske“ aufs Handgelenk notiert. Ach so, gut. Henry Maske wäre ich nämlich nicht gern gewesen (andere Gesichtsklasse!). Um diesen geht’s also nicht, aber sonst um fast alles zum Thema Maske, quer durch die Religionen, Regionen und Rituale, sowie längs durch die Kulturgeschichte von der Stein- bis zur Plastikbastelzeit; Totenmasken, Horrormasken, Schutzmasken, Vermummungsmasken, Theatermasken (von der Commedia dell’arte übers No-Theater bis zur Gegenwart), Ritualmasken, Karnevalsmasken, Bilder von Masken, Masken von Maskenbildnern, Masken aus Stein, Ton, Knochen, Wachs, Lehm, Leder oder Pappmachée, Kurioses, Furioses und Folkloristisches, Humoreskes, Phantastisches, Dämonisches, Horribles, Poetisches, Apotropäisches, Apokryphes und Apokalyptisches:  ein auf fünf oder sieben Säle ausgedehnter ballo di maschera, bei dem auch der Kenner ein oder das andere Tänzchen um die Vitrinen wagt. Von der afghanischen Burka über die Renaissance-Prunkritterrüstung bis zu Darth Vaders („Kh..hchchch, Kh…chchch“) Schutzhelm fehlt nichts Wichtiges, womit Menschen mal ihre werte Identität verschleiert, verdoppelt, fragmentiert, larviert, vermummt, überhöht, dementiert oder konterkariert hätten.

Zusammengestellt und ausführlichst mit Texttafeln beklügelt wird dies, mir san in Wean!, von einer KuratorInnentruppe, die Geschmack, Bildung, Witz und Kenntnisreichtum genug besitzt, um sich nicht maskieren zu müssen. Selbst gichtkrüppelige Bewegungsapparaturen und wehe Schmerzensmänner wie mich drängt es, offenen Kindermundes hierhin und dahin zu sprunghüpfeln und ein und das anderemal auszurufen: „Schau nur! Sieh mal dies hier!“ – Natürlich darf man auch weitaus Klügeres äußern: über Identität und Person, gesellschaftliche Rollenspiele, magische Maskeraden, kapitalistische Charaktermasken, die beunruhigende Lebendiggkeit der Totenmasken, über das Einschüchternde, Verführerische, Verwegene und Entgrenzende des Maskenspiels, über Erotik und Überschreitung, Dialektik und Digression der Verhüllung, usw. – Munition für solche virtuellen Virtuositäten verschafft einem der doppelbrikettschwere Katalog, der wunderwunderschöne Fotos von allen Exponaten enthält, dazu aber eben auch Deutungen, Deuteleien und Verdeutlichungen aus berufenem Ethologen-, Anthropologen und Kunsthistorikermund.

Nicht jede Austellung macht komplexe Beziehungen anschaulich. Diese tut es absolut. Wenn man sich nicht allergrößte Mühe gibt, dumm zu bleiben, kommt man hier klüger wieder heraus, als man eintrat. Ich zum Beispiel, ich könnte jetzt hier aus dem Stand einen fulminanten, frappierenden, ja, flamboyanten Vortrag „Über die tragische Dimension der verschiedenen Masken Michael Jacksons“ improvisieren, unter künstlerischen, psychologischen und ethno-athropologischen Aspekten, nur, auch wenn dies gewiß des Anlasses würdig wäre, ich werde es, keine Sorge, hier nicht tun. Ich spiele lieber den ahnungslosen Einfaltspinsel und Provinzdepperl, eine Maske, die mich nicht nur glänzend kleidet, sondern mir auch erlaubt, im Schutze dick aufgetragener Harmlosigkeit dünnhäutige Beobachtungen aller Art zu machen.

PS: Interessante Fotos werde ich noch einscannen, wenn ich dazu komme.

Ein kurzes Lob der Inkonsequenz

15. Juni 2009
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Konsequent inkonsequent: Echthaarperücken für die Orthodoxie

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Jehovas Liebling: Wuschelbrünett

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Please, call me Eve: Blondes Gift

ORTHODOXE ECHTHAARPERÜCKEN BOOMEN: KONSEQUENZ MELDET INSOLVENZ AN!

Jemand bemängelte, ich hätte mich mieselsüchtig über das Reisen geäußert, sei aber selber nach Wien gefahren, in die Sommerfrische. Erwischt! Touché! Nun könnte ich das zwar erklären („Es ist nicht, wie Ihr denkt! Ich kann alles erklären!“), aber das klänge ungut nach Rechtfertigung, und wir sind ja hier nicht beim Plenum der GRÜNEN oder wo. Nö, aux contraire: Ich werde gleich wieder frech und behaupte neuerlich wenig Konsensfähiges: Wenn ich eines nicht ausstehen kann, außer Geiz, dann ist  es … Konsequenz! Präziser: eigentlich gar nicht mal Konsequenz als solche, sondern ihre Erhebung zur Tugend.

Ohne Inkonsequenz wären wir längst verloren: Konsequent geht die Welt zugrunde. Konsequent ist ein Wort mit lateinischem Migrationshintergrund und heißt zu deutsch eigentlich bloß: folgerichtig. Dies wiederum meint halbwegs: in seinen Handlungen den Gesetzen bzw. Schlussregeln der Logik folgend. Und was soll nun daran gut sein? Die Welt, Freunde, das Leben, das sog. Dasein oder die Realität: Nichts davon ist logisch! Das meint vielleicht Professor Dr. Oberreiter aus Unterföhring, der uns in einem Leserbrief mitteilt, seines akademischen Wissens nach sei ja wohl A = A, es gelte doch der Satz vom Widerspruch und der vom ausgeschlossenen Dritten auch?! Ja, Pustekuchen! Mögen die Hirnwindungen eines deutschen Geisteswissenschaftlers auch rechtwinklig sein, die Quartiere und Straßen der Existenz sind es nicht! Im Leben ist A gar nicht immer gleich A, und der ausgeschlossene Dritte wartet im Schrank, bis der Ehemann wieder zur Arbeit ist!

Die Menschen sind eh nie konsequent. Da liebt einer sein Gespons, ist aber garstig zu ihm, oder ihr. Da weiß einer, das Rauchen zerrüttet das Organische, und qualmt doch wie ein Schlot, weil Gott ihm wohl gesagt hat, die Welt sei heute ausnahmsweise ein Raucherclub. Da sagt Hinz zu Kunz, er haue ihm gleich aufs Maul – tut es aber gottlob dann doch lieber nicht, und die Wirthausschlägerei ist mangels Konsequenz abgesagt.

Ich spiele hier bewußt ans Militärische an, denn Konsequenz scheint mir auf dem Gebiet von Oberbefehlshabern und Staatsgewalttätern bevorzugt zu siedeln. Hitler war konsequent, Stalin oder Mao. Mir sind Staatsmenschen letztlich lieber, die ein wenig herumeiern, wie Frau Dr. Anke Merkel oder dieser eine von der SPD, der immer guckt wie eine verschlafene Eule, wenn’s tagsüber donnert. Solche Leute sind wie Du und ich, sie schließen Fitness-Center-Verträge ab und gehen dann nicht hin, sie machen Brigitte-Diät und belohnen sich dafür mit Käsekuchen, sie lassen das Kondom mal weg, weil, wer so schöne grüne Augen besitzt, der hat doch kein Aids! Kurzum, man kennt die Regeln, findet sie auch gut, aber vor allem findet man: „Ab und zu ist auch mal was egal!“ – Und das ist zufällig die Maxime der Lebemänner, Bonvivants, ja sogar der savoir-vivre-Experten in Brüssel!

Warum soll ich denn etwas nicht doof finden dürfen, und es dann trotzdem tun? Bin ich denn etwas Besseres? Jahrzehntelang bin ich beispielsweise Exemplaren des weiblichen Geschlechts nachgelaufen, von denen ich wusste, sie sind entweder unerreichbar oder, wenn erreichbar, dann nicht gut für mich. Hörte ich deswegen etwa auf, zu hofieren, zu antichambrieren oder meinen Minnedienst abzuleisten?

„Det is aba jezze inkonsequent, Sie!“ – Ja, und? Oder: so what? Nur Menschen mit einer gewissen Inkonsequenzkompetenz kommen im chaotischen Zickzack-Kurs des täglichen Wahnsinns einigermaßen ans Ziel. „Deine Rede sei Ja, Ja und Nein, Nein“ heißt es, glaub ich, in Luthers oller Bibel, aber da steht auch, daß Reiche nicht ins Himmelreich kommen, weswegen aber kaum ein Auto-Manager, Kaufhaus-König und Immobilien-Schlawiner gleich seine Kohle für Bedürftige spendet. (Weswegen meine Rede auch zumeist „Jein“, „eventuell schon auch“ oder „das ist viel komplizierter, als du glaubst“ lautet.)

Religion und Konsequenz, das ist auch so eine verhängnisvolle Affäre.  Mir scheinen – aber bitte! Das ist nur eine ganz persönliche Ansicht, die nur bis heute abend gültig ist! – die geistig Gelenkigsten unter den Weltreligiösen noch die Juden zu sein. Jedenfalls sind sie die einzigen, deren Gott einen gewissen Humor besitzt und sich von seinen Anhängern auch schon mal ein wenig beschummeln und betuppen läßt, wenigstens wenn es stimmt, was man mir aus New York erzählt. Auch dort gilt, bei orthodoxen Juden, das Gebot, die Frauen möchten, bittschön, in der Öffentlichkeit ihr Haupthaar nicht herzeigen. Das ist nebbich auch wieder so ein doofes Gesetz, dessen Befolgung einen keinen Schritt weiter bringt. Was tun nun aber die orthodoxen Jüdinnen von New York? Tragen sie Tschador, Burka oder Türban? Verstecken sie sich unter blickdichten Schonbezügen? Keine Spur! In den entsprechenden Vierteln der Orthodoxen blühen dagegen Perückengeschäfte, in denen das zumeist von Inderinnen stammende Echthaar zu aufregenden Frisuren getrimmt wird – und DAS setzen sich die Damen auf den Kopf, denn es heißt in der Tora ja bloß: Zeige DEIN Haar nicht her in der Öffentlichkeit, auf daß kein Nächster gereizt werde, dich zu begehren!

Gesetze durch elegantes Unterlaufen derselben zugleich zu befolgen und auch wieder nicht: Das nennen wir intelligentes Verhalten. Kann sein, der liebe Hergott Jehova hat sich gedacht, er legt seinem ausgewählten Volk mal grad deswegen ein paar hundert komplett meschuggene Ge- und Verbote auf, „damits a bisserl mehr Intelligenz im Durchlavieren entwickeln. Brauchen derfen werdens des schon noch!“ Der brave Soldat Schweijk hat den Krieg ja nicht deshalb überlebt, weil er Befehlen widersprach, sondern weil er sie bis zur letzten absurden Konsequenz befolgte.

Kann aber auch sein, die Geschichte mit den Perücken, die ich aus zweiter Hand habe, stimmt gar nicht und gehört zu den urban myths, zu deren Verbreitung ich unwillentlich beitrug. Dann übernehme ich die Verantwortung und ziehe die Konsequenzen!

Zwischen den Tagen: Alles über Frauen…

17. März 2009

…ZWISCHEN FRAUEN- UND MUTTERTAG

„Alles Nutten außer Mutti!“ – diese nur allzu griffige Formel frühzeitlicher Problem-Schnarchbären und Muttersöhnchen spiegelt ein total verqueres, durch Gewalt-Internet und masturbatorischen Computerporno („Ego-Shooter“!) künstlich zementiertes Frauenbild, das wir heute strikt anprangern und aufs Schärfste zurückweisen! Der „neue Mann“, ein stahlhartes, wald-, wiesen-und wüstenerprobtes Abenteurerweichei mit postmodernen Ecken und abgerundeten Kanten, fluffigen Breitschultern zum Anlehnen und Sixpacks, wo sie hingehören (Eisschrank), ein prickelnd bi-erotischer, geistvoll-muskulöser Kuschelkumpelkerl („beste Freundin“), der zuhören und ohne weiteres mit „ihr“ Pferde stehlen kann, aber auch unter Holzfällern, Bohrinselarbeitern und viril verschwitzten HeavyMetal-Schlagzeugern eine gute Figur abgibt, der „neue Mann“ also spricht, sei es in zittrigem Counter-Tenor sei es mit männlich-sahnigem Bariton: „Mutti, ich gehe! Ich ziehe aus!“ –  „Sohn…“, antwortet es mit der typisch wehleidigen, extrem schuldbewußtseinseinflößenden Leidensstimme der unausweichlichen Mutter, „…hast du etwa eine andere? Ist eine bedeutend Jüngere im Spiel, sodaß ich dir eventuell nicht mehr gut genug vorkomme?“  Wie immer hört Mutti nicht zu, wenn man ihr antwortet: Sie springt aus dem Fenster, denn nach 38-jähriger Mutterschaft hat ihr Leben nun keinen Sinn mehr. Männlicher Feminismus ist ohne Opfer nicht zu haben: Nur wer die Mutter „zu Tode enttäuscht“, kann den Vater des inneren Kindes in sich befreien! 

Draußen in der Welt kann er sich nun, ohne daß Mama ewig dazwischenfunkt, eine fremde Frau zur Gründung einer echt erwachsenen, partnerschaftlichen Beziehung suchen, einer Beziehung auf Augenhöhe, die auf Respekt, gegenseitigem Vertrauen und männlicher Verantwortungsübernahmebereitschaft beruht! Humor, Zärtlichkeit und gemeinsame Naturerlebnisse sollen aber auch nicht zu kurz kommen! Auch die „moderne, postfeministische Frau“ befindet sich nämlich im Aufbruch und ist jederzeit bereit, verknöcherte Patriarchatsstrukturen aufzubrechen, nicht trotz, sondern trotzig wegen ihrer „Tage“! Erst vor 12 Tagen war z. B. Internationaler Frauentag, und in knapp zwei Mondinnen ist Muttertag! Vorletzten Donnerstag aber herrschte noch frühes Mittelalter! Die Damenoberkleidung stöhnte unter dem Diktat männlicher Phantasielosigkeit,

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Miese Mode, ungenaues Frauenbild

und mit dem kleinen Geheimnis der Frau, dem süßen „Darunter„, sah es kaum nennenswert besser aus. Tristes Einerlei, Vermummungsgebot, vergebliche Suche nach Kleidsamem zum kleinen Preis. Unter der Burka herrscht tote Hose, „sexy„, gar sinnlich-sündig ist hier Fehlanzeige, statt O-làLà-Croissant nur alltägliches Graubrot in kalten Farben und Formen, die überall kneifen und außerdem einen dicken Hintern machen!

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Patriarchalische Phantasielosigkeit!

Der Verhüllungswahn führte im Handumdrehn zu grotesker Orientierungslosigkeit unter den Männern: Die jüngere Generation hatte keinen Schimmer mehr, wie Frauen überhaupt aussahen! Flirt- und Tanzschulen wurden von den Moral-Taliban geschlossen, beliebte Volksfeste („Damenwahl im Ball der einsamen Herzen“) verboten, aufklärerische Literatur (Alt-Ayatollah Allahhand: „Frauen – Eine Gebrauchsanweisung für den Müslimmann“) verschwanden unter dem Ladentisch. Das notgeile männliche Jungvolk verzweifelte schier: Wozu noch mal bloß gab es Frauen? In der Not schlug Haut-Couture-Ayatollah Andy Warhola vor, die Burkas außen mit dem Bild eines nackten Weibes zu bedrucken, um hierdurch neue Anreize zu schaffen – doch die Tage des Verhüllungsdiktats waren bereits gezählt.

Die Frauenemanzipation nahm ihren Lauf: Das weibliche Geschlecht bewies mit links, daß es intellektuell locker mit den „Herren der Schöpfung“ mithalten kann. Schon bald tauchten  die ersten Frauen auf, die zwar noch mit dem Möbelkatalog in die Gemäldeausstellung gingen, aber bereits imstande waren, sich selber auf gemalten Bildern wiederzuerkennen, eine Fähigkeit, die bis dato ausschließlich höheren Primaten vorbehalten ist: 

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Bilder einer Ausstellung: Frauen schauen dich an!


 

 

 

 

 

 

 

 

Junge Frauen lernten nun endlich, welche Vorteile es bringt, das Kleid vor dem Dampfbügeln auszuziehen – was für eine Befreiung des vom männlichen Blick und dem heißen Bügeleisen malträtierten Körpers! Sinn und Sinnlichkeit brachen heraus, Stolz und Vorurteil blieben lächelnd auf der Strecke und gut für den Teint war es überdies!

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Ein heißes Eisen: das Nackt-Bügeln befreit!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schnurstracks eroberte sich die zarte Weiblichkeit den bis dahin eifersüchtig gehüteten sog. Männerberuf! Es waren schließlich Frauen, die den alten Handwerken, der Klempnerei, dem Tätowieren, der Hufschmiede („Piercing“), der Sorgenmacherei und dem Trash-Tratschen den sprichwörtlichen „goldenen Boden“ retteten.

Wer in der Oberstufe die MuMä-AG „Mutige Mädchen“ belegt hatte, schaffte es später sogar, den wilden Großen Roten Mob zu bändigen und damit zuhause souverän den neuen goldenen Boden zu polieren!

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Frauen bändigen den Riesenmob

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei alledem hütet sich die „junge Wilde“ von heute aber vor unschöner Vermännlichung. Sie steht zu ihrer weiblichen Seite, bekennt sich zu Kuscheligkeit, Nackenwärme und progressiver Muskelentspannung. Ohne falsche Scham möchte sie „schön“ sein – nicht für „ihn“, den fiesen männlichen Blick, sondern „einfach so“, „für mich ebend“ und für das schlaffe Plüschtier auch.

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Die postmoderne Frau hat eine weibliche Seite!

Um Mutti muß man sich übrigens keine Sorgen machen. Das Fenster lag gottlob im Erdgeschoß. Mütter sind ja, wie wir erleichtet feststellen, ohnehin unsterblich: Sie leben in ihren Söhnen weiter, oder, genau so schlimm, in den Töchtern. Davon ab: Mutti ist mit ihrem neuen griechischen Freund Dr. Botox Anacellulitis durchgebrannt und verbrät den mit Fettabsaugung und Lippenpolsterei zusammengerafften Zaster entspannt in der Karibik: Forever Young! 

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Forever young: Mutti wartet auf Dr. Botox Anacellulitis