Archiv für August 2009

Eine kurze Soziologie der Trinkhalle

28. August 2009
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Quelle: Brigite Kraemer, Fotoband "Die Bude. Trinkhallen im Ruhrgebiet",

Wie oft, wie schmerzlich habe ich sie in manchen Weltgegenden schon vermisst! Gut, in Chikago, Ill., USA,  da gab es die Liquor Stores, aber das ist ja nicht dasselbe, und nicht in jedem Fall sind es die Getränke, die aus sind. Manchmal fehln ja auch Zigaretten! Auch die ordinäre, ungemütlich neonbeleuchtete Tanke bietet nicht, was jene Institution gewährt, die Ruhrgebietler als Weltkulturerbe betrachten und als ein unverzichtbares Stück Heimat ohnehin: das Büdchen, offiziell – und in groteskem Widerspruch zu den Ausmaßen – gern Trinkhalle genannt, manchmal auch Verkaufshalle, nie aber Kiosk oder gar, komplett idiotisch „Snack Stop“. Man geht „am Büdchen“ oder grammatisch korrekter,„anne Bude“, um zu holen, was zwischen 6.00 Uhr morgens und 23.00 Uhr abends plötzlich irgendwie als bitter fehlend empfunden wird: Schokohörnchen, ein Ei, zwei Bounty, Kippen (…zwei Päckchen von diesen Apokalyptus-PallMall, weisse? Diese grünen...), Gewürzgurken, Erdnüsse, Bifi-Würstchen, Senf, Mongschéeri oder, bevor ihr noch denkt, da ist aber jetzt einer ganz schön schwanger!, – BIER. Bier ist ja rätselhafterweise zu den unmöglichsten Zeiten plötzlich keines mehr da! Sportschau, Pokal, Tatort auch oder Uefa-Cup, und in der Nachspielzeit hört man im Viertel den Jammerruf gellen: Bier is’ alle! Wieso is’denn grad gezz Bier alle? Menno! Kann ma’ vlleich einer am Büdchen gehen, Frischbier holn?!

Hat natürlich auch noch anderes als Bier, die Bude. Klar! Klaren beispießweise, also so Schnäpschen etwa, Apfelkorn, Rum für gegen Erkältung, Ouzo für nach’er Currywurst mit doppelfett Pommes rot-weiß, oder auch, warum denn nicht, ruhig mal Whiskey, für die Hartgesottenen. Bei uns im Viertel gibt es die nicht zu knapp! Ich mein: Man trinkt hier kontrolliert und mit Verstand, – dafür aber auch schon morns um acht! Nur gegen die Schmerzen natürch. A hair of the horse that bite you, wenn ihr versteht, was ich meine. Alte Trinkerweisheit, hehe. Also’n Schlückchen von dem, was dir diese fiesen Kopfschmerzen aufbrummt, bestrafungshalber. Funzt besser als Aspirin! Mit so’m Schlückchen floppt,  fluppt, quatsch!: flutscht man auch besser in den Tag! Vor allem, wenn man heute zum Amt muß oder zur Arge! Die bei der Arge sind hier nämich verflucht kalte Hunde. Wartmal, nee, Blödsinnn! scharfe, wollt ich sagen, schaaarfe Hunde. Die können nich’ gönnen, weisse! Assob datt  denen ihr eichnet Geld wär! Die sinn kniepig wie meine Omma mit die Erbschleicher vom Seniorenheim!

Eine Trunkhalle ist aber beileibe nicht nur eine Abfüllstation für Dehydranten und Verwüstete, oh nein! Das Büdchen ist eine sozi-al-päda-gogo-phile Sozialstation! Ein Dienstleistungsins-sti-tuut! Dattis praktisch verbetreutes Wohnen! Hier wird Sie geholfen! Hinter Drops, Alkopops und Erdnusslocken sitzt immer ein diensthabender Betreuer oder eine Betreuerin mit allezeit offenem Ohr für die Mühseligen, Beladenen und Belustigten, die Erniedrigten, Beleidigten, Querdenker und Querulanten der Nachbarschaft. Hier wird man ohneweiters zugehört, hier gibbes Trost & Rat, und alles, wasse brauchs! Per munitionem, nämlich! Wasse hier nich kriex, dat brauchsse au’ nich! Deswegen geht man auch immer zu dem Büdchen, das für die Betreuung des eigenen Straßenzuges zuständig ist, selbst wenn das jetzt so’n Jugo betreibt, oder Memmmet, weisse noch, der Bekloppte vonner Kupferhütte? Der hattat Büdchen anne Ecke gezz gepachtet!

Meissenz isses ja eh’n Bier, wasse drinx brauchs! Oder Schnäpschen, ei-nen Kuar-zen, bidde! Wat willze machen? Aabeit is’ ja nich’ mehr, und so’n Tach, der kann sich ziehn, der kann lang sein! Dat sacht dir ja gezz jeder Schulungsleiter: Du musst dein Tach struck-tuu-rieh-ren! Also am besten regelmäßig nachcher Uhr drei oder viermal mit dem geblüm-ten Baumwollbeutel anne Bude: Bier holn, oder maan Snäpschen, dann auch gleich, mit. Und für die Perle Packung Mongscheerie, damit die Dame dich gewogen bleibt, woll?!

Also, Prinziep is’ verstanden, oder? Sone Bude, weisse, die hat Per-söhn-lich-keit, die hat Seele, dattis gezz nich irgendson Dschopp, dattis praktisch ’ne Lehmseinstellung, dattis nich irnxsohn MäckDonalds oder watt, dattis sozusagen der Karl-Heinz, dattis die Irmtraud ihre Schwester oder meinetwegn zur Not dä bekloppte Memmmet. Da weisse, du wirss nicht übern Tisch gezogen, datis reell, da kannze in deine Hausschuhe hingehn, oder, ganz zur Not, aumaa im Schlafanzuch. Wenn, ma sagen, gezz ma middn inner Nacht dat Bier alle is. Musse den Memmet ehm rausklingeln. Dä hilft dich dann schon weiter. Dattis ja seine Aufgabe, als Büdchen!

 PS: Nö, das „Snack Stop“ am Brückenplatz sieht zwar von weitem aus wie eine Trinkhalle, und die Alkfraktion holt da auch ihren Stoff, aber die Leute hinterm Tresen können kein Deutsch, gucken finster und sind meistens unfreundlich und ob sie Seele haben, ist noch sehr die Frage. Da geh ich lieber zu meiner zuständigen Betreuungsbude in der Waltzenstraße. Über die demnächst mehr..

Brennende Lust: Nacktes Nackenwerfen vs. Feminismus

20. August 2009
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Fast menschenleer: Ein Strand in der City

Derzeit beginnen zeitaktuelle Kolumnen-Texte gern mit einem Zitat von The Loving Spoonful: „Hot town, summer in the city, / my neck’s gettin’ dirt and gritty“ – warum auch nicht, liegt doch nahe bei 37° C im Schatten! Außerdem ists ja ein schönes altes Lied. Ich fang trotzdem mal anders an: Stellt euch einen einsamen Sandstrand vor – nahezu menschenleer liegt er unter der Sonne; bis auf das gelegentliche leise Vorübertuckern eines Schiffes ist es himmlisch still; kein Kindergeschrei, kein hektisches Geplantsche, keine sportgeilen Muckibengel mit Beachball, die einen andauernd immer mit Sand bestäuben. Die Sonne erzeugt mediterranes, wenn nicht sogar nordafrikanisches Flirren, doch ein zwar wüstenhauchwarmer, aber doch erfrischender, kräftiger Wind fächelt Annehmlichkeit zu. Wohin man da fliegen muß? Nirgendshin, das geht mit dem Rad, ist bei mir um die Ecke, im Ghetto, am Rhein.

H ier kann man völlig ungestört sich sonnen, meditieren, den Schleppkähnen auf dem Rhein zusehen oder, auch wenn das hier im Viertel der hundert Nationen etwas exotisch wirkt, ein Buch lesen. Ich für meinen Fall hatte ein Buch der feministischen US-Philosophin Judith Butler mit dem Titel „Die Macht der Geschlechternormen“ dabei, weil ich das für ’nen Vortrag lesen muß. Ich habe ja auch einen Beruf, da ich vom Bloggen oder Qypen nicht leben kann. Leider konnte ich mich am Strand auf die Geschlechternormen und ihre Macht nur schwer konzentrieren, da ein junger Mann die Gunst der Menschenleere und Ungestörtheit nutzte, um von seiner Freundin Erotik-Fotos zu schießen. Heute heißt das so: „Komm, Chloé-Sandrine, Baby, wir machen heut ein mal ein sexy Foto-Shooting, ja?“. Vielleicht wars auch nicht seine Freundin, sondern ein Profi-Model, denn das bis auf gewisse Zonen knusprig grillhähnchen-farben bronzierte Fräulein, das lediglich mit einem großzügig aufgeknöpften weißen Herrenhemd bekleidet war, zeigte körperbaulich gesehen vorzüglich gestaltete Anlagen. Man möge mir das verzeihen oder nicht, aber da, wie gesagt, ein kräftiger Wind ging, der das besagte Hemd in reizvolle Flatterhaftigkeiten versetze, geriet meine Feminismus-Lektüre irgendwie ins Schlingern, weil, es gibt Dinge, die kann man einfach nicht gleichzeitig! Etwa ein Auge dem theoretischen Feminismus, und eines der praktischen Frauenschönheitsverehrung widmen. Das gibt, vor allem in der prallen Sonne, Hirnschwurbel!

Der Fotograph war jedenfalls mit Sicherheit kein Profi, sonst würde er ja nicht grad seine Bilder „schießen“, wenn die Sonne, im Zenit ihrer weißen Mittagsglut, der Mademoiselle Modelle völlig unschmeichelhaft senkrecht auf den Schädel brennt. Da ich mir hinter meiner großen Sonnenbrille ohnehin schon die Indiskretion des Da-Hinguckens erlaubte (ich kann nichts dafür, ich bin ein Augenmensch!), konnte ich ebenso gut, sagte ich mir, auch gleich mal studieren, wie sich die Macht der Geschlechternormen in den Erotik-Vorstellungen der passionierten Amateure so niederschlägt. Die Regie- bzw. Model-Führung des Fotographen ließ eigentlich nur zwei Schlüsse zu: Entweder taumelte das Mensch einhundert Prozent phantasiefrei durchs Geschlechtsleben, oder er pflegte eine eigenartige, bizarre sexuelle Obsession: Das Nackenwerfen! Wieder und wieder, ein ums andre Mal, hörte ich ihn der Dame zurufen: „Wirf mal den Kopf in den Nacken! Leg mal so den Kopf zurück! Beug dich mal so nach hinten, ja?“ Die einzige Pose, die der arme Kerl bei seinen ca. dreitausend „Schüssen“ offenbar goutierte und für erotisch hielt, bestand darin, daß sein Modell den Kopf extrem weit in den Nacken warf und so tat, als würde sie von ihren mit Helium gefüllten Brüsten irgendwie gen Himmel gezogen! Mal sollte sie dazu die Schenkel spreizen, mal lasziv das Knie anwinkeln, mal alles zusammenkneifen, aber immer: den Kopf in den Nacken werfen! Mir wurde ganz schwindelig vom Zugucken!

Also, jedem seine erotische Vorliebe, aber mich würde eine weibliche Begleitung ja eher irritieren, die ungefähr tausendmal am Tag ihren Kopf in den Nacken wirft! Da läuft frau doch die Gefahr, sich ein Schleudertrauma zuziehen! Sind die Geschlechternormen das wert? Mein stets polymedial aktive Multifunktionshirn spielte mir „Bettina, pack deine Brüste ein / Bettina, zieh dir bitte etwas an“  von der Band Fettes Brot ein, was sich als perfekter Soundtrack zu dieser Strandstunde erwies.

Trotz allem, es gibt natürlich schlimmeres, als an einem heißen Augusttag am einsamen Rheinufer-Strand Sonnen-Siesta zu halten und physisch gut entwickelten jungen Erwachsenen beim Versuch zuzugucken, sexy zu sein. Ich hoffe, Frau Prof. Butler hat dafür Verständnis!

 Nachtrag: Warum dieser neu gestaltete Strand tagsüber noch immer menschenleer ist, bleibt ein Rätsel. Vielleicht ändert es sich, wenn 2010 die geplante Gastronomie am „Strand“ verwirklicht wird? Obwohl, wenn’s nach mir ginge, könnts so bleiben: Die Ruhe mitten in der Stadt ist traumhaft!

Fernmündlichkeiten im Heimatdorf der hundert Nationen

20. August 2009
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Dorf ist in der größten Hütte: Die Damen machen Yufka

 

Wer ins Hundert-Nationen-Ghetto zieht, muß sich früher oder später integrieren, es sei denn, er schottet sich in seinem speziellen Heimatverein ab, wenn man denn die bulgarische Mafia, den Verband serbischer Ex-Milizionäre oder die Mahdjid-Ali-Moschee als solchen bezeichnen will. Da ein landsmannschaftlicher Deutschen-Verein zum einen nicht existiert, hier, und zum anderen mich sicher nicht auf Dauer nehmen würde, bleibt mir nur der Weg der Integration. Leider weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Der kahlköpfige grimmige Zweimeter-Serbe mit dem steinernen Gesicht und den eisgrauen Augen, der das Serben-Café betreibt, registriert mich zwar sehr sorgfältig aus den Augenwinkeln, scheint aber nicht daran zu denken, mich zu Knoblauch-Brot, Zwiebel und Slibovitz einzuladen.

Die sanften, fröhlichen Afrikaner würden mich schon aufnehmen oder zu mir kommen, wenn ich einen Club zum Billig-nachhause-Telefonieren einrichtete, aber ich bin halt nicht im mindest schwarz oder auch nur bräunlich, sondern habe im Gegenteil eine sehr empfindliche blasse Haut, mit der ich leicht Sonnenbrand bekomme – ich stäche doch immer heraus und bliebe ein Fremdkörper. Die ebenfalls sehr dunkelhäutigen Südasiaten – ich weiß immer nicht, ob das Srilankesen (sagt man so? Ceylonesen wär, glaub ich falsch, weil kolonialistisch kontaminiert) oder Bengalen sind (darf man noch Bengalen sagen? Oder heißt das jetzt … – Bangladeshis?), jedenfalls treiben die fast unentwegt Sport (Power-Volley-Ball sowie so eine Art Baseball, nur mit so breiteren Schlägern, keine Ahnung, wie das heißt), oder sie spielen auf einem Teppich, den sie auf den Bürgersteig legen (!), Karten. – So fühlen sich alle ein bißchen wie zu Hause.

Am meisten tun das natürlich die Anatolier. Sie haben in der Regel ihr Dorf von zuhause einfach mitgebracht. In dem kleinen idyllischen Park ohne Namen, der sich zwischen dem Ghetto, der Brücke der Solidarität und der alten ehemaligen Kupferhütte erstreckt, herrscht jetzt, an den warmen Augustabenden, reges Dorfplatzleben. Auf der Wiese picknicken Gruppen behäbig-korpulenter Kopftuchmatronen; in den gemauerten Sitzrunden sammelt sich die ranke, glutäugige Dorfjugend und beschaut sich schon mal gegenseitig in Hinblick auf spätere Heiratsinteressen. Dafür, daß man hier wenig erlebt, was alle anderen nicht schon wissen, gibt es eine Menge zu erzählen!

Trotzdem stimmt nicht jedes Klischee. Wer das Haus bei mir gegenüber so anschaut (oder ihm zuhört, was ziemlich unvermeidlich ist), könnte glauben, dort wohne Ali Baba mit seinen vierzig Weibern. Und ich traue meinen Augen auch zunächst nicht, als ich in der Toreinfahrt eine Gruppe von vier Frauen entdecke, die wie zu Abrahams Zeiten mit Walzstock und gewölbtem Kohlenblech Fladenbrot („Yufka„) backen – das hab ich zuletzt in einem Nomadenzelt an der syrischen Grenze gesehen! Was aber neu ist: Die Frauen – drei von ihnen mit Kopftuch und langem Hausmantel, die vierte in Jeans und mit blondierter Pferdeschwanzfrisur –, die mich am Fenster entdecken, winken mir fröhlich und selbstbewusst zu, und als ich einen zweiten Blick riskiere, werde ich fernmündlich zu einer Verkostung eingeladen. (Fernmündlich heißt bei uns, daß man so laut man kann, über die Straße schreit. Is billiger als Handy, weissu.)

Ich laß mich nicht lange bitten, lauf rasch rüber und plaudere ein paar Worte türkisch, was zunächst die schon gewohnte Reaktion auslöst: Man reißt in einer Mischung aus Furcht, Entsetzen und Ungläubigkeit (Verzeihung!) die Augen weit auf und stößt ein entsetztes „Türk müsünüz?!“ hervor. Ich verneine beruhigend, und man fängt sich schnell wieder. Rasch werde ich, als Zugereister, einem kleinen deutsch-türkischen Interview unterzogen. Es stellt sich heraus, daß man über mich und meinen Einzug schon gut informiert ist. „Öğretmenlık yapiorsunuz, değil mi?“Ja genau, ich bin so eine Art Lehrer, felsefe için… Und geh jetzt mit frischem Yufka frühstücken! „Afiyet olsun!“ rufen sie mir hinterher. Sie haben mich schon ein bißchen integriert, glaub ich.


Ich bin Weltraumabenteurer. Ihr aber auch.

17. August 2009
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Aus den Perseiden in die Welt gefallen (Foto: Reuters)

Man verliert die Tatsache manchmal aus den Augen: Auch wer nie aus dem Haus geht, ist ständig unterwegs. Wieso? So wie auch Ion Tichy in seiner schlunzigen, umgebauten Single-Wohnküche durchs All rast? Im Prinzip ja. Die Erde, um daran mal zu erinnern, ist ja insgesamt eine Art Raumschiff und donnert, ohne je zu parken, mit uns als unfreiwilliger Besatzung beschwingt durchs Universum, ja dreht sich dabei ja auch noch um sich selbst wie ein Kirmesfahrgeschäft! Schwindelerregend, eigentlich. Huiii! Aber wir kriegen ja nichts mit, meistens.

Auf der informellen Hausgemeinschaftsbesprechung, die allabendlich zwischen sieben und neun Uhr auf dem Bürgersteig vorm Haus stattfindet, nahm man meine Behauptung mit distanzierter Skepsis zur Kenntnis. Nur Herr Ezme hatte vom Raumschiff Erde schon im Fernsehen gehört. Anneliese, der 70er-Jahre-Spätlese-Teenager von links nebenan, fragte, wieso sie den Fahrtwind denn nicht spüre oder unterwegs auf der kosmischen Reise ihren entkoffeeinierten Coffee-to-go verschütte; Herr Walther Kampmann, Rentier von rechts nebenan, der gern peinlichst gebügelte Hemden trägt, auf deren kugelschreibertragenden Brusttasche der Schriftzug „Herr Walther Kampmann“ prangt, und der ein bißchen schräg drauf ist, schnarrte mich herrisch an: „Sind Sie Lehrer, wenn ich fragen darf?“ Ich bejahte dies zögernd mit „Etwas in der Art, ja….“ und ging mir vorsichtshalber ein Bier holen. Als ich zurückkam, schoß Herr Walther Kampmann die nächste Frage ab: „Haben Sie Abitur?“ Ich riskierte auch dies noch positiv zu beantworten (die Leute hier müssen nicht ALLES über mich wissen…). Es ging Herrn Kampmann aber gar nicht darum, die akademische Legitimität meiner astronomischen Thesen zu prüfen; er war auf der Suche nach einem Beistand für seine juristische Korrespondenz; sein Hobby ist es nämlich, dubiose Prozesse anzustrengen, „und der Bossi verlangt ja 360 Euro die Stunde!“ Eh ich noch einwerfen konnte, bei mir werde das Abfassen eines Briefs ans Gericht mit Sicherheit nicht so teuer, zähle evtl. sogar unter kostenfreie Nachbarschaftshilfe, blaffte Herr Kampmann: „Natürlich solln Se das nicht umsonst machen!“ – Ha! Ich wird mir ein Büroschild austifteln: „Magister Kraska, Abi 1972, illegale Rechtsberatung zu frei verhandelbaren Gebührensätzen“.

Während ich mich dieser belanglosen Abschweifung hingab, ist die Erde bereits wieder etliche tausend Meilen durch kosmische Gelände getaumelt und hat schon das Ziel erreicht, daß sie jedes Jahr in der zweiten Augustwoche anstrebt. Da besucht sie nämlich die Perseiden, die der Volksmund, wegen eines Heiligen Märtyrers, der am 10. August Namenstag hat, auch Laurentiustränen nennt. Die Perseiden sind ein Meteoritenschwarm aus Gesteins- und Eisbröckchen und Staubkörnern, die der Komet mit dem hübschen Namen 109P/Swift-Tuttle hinter sich herzieht, dessen Bahn die Erde alljährlich kreuzt. Perseiden werden die Teile genannt, weil ihr scheinbarer (optischer) Ursprung im Sternbild Perseus liegt. Sie sorgen um den 12. August herum für ein wahres Feuerwerk an Sternschnuppen (bis zu 110 in der Stunde!), und man kann sich so viel wünschen, wie man will. Was als pfeilschneller Lichtpunkt über den Nachthimmel zischt, ist übrigens, wie so vieles auch bei uns, heiße Luft: Die Meteoritenstaubkörner knallen in die Atmosphäre und bringen dort die Luftmoleküle zum Glühen.

Vorgestern, der Abend war noch lau und mild, saßen wir gegen zehn Uhr abends am Rheinufer, was man im neuen Hochfelder Rheinpark nach 150 Jahren erstmals wieder kann, als ungewöhnlich tief und nah ein beträchtlicher Feuerball seinen Weg übers schwarzblaue Firmament nahm, fast unwirklich langsam und majestätisch, um dann etwa in Höhe Rheinkilometer 740 lautlos in einen Funken- bzw. Sternschnuppenregen zu zerplatzen. Etwas seltsam Feierliches und Erhabenes ging von dieser Erscheinung aus. Selbst die unentwegt labernden und blödelnden Türkenjungmänner wurden wieder Kind, hüpften aufgeregt am Ufer entlang und und forderten sich gegenseitig auf, ganz rasch einen Wunsch zu tun.

Nicht nur Stanislw Lems Wohnküchen-Pilot Ion Tichy und ich, nein, wir alle befinden uns auf der Umlaufbahn und erleben Weltraumabenteuer. Man muß nur im rechten Moment hingucken.

 

PS: Die Koordinaten des Radianten (scheinbaren Ursprung) der Perseiden von hier aus, für den 20. August 2009: RE (Rektaszension) 3h48m, DE (Deklination) +59°

Ich bin ein Pionier der Gentrification, denn ich finde mein abwrackreifes Ghetto „sexy“

16. August 2009

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SPÄTSOMMERBLUES NACHTS IM VIERTEL…

Manchmal, ich weiß auch nicht, sticht mich der Hafer, dann tu ich ignoranter, als ich eigentlich bin. Nur so „aus Daffke“, wie der Berliner früher sagte. Auch ich habe schroffe Seiten. Also nenne ich Aphrodite, den Hund der Alk-Fraktion im Erdgeschoß, einen Mops. „Na?“, sage ich beispielsweise sarkastisch zu Elli, der Hausbesorgerin, „watt machsn fürn Gesicht? Hat die Alk-Fraktion ihren Mops wieder erschöpfungshalber zum Scheißen bloß in den Garten geschickt?“ Der Ton in meinem neuen Ghetto ist halt rau, aber warmherzlich, ich kann nix dafür. Und natürlich weiß ich in Wirklichkeit sehr gut, daß Aphrodite kein Mops ist, sondern eine schwarz-weiß gescheckte französische Bulldogge, mit arttypischen Fledermausohren und dem wissenden, abgründig dunklen, unendlich todtraurigen Blick eines schwarzen, baumwollpflückenden Blues-Sängers. Ich nenne sie aber solange einen Mops, bis die Alk-Fraktion aufhört, mich durch nächtliche Gesänge oder Krakeelereien zu ängstigen! Man kann sich doch, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, auch mal still betrinken!

Tja, was soll ich sonst über mein Viertel sagen? Verkehrssprache ist hier ein basales Pidgin-Turk-Deutsch. Jungmännerdialog zwischen Osman und Tolgan (gestern im Rheinpark mitgehört) geht hier in etwa so: „Oh, Alter, Bruder, Weiber ey, isch sach dir! War Tussi an Händi!“ – „Escht? Scheise, Mann. Unnn? Haddse gestreitet?“ „Nee, war’m Heuln! Schwör! Die willmisch! Die Alde steht voll auf misch!“ „Schwör? Öylemi? Escht am Heuln, Ağabey?“ „Ja, Bruder, schwör! Ferttich war die, Mann, voll datt Opfer, eh, vallahi!“ „Boah, voll Missgeburt, Mann, äy! Issie scheis Jude, oder was?“ „Näh, die is auch Duisburger!“ „Abba Madonna is Jude, und, ey, die Alte da, in dem Film, wie heiß noch, Halle Berry…“

Thema der Woche bei der allabendlichen Hausgemeinschaftsbesprechung war, neben dem Dauerbrenner, daß die Alk-Fraktion immer das Treppenhaus versaut, das alljährliche Fest der Stadtwerke hier im Viertel, an diesem Wochenende. Wie früher die römischen Kaiser mit ihrem Zirkus, spendiert man fürs Volk Belustigungen. Hausbesorgerin Ellis Ehemann Pitti hat sichs schriftlich geben lassen und säuberlich aus dem Anzeigenblättchen ausgeschnitten: Costa Cordalis kommt! Und Olaf Hennig! Nach dieser Nachricht muß Pitti erstmal zur Bude, Frischbier holen, was mir Gelegenheit gibt, mich unauffällig zu erkundigen, wer die genannten Gaststars denn seien und welcher Lebensleistung sich ihr Ruhm verdanke. (Es handelt sich um einen ur- und einen mittelalten Schlagerheini mit Appeal zum Schlichtpublikum!) „Aber auch Sweet!“ trumpft Anneliese, der 60er-Spätlese-Teenager aus dem Nachbarhaus auf, „Sweet kommt auch! Die aus den 70ern! Fox on the run und so! Damdam dadada-damdam!“ Das Stadtwerkefest heißt übrigens „Energiespaßtage“, und ich bin ganz froh, nicht der herzlose Diktator von Deutschland zu sein, weil ich dann bestimmt zur Abschreckung ein paar Werbefuzzis für ihre scheiß Wortspiele ins Arbeitslager schicken würde.

Das friedliche Zusammenleben der Ethnien und Nationen wird bei uns nicht zuletzt durch sorgfältig getaktete Zeitkorridore geregelt. Alle haben ihre Zeit, die bulgarischen Menschen- und die serbischen Waffenhändler, die breit watschelnden, schnatternden anatolischen Kopftuchmuttis, die pakistanischen oder srilankesischen Krickett-Spieler, die verkniffenen altdeutschen Blockwarte, die beinharten russischen Putin-Doppelgänger und BMW-Kabrio fahrenden Bodybuilder vom Großpuff. An einem warmen Spätsommerabend wie gestern gehört seltsamerweise das Viertel ab 22.00 Uhr dem schwarzen Mann. Ich muß das leider so pauschal sagen, denn von außen sieht man ja nicht, ob einer jetzt Afro-Deutscher, Afroamerikaner oder Originalneger aus Mother Africa ist. Das hat mit Rassismus nichts zu tun! Ich kann von weitem sehen, ob einer Pole, Ukrainer, Kroate oder Slowenier ist, aber Hutu, Tutsi, Bantu oder Xhosa kann ich kaum unterscheiden! Ist hier aber auch nicht wichtig, nehm ich an.

Auf meiner Spätpatrouille entdecke ich vor „Gino’s Nachtcafé-Bistro“ die dicke Mandy, die, glaub ich, in Wirklichkeit Magdalena heißt und aus Kiew stammt. Es heißt, sie habe Architektur studiert oder Pharmazie. Auf jeden Fall macht ihr in Sachen Superblondheit keiner was vor. Ihr himmlisch weißbrotfarben schimmerndes Dekolletée erleuchtet die Straße wie ein dreidimensionaler Doppel(fast)vollmond; sie verhandelt auf der Straße mit zwei bejammernswert dürren, langen Schwarzen, und es sieht aus, als käme man ins Geschäft. Überhaupt kapier ich Naivling allmählich, daß die nachts überall an den Ecken herumstehenden, oft überraschend hübschen Mädchen gar nicht auf den Bus warten. Ich hab mich schon gewundert, weil hier nämlich gar keiner fährt!

Am Brückenplatz, der tagsüber der internationalen Alk-Fraktion gehört, sind in der Nacht alle Männer schwarz. Es müssen Afrikaner sein, denn sie frönen überwiegend ihrer, wie es aussieht, in der Fremde einzig kultivierten Obsession: Nach Hause telefonieren! „Hello?! Helloo?! Can you hear me?“ schallt es aus Rostlauben, Billigkneipen und Telefonierkabinen. Yes, we can! Die Dorfgemeinschaft daheim will schließlich informiert werden, was im deutschen Paradies so läuft. Ob man auch von Mandy erzählen wird?

Am Brückenplatz befindet sich die m. W. einzige Trinkhalle (für Nicht-Ruhris: Das ist ein Kiosk für Trinker- und Raucherbedarf mit extrem dehnbaren Öffnungszeiten) Duisburgs, die, ausweislich einer Reklameinschrift, auch jederzeit Zahngold und Unterhaltungselektronik ankauft.

Den südlichen Teil des Platzes beherrscht die bei mir hochrespektierte Duisburger Bäckereikette Bolten, die hier einen Brötchenladen mit angeschlossenem Café betreibt. Bolten ist gut: Deren Baguette z. B. kann ich warm empfehlen! Warm schmeckts jedenfalls am besten. Im Café sitzt die Bevölkerung der Postmoderne. Kaftan-Islamisten geben hier ihre zwei, drei Burkassen zur Aufbewahrung ab, wenn sie Koranlesen gehen; blasse, dünne Frauen aus Osteuropa ruhen sich hier aus, die all night long vergeblich auf den Bus gewartet haben; Herren aus aller Männer Ländern buchstabieren stirnrunzelnd ihre Zeitung, und manchmal trifft man auch mich hier, über esoterische Fragen nachgrübelnd, wie die, warum Konditoreimädel oft wirklich wahnsinnig und kinofilmreif süß sind, Fleischereifachverkäuferinnen hingegen überdurchschnittlich oft einen Hang zum Wurstigen und Grobfleischernen zeigen. Bei Bolten im Café sitzend und das Treiben im Viertel betrachtend, hat man die Wahl: Wahnsinnig werden, Amok laufen, oder still, bescheiden und konzentriert einer milden, wohlwollenden Melancholie verfallen.

Vielleicht bring ich Aphrodite mal ein Zipfelchen Wurst mit?

Kraskas Bettgeschichten

14. August 2009
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So sieht das Bett aus. THEORETISCH...

Heute mal, was Ihr von mir bestimmt nicht erwartet, eine Bettgeschichte! – Ein Sprichwort, das ich erst spät gelernt habe, das mir indes ungemein einleuchtet, lautet: „Wer mit dem Teufel gemeinsam Suppe essen will, muß einen langen Löffel haben“. Eine Volksweisheit, noch immer anwendbar! Wer zum Beispiel, kann ich mir vorstellen, mit ALDI Geschäfte machen will, als Hersteller oder Großvertrieb, der muß schärfer kalkulieren als des Teufels Großmutter im Fall der drei goldenen Haare, der wird nämlich im Preis gedrückt, bis er Blutwasser schwitzt und die Daumen brechen, und dann hat er den Auftrag noch immer nicht, dann beginnen die Verhandlungen ja erst, und schon manche gestandene Unternehmerpersönlichkeit ist, stelle ich mir weiter vor, unter Weinkrämpfen zusammengebrochen, hat panisch die Mitgliedschaft im Golfclub gekündigt und Mutterns Opernball-Nerz bei Grüne’s Pfandhäusern versetzt, alles bloß, um mit den ALDI-Brüdern ins Geschäft zu kommen, was dann natürlich wiederum bedeutet, daß man, will man nicht bis zum eigenen Ruin oder auch bis zum Jüngsten Gericht draufzahlen, leider gezwungen ist, sich beizeiten in China, Indien oder Bangladesh nach geeigneten Kindersklaven oder hungernden Wanderarbeitern umzuschauen, die den für ALDI bestimmen Ramsch für eine Handvoll Reis pro Tag zusammenschustern, damit man trotz aller Dumpingpreise und Knebelverträge irgendwie am Ende doch noch auf seine Kosten kommt und Mutters Pelz wieder auslösen kann. Insofern, wenn ich mir das alles vorstelle, habe ich ein gewisses Verständnis für die Fa. GEBRA in Bochum. Alles verstehen heißt ja nicht alles verzeihen, oder?

Nachbarin Elli, die Frau vom Pitti, mich dabei beobachtend, wie ich ein zusammengelegtes, zentnerschweres Metallbett in meine neue Wohnung stemmte, um es anderntags mit wutrotem Kopf  wieder herunter zu wuchten und ins Auto zu pfeffern, hatte für mich weder Verständnis noch Mitgefühl. „Wie kann man auch so doof sein und bei ALDI ein Bett kaufen? Dattätich nie!“ kommentierte sie meinen Frust. „Das kann man schon deswegen, weil es solide Gitterteile hat, an denen man vorlaute Hausbesorgerinnen festketten kann!“, hätte ich zurückpatzen können, – stattdessen gab ich aber kleinlaut zu, der sensationelle Preis von 69,00 Euro für ein solides schweres Metallbett hätte mich halt verführt. „Ja, Keal, übaleech dommal, dat KANN donnix sein!“ gab sie ungerührt zurück. Da hat die Elli wohl recht. Et war auch nix.

Nun bin ich zwar, zugegeben, nicht gerade ein begnadeter semi-professioneller Hand- und Heimwerker, eher mehr so ein im strukturalistischen Sinne von Claude Lévi-Strauss der BRICOLAGE, also der kreativen Bastelei ergebener Mann, kein homo faber mithin, eher ein etwas pfuschig-windbeuteliger, aber um Einfälle nie verlegener „Tiftler“ wie Ion Tichy, der sein Eier-Omelett schon mal mit dem Sechszehner-Schraubenschlüssel rührt, weil er die Gabel gebraucht hat, um die Raumschifftür festzukeilen. Wie dem auch sei, ich bin der Lage, elementare Schraub- und Steckverbindungen zu fixieren, ich verfüge über räumliches Vorstellungsvermögen und bin IKEA-gestählt im Lesen absolut idiotischer piktographischer Bauanleitungen. Über das nötige Werkzeug gebiete ich auch. Also? Wird man ja wohl Rahmen, Kopf- und Fußteil eines vorgefertigten Metallbettes zusammenschrauben können, oder?

Wie es bei Radio Eriwan heißt: Im Prinzip ja! Wenn denn die Schrauben passen würden. Wenn es genug Muttern gäbe, und passende Schrauben! Wenn die Bauanleitung gewisse Korrespondenzen mit der REALITÄT unterhalten würde.  Wenn die Steckverbindungen die genormte Größe hätten. Und wenn, last, but durchaus nicht least, die Schweißnähte nicht von leprösen, ohne Finger geborenen, blinden, analphabetischen, Aids-infizierten, mutterlosen, hungernden und verzweifelten Ex-Kindersoldaten in völliger Dunkelheit NACH GEFÜHL gelötet worden wären. Wenn, wenn, wenn DAS ALLES nicht wäre, bestünde eventuell die Möglichkeit, daß die Teile ineinander passen könnten! So aber, nebbich, leider nicht. No way. Kein Bett für Kraska. Nirgends. Schlaf auf dem Boden, Schurke! Eine Zeitraffer-Version meines fünf-(!)stündigen Versuchs, die Teile miteinander zu verschrauben, könnte als Video des Jahres auf dem Slapstick-Festival in Limerick reüssieren!

Die Gattin, die mein Elend sah und beim Versuch, Hilfe zu leisten, einen cholerischen Anfall der HB-Männchen-Art erlitt, schrieb der Firma Gebra, die der Firma ALDO das Bett geliefert hatte, eine geharnischte E-Mail, in der es u. a. hieß:

Sehr verehrte Damen und Herren,

Ihr Metallbett „living style“ (1,40 x 2,00), das Sie über ALDI vertreiben, ist eine ZUMUTUNG:

Es fehlen Schrauben, manche Stahlteile, die ineinandergefügt werden müssen, sind schief und passen folglich nicht ineinander, an manchen Stellen ist der Lack so dick, dass die Teile wiederum nicht passen und an manchen Stellen ist die Anleitung schlichtweg falsch. Wie sollen G1 und H1 beispielsweise  mit den Schrauben 2xb und 2xe das Bett zusammenhalten? Das funktioniert rein logisch nicht, wenn die Schraube kein Gegenstück hat! Sie schreiben, das Bett zusammenzuschrauben, brauche 2 Mann und eine halbe Stunde.  Das ist schlichtweg eine Untertreibung. Ich habe gestern mit meinem Mann geschlagene 5 Stunden versucht, diesen Murks zusammenzukriegen – es ist uns nicht gelungen. Fazit: ich werde heute oder spätestens morgen die Teile (zum Teil zusammengelassen) mit Quittung zurück in die Aldi-Filiale nach Duisburg (nähe Metro) bringen und erwarte natürlich mein Geld zurück!! Sie können ja dann mal Ihre eigenen Vorgaben kontrollieren. Mein Rat: nehmen Sie sich an dem Tag nichts mehr vor! Mit grimmigen Grüßen…“

 Die Bochumer Firma Gebra, die als Fleisch- und Gemüsehöker nach dem II. Weltkrieg begonnen hat und heute jeden erdenklichen Schrott („Von Absinth bis Zwiebelhobel“, so die Firmenselbstdarstellung) vorwiegend an ALDI liefert, schrieb übrigens kleinlaut zurück, ob sie uns eventuell noch ein paar Schrauben nachliefern solle?

Ich weiß nicht, was die Gattin geantwortet hat. Ich hätte geschrieben: „Ja gerne, wenn Sie noch ein paar locker haben…“

 


Löffel treuer als Socken. Was selbst bei IKEA nicht zusammengebaut werden muß

13. August 2009
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Unzertrennlich: Löffel verehrt Gabel

BESTECK IN DER BEZIEHUNGSKISTE

 Da gibt es nichts: Die sattsamst bekannteste Vergnügung der Welt (Sexualität. Ja, genau, gääähn!) ist immer noch der absolute Renner Nr. 1! Weil ich allergisch auf die höhnisch-fiesen Sprayer-Parolen reagiere, die auch bei uns an die Tunnel-Durchgänge geschmiert werden („Keiner liest deinen Blog!“), guck ich aus purer Eitelkeit alle paar Tage auf meine Blog-Statistik, um mir ein Bild über meine tatsächlich zahlenmäßig recht bescheiden ausfallende, aber nicht gänzlich gegen Null tendierende  Lesergemeinde zu machen. Dankenswerterweise wird einem ja angezeigt, wer von wo warum mit welchen Suchwörtern zu mir gelangt ist. Meine Statistik ist recht ansehnlich! Ich habe rund hundert Leser pro Tag. Immerhin!

Schau ich genauer, sinkt mein Triumpfgefühl wieder auf Normalnull. Irgendwann, bei einem Artikel über Sprache, Alltagssemiotik und Presse-Wahnsinn hab ich mal ein völlig sachfremdes Foto verwendet, das eine unbekleidete vollbusige Blondine zeigt (in Teilansicht!) und in Internet, wo ich’s her hab, den Titel „busted teen girlfriend“ trägt, also zu deutsch „mit Brüsten ausgestattetete Freundin zwischen Dreizehn und Neunzehn“. Wie sich zu meiner Beschämung herausstellt, ist diese Dame, die ich noch nicht mal zu kennen die Ehre habe, für den – relativ – passablen Leserdurchschnitt meines Blogs praktisch fast alleine verantwortlich! Zahllose Interessenten müssen im Netz von der Nachricht förmlich elektrisiert werden, daß es U-20-Frauen gibt, die a) blond, b) mit Brüsten ausgestattet sind, welche man sich c) bei  mir auf dem Blog zu zwei Dritteln ansehen kann! Sechs bis elf Männer (na, Frauen werdens wohl nicht sein, oder?) surfen pro Tag im Durchschnitt auf meine Seite, bloß weil ich vor zig Wochen mal die einladend ausladenden Möpse einer Anonyma in einen Text integriert habe! Ist das zu fassen? Meine Phantasie reicht so weit, daß ich mir ausmalen kann, wie man im Internet nach Anregungsbildchen sucht. Auf die Idee aber, zu diesem Zwecke die Suchwort-Kombi „busted teen girlfriend“ einzugeben, wäre ich wohl im Leben nicht gekommen.

Während das menschliche Triebleben offenbar unausschöpfliche Aufmerksamkeit beansprucht, wird das Liebesleben der Dinge selten erörtert. Gut, es gibt ein paar Aufsätze zur Frage, warum bei der Spezies der Socken die Paare sich meist schon nach der ersten Wäsche trennen und nie wieder zusammenkommen, und der frühe Thomas Kapielski hat in Berlin, wenn ich richtig informiert bin, mal ein Werk namens „Sex mit Möbelstücke“ vorgelegt – das wars dann aber auch schon.

Was ist zum Beispiel mit Besteck? Anders als Socken bleiben Löffel und Gabel zumeist ein Leben lang unzertrennlich. Zwar gehen sie auch mal getrennte Wege, wenn etwa dem Löffel nach Suppe ist und der Gabel nach Pasta, aber sie wissen immer, daß sie letztlich in ein- und denselben Besteckkasten gehören. Zumindest in gehobenen Besteckläden sind Löffel und Gabel gar nicht getrennt erhältlich, immer nur als Paar. Ich besitze ein Besteckset aus Stahl (glaub ich jedenfalls, daß das Stahl ist, Tafelsilber brauch ich alltags nicht), daß ich vor zwanzig Jahren bei IKEA gekauft habe, und noch immer sind alle Teile zusammen, trotz mehrerer Umzüge! Ich bin also noch immer versorgt.

Wer aber erstmals aus dem Hotel Mama auszieht und eine preisgünstige Erstausstattung benötigt, kann sich sein Küchenzubehör ruhig bei IKEA kaufen, zumal Messer, Gabel und Löffel so ziemlich die einzigen Teile im IKEA-Angebot sind, die man NICHT nach diesen verdammt bescheuerten, piktographischen Bauanleitungen SELBER ZUSAMMENPFRIEMELN muß!

Farewell, Willy!

12. August 2009
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William Borsey aka Willy DeVille, 1950 (1953?) - 2009

„Willy ist der Prototyp eines Rock’n’Roll-Menschen. Seine Stimme ist rau, trocken, aufregend und dreckig, und in ihr schwingt die sinnliche Anmache, die uns Hörer zittern lässt“, schrieb mal ein Musikmagazin, und das gilt für die Musik insgesamt, die wir William Borsey, genannt Willy DeVille, verdanken. Als Rock’n’Roll noch schmuddel war, und nicht kuschel oder Pose, da strahlte Willy – mit Schmalzmähne, Goldzahngrinsen, Diamant im Scheidezahn und schmierigem Menjou-Bärtchen – den halbseidenen Charme eines Schiffschaukelbremsers aus, wenn er seine unverwechselbare Mischung aus Blues, Cajun, TexMex und Southern vortrug wie das natürliche Idiom der Straßen von Harlem, wo Willy unter Puertoricanern aufgewachsen war.

Willy klang immer ein bißchen wie eine TexMex-Kopie von Bob Dylan, nur schmutziger, anzüglicher und dreister als der Meister. Seine Mariachi-Version des Jimi-Hendrix-Klassikers „Hey Joe“ sticht unter hunderten von Covern heraus, weil sie dem Song das lakonisch Machistische und Kriminelle des Originals zurückgibt, in dem ein Mann, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, unterwegs ist, um seine Frau „abzuknallen, weil sie mit ’nem andern Kerl rumgemacht hat“. Die etwas zigeunerhafte Bühnenfigur, die Willy gern gab, täuschte nicht darüber hinweg, daß er ein grundsolider Musiker war, ein hervorragender Gitarrist, Arangeur, Performer und ein ambitionierter Songschreiber  dazu.

Willy war außerdem Stoiker. Er hatte Erfolge und er ging durch Niederungen ohne Geld und Plattenvertrag, beugte sich aber weder der Mode noch den Plattenkonzernen. Und er hat sogar in Duisburg gespielt, bei uns in der alten Industriehalle! Ach, Mann! Was das Heroin und der Schnaps nicht schafften, besorgte der Bauchspeicheldrüsenkrebs. Willy DeVille starb letzte Woche in New York im Alter von 57, 58 oder 59 Jahren. Genau weiß man das nicht. Typisch!

Machs gut, Willy! Und danke für die Songs.

News from the ghetto. Die Stimme des Volx

12. August 2009
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Sitz der Uno. Amtssprachen sind hier Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch. In meiner Straße würden diese Sprachen zu Verständigung reichen...

Obschon ich aus beruflichen Gründen oft einen gegenteiligen Eindruck zu erwecken versuche – ich weiß ja auch nicht ALLES! Um Euch mühseliges Telefon-Jokern, Googeln oder Studieren an der Wikipedia-Uni zu ersparen, kläre ich drei Fragen vorab.

 Wer war Yoshida Kenkô? Genaues weiß man nicht. Vermutlich war er Offizier der kaiserlichen Leibgarde oder der Palastwache, im japanischen Mittelalter. Weil er das schwerterschwingende Samurai-Ding irgendwann leid wurde, quittierte er jeglichen Dienst und wurde buddhistisch-taoistischer Mönch. Als er starb, fand man in seiner einsamen Berghütte eine Menge von Zetteln, achtlos an die Wand gepinnt: „Betrachtungen aus der Stille“ nannte man diesen Zettelkonvolut – heute eines der berühmtesten Bücher der japanischen Literaturgeschichte. Kenkô war ein Virtuose in der Kunst des Verschwindens; er lobte die Schönheit des Vergänglichen und spottete (mit LEISER Ironie!) über den menschlichen Ehrgeiz, mehr sein zu wollen als eine Eintagsfliege.

Und Samuel Beckett? Hochdepressiver Dubliner, frankophil, Experte für Whisky, Marcel Proust und Suizid durch Getränke-Mißbrauch, Resistance-Kämpfer gegen die Nazi-Besatzung, Autor unsterblicher Theater-Knaller („Warten auf Godot“, „Endspiel“, „Glückliche Tage“) und von genialen Erzählungen und Romanen („Mehr Prügel als Flügel“, „Molloy“, „Malone stirbt“, „Der Namenlose“) , die das breite Publikum langweilig und/oder „schwierig“ findet, die aber in Wirklichkeit zum Brüllen komisch sind, jedenfalls wenn man ein Faible für die Komik von Beerdigungen, Verkehrsunfällen, mißglückten Selbstmordversuchen und Katastrophen aller Art pflegt. Beckett, der immerhin den Literatur-Nobelpreis erhalten hatte, starb 1989 einsam und unbeachtet in einem Pariser Altenheim – alle seine Fans (ich zumindest!) hatten gedacht, er sei schon lange tot! Beckett war ein weiser Mann: Er wusste, daß das Leben zwar tragisch, aber zugleich auch unerträglich albern ist.

Nun die 100.000,00-Euro-Frage: Wer war Ion Tichy? Na? Naa? Oooooh neiiiin! Tut mir leid!  Falsch! Schade! Das war NICHT der erste Trainer des blond-bewimperten Tennis-Idioten Boris Becker! Der hieß Ion Tiriac! – Ion Tichy ist vielmehr eine literarische Figur, erfunden vom polnischen Philosophen, Literatursoziologen, Futurologen und Romancier Stanislaw Lem. Ion Tichy ist „Weltraumpilot“, ein ausgewiesener Bastler, Pfuscher und Schwadroneur, der auf einer extrem erdfernen Umlaufbahn sehr, sehr sonderbare Abenteuer erlebt. Ein paar der skurrilen Ion-Tichy-Geschichten wurden von einem deutschen anarcho-independent-orientierten Filmstudenten-Kollektiv verkurzfilmt, und ausgerechnet die alte Fernseh-Tante ZDF war so wahnsinnig, das bizarr-psychodelische Machwerk – wenn auch zu nachtschlafener Zeit – zu senden! In den schräg-witzigen Kurzfilmen sieht Ion Tichys Raumschiff von innen aus wie meine derzeitige Junggesellen-Zweiraumwohnung, und von außen ähnelt es bedenklich einer Presskaffee-Kanne oder einem Haarfön aus den 80ern. Ion Tichy erzählt seine Stories aus dem Off, merkwürdigerweise in einem extrem gebrochenen, künstlich verfremdeten polnisch-deutschen Idiom („’Chab ich gemacht Verbastelung mit elektro-Herd, so ist jetzt Küchenmöbelei gleichzeitig Beschleunigkeitssoperator von Raumschiff, sofern ich drücken richtige Knopf von E-Herd-Energiesparlampe “), – und sehr viel Logik haben die Geschichten auch nicht. Ion Tichy kommt auf seinen Weltraumreisen nur selten in Erdnähe, und wenn, befällt ihn nicht Heimweh, sondern eher bestürztes Befremden.

So. Der Gewinn aus diesem ermüdenden Schulungskurs kommt jetzt: Ihr versteht nun mühelos, wenn ich schreibe: Ich fühle mich derzeit wie eine Mixtur aus Yoshida Kenkô, dem mittleren Sam Beckett und Ion Tichy! Aus der Realität bzw. wenigstens der alltäglichen Normalität katapultiert, wurde ich an den Rand einer Umlaufbahn geschossen, von der ich nicht ahnte, daß sie jemals  meine eigene Neighbourhood werden würde! – Es heißt ja immer, in Duisburg lebten Menschen aus 120 Nationen. Früher wollte ich das kaum glauben, heute schon, denn das sind alles meine neuen Nachbarn in der Straße. Man kriegt gar keinen Überblick. Herr Ezme, Alleskönner, Faktotum und melancholischer Philosoph, drückt es so aus: „Die meisten Türken hier sind noch nicht mal welche!“ Und das stimmt wohl auch, er muß es wissen. Übrigens gibt es bei mir in der Straße noch Restbestände des waschechten Duisburger Montan-Proletariats. Und dieses ist immer noch so liberal wie vor 30 Jahren! O-Ton: „Isch hab donnix gegen Türken! Isch will die bloß nich im Haus haben, isch trau die Brüder nich… Außer natürlich den Ahmet und den Herr Ezme, die sind ja vernünftich. Und noch die Familie Karatas mit ihre ganzen Blagen von nebenan. Aber die sind in Urlaub bei sich zuhause inne Türkei…“

Eindeutig türkisch sind die drei Holzkohlen-Grills an der Kreuzung Wanheimerstraße / Ecke Eigenstraße, die sich alle drei „Urfa Oçakbaşı“ nennen, aber verschiedene Besitzer haben. Über zwei dieser begnadeten Etablisments habe ich schon berichtet. Weil von diesen eines leider ausgebrannt ist (Herr Ezme sagt, wahrscheinlich waren die sogar zu blöd, ’ne Propangasflasche anzuschließen), bin ich jetzt mit der Gattin zum dritten, kleinsten „Urfa Oçakbaşı“ gegangen. Ich glaub, wir sind die einzigen Deutschen, die hier schon mal essen, jedenfalls kannte man mich bereits. Eigens würde der besitzereigene Opa („Dede“) umgesiedelt, damit wir noch einen Tisch auf dem Bürgersteig besetzen konnten. Sofern es einen nicht stört, daß auf der Straße die Großfamilienkindergeld-finanzierten Daimler vorbeidonnern und der Nachwuchs der 120 Nationen einem um die Füße wuselt, ist es ganz reizvoll, hier einen Hackspieß, einen Lahmaçun oder einen Kuzu Şış Dürüm (überraschend hervorragendes, zart saftiges Lammfleisch!) zu schnabulieren. Die Bedien-Frau spricht nur türkisch; ich hab aber nicht verraten, daß ich sie verstehen kann. Auf Bierchen, Wein oder Rakı muß man auch hier Verzicht tun, da sind die Islamerer dagegen.

Aber selbst dies ist der liberale Duisburger Proletarier wohlwollend zu würdigen bereit. „Weisse, die Türken“, gibt mein Nachbar Pitti zu bedenken, „die siesse wenixens nich mitter Bierflasche auffer Straße, un die pullern denn aunich im Suff inne Büsche, weil da ihre Fraun sitzen und pichnicken…“ 

Wer die anderen beiden Teile der Trilogie über türkische Holzkohlen-Grills lesen möchte, hier die Links noch mal:

http://www.qype.com/place/639350-Urfa-Alt-n-i-Ocakba–Duisburg

 

http://www.qype.com/place/639541-Has-Urfa-Ocakbba–Duisburg


Into the ghetto (Captain Catastrophy’s movin‘)

10. August 2009
superman

Für den Umzug braucht man gute Männer!

Wer von euch, meine Freunde, hätte gern ein durch und durch langweiliges Leben? Wohl kaum einer, oder? Wer will denn schon öden Alltagstrott ohne würzende Abwechslung! Aber bitte Vorsicht mit Wünschen! Sie könnten nämlich in Erfüllung gehen, – und dann explodiert völlig unerwartet und aus heiterem Himmel die gesamte Existenz und die alltägliche Normalität fliegt einem aber schon dermaßen um die Ohren, daß einem Hören und Sehen vergeht! Mein schöner Alltagstrott! jammert man dann, aber es ist zu spät: das Leben muß jetzt raus, toben! Leute, glaubt einem alten Hasen in Sachen Dasein: So etwas passiert schneller, als man denkt! Bzw. denken kann. Und vom Alter, macht euch da nichts vor, ist das gar nicht abhängig! Auch durch widerstrebende, morsche Knochen fegt, wenn es Zeit dafür ist, ein frischer kalter Wind of Change (vgl. Sse Skorrpions).

 Im Film ist so etwas natürlich keine große Sache: Innerhalb weniger Minuten ist man untergetaucht, hat Stadt, Identität und Anzug gewechselt, kann plötzlich fliegen wie eine Fledermaus oder senkrechte Hochhaus-Wände hochklettern wie Super-Spinnen, verfügt über atomare oder phantastomate Geheimwaffen aus der Zukunft wie der Terminator, und man rettet sich und die Welt innert 90 Minuten vor dem Bösen. Wer allerdings leider kein Superheld ist, zufällig, könnte das rasche Untertauchen, die Emigration oder das Instant-Exil zu organisieren für eine schwierige Aufgabe halten. Kinohelden besitzen nämlich in der Regel weder tonnenschweren Bücherwände, noch einst zu teuer erworbene Kunst oder auch nur Elektrohaushaltsgeräte und Lattenroste, Kleiderschränke, Schreibtische oder Wäschespinnen. Die sich unweigerlich im Verlaufe des Daseins ansammelnde Halde von Lebensschrott ragt wie ein Berg, und man kann doch nicht ALLES wegschmeißen!

 Mit der neuen Existenzstellenbeschreibung (Daseinsabenteurer Kraska ist derzeit mal  Wandermönch, Exilant, Heiliger des Ghettos und Engel der Bescheuerten, Besoffenen und gänzlich dem Außenseitertum Verfallenen!) mussten Rochaden, Retiraden und Remisen organisiert werden; Dinge von Format und Gewicht wollten in kürzester Zeit verräumt, verpackt, verbracht und verschifft werden – und da mein Nervenkostüm ein extrem sensibles, komplexes und hochgradig irritables ist, dachte ich: Oh manno, resignier!, ich brauche professionelle Hilfe!

 Vom Therapeuten? Nee, das besser nicht. Aber ein richtig, richtig gutes, diskretes, schnelles und preiswertes UMZUGSUNTERNEHMEN, DAS wäre jetzt gut! Objects of desire: Junge, alerte Männer, die nicht viel reden oder fragen, sondern cool, calm & collected ihren heiklen Job durchziehen, besonnen, effektiv, diskret, bärenstark, kampfgestählt, durch nichts abzuschrecken oder umzuhauen, und dabei sensationell  und schier verblüffend preiswert; Möbel-Samurais mit der katzenhaften Schnelligkeit und Härte von Auftragskillern und der zartesten Einfühlsamkeit von pro-familia-Beratern, ausgestattet mit gefürchteten Sekundärtugenden wie Umsicht, Vorsicht und Rücksicht, begnadete Mit- und Selbstdenker, Elite-Kämpfer, Kameraden auf der road to nowhere, ja, ich möchte fast sagen: Krieger. Moderne, mobilitätsorientierte Umzugskrieger! Woher kriegt man aber solche soldiers of fortune resp. furniture? Und sind solche Schrankewandbezwinger und Bücherkarton-Sherpas nicht unbezahlbar? Na ja, eigentlich schon. Und doch wieder nicht: Wenn ihr im – äußerst großzügig bemessenen! – Großraum von Düsseldorf-Duisburg-Krefeld lebt (und plötzlich untertauchen müsst), und nun jammernd zu mir ins Ghetto kommt (ihr findet mich Rande, am Rande des Abgrunds, der Gesellschaft und des Sinns!), dann gebe ich euch einen Rat, der u. U. GOLD wert ist: Wendet euch an meine Freunde von der SHD!

 SHD … Soldiers of Hope and Defense? Service for Happiness on Demand? Nö, bloß lapidar „Selbsthilfe Düsseldorf“. Eine Initiative von Arbeitslosen mit Tatendrang, die es, man kanns kaum glauben, schon dreissig Jahre gibt. Man verschmäht Staatsknete und arbeitet lieber selbstorganisiert im Umzugsbusiness. Ich weiß nicht, wie das am Anfang lief – JETZT ist die Truppe so perfekt professionell, wie ich es mir von Berufskillern wünschte, mit denen man ja ewig Ärger hat, weil sie alles verwechseln, verbaseln und und vergessen. Nach meinen Recherchen ist diese Truppe die beste, schnellste, flexibelste und mut Abstand die preiswerteste, wenn es um die Organisation von Umzügen  geht – und zwar angefangen von der Auftragsannahme, der Kalkulation und und Planung bis zur Organisation und Durchführung. Die jungen Männer haben Kräfte wie HULK oder Superman, aber sie gehen mit meinen Sachen um, als handele es sich um zarte, ätherisch feine, nervöse Jungfrauen minderjährigen Alters. Die Berserker sind Möbelflüsterer.

 Ich rate euch: Wenn ihr weg müßt, schnell und reibungslos, dann bucht die SHD.

 Mehr vom äußersten Rand der Umlaufbahn demnächst bei Radio Kraska, the voice of the ghetto!