Archive for the ‘Charaktere…die wirklich nerven’ category

Germany’s Next Super Asshole

7. Juni 2009

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EIN BEITRAG ZUR VERUNSACHLICHUNG DER POLITISCHEN DEBATTE:

DER KRAWATTENMANN

Ich führe nebenher eine Art private Hitparade der zweidimensionalen Personalknollen, die, kaum erscheinen sie auf dem Flachbildschirm, bei mir eine Art Imbezilen-Allergie schlimmster Sorte auslösen: Ohrensausen, Schaum vorm Mund, Bluthockdruck, Zwerchfellmulm, Hirnschwurbel usw. Ich spiele die Jury in der beliebten Sendereihe „Deutschland, such‘ das Superarschloch!“ – Die Rangfolge wechselt, aber ich behalte den Überblick, wer auf den vordersten Plätzen steht.

Immer ganz, ganz vorne dabei ist seit Jahren die strategische Doppelnull im bundesdeutschen Politiker-Narritätenkabinett, der Mann mit der Lizenz zum Nervensägen, der Partner mit der feuchtkalten Schnauze, Bruder Spaßmann als Bürgerkönig: Dr. jur. Guido Westerwelle, das dynamisch wandelnde Inkompetenz-Center, der verbal inkontinente Lautsprecher der deutschen Freischützen, Freiberufler und Freikarten-Erschleicher, lautester Schreihals unter den Nichtssagern und, last but not least, „Krawattenmann des Jahres 2001“!

Aber nicht nur Krawattenmann, auch uneigennütziger Krawallmacher für die Leisen im Lande, die schweigende Minderheit der Erbschleicher, Steuersparer und Abschreibungsvirtuosen, profiliert sich der Mann mit dem fest in die Backen gedübelten Dauergrinsen als „ruchlos optimistischer“ (Arthur Schopenhauer) Hoffnungsträger der Bevorteilten, Laumänner und Abgreifer – mehrfach schon galt er als aussichtsreichster Kandidat für den „Goldenen Ellenbogen“, den Karrieristen-Bambi der klassenbesten Dauerschummler. Zugleich kantig und glatt, mit einem Gesicht wie ein frisch gewindelter, gut eingeölter Baby-Po aus aknegenarbtem Nappaleder, versteht er es, einen Nimbus von Hochbegabtheit sowie Alert- und Smartheit zu ergaukeln, der dem Sproß zweier Rechtsanwälte unterschiedlichen Geschlechts 1961 in Bad Honnef nicht in die goldene Wiege gelegt worden war.

Guido Westerwelle sieht aus, als freue er sich immer besonders riesig, dem führenden FDP-Politiker gleichen Namens wie aus dem Arschgesicht geschnitten zu ähneln. – Auch er hat sich ja von der Pieke auf hochgearbeitet: vom Jungschnösel zum Stenz, von da zum Pfeifendeckel, Einstecktüchl und Aalglattzkopf, die ganze Ochsentour oder Hühnerleiter, bis ganz nach oben zum Generaldirektor! Letzte Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit legte er erst zusammen mit dem zweiten juristischen Staatsexamen ab. Den Doktor jur. gab es dann günstig an der FernUni Hagen ( – Herr Westerwelle war 1994 mein Kommilitone! Das, wenn ich’s gwußt hätt! Wir hätten theoretisch in der WG uns die Wohnküche teilen können! Wie? Theoretisch, sagte ich ja…) drauf zu, da war die sprechende Föhnwelle schon Generalsekretär und sang die Rolle der ersten Krähe in der Politoper „Meingold“ auswendig aus der leeren Hosentasche.

Eine grandiose Karriere als Eintänzer oder Heiratsschwindler hätte dem Bad Honnefer Haargelprinzen offengestanden – er jedoch wählte den dornigen Laufsteg, Quatsch, die Laufbahn des Politikasters und Rhetorikclowns, und verspräche er nur, wenigsten dann mal endlich Ruhe zu geben, wäre er längst in höchste Staatsämter gewählt. So aber kommt, wann immer sich dem sympathisch auf links gebügelten Vorzeigeschwulen ein Mikrophon oder eine Kamera entgegenreckt, die Spieldose in seinem Breitmaulfroschkopf in Gang und spielt das Lied vom Tod durch innere Verödung bzw. nein, Unfug, vielmehr von Big Brother Guido, dem Mann, der alles weiß und alles kann. „Ich kann Kanzler!“ ist zwar ein kretinesker Idioten-Slogan vom ZDF, könnte sonst aber durchaus gut von Guido sein, dem kreativen Kopf der Westerwelle-Partei.

Ältere Fans des unverwüstlich den jugendlichen Knallkopf gebenden Herren erinnern sich noch an den genialischen Schachzug des gewitzten Gurkenhobel-Propagandisten, sich eine gelbe „18“ auf die Schuhsohlen malen zu lassen, um solcherart für sein Projekt, 18% Wählerstimmen zu bekommen, bei denen Reklame zu machen, denen er damit ins Gesicht trat. Damit war wenigstens das Rätsel, was die F.D.P. eigentlich soll und will, aus der Welt: Sie will Wählerstimmen und Ministerposten, mehr eigentlich im Prinzip nicht unbedingt. Ein richtiges Programm kann man sich ja dann immer noch überlegen, oder billig irgendwo ein gebrauchtes auftreiben. Auch ohne politische Orientierung plaudert, plädiert, plustert und poltert es oben auf dem Podium schon mal los, wo bei Westwind die Westerwelle an den Westwall schlägt: „Meineveerehrtndahmnndherrn“ kräht es da schon wieder, und es schallt aus dem Aknetaschengesicht diese unverwechselbar schneidende Stimme mit dem doppelseitigen Nerven-Sägeschliff, die mit der Penetranz einer gelierten Herrentorte Aufmerksamkeit zu erzwingen sucht.

Hohler, aufgesetzter und unglaubwürdiger kann Pathos nicht dargeboten werden. Westerwelle-Reden sind aus eitel Fehlzündungen, Warnschüssen und Verpuffungen gestrickt: Pure heiße Luft und Knallgas aus der Flasche – ein brisantes Gemisch! Mecki Messerfresse verbreitet die rhetorische Aggressivität eines Kirmes-Boxbuden-Einpeitschers, sodaß man unwillkürlich froh ist, daß er nicht auch noch, wie Goebbels & Co., politische Ziele verfolgt. Die „Gnade der späten Geburt“ (übrigens eine der ganz wenigen wirklich klugen Formulierungen von Dr. Helmut Kohl!!) hat verhindert, daß Guido als Reichsschuhverkaufsführer SS (SicherheitsSchlappen) im diplomierten Außendienst Karriere gemacht hat. Geschadet hätte es ihm freilich auch nichts, denn Herr Westerwelle ist mit einer unsichtbaren Resopalschicht überzogen, an der der braune Schmutz abperlt wie Hudelsuppe und Heuchelschleim. Gleich nach der steuerlichen Absetzbarkeit ist Abwaschbarkeit ein richtig, richtig hohes Tier im liberalen Wertekanon!

Guido ist selbst eine stehende Abwaschwasser-Welle, er steht immer kerzengerade, wie ein Mann oder wie eine Eins mit Sternchen, wenn er auch nicht weiß, wofür genau, – woraus er wiederum die Kraft für die Dreistigkeit schöpft, rednerisch die Windmaschine anzuwerfen, wo immer es geht, und immer so, daß es auch kracht, knallt und stinkt. Wer je Herrn Westerwelle hat eine Rede fürodergegenhaltirgendwas hat krähen, blöken und nölen hören, der hat einen politischen Tinnitus weg: Ab jetzt hört er, wenn Politiker sprechen, nur mehr eben so ein merkwürdiges Pfeifen, Rückkoppeln, Rattern, Rödeln und Rauschen, und kann sich später meist an nichts erinnern. Insofern wirkt das neo-liberale Rumpelstilzchen wie eine Droge, wenn auch eine, die nicht süchtig macht: Es wird einem etwas schwindelig, dann kotzt man ein bißchen und schon ist es wieder gut. Das ist der Guido-Martini: Man fühlt sich geschüttelt und gerührt!

Herr Dr. Westerwelle lebt, laut Bundestagshandbuch, „in Bonn und Berlin“, und zwar gemeinsam mit seinem Spiegelbild, einem Lebensgefährten, mit dem ihm ein besonders herzliches Verhältnis nachgesagt wird. Wenn man die beiden Hübschen sieht, wie sie in der knapp bemessenen gemeinsamen Freizeit im Guidomobil zur Krawattenmesse fahren oder zu Figaros Hochzeit nach Bayreuth, der kann das hippe Paar Promi-Friseure nur beneiden – hier feiert die jeunesse dorée noch unbeschwert den Eiertanz ums Goldene Kalb, hier wird guidiologiefrei auch das dünnste Brett gebohrt und der Brei geschmiedet, solang er noch heiß ist!

Wo der liebe Herrgott dem Guido einst die zwei Gucklöchlein in die Backpfeifenmaske gebohrt hat, da strahlt in himmelblauer Impertinenz eine solch kruppstahlharte Selbstgefälligkeit, Selbstzufriedenheit, ja permanente Selbstbefriedigung aus der inneren Hohlraumversiegelung heraus, daß es fast blendet. „Blender“, so nennt ihn deshalb auch neidlos ein nichtgenanntseinwollendes Mitglied seiner Entourage. „Mein kleines ekliges Kotzbröckchen“ läßt er sich aber nur von einem nennen, und auch nur ganz privat, hinter heruntergelassenen Rolläden, – die anderen verklagt RA Dr. jur. Guido „Scarface“ Westerwelle (MdB) ohne Pardon und Gnade. Dazu ist man ja Anwalt!

Mich wird er, hoffe ich, nicht verklagen, denn ich gehöre ja zu seinen treuesten Bewunderern: Er hat dem, was ich von der politischen Klasse Deutschlands halte, ein Gesicht gegeben. Immer, wenn die sympathischen Trinkeräuglein und das zynisch-selbstgefällige Gegrinse gemeinsam auf dem Bildschirm erscheint, peitscht mir mein endokrinologisches System Adrenalin-Westerwellen durch die Adern, ich hyperventiliere und starte zum Schreikrampf. Immerhin! Mutter Merkel mit ihrer Griesgram-Flappe schafft das nicht bei mir.

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Charaktere … die wirklich nerven (IV)

6. März 2009
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"Was gibt es da zu lachen?"

Heute:  der Eindimensionale

Der Eindimensionale ist gar nicht mal zu 100% ein Idiot. Iwo, keineswegs. Der geistige Grobmotoriker hat Begabungen! Sie liegen zumeist auf dem Gebiet technischer Intelligenz, was es schließlich auch geben muß und weswegen er als Programmierer, Bauzeichner oder Software-Entwickler durchaus die Note „befriedigend“ erreichen kann. Er muß halt ein bissel gefördert werden. In Großraumbüros kommt er zurecht, solange man ihn nicht überfordert. Ein solcher kritischer Punkt ist freilich rasch erreicht. Dies hängt mit der Eindimensionalität zusammen, der der Rang einer Behinderung zugesprochen werden dürfte:

Die Welt ist, was der Fall ist. Und worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen – diese beiden leider ziemlich ungehobelten Quatschsätze des blutjungen, präpotenten Ludwig Wittgenstein könnten seine Maxime sein, wüßte er denn, was eine Maxime überhaupt genau ist. – Der binäre Code, Null und Eins, das ist sein Horizont. „Deine Rede sei ja, ja, nein, nein“, heißt es in der Bibel. So denkt er eigentlich ebenfalls, obwohl er „von der Bibel und som Kram“ natürlich auch weiter nichts weiß, weil Religion – wie auch „dieser ganze Kunstscheiß“ nicht so sein Ding ist: Aber daß Sprache ausschließlich der Übermittlung von Sachinformationen dient, das würde er sofort unterschreiben. Wozu denn sonst? Mit der Sprache ist das wie mit Kartoffelbrei: Mutti hat immer gesagt, „damit spielt man nicht!“

Deshalb versteht der gelegentlich auch als nerd oder geek bezeichnete Techniker rein kognitiv grundsätzlich keinen Sprachwitz, Humor hält er für  Opas altes wet-ware-Zeug und Ironie kapiert er nicht einmal, wenn eine Bemerkung in ganze Zierleisten von Zwinker-Smileys eingefaßt wäre. Selbst den schlichtesten Scherz, achtlos im Gespräch dahingeworfen, muß man ihm erklären. Schriftliche Witze sogar zweimal.„Was gibt es denn da zu lachen?“ ist eine Frage, auf die er im Grunde noch nie im Leben eine Antwort gefunden hat. Allein bei Sarkasmen, die ätzender wirken als Domestos, hegt er gelegentlich den Verdacht, dahinter müsse sich ein Angriff verbergen. Wenn Leute lachen, argwöhnt er deshalb vorsichtshalber immer, sie wollten ihn veralbern, was er sich mit einer gewissen präventiv eingesetzten Leberwurstigkeit verbittet. 

Die aus dem nahezu totalen Humor-Defizit resultierende soziale Unbeholfenheit läßt den Eindimensionalen oft grobschlächtig und extrem schlicht gestrickt erscheinen, weswegen er als Frauenschwarm selten reüssiert, außer eventuell  bei anämischen BWL-Studentinnen mit Sternzeichen Wasserwaage, die in der Kneipe, wenn sie gefragt werden, was sie trinken möchten, immer ihr dünnes mittelblondes Haar zurückstreichen und wispern: „Ooch, …Wasser … oder egal…“ 

Im Zeitalter digitalen add-on-Marketings bei google oder amazon könnte man sagen: Wer diesen Eindimensionalen mag, der mag auch alkoholfreies Bier, Anorgasmie und Duschen, bei denen das Wasser wegbleibt, sobald man sich eingeseift hat. Er ist übrigens meistens männlich und immer zwischen Zwanzig und zweiunddreissig. „Immer“ heißt in diesem Fall: Reifemäßig bleibt er voraussichtlich die nächsten dreissig Jahre ein Twentysomething. Wenn man zu ihm sagt: Hör mal, damals hätten Leute wie du in der Partei Karriere gemacht, sagt er: „Versteh ich nicht! Welches damals meinst du denn?“ Das erklärt sich daraus, daß sein historischer Horizont in etwa der Verlaufsliste seines Rechners entspricht. Sein Weltbild hat maximal 19 Zoll und ist flimmerfrei. Als Bildschirmfarbe wählt er vorzugsweise „blauäugig“. Ältere Menschen beunruhigt er manchmal: der Eindimensionale...

Charaktere… die wirklich nerven (III)

19. Februar 2009
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Der Dalai Lama empfiehlt: Ruhig mal die Klappe halten!

Heute: der free spirit

Ich hatte ihn für ausgestorben gehalten, jedenfalls außerhalb gewisser kalifornischer Reservate: den free spirit. Nun werden gelegentlich in entlegenen, schwer zugänglichen Internet-Foren einzelne Exemplare wieder gesichtet, eingewandert oder ausgewildert, wer will das wissen. Der free spirit, auch bekannt als Schwurbelmeister, Laberquarktasche, Gurkenguru oder ehren-indischer Mandala-Sandalenvandale, hält sich gern in größeren Höhen auf. Ab etwa 20 cm über dem Boden  fühlt er sich am wohlsten, dort, wo die Luft dünn wird und der Ultraschallknall an seine großen chinesischen Mauern stößt. In den 60ern erkannte man ihn am Wallehaar (Mittelscheitel), heute trägt er mönchische Dalai-Lama-Rasur-Frisur, ist aber egal, denn darunter ist es allemal leer und weit wie in der Halle des Himmlischen Flieders. Hier ist der große Gong noch Echo des täglichen Bong, hier wurde jahrzehnte lang auf- und zugedröhnt, bis das nackte Schädelholz blank lag. Hier entstehen die Weisheiten, die der Oberquatschbruder als Senf in alle Threads postet. Er verfügt, durch jahrelanges Luftanhalten gestählt, praktische über unbegrenzte Senfreserven und die Lizenz zum Ohrabkauen und Nervensägen erwarb er schon weiland im Kloster Osho Nonsenso.

Seit er damals mit der Schülerzeitungsdelegation in Poona war, oder Goa, oder wie das da hieß, ist er strenggläubiger Zen-Sushi-Sufi-Bahai-Anhänger, er hat sogar den persönlichen Segen des großen Joulupukki Korvantunturi, bei dem er zwei Urlaubssemester (Ausatmen I-II,  Luftanhalten für Fortgeschrittene, Einbein-Sackhüpfen, Auf-den-Sack-Gehen) studiert hat. Die Begegnung mit dem mythen-umwaberten wandernden Schönschreibemönch hat sein Leben verändert: Der free spirit blickt jetzt randvoll durch. Ihm macht keiner mehr was vor. Er hat die Erleuchtung voll aufgedreht. Ihm ist ein Fernlicht aufgegangen. Er hat einen furchtlosen Blick über den Tellerrand getan. Was er dort gesehen hat, gleicht seinesgleichen nicht. 

Seine Erhabenheit besitzt den Schwarzen Gürtel im Besserwissen, darauf ist er auf demütige Weise verdammt stolz. Er verschmäht es, seinen Durchblick für sich zu behalten, er teilt gern, und gern auch aus: Bei jedem, der ihm etwas Beachtung schenkt, revanchiert er sich mit den Holzperlen seiner Weisheit. Seine Freunde nennen ihn Swami Schwammdrüber oder Derwisch Derschonwieder, aber das perlt an ihm ab wie Glutamat an der Bratnudel. Was kann einen noch kümmern, der zwölf Jahre in einer Höhle oberhalb Zehlendorfs meditiert und sich dabei mit eine Schale Reiswein und einem Becher Weinreis begnügt hat? So ein Asienasket-Ass kann notfalls auch monatelang ohne Sinn und Verstand überleben, nur von ein bißchen Buchstabensuppe und unverdaulichen Esoterik-Blättchen. Gut, das führt schon mal zu chronisch a-logischer Logorrhoe (Wortdurchfall, Verbalerbrechen etc.), aber wer so weit das Maul aufreißt, kann ja wenigstens mal den Arsch zukneifen.

Charaktere…die wirklich nerven

8. Februar 2009

img_0001_2 DER ÜBERLEGENE

Der Überlegene oder Über-den-Dingen-Steher kann der liebste Mensch auf der Welt sein: Er nervt mich total! Übrigens kann er auch weiblich sein, die Sache macht das nicht besser. Ich treffe ihn immer, wenn ich als Hase unterwegs bin. Atemlos hetze ich in die Zielgerade, mit letzter Kraft, keuchend und mit bedenklichen Laktatwerten, und wer lehnt schon, ohne einen Tropfen Schweiss auf der Haut, mit kühlem Lächeln an der Absperrung? Der Überlegene, der Igel: Er ist immer schon da. Der Igel ist mit allen Wassern gewaschen, abgebrüht, geduscht und rundum frottée-abgerubbelt: Er kennt die Welt. – Und: Gott, wie er die kennt!

 Deswegen regt er sich nie auf. Nie! Über nichts! Er ist die überlegene Gelassenheit in Person! „Was regst du dich denn so auf, Mann! Bleib doch mal bißchen locker!“, das ist der Rat, der bei ihm nie teuer ist. Du hast AIDS? Nazi-Schläger bedrohen dich? Anti-Semiten treiben dich in Rage? Dein Haus brennt?  „Jetzt komm mal runter…“, findet der Überlegene, „da steht man doch nun wirklich am besten drüber! Wem nützt denn Hysterie? Die wolln doch bloß, daß du dich aufregst…“

Die überlegene Gelassenheit, die früher mal recht verächtlich Indolenz oder Opportunismus hieß, ist die Gleitcrème, auf der dieser Charakter durch die Unbill des Lebens flutscht. Skandale, politische Provokationen, Kriege, moralische Katastrophen: Er ist da nicht involviert. Da steht er drüber: „Weiß ich, kenn ich, war ich schon..“ Wie jeder, der nichts tut, nichts meint und nichts will, ist er ohne Schuld. Er könnte ruhig den ersten Stein werfen. Im Grunde glaubt er, zu den wenigen Gerechten auf Erden zu gehören. Dabei ist er eigentlich bloß selbstgerecht. Er verausgabt sich nicht, ist immer entspannt, cool und relaxed. „Lohnt sich doch nicht!“, sagt er. Natürlich ist er so links, liberal, demokratisch und anti-antisemitisch wie du und ich. Er hat jede Menge jüdische Freunde! (Du und ich sind der Beweis!) Aber deswegen gleich gegen die Palästinenser sein? Einseitigkeit hilft doch keinem!

Im Englischen gibt es für dergleichen Überlegene eine idiomatische Wendung, die ich treffend finde. Man sagt über ihn: „He’s sittin‘ on the fence“. Das ist ontologisch bzw. existentiell gemeint. Das bezeichnet den Stil seines Seins: Er sitzt auf dem Zaun und pfeift sich eins. Bei Gefahr fällt er nach vorn über, oder, kann auch sein, lieber nach hinten. Je nachdem, wo es gefährlich ist. Der Überlegene. Ein Zaunkönig. Hasen sollten das Weite suchen, wenn sie ihn sehen…

Charaktere…die wirklich nerven

6. Februar 2009

img_0001_gallery Zum Beispiel der Wortmüll-Werker. Meistens ist er in der DDR aufgewachsen, was freilich nicht unbedingt zur Sache beiträgt, aber für ein gewisses Flair von aufdringlicher Zutraulichkeit sorgt, eine unangebrachte Kumpelhaftigkeit und Distanzlosigkeit, die für sich schon nervt. Aber es kommt schlimmer.

Der Wortmüll-Werker geht in der Regel keiner geregelten Arbeit nach, was ihm die Zeit, vielleicht auch den Drang verleiht, überall seinen verbalen Senf dazuzugeben. Er schwirrt durch Foren und Blogs, ist in jedem Kommentar-Thread zu finden und hat zu allem eine Menge zu sagen. Nichts Inhaltliches, sondern im Grunde nur das, was ihm ohnehin gerade assoziativ durchs Hirn rauscht. Von Bedeutung ist es in der Regel nicht. Er ist, sagen wir es offen, ein Schrift-Schwätzer, er leidet unter Graphorrhoe, er kann, wie man früher sagte, die Tinte nicht halten.

Er ist ein durchtriebener Anbiedermann. Deshalb redet er nach jedem Munde, der ihm begegnet, denn er möchte Anerkennung, Wärme, ein emotionales Leckerchen, irgendetwas, das ihn spüren läßt, daß er lebt. Seine zumeist ellenlangen Mitteilungen, die er gern auch als persönliche E-mails verschickt, ungefragt, stellen eine Art verbales Schwanzwedeln dar. „Ich möchte dein Freund sein“, sagen die blanken Hundeaugen, die zwischen den Zeilen hervorblinzeln. Unaufgefordert sichert der Humanist der Herzen jedem volles Verständnis, prinzipielle Solidarität und herzensgutes Mitgefühl zu. Würde irgendetwas davon einmal wirklich gebraucht, haben wir freilich ein Problem. Der Wortmüller ist nämlich opportunistisch bis zur Selbstaufgabe. Im Konfliktfall sieht man ihn schnell nur noch von hinten bzw. nur noch die fliegenden Fahnen, mit denen er zu den vermeintlich stärkeren Bataillonen überläuft,  einen großen Haufen nutzloser Wörter hinterlassen, die trocken in der heißen Luft rascheln, die er aufgewirbelt hat, unser Charakter der Woche: der Wortmüll-Werker.