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Kleines Glück (Kafka bricht sich das Bein)

13. Januar 2012

Kleines Glück: Ich muss nicht zum Zahnarzt!

Ich glaub, ich google das Wort seit Jahren alle fünf Monate und vergesse doch immer wieder, was das bedeutet: Resilienz. Die Qualität des Stehaufmännchens. Subjektiv sind meine Resilienz-Werte erschütternd niedrig; die Tatsache, dass ich noch immer lebe, spricht freilich eine andere Sprache. Sonderbares Gefühl, ähnlich wie wenn jemand Kaffee gekocht und direkt in meinen Traum gebracht hätte, während ich noch schlief: Schau an! Man ist ja doch ein zäher Hund!

Grund meiner milden Euphorie: Ich besitze zwei Beine! Gerade entdeckte ich dies! Das ist ein Grund zur unverstellten, zügellosen Freude und wahrhaft Anlass, das Leben zu feiern, denn mit zwei Beinen lässt es sich zum Beispiel viel komfortabler und eleganter Fahrrad fahren als sonst. Wie lässig ich mich an der roten Ampel abstütze! Das zweite Bein verleiht mir etwas Weltmännisches, Sportives und Grundsolides. Kein Hut wohl, und säße er noch so verwegen, vermöchte dies. Heute ist es schon so, dass ich mich ohne zweites Bein irgendwie inkomplett fühle und gar nicht aus dem Haus möchte. Generell freut man sich zu wenig über doch nur scheinbar Selbstverständliches. Gestern Nacht geriet ich beispielsweise nächtens im Bett in helle Begeisterung, weil ich mich mühelos von der rechten auf die linke Seite drehen konnte. Tagelang ging das nämlich nicht ohne unmenschliche Tortur, weil ich mir die Halswirbel verrenkt hatte, was sehr viel lustiger und bagatellenhafter klingt, als es tatsächlich ist. Wer je eine dreiviertel Stunde benötigte, sich einen Socken artgerecht auf den Fuß zu stülpen, weiß, wovon ich spreche.

Von Franz Kafka, dem vergleichsweise unbekannten Hochkomiker deutscher Zunge, ist der Text überliefert: „Einmal brach ich mir das (sic! Kraska) Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens.“ Wie alle Werke des Prager Großmeisters ist auch dieses schwer zu interpretieren. War sein Leben dermaßen mies, dass ein Beinbruch darin schon „das schönste Erlebnis“ war? Oder verbarg sich „das Schöne“ im Erlebnis, immerhin nicht nur „das“, sondern zum Glück noch ein zweites, ein Ersatz-Bein zu besitzen? Oder, noch unheimlicher, war Kafka, als verschlagener Dialektiker, ähnlich wie der von ihm bewunderte Robert Walser, ein solcher Meister des positiven Denkens, dass ihm noch der allerletzte Lebensunbill zum Grund überschäumender Lebensfreude geriet? Schwer zu glauben, denn Kafka trug ja bekanntlich schwer an seiner notorischen Schwermut. Tausende von kafkakundigen Germanisten werden dies gern bestätigen.

Ein Quell seinsfrommer Glückseligkeitsempfindungen, der erstaunlich selten erschlossen wird, besteht in der Tat darin, dass man nicht jeden Tag, und vor allem am heutigen nicht,  zum Zahnarzt muss. Ich möchte Schwermütigen empfehlen, mehrmals am Tag an einer Zahnarztpraxis vorbeizuschlendern und sich, die Tabelle der Sprechzeiten studierend,  aufs wohligste klar zu machen, dass man selbst dental gerade nicht involviert ist. Wie strahlt darauf der Rest  des Tages! Das Leben gibt schulfrei. Die ganze Welt steht einem offen! Man kann Fahrrad fahren, sich im Bett herumdrehen, Socken anziehen, kurz, tun, wozu der Mensch im Eigentlichen gemacht ist! Herrlich!

Im Rausch der Freiheit, der mich vor der Zahnarztpraxis überfiel, ergriff mich dann die plötzliche Einsicht, dass mich, selbst wenn ich ein politischer Mensch wäre, die Frage nicht unbedingt zu interessieren hätte, wer Bettina Wulffs Kleider bezahlt. Selbst die Kausal-Herkunft jenes seltsam entrückten, fast manischen Dauergrinsens, das ihr fest in die Backen gedübelt zu sein scheint, gehört nicht zu den vierhundert Fragen, die mir den Schlaf rauben. Selbst wenn ich, der Unwürdige und sozial Verdienstlose, zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten eingeladen worden wäre, hätte ich die First Lady nicht mit uncharmanten Fragen bedrängt, sondern ihr vielleicht erzählt, dass ich zwei mühelos selbst angezogene Socken trage. Das gewiss konsequent nicht-irritierte Lächeln, das sie mir daraufhin geschenkt hätte, zählte zu den schönsten Erlebnissen meines Lebens!

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Die Märchen-Muhme schnitt den Faden…

2. Juni 2010

Geliebte Gegenmutter: Louise Bourgeois (1912-2010)

Daß es seltene Menschen gibt, die rückwärts geboren und mit dem Alter immer jünger werden, ist ein Topos der Literatur und des Films. Manchmal existieren sie aber auch tatsächlich. Ich fand jedenfalls, zum Schluß wirkte sie schon fast gespenstisch in ihrer Vitalität und unermüdlichen, rumpelstilzchen-haften Schaffenskraft, wie ein in Unwirklichkeit gebadetes, sehr junges Mädchen aus einem Carollschen Wunderland, immer am Spinnrad der Kunst, der arachnoide weibliche Archetyp der Sinn- und Schicksalsspinnerin, immer wie leise kichernd, im klamm stummen Fingerspiel haspelnd und spinnend, versponnen verhäkelte Botschaften wispernd, gespenstisch, aber auf anheimelnde, vertraute Art gespenstisch, wie Frau Holle oder meinetwegen auch des Teufels Großmutter, als wäre sie, die alte Muhme Louise, eine zaubrische, als Greisin verkleidete Elfe: Verwundet, aber davongekommen, schweigsam, aber beredt: Ihre schüchtern-obzönen Schwellkörper, die dezent-grausamen Püppchen und Strickfiguren, ihre arachnoiden Monstermütter, ihre verstörenden „Zellen“ und verwunschenen, im kranken Licht fröstelnden Kram-Kammern kündeten, sozusagen in hundert Jahren Schlaflosigkeit zusammengeklöppelt, von einem rastlosen, arbeitsamen Geist, der hinter dem Gespinsten der Sprache und der Konventionen nach der ursprünglichen Wunde suchte, dem unhörbaren Schrei auf dem Grund der eigenen Existenz lauschte,  dem Untergrund der Dinge nachforschte, dem wurzelhaft-biotischen Wuchern und Wachsen des Unheimlichen, das uns trägt, der nie verwundenen Kindheit nachtrauernd. – Künstler wird, so sagte sie, wer es es nie schafft, erwachsen zu werden.

Louise, auch ein Idol: ein böses, verstoßenes, nicht gewolltes Kind, ein unverstandenes Kind, ein Kind mit einem bösen, glasklaren Blick. Immer draußen, immer am Rande, und immer im Bilde. Hexen, Parzen, Muhmen: „Weise Frauen“, Behüterinnen eines unerträglichen, aber doch unverzichtbaren Wissens – Louise Bourgeois war für mich eine von ihnen. Ihr Werk berührte mich, unangenehm intensiv wie ein schlimmer grippaler Infekt, ein erlkönighaftes Fieber, eine physische Beängstigung und Lockung zugleich, ganz unmittelbar, ohne Vermittlung durch Kunstlehrer und Interpreten. Sie machte Angst und in sich verliebt, wie sonst nur Kafka. Sie ging mir unter die Haut. Louise Bourgeois war meine (heilsame) Gegenmutter.  Außerdem, um sachlich zu bleiben, bewies sie, daß Feminismus nicht dumm, geistlos und ideologisch sein MUSS. Wenn ich je eine Frau jenseits des Geschlechtes rückhaltlos verehrt habe, dann sie: Weil sie Verehrung abstieß.

Halb und halb hatte ich schon gehofft, sie sei eventuell unsterblich, dezent-papiernen entrückt, zum Mythos sublimiert. Aber dazu war sie wohl zu bescheiden.

Nun starb sie also doch – am Montag, den 31. Mai 2010, im Alter von 98 Jahren, in New York an einem Herzinfarkt.  – Geliebte, verehrte Louise. – Endlich Schlaf!

Über Samuel Beckett

26. Mai 2010

Samuel Beckett 1906-1989 (Foto: Jane Brown)

Bestseller waren Becketts Romane gerade nicht, sind es auch zu keiner Zeit geworden. Es sind Romane, wie das Jahrhundert sie verdient. Beim breiteren Publikum eilt ihnen der Ruf voraus, schwierig, langweilig, sogar unlesbar zu sein. Ein Vorurteil, das sich bei der heutigen Lektüre nicht unbedingt bestätigt. Becketts Romane sind voll von abgründigem, rabenschwarzem Humor, sie entfalten eine ganz eigentümliche, bizarre Poesie und der illusionslose Sarkasmus des Autors erlaubt diese ungerührten, hellsichtigen und zwingenden Einblicke in das Groteske, Heillose und Verstörende der menschlichen Existenz, wie sie zuvor nur Dostojewski und Kafka zustande gebracht haben. Beckett ist im Grunde ein großer Realist: seine Helden, Lebensversehrte und Halbkrüppel, sind allesamt so gut wie tot, stammeln eine Menge albernes sinnloses Zeug und begehen kraftlose, konfuse Handlungen, die zu nichts führen – sind sie also nicht wie du und ich? Der Blick auf die condition humaine ist nüchtern und unverstellt, aber immer hochkomisch. »Nichts ist komischer als das Unglück«. Man kann die Welt anders ansehen als Beckett – aber sicher nicht ehrlicher und illusionsloser.

Das Personal des Becketschen Prosawerks besteht aus Virtuosen des Unglücks, seltsam eigensinnigen, gleichmütigen Vergeblichkeitsartisten und Sinnverweigerern, verkrüppelt, von Schmerzen geplagt – Randgänger und komische Heilige, um ihr Ziel gebrachte Sucher und seit Ewigkeiten Wartende. Becketts frühe Romane sind Meisterwerke artistischen Sprachwitzes, abgründige Grotesken von einem Humor, so schwarz – um eine Lieblingssprachfigur von Beckett zu benutzen –, so schwarz also, daß schwarz schon nicht mehr das richtige Wort ist…

JETZT NEU IM „denkfixer„-BLOG (http://reinhardhaneld.wordpress.com):

Ein Vortrags-Text, der die Prosa-Werke Samuel Becketts vorstellt und erläutert – als PDF-Datei zum kostenlosen Downloaden!

Meine Idole (2): Robert Walser

12. Juni 2009
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Sprachmagier und Verkleinerungskünstler: Robert Walser 1878 - 1956

Wer schimpft, weil dieser Aufsatz ihm zu lang ist, der kann entweder nur die blauen Zeilen lesen (mein Text), oder nur die lilanen (Texte von Robert Walser), dann gehts etwas schneller…

Ein kalter, schneereicher Weihnachtssonntag vor 52 Jahren. In der Psychiatrischen Heilanstalt Herisau wartet ein langjähriger Insasse vergeblich, daß ihn sein Freund und Vormund zum regelmäßigen Spaziergang abholt. Schließlich macht sich der zarte, zerbrechliche alte Mann im abgetragenen Anzug allein auf, legt den Schal um, nimmt den Hut und geht in den Schnee hinaus. Der Schlußakt eines langen Verschwindens: Der Großmeister taoistischer Selbstverkleinerung hatte sich schließlich, schweigend und klaglos, ins Nichts begeben. Man findet seinen Leichnam in einer Schneewehe, seine zagen Spuren schon halb verwischt, als hätte das Weiß einer leeren Seite schließlich die Spuren der Schrift verschlungen, endgültig.

Nachrufe erscheinen keine. Der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben Franz Kafka wohl größte Künstler deutscher Kurzprosa, der Poet, Humorist, Ironiker und unvergleichliche Sprachmagier Robert Walser stirbt, ohne daß die Welt davon Notiz nimmt. Man hatte ihn längst vergessen. Der Schweizer, der zwischen 1908 und 1933 mehr als zweitausend funkelnde, zauberhafte “Prosastückli”produziert hatte, dazu drei traumschön-melancholische, abgründig komische und ironisch-tiefsinnige Romane, überdies zahlreiche gekonnt verhauene und verhuschte Gedichte, Dramolette, Szenen, Meditationen, dieser scheinbar unerschöpflich kreative Vielschreiber und Sprachtheater-Magier verstummte 1933 für immer. 1944 sagt er rückblickend: »Meine Welt wurde von den Nazis zertrümmert. Die Zeitungen, für die ich schrieb, sind eingegangen; ihre Redaktoren wurden verjagt oder sind gestorben. Da bin ich ja beinahe zu einem Petrefakt geworden.«

Ein versteinertes Fossil blieb er nicht; die 70er Jahre feierten seine Wiederentdeckung; heute kann man, staunend, schmunzelnd, kopfschüttelnd, und wenn man vom Fach ist, neiderfüllt, seine meisterhaften Miniaturen, Glossen und Meditationen lesen und in aller Bequemlichkeit süchtig werden nach dem skurrilen Charme dieses verschrobenen Meisters.

Das eher unscheinbare literarische Genre, das Walser zu ungeahnten Höhen führt, ist die von ihm zärtlich als»Prosastückli« bezeichnete Kurz- und Kürzest-Prosa. In den dreissig Jahren bienenfleißiger Produktion entsteht diese ganz eigentümliche poetische Prosa-Welt aus ironisch gebrochenen Idyllen, künstlich auf »altklug« frisierten Meditationen, szenischen Sprachgrotesken und absurden Trivial-Dramoletten, aus hochkomischen Alltagsbeobachtungen, sehr speziellen Reise-Skizzen und allerhand kauzigen Besinnungsaufsätzen, ferner pseudo-naiven und skurrilen Nacherzählungen von Werken der Weltliteratur oder auch Groschentrivialromanen und Kintopp-Rührstücken, außerdem fiktiven Briefe, Szenen, Porträts realer oder fiktiver Personen, – eine nicht abreißende, endlose Flut kleiner und kleinster geistsprühender Meisterwerke, oft nicht mehr als ein oder zwei Buchseiten lang, deren Lektüre in der Tat süchtig zu machen imstande ist, sofern man einen etwas subtileren Humor hat.

Robert Walser, 1878 in Biel geboren, zog es nach kurzer Schulzeit und abgebrochener Banklehre aus der Schweizer Provinz in die große Welt. Er folgte seinem Bruder Karl, der eine Karriere als gefragter Graphiker, Maler und Buchillustrator begonnen hatte, erst nach Stuttgart, dann nach Berlin, wo er selbst erste Gedichte und Prosa-Texte, dann seinen Erstlingsroman veröffentlichte. Im Windschatten seines Bruders gerierte sich Robert im großbürgerlichen Berlin mit Kniehosen, Trachtenjoppe und wildem Haarschopf als eine Art Schweizer Hirtenbüebli und literarisches Naturburschen-Wunderkind, als eine Landei-Rarität mit Esprit und Witz, verstrubbelt, naiv und frech, eine belustigende Kuriosität in den Bildungsbürger-Salons etwa der kultivierten jüdischen Verleger, Kunsthändler und -Kulturmagnatengebrüder Bruno und Paul Cassirer, in denen Robert bald wie Karl zu Gast ist. 
Hört mal von einem Dinner, das er dort selbst besucht, erlebt und, wenn man so sagen darf, in typischer Manier »ver-walsert« hat ( – man lese seine Texte laut, langsam, mit schweizerischer Bedächtigkeit und, wenn man kann, mit Schweizerakzent, – am besten einem möglichst bedächtigen, langfädigen und knarzigen, mit viel Kehllauten und Rachenkrächzern, oder?)

“O, in Gesellschaft zu gehen, ist gar nicht so ohne. Man zieht sich hübsch an, wie es einem die Verhältnisse, in denen man vegetiert, gestatten und begibt sich an Ort und Stelle. Der Diener öffnet gleich die gastliche Pforte. Gastliche Pforte? Ein etwas feuilletonistischer Ausdruck, aber ich liebe es, mich im Stil kleiner Tagesware zu bewegen. Ich gebe mit soviel Manier, als ich kann, Hut und Mantel ab, streiche mein ohnehin glattes Haar vor dem Spiegel noch etwas glätter, trete ein, stürze mich dicht vor die Herrin des Hauses, möchte ihr die Hand gleich küssen, gebe indessen diesen Gedanken auf und begnüge mich damit, eine vollendete (?) Verbeugung vor ihr zu machen. Vollendet oder nicht, vom geselligen Zug hingerissen, entfalte ich jetzt eine Menge Schwung und übe mich in den Tönen und Sitten, die zu den Lichtern und Blumen am besten zu passen scheinen.

»Zum Essen, Kinder«, ruft die Hausfrau aus. Schon will ich rennen, ich erinnere mich aber rasch, daß man so etwas nicht tun soll und zwinge mich zu einer langsamen, ruhigen, stolzen, bescheidenen, gelassenen, geduldigen, lächelnden, flüsternden und schicklichen Gangart. Es geht vortrefflich. Entzückend sieht mir da wieder einmal die Tafel aus. Man setzt sich, mit oder ohne Dame. Ich prüfe das Arrangement und nenne es im stillen ein schönes. Wäre noch schöner, wenn einer wie ich irgendetwas an der Dekoration auszusetzen hätte. Gottlob, ich bin bescheiden, ich danke, in dem ich jetzt zugreife, zugable und messere und löffle und esse. Wunderbar schmecken einem gesunden Menschen solch zartsinnig zubereiteten Speisen, und das Besteck, wie es glänzt, die Gläser, wie sie beinahe duften, wie sie freundlich grüßen und lispeln. Und jetzt lispelt auch schon meinerseits eine ziemlich ungenierte Unterhaltung. Nimmt mich bald einmal selber wunder, wo und wie ich’s hernehme, dieses Weltbetragen, derart Essen zum Munde zu führen, und dazwischen parlieren zu können.

Wie doch die Gesichter purpur anlaufen, je mehr Speisen und Weine dahergetragen werden. Schon könnte man satt sein, wenn man wollte, aber man will nicht, und zwar in erster Linie aus Schicklichkeitsgründen. Man hat weiter zu danken und weiter zu essen. Appetitlosigkeit ist eine Sünde an so reichbesetzten Tischen. Ich gieße immer mehr flüssige und leuchtende Laune in die allezeit, wie es scheint, durstige Kehle herunter. Wie das anhumort. Jetzt schenkt der Diener auch noch aus dicken Flaschen schäumende Begeisterung ein… Und nun prosten alle, Damen und Herren, einander zu, ich mache es nach, ich geborener Nachahmer. Aber stützt sich nicht alles, was in der Gesellschaft taktvoll und lieblich ist, auf die fortlaufende Nachahmung? Nachahmer sind in der Regel glückliche Kerls, so ich. Ich bin in der Tat ganz glücklich, schicklich und unauffällig sein zu dürfen. Und jetzt erhebt sich der leichte Witz, die Zunge wird lose, das lachende Wort will jedesmal an die sorglose, süße Ungezogenheit streifen. Es lebe, es lebe! Wie dumm! Aber das Schöne und Reiche ist immer ein ganz klein wenig dumm. Es gibt Menschen, die plötzlich lachen müssen beim Küssen. Das Glück ist ein Kind, das ‘heute’ wieder gottlob einmal nicht zur Schule gehen braucht. Immer wieder wird eingeschenkt, und das wie von unsichtbarer Geisterhand Eingegossene wird hinuntergeschüttet. Ich schütte geradezu unedel hinunter. […] O, ich freue mich über das alles, ich Proletarier, was ich bin. Mein Gesicht ist ein wahres, hochrotes Eßgesicht, aber essen Aristokraten etwa nicht auch? Es ist dumm, allzu fein sein zu wollen. Die Eß- und Trinklust hat vielleicht einen ganz aparten feinen Ton des Umgangs. Das Wohlbefinden bewegt sich möglicherweise noch am zartesten. Das sage ich so.

Was? Auch noch Käse? Und noch Obst und jetzt noch einmal einen See von Sekt? Und nun steht man auf, um vorsichtig nach Zigarren angeln zu gehen. Man spaziert durch die Räume. Welche Weltsicherheit. In reizenden Nischen setzt man sich ungezwungen und eng neben die Damen nieder. Alsdann, um es nicht ganz zu verlernen, schritthüpft man zu den Likörtischen, um sich in Wolken von Genüssen von neuem einzuhüllen. Der Herr des Hauses scheint fröhlich. Das genügt, um sich wie sonnenbeschienen vorzukommen. Lässig und witzig redet man zum weiblichen Geschlecht, wenn man kann. Immer zündet man sich neue Zigarettenstangen an. Das Vergnügen, einen neuen Menschen kennen zu lernen, tippt einem an die Stirne, kurz, es ist ein beständiges, gutes, dummes, behagliches Lachen um einen herum. […] Gewöhnt an das Schwelgen, bewegt man sich mit einer behäbigen Sicherheit und mit dem Mindestmaß an Formen im Glanz und im Menschenkranz einher, daß man leise und glücklich staunen muß, es im Leben so weit gebracht zu haben. Später sagt man gute Nacht, und dem Diener drückt man mit Gewicht sein in mancherlei Hinsicht redlich verdientes Trinkgeld in die Hand.”

Solche Szenen, mag ihnen Selbsterlebtes oder Phantasie zugrunde liegen, zeigen neben scharfer Beobachtungsgabe vor allem die enorme mimetische Wendigkeit der Walserschen Sprache. Auf engstem Raum kann er ein Gewirr von Stimmen entstehen lassen, mit Idiomen, Jargons und Nuancen spielen, Abschweifungen sich verlaufen lassen, in beliebige Rollen schlüpfen, Kanzlei- und Kontordeutsch mit Trivialkitsch und Zeitungsphrase mischen, gekonnt unbeholfene, nachgerade unglaublichste Satzgetüme -hervordrechseln und -schnörkeln, und immer, wirklich immer beschleicht den Leser dabei das leise Gefühl, von Walser ein wenig verulkt und veralbert zu werden, auch wenn man zuweilen gar nicht recht weiß, woran man das festmachen soll. Diese omnipräsente und doch irgendwie schwer greifbare Ironie kultiviert Walser mit Bedacht und er amüsiert sich ungeniert und maliziös über die Kritiker, die sich hierdurch verwirren lassen, wie etwa in folgendem Gesprächsbericht:

»In Bezug auf meine Schriftstellerei vertraute er mir mit einer belachenswerten Gebietermiene und -stimme an, er vermöge nicht klug daraus zu werden, er begreife jedesmal nicht, ob ich es ehrlich mit meiner Sprechweise meine oder nicht. Er weiß also nicht recht, ob er mich für aufrichtig oder für unaufrichtig halten soll, womit er natürlich weder seiner Intelligenz noch seiner Gemütsart das allerbeste Zeugnis ausstellt.

‘Du sollst dichten und schreiben, mein Lieber, daß es mir leicht einleuchtete’, besaß er mir gegenüber die Unverfrorenheit, zu beantragen. Es ist klar, daß mir der Antrag als eine Lächerlichkeit vorkam… ‘Da du’s zu etwas brachtest, so sei doch ruhige. Erfreue dich deines Eszuetwasgebrachthabens’, erwiderte ich und meinte ihn besänftigen zu müssen, doch er mißtraute mir, wie er mich auch jetzt noch in der denkbar ausgedehntesten Art und Weise mit seinem Mißtrauen bekränzt, krönt, schmückt und auszeichnet.

Er hat es offenbar geistig noch nicht so weit gebracht, um zu wissen, daß der Mißtrauische stets demjenigen indirekt schmeichelt, den er solcher Bedenklichkeit würdigt. Weil ich es zu nichts brachte, fürchtet er mich. Was für eine unermeßliche Sottise! Was für eine innere Armut im äußeren Hauseigentümerzustand! Er ist ein Gemachter, ich nicht. […] Er sieht, daß ich immer lache, wenn ich ihn sehe. Ich tu es nicht laut, sondern bloß so mit dem Gesicht.«

Trotz beachtlicher Anfangserfolge als literarischer Debütant macht Robert Walser keine Karriere. Er will nicht. Für die“Eszuetwasgebrachthabenden”, die “pomadisierten Gorillas”und “Hauseigentümer” hat er nur feinen Spott übrig. Der struppige Naturbursche aus den Schweizer Bergen, als den er sich stilisiert, besucht lieber eine Kammerdiener-Schule, läßt sich treiben, träumt vergeblich von einer Karriere als Schauspieler, verbummelt sich in Aushilfsjobs und geht schließlich in die Schweiz zurück, um dort in mönchischer Armut und Askese seine Beiträge für Zeitungen und Magazine in Deutschland, Österreich, der Schweiz und der Tschechoslowakei zu schreiben; in Prag wird Franz Kafka einer der leidenschaftlichsten Bewunderer Walsers.

Eine sehr eigentümlich und auffällige, von Walser gegenüber allem und jedem eingenommene Haltung ist die der übersteigerten, man möchte sagen frenetischen, mitunter beinahe hysterischen Affirmation, einer geradezu zügellosen, entfesselten und losgelassenen Weltbejahung und -bejubelung, mit der schon deshalb irgendetwas nicht stimmen kann, weil ihr Ton so überspannt und exaltiert ist. Wenn die sokratische Urform der Ironie darin besteht, sich in verstellender Absicht kleiner zu machen, als man ist, dann betreibt Walser die Totalisierung dieser Ironie, bei der die Welt vorauseilend und gewissermaßen präventiv rundum über den grünen Klee gelobt, bejubelt und behudelt wird, nur damit… – sie einem nichts tut!

Walsers Haltung ist sogar noch eine dialektische Halbdrehung subtiler, indem er sie demonstrativ vorführt, eigens auf sie verweist und uns damit gleichsam sagt:

Seht her, so winzig, bescheiden und demutsvoll muß man sich machen, wenn man nicht riskieren will, von der Wirklichkeit und den Gewalthabern darinnen zertreten zu werden! Vielleicht ist es diese ironische Überspanntheit, die Walter Benjamin zu dem etwas kryptischen Satz angestiftet hat, Leute wie Walser klängen immer wie geheilte Verrückte, womit er eventuell meinte: irgendwie unheimlich in ihrer beschwörenden Oberflächlichkeit.

Das Ich der Walserschen Prosa ist aus Furcht und Weltüberempfindlichkeit sicherheitshalber vorweg grenzenlos begeistert, hat vor lauter beflissener Ja-Sagerei und übereifriger Zustimmung zum Weltwirklichen als Ganzem und im Einzelnen etwas geradezu unheimlich Rotwangiges, Glühendes, hysterisch Überdrehtes; diese Affirmation ist derart vorauseilend und vorwegnehmend, hyperbolisch hochgestapelt und kompromißlos, daß sich jeder so Angesprochene auf Anhieb unbehaglich, nämlich irgendwie nicht wirklich ernstgenommen fühlt und unwillkürlich nach dem Haken an der Sache sucht. Eine sonderbare Form der Ironie, und natürlich eine sehr spezielle Art von Humor, für die nicht jeder ein Sensorium besitzt.

Die überdrehte Affirmation richtet Walser nicht nur gegen -Personen und Typen, beispielsweise etwa seinen Lieblingsfeind, den arrivierten, tüchtigen, geschäftlich erfolgreichen »deutschen -Eheherren«, Hauseigentümer und»Eszuetwasgebrachthabendem«, den er gern einen »pomadisierten Gorilla« tituliert und scheinheilig wegen seiner Gewichtigkeit bewundert.

Als Pose oder gestische Attitüde hält Walser die ironische Affirmation auch gegenüber der Literatur, dem Theater oder den Genres des Unterhaltungskitsches aufrecht. Scheinbar findet er alles wunderbar, und wenn er etwas verabscheut, dann macht er das damit deutlich, daß er es als über alle Maßen wunderbar anhimmelt. Das zeigen seine Weltliteraturnacherzählungen oder seine schrägen, ziemlich sinnfreien und zumeist pointenlos verläppernden Miniatur-Dramolette, in denen aufgemotzte Sensationsknalligkeit mit assoziativer Unkonzentriertheit wetteifert und insgesamt oft eine Stimmung herrscht, als hätten Samuel Beckett, Karl Valentin und Helge Schneider darauf getrunken, gemeinsam ein Stück zu schreiben.

Ein Beispiel: Die Groteske »Darf man…?«

Darf man sein Versprechen brechen? ·
Tragödie in wenigen Zeilen von einem Neuling, d. h. von mir

“Es ist da einmal so ein Mädchen gewesen.

Wo hab’ ich denn jetzt meine Gedanken?

Groß ist zur Zeit die Not des Gedanklichen. 
Ich reibe mir die Stirn und sinne nach.

Sie besaß etwas, das sie niemand anvertrauen durfte, so eine Art Makel, wiewohl ich nicht gerade sagen will Schandfleck.

Es hat sich einmal ein hochbegabter junger Mann wegen etwas Belastendem erschossen.

Ich halte mir gegenwärtig eine Masseuse.

Von dem Fräuleinchen wäre zu sagen, daß sie einen Herren liebt, von dem sie wiedergeliebt wurde.

Weil sie nun vor der Welt, d. h. der Gesellschaft, die die Welt bedeutet, etwas sehr Fragwürdiges zu verbergen hatte, wodurch sie ihm wahrscheinlich Unglück, bescheidener gesprochen, Verdruß gebracht und geschenkt hätte, so tat sie was?
Sie sprach zu ihm: ‘Du kannst mich unmöglich heiraten.’ 
‘Gut’, gab er zur Antwort, ‘so heirate ich dich also nicht, du Überallesgeliebte. Da ich dich aber nicht heiraten darf, so bleibe ich ledig.’

Er küßte sie daraufhin stürmisch, will sagen ungestüm, mit einer eigentlichen Unerlaubtheit, die sie ihm verzieh, indem sie ihrerseits vorbrachte:

‘Ich liebe dich auf ewig, d. h. Liebster, solange ich bei Atem bleibe, d. h. bis der liebe Gott mich zu sich ruft in seine denkbar sinnreich ausgeschmückte, tadellos möblierte Wohnung.’

Auch sie küßte ihn ihrerseits, wobei sich ihre Nase auf seinem geliebten Gesicht ein bißchen umbog.

Sie verabschiedeten sich aufs innigste und gingen ihrer Wege, stets ihres Versprechens tapfer eingedenk, daß sie sich nur lieben, aber nie ehelichen wollten.

Durften sie sich ein solches keckes Versprechen aber auch geben? Durften sie ein so hochgeartetes Problem, eine so schwierige, aufopferungsvolle Aufgabe auf sich nehmen?

Was sagt hierzu die gute Natur?
Die Allmutter?

Jahre flogen dahin, d. h. die Zeit ging vorwärts, Schritt um Schritt, marternd langsam.

Wohl hielt das Fräulein ihr Wort, nicht aber ihr Begehrter, den sie nicht nehmen durfte, weil eine dunkle Macht, so eine Vergangenheitslast auf ihrem schneeweißen Hals lastete.

Fast muß ich hier ein wenig lachen, aber ich halte mir das Nastuch vor den Mund mit den schwellenden Lippen, mittels derer ich eben eine Banane aß.

Tugendumflügeltes Fräulein, ich lobpreise dich, und zum Wortbrecher sage ich einfach nichts als dies eine:

‘Schändlicher Schuft!’

Es verhielt sich mit ihm so: seines Versprechens müde, bewarb er sich um die Gunst einer Vonirgendwohergelaufenen.
Sie erwies sich als wunderhübsch.

Und er schloß mit ihr einen Bund auf Lebenszeit, eine Art Schutz- und Trutzbündnis, der Uneingedenkliche, und mit strahlendem Freudengesicht trat er mit ihr zum Altar, indes kleine Kinder ihm und ihr Kränze, die die Lebenslust geflochten zu haben schien, zu Füßen warfen, und indes in ihrem Kämmerchen die Treugebliebene, vom Geschehnis in Kenntnis gesetzt, und von der Orgel umbraust, die den beiden ins zukünftige Glück das Geleit gab, vor Wehmut verging, womit ausgesprochen ist, daß sie etwas sehr Gescheites vollbrachte, nämlich vom enttäuschungsreichen Leben abtrat, indem sie sich aus ihrer Zärtlichkeit einen Strang zurechtband, oder indem sie am gegebenen Wort erstickte.

Man trug die Standhafte und Ehrenfeste in einem Sarg zum Haus hinaus.”

So zu tun, als könne man etwas nicht besonders gut, was man in Wirklichkeit vollkommen beherrscht, ist bekanntlich ein bewährtes Mittel der performativen dadaistischen Komik, das heute in Deutschland beispielsweise den Mülheimer Jazz-Musikalclown Helge Schneider auszeichnet; Walser scheint es vielleicht erfunden zu haben, Karl Valentin hat es mit Liesl Karlstadt auf die Varieté-Bühne gebracht. In Walsers Selbstbeschreibung klingt das folgendermaßen (laßt Euch nicht davon irritieren, daß er fast immer von sich in der dritten Person spricht):

»Dann und wann trug seine wie aus einer Art von Eingeschlafenheit quillende Geschicklichkeit den Stempel berechneter Naivität oder gekünstelter Ungekünsteltheit«.

»Die Eitelkeit veranlaßte ihn, eine Reihe von in jeder Hinsicht unspannenden, harmlosen Büchern zu schreiben, die keiner zu lesen imstande war, ohne zu denken, hier gefalle sich einer in Veröffentlichungen, um zu nichts als zu der Beweiserbringung zu gelangen, er sei kein eigentlicher Schriftsteller«

Ende der 20er Jahre ist Robert Walser erschöpft, ausgebrannt, psychische Probleme nehmen zu. Er hört Stimmen, fühlt sich verfolgt, verliert zusehends den Boden unter den Füßen. Zunächst freiwillig zieht er sich in eine Psychiatrische Anstalt zurück – ab 1933 verlegt man ihn gegen seinen Willen nach Herisau und läßt ihn nicht mehr gehen. Ohne Freiheit aber, sagt er, könne er nicht mehr schreiben. Er verstummt konsequent und unwiderruflich, schreibt ab 1933 außer ein paar sachbezogenen Briefen keine Zeile mehr. Euro-Taoistischer Weiser, der er ist, fügt er sich schweigend in die Disziplin der Anstalt, in der er wie ein Zen-Mönch lebt:

Hellwach, konzentriert, aber stumm, klebt er gewissenhaft Tüten, hilft den Pflegerinnen bei Haushaltsarbeiten, meditiert und wandert. Er sieht zu, wie die Welt ihn vergißt, ohne etwas dagegen zu tun. Fast ein Vierteljahrhundert lebt er in selbst gewählter Isolation. Daß er, wie manche behaupten, eine psychische Erkrankung nur vorgespielt hätte, um sich zu verbergen, ist sicher ein Mythos. Doch wer Walsers wache, gletscherblaue Augen sieht und ihren durchdringenden Blick, der weiß auch, er war bei intaktem Verstand und Geist interniert. Es kümmerte ihn nicht. Seinem Projekt des Kleinerwerdens und Verschwindens (selbst seine Schrift wurde in den letzten Schaffensjahren immer winziger, war am Ende nur noch knapp milimetergroß!) kam es ja entgegen…

Ach, es wäre noch so viel über diesen seltsamen Heiligen, Alltagsphilosophen und skurrilen Sprachbastler zu erzählen! Leider ist schon dieser Beitrag von geradezu obzön unschöner Länge! Wer mehr wissen will über Robert Walser und einige seiner Texte vorgelesen haben möchte, kann ja bei mir eine HörBuch-Doppel-CD bestellen. Oder sich Robert Walsers Bücher (erschienen bei Suhrkamp) besorgen!

PS (Persönlicher Satz / Postscriptum):

Daß mir zuweilen der Walser-Robert in seiner Sprachspielmeisterlichkeit, mit der er seine mäandernden Satzschnörkelketten drechselt, bei aller gebotenerweise errötenden Bescheidenheit wie ein großes, daher kaum je zu erreichendes Vorbild erscheinen möchte, behandele ich als ein kaum zu verbergendes Geheimnis, daß zu offenbaren ich mich hiermit schüchtern erdreiste.

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Mikrograph und Ironiker Walser

 

Meine Idole (1): Peter Altenberg

10. Juni 2009
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Dandy, Exzentriker, Frauenverehrer, Prosa-Poet, Kaffeehaus-Trinker, Schnorrer und sensibler Menschenfreund: Peter Altenberg (i. e. Richard Engländer), 1859 - 1919

DER PROSA-BRÜHWÜRFEL-PRODUZENT

Ich bin gar nicht so! Immer muß ich gar nicht schimpfen, maulen, nörgeln und verächteln. Mein empfindsam schlagendes Herz ist zu reiner, warmer, wangenroter, ja rückhaltloser Verehrung und Bewunderung durchaus fähig, und das jetzt keineswegs nur gegenüber jungen, hübschen Fräulein mit Charme, Scharfsinn und sex appeal, sondern auch Männern gegenüber, zumeist, wie man früher sagte, Männern der Feder oder des geschliffenen Wortes, Literaten, Poeten, Schreibdenkern und Kaffehaustrinkern, Menschenwissenschaftlern und Lebensdurchforstern der Extra-Klasse. Leider sind meine von ferne sehnsüchtigschüchtern verehrten Vorbilder fast allesamt verstorben; die paar Lebenden „verehre“ ich auch nicht explizit, das schiene mir ungehörig nach Fan-Club zu riechen, deswegen finde ich Max Goldt, Wiglaf Droste, Ror Wolf, Eckard Henscheid oder Harry Rowohlt nur so ganz nebenbei und cool … „ganz gut“.

Unter den Lebenden verehre ich einzig den Herrn Eugen Egner, den postsurrealistisch-neo-dadaistischen Verrücktheiten-Ausdenker und Aberwitz-Zeichner, der aber auch schon so dermaßen ein Rad ab hat, daß ich ihn, den Wildfremden, auf der Straße gern weinend umarmen würde, auf eine Weise, wie es der geistig gerade zusammenbrechende Philosoph Friedrich Nietzsche in Turin mit dem geprügelten Droschkengaul gemacht hat; vor einer solchen Kurzschlusshandlung bewahrt mich lediglich, daß ich gar nicht weiß, wie Eugen Egner, der hochmögende Autor des „Tagebuchs eines Trinkers“ eigentlich aussieht, so daß auf der Straße  e r  schon  m i c h  umarmen müßte, sonst kämen wir wohl nicht zusammen. Ich verehre aber eh gern unaufdringlich, von weitem, und Herr Egner wird somit von meiner Bewunderung vermutlich nie etwas erfahren. Wir führen eine Fernbeziehung, unbekannterweise.

Mit dem großen Eckard Henscheid traf ich einst einmal zusammen, vor Jahren, bei einer Lesung in Düsseldorf, es geriet dieses Rencontre, das historisch hätte werden können und Gegenstand heroisierender literaturhistorischer Ölgemälde, aber leider zum  Fiasko, zu meinem persönlichen Waterloo, zur Begegnung eines Geistesfürsten mit einem kompletten Idioten, wobei ich die dankbare Rolle des letzteren übernahm. Der fulminante Polemiker und Kritiker, der im Herzen ein Idylliker geblieben ist und persönlich ein ungemein leiser, fast scheuer, bescheidener Mensch, sah mir huldvoll entgegen, als ich ihn in der Pause ansprach. ’Tschuldigung, Herr Henscheid“, brachte ich noch hervor, dann riß mich meine Schüchternheit und Peinlichkeitsfurcht bereits ins Schwarze Loch einer instantanen Ad-hoc-Entgeisterung und gnadenlose Sofortverblödung;  anstatt mein Herz dem Genius auszuschütten und ihm lebenslange Schülertreue bzw. Gefolgschaft zu offerieren, hörte ich fassungslos mich selbst flöten: „…man hört, Sie schrüben an einem Opernbuche? Wann wird uns denn jenes zuteil werden?“ Dann ertrank ich auch bereits im Verlegenheitsschwitzwasser, das um mich herum eine Pfützte gebildet hatte.

Seither habe ich außer dem Nobelpreisträger Imre Kertesz, aber das ist eine andere Geschichte, keinen Schriftsteller mehr angesprochen und bleibe vorsichtshalber abstandhaltender Fernbewunderer.

Die Toten aber, denen liege ich ohne weiteres zu Füßen: Heinrich Heine, Peter Altenberg, Alfred Polgar, Egon Friedell, Kurt Tucholsky, Karl Kraus, Anton Kuh, Franz Kafka, Robert Walser! Stört es Euch, daß dies alles – bis auf das Schweizer „Hirtenbüebli“ Walser-Robert – jüdische Autoren waren? Mich nicht; mich läßt es nur über die eigentümliche Verteilung von Intelligenz und Talent nachdenken.

Den Wiener Peter Altenberg bewunderte ich zunächst ganz außerliterarisch; meines Wissens war er der erste, aber wohl einzige, damit also zugleich letzte Mann, dem es, nach abgebrochenen Studien der Rechte und der Medizin, gelingen sollte, sich ärztlicherseits offiziell attestieren zu lassen, er sei zu nervös und sensibel, um einen Beruf auszuüben! Wie gut ich das verstehe! (Ich entkam der für Hypersentive unzumutbaren Tortur des Berufslebens am Ende dadurch, daß ich Philosoph wurde, die einzige Profession, die man nun wirklich nicht als Beruf bezeichnen kann…) Auf der Basis unserer Seelenverwandtschaft las ich seine Prosa-Skizzen, die nicht ohne vertrackte Subtilität bzw. Skurrilität sind. Der Autor selbst verglich seine im Kaffeehaus (oder daheim im Bett) gekriztelten Prosa-Bröckchen mit Justus von Liebigs aus Rindfleisch-Extrakt hergestellten Brühwürfeln – erst der Zusatz von neun Teilen verwässernder Leserkraft etwa verwandele seinen Text in eine genießbare Kraftbrühe. Altenberg war ein Lakoniker. Sein Matura-Aufsatz mit dem Titel „Der Einfluß der Neuen Welt (Amerika) auf die alte“ soll – freilich nach eigener Aussage – nur aus dem Wort „Kartoffeln“ bestanden haben. Jedenfalls fiel er durch und mußte die Maturaprüfung anderswo nachholen.

Lebensmittelpunkt Altenbergs wurde das Wiener Café Central. Es hieß in Wien, wenn Altenberg einmal nicht in diesem Kaffeehaus sitze, so sei er gewiß unterwegs dahin. Er sitzt noch heute dort, zwar aus Pappmachée, aber immerhin.

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Noch immer am Stammplatz: Peter Altenberg (Verehrer der sog. Damen-Grazie)

Peter Altenberg, der eigentlich Peter Engländer hieß, dieselben aber aus modischen (!) Gründen verachtete, war zweifellos ein Exzentriker. Er hatte eine einzige große Liebe: Alle schönen Mädchen und Frauen. „Mein Leben war der unerhörten Begeisterung für Gottes Kunstwerk »Frauenleib« gewidmet! Mein armseliges Zimmerchen ist fast austapeziert mit Akt-Studien von vollendeter Form. Alle befinden sich in eichenen Rahmen, mit Unterschriften. Über einer Fünfzehnjährigen steht geschrieben: »Beauté est vertue«. Schönheit ist Tugend. Unter einer anderen: »Es gibt nur eine Unanständigkeit des Nackten – – – das Nackte unanständig zu finden!…Wenn P. A. erwacht, fällt sein Blick auf die heilige Pracht und er nimmt die Not und Bedrängnis des Daseins ergeben hin, da er zwei Augen mitbekommen hat, die heiligste Schönheit der Welt in sich hineinzutrinken!“

Altenberg trank allerdings nicht nur Schönheit, sondern auch Likör, und zwar, nachdem er es erst mit verschiedenen Diäten versucht hatte, bis zu zehn Flascherln am Tag. Es soll ihn die Gesundheit gekostet haben, auch wohl einen Teil seines rechtwinkligen Bürgerverstandes; vom krausen, poetischen Literatenverstand behielt er  aber genug. Seelenverwandt fühle ich mich auch wegen seiner Selbstbiographie, in der es heißt:

 Mädchen habe ich von meinem frühesten Kindheitsalter unter bitteren Tränen verehrt wegen nichts. (…) Mit 23 Jahren liebte ich ein wunderbares 13jähriges Mädchen abgöttisch, durchweinte meine Nächte, verlobte mich mit ihr, wurde Buchhändler in Stuttgart, um rasch Geld zu verdienen und für sie sorgen zu können später. Aber es wurde nichts aus alledem. Nie wurde etwas aus meinen Träumen.

Ich habe nie irgend etwas anderes im Leben für wertvoll gehalten als die Frauenschönheit, die Damen-Grazie, dieses süße, kindliche. Und ich betrachte Jedermann als einen schmählich um das Leben Betrogenen, der einer anderen Sache hienieden irgendeinen Wert beiläge!

Seine Prosa-Skizzen-Schreiberei begriff Altenberg denn auch, mittelbar oder direkt, als eine Art Minnedienst und gelebte Frauenverehrung:

Meinen kleinen Sachen, die ich schreibe, lege ich nur den Wert bei, den Mann, welchen seine tausend Pflichten erschöpfen und aushöhlen, ein bißchen aufzuklären über dieses leibliche, zarte und mysteriöse Geschöpf an seiner Seite. Hineingefressen in die Pflichten des unerbittlichen Tages, darf er es sich nicht erlauben, die Frau als ein seltsames und unerforschliches Wesen an und für sich zu betrachten, sondern als einfache Genossin in seinen Schwierigkeiten! Ihre Welt in ihr ist ihm teuer und verständlich, insofern er Segnungen davon empfängt. Das andere bleibe den Dichtern überlassen! So nehmen denn diese dem Leben ein wenig Entrückten immer und immer wieder ihre Leier und verherrlichen weinend jene Adeligsten, von welchen die anderen die brutaleren Vorteile ziehen! Ich selbst habe nur Leid erfahren an diesen Herrlichen, für welche ich mein verlorenes und unnötiges Dasein hingebracht habe. Dennoch glaube ich ein wenig mitgewirkt zu haben, daß ein Hauch von griechischem Schönheits-Kultus in die vom Leben bedrängten Jünglinge komme! Aber auch das mag nur eine Utopie sein.

Arm und verlassen lebe ich nun dahin, den Blick noch immer gerichtet auf eine edle Frauenhand, einen adeligen Schritt, ein mildes weltentrücktes Antlitz. Amen“ – – 

Das mit der Armut und der Verlassenheit muß man nicht unbedingt wörtlich nehmen. Der berüchtigte Schnorrer und Zechpreller hinterließ, zum nicht geringen Missmut der ewig für seine Zeche einspringenden Kaffeehaus-Freunde, bei seinem Tod ein Vermögen von über 100.000 Kronen – daß er dem Wiener Kinderschutzbund vermachte. Und Freunde folgten seinem Sarg zum Ehrenbegräbnis auf dem Zentralfriedhof viele, berühmte und namhafte, Arthur Schnitzler, Karl Kraus, Egon Friedell, Polgar, kurzum die ganze Wiener Kaffeehaus-Intelligentsia.

Ich bemühe mich, da ich ihm nie etwas leihen konnte, wenigstens, von ihm das Schreiben zu lernen; seine Methode beschrieb er in einem Brief an Schnitzler so:

„Wie schreibe ich denn?!

Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich nehme Papier und schreibe. Sogar den Titel schreibe ich so hin und hoffe, es wird sich schon etwas machen, was mit dem Titel im Zusammenhang steht. Man muss sich auf sich verlassen, sich nicht Gewalt antun, sich entsetzlich frei ausleben lassen, hinfliegen –. Was dabei herauskommt, ist sicher das, was wirklich und tief in mir war. Kommt nichts heraus, so war eben nichts wirklich und tief darin und das macht dann auch nichts.“

Peter Altenberg, der wunderbare Exzentriker, Frauenschönheitsverehrer, Lebensbeobachter und Poet, wurde vor einhundertfünzig Jahren, 1859, geboren und starb 60 Jahre später, im Januar 1919. Seine Werke sind im Buchhandel noch erhältlich, und für Literaturfreunde, die Autoren mögen, die oft verschroben schroben, noch immer frisch, preis- und lesenswert!

 

Sprachblondinen verursachen N400!

29. Mai 2009

ÜBER HYPNOTISCHE SÄTZE, DEN N400 UND DIE BLONDINEN VON RIGA

Kennt das noch jemand? Daß man von einem einzigen Satz hypnotisiert und gewissermaßen gekidnappt wird? Mir ging das heute so mit einem irgendwie mysteriösen Satzgefüge von Franz Kafka, das geht so:

Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.“

Ich weiß nicht genau, warum, aber diese beiden ominösen Sätze lähmen mich irgendwie, weil, einerseits stimmt meine Lebenserfahrung Kafkas seltsamer Diagnose eifrig nickend zu, andererseits bekomme ich bei jedem Durchlesen einen N400. – Jetzt habt Ihr auch einen N400, oder? N400 nennen die Neuropsychologen einen Ausschlag beim EEG, der immer dann erfolgt, wenn einem Probanden oder Patienten während der Hirnstrommessung ein Satz vorgelegt wird, der in sich semantisch unstimmig ist. „Langbeinige blonde Mädchen träumen von Model-Karrieren“ – das ergäbe im EEG nichts Auffälliges. „Langbeinige blonde Schäfchen träumen von Model-Karrieren“ dagegen gäbe einen Oops?, also einen N400. Was Kafkas Satz betrifft, so tapse ich irritiert in ihm im Kreis herum und zögere, aus ihm wieder herauszukommen. Er erzeugt, was er behauptet. Das ist merkwürdig und selten, vor allem in der Kürze.

Bei langen Texten geht das schon leichter. Ich erinnere mich, während des Studiums eine ungefähr hundertseitige Vorlesung über das Phänomen der Langeweile studiert zu haben; sie stammte vom berühmten Schwarzwälder Seins-Beschwörer Martin Heidegger und war stilistisch dermaßen fädenziehend langweilig, daß sie sich sozusagen gleich selbst zum Beispiel nehmen konnte. Lachtränen und Gähntränen mischten sich beim Augenreiben! Ich weiß nicht, ob der alte Fuchs das beabsichtigt hatte, für Humor war er eigentlich nicht bekannt. Aber unfreiwillige Komik erheitert ja oft mehr als krampfhaft gewollte, oder?

Außer Sätzen, die sich auf Leser-Hypnose verstehen, gibt es noch solche, die praktisch mit Zeitzünder arbeiten; sie bleiben nach der Lektüre erstmal wie tot im Kopf liegen und dämmern schon dem Vergessen entgegen, und dann explodieren sie plötzlich und aus ihnen regnet ein kleines oder größres Häufchen Blödsinnskonfetti. Beispiel gefällig? Hier habe ich eine Zeitungsmeldung von heute, die gleich einen zweistufigen Zeitzünder besitzt, bei mir jedenfalls:

Blondinen gegen Krise. Mit einer Pfingstparade durch Riga wollen hunderte blonde Frauen die durch die Wirtschaftskrise getrübte Stimmung in Lettlands Hauptstadt aufhellen. Mindestens 500 Teilnehmerinnen würden an der Parade am Sonntag teilnehmen, sagte die Chefin des Verbandes blonder Frauen, Marika Gidere.“

Zunächst überlas ich die beiden Sätze achselzuckend, um zum Sportteil überzugehen, denn die begehrte unfeiwillige Komik nistet gern im Stil der journalistischen Sportlyriker. Erst Minuten später setzte ein durch N400 verursachtes Kopfschütteln ein: Wieso, fragte es sich in irgendeinem meiner entlegeneren Hirnareale, soll eine „Parade“  ausgerechnet blonder Frauen etwas an einer Wirtschaftskrise ändern? Die Idee klingt ja wie vom Satiriker und Absurdisten Slawomir Mrozek erfunden! Was soll dieser Quatsch denn? So oder so ähnlich nörgelte es in meinem Kopf noch eine Weile weiter, bis ich dem Gemaule, wie meist, mit einem abschließenden „Die Welt ist eben voller Blödsinn“ ein Ende machte.

Ich ging zur Tagesordnung über. Der nächste Tagesordnungspunkt lautete: Einen zweiten Becher Kaffee trinken. Ich erledigte dies gerade gewissenhaft, als es in meinem Hirn leise „puff“ machte und ein aufgeregt blinkendes Fragezeichen einen neuen N400 ankündigte: Wieso, bitte, warum und zu welchem Behuf braucht es in Lettland einen „Verband blonder Frauen“??! Gibt es das etwa bei uns auch, oder ist das eine baltische Spezialität? Sind dort nicht eh alle Frauen blond? Oder doch etwa eine unterdrückte, wegen ihrer Haarfarbe verfolgte und inkommodierte Minorität? Ist Blondheit dort irgendwie bedroht?  Warum sollten blonde Frauen sich sonst überhaupt in einem Verband organisieren? Zur Weiterbildung? Und sind sie mit dem Verband der Brünetten verfeindet, oder ist das eine Schwesterpartei? – Lauter Fragen stoben auf im Synapsengewitter, und wäre ich in diesem Moment an ein EEG-Gerät angeschlossen gewesen, hätte dieses bestimmt verrückt gespielt! Schon begann meine Phantasie zu wuchern und sich in das Verbandsleben der Letten und speziell der weiblichen, blonden hineinzufräsen, da rief ich dem  davoneilenden Hirnschwurbel gerade noch rechtzeitig ein energisches „Platz! Sitz! Aus!“ zu, um meine Gedanken wieder bei Fuß zu bekommen.

Aber geschafft hatten sie es trotzdem, diese Zeitungstext- bzw. Sprachblondinen, und zwar etwas, was reale Frauen, zumindest allein aufgrund ihrer eventuell vorliegenden Blondheit, gar nicht vermögen: Ich war nachhaltig irritiert! –  Nun gilt es natürlich erst einmal, die weitere Entwicklung der lettischen Wirtschaftskrise zu verfolgen. Wie der Kafka-Franz lehrt: Möglichkeiten der Rettung gibt es wieder so viele wie Verstecke – wenn Riga also demnächst einen Aufschwung meldet, müssen wir wohl über Blondinen umdenken oder wenigstens, meine verehrten Freundinnen, auf jeden Fall mal nachblondieren!

Vorwärts zur Weltevolution der Knalltüte!

26. Mai 2009
KOREA-NORTH/

Neuerliche ungeheuerliche Provokation! Der durchgeknallte „Kleine Diktator“ ( – der alte Mann im beigen Rentner-Look ganz rechts) von Nordlummerland fordert schon wieder die Weltgemeinschaft heraus: Diesmal mit einer Weltolympiade im Reise-nach-Jerusalem-Spielen. 28 000 Armee-Generäle rennen in der Hauptstadt Pingpong um die Wette, um einen Sitzplatz auf einem der bloß in achtfacher Ausführung in Nordlummerland produzierten und entsprechend begehrten roten Stühle zu ergattern. Wer noch steht, wenn der Diktator zu dirigieren aufhört, wird erschossen oder verschwindet spurlos in einem der streng geheimen, über Google Earth aber mühelos auffindbaren Arbeitslager des Landes. Die geheuchelte Begeisterung der Generäle ist natürlich staatlich verordnet. In Wahrheit freuen sich die Würdenträger nur über ihre volkseigenen Atomschwellkörper-Mützen brandneuester Bauart. – Soeben rezitiert Diktator Sang Sung seine welthistorische Phrase: „Ein kleiner Knall bei jedem von uns, aber ein großer Bumms für die Menschheit!“ Für den Fall, daß die USA Nordlummerland nicht bald aufkaufen, droht der Dikator mit dem Platzen-Lassen mittelgroßer Langstrecken-Knalltüten.

DIE EVOLUTION MARSCHIERT!

Auf dem Gebiet paläoontologischer Angelegenheiten sind nur wenige bewandert. Man kennt den einen oder anderen monströsen Dinosaurier, aber was denen da so für Kleinvieh oder Geziefer um die dicken Säulenbeine sprang, wüssten wir kaum beim Gattungs-, geschweige denn beim Vornamen zu nennen. Eine Ausnahme bildet die Ur-Primaten-Dame „Ida“ der Gattung Darwinius masillae, deren propperes Fossil jetzt beschrieben wurde. Ich hätte das Uraffen-Mädel ja „Madonna“ getauft, weil es nämlich blutjung und steinalt zugleich ist – eine noch mit Milchzähnen ausgestattete Zweijährige, die aber schon vor 47 Mio. Jahren verstarb. Ihr noch tadellos in Schuß befindliches Skelett gibt angeblich Anlaß, die Spezies Darwinius masillae aus der Gruppe der primitiven, relativ doofen  Feuchtnasenaffen (Halbaffen, Makis etc.) in die illustre Gruppe der schlaubergerischen Trockennasenaffen (Vollaffen, Primaten, Klassen-Primusse) zu promovieren, so erklären uns die Wissenschaftler. Dabei hätte ich für meinen Teil das kleine langschwänzige Vieh – das sich hinter einer DIN A-4-Seite verstecken könnte, wäre so etwas damals schon verfügbar gewesen – eher für eine Art Eidechse gehalten. Doch nein, weit gefehlt: Uraffe mit abnorm großem Hirn, wobei uns die journalistischen Edelfedern das Getier wahlweise als „Groß-Cousine“ (stern) oder „Ur-Ur-Ur-Großtante“ (SPIEGEL online) „der Menschheit“ schmackhaft machen wollen.

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Cousine Darwinius masillae soll die Evolution erklären!

Großes Hirn hin oder her, ich finde die possierliche Proto-Primatin überfordert, las ich doch in einer Schlagzeilenmeldung: „Uraffe soll die Evolution erklären“! – Ich soll das nämlich auch, im nächsten Semester, und ich finde das gar nicht so einfach. Schon Franz Kafkas Schimpanse Rotpeter hat in der Erzählung „Bericht für die Akademie“ nicht geringe Schwierigkeiten, seine Menschwerdung zu beschreiben. Und nun ein Uraffe gleich die ganze Evolution! Was, außer ihrem daumengroßen Gehirn, qualifiziert „Ida“ für eine solche Aufgabe? Daß sie dabei gewesen ist? Das ja wohl kaum! – Die Menschen beispielsweise, die 1789 beim Sturm der Pariser Bastille dabei waren, wussten ja auch nicht, daß sie die weltberühmte „Große Französische Revolution“ machten – sie hatten sich bloß über Brotpreise aufgeregt! – Sind wir selbst denn Zeitgenossen unserer Evolution? Sind wir „dabei“? Entwickelt sich denn da noch was?

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Der gemeine Grüne Atomschwellkopf: Mit Grauem Volkstrott-Vortänzer Vogel (Volkstrottel)

Wahrscheinlich. So hat sich aus einem entlegenen, gewissermaßen cousinenhaften Nebenarm des Homo sapiens sapiens jüngst etwa der sog. Grünmützige Atomknallkopf entwickelt, eine hoch aggressive, sehr spezialisierte Spezies mit abnorm kleinem Hirn und dem typischen bunten Ordensgefieder auf der Brust, deren Populationen sich gern um einen beige-grauen Volkstrottvortänzer-Vogel (kurz: Volkstrottel) scharen, dessen charakteristisches Tschilpen ihnen eine Heidenangst einjagt. Die schwellköpfigen Grünmützen arbeiten, obwohl chronisch halb verhungert, emsig an der Massenvernichtung anderer Gattungen, was sie für ihre verdammte sowie vornehmste Pflicht und Schuldigkeit halten. Ihre zweite Aufgabe im Gefüge der Lebewesen besteht im weltall-weiten Absingen revolutionärer Hymnen auf ihren „geliebten göttlichen Führer“, den grauen Volkstrottel. Als Fernziel streben die kleinen grünen Gesellen die vollständige Umgestaltung der Erde an, deren auffällige Rundungen für sie eine Provokation des amerikanischen Imperialismus darstellen, mit denen der Klassenfeind die Hungerkünste des heroischen nordlummerländischen Volkes verhöhnen will. Eine vollständige Rückführung des dekadenten Erdballs auf seine schon von Marxengelsleninstalinmaodzedongkimilsung entdeckte würfelförmige Grundform ist daher gleichbedeutend mit dem Endsieg aller friedliebenden Kräfte bzw. dero Nachkommen, die den Atomknall überlebt haben werden. Als Banner des Friedens wird dann das steingraue Hungertuch der Revolution auf allen sechs Seiten des Erdwürfels wehen!

Fest vorgenommen haben sich die grünen Knalltüten, nicht den Fehler ihrer Vorfahren, der Neanderthaler, zu wiederholen und auszusterben. Ihre Nuklearwaffen werden ihnen dabei helfen, hoffen sie. Meine Damen und Herren – die Evolution! Und wir dürfen sagen, wir seien dabei gewesen! (Die letzten Primaten machen dann bitte das Licht aus!)

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Das Banner des grauen Hungertuchs der Revolution wird über dem von den Rundungen des Imperialismus befreiten Erdwürfels wehen!