Archiv für Oktober 2011

Kreisförmiger Bildungsweg (Alles hängt zusammen)

31. Oktober 2011

Jehova zupft am Gallenblasenmeridian (Bild: Fritz Koch-Gotha)

„Au! Auaahhh!“ –„Tut’s weh?“ fragte die junge, kräftige Dame interessiert, vor der ich ausgeliefert und entblößt hingegossen auf der Streckbank lag, und stach mir weiterhin genüsslich lange Nadeln in meine empfindlichsten Teile, das große, gut durchblutete Ohr etwa oder diese eine feine, zarte Stelle, wie heißt die jetzt, da ganz hinten unten, unterhalb des Fußknöchels, und ich greinte tapfer durch die Zähne, ja, es zwiebele in der Tat schweinemäßig, und sie flötete „sehr gut!“, und nein, ich war nicht im Domina-Studio, sondern bei meiner Heilpraktikerin, die sich sicher war, mein Schmerz sei das positive Anzeichen dafür, dass sie mit ihren Stichen „genau den Gallenblasenmeridian“ getroffen hätte. „Annemie“ schrie ich schließlich geistesgegenwärtig, „tu die scheiß Nadeln’raus, so etwas wie einen „Gallenblasenmeridian“ GIBT ES DOCH  ÜBERHAUPT NICHT!

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 Menschen glauben, wenigstens im Alltag, gern an kryptische Verbindungen, Korrespondenzen, Interferenzen und mysteriöse Kontiguitäten. Magie und Alchymie regieren die Welt! Geheime Verbindungen, unterirdische Ströme, verborgenene Interaktionen, Meridiane & homöopathisches Gedächtnis des Wassers! Alles hängt mit allem zusammen! Das Dasein ist gewissermaßen ein Kabelsalat – fände man nur das richtige Ende, bekäme man alles in den Griff und würde ein ordentliches, übersichtliches und aufgeräumtes Leben führen.

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 Meine heutige Physiognomie und Gestalt (Bauch, lange Nase, Nickelbrille, extrem große Ohren) verdanke ich einer Begegnung vor mehr als einem halben Jahrhundert. Damals mopste ich mich, mopste mich so sehr, dass ich fürchtete, an Langweile zu sterben. Dies lag an der desolaten Situation des Entertainments. Wer Musik hören wollte, musste sich welche pfeifen, wer Fernsehen wollte, musste auf einen Hügel steigen. Hügel waren in meiner flachen Scheibenweltheimat aber derart rar, dass eigens Schulausflüge dorthin organisiert wurden; unvergesslich waren diese Ausflüge freilich nicht, denn von der kleinen Erhebung aus sah man nur in alle Richtungen bis zum Meer sich erstreckende, schier endlose grüngraue Flächen, auf denen banale Kühe weideten, und auch die waren bloß in schwarz-weiß.

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 Um der Langeweile zu entgehen, beschloss ich, mir das Lesen beizubringen. Mit fünf scheut man Herausforderungen nicht. Zur Verfügung standen im illiteraten Haushalt meiner Eltern nur drei Druckwerke: Die alte Familienbibel, in Frakturschrift, ein Katalog für Zucht-Erdbeeren (mit Bildern, aber ödem Text) sowie – die „Häschenschule“, ein Bilderbuch von Fritz Koch-Gotha, mit einfältigen Verslein in Schreibschrift, aus dem Jahre 1924. Dieses Fibelchen wurde zur Grundlage meiner Bildung. Zunächst dämpfte es meine Erwartungen die Schule betreffend. Der Lehrer in der Häschenschule war ein sackgrober, unheilvoller Pauker, der die zarten Ohren seiner Häschenschüler zwiebelte. Er machte mir Angst. Ich war ein Kind! – Und heute? Als einziger Absolvent der Häschenschule habe ich es auf die Universität geschafft, und mehr noch, bin als Lehrer ein alter Hase geworden, zwiebele gern junge Leute und sehe haargenau so aus wie der alte Hasenpauker! Unheimlich, oder? Eher nicht? Wie wäre es dann mit folgendem?

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 Über Jahrzehnte verfolgte ich das Leben, Weben und Streben eines avantgardistischen deutschen Medientheoretikers namens Friedrich Kittler. Ihn zu lesen fiel mir nicht ein, denn allzu überkandidelt und postmodern durchgeknallt erschien mir das krause Werk, zu eitel und originalitätsbesessen. Letzte Woche nun, ich schrieb an einem Vortrag über die Kulturgeschichte des Lesens, las ich ihn dann, nach Jahrzehnten wie gesagt, endlich doch einmal, guckte mir den Videostream eines seiner Vorträge an und zitierte ihn sogar abends. Zwei Tage später erfuhr ich: Kittler war exakt an diesem Tage, dem 18. Oktober, gestorben! – Na? Schon unheimlicher? Aber noch nicht genug!

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 Zu den miesesten Aufgaben meines Privatgelehrtenlebens gehört es, dass ich der Institution, an der ich den Hasenlehrer mache, immer schon ein knappes halbes Jahr im voraus schriftlich zu melden habe, was ich im nächsten Semester zu lehren vorhabe. Doof ist das insofern, als ich nie den geringsten Schimmer habe, was mich in einem halben Jahr vielleicht interessieren wird – ich andererseits nur Vorträge über Dinge halte, die mich gerade beschäftigen. Ein Dilemma! Mühsam rang ich mir das Vortragsthema „Vom Unheil der guten Absicht – Ethik in einer komplexen Welt“ ab. Keine zwei Stunden später schlag ich den SPIEGEL auf – und finde einen Aufsatz von H. M. Enzensberger zu EXAKT dem gleichen Thema. Irre! So schließt sich der Kreis.

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 Welcher Kreis? Der meines Bildungsweges. Nach Absolvierung der Häschenschule errang ich das Abitur – mit einer Deutscharbeit über nämlichem H. M. Enzensberger, dem ich in der Klausur – schwunghaft drogenbeflügelt – vorwarf, kein konsequenter Revolutionär zu sein. Es begab sich dies auf dem Höhepunkt der 68er-Wirren und deshalb bekam ich dafür eine 1,0. So märchenhaft begann meine Karriere als unbezahlbarer Privatgelehrter.

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 Die Familienbibel hab ich später auch noch gelesen. Verdammt scharfes Buch. Trotzdem, die frühzeitige Lektüre hat bei mir auch Verwirrung ausgelöst. Noch immer drängt sich in mein Jehova-Bild der alte Ohren zwiebelnde Lehrerhase. Mit einem Schuss Enzensberger. Hängt alles irgendwie zusammen!

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Frühstückskriminalistik (Die lügnerische Tochter)

24. Oktober 2011
So ginge es natürlich auch. (Foto-Quelle unbekannt, natürlich)

Herrlich kommodes, besinnliches Eheleben: Am Wochenende nach dem Frühstück beim Kaffee sitzen und, obwohl wir beide nicht katholisch sind, die Samstagsausgabe der „Rheinischen Post“  teilen. Egal, gerade deswegen: Katholisch erwachsen gemeinsame Zeitungslektüre, einhellig zwischen Weltverachtung und Realitätsverblüffung, Lachen und Kopfschütteln, Suizidneigung und Lebensjubel, usw. – Der Blick der Gattin wird erst beim Anzeigenteil wach. „Hör mal…“, sagt sie plötzlich und runzelt grüblerisch die Stirn, „… hör doch mal!“

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 Der Text der kryptischen Anzeige aber lautete, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr, so:

 „Für meine Tochter

Bitte nicht weiter lügen.

Ich weiß Bescheid, dass Umzüge

laufen. Bin zu einem Gespräch

bereit und stehe hinter Dir.

Kommt bitte beide vorbei.“

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 Nach hinreichend langer Ehe sieht man nicht nur die Filme im eigenen, sondern auch die im Kopf der Gattin ablaufenden, und das kann beunruhigend wirken, wegen der Kontraste und, nun, der … Interferenzen. Stumm telepathisch einig waren wir Frühstückskriminalisten uns immerhin darin, dass die Annonce von einer Mutter stammen musste. Männer begehen nicht diese Art Denkfehler. Auch die Überlegung, wie viele anonyme Töchter sich durch die Botschaft einer namenlosen Mutter angesprochen fühlen dürften, war uns gemein, desgleichen, dass man unter „beide“ wohl das gleißnerisch verlogene Fräulein Tochter sowie ihren obskuren Lover, Stecher oder Schwängerer  zu vermuten hätte. Vielleicht ja ein Türke! Zum common sense durfte ferner gehören, dass ein Vater niemals mit „beiden“ sprechen wollen würde, sondern sich wohl vorerst den Knilch, das Jüngelchen, den „verdammten Frechling“  zur Brust genommen hätte.

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 Bedrohlich und kontrovers beurteilt wurde indes die unheilschwangere Andeutung, dass „Umzüge laufen“. Umzüge! Man bedenke das! Und sie „laufen“ bereits! Wieviele Leute ziehen da um, nomadisieren, wechseln ihre Adressen, verschwinden und sind womöglich nur noch durch Zeitungsanzeigen auffindbar! Der Abgrund eines ziemlich verzweifelten Durcheinanders tut sich auf. Man sollte die Polizei einschalten, oder besser noch RTL.

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 Meine lässig hingeschlenzte Bemerkung, „bitte nicht weiter lügen“ sei ja nun freilich eine Aufforderung, die gerade an mutmaßlich pubertierende oder bereits adoleszierte Töchter definitiv eher verschwendet sei, bedachte die Gattin mit kaltem Blick. Mütter! Andererseits ist dieses penetrante Bescheidwissertum ja nun typisch für Mütter, oder? Dass Mütter immer über alles Bescheid wissen, nervt und ist gerade kein Grund, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Andererseits, zugegeben, gehört es ebenfalls zu ihrer Definition, immer hinter einem zu stehen. Das ist gewiss ehrenwert. Aber sollte man deswegen gleich ein „Gespräch“ mit ihnen suchen, den Müttern?

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 Andererseits aber: Warum lügt diese Tochter denn nur immer? Und warum hat sie keinen Namen? Sie heißt doch bestimmt Chantalle, Jaqckeline oder wenigstens Jassmin-Nikolle? Ist sie vielleicht bloß untergetaucht („umgezogen“), weil sie es satt hat, von ihrer Mutter mit Zeitungsanzeigen terrorisiert zu werden? Könnte doch sein! Wär ja nun nicht das erste Mal.

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 Der Fall bleibt ungelöst, vorerst, und ohne Pointe. – Also wenn die Tochter dies liest, soll sie sich bitte melden. Bald und egal wo, ich bin da und gesprächsbereit.

Letzte Ausfahrt Lummerland

24. Oktober 2011

Lange war er tot – jetzt geht er wieder arbeiten... (Foto: Wikipedia /Joachim Hensel-Losch (Benutzer:Idler)

Ein bucklicht Männlein steht im Fernseh, leider nicht still noch stumm. Trug er nicht einst ein rotes Mäntelchen? Wuchs ihm nicht die Nase lang? Ich kenn ihn noch aus Kindertagen. Er war der Vorgänger von Helmut Kohl, glaub ich, ein Kinderschreck zwar, aus frühen Zeiten der Not, das ja, aber lieb letztendlich, wussten wir doch: Der tut nichts. Der schwätzt bloß, weil Reden ist ihm wie Atmen, wie eitel Wörter-Dampf und schön muggelig lauwarme Luft, ein Medium zum Leben, eine Labsal in Wintertagen, ein Kunstfurz im weinroten Fuseldunst des Berliner  Allerlei, die Fleisch gewordene Glühweinwürze im grauen Flanell des Politikerkostüms: Der kleine Oskar „La“ Fontaine. Was für ein Mann! Der kleine Prinz von Phantasialand! Ein wahrhaft seltener Auskenner, generöser Bescheidwisser und pastos-barocker Überflieger, ein Intelligenzquotienten-Prätendent und Eloquenz-Kasperl der historischen Spitzenklasse. Noch kleiner als Napoleon, aber Ego wie ein Riesenrettich! Oskar der Unverwüstliche, gebenedeit unter den Profeten, gefeit gegen Attentat, Krebs und den grausen Hirnschwurbel. 

Lange war er tot, stand schon in den Geschichtsbüchern, jetzt ist er wieder da, geistig ungemein rege, gebadet in der phantastischen Kraft des Kontrafaktischen: Ein Stehaufmännchen par excellence, eine Fußnote auf zwei kurzen Beinen nur, aber vital wie ein linksdrehendes Joghurtbakterium, agil wie ein Springteufel, kurz: der Mann der Stunde! – Wenn eins schon mal im Fernseh ist, muss man was sagen. Das ist öffentlich-rechtliches Grundgesetz: Reckt sich wo fragend-erigiert ein Mikrofon, muss man Prägnantes in den Äther hauen. Was denn? Egal. Hauptsache Statement und knackig, ein Wort, das die schwer behämmerte, prä-letal dahindämmernde Anhängerschaft aus den roten Socken haut und zu Ovationen hinreißt. Also bläst der Clown mit der expressiven Mimik eines Koala-Bären die Backen auf und spricht, ohne zu blinzeln oder zu lachen, in die Kameras und Kamaretten das Wort zur Bankenkrise:

„Eigentum entsteht durch Arbeit!“

Einen Moment lang fliegt ein Engel durch die Stube, eucharistische Stille herrscht und frommes Verzücken. „Was?“ raunt es im Publikum:  „Was hat er gesagt?“  Doch, doch, er hat gesagt und es auf den Punkt der Tatsachen gebracht: „Eigentum entsteht durch Arbeit!“ Arbeit, schöne Tochter aus Elysium, das Gebiet, auf dem sich Oskar auskennt wie in seiner Brieftasche. Par bleu, da ist er wieder, der wegweisende Diplom-Weltökonom, der hochmögende Wallstreet-Fighter, der eingeborene Sohn von Herrn Marx und Frau Engels, und erklärt, wie Wirtschaft geht, zumindest daheim, im linken Lummerland.

Über sprachliche Verbringungsarten

13. Oktober 2011

Trotz Orden: Goethe sprach nicht bundeswehrisch!

Meinen Abi-Nachhilfis, die im Migrationshintergrundsumpf stecken geblieben sind, pflege ich immer zu predigen: Leute! Kiddos! Bambini! Çocuglarım! أطفال 

– lernt mit Fleiß fremde Sprachen! Wobei ich mit „fremd“ jetzt durchaus nicht eure Muttersprache sowie die einstweilen hiesige meine, die solltet ihr eh beherrschen, sondern noch ganz andere! Pfingstliche Polyglossalie gehört zu den skills, die ihr bringen müsst, um auf dem Arbeitsmarkt mengenmäßig krass viel unbezahlte Praktika zu ergattern! Wer von Lissabon bis Islamabad an der Rezeption in der jeweiligen Landessprache Beschwerde über das defekte Klo führen kann, oder gar in fließend Einheimisch zu monieren imstande ist, es hänge „da oben anner Decke so’n komisches Tier“, – aus dem wird mal was!

Meine eigene Sprachbiographie widerspricht dem allerdings. Ich musste zunächst Sprachen von Ländern lernen, in die ich entweder nie hin – oder aus denen ich schon immer weg wollte: Latein, Altgriechisch, Plattdeutsch, Urdu. Vorerst lernte ich aber Schulenglisch, leider bei einem ultra-extrem oxfordianischen Oscar-Wilde-Anhänger, mega-sophisticated, aber mit der Folge, dass ich noch Jahre später, in Chicago, Illinois, wo ich vorübergehend kurz Wohnsitz nahm, überall für schwul gehalten wurde. Nicht schlimm eigentlich, es sei denn, man hatte sich vorgenommen, das überaus faszinierende Volk der US-Amerikaner kennenlernmäßig von der weiblichen Seite her aufzurollen.

Zuvor schon hatte ich mich zunächst aufs Italienische gestürzt, wegen einer venezianischen Verlobten namens Luigiella; dann, weil ich als Historik-Student der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, zwecks höherem Verständnis der dänischen Arbeiterbewegung,  einen Schein in der Sprache unserer Erbfeinde machen musste, lernte ich im Chrash-Kurs Dänisch, was mir so lala zu gute kam, als ich mich in Mittelschweden als Strohrum-Schmuggler-Gehilfe  zu orientieren hatte. Eine unausschöpfliche Quelle kindlichen Vergnügens hingegen besteht im Geddo darin, türkisch zu verstehen, es sich aber nicht anmerken zu lassen. Türken sind unglaublich vertrauensselig!

Natürlich kann man sein Leben auch damit zubringen, Deutsch zu lernen. Ich kann Goethe-Deutsch, Geddo-Speak, ein bisschen Ärzte-Sprache (das haben die gar nicht so gern, wenn man mit ihnen in ihr eigenen Kauderwelsch plaudert!) sowie ganz gut juristisch, wenn auch nicht fließend. Jetzt habe ich mir vorgenommen, noch Bundeswehrisch zu lernen, denn das bietet einem völlig neue Perspektiven. Zum Beispiel: Wie heißt es auf bundeswehrisch, wenn einer unserer geheimen KSK-Kämpfer in Afghanistan mit dem Fallschirm abspringt? Das heißt, ehrlich wahr jetzt: „Verbringungsart: vertikal“, und zwar tunlichst unter Verwendung eines „luftbeweglichen Starr- oder Drehflüglers“ (deutsch: Flugzeug oder Hubschrauber), welcher zumeist dem „Eigenbestand“ entnommen wird. Dem Taliban seine Toyata-Pickups zu mopsen nennt man hingegen „Fremdgewinnung einsatzfähiger Transportmittel aus gegenerischen Beständen“.  

Natürlich darf so nur ein Staatsbürger in Uniform sprechen; alle anderen würden wohl in die Klappse gebracht, wobei die Verbringungsart eher horizontal sein dürfte.

Romantik? Is‘ mit Sehnsucht, oder? (Aus meinem Tagebuch)

10. Oktober 2011

Romantik ist mit Sehnsucht, aber oft ohne Frühstück...

Polaroid von mir: Da kommt der König des Geddo! Altmagister Kraska walzt nächtens zu fuß, majestätisch seinen Embonpoint vor sich herschiebend wie den Bug eines äußerst selbstbewussten Öltankers, leicht schwankend über den Brückenplatz, steuert eine Gruppe schwarzer, des nachts aber noch erheblich schwärzer wirkender Ganja-Anbeter und Vielbier-Trinker an, teilt diese wie das Rote Meer, schreitet gemächlich durch sie hindurch, als wäre er von einer Uno-Blauhelmtruppe eskortiert und komplett immun gegen Anfeindungen und Zweifel jeder Art, grinst dabei auch noch doof herablassend und macht dazu ein Gesicht, das mimisch besagt: „Ja? Waas?!“ – Und? Kriegt er aufs Maul? Iwo! Rätselhafterweise nicht, im Gegenteil, ehrerbietig bildet das Zwielicht-Volk eine Gasse und lässt ihn sanftmütig passieren! – Bang frage ich mich, seit wann ich eigentlich dermaßen angstfrei bin. Ist es der Wein? Oder ist bereits das ein Anzeichen nachlassenden Lebenswillens? Geht es zu Ende mit mir?

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Wunderlich scheint mir auch, dass ich in erotischer Hinsicht, nach Cellistinnen, Friseusen und Sport-BH-Trägerinnen, nunmehr und gegenwärtig stark von barfuß singenden Soulschnepfen angefackelt werde? Ich wusste gar nicht, dass Senilität so bunt ist!

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Wenn nachts das Telefon in meinem Schlafbüro klingelt, dessen Nummer fast keiner kennt, kann es eigentlich nur Boris sein, mein Philosophen-Kollege, der Ex-Militante und gewesener Berliner Landesjugendmeister in der Kategorie „Forensisch relevantes und entsprechend kostspieliges Pflasterstein-Schmeißen“, dessen Doktor-Arbeit ich einst betreuen durfte (vgl. Boris Raskolnikov-Bronski, „Stein und Sein. Die Metaphysik der Überschreitung im Lichte hermeneutischer Ästhetik“, Heidelberg 1999); wenn ihm nach Telefonieren ist, liegt er meist, Unmengen von Absinth ohne Eis und Wasser vertilgend, in seiner Wohnbadewanne mit Blick auf den Zentralfriedhof, und äußert teils finsteres, teils aggressiv feindseliges, kulturpessimistisches Gedankengut.  Was uns zusammen schmiedet, ist unsere suizidale Neigung: Boris schläft mit dem Kopf im Gasofen, ich horte Pillen und übe Segler-Knoten an eingeseiften Hanfseilen. Wir sind beide noch am Leben, weil wir uns nicht einigen können, wer auf wen die Grabrede halten darf. Wir haben beide so gute Ideen!

Nach ca. drei, vier Stunden sind wir fertig mit Telefonieren, bzw. ich kann nicht mehr. Ich werde alt, Mensch! Boris, der gelegentlich leichte Züge von hereditärer Homophobie an den Tag legt, sagt noch: „Mann! Wie Mädchen! Wir telefonieren wie Mädchen!“ Dann ist es irgendwie zu spät, noch ins Bett zu gehen und zu früh, um Frühstück zu machen. – „Mein Gott!“, die Gattin schüttelt den Kopf, „Worüber zum Teufel UNTERHALTET ihr euch denn so lange?!“ „Darüber, dass alle außer uns doof sind“, entgegne ich betont beiläufig. – „Ach“, versetzt die Gattin nicht ohne Sarkasmus, „und dafür braucht ihr VIER Stunden?“

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 Nach früher Kälte noch mal Föhn. Die Fenster stehen auf und der warme, nächtliche Wind blättert in den aufgeschlagenen Büchern über das Wesen des Lesens, die sich auf dem Schreibtisch stapeln. Wer so etwas poetisch findet, kann nur ein sentimentaler alter Idiot wie ich sein. Machen wir uns nichts vor: Ein Großteil sogenannter Lyrik beruht auf peinlichen Klischees, das lässt sich kaum leugnen.

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 Azzize, die ich im Auftrag von Boris durchs Deutsch-Abitur peitschen soll, ist ein olivfarbenes, großes Fragezeichen mit seitlich so riesen Kreolen dran. Wir sollen steinalte, bemooste Gedichte verhutzelter Frömmlerinnen interpretieren. „Barock?“, murmelt Azzize ratlos, „nee, keine Ahnung. Ich hör mehr Old Scool, Jay Z und P. Diddy, kenn’ Se die?“ Ja, stell Dir mal vor, das kennt der alte Mann, Kiddo! – „Barock mehr so als … Epoche“, souffliere ich. Azzizes Gesicht hellt sich auf: „Ach, ja, Epoche, klar, wie Romantik oder? Romantik ist doch das mit Sehnsucht, ne?“ Na ja, in etwa kommt das hin.

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 „Boris!“ krähe ich ins Telefon, „kann es sein, dass unsere Schulbürokratie ein ziemlich zynisches Schweinesystem ist, das hauptsächlich Migrantenkinder verarscht?“ Ich soll nämlich inskünftig Murat, Emre, Gülter und Azzize (13. Klasse) Thomas Manns Schnarchsack-Wälzer erklären, aber pronto und inert vier Wochen. . „Manno, Boris“, jammere ich, „die können doch noch nicht mal ’ne Backpulveranleitung von Dr. Oetker kapieren!“ – Boris in seiner Wanne zuckt hörbar die Achseln: „Du wolltest doch die aussichtslosen Fälle!“ – Das hat man von seiner scheiß Phillipp-Marlow-Romantik!

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 Alle, die das Wohnzimmer der alten Bundesrepublik möbliert haben, werden früher oder später  verfilmt: Margarete Steiff, Marcel Reich-Ranicki, die RAF, Udo Jürgens und neuerdings Beate Uhse (Vorsicht, Pilcher-Kitsch mit fast gefühlsechtem Schleim!). Wer noch fehlt, ist Freddy „the mighty“ Quinn. Wenn ich mich erinnern will, wie verdammt scheiße alt ich bin, denke ich daran, wie ich als Kind von meinen Eltern zu Tante Klara abgeschoben wurde, die wiederum von ihrem weltläufigen Sohn Manfred, einem Seemann, einen Plattenschrank geschenkt bekommen hatte, auf dessen Zehn-Platten-Wechsler hauptsächlich Freddy-Quinn-Singles liefen, Sachen wie „Sie hängen Tom Dooley“, Fremdenlegionärs-Balladen und Seemannsschnulzen. – Wenn man danach gräbt, wovon man geprägt wurde, blickt man in einen Abgrund!

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 Früher erschien mir plausibel, was der Philosophie-Prof. Dr. Sloterdijk mal im Fernsehen sagte, dass man nämlich mit einem Riesenhaufen Dummheit geboren würde und dann sein Leben damit verbrächte, idealerweise zumindest, diesen Haufen im Laufe seines Lebens abzubauen. Ich hab das befolgt, in mühevollen Jahrzehnten, nur um am Ende zu kapieren, dass das Einzige, was man im Alter wirklich schmerzlich vermisst, die eigene Dummheit ist.

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 Romantik ist übrigens die Epoche, in der man voller Sehnsucht seiner vollkommen bescheuerten Jugend gedenkt. Mann, was hatten wir … Zukunft! Und, ja, nun,  Sehnsucht!

 


 

Sterm lernen (Geniale Gene)

5. Oktober 2011

Obwohl ich deren absurd überdrehten Primitivpopulismus manchmal – mit leichter Ekel-Faszination – durchaus zu goutieren weiß, kauf ich die BILD-Zeitung nicht; das beruht nicht auf rationalen Gründen – ich bin halt mit der Idee sozialisiert worden, dass das ein grundbös verderbtes, menschenfeindliches Drecksblatt sei, das zu lesen gleichsam bedeutete, den Satan unterm Schwanz zu küssen. Natürlich ist das Unfug, aber gegen Überzeugungen, die in Jahrzehnten bis in die letzten roten Blutkörperchen vorgedrungen sind, rechtet man selbst mit sich selbst vergebens.

Jetzt aber nun lag zum 3. Oktober eine Gratisausgabe im Treppenhaus, und da hab ich halt blindlings zugegriffen, weil sich mir die Schlagzeile „Diesen 100 Deutschen gehört die Zukunft“ versehentlich ins Auge gebohrt hatte. Auf fein, das les ich jetzt mal, dachte ich, von einer flüchtigen Verstandeseintrübung beschattet, denn ich kenne zwar Leute, denen halb Deutschland gehört, aber gleich die ganze Zukunft? Das Studium der Liste eminenter Mustermenschen, die, so BILD, „mit ihrer Arbeit und ihren Ideen unser Land verändern“, bereicherte mich zuvörderst um eine Reihe neuer Wörter, die ich in runder Kleinmädchenschrift säuberlich in mein Vokabelheft eintrug: Catwalk-Gazelle, Latzhosen-Pirat, Twitter-Goethe, SPD-Generalwaffe. Hm, soso.

Unter allerhand Jungsschauspielerinnen und Herrenmodemodellen stach ein rötlich-semmelblondes, pausbäckiges Kleinkind (19 Monate) hervor, das auf dem Foto kindstypisch dümmlich und optimistisch in die sonnige Zukunft blinzelte und frappierende Ähnlichkeit mit dem Knäblein aufwies, das früher die Packungen von Brandt-Zwieback zierte. Vermutlich ein Wunderkind, denn es wunderte mich doch, wie man in derart frischem Alter schon mit seiner Arbeit und seinen Ideen das Land verändert; um der Wahrheit die Ehre zu geben, sah das Bübchen eher nach der Art Konzentration aus, die man ausstrahlt, wenn man erstmals auf dem Töpfchen sitzt und seinen Eltern unbedingt eine Freude machen will. Die erläuternde BILD-Bildlegende versicherte, es handele sich beim Erstmals-auf-dem-Töpchen-Hockenden um Amadeus (!) Becker, den vorerst letzten Spross von Boris Becker und irgend so einer Frau oder was. Ja und? dachte ich herzlos, ein behindertes Kind halt, was solls! Wieso wird DAS denn Deutschland verändern? Nun, BILD, die es wissen muss, weiß es auch: Das Kind hat nämlich, was man ihm gar nicht ansieht, „geniale Gene“! Weil es von einem einfältigen, zusehends schwer verlotterten, kognitiv massiv beeinträchtigten Ex-Filzball-Prügler und einem lebenden Kleiderbügel abstammt?

Während ich mir noch vorstellen kann, dass der geniale Töpfchen-Tropf dereinst eine Karriere als BILD-Redakteur einschlagen könnte, um dort geniale Formulierungs-Granaten zu drechseln, reicht meine Phantasie nicht hin, um mir vorstellen, was für eine Deutschland-relevante Zukunft Ferdinand Zvonimir (!) von Habsburg (14) verspricht. Der kleine Prinz besitzt außer einem korrekten Seitenscheitel noch die Qualifikation, als „zukünftiger Chef des Hauses Habsburg“ einer der „ehrwürdigsten Dynastien Europas“ (BILD) anzugehören. Das mag ihn evtl. dazu befähigen, dermaleinst eine Doktorarbeit abzuschreiben und transatlantischer Interkontinentalclown zu werden, der ehrenamtlich in einer amerikanischen Denkfabrik am Fließband steht wie Karl Theodor vonundzu, aber dass die „ehrwürdigste Dynastie Europas“, will sagen die dreimal verfluchten Habsgierer in Deutschland noch einmal eine Rolle spielen, nein, so grausam kann der Engel der Geschichte nun doch nicht sein, oder?

Mein depressiv-aggressiverer Anfall begann galoppierende Vehemenz anzunehmen, als ich ferner las, Deutschlands Zukunft würde gestalterisch, neben dem blonden Scheißerchen und dem kleinen Prinzen, auch noch von dem sprechenden Gemüsehobel Jimi Blue (!) Ochsenknecht bestimmt. Das ist dieser eine, enorm backpfeifengesichtige Sohn des mittelbegabten Glupschaugen-Dramatikers Uwe; der andere heißt Wilson Gonzales (!) und seine Schwester Cheyenne Savannah (!). Die Ochsenknechts gehören zweifelsfrei zu den ehrwürdigsten Proll-Dynastien wenn schon nicht Europas, dann doch von München-Grünwald, einem sauteuren Um-Gottes-Villen-Viertel, in dem Jimi Blue und Wilson Gonzales zu  VIVA-tauglichen Gettho-Strassenkids und Gangsta-Rappern heranwuchsen.

Unterm Strich liegt, glaubt man BILD, die Zukunft unseres Landes überwiegend in den Händen von Schauspielerschnepfen, Sportidioten und mittelprächtigen Show-Sternchen mit Prolletten-Namen, die ihre mittlere Dschungelcamp-Reife anstreben, mit anderen Worten: BILD lesen heißt sterben lernen, denn wer wollte in so einer Zukunft leben? Ich jedenfalls nicht. 

Vermischtes aussm Geddo

2. Oktober 2011

In vino... Die Gattin hat mich bei meinen Forschungen erwischt!

Die Gattin schätze ich unter anderem wegen ihrer Durchsetzungsfähigkeit, was manche für ein anderes Wort für Dominanz halten. Ihre Strenge macht auch vor Dingen nicht halt. Ich habe frisches Backwerk zum Frühstück mitgebracht, das auf dem Teller das Kunststück fertig bringt, einerseits noch ofenwarm, andererseits aber schon elend pappig und zäh dahinzusemmeln. Die Gattin säbelt und zerrt eine Weile mit wachsender Wut an dem Getreidegummi herum, wirft das Besteck hin, durchbohrt das Weichteil mit loderndem Blick und herrscht es schneidend an: „Du bist ein BRÖTCHEN, Mann!“ Das Teil, anstatt auf der Stelle knusprige Haltung anzunehmen, schweigt impertinent pampig und bleibt zäh. – Also ich hätte mich das nicht getraut!

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 Anatol, der cholerische Alt-Punker kommt mir schon polternd im Treppenhaus entgegen geschossen. „Mann, Mann!“ donnert er die Backen aufblasend, „die scheiß Zigeuner die, du! Dat kann donnich wahr sein! Ich hab gezz aba ma die Feuerwehr gerufen!“ – Ursache seiner romakritischen Empörung ist die Vermutung, die ungeliebten bulgarischen Nachbarn hätten jetzt! auch! noch! ihre chronisch überfüllten Mülltonnen im Hof! angezündet! Na, zutrauen tät selbst ich denen das. „Echt jetzt?“ schüttle ich vorsichtshalber den Kopf und entdecke bei Augenschein-Recherche tatsächlich, dass der gesamte Block hinterwärts auf einen halben Quadratkilometer oder so in dichten, stinkenden gelbgrauen Qualm gehüllt ist. Herrje! Leute! Sah aus wie Seveso & Gomorrha bzw. Smog-Armageddon und Gift-Apokalypse. Meine Katastrophenschutz-Instinkte alarmaktivierend geh ich schnüffelnd und hustend, tränenden Auges den Giftschwaden auf den Grund: Und? Sowieso klar! Dieser Grund liegt mal wieder bei Nachbar Özgür, dem Experten für Stress & Belästigung aller Art – er probiert heute nämlich mal seinen neuen Grill aus. Weil ich Özgür ein bisschen auf dem Kieker habe, hoffe ich herzlos, die Feuerwehr rückt mal jetzt flink mit zwei, drei Löschzügen an, um ihm den Garten zu planieren.

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So, was noch? Drüben gegenüber, im Hinterhof, tagt im grün-blau-goldenen Herbst-Delir wieder das Garagenkollegium, bei Bier, harten Eiern und sauren Gürkchen. Als halbes Vollmitglied werde ich einigermaßen enthusiastisch begrüßt und bekomme umstandslos ein Diebels sowie ein Klappstühlchen ausgehändigt. Das Wort führt gerade Sportrentner Horst, der mit den Erscheinungen hiesigen Ausländertums auf fundamentalem Kriegsfuß steht. Ginge man nur von seinen Tiraden aus, würde er bei der NPD als Rechtsabweichler verstoßen. Er ist aber nur gegen Ausländer, sofern sie im Allgemeinen existieren; im konkreten Fall hilft er, wo er kann. So hat er den kleinen Zoltan zur Einschulung begleitet, weil die armen Serbeneltern verhindert waren. In der Schule trieb man irgendwann die Kinder auf den Hof und holte die Eltern zusammen, die dann namentlich aufgerufen wurden, wodurch es dann auf jenes faszinierende Ereignis auskam und hinauslief, dass Horst, der eigentlich Schmitz heißt und Deutscher „aus Überzeugung“ ist, beim Aufruf „Milan Amir Kustranovic“ die Hand heben und laut „hier!“ schreien musste. – „So weit is datt schon“, klagte der Sportrentner nun, „dasse dich nichma mehr unter dein eichnen deutschen Namen melden darfs…!

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Der alte Blago, genannt Mazze, weil er gebürtig mutmaßlich aus Mazzzedonien stammt, ein Gründungsmitglied des Garagenkollegiums, weil es nämlich seine, euphemistisch als „Werkstatt“ titulierte, mit tonnenweise Geraffel vollgestapelte Garage ist, vor der wir tagen (das halb herunter gezogene Garagentor dient als „Marquise“), hat mit ca. 70 urplötzlich und pardauz! seine oberen Schneidezähne eingebüßt, was er mit einem umwerfend charmanten Lächeln quittiert, weil, seither kann er viel besser und genussreicher sein Flaschbier zutzeln; Mazze also hat neulich eine Fernsehreportage gesehen, und zwar über Kuba, und da sei ein Neger zu betrachten gewesen, der aus einer alten Zahnpastatube und einem Stück Schnürsenkel einen LICHTSCHALTER gebastelt hätte! Blago, selbst ein begnadeter Frickler und Bastler, ist ehrlich beeinduckt! Wir stoßen zu Ehren dieses Nobelpreiswürdigen kubanischen Bastelnegers mit einer weiteren Flasche Diebels an. Hoch lebe der findige Notneger! – Zumindest, sofern er in Kuba BLEIBT, beeilt sich Sportrentner Horst, hinzuzufügen.

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 „ – Aber weisse, Proff…“, Horst kriegt beim Ausgraben längst verstorbener fixer Ideen schon wieder glasig-glänzende Augen, „…Proff!!! Wenn WIR ne Partei gründen würden! Unn du wärs unser Führer!“ – Geduldig erkläre ich zum abertausendsten Male, dass „Führer“ heute in Deutschland keine wirkliche berufliche Option mehr sei, und für MICH schon gar nicht; Horst indes, nach dem ca. zwanzigsten Diebels, nickt plötzlich resigniert und beginnt, von mir (in meinem Beisein!) in der dritten Person zu sprechen: „Der Proff“, wispert er versonnen zu seinem Bier, „weisse, der Proff, der hat sich zur Ruhe gesetzt! Der is bloß noch son ESS…, EXSCH…, nee, EXX-RE-VO-LU-SCHONNÄR“ – Womit er zweifellos Recht hat. „Horst, du Lieber“, pflichte ich bei, „du bringssas auffn Punkt!“ – Horst denkt drüber ca. halbe Stunde nach (wir köpfen derweil neues Flaschbier), und resümiert dann ausdrucksvoll rülpsend: „Ja, aber schade! Nee, echt gezz…“

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 Im Anschluss zieht man noch über den stadtteilnotorischen Neger her, wobei ich aber entschieden nicht mitmache. „Ooh nein, den durchschnittlich hier ansässigen Neger“, doziere ich streng, wir hatten dann schon mittlerweile noch ein par Diebels-Alt getrunken, „den Neger, jetzt mal als Idee und Praxis gesehen“, – Horst kriegt runde Augen, Vlado schläft schon und Andy, der seine Schlaghand seit Wochen in Gips trägt, grinst tückisch-verschwommen – , „den Neger an sich beanstande ich keinesfalls“ fabuliere ich weiter, denn dieser sei erwiesenermaßen „sprachlich ein Super-Chamäleon, ein Checker, Auskenner und begnadeter Durchwurschtler vor dem Herren, also praktisch wie du und wir“,  wobei ich den Sportrentner Horst etwas dämonisch anzwinkere, „und wenner mal im Park bisschen Ganja vertickt, ja, na gut, dann ja wohl in bescheiden kleinen Tüten…!“ Auf meinen Antrag hin konzediert das Garagenkollegium widerwillig, „der Neger“ gehöre zu denen, die im Geddo noch am wenigsten Mist bauen; ferner sähe er immer gut aus und spräche oft besseres Deutsch als die polnisch-westfälisch-niederrheinischen Eingeborenen. „Kannzze gezzz soo aunich saagn“, mault Horst.

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 „Wie, Proff? Willzze schon wiedda gehen?“ quengelt Horst später, als ich mich nach dem soundsovielten Diebels schwankend abmelde und verabschiede, „…watt is? Lässt dich die Frau nich EIMAA in Ruhe hier bei uns sitzen?“ Ich mach mich kerzengerade und erkläre hochwürdig: „Gezz lass meine Frau ma ausm Spiel, Horst! Die sitz nämich zu Haus und dressiert Brötchen!“ Dem Vernehmen nach tagte das Garagengremium noch bis in den tiefen Abend, um meine überraschend private Aussage zu entschlüsseln….