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Theologie im Kinderzimmer (Frag den Hodscha)

23. Juni 2011

Schmeißt Allah mit Büchern? (Foto-Quelle: Wikimedia Commons)

Freitags, da mach ich immer allgemeine Fragestunde. Mirko, mein serbo-deutscher Nachhilfeschüler darf fragen, was er will. „Auch über dich, Lehrrärr?“„Klar!“ – „Also ch’ab ich Frage: Warum bistu nich Muslim, Lehrrärr?“ Darüber haben wir nun schon tausendundeinmal gesprochen, aber es will einfach nicht in den kleinen kurz geschorenen Quadratschädel, weil, der Hodscha hat gesagt, ein Muslim weiß alles, was man wissen muss, und da ich in Mirkos Augen jemand bin, der nahezu alles weiß (sogar die Geheimnisse achtjähriger Knaben), muss ich in seinen Augen logischerweise auch Muslim sein. Eigentlich spreche ich nicht gern über Religion, um keine Verwirrung zu stiften, aber Mirko hat einen ähnlichen theologischen Forscherdrang wie ich mit acht Jahren. Er lässt nicht locker, denn er sorgt sich um mich: „Aberr wie kannstu nich an Allah glauben! Denn tuter dich mit Blitze verschmettern!“ Ich erkläre ihm, dass der Hodscha, von dem er das hat, vielleicht was falsch verstanden haben müsse, denn da hätte Allah ja wohl allerhand zu gewittern, weil nämlich ein paar Milliarden Menschen nicht an ihn glauben.

Mirko lässt sich erstmal aufmalen, wie viel Nullen eine Milliarde hat und macht große Augen. Da der Hodscha anscheinend nicht viel auf dem Kasten hat, übernehme ich widerstrebend den Religionsunterricht. „Weißt du denn überhaupt“, fragt also der jovial-liberale Toleranz-Onkel Kraska, „wie der Koran entstanden ist?“ Mirko nickt selbstgewiss: „Is von Himmel geregnet auf ersten Mann, wo geboren wurde, wie heißt noch?“ „Adam“, souffliere ich und bohre nach: „Wie jetzt? Allah hat den ersten Menschen mit Büchern beschmissen?“ Mirko muss  grinsen, weil er die Vorstellung auch ein bisschen lustig findet, nickt dann aber ernsthaft: „Hmm, aber nur mit die gelb-roten!“ (Beim ihm zuhause steht die „offizielle“ Koran-Prachtausgabe in Rot und Gold auf dem Wohnzimmerbuffet.) – Also gut, erzähle ich dem jungen Mann mal vom Propheten Mohammed (hat er noch nie gehört – in der Sonntagsschule von diesem Hodscha möchte ich ja mal Mäuschen spielen!), von Mekka und Medina, vom Erzengel Gabriel und von der Entstehung des Koran. (Im Stillen schüttle ich über mich selbst den Kopf: Hab ich jetzt hier Koran-Schule, oder was?)

Mirko möchte wissen, ob Mohammed in Serbien wohnt. „Eher nicht“, erkläre ich, „der ist seit mehr als dreizehnhundert Jahren tot.“ – „Der hats gut!“ murmelt mein Koran-Schüler. „Wie bitte?“, ich fasse es nicht. „Möcht ich auch gern, gestorben haben...“ träumt Mirko weiter, der momentan nämlich lieber tot wäre, weil er ewig Stress mit Papa und Mama hat, die Geschwister doof sind und die Mitschüler ihn immer schubsen. Doch dann gewinnt sein theologisches Interesse wieder oberhand: „Lehrrärr, ch’ab ich noch Frage: Kann Gott auch sterben?“ Ich wechsle einen kurzen Blick mit dem Nietzsche-Porträt bei mir an der Wand und antworte ausweichend: „Na, das darfst du gerade MICH nicht fragen…“„Aber Lehrrärr, du hast gesagt, ich darf ALLES fragen!“ protestiert er empört. – „Schon, sicher, aber da ich nicht an Gott glaube, kann er für mich doch auch nicht sterben…

Mirko ist kreuzunglücklich und insistiert: „Lehrrärr, wie kannstu nich an Gott glauben, wo hat dich doch gemacht!?“ Ich bestreite das: „Also, mich haben meine Eltern gemacht…“ Mirko weiß zwar noch nicht genau, wie Kinder entstehen, aber dass es etwas mit Vater und Mutter zu tun hat, scheint ihm plausibel. Ich setze nach, weil ich der Versuchung nun doch nicht widerstehen kann, einen zarten Keim des Zweifels ins fromme Kinderherz zu pflanzen: „Schau, du hast gesagt, Adam war der erste Mensch, wo, äh, ich meine, DER geboren wurde?“ Er nickt. „Und wer hat ihn geboren?“ „Is von seine Mutter geboren“ läuft mein Disputpartner prompt in die Falle. „Aha!“ triumphiere ich.

Miko grübelt, aber dann fällt ihm ein, dass es noch ein anderes Gebiet gibt, das ihn brennend interessiert: „Lehrrärr, wie kriegt man Babies?“ – Da ich mir nicht sicher bin, ob sich mein Lehrauftrag auch auf Sexualkunde erstreckt, antworte ich knapp: „Indem man grüne Erbsen isst.“ Mirko ist begeistert. „Stimmt nicht!“ jubelt er, „Gar nicht! Ch’ab ich gleich gemerkt! Du willst mich Scherz machen!“ –  Ich zuck die Schultern: „Dann frag doch deinen Hodscha!“ – Jetzt bin ich mal gespannt…

Allahs Wunder (hat untergeschrieben)

17. April 2011

SPRACHE ABER AUCH!

Wer wie ich noch in der frühen Goethe-Zeit aufgewachsen ist, muss sich, wenn er ins Ruhrgebiet zieht, eh auf einen gewissen Sprachabstieg einstellen; wer sich dann noch darauf kapriziert, im Geddo zu wohnen, lernt zudem, das Deutsche mit anderen Augen zu sehen. „Ich musste heute nich bei Schule gehen“, erzählt Nachhilfeschüler Milan. „Zu der …“ korrigiere ich milde. „Nee,–  zu is der nich…“,  druckst Milan, „war ich bloß Verwarnung, ein Tag, durft ich nich bei Schule“. „Wie jetzt? Heißt das, du bist vom Unterricht ausgeschlossen worden?“ Milan überdenkt die Frage gründlich und nickt dann betont vage. Ich ziehe die Brauen hoch und durchbohre ihn mit dem strengsten Blick, den ich über die Lesebrille schießen kann. „Mach nich so, Lehrer!“ jammert mein sensibles Erziehungsobjekt sofort los, „bitte! Nich wieder so Gesicht!“ 

Im Verhör macht der Beschuldigte dann folgende Angaben: Natürlich kann er, wie immer, „nix für“, ist „voll übel abgepetzt“ worden, und zwar „wegen bisschen Schubsn“. Ich unterdrücke den Gedanken, warum eigentlich ausgerechnet er immer so blöd ist, sich erwischen zu lassen und frage stattdessen ahnungsvoll: „Und das war alles, nur Schubsen?“ Milan schenkt mir seinen treuesten Dackelblick: „Schau, Lehrer… war auch noch … wegen Zettel, aber weiß ich auch nicht, ich schwör…“ Da ich mich mit der Trickser-Psychologie meines Wunderknaben schon auskenne, schließ ich messerscharf: „Du hast einen schriftlichen Verweis von der Schule bekommen und ihn mal wieder verschwinden lassen?“ –„War gar nicht verschwindet“, wehrt der Knabe, in seiner Ehre gekränkt, empört ab, „hab ich bei Schule beigehabt! In Tournister“ – „Ja und?“ – Hinter der kleinen, noch fast durchsichtigen Denkerstirn arbeitet es schwer. Wie soll man einem begriffsstutzigen Erwachsenen ein Wunder erklären? „Schau, Lehrer, war Verweisungszettel schon untergeschrieben… von meim Vater“. – „Aber dein Vater war doch die letzten Tage gar nicht da!?“ –  Stumm wartet er ab, bis bei mir der Groschen fällt.

„Nein!“, ich versuche nicht zu grinsen, sondern das Gesicht eines für Kapitalverbrechen zuständigen Hauptkommissars zu machen, „ – du hast doch nicht etwa?“ Milan errötet, zieht einen Flunsch und drückt sich doch tatsächlich ein paar dicke Tränchen in die Augen. Eigentlich will er später „Autorennenfahrer in Form eins“ oder aber, man höre und staune, „so Kunststeller“ werden „mit Buntstifte und so“, aber wahrscheinlich reüssiert er eher mal als Charakter-Schauspieler. Über sein grundehrliches Kindergesicht gespenstern in rascher Folge Verzweiflung, gelindes Staunen und perfekt gespielte Unschuld: „War Vater eben auf einmal untergeschrieben auf Zettel, weiß ich auch nich, wer da gemacht!“ Eines der seltenen Wunder Allahs, schätz ich. „Kann es sein, dass du es vielleicht selber warst, der da unterschrieben hat?“ frage ich sanft.

Jetzt ist seine Verblüffung echt und grenzenlos: „Lehrer! Wie weißt du schon wieder?! War doch voll Geheimnis!

Ich überdenke still meine pädagogischen Qualifikationen. Als Charakter-Bildner bin ich offenbar ein Versager – aber wenn ein Achtjähriger, für den „6 x 6“ eisern „zwölf“ ergibt und der schreibt wie eine gesengte Sau, sich schon imstande sieht, die Unterschrift seines Vaters zu fälschen, kann die Nachhilfe ja auch nicht völlig umsonst gewesen sein. Vielleicht bewerb ich mich mal bei Schule.

Der Prophet und der Prinz-auf-der-Erbse. Kaviar aus Blockschokolade

9. Januar 2011

Stadtplan der Poularde: Dioxin wurde nicht gefunden

 

Heute erhielt ich per Post von der WBG endlich den dringend ersehnten fünften Band der Hadithe des Propheten Muhammad, der (also der Band!) u. a. schiitische Speisevorschriften enthält. Meine schiitischen Mitbürger mögen mir verzeihen, aber irgendwie bringt mich das auch nicht weiter. Ob über dem zu schlachtenden Tier nun korrekt der Name Allahs angerufen wurde oder dies, aus Schlampigkeit oder Unglauben, leider unterblieb, scheint mir weniger wichtig, als die Frage, mit was für einem satanischen Zeug das Schlachttier zuvor gefüttert wurde.

Dioxin, Asbest, Acrylamat oder selbst biologisch angebaute Salmonellen – das ganze Zeug, das anderen so gut schmeckt, vertrag ich nicht so richtig. Ich bin ein ausgemachter Öko-, ja sogar Ökotrophologie-Zimperling, ernährungstechnisch praktisch ein hypersensibler Prinz-auf-der-Erbse. Gegen die Hälfte aller Gifte bin ich allergisch, und der Rest tut mir irgendwie nicht gut. Eine von mir entwickelte Fasten-Diät, bei der man sich nur von Bio-Wein, Roggen-Whisky und Scotch, gebraut u. a. aus purem Hebriden-Quellwasser, ernährt, fand nicht uneingeschränkt die Billigung der Gattin. Sie, die journalistisch versierte Rechercheurin, fand bald heraus, dass selbst meine Lieblingsnahrungsmittel ein wenig bekanntes Gift enthalten (Alkohol!). Und sie findet, dieses Gift gehört ebenfalls auf die no-go- Liste. Mist! – Da ist guter Rat nun, was er immer ist: rar und teuer.

Eine echte Zwickmühle: Einerseits zwickt die notorisch anorektische Geld-Börse und rät (geldwerter Geld-Börsen-Tip!) dringend zu Einkäufen beim Discounter oder Gemüse-Türken. Andererseits verschmähe ich ethisch hoch-motiviert, grundsätzlich mit fiesem Gift aufgepäppeltes resp. herzlos zu Tode gemästetes Lebendmaterial aus Hühner-KZs und Puten-Gulags, sowie chemie-besudeltes, hoch-gespritztes und radioaktiv begastes Kunst-Gemüse. Der Anruf Allahs spielt da keine Rolle.

Sich am Wochenende das Material für exzessive Hobby-Koch-Orgien zusammenzuklauben, erfordert gewissenhafte Planung, strategische Intelligenz und ein Höchstmaß undogmatischer Flexibilität. Gelegentlich erfordert es daher sogar das zwiespältige Vergnügen, beim EDEKA im Duisburger Süden Einkäufe zu tätigen. Ein riesiger Lebensmittelmarkt für Leute, die bereit sind, für einen Salatkopf 2,99 und für ein Kilo Trauben 8,99 Euro auszugeben. Ist ja egal, wir zahlen eh mit Karte. Hier gibt es alles, was des Laien-Kochs verfettetes Herz höher hüpfen lässt, u. a. eine beeindruckende Auswahl des Überflüssigsten, was die Welt erfunden hat:Convenience-Food. Diese unvermeidbare Pest der bequemlichen Postmoderne wurde für Leute erfunden, die zu reich, zu blöd oder zu blasiert sind, sich eigenfingrig einen kleinen Salat zu schnippeln, und die daher lieber für 5.99 Euro einen kleinen Plexiglas-Container-Schneewittchensarg mit welkem Vorgeschnippelten kaufen, dem eine Plastik-Gabel (!) beigeklebt ist. – Dieses Geld-Gesindel ist ja definitiv unfähig, sich eine Scheibe Schinken und ein Salatblatt auf den Toast zu legen – sie müssen das FERTIG kaufen! Eingeschweißt!

Dabei lass ich mir, dies als wichtige Information über meine Persönlichkeitsstruktur, meine Verachtung keineswegs anmerken. Zwanzig Minuten meiner ablaufenden Lebenszeit widmete ich uneigennützig einer älteren Düsseldorfer Pelzmantel-Schlampe, um ihr zu erklären, was es mit Jakobs-Muscheln auf sich habe und das es für Gourmets beklagenswert sei, dass diese seit einiger Zeit grundsätzlich nur noch ohne den köstlichen Rogen erhältlich wären. Die blondierte Pelzdame versuchte, sich zu revanchieren, machte ein listiges Gesicht und erkärte mir verschwörerisch: „Isch glaub, isch weiß, wat die mit den Rogen machen!“ Ich: „???“ Sie. „Da machen die Kaviar draus!“ Ich: „Was? Kaviar?“ Sie: „Jahaa, diese kleinen, schwarzen Kügelchen!“Ich versicherte ihr, dies sei schon deshalb unwahrscheinlich, weil der Rogen von Jakobsmuscheln leuchtend orange-rot und keineswegs kugelförmig sei; ich verließ die Dame aber nicht, ohne ihr eine leicht verständliche Anweisung zu hinterlassen, wie man köstliche Coquilles-St.-Jacques zubereitet. Bin ich ein Gentleman!

Nein, im Ernst: Dieses Luxus-EDEKA hat schon ein beeindruckendes Angebot, und nicht nur für erzbrummdoofe Düsseldorfer Parvenues; als Geddo-Insasse, der in diesen Palast nur kommt, wenn die Gattin ihn mal mitnimmt, glühen einem ob der herrschenden Mond-Preise freilich kräftig die Ohren; ich war sogar kurzzeitig versucht, ein oder zwei Schnäpse direkt intravenös in mein Portemonnaie zu kippen, damit es betäubt für eine Weile Ruhe gäbe und zu quengeln aufhöre. Hektisch blätterte ich in den Hadithen: Hatte der Prophet nicht den Wucher untersagt? Hat er. Aber wer hört schon auf Propheten!

Immerhin habe ich hier eine adrette, schnuckelig-feiste „Schlemmer-Poularde“erstanden, die nicht nach Dioxin aussah. Ich werde sie „mexikanisch“, also mit Chili-Schokoladen-Sauce zubereiten. Fertig gab es das nicht. Ich werde also kochen müssen. Aus dem verbliebenen Rest Block-Schokolade mach ich Kaviar, zu dem ich, auch wenn es der Prophet gar nicht gern sieht, ein Gläschen Grauburgunder trinke, in den man, so hoffe ich vertrauensseliger Naivling, bitteschön nichts Artfremdes hineingepanscht hat. Andernfalls möge der Zorn Gottes über den Winzer kommen, und er sollte schon mal in den Hadithen nachblättern, was ihm an Höllenstrafen blüht.

Mit anderen Worten, und knapp zusammengefasst: Am Anfang des Monats kann man in diesem EDEKA schon mal gut einkaufen!

 

Im Geddo: Cherchez le pig (Deutsch nichso gut)

9. Dezember 2010

Rätselhaftes Schweinchen: Was hat man auf der Pfanne?

 

Für Chris & Hella (Gute Besserung, Mensch!)

„Dialog der Kulturen“ im Geddo. Fragt kleiner serbischer Nachhilfe-Schüler mich: „Lehrerr! Ch’abb isch mal Frage – darf ich? – „Hhmmm?“ – „Lehrerr, bist eintlich … Müslim?“ – „Nee! Niemals nich!“ – „Und, ja aber, Herrr Lehrerr, ch’ast du doch Frau! – Deine Frau, ist der denn Müslima?“– „Also erstens heißt es: ‚die’! Und außerdem, nö, schätz ma erst recht nich!“ – „Ach so, denn is der Krist oda was?“ – „’Die’, Blödmann!!! Aber sonsten: nö, wohl auch nicht…“ – „Unn was seit’n ihr denn zusammen?“ – „Na, weißt … eher so … halt … nix!“  – „???“ – „Na, schaust, Kleiner, Deutsche sind oft weder Krist noch Müslima…“ – (Schüler, sich stolz aufrichtend): „Aba binnisch auch Deutscher … –  und ischbinnich Muslim!“ – Ich, etwas jovial: „Ja, und? Was issn das gezz überhaupt so dolles, Muslim?“„Wir essen kein Schweinfleisch!“ kommt die Antwort prompt wie aus dem Bolzenschussgerät geschossen. Aha.

Aber mal andere Frage: Schweine jetzt – sind die, also von sich her, eigentlich „halal“, „koscher“ oder „ungläubig? Kurzum, was frisst’n so’n Schwein denn selbst? Ja klar, die Studis von der Wikipedia-Uni schnipsen eifrig mit den Fingern. Nach ihrem frisch gebackenen Klickwissen sind Schweine nämlich „Allesfresser“. How how! Beißen, schlingen und knuspern also alles Organische, was nicht bei „drei“ auf den Bäumen ist! Toastscheiben, Suppenreste, Kartoffelschalen: Dem Schwein ist alles Wurscht! Notfallls, wie mein Lieblingsfilm „Hannibal“ zeigt, frisst das wilde Waldschwein auch unmenschliche Bösewichter. Verdient hamses ja wohl, oder?!

Weil isch bin gutte Lehrer, ging ich Sache auf Grund. Schwein! Gibssu mir Wahheit! Bist du koscher, halal oder bös schlimmer Finger? Stieß ich auf so rundes Töppchen „Appel-Grieben-Schmalz“ von öko-edlem „Apfelparadies“. Aah! Ha! – Bzw.: Was? Wie? Ob denn lecker? Ja, ja, klar! Aber nicht die Frage. Auf Deckel von Töppchen hatte Chef von Schmalz-Schmiede (wer sonst traut sich so, bitte?) unbeholfen visuelle Graphik appliziert. Siessu drauf eines von den drei kleinen Schweinchen (Oink-oink-oink, aber ohne böse Wolf, wo pustet Häuschen um!), keckes Kochmützchen auffm Schweinskopp druff. Unterm Hals war so dünnes linkes (!) Ärmchen windschief drangemalt, wo hält seinerseits Pfanne in Pfötchen (sieht bisschen aus wie Augsburger Puppenkiste, Serie: „Die Mumins“). In Pfanne aber nun wiederum entweder vielleicht a) boah! ein klein niedlich Hundchen (hä? Is das chinés Schwein? Unn essen süß-saure arme Hundchen mit Soja unn Anananas, wo doch aber niedlich? – Bah!) , – oder doch vielleicht eher b) noch mal’n Schweinchen (also das zweite von den drei kleinen…). Was soll’n das? Grübel-grieben-grübel.

In Kopp von zweitem Schweinchen stecken, schlarraffenlandesk surreal unwirklich bereits verzehrfertig & verbrauchergerecht Messerchen und Gabeline. Geht Hermeneutik auf Grundeis: Wie jetzt? Is Schweinchen denn kannibal? Schwein & Schweinchen im Blickwechsel: Mag ich disch? Fress isch disch? Bissu Koch oder Opfer, du … Sau? Kannibalische Wohlfühlkommunikation! Schwein guckt Schwein guckt Schwein guckt Schwein … und so weiter. Rätselbild! Fiesolophisch gesagt;  „Selbstobjektiviert und entfremdet durch den die Anerkennung verweigernden Blick des Anderen wird das Subjekt, den Fremden er-blickend als subjektiviertes Objekt auf der ent-fernt anderen Seite des Blick-Agons, seinerseits subjektiviert, kurz: wird im dialektischen Blickwechsel das identifizierte Andere seiner selbst im Spiegel des fremden Blicks“ (J.-P. Sartre, „Das Sein und das Nichts“). Jaha! Genau! Resp. Au weh!  Das Schwein ist des Schweinchens böser Wolfi! Das Böse lauert überall. Wer Schwein, wer Wolf, wer Werwolf? Der Apfel der Erkenntnis fällt im Apfelparadies (!) nicht weit vom Schwein. Hirnschmalz siedet, mit Apfel und Zwiebelgemüse, Grieben noch dabei. Dem Reinen ist alles Schwein. Aber wie soll das ausgehen?

Wie schön iss Muslim-Sein. Nix Dialektik, nix kannibal, nur sauber Übersicht und klare Regel: „Wir essen nix Schwein!“ Kann Schwein mal sehen, wo bleibt. Botschaft von Werbung ist schweindeutig: „Wir obergut, wir vorsichtshalber mal nix essen von unübersichtlich Tier! Wie sagt Proffeeht? Kannibalschwein is grundbös das! Genau wie Schnaps und fiese Kippen!“ – So, jetzt klar das. Schwein unrein unn hat Gesicht wie Steckdos! Sogenannt Schi-nitzel ist Essen von Ungläubige Hunde wie mich und dir! Womit geklärt  Ontologie von Schwein, – wir nix essen dies, bah & basta!

Weil gutte Lehrer immer geben Weltwissen, ich erklär: Wir auch nix essen Oile, Meerschawein und Käng-Guru! Aber sind deswegen nicht doll stolz drauf. Gebe kein Distinktionsgewinn. (Wort Schüler nich verstehn. Aach, mache nix, egal!) Weil deutsch, auch nich schlingen Frosche, Spaghetto und Kakerlak. Aber deswegen nich gleich gut, weil andermal wieder knuspere Kroko, Hummere und Auster-Schleim. Stecke in Mund, was kommt. Unsere Gott egal. Will nur nich, dass wir beiße in Goldene Kalb. Goldene Kalb ganz schlecht, auch in Scheibe (Schi-nitzl).

Serbische Freund’ von „Lehrerr“ fressen gern Manne-Essen: Fett mit Fett an Fett in Fett, aber bittscheen mit gut Buttersoße, sowie viel mit dicke Käse bei. Ja, schaust du: Dicke Mann, gutte Mann, unn is auch viel testosterone Mann-Mann! Frauen machen scharf, wenn dicke Mann! Mann muss immer könne, esse Viagra, fette Lamm, Hammelbein und mächtige Huhn mit Fetttauge-Suppen. Geht alles, wenn hinterher Slibo gut viel.  Hauptsach, nix Schwein. Schwein doppelplusungut. Allah unn Proffeht will nich wissen von Schwein. „Ich soll geschöpft haben? Nie, nix, nimmer. Ist doch krass eeklich Geziefer! Sieht aus wie Mensch, schmeckt wie Mensch, rolle blonde Auge wie Mensch, wenn köpfe.“, so sagt Herr Koran.  Allah meine nich gut mit Schwein. Zwar geschöpft, aber Ausschuß von Schöpfung!

So, willzu esse gut Schweinschmalz, gehssu in Paradies von Apfel. Nix 72 Jungfraue, aber gut esse! Mann stark danach! Ganze Runde ruft: „Ey, Wirt, mache Slibo fiehr Lehrerr! Is nich Müslim, aber gutte Mann, derr Magistrevic!! Weiß immer Bescheid!“ Frau aber schittelt Kopf (ohn Tuch). Hat sie wirklich gesagt: „Mann! Du bist zuviel in dieser Serbenkneipe! Du verblödest da noch!“ ?

PS: Chabb ich gehert, Freund von Freund Chris is anne Airport London gestoppt, weil hatte Töppchen Grieben-Schmalz in Gepäck. Musste ausläffeln an Gate zweihunderfuffzich Gramm von die fette Schmier! Hat danach nebbich bisschen explodiert, und war dann alles voll … Schweinesch…malz. – Allah! Wußt ich, dass Schmalz is fettich und schwer im Magen. Aber Sprengstoff? Nich glauben. Schwein harmlos. Und Islamerer-Terrorist geht nie mit Schwein!

 

Theologie der digital interessierten Stubenfliege

16. September 2010

Lachende (!) oder religiös inspirierte Stubenfliege (Fotoquelle: Wikipedia)

Hat eigentlich schon mal jemand die doch einigermaßen erstaunliche Tatsache erforscht, traktiert oder behandelt, daß die gemeine Stubenfliege (musca domestica), von oben gesehen, und vor allem, wenn sie über den neuen, hochauflösend-brillanten iMac-Bildschirm tippelt, einem cursor verflucht ähnlich sieht? Ich weiß nicht, warum, aber, abgesehen von meinem Mülleimer und evtl. auf dem Frühstücksbrett vergessenen Essensresten, interessiert diese Stubenfliege offenbar am meisten (und jedenfalls mehr als menschliche Leser!), was ich gerade so schreibe. Auch durch hektisches Gewedel, tödlichen Fliegenpatscheneinsatz und vergrämenden Insektenspray lässt sich dieses lästige, aber auch possierliche Geschmeiß nicht davon abhalten, kursorisch meine Textflächen zu besichtigen! Eine nicht zu unterdrückende Neugier zwingt dieses trotzdem wenig sympathische Geziefer, geradezu obsessiv auf meinen Texten herumzuspazieren, als leiste sie irgendeine geheimnisvolle, unverständliche, nämlich rein insektive und daher hermetische Lektoren- oder Korrekturarbeit.

So halb aus den Augenwinkeln verfolgt, erscheint mir halb blindem, brillenabhängigen Bildschirmarbeiter der quasi-digitale Screen-Spaziergang der Fliegen immer, als ob sich der cursor plötzlich selbständig gemacht hätte, um mir entlegen mysteriöse, nur für Insekten verständliche Zusammenhänge zwischen in meinen Texten verstreuten Wörtern  deutlich zu machen. Irgendwie beunruhigt mich der Gedanke, Fliegen könnten lesen! (Jedenfalls mehr als die Idee, Leser könnten fliegen!) Ich meine, natürlich hab ich beim Schreiben ein imaginäres Leserschaft-Publikum vor Augen, aber die gemeinen Stubenfliegen gehören eigentlich nicht zu meinen direkten Adressaten! Was mögen sie über mein Geschreibsel denken? Lachen sie (wenn Fliegen denn lachen könnten – schon wieder eine beunruhigende Vorstellung!) über meine Aufsätze, oder, noch faszinierender die Vorstellung, handelte es sich für sie vielleicht um … Heilige Texte eines höheren Wesens? Könnte doch sein!! – Eine Fliege namens Mohammed kriegt plötzlich Diktat-Botschaften eines Wesens aus höherer Sphäre? Und ich wäre, freilich ohne es zu wissen, eine Art Stubenfliegen-Allah mit insektenverbindlicher Weisungsbefugnis? „Die Worte des allgütigen Kraska sind eine bindende Offenbarung! Und absolut wörtlich zu nehmen“ behauptete ein besonders spirituell begabter, dominanter und rhetorisch gewiefter Stubenfliegen-Ajatollah, und fünfmal am Tag kreuzten nun die fliegenden Gläubigen brav gymnastisch ihre sechs Beinchen, um mich anzubeten – eine Übung, deren verpflichtende Empfehlung sie aus meinen Heiligen Texten herausgelesen (oder herausspaziert)  haben wollen!

Ja, nennt das ruhig eine abwegige Spekulation, – aber warum sonst denn übt ausgerechnet der Flachbildschirm meines Rechners eine derartige Faszination auf diese agilen, hyperaktiven und offenbar intellektuell unterforderten Tierchen aus? Er (der Flachbildschirm von Apple) kann vieles, aber er riecht nicht lecker, er sieht nicht nach toten Tieren aus und macht nicht den Eindruck eines überreifen, bereits zerlaufenden Camemberts, – also Dingen, auf die Stuben- oder Schmeißfliegen sonst so überaus stehen!

Apropos: Zwar beherbergt im Sommer mein geheimes Schlafbüro auch grünschillernde Schmeißfliegen, aber die bleiben hübsch in der Küche, wo der Bio-Abfall-Eimer steht, und warten ansonsten nervös-geduldig auf meinen Tod, um mir endlich ihre Eier in die blicklosen, nahrhaften Augenhöhlen platzieren zu können. – Es sind allein die Stubenfliegen, die sich für meine Texte interessieren. Heißt das nun, Stubenfliegen wären intellektueller? Spiritueller? Religiös musikalischer? Sind sie das (mein) erwähltes Volk? Bin ich womöglich der „Herr der (Stuben-) Fliegen“? Eine albtraumhafte Vorstellung: Man wäre „Gott“ für eine Spezies, und wüßte es noch nicht mal! Und, den Gedanken nur mal so in den Raum gestellt, was wäre, wenn wir für „unseren“ Gott nun auch so etwas ähnliches wären? Stubenfliegen, die SEINE humoresken Schreibversuche unbefugt bekrabbeln und uns einbildeten, die wären „heilig“, und ER wüßte noch nicht mal was davon, weil er unsere Spezies allenfalls lästig findet und ihr mit Menschenpatschen nachstellt?  Tut er nicht? Tut er doch! Nur dass seine Patschen halt Krieg, Pestilenz, Terror, Erdbeben und Überschwemmung heißen. Ist doch wie mit den Fliegen! Ein paar von uns kriegt er, nur nie alle!

Von nun an bergab

3. Mai 2010

VON NUN AN BERGAB

Neulich auf Patrouille im Viertel. Früher Abend, Vorfrühling. Sonnenuntergang hinter den Hochöfen. Ruhrromantik satt. Näh, watt is datt schön bei uns innen Westen! – Ein glamourös goldfarbener Daimler (!) mit Herner Kennzeichen schwebt neben mir ein, landet an Gate Bürgersteig, das nachtblau getönte Fenster senkt sich lautlos. Drinnen dröhnt türkische Arabesk-Musik mit extra viel Bass und Jefühl. Ein schnieke gegelter junger Smoking-Träger schaut zu mir hoch und brüllt, um die Musik zu übertönen:

„Efendim, Ağabey, nerede ya düğün solonu Aad’lenn’sch’e-trasse?“

Ich schaute, obwohl als Wahl-Niederrheiner jederzeit fest entschlossen, ratsuchenden Fremden jedweden Weg zu erklären, selbst wenn er mir selber absolut unbekannt wäre, hier doch etwas ratlos: Zwar verstand ich als Ehrentürke, daß der Kapitän der Goldenen Fregatte nach einer Spezialgroßgaststätte zum Zweck türkischer Hochzeitsabfeierung suchte, aber obwohl ich mein Geddo kenne wie ein bulgarischer Taxi-Fahrer, hatte ich keinen Schimmer, wo wohl diese „Aad’lenn’sch’e-trasse“ liegen möge. Aufs Geratewohl schickte ich den Goldenen Reiter und seine Festkumpane in eine falsche Richtung. Unabsichtlich aber, ich schwör, Alda!

Erst Tage später wurde es mir, Wunder des Gehirns, aus heiterem Himmel plötzlich schlagartig klar, daß man die Adelenstraße (sprich also: Adéeehlen-Straße) gesucht hatte, eine der ödesten, tristesten Industriestraßen auf dem Hinterhof alter Hüttenwerke in Hochfeld, auf der sich jedoch ein Pracht-Saal für das ethnologisch reizvolle Ritual befindet, das wir als „Türkenhochzeit“ kennen.

Das Etablissement ist eine Art real gewordener feuchter Mädchen- bzw. Märchen-Traum aller Schwiegermütter und altjüngferlichen Nenntanten zwischen Izmir und Van, eine innenarchitektonische Rauschgold-Schoko-Buttercremetorteneisbombe mit Doppelrahmschlag-sahne, Krokant und Nougat-Applikationen, ein seiden-damast-gold-rosa-weiß gestaltete Honigkuchen-Deko-Orgie der perfekten Illusion, eingedeckt, geleckt und steifgebügelt für die große Opern-Ouvertüre vor dem finalen Absturz ins brunznormale Scheißleben: Aah, Hochzeit! Vetter Murat und Cousine Selma (Frisch-Import aus der Heimat) werden hier in Marzipan gegossen, mit Tüll umwickelt und mit Geldscheinen beschmissen. Der Efendi düğün salonu sorgt für das Komplett-Rundum-Sorglos-Paket: Musike (Pop, Arabesk, Folk), Video, Choreographie, Conference etc. Das Schicksal kann ungestört seinen katastrophalen Lauf nehmen.

Wer hätte, erst recht als fremder, deutscher, ungläubiger vulgo aufgeklärter und vom postmodernen Schicksal desillusionierter Gast, das Herz oder die Stirn, Selma über ihre Zukunft aufzuklären? Lieber Volkstanz und Verbrüderungstralala. Aber Deutsche werden eh auch nicht mehr oft eingeladen. Die rund achthundert Leute aus dem Heimatdorf füllen den Saal gut genug.

Als bekennend mieselsüchtiger Bedenkenträger, mache ich mir ja, offen gesagt, je größer, teurer, aufgebauschter der Hochzeits-Trubel-Prunk, um so mehr Sorgen um die dann nachfolgende Ehe. Das gilt übrigens ohne Ansehen der jeweiligen ethnischen Kultur und ist nicht auf Türken beschränkt. Auch bei deutschen Event-Hochzeiten (mit Feuerwerk, Performance und Fallschirmspringen) denke ich meist: Oha! Wenn das werte Mitmenschenpärchen mal die überirdische Aufladung der Hochzeits-Inszenierung im Alltagsleben bloß ratifizieren kann!

Kann es natürlich nie: Was mit dem „schönsten Tag im Leben“ (so glaubt wenigstens Braut Selma, Serab, Aynur, Dilara und Emine!) beginnt, kann danach logischerweise ja nur noch schlechter werden. Wird’s ja dann auch in aller Regel. Mich gruseln Feste, bei denen man sich die Seele aus dem Leib tanzt und euphorisiert, weil man genau weiß: Von nun an geht es nur noch bergab.

Ich weiß, noch immer verschulden sich türkische Familien bis ins Aschgraue, ja bis in griechische Dimensionen, um ihren Kindern eine rauschende Hochzeit mit 800 – 1000 Gästen ausrichten zu können. Das Wohl von Vetter und Cousinchen steht dabei nicht im Vordergrund. In der orientalischen Scham-Kultur zählt die Familienehre, und, um einmal als „großer Herrr“, Bey und Efendi dazustehen, verpfändet man gern das letzte Hemd. Hauptsache, die Nachbarn und Dorfkollegen zollen Anerkennung! Deshalb gibt es spezielle Unternehmen wie Efendi düğün salonu, die dafür sorgen, daß sich keiner schämen muß.

Jedenfalls nicht am Tag der Hochzeit. Was danach kommt? Allahbilir…