Posted tagged ‘Integration’

Heiliges Deutschland

11. November 2011

Ich bin auch nicht Goethe.

Normalerweise, wenn ich allein bin und des nachts am iMac TV gucke, mache ich das still und unbewegten Gesichtes mit mir selber ab. Mir selbst gegenüber wahre ich in der Regel überhaupt ziemlich stoische Contenance, d. h. ich trage Schlafanzüge mit Bügelfalte, putze mir vor dem Lachen die Zähne und schnäuze mich, wenn überhaupt, in edle Batisttücher, die mein gesticktes Monogramm tragen. Selbst vor dem Spiegel betrachte ich mich grundsätzlich nur korrekt bekleidet, falls das jemanden interessiert. Wer mich als irre kichernden, haltlos wiehernden, vor hirnschwurbliger Besoffenheit schier schon fast sabbernden Hysteriker erleben will, der lauthals mit dem toten Medium Fernsehen redet, nun, der muss mich schon vor eine ganz, ganz besondere Sendung setzen. Eine solche Sendung, die mich in den Zustand komplett zurechnungsunfähiger Exaltiertheit versetzen vermag, ist die alljährliche Bambi-Preis-Verleihung der Burda-Medien-Mafia! Abgefahreneres gibt es im gesamten deutschen TV-Zoo nicht!

Erstmals komplett ausgetickt bin ich schon beim letzten Mal Gucken, als der Scientologen-Spinner und notorische Minderschauspieler Tom Cruise den „Bambi für Zivilcourage“ bekam, und wofür? Weil er den Hitler-Attentäter Graf Stauffenberg zu spielen gewagt hatte! Was für ein angstfreier Zivilcouragierter! Die Verwechslung von Spiel und Realität war damals derart zwingend, dass besagter US-Schauspieler irgendwann, nach einer langen, wirren, bekifften Rede, am Ende selber an seine Rolle glaubte und seine denkwürdige Burda-Bambi-Dankesrede mit den letzten Worten des Widerständlers endete: „Es lebe das Heilige Deutschland!“ Wie wahr! So würde ich das auch sagen. Das Heilige Deutschland!

Die Heilige Deutsche Burdarepublik besteht prima vista aus gefaketen Titten, toupierten Hohlköpfen sowie viel kalter Sülze mit Makeup. Der knallkrachkrasse Coup der „Preisbeschmeißerkreise“ (W. Röhl) war natürlich die Verleihung des „Bambi für Integration“ (!) an die deutsch-tunesische Türsteherfresse, den antisemitschen, antiamerikanischen Frauenhasser, Schwulen-Basher und rappenden Immobilienhändler Anis Mohamed Youssef Ferchichi, der sich „Bushido“ nennt, was insofern falsch ist, weil es übersetzt gar nicht „Der Weg des Arschlochs“ bedeutet. Selbstredend ist das ganze Geddo-Gangsta-Getue ebenfalls nur fake, das Gepluster von Catchern, Kirmes-Boxern und Schiffsschaukelbremsern. In seinem Dankesgestammel beschwor das Großmäulchen seine Mutti, die bezeugen könne, dass er ein „guter Junge“ sei. Darauf einen alkfreien Schnaps!

 PS: Den Bambi für Selbstreflexion bekam die Schauspielerin Veronika Ferres für ihren Satz: „Ich bin nicht Goethe“. 

Advertisements

Theologie im Kinderzimmer (Frag den Hodscha)

23. Juni 2011

Schmeißt Allah mit Büchern? (Foto-Quelle: Wikimedia Commons)

Freitags, da mach ich immer allgemeine Fragestunde. Mirko, mein serbo-deutscher Nachhilfeschüler darf fragen, was er will. „Auch über dich, Lehrrärr?“„Klar!“ – „Also ch’ab ich Frage: Warum bistu nich Muslim, Lehrrärr?“ Darüber haben wir nun schon tausendundeinmal gesprochen, aber es will einfach nicht in den kleinen kurz geschorenen Quadratschädel, weil, der Hodscha hat gesagt, ein Muslim weiß alles, was man wissen muss, und da ich in Mirkos Augen jemand bin, der nahezu alles weiß (sogar die Geheimnisse achtjähriger Knaben), muss ich in seinen Augen logischerweise auch Muslim sein. Eigentlich spreche ich nicht gern über Religion, um keine Verwirrung zu stiften, aber Mirko hat einen ähnlichen theologischen Forscherdrang wie ich mit acht Jahren. Er lässt nicht locker, denn er sorgt sich um mich: „Aberr wie kannstu nich an Allah glauben! Denn tuter dich mit Blitze verschmettern!“ Ich erkläre ihm, dass der Hodscha, von dem er das hat, vielleicht was falsch verstanden haben müsse, denn da hätte Allah ja wohl allerhand zu gewittern, weil nämlich ein paar Milliarden Menschen nicht an ihn glauben.

Mirko lässt sich erstmal aufmalen, wie viel Nullen eine Milliarde hat und macht große Augen. Da der Hodscha anscheinend nicht viel auf dem Kasten hat, übernehme ich widerstrebend den Religionsunterricht. „Weißt du denn überhaupt“, fragt also der jovial-liberale Toleranz-Onkel Kraska, „wie der Koran entstanden ist?“ Mirko nickt selbstgewiss: „Is von Himmel geregnet auf ersten Mann, wo geboren wurde, wie heißt noch?“ „Adam“, souffliere ich und bohre nach: „Wie jetzt? Allah hat den ersten Menschen mit Büchern beschmissen?“ Mirko muss  grinsen, weil er die Vorstellung auch ein bisschen lustig findet, nickt dann aber ernsthaft: „Hmm, aber nur mit die gelb-roten!“ (Beim ihm zuhause steht die „offizielle“ Koran-Prachtausgabe in Rot und Gold auf dem Wohnzimmerbuffet.) – Also gut, erzähle ich dem jungen Mann mal vom Propheten Mohammed (hat er noch nie gehört – in der Sonntagsschule von diesem Hodscha möchte ich ja mal Mäuschen spielen!), von Mekka und Medina, vom Erzengel Gabriel und von der Entstehung des Koran. (Im Stillen schüttle ich über mich selbst den Kopf: Hab ich jetzt hier Koran-Schule, oder was?)

Mirko möchte wissen, ob Mohammed in Serbien wohnt. „Eher nicht“, erkläre ich, „der ist seit mehr als dreizehnhundert Jahren tot.“ – „Der hats gut!“ murmelt mein Koran-Schüler. „Wie bitte?“, ich fasse es nicht. „Möcht ich auch gern, gestorben haben...“ träumt Mirko weiter, der momentan nämlich lieber tot wäre, weil er ewig Stress mit Papa und Mama hat, die Geschwister doof sind und die Mitschüler ihn immer schubsen. Doch dann gewinnt sein theologisches Interesse wieder oberhand: „Lehrrärr, ch’ab ich noch Frage: Kann Gott auch sterben?“ Ich wechsle einen kurzen Blick mit dem Nietzsche-Porträt bei mir an der Wand und antworte ausweichend: „Na, das darfst du gerade MICH nicht fragen…“„Aber Lehrrärr, du hast gesagt, ich darf ALLES fragen!“ protestiert er empört. – „Schon, sicher, aber da ich nicht an Gott glaube, kann er für mich doch auch nicht sterben…

Mirko ist kreuzunglücklich und insistiert: „Lehrrärr, wie kannstu nich an Gott glauben, wo hat dich doch gemacht!?“ Ich bestreite das: „Also, mich haben meine Eltern gemacht…“ Mirko weiß zwar noch nicht genau, wie Kinder entstehen, aber dass es etwas mit Vater und Mutter zu tun hat, scheint ihm plausibel. Ich setze nach, weil ich der Versuchung nun doch nicht widerstehen kann, einen zarten Keim des Zweifels ins fromme Kinderherz zu pflanzen: „Schau, du hast gesagt, Adam war der erste Mensch, wo, äh, ich meine, DER geboren wurde?“ Er nickt. „Und wer hat ihn geboren?“ „Is von seine Mutter geboren“ läuft mein Disputpartner prompt in die Falle. „Aha!“ triumphiere ich.

Miko grübelt, aber dann fällt ihm ein, dass es noch ein anderes Gebiet gibt, das ihn brennend interessiert: „Lehrrärr, wie kriegt man Babies?“ – Da ich mir nicht sicher bin, ob sich mein Lehrauftrag auch auf Sexualkunde erstreckt, antworte ich knapp: „Indem man grüne Erbsen isst.“ Mirko ist begeistert. „Stimmt nicht!“ jubelt er, „Gar nicht! Ch’ab ich gleich gemerkt! Du willst mich Scherz machen!“ –  Ich zuck die Schultern: „Dann frag doch deinen Hodscha!“ – Jetzt bin ich mal gespannt…

Peinlichkeit. Religiöser Zwiespalt

14. Juni 2011

Honneckerin der Evangelen: Hodscha Käßmann

Was mir zu denken gibt: Heute habe ich meinem achtjährigen serbischen Nachhilfeschüler Mirko, der, soweit er weiß, Muslim ist, weil es a) zuhause kein Schweinefleisch gibt und er b) jeden Sonntag zum Hodscha geschickt wird, um den Qu’ran (immerhin auf serbisch, nicht auf arabisch!) auswendig zu lernen, eine Geschichte von Janosch vorgelesen, in der zwei dumme Brüder vorkommen, die „den ganzen Tag in der Kneipe sitzen und den Mädchen nachpfeifen“. – „Äh. Lehrrärr“, sagt Mirko, „ch’ab ich Frage, darf ich?“ – „Klar! Nur zu….“ – „Ahrrmm, äh, … sind Brüder … Muslime?“ – Ich, vorbildlich neutral, antworte, dass Janosch, der Autor, meines Wissens katholisch (und das heißt: schlimm!) erzogener deutscher Pole sei, der inzwischen auf Teneriffa lebe, Atheist sei und Muslime wahrscheinlich gar nicht kenne. – Mirko, als Kneipenwirtssohn nicht gänzlich ohne Lebenserfahrung, macht ein skeptisches Gesicht. Ich seh es ihm an: Er glaubt, Janosch kennt die Muslime DOCH!

Mirko kann übrigens auch einfach nicht glauben, dass ich kein Muslim bin. Das will ihm nicht in den kurz geschorenen Quadratschädel. „Weiß ich schon, gibt auch Ch’christ und so, aber…“ … Aber in seinen ehrfürchtigen Kinder-Augen weiß sein Lehrrärr praktisch alles – ich kenne sogar die bestgehütetsten Geheimnisse achtjähriger Buben! –, und „ein-Mann-der-alles-weiß“ ist für ihn praktisch definitionsgemäß gleichbedeutend mit einem Muslim. So lehrt es der Hodscha. Allerdings und andererseits: „Gibt Kinder wo hassen richtich den Hodscha“, fügt Mirko nachdenklich hinzu. – Ich: „Wieso denn das?“ – Er:  „Weil haut Kinder an der Kopf und sss’wiebelt immer so an die Ohren, wenn nich gut gelernt Qu’ran!“ Letztlich bloß  gut, dass ich „Ungläublicher“ bin, weil vor Christen hat Mirko, obwohl er „Atheist“ für ein schlimmes Schimpfwort hält, schlimmer als „Hurensohn“ jedenfalls,  nämlich noch mehr Bammel. Die essen nicht nur Schwein, sondern auch ihren Herrgott und trinken sein Blut. Voll eklig!

Und dabei kennt er Gottes Nervensäge noch nicht, die achte & echte ägyptische Plage, den Weib gewordenen Zorn Gottes, die zwischenmenschliche Posaune von Hannover, die penetranteste Betschwester und unsäglichste seiner Post-Apostelinnen: Frau Margot Käßmann! –  Natürlich erzähle ich Mirko nicht von ihr, denn ich will ihm keinen Schrecken einjagen oder seine unschuldigen Kindernächte mit Alpträumen belasten! Klar, ich könnte ihm drohen: Wenn du bei mir nicht gut lesen, schreiben und rechnen lernst, holt dich die schwarze Frau Käßman! Sie wird dich armen beschnittenen Muslim-Knaben solange umarmen, küssen, mit Dialogen überschütten und dich mit klebrig-süßem Gesabbel vollschleimen, bis du an Erbrochenem erstickst!

Margot K., die approbierte Honneckerin der Evangelen, Star der Kirchentage und eine der beliebtesten Deutschen überhaupt, ist eine herausragende Strategin der Geopolitik. Vor allem ist sie Afghanistan-Expertin. Mit den Taliban etwa, empfiehlt Frau Käßmann unermüdlich, als protestantische Kaltmamsell Knall auf Fall auf jedem Podium hockend, müsse man „gemeinsam beten, anstatt sie zu bombardieren“. Überhaupt sei Krieg immer ganz böse, und wenn schon mal ein Feind begegnete, solle man diesen durch Küssen, Backe-Hinhalten und Vollschleimen erledigen! Zu diesem debilen Schwachsinn bleckt sie die überkronten Pferdezähne, grinst keck unter ihrem flotten Pony hervor und freut sich diebisch, dass man sie bei ihrem Geschwafel auch noch beflissen noch abfilmt.

Zum Glück fragt mich Mirko nicht nach Frau Käßmann. Was sollte ich als ehrlicher Mensch antworten? Dass die Deutschen frenetisch eine dusslige Kuh verehren, eine Art weiblichen Hodscha, der/die wegen Trunkenheitsfahrt ihren Job verlor und seither als bewunderte Demonstrativ-Bußfertige ein um das andere Mal alle drei Monate ein besinnliches  Schwafelbuch veröffentlicht, peinlichsten Unfug redet (mit oder ohne Alkohol), und penetrant ihre trotz mittelalterlicher Ideologie ostentativ zelebrierte „Modernität“ zur Schau stellt, um unsere Ohren zu zwiebeln? Soll ich denn den Knaben an jeder Integration hindern?

Als ein offensichtlich atheistischer Reporter Frau Käßmann fragte, was sie denn mit ihrem billigen Hurra-Pazifismus über das Ende der Hitlerei denke, und dass sie ohne die Opfer der Alliierten ihren Scheiß wohl kaum frei verbreiten könnte, grinste sie saublöd in die Kamera und patzte pampig: „Ach, da sag ich nichts zu, Sie schreiben ja doch, was sie wollen…!“ – und stöckelte modern, aber unbelehrt, schnippisch davon. – Jetzt zittere ich vor dem Tag, an dem Mirko mich fragt, was eigentlich „Peinlichkeit“ bedeutet. Da ich der Mann bin, der alles weiß, werd ich ihm antworten müssen. Oder soll ich sagen: „Frag doch deinen Hodscha!“?  

Noch schwerer wäre freilich die Frage zu beantworten, warum ich es von Herzen gern hätte, wenn Frau Käßmann direkt nach Afghanistan flöge, um dort „mit den Taliban zu beten“. DAS würde ich wirklich ZU GERN sehen, vallah…!

Inländer, heimatlos beim Weltuntergang

25. Mai 2011

"Da hörsse dich selpz deine eichne Sprache...!"

Samstag, 21. Mai. Wir hockten klamm beim Sportrentner Horst im dicke mit Schrankwand, Lederpolsterlandschaft und Flachbild vollgemachten Wohnzimmer und fremdelten. Seit Branko seine Kneipe an die bulgaro-türkische Mafia verscheuert hat, haben wir nämlich kein Heim mehr. Wir (zwei Griechisch-Orthodoxe, ein Russisch-Orthodoxer – glaubt er jedenfalls, weil er sich anders bekreuzigt als „die Griechen“ –, ein Atheist, ein Agnostiker und ein Quoten-Muslim, der aber „mit Religion nicht so viel am Hut hat“ – nuckelten am Diebels, guckten DFB-Pokalfinale und warteten auf den errechneten Weltuntergang. Von uns wurde natürlich niemand „entrückt“. Und untergegangen ist bloß der MSV Duisburg. Es war ganz furchtbar, obwohl Sportrentner Horst extra Buffet gemacht hatte mit Würstchen, Frikadellen und Nudelsalat, lecker Gürkchen auch dabei.

Es stand schon 5:0 für Schalke und wir waren eher ver-, als entrückt geworden, da schellte es und der verwitwete Ex-Hausbesorger Pitti schneite noch in die Runde (zwei Serben, ein Albaner, ein Mazedonier, ein Türke und zwei Deutsche), die gerade diskutierten, ob man nicht „alle Ausländer aus dem MSV rausschschmeißen“ sollte. Pitti sieht aus wie ein Trauer-Schlumpf, königsblaue Nase vom Kummer-Bier und schlohweißes Haupthaar vor Trauer; er ist der gegenwärtige Hauptvertreter der Duisburger Schule des Stoizismus (Maxime: „Watt willze machen? Da kannzze nix machen!“ – Was soll man zum Krebstod der Frau, mit der man 45 Jahre verheiratet war, auch weiter sagen?).

Speziell die Ausländer unter uns waren aus Frust extrem ausländerfeindlicher Stimmung. Als nach dem Spiel der Schalker Christoph Metzelder interviewt wurde und außer Atem etwas nuschelte, schollerte und bollerte, brüllte Vlado, der Mazedonier, der, obgleich seit 30 Jahren in Deutschland, die hiesige Landessprache nur rudimentär beherrscht, in den Fernseher: „Spreche maa deutsch, du Arscheloch!“, was unter den noch nicht-komatösen Stammtischlern für gewisse Erheiterung sorgte.

Pitti aber, durch bereits aushäusig stattgehabten Alkoholgenuss der vielleicht einzige „Entrückte“ unter uns, erzählte ein ums andere Mal, die lieben Knopfaugen weit aufgerissen, von dem Wunderding von Hörgerät, das „dem Arzt“ ihm verschrieben hätte. „Ey, datt glaubzze nich, da hörsse dich selpz deine eichne Sprache“, schwärmte er verträumt, „datt geht so per Funk von den einen Ohr an datt annere!“ Dass ich laut aufglucksen musste, verstand keiner, ebenso wenig wie meine kichernd hervorgebrachte Frage, ob der Funk jetzt um den Kopf herum oder quer hindurchginge, irgendeine Resonanz fand. Natürlich trägt Pitti das Hörgerät nicht, weil, bei 2000,00 Euro Selbstbeteiligung ist das einfach zu teuer, um benutzt zu werden.

Mangels Hörgerät hatte er aber auch wiederum gar nicht mitbekommen, dass das Spiel schon zu Ende und die Welt bereits untergegangen war. Mir aber, dem aus verschiedenen Gründen (MSV, Religion, Alltagsrassismus, Wein) melancholisch gewordenem Volksmagister wurde die Welt schon wieder zu Gleichnis. Man stelle sich vor, es gibt Funk, aber zwischen dem einen und dem anderen Ohr … ist nichts, geht keiner hin, ist bloß weißes Rauschen. Endlich kann man sich hören – und dann stellt man gerade deswegen fest, zwischen den eigenen Ohren herrscht Funkstille, Verstummung, Schweigen. Nobody at home. Das weiße Rauschen, das schwarze Loch, zu groß, um es mit Bier und Schnaps zu füllen. „Isch geh denn gezz ma“ beschied Pitti der Runde würdevoll, „ich krich noch’n Anruf“. Wir protestieren höflich und denken im Stillen: „Ja klar, sicher doch, Hauptsache, du hörst den dann auch….“

Na ja, egal, Fazit ist – in der Welt wie im Geddo: Wir sind es, die HIER BLEIBEN müssen! Scheiß Propheten… – Das Pokaldebakel war dann überraschend rasch vergessen. Milos und Nikolaj bemühten sich, mir komplett Ungläubigen beizubringen, wie man sich korrekt russisch- bzw. griechisch-orthodox bekreuzigt. „Proffesser“, wachte Bogdan, der chronisch übermüdete Bosnier, der es als Baupolier wissen muss, kurz auf, „Professerweißt du, warum euer Jesus bei die Bosnier nich gekreuzigt worden wär?“ Nö, wusste ich nicht. „No, überlech maa, Professer – Nägel aus Eisen! Wärn doch längs alle  geklaut!“  – Treuherzig, wenn auch unmotiviert, erklärt mir der Mazedonier Vlado, „…und deswegen hass ich die Griechen!“ – „Wieso“, frage ich, „das sind doch eure Nachbarn?“ — „Eben“, schmunzelt Vlado gütig, „eben!

Allahs Wunder (hat untergeschrieben)

17. April 2011

SPRACHE ABER AUCH!

Wer wie ich noch in der frühen Goethe-Zeit aufgewachsen ist, muss sich, wenn er ins Ruhrgebiet zieht, eh auf einen gewissen Sprachabstieg einstellen; wer sich dann noch darauf kapriziert, im Geddo zu wohnen, lernt zudem, das Deutsche mit anderen Augen zu sehen. „Ich musste heute nich bei Schule gehen“, erzählt Nachhilfeschüler Milan. „Zu der …“ korrigiere ich milde. „Nee,–  zu is der nich…“,  druckst Milan, „war ich bloß Verwarnung, ein Tag, durft ich nich bei Schule“. „Wie jetzt? Heißt das, du bist vom Unterricht ausgeschlossen worden?“ Milan überdenkt die Frage gründlich und nickt dann betont vage. Ich ziehe die Brauen hoch und durchbohre ihn mit dem strengsten Blick, den ich über die Lesebrille schießen kann. „Mach nich so, Lehrer!“ jammert mein sensibles Erziehungsobjekt sofort los, „bitte! Nich wieder so Gesicht!“ 

Im Verhör macht der Beschuldigte dann folgende Angaben: Natürlich kann er, wie immer, „nix für“, ist „voll übel abgepetzt“ worden, und zwar „wegen bisschen Schubsn“. Ich unterdrücke den Gedanken, warum eigentlich ausgerechnet er immer so blöd ist, sich erwischen zu lassen und frage stattdessen ahnungsvoll: „Und das war alles, nur Schubsen?“ Milan schenkt mir seinen treuesten Dackelblick: „Schau, Lehrer… war auch noch … wegen Zettel, aber weiß ich auch nicht, ich schwör…“ Da ich mich mit der Trickser-Psychologie meines Wunderknaben schon auskenne, schließ ich messerscharf: „Du hast einen schriftlichen Verweis von der Schule bekommen und ihn mal wieder verschwinden lassen?“ –„War gar nicht verschwindet“, wehrt der Knabe, in seiner Ehre gekränkt, empört ab, „hab ich bei Schule beigehabt! In Tournister“ – „Ja und?“ – Hinter der kleinen, noch fast durchsichtigen Denkerstirn arbeitet es schwer. Wie soll man einem begriffsstutzigen Erwachsenen ein Wunder erklären? „Schau, Lehrer, war Verweisungszettel schon untergeschrieben… von meim Vater“. – „Aber dein Vater war doch die letzten Tage gar nicht da!?“ –  Stumm wartet er ab, bis bei mir der Groschen fällt.

„Nein!“, ich versuche nicht zu grinsen, sondern das Gesicht eines für Kapitalverbrechen zuständigen Hauptkommissars zu machen, „ – du hast doch nicht etwa?“ Milan errötet, zieht einen Flunsch und drückt sich doch tatsächlich ein paar dicke Tränchen in die Augen. Eigentlich will er später „Autorennenfahrer in Form eins“ oder aber, man höre und staune, „so Kunststeller“ werden „mit Buntstifte und so“, aber wahrscheinlich reüssiert er eher mal als Charakter-Schauspieler. Über sein grundehrliches Kindergesicht gespenstern in rascher Folge Verzweiflung, gelindes Staunen und perfekt gespielte Unschuld: „War Vater eben auf einmal untergeschrieben auf Zettel, weiß ich auch nich, wer da gemacht!“ Eines der seltenen Wunder Allahs, schätz ich. „Kann es sein, dass du es vielleicht selber warst, der da unterschrieben hat?“ frage ich sanft.

Jetzt ist seine Verblüffung echt und grenzenlos: „Lehrer! Wie weißt du schon wieder?! War doch voll Geheimnis!

Ich überdenke still meine pädagogischen Qualifikationen. Als Charakter-Bildner bin ich offenbar ein Versager – aber wenn ein Achtjähriger, für den „6 x 6“ eisern „zwölf“ ergibt und der schreibt wie eine gesengte Sau, sich schon imstande sieht, die Unterschrift seines Vaters zu fälschen, kann die Nachhilfe ja auch nicht völlig umsonst gewesen sein. Vielleicht bewerb ich mich mal bei Schule.

Dem Führer wird es zu blöd. Nix Anpassung

17. April 2011

Reden, wie der Schnabel gewachsen ist

Heute in der serbischen Stammkneipe. Komme wie immer zu spät, hab die ersten Runden Diebels oder Warsteiner verpasst. Am Stammtisch ist Schalke gegen Milano schon durch, es herrscht bereits Religionskrieg. Oh, Allah, dicke Lufthoheit! „Bismallah ah-Rahman i-rahim“, sage ich höflich, klopfe auf den Tisch und grüße brav „Selam-aleikum“. Ich bin halt so erzogen. Immer höflich, kommt von Mutti. Sportrentner Horst ist aber schon auf höchster Krakeelstufe. „Aaaannn-passsn solln die sich! Aannpass-ssen!“ – „Wer denn? Was denn jetzt? Woran denn?“ versuche ich die Tagesordnung zu eruieren. „Na, die scheiß Türken!“ brüllt Horst, und zeigt erbittert auf seinen serbisch-montenegrinischen Herzensfreund Branko. Wie sich nach einigen Gläsern Wein (vino bjelo), mit denen ich mich einzugrooven versuche, herausstellt, Horst möchte gern, dass unsere Muslime hier Schweinefleisch essen, „weil das numaa unsre Regeln sind“, greint er pampig. – „Horst“, rüge ich milde, „du bist doch noch nicht mal Christ! Also blas hier die Backen nicht so auf!“ – „Anpassen oder rausschmeißen!“ insistiert der Sportrentner bockig, der eigentlich, nüchtern, ein herzensguter Mensch ist und noch nicht mal wirklich Ausländerfeind. Der Alkohol hat ihm irgendwie die Koordinaten verknotet.

 Horst stiert mich wütend an und versetzt: „Proff! Du hast von nix ne Ahnung!“ Ich schlucke das zunächst, wie alles, was man mir in dieser Kneipe vorsetzt (obwohl ich bei selbstgebranntem, mit dem Bus aus der Heimat [„Ch’aimath“] hergeschmuggelten Slibo inzwischen mädchenhaft zimperlich geworden bin). Eigentlich hatte ich die Chancen des MSV Duisburg beim Pokal-Endspiel diskutieren wollen, aber hilft nichts, der Integrationsmagister ist jetzt gefragt.

Ich formuliere ein paar wohlgesetzte Worte über religiöse Toleranz, werde aber von Horst direkt volley niedergebrüllt. „Der Türke“, beharrt er und macht eine weit ausholende Geste in Richtung der überwiegend serbisch-orthodoxen oder bosnisch-liberalmuslimischen Gäste, „der Türke“ sei ein „Sozialschmarotzer“. Und seine besondere Dreistigkeit sei, kein Schweinefleisch zu essen, obwohl er sich vom deutschen Staat durchfüttern ließe. Ich gebe zu, über diese logische Komplikation einen Moment lang nachgedacht zu haben, gab dann aber zu Protokoll, mir persönlich sei es völlig gleichgültig, was ein Mensch äße oder nicht; ich zum Beispiel verschmähte geröstete Kakerlaken und gegrillte Meerschweinchen, hielte mich deswegen aber nicht gleich für einen besseren Menschen. Zum Beispiel möge ich auch keinen Spinat, würde aber von niemandem verlangen, meine Abneigung gegen dieses köstliche, vitaminreiche Blattgemüse zu teilen. Geschweige denn, dass ich darauf eine Religion gründen möchte.

 „Außerdem: Was haben wir denn davon“, versuche ich es mit der gewaltfreien Kraft des Arguments (Habermas), „wenn der Türke jetzt Schweinefleisch isst?“„… unn die ganzen Zigeuner!“ trumpft der Sportrentner auf und gerät in Rage. „Alle rausschmeißen!“ – Ich gebe, um die Redundanz des Diskurses durch Bildungselemente aufzulockern, zu bedenken, dass diese Leute meines Wissens weder Muslime seien noch Schweinefleisch verschmähten. „Anpassn!“ beharrt Horst, „oder ehm raus hier!“ – „Wie denn anpassen, alter Mann“, frage ich, langsam etwas auf Krawall gebürstet, den Schweinefleisch-Fundamentalisten, „solln die sich auch die Haare blondieren wie du?“ – Nebenbei fällt mir auf, wenn der Sportrentner sich die Fusselfrisur schwarz färben würde, hätte er frappierende Ähnlichkeit mit Muammar al-Gaddafi, und ich kann mir nicht verkneifen, ihm (also Horst) das mitzuteilen.

 Weil man am Stammtisch deshalb nun auch lebhaft über „Egüppten“  und „Lübien“ redet und dabei Mubarak und Gaddafi ständig verwechselt, mache ich zur Güte den Vorschlag, nach 22.00 Uhr am Stammtisch evtl. die Sachgebiete Religion und Politik besser auszuklammern, vergeblich natürlich, weil, man hält mich als „Prof“, „Magister“ und „Lehrer“ zwar in gewissen Ehren, hört mir aber trotzdem nicht zu. Im Gegenteil, nach dem 20. Bier schlingert Horsts Blick ins Visionäre. „Ich grünne ne Paatei!“ verkündet er der vorwiegend aus „Ausländern“ bestehenden Runde charismatisch, fixiert mich dann plötzlich mit verliebtem Blick und donnert: „Unn du, Proff, wirst unser Führer!“ – „Horst“, repliziere ich maliziös, „ich glaube, die Partei, die dir vorschwebt, gibt es schon“, und ergänze, ich sei indes weder geneigt, deren „Führer“ noch auch der irgendeiner anderen Partei werden zu wollen und mache mich dann auf den kurzen Heimweg, was ich mit einem knappen, aber konzisen „Das wird mir jetzt zu blöd hier!“ begründe.

Freund Branko, der in Erfüllung seiner Wirts-Pflicht, stumm brütend dabeigesessen hat, macht eine halb bedauernde, halb resignierte Geste. Seine Form von Islam ist von der fatalistischen Sorte und besteht im wesentlichen darin, seine Kinder sonntags zum Hodscha zu schicken, „damit die da Anstand kriegen“. –

Der Sportrentner aber hat das letzte Wort: „Typisch den Proff, eyh. Wennas ma kons… kons…trucktief wird, hauter ab!“

Krise, stimmungsaufhellend (Humorkritik)

14. April 2011

Könnte bei Krise sein (Quelle: DieZeit-online-wissen)

Mal kurz Werbung, nur EIN Spot, bleibense dran! – Zu den Blogs, die ich praktisch beinahe allmorgendlich beim Kaffee anklicke – und enttäuscht bin, wenn da nichts Neues steht – gehört seit ein paar Wochen der von Frl. Krise (siehe meine Blog Roll). Obwohl sie fast täglich Haarsträubendes, Hirnschwurbelndes und Niederschmetterndes zu berichten weiß, ist die Wirkung seltsam stimmungsaufhellend. Ich weiß gar nicht genau, warum, denn Fräulein Krise hat einen der härtesten, Nerven aufreibendsten und mies krassesten Jobs, der hierzulande zu vergeben ist: Sie ist Lehrerin, ich glaub für Deutsch, Kunst, Biologie und noch allerhand Diverses, irgendwo in einer norddeutschen Geddo-Gesamtschule. Frl. Krise beherrscht, weil es in der Klasse auch zwei deutsch behintergründete Schüler gibt,  Hoch- und Geddo-Deutsch gleichermaßen fließend – vor allem aber beherrscht sie sich selbst, was angesichts ihrer Schülerschaft bereits eine Höchstleistung darstellt. Statt sich nämlich wegen burn-out mal recht rasch frühpensionieren zu lassen, radelt Frl. Krise tapfer Tag für Tag im Hamsterrad zur Schule, um stoisch und cool daran zu arbeiten, ganze Ozeane von Bildungsferne mit dem Teelöffel trocken zu legen.

Aber das Ungewöhnlichste an Frl. Krise – immerhin, wie gesagt, Lehrerin: Sie hat Humor, verfügt über staubtrockenen Witz, milden Sarkasmus und viel Selbstironie, von Charme und Herzensbildung ganz abgesehen. Mit dieser Ausrüstung begabt, gießt sie ihr täglich trocken Brot in kleine Förmchen, will sagen entzückende Petitessen, feingestrickte Miniaturen und erheiternde Stimmungssammelbildchen aus dem absurden Alltag eines Bildungssystem, das, wenn sonst schon nichts, dann immerhin zu wünschen übrig lässt. Ganz manchmal bekommt sie in ihrem Knochenjob sogar Anerkennung von ihren Schülern, das hört sich dann so an: „Frl. Krise, Sie sind voll unsere Ghettolehrerin, VOLL SÜSS, ich schwöre! Vallah!“ Man kann auch sagen: Frl. Krise ist das lebendige Beispiel dafür, das Thilo Sarrazin selbst da, wo er mal ein bisschen Recht hat, eigentlich immer noch völlig ahnungslos bleibt.

Ich bin elhamdulillah kein Lehrer, jedenfalls nicht für Kinder, aber als nebengewerblicher (ha! schön wär’s!) bzw. freiwilliger Integrationsmagister mit der mirakulösen Mentalität und dem sprachlichen Groove von  Kids im Geddo vertraut, daher weiß ich: Frl. Krise hats zu hundert Prozent drauf. Ihr im täglichen Straßen-, quatsch, Schulkampf gehärteter Stil ist dabei ökonomisch, d. h. lakonisch, sparsam, schnörkellos. Ihre Kurzprosa kann auch genießen, wer bei längeren Texten Probleme hat und wie ihr Schüler Emre sonst schnell sagt: „Lass ma Schluss machen, mein Gehirn wackelt schon!

Ich glaube, ihr Blog braucht im Grunde keine Werbung. Frl. Krise wird viel gelesen, nur, so scheint mir bei Durchsicht der Kommentare, vor allem von leidgenössischen Kolleginnen und Kollegen, denn die Bemerkungen zu ihren Texten sind zu ca. 85% humorfrei und ironieresistent. – Deshalb sollten auch mal nicht-pädagogische Freunde subtilen Humors bei Frl. Krise in der Klasse vorbeischauen. Ihre Schüler tun das ja auch, wenigstens gelegentlich.