Archiv für Januar 2011

Nicht zu knapp: Restaurant-Kritik in einem Satz

29. Januar 2011

Gibts leider nicht: Gegrillte Meerschweinchen (Quelle: http://www.esperanza-tours.de/. ../ipiales17.jpg)

Als bekennender Fernreisemuffel war ich, zugegeben, noch nie am Orinoco, denn Alexander von Humboldt war schon da, in Venezuela und Kolumbien, und hat berichtet, wie es da aussieht, was man ruhig mal wieder lesen kann, wenn es einen interessiert; indes sah man mich im Orinoco, gestern, einem „südamerikanischen“ Restaurant, das es in Duisburgs Hafenviertel Ruhrort schon ewig gibt, ohne dass ich es recht bemerkt hätte, – aber nun ist es in neue Räume gezogen und ich habs besucht, worüber ich gern berichte, wenngleich zu einem eindeutigen Urteil zu kommen für mich so schwer ist wie, um mit Lichtenberg zu sprechen, „einem Schaf das Apportieren beizubringen“, denn die Zwiespältigkeit der Eindrücke lässt sich schwer auf einen Punkt oder Stern bringen, was nicht zuletzt, und bestimmte Gastronomen sollten mal drüber nachdenken, an dem überaus charmanten, aufgeschlossen kommunikativen, ungewöhnlich zugewandten weiblichen Service-Personal liegt, dessen Reiz einen entwaffnet, dergestalt, dass man Kritik nur ungern äußert, um nicht Liebenswürdigkeit mit Grämlichkeit zu beantworten, obwohl es gewissen Anlass zu Nörgelei schon gäbe;

freilich braucht es eine Weile, denn zunächst bewundert man die liebevolle, detailverliebte Dekoration der Räume, Nischen und Separées, die mit allerhand Lateinamericana und Orinoco-Anmutung ausstrahlenden Aquarien – ob auch mit Piranhas, das habe ich nicht herausgefunden – ausgestaltet sind, wobei viel bunte Deko-Lichter und brennende Kerzen zusätzliche Gemütlichkeit abstrahlen, was olfaktorisch hochempfindsame Hyper-Sensiblingen wie mir ein wenig über den leicht feucht-muffigen Geruch der Räume hinwegzuhelfen imstande ist, der leider in dem alten, lange durch Leerstand vernachlässigten Gemäuer hängt, gewiss aber irgendwann verschwinden wird; indes mag den Leser mehr die Qualität des Essens interessieren, über das ich nicht in den Jubel mancher Kollegen einstimmen vermag, denn die kleine überschaubare Karte bietet leider nur wenig genuin Regionales wie z. B. in gewissen Regionen am Orinoco verzehrte frittierte Riesenameisen oder gegrillte Meerschweinchen erwartet hätte, nein, so verwegen bin selbst ich nicht,

– nur schienen mir Enchiladas und Tapas eher ein wenig amateurhaft a là mexicaine „nachempfunden“ als wirklich original, was nicht unbedingt schlimm ist, aber besagte Enchiladas waren zur Hälfte eiskalt, mein geliebtes schwarzes Bohnenpürée recht fad und das Guacamole, nun, ich behaupte dies ungescheut, kann ich zuhause besser, würziger und genuin „mexikanischer“ zubereiten; allein die Suppen (Tomaten-Olive, Erdnuss) waren ohne Tadel, erfrischend, fruchtig und im Falle der oft gelobten Erdnusssuppe, überraschend wenig mächtig und fett, sondern appetitanregend schmackhaft, was mich den ein wenig unambitionierten, banalen Rosé aus Chile gutmütig tolerieren half, was auch an der wirklich entzückenden Verblüffung lag, mit der die reizende Service-Kraft meine Bemerkung registrierte, Nachos könne man durchaus, anstatt kalt und zäh, im Ofen warm gemacht und fertig geröstet servieren, eine Neuigkeit, die sie versprach, unverzüglich dem Koch zu hinterbringen – kurzum, offen gestanden, das Orinoco-Erlebnis blieb ein zwiespältiges, da ich mich letzten Endes vermutlich weniger an das Essen, mit Ausnahme der Erdnusssuppe, die ich beschloss, recht bald nachzukochen, dafür umso mehr an die offensichtliche Begeisterung der Betreiber und den Charme der Saaltöchter erinnern werde und deshalb einen zweiten Besuch nicht ausschließe. Punkt.

 

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Der Mensch ist Maske

23. Januar 2011

DER MENSCH IST MASKE  (Eine Wiederholung von 2009)

Wien, Heldenplatz, Hofburg. Mördermonströses Marmoralbtrumm umstellt das Halbrund, bestürzende Altbauten, Einschüchterungsprotzitektur der XXXL-Klasse. Hier, vom Balkon aus, hat Adolf „du alte Nazisau!“ Hüttler den Zusammenschmiß von Ostmark und Doofdeutschem Reich verkündet, damit man gemeinsam mal was machen kann. Weltkrieg beispielsweise. Ö-Pöbel und germanische Hakenkreuznasen frenetisierten dazu im durchfallfarbenen Jubilage-Rausch. „Heil! Heil!“ rief das Pöblikum, aber es ging dann bekanntlich dennoch das meiste kaputt.

Etwa eine Bombenwurfweite von dieser unseligen Rassen-Terrierarier-Terrasse entfernt, im Seitenflügel der marmorsteinundeisen gewordenen Grandiositätsphantasie der Habsburger-Helden, residiert heut eine Abteilung des Museums für Völkerkunde. Hier werden Völker beurkundet, die man k.u.k.-halber schon mal ausgepresst hat, oder wenigstens flüchtig besichtigt, oder denen man gern mal an die Geldwäsche gehen würde. (Völkerkunde war eine Hilfswissenschaft des Kolonialismus; Ethnologie ist die universitäre Trauerarbeit darüber, daß es der Kolonialismus damals geschafft hat.)

Hier nun hat man heuer am Heldenplatz, an der Hofburg, auch was zusammengeschmissen, aber mit dem zeitgemäß gehobenen Feingoldgefühl demokratischer Zivilisiertheit durchwirkt und geadelt: Die Völkerkundler, das Kunstgeschichtliche und das Theatermuseum haben Ideen und Exponate beigesteuert zum Thema „Wir sind Maske“.

Den Machern kam dieser Titel wohl selbst etwas peinlich vor in seiner boulevardesken Schreifaltigkeit (“Wir sind Papst!“, „Wir sind Meister!“), weshalb man ihn lateinisch nobilitierte und untertitelte: „SVA CVIQVE PERSONA“, was sich der Lateinschüler mit„Einem jeden seine Maske“ aufs Handgelenk notiert. Ach so, gut. Henry Maske wäre ich nämlich nicht gern gewesen (andere Gesichtsklasse!).

Um diesen geht’s also nicht, aber sonst um fast alles zum Thema Maske, quer durch die Religionen, Regionen und Rituale, sowie längs durch die Kulturgeschichte von der Stein- bis zur Plastikbastelzeit; Totenmasken, Horrormasken, Schutzmasken, Vermummungsmasken, Theatermasken (von der Commedia dell’arte übers No-Theater bis zur Gegenwart), Ritualmasken, Karnevalsmasken, Bilder von Masken, Masken von Maskenbildnern, Masken aus Stein, Ton, Knochen, Wachs, Lehm, Leder oder Pappmachée, Kurioses, Furioses und Folkloristisches, Humoreskes, Phantastisches, Dämonisches, Horribles, Poetisches, Apotropäisches, Apokryphes und Apokalyptisches: ein auf fünf oder sieben Säle ausgedehnter ballo di maschera, bei dem auch der Kenner ein oder das andere Tänzchen um die Vitrinen wagt. Von der afghanischen Burka über die Renaissance-Prunkritterrüstung bis zu Darth Vaders („Kh..hchchch, Kh…chchch“) Schutzhelm fehlt nichts Wichtiges, womit Menschen mal ihre werte Identität verschleiert, verdoppelt, fragmentiert, larviert, vermummt, überhöht, dementiert oder konterkariert hätten.
Zusammengestellt und ausführlichst mit Texttafeln beklügelt wird dies, mir san in Wean!, von einer KuratorInnentruppe, die Geschmack, Bildung, Witz und Kenntnisreichtum genug besitzt, um sich nicht maskieren zu müssen. Selbst gichtkrüppelige Bewegungsapparaturen und wehe Schmerzensmänner wie mich drängt es, offenen Kindermundes hierhin und dahin zu sprunghüpfeln und ein und das anderemal auszurufen: „Schau nur! Sieh mal dies hier!“

Natürlich darf man auch weitaus Klügeres äußern: über Identität und Person, gesellschaftliche Rollenspiele, magische Maskeraden, kapitalistische Charaktermasken, die beunruhigende Lebendiggkeit der Totenmasken, über das Einschüchternde, Verführerische, Verwegene und Entgrenzende des Maskenspiels, über Erotik und Überschreitung, Dialektik und Digression der Verhüllung, usw. – Munition für solche virtuellen Virtuositäten verschafft einem der doppelbrikettschwere Katalog, der wunderwunderschöne Fotos von allen Exponaten enthält, dazu aber eben auch Deutungen, Deuteleien und Verdeutlichungen aus berufenem Ethologen-, Anthropologen und Kunsthistorikermund.

Nicht jede Austellung macht komplexe Beziehungen anschaulich. Diese tut es absolut. Wenn man sich nicht allergrößte Mühe gibt, dumm zu bleiben, kommt man hier klüger wieder heraus, als man eintrat. Ich zum Beispiel, ich könnte jetzt hier aus dem Stand einen fulminanten, frappierenden, ja, flamboyanten Vortrag „Über die tragische Dimension der verschiedenen Masken Michael Jacksons“ improvisieren, unter künstlerischen, psychologischen und ethno-athropologischen Aspekten, nur, auch wenn dies gewiß des Anlasses würdig wäre, ich werde es, keine Sorge, hier nicht tun. Ich spiele lieber den ahnungslosen Einfaltspinsel und Provinzdepperl, eine Maske, die mich nicht nur glänzend kleidet, sondern mir auch erlaubt, im Schutze dick aufgetragener Harmlosigkeit dünnhäutige Beobachtungen aller Art zu machen.

 

Abrissbirnengeist am Klotz

18. Januar 2011

Der Klotz.

„Seht, was geschehn, steht jetzo nicht zu ändern.
Der Mensch geht manchmal unbedacht zu Werk,
Was ihm die Folge Zeit läßt zu bereun.“

(Shakespeare, „Richard III.“)

Jahresanfang – noch Zeit der guten Vorsätze: Unbedingt wieder radikaler werden! Weniger Geduld und Gelassenheit! Den Sprengstoffgürtel enger schnallen! Mehr Mut zum Nichts oder wenigstens höherem Blutdruck! – Jedenfalls, seit unser Bau- und Planungsdezernent jüngst öffentlich davon träumte, „große Stadt-Teile Duisburgs … abzureißen“, laufe ich mit ganz anderen Augen durch die Stadt. Wo lohnt sich das denn? Was könnte jetzt gut schon mal weg? Den Kopf voll schwurbeligem Abbruchsbirnengeist streife ich durchs Viertel und schwelge in destruktiven Phantasieen, führe Abrißlisten, pflege gute Sprengvorsätze und schwinge den Abbruchs-Vorschlagshammer.

Zum Beispiel hier: dieser ungeschlacht wuchtige Backstein-Trumm am Anfang der Friedenstraße! Was ist das denn überhaupt? Wer baut denn solch festgefugten Unfug? Lange Zeit habe ich den Riesenhaufen Bauunglück aus dem Augenwinkel betrachtend für eine besonders grässliche, aus der wilhelminischen Zeit stammende Kirche gehalten. Applizierte Mosaiken, gemauerte Rundbögen und spitzwinklige Giebelchen hier und da  bestärkten mich in diesem Irrtum. Indes, selbst die hässlichsten Gotteshäuser (Gott im Plattenbau?) haben nicht derart kleine Fenster, und hinter den Back-Ziegeln von Kirchen verbergen sich in aller Regel auch nicht meterdicke Beton-Wände.

Kurzum, es handelt sich gar nicht um eine Kirche, sondern um ein herausragendes Monument des Wirkens unserer Nazi-Vorfahren, den grandiosesten Ruinenbaumeistern der Neuzeit. Ihnen gelang Innovatives: Ganz Deutschland in Trümmer zu legen und zugleich Bauwerke zu schaffen, die sich offenbar in Jahrhunderten einfach nicht kaputt kriegen lassen. Wie tote, aber unzerstörbare Zähne ragen die Hochbunker im faulen Maul des Geddos: Zu hässlich und gemein, um stehen zu bleiben; zu klumpig, trumpfmotzig und blöd betonbullig, um sie rationell wegzubomben; andererseits zu idiotisch widersinnig verbaut, um sie einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Dieser hier, heißt es, war einst ein sog. „OP-Bunker“, eine Art verbarrikadiertes Kriegs-Lazarett, in dem es sich noch gemütlich Beine amputieren ließ, wenn sich draußen über der Stadt schon die Royal Airforce austobte.

2009 geisterte durch die Bezirksvertretung das Gerücht, eine Investorengruppe wolle „Büro- und Wohnräume“ darin einrichten. „Na, dann wünsch ich schon mal viel Spaß mit den Heizkosten!“, dachte ich noch, aber es blieb eh, wie fast alle hochmögende Stadtplanung in Duisburg, heiße Luft, oder wie Lichtenberg sagte, „ein wehendes Vakuum“.

Der Klotz hockt weiter in seiner verstockten Mehrstöckigkeit und mahnt stumm vor sich hin. Kein jugendfroher Vandalismus und kein delirierender Stadtplaner kann ihm etwas anhaben. Selbst zu Graffitti fordert er seltsamerweise nicht wirklich heraus. ’So dauerhaft wie ich ist nur die Dummheit’, besagt er. Freilich kann man bezweifeln, dass die täglich dran vorbeiziehenden Völkerscharen einen Schimmer haben, was es mit dem Backsteinwerk auf sich hat. Man kann noch nicht mal eine Moschee draus machen. Aber weil jetzt drüber nachgedacht habe, kann man ihn ja zum Denkmal erklären, den Klotz.

 

Feier zum Trotztag

16. Januar 2011

"Bisstu Mann? Kannstu auch Flaisch essen!"

Nachts um eins. Das Viertel schläft. Der einsame Magister in seinem Turmzimmer begrübelt lustlos Philosophisches. Nur unten im „Novi Pazar“ ist noch Licht. Nicht unverlockend. Nichts gegen Kant, Fichte und Hegel, aber es fehlt in den Büchern die Lebenswärme, gerade nachts. Anders unten in der Serben-Kneipe. Letztes menschliches Leben vor der endlosen Polarnacht. Zwei Stunden guck ich mir das abstinent und vernünftig an, von meinem Schreibtisch aus, dann geh ich halt doch mal kurz ’runter, nur „Guten Abend“ sagen, auf keinen Fall mehr! – Da gegenüber in der Nachbarschaftskneipe wird heute anscheinend mal wieder richtig ausgelassen gefeiert („ch’efaierrt“), seit nachmittags schon, soweit ich das ge-checkt habe. Die Balkan-Klarinette tirilliert mir noch hier oben ins Hirn.  Hätt ich nicht diesen verdammten Grippe-Infekt, ich lüde mich glatt ein, Leute. Ich mag die Menschen dort nämlich, obwohl ich, als ich sie noch nicht kannte, gegen „Jugos“ gewisse Vorbehalte hegte. Nun stellt sich heraus: sind Herzensmenschen, stolz, ehrbar und arbeitssam, kurz mit Werten wie Opa.

Die Gastfreundschaft der Serben ist ohne Falsch. Es geht nicht, wie in manchen orientalischen Regionen, um protzig-narzißtische Selbstdarstellung. Wenn sie beim Lamm sitzen und du kommst hereingeschneit, jubeln sie, als wärest du der lange vermisste verlorene Sohn, umarmen dich strahlend („ah! koko si?Hvala, hvala, dobre!“) und lassen dir umgehend einen Teller bringen. Wie? Du hast gerade gegessen? „Aaach komm, Magisterr! Bist du Mann!! Mann kann immer essen Fleisch! (Und wenn Mann ch’at mal klaine Problem, iss doch grad gegommen aus Srbska naie Lieferunk Viagra! Kannstu kriegn fihr Fraindschafftspreiss!) – Was du trinken? Vino? Slivo? Pivo? Und: Bitte! Iss! Iss! Uund trink mit uns!“ – Man sagt gerade noch: „Ich … äh … ich … wollte bloß…“, dann sitzt man aber auch schon in der Runde, hat mehrere schwere Bauarbeiter- oder LKW-Fahrer-Arme um die Schulter gelegt, grinst wie ein Honigkuchenpferd und grölt Schlager aus der Ch’aimat mit, aus Serbien, Montenegro oder Bosnien, obwohl man ja  streng genommen noch nicht mal die furchtbare Sprache beherrscht. Egal, Mann!

Als rationalistischer Philo-Magister bin ich noch immer bisschen doof, frage also Wirt Branko, den Polier Zoltan, seinen Schwiegersohn Mirko und einen noch unbekannten Albaner, indem ich ihren emphatischen Gesang unterbreche: „Was feiert ihr? Ch’eburtztach? Tauffe von Kinnt? Oder was Müslimisches?“ Zur Antwort werde ich nass schnauzbärtig abgeküsst, ausgelacht und wegwerfend belehrt: „Aaach was, Lehrrerrr, kennztu du doch! Wir faierrn bloß … so!

Ja, klar. Genau genommen feiert man heute nacht darüber hinweg, dass  Zoltan, mit gerissener Sehne, viel zu früh wieder auf den Bau gegangen ist und nun ein bedrohlich geschwollenes Knie hat („nain, weisstu, Lehrrerr, tut gar nicht soo weh! – Und waiss ich ch’alt nicht, woher sonst Gelt fihr Kinderr“); man feiert, dass sein fleissiger Schwiegersohn keine legale Arbeitstelle hat und seine schöne, glutäugige Frau nicht weiß, wie das kleine Söhnchen versorgen; man feiert, dass man viel zu stolz ist, staatliche Stütze in Anspruch zunehmen, selbst wenn sie einem zusteht, man feiert, dass mans „denen“ schon zeigt und dass man zur Steuerlast nur schmale Lippen macht. Man feiert, weil scheiß drauf! das Leben irgendwie weitergeht. Man feiert halt! Nasdrowje! Und ich … bin herzlich eingeladen!

Kränklich, alt, schwach und vom europäischen Pessimismus angekränkelt, schleiche ich mich bald wieder nach Hause. Aber dennoch, diesen wütenden Trotz, trotz allem LEBEN zu wollen, den nehm ich mit. Er ist, versteht sich, gratis.

 

Here’s to the last working heroes

13. Januar 2011

Als ich vor zwei Jahren ins Geddo emigrierte, war das Hausbesorger-Ehepaar Elly und Pitti L* (*Name geändert). mein erster Kontakt. Nicht, dass wir uns spontan mochten. Die letzten autochthonen Deutschen im Viertel  hatten Schwierigkeiten, den spröde-mysteriösen Magister einzuordnen, der aus einer fremden Welt in die ihre geschneit war, ohne einen nachvollziehbaren Grund – und ich, na ja, mochte gewisse Blockwart-Allüren nicht so. Ich schätze es nicht, wenn man im Altpapier meine Post filzt, gerade weil es sich nur um Mahnungen handelt.

Allmählich lernte ich ihre grunddeutsche Wachsamkeit und nie erlahmende Neugier aber doch zu schätzen: Manchmal ließ ich (mitten im Geddo!) mein Fahrrad versehentlich über Stunden unverschlossen vor der Tür – doch kein Problem: Elly und Pitty hatten ein Auge drauf. Sie wussten, wann ich das Haus verließ, wohin ich ging, und Pitti hatte irgendwann auch keine Bedenken mehr, mich regelmäßig zu fragen, wann ich denn wiederkäme. Wie Mutti!

Pitti ist ein Goldstück in unserer Sekte der USA (Unspezifischer Alkoholiker). Seitdem er, nach 45 Jahren im Job, das LKW-Fahren drangegeben hat, strukturiert er seinen Tag durch drei Gänge zur Trinkhalle. Zwischendurch verkasematuckelt er seine Pilschen, still, sanft, ohne Randale, zumeist schweigsam im Hausflur am Fenster sitzend, auch im Dunklen, in melancholische Meditation versunken. Jedesmal, wenn ich abends zur Arbeit aufbreche, höre ich seine Grabestimme, die aus dem finstren Treppenhaus flüstert: „Erschrick Dich nicht!“ – „Nö, Pitti„, antwortete ich dann regelmäßig, „ich erschreck’ mich höchstens, wenn du mal nicht mehr hier sitzt!“

In letzter Zeit saß er aber schon immer seltener im Flur. Elly, seine hyper-vitale, energie-sprudelnde, ein bisschen furchteinflößende  Frau mit Mutterwitz und Haaren auf den Zähnen, die wieselig fleissige ehemalige Schuhverkäuferin wurde irgendwie krank und bettlägerig. Wenn ich sie, alle paar Wochen, mal im Hausflur traf, schnürte es mir das Herz ab. Sie sah aus wie ein verhungerter KZ-Häftling. Nur ihre Augen glühten noch, aus tiefen Höhlen. – Pitti ist kein Bescheidwisser; er gehört zu den Leuten, denen nie jemand etwas sagt, erklärt oder klarmacht. Dass seine Frau immer weniger wurde, am Ende nur noch 38 Kilo wog, registrierte er mit bekümmerter Ratlosigkeit. Treu und ergeben chauffierte er seine Gattin alle zwei Tage „nach’m Arzt“. Was genau „Chemo“ ist, hat er nie kapiert.

Dafür hat er bei mir den understatement-award 2011 gewonnen. Letzten Sonntag unterhielten wir uns abends im Treppenhaus ausgedenht über häusliche Müll-Angelegenheiten. Ich hatte nämlich Mülldienst, und Pitti ist der Obermüllwart unseres Hauses. Nachdem wir alle Details besprochen und erörtert hatten und ich mich verabschieden und schon abwenden wollte, sagte Pitti mit zittrig- wackliger Stimme nachdenklich: „Reinhard, Hömma! Die Frau geht das nich so gut...“ – „Klar, weiß ich doch…“ wollte ich entgegnen, da fügte Pitti noch etwas leiser und resignierter hinzu: „Wir warten gezz, datt’se einschläft“.

Drei Stunden später, um Mitternacht, so höre ich, war sie dann tot, nach 42 Jahren harter Arbeit und zwei Jahren Rente. Meine Serben-Freunde sagen, sie hätten Pitti gestern auf der Straße gesehen, abgemagert, schlohweiß geworden, und er weinte, oder, wie Milan, der Bosnier sagte: „Er wainte, wainte und wainte…“.

Aach, Leute…

Wir ver-dschungeln unser Oma ihr klein Häuschen

12. Januar 2011

Stadtentwicklung (Quelle: Wikipedia)

Wir haben hier, was vielleicht nicht jede Kommune besitzt, einen gewissen Herrn Dressler. Jürgen Dressler. Er selbst nennt sich gern „Stadtbaurat“, aber offiziell darf er sich nur Bau- und Planungsdezernent nennen. Dafür dürfen wiederum wir Wähler seine Beliebtheitswerte schwankend, seine Reputation umstritten und seine Kompetenz erörterungswürdig heißen. Egal, demnächst wird der Kommunalminister für Fehlplanung, Luftschlossbau und Kreativ-Phantasmen sowieso in Pension geschickt. Manche atmen darob auf, andere halten den Atem an: Wird es jetzt vielleicht noch schlimmer, ohne den sympathischen Grundsteinleger, Autobahnverbreiterer und Wolkenkuckucksheimer?

Der SPD-Neujahrsempfang war wohl jedenfalls sein letzter öffentlicher Auftritt. Und dabei hat der Herr Dressler nun etwas wirklich Bemerkenswertes gesagt! Es kommt selten vor, dass ich die Ohren spitze, wenn so eine Kommunal-Schranze irgendwas von sich gibt – aber diesmal? Ich war enchantiert, ja regelrecht inspiriert und angefackelt! Man sollte nämlich, so empfahl der expertenmäßig vorbildlich vorgebildete Dezernent für Stadtdekonstruktion, am besten große Teile der Stadt Duisburg … abreißen! – Das nenne ich groß, ja, visionär gedacht! Mit Mut zur Lücke, zum Leerstand, ja, zum Nichts!

Selten hat ein SPD-Kommunaler mir derart aus dem Herzen gesprochen! „Große Stadt-Teile“, so zitiert ihn die Presse, sollte man also „abreißen“, zusammen semmeln und derbatzen, kurz: dem Erdboden gleichmachen. Das ist doch mein Reden seit Jahren! Komplettieren wir das unvollendete Werk der königlich-britischen Luftflotte (R.A.F.)! Machen wir reinen Tisch bzw. kaputt, was uns kaputt macht! Schaffen wir Natur-Oasen, endlos weite Grünflächen, Savannen und Regenwälder zwischen DU-Meiderich und DU-Hochfeld! Lasst Giraffen weiden, das Gnu ansiedeln, den Biber arbeiten zwischen Rhein und Ruhr! Weg mit den verpickelten, schimmligen, vereiterten, kotzbrockengrauen Bausünden der 50er, 60er, 70er, 80er und 90er Jahre! Können sich beim Dschungelcamp eigentlich auch ganze Städte anmelden? Dann los! Wohlan! Frischen Mutes die Abrissbirne geschwungen! Haut weg den Scheiß! Nimmt man wohl Freiwillige? Ich würd mich gern melden, um beim Abriss mitzutun. Braucht man einen Presslufthammerführerschein? Ich kann aus den frühen 70ern eine solide Bombenleger-Ausbildung vorweisen!

Der Herr Dressler ist natürlich weder von der R.A.F. noch bei der RAF. – Er meint halt nur, und nicht gänzlich zu unrecht, bei ständig wachsendem Bevölkerungsschwund (oh je! Kann denn ein Schwund wachsen? Was sagt die Semantik-Abteilung der Diskurspolizei? Na, ihr wisst, was gemeint ist…) sei es zu teuer, ganze Stadtteile mit kommunalen Leistungen wie Kanalisation, ÖPNV und Stadtreinigung zu versorgen und zu erhalten, wo doch niemand mehr dort wohnt (wobei „niemand“ halt der Sammelbegriff ist für Russlanddeutsche, Roma, Bulgaren, Polacken, deutsche Hatz4ler und anderes zahlungsunfähige Pack). Yeah! Wir ver-dschungeln unser Omma ihr klein Häuschen.

Ich freu mich schon auf die Schilder, knapp hinter den Shopping-Mals und Konsum-Galerien: „Achtung! Sie verlassen den zivilisierten Sektor der Stadt“. – „Vorsicht, Wildtierwechsel!“ „Warnung: Sprengungsarbeiten!“ – „Hier entsteht für Sie ein Naturschutzpark!“ Duisburg wird, nach verflossenem Montanstadt-Glamour und tristem Geddo-Elend, nunmehr zur Serengeti 2.0.

In einem Märchen von Hanns Christian Andersen, hab vergessen, in welchen, steht ein Satz, den ich behalten habe: „Immer bergab, sagten die Engländer, immer bergab und immer lustig. So gefällt es uns!“ Und mir halt auch. Sarrazin hatte nur fast Recht: Zwar nicht gleich ganz Deutschland, aber wenigstens, und das ist ein Anfang: Duisburg schafft sich ab. Ach, DAS wird ein Frühling: Silbrig-frische Land-Luft und der Duft von Semtex am Morgen! Natürlich hoffe ich, man lässt ein paar Mitbürger am Leben. Ureinwohner, die bereitwillig ver-bauern, ver-indianern, ver-wildern, und für Touristen vorführen, wie ökologisch wertvoll das Bio-Leben der Neanderthaler war.

Kreative Stadtentwicklung, doch, das ist ein Gebiet, für das ich mich begeistern könnte! Ich weiß nicht, ob man als Mitbürger Vorschläge einreichen darf, welche „großen Stadt-Teile“ zuerst gesprengt werden sollten. Vorschläge hätte ich schon.

Der Prophet und der Prinz-auf-der-Erbse. Kaviar aus Blockschokolade

9. Januar 2011

Stadtplan der Poularde: Dioxin wurde nicht gefunden

 

Heute erhielt ich per Post von der WBG endlich den dringend ersehnten fünften Band der Hadithe des Propheten Muhammad, der (also der Band!) u. a. schiitische Speisevorschriften enthält. Meine schiitischen Mitbürger mögen mir verzeihen, aber irgendwie bringt mich das auch nicht weiter. Ob über dem zu schlachtenden Tier nun korrekt der Name Allahs angerufen wurde oder dies, aus Schlampigkeit oder Unglauben, leider unterblieb, scheint mir weniger wichtig, als die Frage, mit was für einem satanischen Zeug das Schlachttier zuvor gefüttert wurde.

Dioxin, Asbest, Acrylamat oder selbst biologisch angebaute Salmonellen – das ganze Zeug, das anderen so gut schmeckt, vertrag ich nicht so richtig. Ich bin ein ausgemachter Öko-, ja sogar Ökotrophologie-Zimperling, ernährungstechnisch praktisch ein hypersensibler Prinz-auf-der-Erbse. Gegen die Hälfte aller Gifte bin ich allergisch, und der Rest tut mir irgendwie nicht gut. Eine von mir entwickelte Fasten-Diät, bei der man sich nur von Bio-Wein, Roggen-Whisky und Scotch, gebraut u. a. aus purem Hebriden-Quellwasser, ernährt, fand nicht uneingeschränkt die Billigung der Gattin. Sie, die journalistisch versierte Rechercheurin, fand bald heraus, dass selbst meine Lieblingsnahrungsmittel ein wenig bekanntes Gift enthalten (Alkohol!). Und sie findet, dieses Gift gehört ebenfalls auf die no-go- Liste. Mist! – Da ist guter Rat nun, was er immer ist: rar und teuer.

Eine echte Zwickmühle: Einerseits zwickt die notorisch anorektische Geld-Börse und rät (geldwerter Geld-Börsen-Tip!) dringend zu Einkäufen beim Discounter oder Gemüse-Türken. Andererseits verschmähe ich ethisch hoch-motiviert, grundsätzlich mit fiesem Gift aufgepäppeltes resp. herzlos zu Tode gemästetes Lebendmaterial aus Hühner-KZs und Puten-Gulags, sowie chemie-besudeltes, hoch-gespritztes und radioaktiv begastes Kunst-Gemüse. Der Anruf Allahs spielt da keine Rolle.

Sich am Wochenende das Material für exzessive Hobby-Koch-Orgien zusammenzuklauben, erfordert gewissenhafte Planung, strategische Intelligenz und ein Höchstmaß undogmatischer Flexibilität. Gelegentlich erfordert es daher sogar das zwiespältige Vergnügen, beim EDEKA im Duisburger Süden Einkäufe zu tätigen. Ein riesiger Lebensmittelmarkt für Leute, die bereit sind, für einen Salatkopf 2,99 und für ein Kilo Trauben 8,99 Euro auszugeben. Ist ja egal, wir zahlen eh mit Karte. Hier gibt es alles, was des Laien-Kochs verfettetes Herz höher hüpfen lässt, u. a. eine beeindruckende Auswahl des Überflüssigsten, was die Welt erfunden hat:Convenience-Food. Diese unvermeidbare Pest der bequemlichen Postmoderne wurde für Leute erfunden, die zu reich, zu blöd oder zu blasiert sind, sich eigenfingrig einen kleinen Salat zu schnippeln, und die daher lieber für 5.99 Euro einen kleinen Plexiglas-Container-Schneewittchensarg mit welkem Vorgeschnippelten kaufen, dem eine Plastik-Gabel (!) beigeklebt ist. – Dieses Geld-Gesindel ist ja definitiv unfähig, sich eine Scheibe Schinken und ein Salatblatt auf den Toast zu legen – sie müssen das FERTIG kaufen! Eingeschweißt!

Dabei lass ich mir, dies als wichtige Information über meine Persönlichkeitsstruktur, meine Verachtung keineswegs anmerken. Zwanzig Minuten meiner ablaufenden Lebenszeit widmete ich uneigennützig einer älteren Düsseldorfer Pelzmantel-Schlampe, um ihr zu erklären, was es mit Jakobs-Muscheln auf sich habe und das es für Gourmets beklagenswert sei, dass diese seit einiger Zeit grundsätzlich nur noch ohne den köstlichen Rogen erhältlich wären. Die blondierte Pelzdame versuchte, sich zu revanchieren, machte ein listiges Gesicht und erkärte mir verschwörerisch: „Isch glaub, isch weiß, wat die mit den Rogen machen!“ Ich: „???“ Sie. „Da machen die Kaviar draus!“ Ich: „Was? Kaviar?“ Sie: „Jahaa, diese kleinen, schwarzen Kügelchen!“Ich versicherte ihr, dies sei schon deshalb unwahrscheinlich, weil der Rogen von Jakobsmuscheln leuchtend orange-rot und keineswegs kugelförmig sei; ich verließ die Dame aber nicht, ohne ihr eine leicht verständliche Anweisung zu hinterlassen, wie man köstliche Coquilles-St.-Jacques zubereitet. Bin ich ein Gentleman!

Nein, im Ernst: Dieses Luxus-EDEKA hat schon ein beeindruckendes Angebot, und nicht nur für erzbrummdoofe Düsseldorfer Parvenues; als Geddo-Insasse, der in diesen Palast nur kommt, wenn die Gattin ihn mal mitnimmt, glühen einem ob der herrschenden Mond-Preise freilich kräftig die Ohren; ich war sogar kurzzeitig versucht, ein oder zwei Schnäpse direkt intravenös in mein Portemonnaie zu kippen, damit es betäubt für eine Weile Ruhe gäbe und zu quengeln aufhöre. Hektisch blätterte ich in den Hadithen: Hatte der Prophet nicht den Wucher untersagt? Hat er. Aber wer hört schon auf Propheten!

Immerhin habe ich hier eine adrette, schnuckelig-feiste „Schlemmer-Poularde“erstanden, die nicht nach Dioxin aussah. Ich werde sie „mexikanisch“, also mit Chili-Schokoladen-Sauce zubereiten. Fertig gab es das nicht. Ich werde also kochen müssen. Aus dem verbliebenen Rest Block-Schokolade mach ich Kaviar, zu dem ich, auch wenn es der Prophet gar nicht gern sieht, ein Gläschen Grauburgunder trinke, in den man, so hoffe ich vertrauensseliger Naivling, bitteschön nichts Artfremdes hineingepanscht hat. Andernfalls möge der Zorn Gottes über den Winzer kommen, und er sollte schon mal in den Hadithen nachblättern, was ihm an Höllenstrafen blüht.

Mit anderen Worten, und knapp zusammengefasst: Am Anfang des Monats kann man in diesem EDEKA schon mal gut einkaufen!