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Hirnstaub

23. Juni 2012

Triumph des Willens, der Kraft, der Freude (Source: Wikipedia)

Mutter, die nunmehr wohl schon komplett hemmungslos Wahnsinnige, hatte mich mit Zwetschgen-Knödeln geknebelt. Humpf, humpf. Das Badewasser wurde kalt, die Finger schrumpelten, mein mattes Widerwort erstickte in grünblauem Badedas. Warum trug ich eine Krawatte beim Baden? Und sonst nichts und war nackig? Mutter klopfte mir sanft, aber methodisch mit einem Löffel auf den Kopf. Sie glaubte fest, ich wäre ein Ei. „Eichen, mein selig Eichen…“ summte sie versonnen und salzte mir schmunzelnd den Kopf. Dann sagte sie über mir ein Vaterunser auf, in der Absicht, darauf dann in Andacht und Dankbarkeit mein Eigelb-Hirn zu verspeisen. Ich verschwiemelte glanzlos, und meine verdrehten Augen wurden blau vom Schaum, ich rutschte, fiel, fiel und hatte den Himmel schon weit unter mir. Was sollte mir noch Sinn? noch Zweck? Mit letzter Kraft zog ich Mutter gemein an den dünnen Haaren. Sie, die Entfesselte, schrie schrill auf und holte Gott aus der Kittelschürze, um mich mit seiner Hilfe zu kujonieren. In der Gegenwart des HErrn beschlug jedoch ihre Brille.

Ich nutzte das aus, sprang aus der Wanne und stieß dabei gegen den dicken, hölzernen Vater, der ohne Nutzen in der Badezimmertür stand und fassungslos durch seine 60er-Jahre-Hornbrille glotzte. Ich fühlte mich wie in einem Film von Ingmar Bergmann! – Was für Wirrnis begegnete mir? War dies meine Kindheit? So ein widriger Blödsinn? Aber nein! Das war bloß Traum, Alb, schleimiger Nachtschrecken. In Wahrheit,  und dies zu betonen bin ich der Mutter schuldig, wurde ich nie gezwungen, nackt und mit Krawatte zu baden, sie knebelte mich auch nicht mit Knödeln, und das einzige, was einigermaßen stimmt, ist das mit Gott und dem Vaterunser. Den Rest hab ich geträumt, was freilich keine wirkliche Beruhigung darstellt, weil, bitte, warum träume ich denn heute noch so etwas?

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SPARGELonline ist mal wieder alarmiert: Die Lillipertulaner sind süchtig nach Quiz! – A, B, C oder D? Das ist die Welt-Frage, die Kleinwüchsige umtreibt, quält und beschäftigt! Das Leben ist ja ein multiple choice, ohne Aussetzen oder Publikumsfrage. Kein Telefon-Joker weit und breit. Unerbittlich fordert das Schicksal Entscheidungen und, blöd genug, sie sind immer, wirklich immer falsch. Soll ich in High-Heels sterben? Im Trainingsanzug? Ein Star in Gesang oder Tanz werden? Meine eigene Frau heiraten (vgl. Inzest)? Die Ukraine bokottieren? Oder gar einfach still in fader Bedeutungslosigkeit untergehen? Der Möglichkeiten sind bestürzend viele. Eine gute Muslima reüssiert wegen Kopftuchbehinderung nicht beim table dance, eine bayrische oder gar genuin Paderborner katholische Bauernmagd nicht im lukrativen Pornogeschäft und nie je, traun, wurde ein Zwerg Toptorhüter der Nationalmannschaft: Meine Möglichkeiten sind also begrenzt. Früher, als ich ein blutjunger, rotwangiger Punkrocker war, grölte ich mit Inbrunst: „No future!“ – Heute, wo ich tatsächlich keine Zukunft mehr habe, verstehe ich nicht mehr, was ich daran mal so toll fand.

Ansonsten ist natürlich alles ein Triumph des Willens, der Kraft, der Freude. Lebe deinen Traum! Du kannst Bundesbanker werden, Violin-Virtuose oder Golf-Magier, Hauptsache, du fängst mit drei Jahren an zu üben und sparst auf der Sonnenbank. Wer nur „schlafen, sterben, vielleicht träumen“ möchte wie Hamlet, fällt, padauz, durch den Rost. Karriere zum Knicken. Oooch, schade, aber unvermeidlich. Zum Glück gibt es guten Lebensersatz: Fußball, Olympia, Fürstenhochzeiten, Eurorettung, Rosé-Wein aus Spanien. Vor Fistel und fisten steht im Lexikon: Fiskalpakt. – Pain in my ass!

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Neuerdings habe ich einen Organspende-Ausweis, das ist meine Form von Optimismus bzw. Humor. Wer meine Organe kriegt, dem wünsche ich ja viel Vergnügen damit, aber das soll meine Sache nicht sein. Nach meinem Ableben lege ich keinen Wert mehr auf mich. Meinetwegen können sie auf meinen Knochen Marimba spielen. Akzeptabel fände ich es, wenn mein Schädel als Requisit in der Hamlet-Aufführung eines Behinderten-Theaters Verwendung fände.

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Francis Bacon hat gesagt, er hasse Bilder, die sich reimen, und gute Kunst sei alles, woran man sich hinterher nicht mehr genau erinnern kann. Das kann man so stehen lassen. Texte, die grooven, sind solche, wo man nie weiß, was im nächsten Satz kommt. Manchmal ist es bloß das plötzliche

Aus

Das Geddo zeigt Flagge (Patriotentrost)

14. Juni 2012

Nicht alle Flaggen im Schrank

Nachts um elf am Brückenplatz: Eine wüst schreiende Horde wild gestikulierender Schwarzer stürmt im Laufschritt auf mich zu. Sie schütteln die Fäuste in den Nachthimmel und blecken die schneeweißen Zähne. Hab ich etwa Angst? Ach, I wo! Denn erstens hat mich das Alter und das Leben im Geddo verblüffend angstfrei gemacht, und zweitens, die vermeintlichen Menschenfresser aus den Ölsümpfen Nigerias skandieren ja nur ein ums andre Mal frenetisch „Isch-liebbe-Deutsche-land“, umarmen mich, bedecken mich mit feuchten Küssen, schütteln mir die Hand und rufen „Danke! Danke!“ – obwohl ich streng genommen ja gar nicht mal mitgespielt hatte. Bescheiden abwehrend, und doch auch halbwegs und dezent in den Jubel einstimmend, nahm ich die Huldigungen entgegen. Was hätte ich denn machen sollen?

Der mit Abstand fanatischste und bekloppteste Deutschland-Fan im Viertel hat seinen Ford Mondeo vierfach schwarz-rot-gold beflaggt, die Rückspiegel sind in den gleichen Farben bezogen und dito sogar noch die komplette Vordersitze. Es grenzt fast ans Übertriebene; der gefürchtete deutsche Neo-Chauvinismus wird indes nicht unerheblich dadurch gemildert, dass der Fahrer ein zierlicher, sehr dunkelhäutiger Tamile ist.

„Deutschland! Deutschland!“ rufen die Bulgarenkinder auf der Straße mit leuchtenden Augen und tröten inbrünstig in ihre Vuvuzelas. Vorerst ist es wohl das erste und einzige deutsche Wort, das sie kennen. Aber immerhin. Ich meine – besser als „…deine Mutter!“, oder?

Hell und sonnig lächelnd flattert das schwarz-rot-goldene Fähnchen derzeit auch aus meinem Fenster, und zwar, im Gegensatz zu 2010, gänzlich unironisch und mit Eichendorffscher Treuherzigkeit – ich weiß aber nicht, ob meine Mitbürger den Unterschied zwischen einer ironisch-distanzierten und einer naiv doofen Begeisterungsbeflaggung registrieren. Meine schwarze Flagge mit dem Totenkopf bleibt diesmal im Schrank. Die Piraten-Partei hat mir den Spaß verdorben.

Ein bisschen muffig stellt sich allein der hier ansässige türkische Mittelstand an. Die rote Fahne mit Stern und Halbmond trauen sie sich nicht zu zeigen, wegen der Schmach der Nicht-Qualifikation, aber zur deutschen können sie sich, nach erst dreißig Jahren hier, auch noch nicht recht durchringen. Christliche Nigerianer, diffus synkretistische Roma-Bulgaren und hinduistische Tamilen scheinen mir dahingehend, und das meine ich rein komparativ und ohne rassistische Untertöne, im Durchschnitt geistig etwas beweglicher. Fairerweise muss man zugeben, dass Tamilen, Bulgaren und Schwarzafrikaner auch nicht alltäglich unter dem Ansturm der „Islamophobie“ zu leiden haben. Dauerbeleidigtsein ist halt auch kräftezehrend.

Der Fahnenquatsch kann auch hilfreich und belehrend wirken. Nach drei Jahren, in denen ich sie für die letzten Deutschen im Viertel hielt, erweisen sich meine Nachbarn von gegenüber nun dann doch letztendlich als Polen. Bei dieser interessanten Erfahrung kam mir in den Sinn, dass ich es vielleicht hübsch fände, wenn die Belegschaft in unserem Geddo, wenigstens sonntags etwa, mal versuchsweise identifizierende Nationaltrikots trüge. Ich könnte mir vorstellen, dass dies zu einer differenzierteren Betrachtungsweise unserer Mitbürger führen könnte, ein Gedanke, den ich jedoch noch in der Halbzeit verwarf, da ich, von einer Überdosis Fußball affiziert, derzeit nichts Haltbares zu denken imstande bin, leider.

 

Das Wesen der Ehe

29. Januar 2012

Altägyptische Hieroglyphe. Übersetzung: Für den Seegurch Mikado-Suppe!!

Samstag: Motte und Nobbler durften noch etwas draußen und flogen zusammen über den Fußballteich. Im Einmachglas dabei: Hans Griebel, Nobblers zahmer Seegurch. „Komm“ frohlockte Motte, „lass uns mal Wirklichkeit spielen!“ – „Ooch, nö, nich wieder … – und welche denn?“ nöl-zögerte Nobbler. – „Na, komm schon! Die harte, ganz grause!“ – „Ach so. Na gut…“ – Schon legte Motte los und setzte sein schlimmstes Besorgnisgesicht auf, Mundwinkel unters Kinn geknöpft, und machte so jämmerlich „uuh, ooh, uuh, ooooh!“ dazu, dass der Seegurch erschrocken aufquiekte. „Jetzt müssen wir rasch einen nachhaltigen Geredeschirm spinnen“ bibberte Nobbler, vom Elend der Wirklichkeit betroffen,  und bohrte suchend in der noch kindlich unentwickelten Stupsnase, „damit wir Vertrauen haben. Vertrauen ist nämlich total wichtig! Und auch Wachstum noch!

Motte hatte indes von der Fernseh-Muhme ein niegelnagelneues Blödwort dabei, das jetzt passte: „Ich denke,“ er sog an seiner imaginären Grübelpfeife, „wir sollten auch in der Fläche breit aufgestellt sein...“  Nobbler schob bereitwillig das Bäuchlein vor, um sich breit aufzustellen, nur mit der Fläche haperte es noch einstweilen. „Wir müssen aber auch nach vorne schauen“, schlug er deshalb vor. Besinnliches Schweigen. Eine Weile schauten sie beide nach vorne. Hans Griebel auch. Dann wurde das aber allen fad, denn dort vorne gab es wirklich gar  nichts zu sehen.

Wirklichkeit ist ein ziemliches scheiß Spiel, und überhaupt mehr was für Mädchen – darüber wurden sie alsbald einig und stülpten stracks ihre Antennenmützen aus dem Metaphysikunterricht über, um etwas Himmelsfunk abzuhören, Mangoldengel, Rauschgoldflittchen, Gesänge aus der Offenbach-Offenbarung, das ganze Programm für kleine Visionäre. Hans Griebel bekam die hölzernen Kopfhörer über. Seegurch-Propheten kommunizieren im Unterholzbereich, niedrige Sequenz-Frequenzen, einfache Sprache, große Buchstaben. – Nachdem Samstagabend-„Hosiannah!“ erscholl ihnen aber selbdritt die Stimme des Höchsten: „Wahrlich, es wird eine Zeit kommen, da ihr Käsestullen essen sollt!“  Nobbler hatte zwar „Creme-Schnittchen“ verstanden und der Seegurch schwor, es müsse „Gräten-Rollen“ heißen, aber egal, ein Hörfehler ward ökumenisch ausgeschlossen: Religion macht alle Klein-Gläubigen hungrig. – „Ey, Leute, mal herhörn“, krähte Motte enthusiastisch, „doppelter Hoppel-Galopp! Wer erster im Heim ist!“

Derart lustig flogen die Beine und schepperten die Schulterblätter, dass dem Seegurch in seinem Glashaus die Karussellen klingelten, oder, um ein billiges Wortspiel auf seine Kostenstelle zu setzen, ihm wurde ganz griebelig. Erhitzt, mit quatschnassem Schuhwerk und glühenden Ohren traf man im Turboläum ein, dem Internat für Knaben aus katholischer Bodenhaltung. Die Herbergsmutter, Frau Frerkes, schimpfte pflichtschuldigst ein wenig über die lehmigen Klotschen, schmunzelte aber doch dann gütig durch die Finger und schmierte ihren Rackern Margarinebrote mit Käse – so war es ja geweissagt, im Himmelsfunk! Für Hans Griebel gab es Mikado-Suppe, dann ab ins Regal, Schlafenszeit für Gurchi.

Auch Nobbler und Motte holten sich bei Pastor Meyerbeer, dem Traum-Kastellan, ihr täglich-nächtliches Schippchen Abend-Segen, tranken im Schrankbett noch einen Hustentee mit Honigseim und verklebten die Finger zum Nachtgebet. „Wenn ich groß bin, heirate ich vielleicht Mutter Frerkes“, verkündete Nobbler träumerisch ins Dunkel. Motte lachte sich scheckig! „So’n Quatsch, Mann!“ prustete er, „dann wärst du ja ein voll schwuler Ödipus, Blödi! Nee, da geh ich lieber nach Hammurch-St.Pauli, als Profil-Boxer!“ – Knabengespräche halt, wie sie so oder ähnlich wohl überall geführt werden, wo Gottvertrauen, Unterwasserfußball und schwellende Säfte zusammenprallen. „Mann, Mann, Frau Frerkes, die ist mal bummlich achtunnfuffzig!“ murmelte Motte noch, aber Nobbler war schon eingeschlafen und träumte von Bergen von Bratkartoffeln. – Ach, wehe, sie kommt nicht wieder, die schöne, sorgenfreie Knabenzeit! – Im Traum war Motte übrigens Freigeist, er träumte, er sei ein freigrüner Posaunenpilz und fräße kleine Mädchen. Als Pointe zu schwach, aber in sozialer Hinsicht auch nicht unbedenklich! Freund Nobbler indes träumte von erregenden Bratkartoffel-Verhältnissen. Er war der frühreifere von beiden. Er wusste vom Wesen der Ehe!

Fußball gucken im Geddo

8. Juni 2011

Wer nun? Wie nun? Was nun? Wieder nichts mitbekommen... (Foto: REUTERS)

Zur Strafe, weil Branko unsere Stammkneipe verkauft hat und wieder mit dem Truck zwischen Valencia und Zagreb unterwegs ist, hocken wir alle in seinem Wohnzimmer unter der gerahmten Koran-Sure und trinken Warsteiner. Der Couchtisch biegt sich unter aufgefahrenen Gerichten. Es gibt Fleisch mit Buttersauce, Fleisch mit Käse-Sauce und Fleisch mit Fleischsauce, dazu serbischen Rinderschinken und Lammwurst. So ist das bei Berg-Serben. Ein kleines Schüsselchen Salat ist auch dabei – mit ungeschälten Gurken! „Keine Panik“, brummt Branko, der Ruhe-Bär, „die sind frisch aus Novi Pazar.“ – Sportrentner Horst murmelt: „Datt isset ja, watt mir bissken Sorgen macht…“ und nimmt lieber Rinder-Niere.

Ich versuche, wenigstens mit einem Auge das Spiel Aserbeidschan gegen Deutschland zu gucken, wegen dem wir eigentlich zusammengekommen sind. Hören kann man vom Kommentar nichts, weil der alte Vlado gerade von der Schwarzarbeit zu uns gestoßen ist, mit beachtlicher Schlagseite und großem Erzählbedürfnis, weil, er hat Fliesen gelegt, und da das eine trockene Angelegenheit ist, hat er „alle ch’albe Stunde nur ein Pinneken“ hausgebrannten mazedonischen Schnaps (ca. 55%igen, soweit man das in etwa abschätzen kann) getrunken. Ich kann es nicht lassen und rechne ihm vor, dass das bei zehn Stunden Arbeit aber auch schon eine ganze Flasche Slivo bedeutet. „Nä…“, winkt Vlado ab, „bei Arbeit nur Pinneken. Das mit Flasche war ärrs danach“. – „Na, die Fliesen möchte ich sehn“, hake ich etwas hämisch nach. Sportrentner Horst war mal Handwerksmeister und belehrt mich, um Präzision bemüht: „Die Fliesen, weisse, Proff, die sinn eintlich nich datt Problem – aber die Fugen! Die Fuuugen!

Während Horst mich, den ungebildeten Geisteswissenschaftler, in die Geheimnisse des Fliesenlegens einweiht, beginnt Vlado unvermittelt und laut stark von seiner Militärzeit in der jugoslawischen Armee zu erzählen und hampelt vor dem Fernseher herum, um den Parade-Stechschritt vorzuführen. „Datt se dich mit deine ma knapp einsfümmunnfuffzig überhauppt genomm ham…“ wundert sich der Sportrentner, während ich versuche, Vlado zur Einstellung der Kampfhandlungen zu bewegen, weil ich noch immer was vom Spiel sehen will. „No, genommen scho“, mutmaßt Serbo-Bayer Branko, „nur Gewehr ch’am se ihm nich gegeben, weil ch’at immer so auf  Boden geschleift…“ Vlado startet zu einer langen verworrenen Anekdote, der ungefähr zu entnehmen ist, er sei streng genommen eigentlich bei der Marine gewesen, habe aber wegen „Knappheit von Schiffe“ zumeist in der Kaserne hocken müssen und sei „praktisch immer besoffen“ gewesen. „Nix Geld, aber immer besoffen!“ kräht er ein ums andere Mal, haut mir vor Begeisterung auf die Schenkel und fuchtelt wild vor dem Bildschirm herum.

Ich werde langsam quengelig, weil ich vom Spiel echt nichts mitbekomme. „Wieso?“ fragt Vlado treuherzig, „steht zweinull fir euch. Ch’annst du doch zufrieden sein, Proff. Ihr Deutsche seid nie zufrieden! Immer bloß ch’ewinnen, ch’ewinnen…“ Ich versuche zu erklären, dass es meiner Meinung nach der genuine Sinn des Fußballspiels sei, dass man gewinnen wolle; außerdem wolle ich nicht zusehen, DASS oder gar DAMIT Deutschland gewinne, sondern WIE. „Mir egal, wer gewinnt“, wirft der Sportrentner in die aufbrandende Debatte, „Hauptsache et is dann Deutschland oder der MSV!“  Branko bringt Frischbier und erzählt, dass er in seiner Zeit als Wirt mehrere Müllsäcke voll Warsteiner-Kronkorken gesammelt habe, weil, da stehen nämlich so Nummern drin und damit kann man was gewinnen. „Vielleicht hab ich schon Auto“, sagt er versonnen. Da ich als Magister das Belehren nicht lassen kann, merke ich an, dass er die Korken dann aber auch einschicken müsse. „Kannst du vielleicht über Internet machen?“ fragt er mich hoffnungsvoll.

Vlado ist jetzt auf dem Fußball-Tripp. „Bei uns in Dorf friher“ erzählt er träumerisch und haut mir auf die Schulter, „war zehn Häuser und elf Jungen! Wir ch’aben IMMER gewonnen!“„Ja klar“, sag ich bissig, „weil euch die anderen elf gefehlt haben. Außerdem, nebenbei, kannze ma die Finger von mir lassen? Da wo ich herkomm, fassen sich Männer nicht dauernd an!„Ach, is doch bloß Freundschaft“ verteidigt Horst seinen Freund. – Inzwischen hat Aserbeidschan ein Tor erzielt. Wir jubeln kurz solidarisch, auch wenn Branko meint: „Das ham die bestimmt gekauft!“„Wieso denn“, wird er zurechtgewiesen, „das ist noch nicht in Serbien!“ Die Erörterung der Frage, ob Mazedonien, Montenegro oder aber Slowenien („Nä, datt war Handball“ weiß der Sportrentner bescheid) Weltmeister der Sportkorruption sei, läuft noch, da ist das Spiel vorbei. Ich glaube, wir haben gewonnen. Beim Abschied heißt es: „Proff, schön, dasse gekommen biss! Lass uns bald ma wieder schön Fußball gucken. Vielleicht bei die Fraun, demnäx.“ Na, da wird was los sein.

Der Dichter auffm Platz

1. Mai 2011

Traumfußballer Rilke

Nach einer ohrenbetäubenden „Party“, während derer ich es leider versäumte, erfolgreich in den Mai zu tanzen, dämmerte ich selig in der Stille eines zwar abgeranzten, aber himmlisch verkehrsberuhigten Düsseldorfer Bloß-Drei-Sterne-Hotels dahin; im Morgengrauen aber, ich schwörs, träumte mir, vage Dortmunds Meisterschaft noch im Hinterkopf, in etwa das folgende Gedicht mit Sportbezug, das ich nach dem frugalen, aber hinreichenden Frühstück vorsichtshalber notierte, weil, man kann nie wissen, wozu das mal gut ist. Es, das geträumte Gedicht, trägt den unergründlichen Titel:

WENN DICHTER FUSSBALLPROFIS WÄREN

Oh, des Sängers Bestürzung:
Seht ihr, Rilke, der unsterbliche Rainer,
Maria! Er geht vom Platz,
Nicht geschlagen, doch verletzt,
Tief verwundet vielmehr von der Vielen
Blicke Unvernunft. Den Hibiskus gerissen,
Den Versfuß schmerzvoll abgeknickt, des Balles
Engelgleichen Flug verfehlt darob, so
Tritt ein Heros ab, reimlos, der Seienden Beispiel und
Unerbittliche Mahnung.

Vergeigt den Elfer, den Jambus verstolpert, oh
Des Tragischen wilde hitzige Wut! Des Spieles Seele
Schnöde ausgewechselt zur Halbzeit. Nur ein
Wunder noch bürge für Hülfe und Rettung itzt
In letzter Not, doch schrillt schon ohn’
Erbarmen die kalte Pfeife des Richters, Bitteres
Kühl zu besiegeln.

An die marmorne Wade des Helden
Schmiegt sich heiß die Wange des Fans,
Trostbedürftig und kindisch im Weh, das
Namenlos webt im Herzen der tragisch
Besiegten. Auffliegt ihr Mut nur
Im Letzten. Schaut die Gebärde
Des hinkenden Gottes: Rilke! Er ist’s:
Rilke hinkt, aber sinkt nicht, – er winkt!

Und singt, wahrlich des unsterblichen
Balles Rundgesang, auf der PK noch ganz Barde: Alles,
So Rilke, wir haben wahrhaft ALLES
Gegeben, doch hat der Sieg
Nicht sollen sein. „Ein Scheiß zwar das alles“, so ferner
Der ruhmreiche Rilke, aber wahrlich, im Angesicht
Des allzu fernen Gottes und seines
Glückes unsichrem Bestande: – „Was
Für ein Scheitern!“

Summertime Blues: Schwarz-Gelb, Schwarz-Rot-Gold, Schwarz mit Totenkopf

10. Juli 2010

Deutschland hat Fieber

Schlaand schmilzt. „Brüh’ im Glanze, deutsches Vaterland…“ sang einst diese eine Schlagerblondine O’Connor. Alles lachte. Heute stimmt es ja. Deutschland hat hohes Fieber: Mit 41°C im Schatten griff es gestern Südamerika in der Kernkompetenz tropischer Temperaturen an. Aus grauen Häusern hängen hechelnd schlaffe schwarz-rot-goldne Hundezungen. Die Wunden sind geleckt. Was bleibt, ist morgen vorbei.

Mir fällt dabei ein, dass in meiner Kindheit Blinde, Versehrte oder sonst wie Behinderte immer so gelbe Armbinden trugen mit drei schwarzen Punkten drauf. Ich hoffe, die machten das wenigstens freiwillig und nicht von Staats wegen verordnet. Jedenfalls schienen sie mir diese Binden mit einem ähnlichen, etwas pampigen Trotz zu tragen, mit dem heute unsere Nationalfahne überall aushängt.

Weil unsere Fußballnationalmannschaft zwei, drei Mal ganz gut gespielt hat, brüllt die Medienbande schon wieder euphorisch, bzw. von sich selber hemmungslos enthusiasmiert, das „Deutschlandbild der Welt“  hätte sich geändert. Man hat uns wieder lieb, seit unsere Sturmtanks nicht mehr Fritz, Hanz und Walter heißen, sondern Mesut, Mario, Miroslav und Marko.

Kein Zweifel: Hier wohnt Kraska

Oder Merkel. Das putzig-pummlige Merkel im roten Zipfelmäntelchen hat sich die Sympathie der Weltgemeinschaft erjubelt, beim Fußball, wie es bei Toren immer so herzig-kindlich aufspringt und in die Händchen patscht. Selbst ich war gerührt, als das Merkel beim 3:0 gegen Argentinien so verzweifelt wie vergeblich ihre Umgebung nach jemandem absuchte, dem es zum Torjubel in die Arme fallen konnte. Aber Pustekuchen! ringsherum nur sture schwarze Staatsbeamte! Der Außenguido war offensichtlich nicht anwesend, um mit dem Merkel wenigsten die „la-Ola“-Westerwelle zu machen. Interessiert sich wohl nicht für Fußball, der Herr. Das wird sich das Volk zum Übelnehmen notieren, wenn es mal wieder kühler wird.

Und sonst? Die Zeit ist aus den Fugen. Das Öl verrinnt ins Meer, das Geld im Nichts, die Zukunft schmeckt schon jetzt irgendwie komisch. Das Gras in den Städten ist verbrannt. Ich sitze vor dem Ventilator, die Augen vom Ozon gerötet, und warte darauf, dass etwas geschieht. Alle anderen, scheint mir, tun dies auch.

Aus meinem Fenster hängt übrigen auch ein nationales Fähnchen. Heut oder morgen ersetze ich es durch eine große schwarze Piratenflagge mit Totenkopf, die ich bei Neckermann (!) gekauft habe. Eine gelbe Fahne mit drei Punkten gab es nicht.

PS: Wenn ichs richtig mitgeschnitten hab, hat Diego Maradona gelobt, er gäbe seine rechte Hand für den WM-Titel. Ich glaube ihm das. Es gibt Länder, die in einer Art permanenter hysterischer Paranoia leben. Oder schizoider Paralyse, was weiß ich. Meine Frage ist, was mit der Hand (der „Hand Gotttes“!) im Erfolgsfalle geschehen wäre. Hätte man sie sachgerecht amputiert und im Fußball-Museum von Buenos Aires in Spiritus konserviert ausgestellt? Oder, ein klein bißchen anders gefragt, könnte es Leute geben, die definitiv nicht mehr zu retten sind? Und was ist mit der indigenen Religiösität der Südamerikaner los? Der größte Idiot wird jetzt Gott, oder was? Graf Koks und der unsportlichste Fußball aller Zeiten = Quetschlkotlzquatzl, oder wie der bei denen heißt? Größter anzunehmendender Medienklotzkopfknaller? Echt? Arriba, companeros! – Na, dann lieber die Deutschen und die Holländer an der Spitze, doof, dröge & käsig-europäisch, aber immerhin noch im Besitz ihres Restverstandes!

So viel zu Fußball, der danebensten Herrensache der Welt!

Praktizieren Sie Fußball?

2. April 2009
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Immer populärer: Nicht-Handeln (erhöht Durchblick!)

SUPERMARIO UND DAS TAO DES ALLTÄGLICHEN KRIEGES

Hat das einer gesehen? Habt Ihr das gesehen? Fußball gestern? Deutschland vs. Wales? Da konnte man etwas lernen, fürs Leben! Als „einsame Spitze“ praktizierte dort im Auftrag seines Kriegsherren Meisterjogi Löw der Hispanoschwabe Mario „Super, Mario!“ Gomez fußballerisches Torjägertum in der Manier der Schattenkrieger oder Terrakotta-Soldaten, mit anderen Worten, es kam eigentlich jetzt speziell erstmal nicht viel dabei heraus. Ihm wollte einfach kein Tor vor die Flinte kommen. Schon im Schwarzgeld-Krieg gegen das Bergvolk der Liechtensteiner hatte sich der große Krieger aus der lebensfeindlichen Wüste „Stuttgart“ rätselhaft zurückgehalten. Pfiffe waren aber unfair. Vielleicht hat der Jäger ja ein Gelübde abgelegt, weil er lebende Tore viel schöner findet als geschossene?

 Nein, vielmehr noch ganz anders! Supermario ist, wie ich, ein Adept der taoistischen Kriegskunst des Nicht-Handelns. Gerade als Stürmer in der einsamen Spitze sollte man so wenig herumlaufen wie möglich, damit man nicht im Weg steht, wenn es mal gut läuft. So drückt es Meister Wang Bi, Kommentator des Tao te-king aus dem 3. Jh. Vor unserer Zeitrechnung aus:

 Wenn man „nicht zu handeln wagt“, dann vor allem, um nicht das Geschehen zu behindern, was sonst von selbst geschähe. 

Der moderne Kommentator, Sinologe François Jullien, erläutert:

 „Es gibt in der Tat zwei verschiedene Logiken: zum einen die des Aktivismus, der eine Logik der endlosen Verausgabung (vgl. Phillip Lahm! – Kraska) und Akkumulation ist und der nach der Maxime immer mehr handelt…., zum anderen die Logik, derzufolge man seine Einmischung und seine Geschäftigkeit immer weiter reduziert. (…) ’Weniger und weniger tun, bis hin zum Nicht-Handeln: handelt man nicht, gibt es nichts was nicht getan wird’. Der Nullpunkt des Handelns, den man dann erreicht, entspricht der vollen Entfaltung der Wirksamkeit…“!

 Und? Genauso kam es! Nicht-Taoisten konnten es kaum fassen, trotz Zeitlupe und Video: Das konsequente, ja, man könnte sagen: unerbittliche Nicht-Handeln des jagdlich totalabstinenten Torjägers ließ den Feind in die Knie brechen, bzw. in Form von Wales-Verteidiger Ashley Williams den Ball wie ferngesteuert ins eigene Tor schießen! Gomez stand dem nicht im Weg, und darum ging es schließlich.

 Das aber, Freunde asiatischer Weisheit, nenne ich nun das Tao des alltäglichen Krieges:

 Durch Nicht-Handeln den Feind zum Eigentor zwingen!

 Na los, was ist? Versucht das ruhig mal! Übt das Nicht-Handeln! Praktiziert das Tao des Fußballs!