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Essen mit dem Smutje

23. Oktober 2013
Männerfreundschaft unter Matrosen

Männerfreundschaft unter Matrosen

„Was REDET ihr denn da immer die ganze Zeit?“, fragte mich neulich die Gattin neugierig, als ich, bisschen schwankend, vom Treffen mit Holgi zurückkam, weil Holgi und ich, wir treffen uns ab und zu zum Essen, so quartalsmäßig, teils um alter Freundschaft willen, teils weil wir es cool und urban finden, zu sagen: „Du, wie müssen mal wieder zusammen Essen gehen!“, und außerdem gibt es ja auch etwas zu trinken, und dann wich ich ein wenig aus und sagte noch „Och, meist bloß so Quatsch mit ohne Pointe“. – „Ist das nicht langweilig?“„Pö…“ hab ich da schlagfertig geantwortet, und, um ein bisschen mit weiblicher Logik zu prunken, „Du musst ja nicht mitkommen!“ Echt, Leute, sie würde das nicht lustig finden. Es läuft nämlich zum Beispiel in etwa folgendermaßen.

 

Kleine Vögel

 Ich hatte es geahnt, offen gesagt. Unser Frühstückstreffen hatte sich nämlich im Grunde bereits auf die abschüssige Bahn begeben, als Holgi nach seinem Berg Rührei nachdenklich die Karte studierte und schließlich zögerlich verkündete: „Ich glaub, jetzt nehm ich doch mal so einen Sauvignon!“ und Streusel-Babs, die gar nicht eingeladen war, sondern irgendwann plötzlich, Küsschen hier, Küsschen da, mit am Tisch saß, umgehend losflötete: „Für mich dann’n Prosecco“, worauf ich, zugegeben, man möchte ja kein Spielverderber sein, auch einen Wein orderte und jetzt war mittlerweile schon später Nachmittag, aber immer noch irgendwie Frühstück, wir hatten dann noch diverse Grappa bestellt, und Babs, die wegen ihres Lieblingspullovers auch Streusel genannt wird, fragte plötzlich mit ganz schriller Stimme: „Wie heißen noch mal, hier, Dings, die Dings, diese ganz kleinen gelben Vögel, die…“ und ich soufflierte „Kanaries„, und Babsi dann so: „Nee, Blödsinn, viiel kleiner, Mensch, mit so Warnstreifen“, wozu sie mit Daumen und Zeigefinger einen Millimeterabstand abmaß und die Augen angestrengt zusammenkniff, um anzudeuten, wie wirklich verdammt klein ihre komischen Vögel waren, und ich hatte gesagt, bloß so aus Quatsch, „Du meinst wohl Wespen?“ und da hatte Streusel plötzlich ganz, ganz ernst genickt wie ein Wackeldackel – „genau!“ –, auf Holgi mit dem Finger gepiekt und gesagt: „Du hast übrins da’ne Wepse am Krang“, und dann war, ich weiß auch nicht, plötzlich die Hölle los, Holgi war trotz seiner Beleibtheit aufgesprungen wie ein Gummiball und hatte hektisch im Luftraum herum gefuchtelt, Babs wurde aus Solidarität oder diffuser Begeisterung total hysterisch und fuchtelte auch, und ehe ich noch sagen konnte „Jetzt bloß nicht fuchteln!„, hatte es Holgi schon erwischt, „Aua! Scheiße!“ hatte er gerufen, in die Luft geboxt und den Tisch getroffen, der dann wohl umfiel oder irgendwas, es schepperte und spritzte jedenfalls, die Leute guckten schon, Babsi fing wie irre an zu lachen, aber als Holgi dann mit ganz dunkelrotem Kopf schrie „Allergie! Mensch, ich hab Allergie!“, hörte sie abrupt wieder auf, kriegte sich ein und redete was über „Antihistonikum“ und „essigsaure Tonerde“ und, keine Ahnung, die Gemütlichkeit war irgendwie weg.

 Damenbesuch

 Holgi war schon da, hinter einem Teller dampfender Pasta, und tauchte, als ich kam, schmunzelnd aus dem Nudelnebel auf wie ein alter Seehund, der zufrieden feststellt, seine Sandbank existiert noch, und legte mir seine Befriedigung bezüglich unserer gelegentlichen Mittagstreffen dar, dergestalt dass er ansonsten „den Arsch ja gar nicht mehr hoch“ kriege, so aber „muss ich ja“ und ich nickte und wartete ab, bis Holgi endlich versonnen in die Spät-Sommer-Luft schnupperte, als hätte er irgendwie ein ganz spezielle, nur ihm zugängliche Witterung aufgenommen, wir saßen ja draußen unter dem Schirm, und genießerisch die Lippen schürzte: „Ich glaube, die haben hier einen ganz guten Pinot Grigio…“, und ich orderte den dann, aber, es ist nicht zu glauben, kaum hatten wir Prost gesagt, stand ausgerechnet Irmel Bernatzke, die alte Spaßbremse, an unserem Tisch, fixierte uns und unsere Gläser mit zitronensaurer Missbilligung und begehrte mit einem Gesicht wie meine Mutter schneidend zu wissen, was wir denn da „machten, schon mittags!“ und Holgi und ich starrten stumm und ratlos auf unsere Gläser, als begriffen wir auch nicht, wie die da hingekommen waren und was die denn da so machten, weil Irmel ist für Alkohol, was Veganer mit Fleisch sind, außerdem trägt sie immer so extrem weite Sachen aus erdfarbenem Wollfilz, weil sie sich nicht auf ihre Weiblichkeit reduziert wissen will, und Holgi und ich schwitzten echt literweise Blut und Peinlichkeitswasser, bis Irmel endlich Leine zog, die vergrätzte Fregatte, nicht ohne mir noch ein „Seit wann RAUCHST du denn?“ auf den Tisch zu spucken, und infolgedessen bestellten wir auf den Schreck schnell noch einen Pinot und Holgi machte ganz kurz so ein verschwiemeltes Schwerenötergesicht wie ein Rainer Brüderle-Double, hielt seine Hände halbkugelmäßig vor den Hals und zwinkerte, da wäre ihm ja selbst Streusel-Babs noch „tausendmal lieber“, weil, immerhin, da gäbe es ja nun wenigstens „schön was zu gucken“, aber für ein typisches Männergespräch sind wir zu distinguiert, Holgi und ich, deshalb redeten wir dann über anderes.

 Gotteslob

 „Hey, Mann, Alter, was läuft?“ fragte ich Holgi. Meister der Gesprächseröffnung. „Rente läuft“, grinste Holgi, „und ich kann das bis jetzt gut ab!“ So sah er auch aus! Putzmunter in seinem blau geringelten Matrosen-Leibchen, das sich um seinen Bauch spannte wie aufgemalt, mit seinem rundum mit weißen Stoppeln bedeckten Kugelkopf, und man konnte ihm ohne weiteres glauben, dass er jahrelang als Versorgungs-Maat oder Smutje auf einem Containerschiff gefahren war, was aber gar nicht stimmte, er war nur bei der Bundesmarine gewesen, allerdings die ganze Zeit an Land, „wegen dauernd irgendsowelcher Engpässe mit Booten und so“, und irgendwann hatte Holgi „Pizza Wagenrad“ bestellt und ich „die vegetarische Pizza, aber bitte mit einmal extra Prosciutto“, haha, und beim Essen hielt ich es doch nicht mehr aus und platzte mit der Frage heraus, die mir seit Tagen auf den Nägeln brannte: „Jetzt sach aber mal, Holgi, wie ist das? Du bist jetzt zum HERRN gekommen? Wie das denn nun?„, worauf Holgi schmunzelte, gleichzeitig nickte und mit der Hand, in der er ein Tortendreieck Pizza hielt, abwehrend vor mir herumfuchtelte, „ja, nein, nur so gewissermaßen – ich mach jetzt so’n Gospel-Projekt…“, ich meine, ausgerechnet Holgi jetzt, die altgediente Bluesrock-Rampensau, „…aber nicht, wie du denkst, is mehr so…“ „Was?“ machte ich, und er sagte: „…so Art …Gangsta-Gospel„, worauf ich mich an meiner Pizza verschluckte, bis mir die Augen tränten, und ich muss ganz schön ungläubig ausgesehen haben, als ich sagte: „Nich im Ernst, jetzt, oder? Wie zur Hölle geht denn … Gangsta-Gospel?“, aber Holgi hatte schon wieder abgebissen und umpfte nur „Derbe Tekpfde, derbe Tekpfde…„. Was sollte ich sagen? – „Oh Lord, woud you send me a mp-three!“

 Holgi macht die Fliege

 „Aber du kannst doch nich den GANZEN TACH … fernsehen“, hatte ich zu Holgi gesagt, mehr verblüfft als mit medienpädagogischen Absichten, nachdem Holgi mir empört und kopfschüttelnd den schwachsinnigen Inhalt von tausendundeiner doofen RTL-Show wiedergegeben hatte, und „Nee…„, hatte er genickt, “ …mach ich ja auch viel nachts…“, was, glaube ich, nicht als Scherz gemeint war, und dann verriet er beiläufig: „Wir sitzen jetzt auch wieder an DEM FILM!“. Und zwar, Holgi hat nämlich mit Kumpels einen Spielfilm gedreht, eine Art Öko-Horror-Liebes-Dramödie, wo es um eine 1,70m große Stubenfliege geht, die von einem verrückten Wissenschaftler im Auftrag eines Generals als Killerinsekt entwickelt wurde, ein Prototyp der Drohne sozusagen, aber infolge eines Fehlschlags keinen diesbezgl. Instinkt entwickelt und stattdessen lieber Blumen pflückt und sich in ein Fräulein verliebt, aber die Eltern von ihr sind gegen die Verbindung, dann gibt es Verwicklungen, die Fliege soll getötet werden, mit so einem Spezial-Spray von dem Wissenschaftler, doch dann… – das Ende will ich mal nicht verraten. Holgi spielt, mit Strumpfhose, Gasmaske, Fühlerkappe und Pappdeckel-Flügeln, die Titelgestalt sehr engagiert, wenn nicht enragiert, Problem ist nur, der Film wurde schon Ende der 70er Jahre gedreht und seitdem, seit 35 Jahren, sitzen die Jungs nun an „Soundtrack und Post-Production“, wie Holgi mir darlegte, was ich zunächst, zugegeben, zwar rührend, aber auch total bescheuert fand, aber später, als wir zu Wein und Grappa übergegangen waren – „Nee, lass ma jetzt, KAFFE vertrag ich nich so viel“ hatte Holgi abgewehrt – schien mir die Idee immer plausibler und zum Schluss, gegen Abend, sogar schon irgendwie grandios. Man muss ja alles mit dem Originalmaterial machen, Nachdreh ist nicht – Holgi und ich zum Beispiel könnten heute gar keine Fliegen mehr, bestenfalls noch Hummeln mimen.

 

 

 

 

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Lob des „unter“. Wir sind alle camouflage

10. Dezember 2010

Winnie-der-Pu lebt im Wald unter dem Namen "Ed Sanders"...

 

„Es war einmal vor einiger Zeit, und diese Zeit ist schon lange, lange her, etwa letzten Freitag, als Winnie-der-Pu ganz allein unter dem Namen Sanders in einem Wald wohnte. („Was heißt ‚unter dem Namen’? fragte Christopher Robin. ‚Es heißt, dass er den Namen über der Tür in goldenen Buchstaben hatte und dass er darunter wohnte.’“)

Ich werde bestimmt nicht der erste sein, dem auffällt, dass Menschen ihr Leben, Weben, Wuseln und Sein immer gern „unter“ etwas betreiben. Manni würde wahnsinnig gern „unter einem Dach“ mit der blonden Gesine aus der Telefonzentrale verbringen und mit ihren Kurven „unter die Bettdecke“ schlüpfen. „Unter uns“ gesagt: Ich publiziere meinen Quatsch ja auch lieber „unter dem Namen“ von Bruno Kraska, und ich bin froh, dass nur wenige Auserwählte wissen, dass unter resp. hinter dieser Kunstfigur, einem ursprünglich halb-fiktiven tschechischen Seemann, eigentlich der banale Traurigkeitslehrer Dr. Arnold Winterseel sich verbirgt, den man „unter“ seiner E-mail-Adresse an der Universität suchen, wenn auch nicht unbedingt finden kann. – Das Kleid von Marilyn Monroe war hauteng, aber nicht eng genug, um darunter nicht noch bequem die Existenz von Mrs. Norma Jean Baker unterzubringen.  Unter dem Namen „Bob Dylan“ krächzt, hustet und röchelt sich ein stinknormaler Robert A. Zimmerman durch eine seit 50 Jahren nicht enden wollende Welttournee. Hans Gustav Bötticher, auch er ein Seemann und allzeit voller Vollmatrose, verbarg sich unter dem Namen „Joachim Ringelnatz“. „Unter“ lebt es sich offenbar commoder, un-molestierter und im Sinne einer öffentlichkeitsscheuen Freiraumwohnung unbeschwerter als unter seinem angestammten Klarnamen!

Unter dem Pflaster liegt der Strand, hieß es früher verheißungsvoll in Sponti-Kreisen. Nebbich, meist ist es umgekehrt: Unter dem spektakulären Palmenstrand residiert zumeist ein trivialer Kurtchen Müller, Wolfgang Meister oder Kevin Mustermann.

Unter dem Namen einer italienischen Pizzeria vermutet man dementsprechend, so auch ich, einen Giorgio, Fransesco, Luigi oder Mimmo. Man hat doch so seine gediegenen Vorstellungen von einem Italiener, oder? Modernes Weltwissen indes belehrt uns: Diese Vermutung geht neuerdings oft in die Irre. Das Italienertum ist markenrechtlich nicht geschützt. Die „besten Italiener der Stadt“ entpuppen sich bei näherer Nationalitäten-Analyse immer öfter als Ägypter, Pakistani, Bangladeshis oder Finno-Uiguren, die sich das gastronomische Italienertum nur geborgt, abgelauscht oder per Leasing-Vertrag gesichert haben. Man ist also nie sicher, Opfer der eigenen Vorurteile zu werden. So schrieb ich kürzlich übr die „Pizzeria Cavalli“, und ließ mich, angesichts der doch italo-affinen Pizza dort sogar zu Vermutungen hinreißen, es handele sich um einen besonders mafia-resisenten Original-Italiener.

Daß es sich dabei um eine Fehldeutung handelte (der Betreiber ist ungefähr so viel Italiener, wie ich tschechischer Seemann bin), ahnte ich bereits, als ich den Pizza-Virtuosen unverhofft nach spätabendlichem Feierabend in meiner serbischen Stammkneipe wiederfand, wo er sich ungerührt und mit befriedigter Miene, anstatt eigenproduzierter Pizza, allerhand Cevapcici, Rasnici und Slibovice in den Mund schüttete. „Moooment!“ schnarrte ich inquisitorisch, „Pizza-Mann! Was bist du denn jetzt? Du bist doch kein Original-Italo nicht!“ Nee, war er auch nicht, sondern, wie er nonchalant zugab, „binnich in die Wahrheit a Bosnier!“ Als Bosnier weiß er aber: „Wenn du treibst italienische Mitnahme-Pizza, muß du haben Italo-Flair, bisschen, verstehst.“ So, neue Vistenkarten, neuer Auftritt in Internetz, neue Speisekarte. Firmiert der lustige Bosniake jetzt nicht mehr unter „Pizzeria Cavalli“, sondern unter „Da Dino“. Dino is gut, kann ja sein alles rund um die Adria. Hat sich außer dem „unter“ was geändert? Glaub ich nicht; Pizza noch immer passabel bis beinahe gut. Nur das offensiv freimütige Bekenntnis, statt edlem  prosciutto lediglich und ausschließlich ekelhaften  „Formfleischvorderschinken“ auf den Hefefladen zu schmeißen, betrübt mich; diese lebensmitteltechnische Skandalösität unter dem Namen „gekochter Schinken“ feilzubieten, finde ich abstoßend.

Also jetzt: „Da Dino“. Pizza noch immer ganz gut, heiß, billig, würzig. Und junk sowieso. Da ich das hiesige Pidgin-Deutsch beherrsche, frage ich freundlich: „Na? Und? Wie Laden läuft gezz so?“ Der getarnte Bosniake wiederum beherrscht die Kunst, gleichzeitig die Schultern zu zucken, die Handflächen auszubreiten, zu nicken und resigniert mit dem Kopf zu schütteln, will heißen: Na ja, nicht ganz schlecht, aber könnte viel besser sein. (Red mit Balkan-Leuten übers Geschäft, es ist immer eine Katastrophe, selbst wenn sie mit goldenen Daimlern durchs Viertel fahren!) – „Aber, hier, Kraska, musst Du jetz  nicht gleich weiter erzählen, klar?“ Nee, klar, – was ich hiermit getan habe. Wir leben ja alle camouflage-mäßig im Unter-Grund. Hier ist niemand, was er zu sein scheint. Mir gefällt das, weil es meinem Hang zur Selbstmystifikation entgegen kommt. Sich täglich oder wöchentlich neu zu erfinden, gilt hier als respektabler Existenzmodus. Also kauf ich hier meine Pizza und tu so, als wär ich ein grundnaiver deutscher Depp. Kann nie schaden, unter fremden Label zu leben! Fake ist normal. Wer hat schon Lust, zu sein, was er ist? Bei so einem Langeweiler würd ich nicht essen gehen!

Pizza, Fußball & ägyptische Italiener

28. April 2010

Ägyptischer Pizza-Teller

Ungewöhnlich warmer Frühlingsabend heute. Es groovt greifbar. Im Viertel riecht es betäubend, teils nach gemähtem, teils nach gerauchten Gras; Grill-Schwaden mäandern, der Flieder duftet, desgleichen die Mädchen, die heuer wieder eminent gut gewachsen sind, Kopftuch hin oder her. Die Tamilen spielen Krickett im Park oder Volleyball im Hof; die von mir politisch unkorrekt so genannten. Reggae-Neger sind bereits alle auf der Straße und üben ihren hoch-musikalischen Gang. Cool running. Vor lauter berauschtem Vormichhinradeln und urbanem Atmosphärengenuß vergesse ich übers Patroullieren glatt, mein abendliches  Diätbreichen zu kochen, und, was schwerer wiegt, auch noch, daß heute der FC Bayern in Lyon spielt. – Oh, oh! Jetzt aber schnell! Hunger UND Eile!

Spontan, was so viel heißt, wie: in Panik, beschließe ich einen Diätbruch. Wenn schon Mangel an compliance, dann aber richtig, also Ferttich-Pizza! Aber wo jetzt, bei wem und welche? Die Frage bei uns in der Nachbarschaft lautet dabei konkret: Wer sind die besten Italiener? Die Inder, die Tamilen, die Pakistani, die Marrokkaner oder die Ägypter?

Ich entscheide nach oberflächlicher Sympathie: „Mimmo“ war ein berüchtigter Mafia-Killer, der am Ende wieder katholisch wurde und seine Auftragsmorde beweinte wie ein  kalabresisches Krokodil. Besser spät, als nie, oder? Also okay, va bene, Mimmo. Freilich, die Italiener, die hier in der „Pizzeria Mimmo“ rasch, effizient und präzise agieren, sind allesamt Pharaonen-Söhne. Im Lokal weht an die Wand genagelt die rot-weiß-schwarze Fahne.  Im Fernsehen läuft das Bayern-Spiel, übertragen vom Kairoer Fernsehen. Man sei, so erklärt mir Kemal mit charmantem Lächeln, zwar durchaus auch in der Lage, auch dem deutschen Kommentar zu folgen, fände aber den ägyptisch-arabischen spannender. Ich muß dem zustimmen: Wer einmal einen schon in der 8. Minute ultrahocherregten ägyptischen Kommentator hat „Sch’huua-wwh’ein-staige’rrrrrrch“ hat intonieren hören, dem ist selbst Marcel Reif bloß ein Schnarchsack.

Also eine mittlere Napoli mit Tonno und Kapern. Noch heiß und knusprig, als ich den DBVT-Stecker ins Notebook einstöpsele und Wein (weiterer Diätbruch, jetzt ist schon alles egal!) eingieße. Eine tadellose Pizza, stelle ich fest, während ich wohlwollend registriere, daß die Bayern inzwischen bereits 1:0 führen. Ein kritischer Gedanke, des Inhalts, daß Pizza ja nun wohl definitiv das langweiligste Thema der Welt ist, schießt mir durch den Kopf. Kann sein. Trotzdem, wenn er’s mal sein muß, will man wissen, wohin. Ich schlage vor: „Mimmo“.

Die ägypytischen Jungs sind multitasking-fähig: Sie können gleichzeitig auf arabisch ins Handy palavern, Fußball gucken, mit Kunden plaudern, kassieren und zudem anscheinend recht leckere Pizza backen. Ich bin nicht ganz sicher – hat Ägypten sich für die WM in Südafrika qualifiziert? (Ich glaube, schon…) Wenn ja – ein Fußball-Spiel guck ich auf jeden Fall in der „Pizzeria Mimmo“: Das bißchen Arabisch lern ich bis dahin!

Bayern siegt 3:0. Die Pizza ist vertilgt. Ein Rest Wein ist noch da. Der Tag endet befriedigend.

Chrash test dummy beim Pizza-Test

17. März 2010

Also, auf was für Quatsch man immer kommt, oder? In jungen Jahren kaprizierte ich mich zu meiner Unterhaltung gern darauf, vor Publikum völlig unhaltbare Thesen und Theorien aufzustellen, und zwar je unsinniger, desto leidenschaftlicher und apodiktischer vorgetragen. So posaunte ich beispielsweise einmal die empirisch sparsam untermauerte Behauptung in die Welt, je schäbiger, billiger, mieser, desolater, primitiver, elender und bastel-improvisierter eine Pizzeria aussähe, desto besser sei zumeist ihre Pizza in kulinarischer  Hinsicht. Dies gälte als Regel zumindest im Ruhrgebiet, basta! (Ist natürlich Quatsch mit Tomatensauce.)

Späterhin unterließ ich solche unreife Thesen-Huberei und schliff meine rhetorische Brillanz lieber an anderen Herausforderungen. – Neulich aber, beim ziellosen Herumkramen in meinem alten Kopf, entdeckte ich plötzlich, daß diese Hypothese anscheinend immer noch irgendwie bei mir herumspukte und allen bisherigen geistigen Frühjahrsputzaktionen zum Trotz auf meinem verstaubten Überzeugungsdachboden überwintert hatte. Das wird jetzt aber mal endgültig überprüft, sagte ich mir streng.

Gestern war es soweit. Ein Objekt hatte ich schon ausgemacht: Der, die oder das „Pizza Man“; ich passiere es fast täglich, denn es liegt am Eingang zu meinem Viertel, strategisch platziert am Schnittpunkt der Sex-Laufhäuser und Großbordell-Komplexe im Hochfelder Norden. Am Tor zu „Sin City“, wie meine Nachbarn von den Bandidos gern sagen. Ich schätze, so manches gepudertes Nutten-Näschen kräuselt sich hier im Vorbeilaufen lüstern angeruchs des lockstoffgetränkten Hefeteigdufts und denkt sich ( – was Näschen halt so denken!): „Ooch,  so eine kleine Handvoll Kohlehydrat schaufle ich mir mal lieber eben rein, bevor ich auf Schicht noch schlapp mache…“

Allerdings weiß ich von früher (– ich bin ja, wie einige wissen, hier von hiesigen Binnenschiffer-Nutten gefunden und aufgezogen worden… –), daß Sex-Arbeiterinnen in der Regel einen Hygiene-Pingeligkeits-Standard besitzen, an dem selbst meine Mutter nichts hätte aussetzen können, und so frage mich daher andererseits, ob je eines der Fräuleins freiwillig auch nur einen einzigen High Heel in diese Siffbude setzen würde. Sie machens bestimmt telefonisch. „Pizza Man“ ist nämlich der Bringer. Also Bringdienst.

So, jetzt ist es also schon fast heraus und ich sags mal mitleidlos knallhart: Liebe Freunde, Gott ist mein Zeuge! Eine fiesere, trübere, vermülltere, beängstigerende, deprimierendere, ja traumatisierendere Pizza-Bude als dieses von Tamilen betriebene indo-italische Kompostat sah ich noch nie von innen! Mein Immunsystem sprang förmlich im Dreieck, kaum hatte ich die Kaschemme gestern um 22.00 Uhr betreten. Am schmierigen Resopal-Tresen des 2qm-„Gastraumes“ hing eine (nur in der Höhe, nicht in der Breite) zwergwüchsige, ‚dunkelheutige’ (haha, Wortspiel-Teufel) Südasiatin und gab etwas von sich, was mich auf akuten, mit schweingrippisch-schleimreichem Auswurf verbundenen Keuchhusten tippen ließ. Hm.  Ich hätte das aufnehmen und an Sound-Designer verkaufen sollen.

Die optische Besonderheit der gekachelten, offenbar seit Jahren ungelüfteten, fettverußten Besucher-Nasszelle bestand indes darin, daß man hier, wie nirgends sonst in der Welt, Bakterien praktisch schon mit bloßem Auge erkennen konnte. Hier sind sie groß genug! Panisch tastete meine Hand nach dem Sagrotan-Desinfektionspray, doch das lag zuhause im Bad. Beim Versuch, mir gedanklich eine Pizza zusammenzustellen, funkte mir deshalb ein geheimes Alarmzentrum meines Gehirns schon ständig Fluchtimpulse dazwischen, Blaulicht! Blaulicht! Blaulicht!, bis ich es anherrschte: „Ist ja gut jetzt! Laß mich mal in Ruhe! Ich will hier den Helden spielen und im Selbstversuch eine Pizza probieren!“

Aus dem hinteren Kabuff, zwischen überquellenden Mülleimern und verklebten Tupperware-Kisten, die allerhand Organisches beherbergten, schlurfte ein beleibter Tamile herbei, der mich mit müden Augen musterte und ergeben meine Bestellung erwartete. Gemütvoll wischte er sich die Hände am fettfleckigen, schmutzstarrenden T-Shirt ab und machte sich dann an die Arbeit; zwischendurch, nachdem er kassiert und das Geld in eine Kasse gestopft hatte, fragte er irgendwas wie „oluppie?“ – und als ich meinen Olivenwunsch bestätigte, kratzte er sich kurz den Bauch, dann  den Schopf, schlurfte nach ganz hinten, lange mit der Hand in eine Tupperdose, kramte darin herum, um dann, die schwarzen Knödelchen in der Faust, zum Ofen zurück zu waten und sie dort auf die Pizza zu schmeißen. Ähnlich wurde mit Knoblauch verfahren. Ich schickte ein Stoßgebet zum Pizzagott, daß der Ofen heiß genug sein möge, die mutmaßlichen Riesenbakterien, Viren-Tiere sowie fibrösen Fibrillen (K. Valentin) halbwegs totzumachen, dann nahm ich die Pappsarg mit meiner Pizza in Empfang und schob ab nach Hause, den besagten Test durchzuführen.

Nach meiner überspannten Theorie hätte die Pizza wirklich grandios sein müssen! Leider, trotz großzügigem Einsatz von Geschmacksverstärkern, Antioxydationsmitteln und Ersatzaromen, war sie dies nicht. Auch meine nachträglichen privaten Doping-Ergänzungen, Kapern, Sardellen, Oregano usw., halfen dem Fladen nicht über die Unterer-Durchschnitt-Hürde. Kostenabrechnung: 1 mittelgroße Pizza mit 1 Zusatzbeilage (davon 1/3 tatsächlich gegessen): 5,00 Euro + 12 Stunden Diarrhoe. Nutzen: Einsicht. Nie mehr blödsinnige Theorien aufstellen. Schmuddel-Pizzerien meiden.

Analoge Überbackpampe

15. April 2009
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Immer beliebt: Käseanaloge Überbackpampe

NEUES AUS DER SURROGAT-KÜCHE

Wie mich eine kritische TV-Reportage jüngst erst informierte, ist es vorbei mit digital. Das Analoge kehrt zurück! Zumindest, sofern es sich um Käse handelt, jenes obskure Naturprodukt, das z. B. auf der Pizza seinen beliebten fädenziehend zähen, zuweilen auch matschigen, fettigen oder öligen Auftritt genoß oder aber in der sog. Systemgastronomie dazu diente, per Präventivschlag gegen die Verdauungsorgane als panzerfaustfeste, geschmacksstabil penetrante Überbackungskruste alles zu bedecken, zu vertuschen und scheinbar ungeschehen zu machen, was den Magen eines Durchschnittseuropäers verstimmen, irritieren oder explodieren lassen könnte. Dieses Material der Gnade hört in Fachkreisen auf den Namen „Gastronomiekäse“. In Großhandelsketten wie METRO kaufte der kostenbewußte Gastronom ihn säckeweise. 

Trotz seiner zuverlässig nivellierenden, schleimhautplanierenden und geschmacksknospenverpappenden Eigenschaften blieb das beliebte Streugut der Pizzabäcker leider dennoch das Sorgenkind der Gastro-Techniker. ( – Das sind so hornbrillentragende Leute in weißen Kitteln, die Dr. Oetker, Müller, Wagner oder Bauer heißen und den ganzen Tag Puddings verkosten, um Geschmacksrichtungen wie Quitte-Mango-Papaya oder Kiwi-Spargel-Mirabelle zu  kreieren, oder Enzyme erfinden, mit denen man Abfallfleisch aus der Abdeckerei zu wundervollen Filetschnitzeln zusammenkleistert. – Die Gastro-Techniker also verübelten dem Gastronomiekäse in erster Linie seine noch immer durchschimmernde Käse-Ähnlichkeit: eine gewisse entfernte Käsigkeit in Geschmack und Anmutung sowie die vorzeitige oxydative Polymerisation oder Verkohlungsneigung bei hohen Backtemperaturen, wie sie mit rund 400° C über dem Fließband der Industriepizza-Industrie nun einmal herrschen.  

So erfand das Kreativ-Team der Lebensmittelchemiewaffenabteilung ein gelblich-bleiches Granulat aus „gehärtetem Pflanzenfett“ – wir kennen das als Bestandteil von Schuhcreme, Seife und Billig-Schokolade –, Wasser, Eiweiß sowie einigen weiteren Bestandteilen des höheren Chemie-Baukastens, die an dieser Stelle ungenannt bleiben möchten. Dieses weitgehend geschmacksneutrale, temperaturstabile, preiswerte Material aber nennt man nun: Analog-Käse. Um wegen ihrer Pingeligkeit berüchtigte Kunden nicht mit Innovationen zu verschrecken, mischte man zunächst herkömmlichen Industrie-Käse mit dem Analog-Dreck und schrieb auf die Zehn-Kilo-Säcke: „Gastronomie-Mix“, stellte dann aber erleichtert fest, daß das Zeug auch gekauft wurde, wenn man die Verunreinigung durch aus Tiermilch hergestellten Käse ganz weg ließ. Blieb das Analoge, das hier also gar nicht anti-nomisch dem Digitalen das Terrain streitig macht,  sondern dem Echten, Wahren, Ursprünglichen. 

Ein herkömmlicher Edamer, Gauda oder Emmentaler verhält sich zu Analog-Käse (von dem in Deutschland pro Jahr 100.000 Tonnen verbraucht werden)  also nicht wie die Vinyl-Schallplatte zur CD, sondern, sagen wir mal, wie die traumschöne Essener Edelnutte Ilona zu einer schäbigen Gummipuppe von Beate Uhse. In beiden Fällen spekuliert man auf Konsumenten, die sich sagen: „Pöh! Solange der Preis stimmt, ist mir das bißchen Unterschied doch egal!“