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Magister Jekyll und der Volksmund (Altersindolenz)

28. November 2012

Herr Gauck wird in ein Lied involviert (Foto: A. Probst)

Ich spreche ganz gut Volksmund, wenn es darauf ankommt, aber nicht gerne. Mir liegt das Rohe, Derbe, Gemeine nicht. Ich bin noch in der Goethe-Zeit aufgewachsen und finde, die Sprache eines älteren Herren sollte gepflegt, reinlich und voller Anmut sein. Also nicht gerade geschniegelt, auf Kante gebügelt und steifleinern, aber doch von Obszönitäten und gemaulten Schimpfreden frei. Leider überdauern meine guten Vorsätze nie die Silvesternacht, und so entfuhr mir kürzlich eine unfassbare Entgleisung, die mich zwar noch immer erröten lässt, die ich aber doch bekennen will. Kürzlich beobachtete ich nämlich auf dem Fernsehschirm die 3Sat-Kulturzeit-Schnepfe Tina Mendelsohn, wie sie gerade im Bezug auf den Nahost-Konflikt plapperte, man solle doch mal „die Narrative ändern“ und „die Hamas endlich von der Liste der Terrororganisationen streichen“. Da entfuhr es mir, ehe mich mir den Mund mit Seife auswaschen konnte, laut und herzhaft: „Du bist doch echt eine scheißblöde Antisemiten-Kuh!“ – Oh Mann, und jetzt lüge ich auch noch! Ich habe gar nicht Kuh gesagt, sondern – zarten Gemütern empfehle ich, jetzt einen Piepton beliebiger Länge einzublenden – … Fotze. Echt. Antisemiten-Fotze! Entsetzlich, oder? Na ja, so entsetzlich auch wieder nicht, denn zum Glück war ich ganz allein im Fernsehzimmer, und Frau Mendelsohn im Flachbildland hat mich nicht gehört. Ins Gesicht gesagt hätte ich ihr solche Unflätigkeiten natürlich nicht! Obwohl, die hätte bestimmt eine ordentliche Schnute gezogen und einen Flunsch dazu mit ihren dicken Aufblaslippen, die dumme Kuh!

Der Volksmund sagt gern, wenn ihn Ereignisse unberührt lassen, sie gingen ihm „am Arsch vorbei“. Ich zitiere das nur, ich selber würde den Begriff indolent vorziehen. Meine Indolenz erreicht derzeit das Stadium einer gewissen Altersabgebrühtheit, stelle ich fest. Die letzten Tage war hier nämlich der Teufel los, aber mein Ruhepuls lag trotzdem kaum über der Raumtemperatur. Zuerst kam Opa Gauck, der Bundespräsident aller Gutwilligen und Harmlosen, direktemang mitten ins Geddo. Ach was sage ich, in meine Straße! Die wurde dafür den ganzen Tag gesperrt, der Müll wurde weggeräumt und die Anwohner, das Geddo-Gesindel, bekamen, zack, Hausarrest. Gauck kam dann, als die Luft rein war, und hat angenehm unverlausten, frisch schamponierten Migrantenkindern den Kopf getätschelt, die ihm dafür was gemalt haben. Zum Höhepunkt haben sie ihm auch noch ein Lied vorgesungen. Der Presse entnehme ich, der Präsident sei „sogar in das Lied involviert“ worden. Ich war noch nie in ein Lied involviert, glaube ich. Wie das geht, weiß ich gar nicht. Das heißt, ich weiß es in diesem Fall ja doch: Er hat mitgeklatscht! Es gibt sogar ein Beweisfoto in der Lokalzeitung, obwohl man auf einem Foto natürlich gar nicht sehen kann, ob einer klatscht oder nur mit den Händen anzeigt, wie weit ihm die scheiß Symbolpolitik zum Hals raushängt. Ups, schon wieder der böse Volksmund!

Kaum war der Gutmensch abgedampft, hat man nebenan eine Weltkriegsbombe gefunden, die siebente in diesem Jahr, 500 Kg bester Sprengstoff mit Säurezünder, und zugleich brannte im Geddo auch noch eine Schule ab. Oh, oh. Den ganzen Abend bretterten alle dreihundert Löschzüge der Region mit Blaulicht und Sirene panisch durch die Stadt und veranstalteten ein solches Chaos, das alles Leben zum Erliegen kam. Eigentlich hätte man die Bombe auch gleich hochgehen lassen können. Sogar der Weihnachtsmarkt wurde teilweise evakuiert, während im anderen Teil das Gedudel eines Karussells sich in das Sirenengeheul mischte. Ich radelte munter dran vorbei und amüsierte mich darüber, dass die einzige Möglichkeit, in der Stadt mit dem Auto voranzukommen, darin bestand, in dieses Karussell zu steigen. Zum Beispiel in ein Feuerwehrauto.  Bizarr, aber lustig. So weit zu meiner Indolenz. Ich habe trotz allem meinen Abend-Vortrag über den Selbstmord durchgezogen. Viele Zuhörer blieben auf der Strecke, allerdings schon vorher, weil die Autobahn abgeriegelt war.

Das alles hat mich kaum tangiert. Blöder ist schon, dass die Gattin zur Wellnessüberholung weg ist. Gut, man bekommt sie vielleicht wie neu wieder, aber erst einmal fehlt sie bitterlich, und mir ist novembrig zumute. Ja, wäre sie eine Zimtzicke, dann käme vielleicht ein Hauch diebischer Freude auf über ihre Abwesenheit, aber das ist sie ja nicht. Sie ist eine gute Frau. Männer mit schlechten Frauen führen ein trauriges Leben, das kneift und kratzt wie ein härenes Hemd. Oft sieht man solche Männer im Schlafanzug einsam durch ihren Garten streifen und aus lauter Verzweiflung Käfer fotografieren. Ich möchte das nicht. Ich möchte auch nicht, dass die Gattin dies hier liest und daher jetzt weiß, was ich zu Tina Mendelsohn gesagt habe. Sie soll nicht an meiner Gesittung zweifeln, sondern mir den Kopf tätscheln, sich in ein Liebeslied involvieren lassen und: Magister Jekyll, möge sie sagen, dein Herr Hyde geht mir am Arsch vorbei, – und nun hopphopp, Leergut wegbringen!

Heimsuchung in Birnbaum

8. April 2009
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In Birnbaum sieht es nach Krieg und Pestilenz aus...

Mit wachsender Faszination blättere ich in der Chronik der Stadt meiner Vorväter, was sich heißt heute Międzychód, Woiwodschaft Wielkopolskie, und ist ehemals gewesen unser scheines Birnbaum an der Warthe. Obschon in und um Birnbaum immer wieder der Krieg tobte, besaß man offensichtlich ein hochsensibles Moralbewusstsein. Nicht nur, weil man den halbblinden Schneider Jakob, der seis aus Kurzsichtigkeit, seis, weil ihm eine Hexe dafür die Wiederherstellung des Augenlichts versprochen hatte, mit einem Schwein verkehrte und, dabei erwischt, gleichen Tages noch enthauptet und gemeinsam mit der Sau verbrannt hatte, – nein, wenige Jahre später erhängte sich der Sohn des Dorfschmieds von Birnbaum, der erst 18-jährige Christoph Urbahn im väterlichen Kuhstall, allein weil er beschuldigt worden war, „die Hofmagd beschwängert“ zu haben. Eine Aussage der Magd ist nicht überliefert.

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Mysteriöses "fliegend Gewürmb"!

Im folgenden Jahr aber kam der Horror: ein fliegend Gewürmb, zwei Finger Glied lang“ ergriff die Schreckensherrschaft über Birnbaum und terrorisierte einen Sommer lang Mensch und Tier. Über dreissig Tote waren zu beklagen – allesamt Opfer dieser sonderbaren fliegenden Würmer, die etwa so beschrieben wurden:

„Ihre Gestalt ist gewesen ein Schwartz Rauhes Gesichte, mit zweinen Hörnern, auff dem Rücken gantz gelbstreifficht, vier gelbe Flügel, zwei große und zwo kleine, 9 Beinbe 6 gelb streifigte und 3 Schwartze, mitten unten dem Bauche einen langen Spitzigen Stachel, und eine scheide, worin er (der Wurm, das Insekt) den Stachell geleget, wan er geflogen; die Dicke des Stachels war wie eine Schweines-Crust; und Welche Menschen oder Welches Vieh, eß mocht sein Ochse, oder Pferdt, damitt stach, mußte in 24 Stunden des Todes sein, so ferne Ihme nicht balde gerathen wardt, durch außschneidung der Gifft; Undt sindt auff die 30 Persohnen von diesen Würmern Umbs leben gebracht worden, ohne daß Rindt- und Pferde-Vieh.“

Hm, das ist sonderbar. Abgesehen davon, daß man sich bei den Beinen verzählt haben mag: Auf keine Art von Wespen, Hornissen, Bremsen o. ä. paßt die Beschreibung auch nur annähernd. Was waren das für Tiere? Wo kamen sie her? Volle fünf Monate jedenfalls terrorisierten diese Aliens Birnbaum und die umliegenden Dörfer:

Ihre (der „Würmer“, Kraska) Regierung  War 5 Monath lang, als vom Mart (März) biß auff den letzten July, darnach haben sie sich verlohren, unndt nicht mehr gesehen Worden. Unter andern ist auch einer von unsern Mitbürgern, Nahmens Meister Gottfried Wulffsberger, ein Riemer, … ins Angesicht gestochen worden, Welcher aber durch alßo balde außschneidung der Gifft beim Leben ist erhalten Worden, Wie solches genungsam an Ihme zu ersehen gewesen.“

Wer mir Hinweise auf die Identität des neun-beinigen, vier-flügligen, giftig stechenden „Gewürmbs“ geben kann – ich wäre für jeden entomologischen Fingerzeig dankbar! – Die Birnbaumer konnten nach Abzug des „Gewürmbs“ erstmal kurz verschnaufen. 1680 passierte nur ein vergleichsweise kleines Unglück in Form eines alkoholbedingten „Todesfalles“:

Im folgenden Jahre 1680, (den 16ten August) fiel der hiesige Bürger und Tuchmachermeister Martin Söhn vom Rathhause herunter, indem er in trunkenem Zustande sich auf die Lehne des Umganges gesetzt, darauf eingeschlafen, und so liederlicher Weise herunter gestürzet. Er starb am 3ten Tage.“

Leben und Sterben in Birnbaum! So schnell kann es gehen. Das zu den Gefahren des Alkohomißbrauchs. Schon Ende 1680 kam es aber schon wieder dicke für die geplagten Birnbaumer. Als sie gegen Ende des Weihnachtsfestes den Blick zum Himmel wandten, stand ihnen sperrangelweit das Maul offen vor Schreck und Kümmerniß:

„Am letzten heiligen Weihnachtstage desselben Jahres 1680, Abends zwischen 8 und 9 Uhr, zeigte sich ein überaus großer Comet“. Aus Thorn berichtete man, daß „die Lange des Straußes der Blume, also des Schweifes so er hinter sich stehende gehabt, in sich begriffen 810 Meilen, die Breite aber 30 Meilen.“ Die Chronik vermerkt düster: „Seine Bedeutung soll sein Krieg und Pestilenz. Der Höchste Woll solches in Gnaden von Unß abwenden.“

Aber der Höchste dachte gar nicht daran, ausgerechnet von den Birnbaumern „Krieg und Pestilenz“ abzuwenden. Ganz im Gegenteil, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte…