Posted tagged ‘Händel’

The long good-bye (I)

30. Mai 2012

Abschied vom Geddo-Magister?

Faszinierend und wahrscheinlich kein Zufall („Zufall“ ist überhaupt ein unbefriedigendes Konzept, finde ich, alles in allem): Seit Tagen höre ich nur noch Musik, die mit Exil, Exodus und Heimkehr zu tun hat. Erst wars Monteverdis „Il ritono d’Ulisse in patria“, dann, über Pfingsten, Händels Oratorium „Israel in Egypt“ und seit heute früh dreht sich in Kopf und Player unentwegt und mit fast schon enervierender Hartnäckigkeit Dylans „Just like Tom Thumb’s Blues“, allerdings zunächst in der grandiosen, unfassbar larmoyanten Cover-Fassung vom schottischen Alt-Alkoholbarden Frankie Miller (1973) gewinselt, gejammert und geheult; danach vom Meister selbst, staubtrocken, sarkastisch, überdeutlich prononciert, abgründig selbstironisch und immer mit so einem gedehnt höhnischen Unterton, wie es in der Zeit um 1965 („Highway 61 revisited“) halt seine Art war.

In dem Song über den Blues des Däumlings (Literaturprofessoren behaupten, das sei eine Anspielung auf den Däumling-Träumling „petit poucet rêveur“ in Arthur Rimbauds „Ma Bohème“, vielleicht ist aber auch nur die tragisch verblichene Experimental-Dampflokomotive gleichen Namens, nämlich Tom Thumb,  gemeint, die einst in Maryland oder wo gegen eine Pferdebahn siegte und trotzdem nicht rüssierte) geht’s um einen Typ, den es in das Grenzkaff Juarez, Chihuahua, Mexico verschlagen hat, unter Dealer, Huren („Saint Annie“, „Sweet Melinda, the goddess of gloom“) und zwielichtige Heilige, korrupte Bullen und fiese Beamte, und die „hungrigen Frauen“ machen ihn fertig, er ist zu schwach, sich einen neuen Schuss zu setzen, er ist total down und am Ende in der „Rue Morgue Avenue“, wo ihm selbst Arroganz und Negativität nicht mehr helfen, und am Schluss heißt es: „I’m going back to New York City / I do believe I’ve had enough.“ Tja, das kenn ich. Hab wohl auch genug, nach drei Jahren Geddo. Der Däumling geht.

Meine Tage sind gezählt. Damit ihr es fast als erste erfahrt – ich komme nach drei Jahren im Geddo nämlich auf Bewährung raus, ich lege den Blauhelm ab, verstehe ab sofort kein Wort Türkisch mehr und wage das Abenteuer, nach zwanzig Ehejahren, mit der Gattin in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, und zwar in einen bürgerlichen Luxus-Palast mit knapp tausend Quadratmetern, ausgestattet mit mehreren Bädern, privater Tennishalle und Gästefahrrad, in einem gepflegt begrüntem, von der Polizei spezial überwachten Rentner-Reservat voller Rollatorenpiloten und öko-christlicher Mülltrenner.

Wie ich mich kenne, werd ich in der Ruhezone natürlich alsbald wieder zu nörgeln beginnen: Da ist ja nirgends einer auf der Straße! Wo sind die ganzen kurz geschorenen, segelohrigen Schmuddel-Kinder, die schwarzen Dealer, die bulgarischen Eckensteher? Wo das schöne Müllgebirge, die possierlichen Ratten, der ewige Straßenlärm, die keifenden Kopftuchmuttis? Und nachts ist es so still, dass man seinen Herzschlag hört und das monotone Sausen in den Adern! Vor allem aber ist es mit meiner lieb gewonnenen Selbstmystifikation als mönchischem Geddo-Magister vorbei, dem herben Engel der Verwahrlosten, Bescheuerten und displaced persons, deren treuer Tröster und kaiserlicher Türsteher ich war. Circa zum achtzehnten Mal im Leben muss ich mich komplett neu erfinden. Was geht, was hatte ich noch nicht? Was könnte mich noch an mir interessieren? Ich hab keine Ahnung. Aber Juarez, nee, ich glaub, davon hab ich genug.

Heroische Testpersonen probierten übrigens damals, auf der von „Tom Thumb“ gezogenen Dampflokbahn, bei der Wettfahrt 1830 mit der Pferdebahn, ob das menschliche Hirn bei 24Kmh noch in der Lage sei, schriftlich Empfindungen zu protokollieren. Es gelang! Ich werd also wohl weiter schreiben…

Werbung

OSTERBOTSCHAFT

11. April 2009
foto-149

Gerade noch zu glauben: Die Zweifaltigkeit von Bruno Kraska und Reinhard Haneld

PERSÖNLICHE OSTERBOTSCHAFT AN DIE GLÄUBIGEN

 Ich persönlich möchte von den existierenden Weltreligionen eher abraten. Die mosaische Religion ist intellektualistisch, weltfremd und eigentlich nur etwas für Spezialisten, die sich damit beschäftigen, wie viele vollkommen absurde Gebote und Verbote man erfinden kann, um sich selbst das Leben schwer zu machen. Außerdem ist der jüdische Gott eifersüchtig, und eifersüchtige Leute nerven, vor allem, wenn sie wie Jahwe zu überschießender Gewalttätigkeit (Sintflut; Sodom; Gomorrha etc.) neigen. Außerhalb Israels besteht eigentlich kein triftiger Grund, ein besonders gläubiger Jude zu sein. Atheistische Juden sind nach meiner Erfahrung in der Regel jedoch ein sehr angenehmer Umgang.

Das Christentum in seinen ca. 1001 Spielarten stellt, wie schon Paulus andeutete, zwar eine „herrlich verrückte“ Antwort auf die Frage dar, wie bizarr und unplausibel ein Glaubenssystem aussehen muß, damit man daran nur glauben kann, indem man seinen Verstand nach erfolgter Überanstrengung zur Abwrackprämienstelle bringt, aber die Wiedererlangung eines fahrtüchtigen Verstandes ist schwierig und langwierig. Ich weiß aus persönlicher Erfahrung: Wem Mutti erstmal einen Überwachungsgott in die kindliche Seele gepflanzt hat, dem bleibt auch als aufgeklärter Renegat im Hirn ein dauerhafter Schaden: etwa wie eine Art Loch im Zahn. Also besser gar nicht erst damit herumspielen! Man denke: Die Hälfte aller Welthirnschmalzreserven wurde auf den letztlich abgebrochenen Versuch verwendet, zu verstehen, was es mit der trinitarischen Dreifaltigkeit auf sich hat, in der Herr Gott, Gott sein Sohn und Gott sein Geist mit einander selbdritt zugleich unzertrennlich und doch, nun ja, eben zu dritt sind. Wozu soll man denn so etwas glauben?

Dann der Islam: Je nun. Fast alles, was man über ihn sagen kann, hören seine Anhänger gar nicht gern – es sträubt sich ihnen der Bart, sie verbrennen Strohpuppen von einem oder sinnen sogleich auf Massenvernichtung der Ungläubigen. Ein unangenehmer Zug. Übrigens plaudere ich gern ein Geheimnis aus der Häschenschule der Gottesbeweise aus: Der Koran ist gar nicht Gottes Wort! Denn Gott, was immer er sonst ist, ist per definitionem jemand, der seine Groschen beisammen hat und deshalb schon noch weiß, was er sonst noch alles offenbart hat. Der Koran hingegen beinhaltet ein krauses, krudes, nur halbbegriffenes, naives, durcheinandriges, wirres und vom Hörensagen her zusammengebasteltes Konglomerat alter jüdischer und christlicher Erzählungen und Theologeme. Außerdem erscheint es unwahrscheinlich, daß Gott, wenn er etwas extrem wichtiges zu diktieren hat, sich als Sekretär ausgerechnet einen ungebildeten, analphabetischen Kamelkarawanenführer aussuchen würde, dessen vages Gerede man erst fünfzig Jahre nach seinem Tod aufzuschreiben beginnt. Der Koran ist kein Text Allahs, sondern das Resultat einer im sonnenverbrannten, wüsten Beduinenland besonders lang unterwegs gewesenen stillen Post. – Außerdem ist der Gesamt-Islam extrem uncharmant zu Frauen, so was kann ich schon mal gar nicht ausstehen!

So, weiter. Was noch? Hinduismus? Na ja – für unsereinen ziemlich unübersichtlich, oder? Nichts gegen indische Exotik, Gurus und Heilige Kühe, aber die meisten hinduistischen Götter sind philosophische Prinzipien, von denen im Kindergarten die Aufgabe hieß, quietschbunte Bildchen anzufertigen. Ich meine, ich finde zwar diesen einen, wie heißt der noch? Der mit dem Elefantenkopf? Ganeshi? ganz lustig, aber im Grunde kann ich dann auch einen Kult um den bösen Wolf und die drei kleinen Schweinchen machen, – und etwas ernst möchte man doch auch genommen werden!

Bleibt der Buddhismus – schon fas-zi-nie-rend! Es gibt drei Sorten von Buddhismus: Zen, den tibetischen und den richtigen. Letzterer ist übrigens anstrengender, als die meisten glauben. Aber bitte: Wer gern ohne Fleisch, Alkohol, Sex, Spiel und Spaß, Schmuck und Schnickschnack leben möchte und lieber mit schmerzenden Knien im Lotussitz auf den endlich eintretenden Einsturz der Himmel wartet, meinetwegen. Ich frag mich bloß: Wenn es stimmt, daß Buddhisten keinen lieben Gott haben, Andersgläubige nicht hassen und verachten, keine Glaubenskriege führen und niemanden dafür blutig prügeln, daß er etwas anderes denkt – wozu dann überhaupt Religion? Dann kann man ja gleich normal bleiben!

Selbstverständlich schätze ich die kulturellen Mitbringsel der Weltreligionen. Das Judentum hat uns Klezmer, Selbstironie und die Buchmessen beschert, der Christenheit verdanken wir herrliche Kathedralen, die Zwangsneurose und ihre Psychoanalyse sowie in toto das liebe, teure europäische Abendland. Dem Buddhismus danken wir für Sushi, coole Wohnungseinrichtungen und die Kunst des Blumenschießens; nicht zu vergessen den Dalai Lama, Papst für die Verständigen unter den Träumern. Ohne den Hinduismus schließlich kein Bollywood, keine Null (und damit keine digitalen Rechner!) und kein Lamm-Curry oder Tandoori-Huhn.

Und was den Islam angeht, na, dem werden wir schon auch irgendwas verdanken. Alles ist ja auch immer zu etwas gut, selbst eine Katastrophe.

 Wer aber nun, ganz ohne den Schutz, die Versicherung und hirn-schonende Komplexitätsreduktion der Religionen, in der Welt etwas fröstelt, frustet und fremdelt sowie einen gewissen Draht zum Himmel vermisst, dem aber reiche ich ein Trostpflästerchen:

 Besorge er sich die neue CD der Leipziger Sopranistin Simone „the Queen of Baroque“ Kermes mit Händel-Arien, so hat er dem Gesang der Engel hienieden schon einmal lauschen dürfen. Wer sich, sagen wir, die CDs „La Magia Abandonata“ und die neueste, „La Diva“, kauft, der braucht kein sprengstoffumgürteltes Märtyrertum,  der hört den makellosen Glanz, die leidenschaftspralle Fülle und überweltliche Göttlichkeit engelsgleicher Koloraturen schon auf Erden, der nimmt die auf ihren Extrakt, ihre Essenz eingekochten menschlichen Leidenschaften der Liebe, des unerfüllten Begehrens, der Wut und Rachsucht, der Bitterkeit und des Entsagens in einer quasi-himmlischen Verklärung wahr, die überirdisch zu nennen keine Übertreibung darstellt. Wer Frau Kermes’ Händel-Arien lauscht, braucht keine blassen, dummen 72 Jungfrauen! Die sind erstens im Gesang inbegriffen und zweitens darin im Hegelschen Sinne schon aufgehoben und überwunden, sublimiert nämlich und vergeistigt zu reinem Wohlklang. – Und wer nicht in den Himmel will, der soll sich die Musik trotzdem anhören, denn Georg Friedrich Händel feiert heuer das Jubiläum seines 250. Todestages, Anlaß genug, sich dem berauschenden Zauber seiner Opern einmal rückhaltlos auszusetzen. Ist immer noch weniger schädlich als Aberglauben!