Archiv für Juli 2009

Als Osten jung und schön war und eine rauchige Stimme besaß

31. Juli 2009
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Doris Treitz alias "Alexandra" (1942-1969)

Mein Favoriten zu dieser Zeit waren Jimi Hendrix, die Rolling Stones, Ten Years After oder Psychodelisches wie Vanilla Fudge, dann Cream, Blind Faith oder Juli Driscoll, Bob Dylan, David Bowie und Carlos Santana, Alice Cooper und Thin Lizzy, Eric Burdon, The Fugs, Chikago Transit Authority, The Doors und Edgar Braughton Band. Gehörte damals alles zum straight stuff, und war das Gegenteil von Mädchenmusik (Beatles, Melanie, Joan Baez, Donovan, etc.) Zur deutschen Schlagerszene unterhielt ich keine Kontakte, höchstens zur deutschen Schlägerszene (Rocker).

 Trotzdem machte mich dieser Tod betroffen: Am 31. Juli 1969, vor vierzig Jahren also, fährt ein elfenbeinfarbener Mercedes 220 SE mit Münchner Kennzeichen über die Landesstraße 149 bei Tellingstedt, Nordfriesland, und stößt, unter Missachtung des Stopp-Zeichens, in die Kreuzung mit der B203 vor. Von rechts donnert ein mit Gehwegplatten beladener LKW heran und rast ungebremst in den Mercedes, zermalmt diesen und fetzt die Trümmer 20 Meter durch den Straßengraben. Im Mercedes sterben Valeska Treitz und ihre am Steuer sitzende 27-jährige Tochter Doris, die ganz Deutschland unter ihrem Künstlernamen kennt: Alexandra. Alexandras Sohn Alexander, zum Unfallzeitpunkt sechs Jahre alt, überlebt wie durch ein Wunder fast unverletzt.

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Alexandras Mercedes nach dem Unfall

Ungefähr im Konfirmandenalter hatte ich mich in die schöne Alexandra ein bißchen verliebt, in ihr slawisch geprägtes Gesicht mit den traurigen braunen Augen und in ihre tiefe, rauchige Stimme, mit der sie zumeist, zur eigenen Erbitterung, unsäglich sentimentale, slawisch-folkloristisch eingebutterte Kitschlieder („Zigeunerjunge“, „Sehnsucht“, „Im frühen Morgenrot / Mein Freund der Baum“) sang, weil die Platttenfirma es so haben und den Markt derjenigen bedienen wollte, die noch den Ostfeldzug mitgemacht und im Wohnzimmer das Bild einer feurigen Zigeunerin überm Plüschsofa hängen hatten.

 Alexandra konnte mehr und hatte das Zeug zum Star. Schon als Kind hatte sie vielfältige Talente entwickelt, spielte Klavier und Gitarre, zeichnete später, designte Mode und modelte. Sie schrieb und komponierte selbst, kam in Kontakt mit Gilbert Bécaud, Ives Montand und Charles Aznavour und spielte in Brasilien mit dem großen Antonio Carlos Jobim („The girl from Ipanema“) – ihre beste Zeit.

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Von Fans errichteter Gedenkstein am Unfallort

Die Melancholie Alexandras war allerdings keine Pose. Dem Druck des Musikmarktes und der Plattenindustrie war sie nicht gewachsen; ihr Privatleben verlief unglücklich; der Liebhaber der geschiedenen alleinerziehenden Mutter erwies sich als Heiratsschwindler sowie als us-amerikanischer Geheimagent. Schwer zu sagen, was schlimmer war. Sie fühlte sich unter Druck, verfolgt, ausgelaugt. Ihr Vertrag mit der Phonogramm lief aus, die Zukunft schien offen und beängstigend. Auf dem Weg in den Sylt-Urlaub, der Erholung bringen sollte, schlug der Tod zu.

 Alexandras geheimnisvoller Nimbus, die zum Teil undurchsichtigen Umstände ihres Todes und das Bedürfnis der Menschen nach populären Mythen brachten eine Menge Verschwörungs-, ja sogar Mordtheorien in Umlauf, die unter Fans noch heute diskutiert werden. Wahr ist wohl keine; die junge Frau war erschöpft, übermüdet, gestreßt – den Rest besorgte der Zufall, der mit dem Tod befreundet ist. Schade. Armes, schönes, trauriges Mädchen. Alexandra hätte eine deutsche Chanson-Sängerin von Rang werden können. Dafür wurde sie zum Mythos.


Bauerntrampel an der Würge-Stange: Bei Britney Spears denke ich nicht an Sex

30. Juli 2009
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Be-eng-stigend: Zu klein gekaufte Bühnenkleidung

Ich weiß nicht, was mich an diesem Gesicht so fesselt. Und warum ich immer lachen muß, wenn ich’s anschaue. Ich kann den Blick nicht abwenden. Das Rätsel läßt sich nicht lösen, die Persistenz des Imbezilen bleibt ein Mysterium! Zu deutsch: Ob blond oder braun, geschminkt oder ohne Makeup, ob Foto oder Video-Clip – dies ist ein Frauenantlitz, das zu allen Zeiten die gleiche unfaßbare, intensive, brachiale, durch nichts zu durchbrechende, massive, mörderische, ja infernalische Dummheit ausstrahlt. Woran liegt das? An der Kombination Blondhaar mit braunen Augen? Das kann es nicht sein. Die zu kleine Nase? Die zu kurze Oberlippe bei zu kräftigem Kinn? Die Wangenknochen? Wie macht dieses moppelige Pop-Schnütchen es bloß, bei eigentlich völliger Ausdruckslosigkeit so viel Ignoranz, Unbelehrtheit und harthölzern-blickdichte Dämlichkeit in ihren Gesichtsausdruck zu legen? Seht her, sagen die leeren, glas-starren braunen Knopfaugen, das üppige, vernaschte Schnütchen, die durchbrechenden schweinernen Hängebäckchen: Wir sind hemmungslos genusssüchtig und brunzdoof wie feuchtes Toastbrot, aber jeder Zeit mopsfidel und zu allem Scheiß bereit!

 Nicht, daß wir uns missverstehen: Es handelt sich nicht um ein sogenanntes Fick-mich-Gesicht. Das geht anders, und viele nehmen Botox dafür. Britney sagt aber, sie trinkt grundsätzlich gar kein Botox. Das hält sie blutjung: Sie besitzt noch immer das Hirn einer Fünf- im Körper einer Fünfunddreissigjährigen. Fit macht sich die zwiefache Mutter durch den JoJo-Effekt beim Diätmachen. Sie geht durch dick und dünn für ihr Aussehen, weil Aussehen ist halt ihre große Leidenschaft. Eine noch größere Passion von Miss Tralala ist es, sich auszuziehen. Weil wahrscheinlich alles, was sie anhat, immer so kneift, macht sie sich furchtbar gern nackig. Vor allem auf der Bühne. Sie hätte gut Striptease-Tänzerin an so einer Würge-Stange werden können, aber da hätte sie nicht singen gedurft beim Ausziehen der Anziehsachen. Wann immer ich die sog. Popprinzessin sehe, hampelt sie in Unterwäsche herum, in Videos auch gern schon mal sogar ganz ohne. Ja, na und? Sollte ich, „als Mann“, das denn nicht gut und sexy finden? Na? Mmh? So nackte Weiber und so? Tja, na ja. Mit vierzehn, fünfzehn (wir hatten ja damals nichts!) hätte ich das ganze lasziv gemeinte Sich-Räkeln, die nuttige Anmache und die porno-turnerische Aerobic-Erotik der Spears-Auftritte möglicherweise aufregend gefunden. Inzwischen bin ich weniger leicht reizbar: Daß ein übergewichtiges Moppel-Ding mit der Anmut eines vierschrötigen Bauerntrampels aus dem dorfeigenen Spielmannszug sich anschickt, mit gottvoll unbeholfenen, linkischen Arm- und Beinwürfen eine Animierdame zu spielen, macht mich nicht an, es amüsiert mich nur. Und wenn ich zuviel Speck sehen will, stell ich mich vor den Badezimmer-Spiegel.

 Ich muß komischerweise auch gar nicht an Sex denken, wenn ich der Ausziehpuppe beim Nackthampeln zuschaue. Nee, lieber nicht! Sex mit Britney Spears stell ich mir vor wie Tango mit der Venus von Willendorf. In deren Steinzeit kleidete die üppigere Dame sich noch in Dessous aus Bärenfell, aber die waren wenigstens großzügig geschnitten. Ich frag mich immer, warum la Spears, wenn sie schon in BH und Schlüpfer auftritt, sich nicht wenigstens mal Sachen kauft, die passen und gut sitzen. Es gibt heute auch für die vollschlanke Dame hochwertige und vorzeigbare Unterwäsche in Übergröße! Als Mann von Welt weiß ich natürlich, daß es heute nicht mehr Schlüpfer heißt oder Büstenhalter, sondern Lingerie, oder, wenn es durchsichtig ist, „Hot Lingerie“.

 Käme die Queen des Moppelpop mal nach Duisburg, lüde ich sie zu Hunkemöller ein. Hunkemöller ist eine Kette von Lingeriewaren-Läden und in Duisburg schon lange ansässig, ich glaub schon seit den Zeiten von Petticoat und Unterröckchen. Daß dies ein seriöses Geschäft ist, kann schon daran erkennen, daß sie Moral und ethische Verantwortung hochhalten; Hunkemölle engagiert sich im Kampf gegen Brustkrebs und gegen Kinderarbeit. Natürlich hat man hier auch ein Herz für die korpulentere Dame, und Geschmack hat man auch. Deswegen würde ich den Popmoppel zu einem Boxenstopp hier überreden und zu ihr sagen: „Hier Süße, kauf dir mal was Hübsches zum Drunterziehen!“, bzw. „…but better take forty-two fort he next time!“ Bestimmt hat der sympathische Sauerkrautschopf eine ansehnliche Kreditkartensammlung, denn eine Billig-Boutrique ist Hunkemöller nicht. Dafür hat die Firma vieles, was Britney noch fehlt: Stil, Geschmack, Niveau. Und passende Unterwäsche.

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Vollschlank: Venus von Willendorf (Steinzeitmoppel)

Faultiergrinsen: Das Gesicht aufgehängt

26. Juli 2009
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Keine Aussicht auf einen Paß: Grinsendes Faultier

Ab und zu schieben sie sich Blattsalat zwischen die Zähne; einmal in der Woche gehen sie ins fließende Wasser, um sich zu erleichtern; wenn es sich ergibt, paaren sie sich schon mal, aber ohne große Aufregung, ansonsten hängen sie einfach nur ’rum und chillen: Faultiere. Faultiere sind die Energiesparschlampen unter den Säugetieren. Auf Fellpflege verzichten sie, um sich von ekligen Algen bewachsen zu lassen, das gibt eine schöne schimmeliggrüne Tarnfarbe. Sie sparen sogar an der Mimik: Egal was passiert, sie tragen ungerührt ein breites, ungemein einfältiges Grinsen zur Schau. Dieses Grinsen ist im Gesicht fest eingedübelt; seit Jahrmillionen der Evolution ist es den Faultieren nicht mehr vergangen. Sie grinsen auch noch so debil, wenn der Jaguar sie frisst oder wenn sie irgendwann aussterben. Es ist ein bißchen, wie mit der berühmten Grinsekatze in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“: Die Katze ist schon weg, aber ihr Grinsen ist noch da; es verschwindet als letztes.

Im Spiegel hab ich’s noch nicht kontrolliert, aber ich glaube, manchmal mache ich ein komplettes Faultiergesicht! Etwa nachts, wenn ich nicht schlafen kann und ein Privatsender-Comedy-Spektakel anschaue, im TV. Pocher oder so. Den reflexiven Verstand laß ich dabei aus, der stört ja bloß den Empfang. Und während ich nun düstreren Sinnes, den progredienten Untergang des Abendlandes begrübelnd, das hilflos peinliche Gehampel der lausigen Clowns verfolge, stiehlt sich unmerklich dieses kretineske Faultiergrinsen in mein Gesicht! Ich will das gar nicht! Das machen meine Spiegelneuronen! Weil die Narrenkappen im Fernseh ihre öden Schenkelklopfereien abziehen, muß ich quasi zwanghaft mitgrinsen. Teils natürlich, um intensive Fremdscham zu kompensieren, teils wegen dieser besagten Spiegelneuronen, die auch für unsere unbewussten Imitationen anderer Menschen verantwortlich sind.  Wenn ich’s dann merke, was ich tue, ist es zu spät. Mein Gesicht hat sich „aufgehängt“ wie ein Programm, das Grinsen ist in den Backen eingefroren! Mit meiner Stimmung hat das nichts zu tun – ich kann, wie jetzt, eher ziemlich traurig sein, und trotzdem: Ich griene wie der diensthabende Dorfidiot. Furchtbar. Auf Partys oder Empfängen, wo ich mich nicht wohlfühle, bekomme ich auch oft das Faultiergesicht; ich hab vom festgefrorenen Dauergrinsen sogar schon mal Wangenmuskelkater bekommen!

Wenn ich früher im Fotoladen Bewerbungsfotos habe machen lassen, war es schlimm: Die Fotographierer wollten mich jedesmal par tout zum Smilen verleiten; gleichzeitig mußte ich den Kopf so dynamisch nach hinten oben schräg links abgewinkelt ins Licht drehen, und am Ende sah ich auf dem Foto aus wie ein völlig verkrampfter, verschlagen und sardonisch grinsender, pädophiler Religionslehrer (katholisch), der gerade eine Erleuchtung kriegt. Scheußlich. Natürlich habe ich die Jobs nie bekommen.

Jetzt ist es irrerweise ja genau umgekehrt, zumindest bei biometrischen Passfotos: Jetzt darf man nicht einen Anflug von Lächeln mehr zeigen, man muß absolut leer, ausdruckslos und symmetrisch wie ein Montage-Roboter in die Kamera gucken, und gelungen ist das Foto dann, wenn man auf dem Bild wie schon gestorben aussieht. Natürlich können die freundlichen, willigen Mitarbeiter des Ladens da nichts für, die visuelle Leichenstarre ist Anweisung von Schäuble, wegen Terror und weil maschinelle Gesichts-Scanner mit lebendigen Menschen nicht gut harmonieren. Ein Faultier würden die erst recht nicht durch die Passkontrolle lassen!

Also erst krampfhaft „Cheeeese“, jetzt ebenso verbissen Model „Pokerface“! Eine ganz schöne Umstellung für die Leute vom Fotoladen, denk ich mir mal! Aber das sind ja flexibie junge Leute, die schon die Umstellung von analog auf digital und von mechanisch auf elektronisch lässig gemeistert haben, die machen das schon. Daß meine Fotos noch immer zum Weglaufen aussehen, das ist weißgott nicht ihre Schuld, das ist meistenteils genetisch bedingt, der Rest sind Spuren eines Lebens, in dem es nicht nur immer etwas zu grinsen gab. Insofern gibt es keinen Grund, den Fotoladen nicht auf Qype zu empfehlen, was ich daher dort mit undurchdringlich ausdruckslosem Gesicht kundtat.

Gutfinderei von Pop-Phänomenen ist manchmal schwierig

25. Juli 2009

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Erst habe ich das für so einen zärtlich-frozzelnden Schimpfnamen für pubertierende Töchter gehalten, so „Aah, heut dreht sie ja mal wieder voll am Rad, unsere kleine Lady Gaga!“ Aber dann gab es sie plötzlich wirklich, jedenfalls auf MTV: eine uffjedonnerte New Yorker Hüpfdohle und Millionärstochter, sehr trashig, sehr Plastik, sehr 80er irgendwie in allem (kompt ja allet wieda!). Kunststoffblonde Perücke, sexysexy Schnullerschnütchen, Anziehsachen aus dem Porno-Shop und dazu superdünn-flaches Stimmgequäk: Zack, Pop-Queen! Schlichte, eingängige Disco-Liedchen, bestechend allenfalls durch ihren Einfalts-Reichtum. Alles nicht der Rede wert, dachte ich, aber mein Musikalienriecher scheint abzustumpfen. Die popmusikalische Aufblas-Barbie ist der neueste hype! Heavy rotation auf allen Fachkanälen, auf jedem Bildschirm neuerdings dieses bescheuerte kajalverschmierte Gepliere und das unsägliche erotischseinsollende Stripteasegezappel-ohne-Ausziehen, das da als Choreographie fungiert. Das ist ungefähr so sexy, wie meine siebenjährige Tochter, damals, als sie Mamas Pumps anprobierte und vor dem Spiegel den Vamp probte, den sie im TV gesehen hatte. Autsch.

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Verrucht wie Eierlikör: Lady Gaga

Jetzt war Lady Gaga auf Tournee, auch bei uns in der Nähe. Ich bin nicht hingegangen, aber weil ich mich für jeden Scheiß interessiere, habe ich mir die „Konzertkritiken“ in der Tagesfresse angeschaut. Die WAZ, eine unglaublich populistische Anbiederungshure unter den sog. „seriösen“ Tageszeitungen, in der man das Wort Kritik nur ungern in den Mund nimmt, fand den Auftritt wieder mal anbetungswürdig super & wow! Im Gegensatz hierzu hatten die Liberalkatholiken der „Rheinischen Post“ sogar tatsächlich jemand Kundigen zum Konzert geschickt. Sein Fazit: Fader Madonna-Klon, uninspirierte Mucke, perffekte, aber seelenlose Show. Und daß „Lady Gaga“ in Interviews ein paar Rilke-Zitate auswendig aufsagen kann und sich überhaupt gibt, als sei sie Andy Warhols illegitime Kopfgeburts-Tochter, das hat ihn auch nicht beeindruckt.

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Die Rezensionen vergleichend ging mir auf, daß das besondere an Pop-Kultur eigentlich ist, daß man andauernd irgendwas gut oder blöd finden kann, ohne das ernsthaft begründen zu müssen; mit dieser Gutfinderei drückt man dabei zugleich aus, was man für seine Persönlichkeit hält. „Eeeh, guck dir den Nerd da  drüben an, der hört bestimmt Placebo und so“. „Das ist so’ne Tante, die noch bei Herbert Grönemeyer ihr Bic-Feuerzeug schwenkt.“  Man kann Peter Fox gut finden, und sobald das zu viele tun, sagt man „Pah! Der!“ und schwört lieber auf Jan Delay. Und so weiter.

Schwieriger wird’s, wenn man Pop-Phänomene zugleicht gut und blöd findet. So geht es mir mit Graffiti. Ich bin bekennender Banksy-Fan, und es gibt Sprayer-Kunstwerke, die man genial nennen darf. Andererseits pflege ich gewisse Empfindlichkeiten, was Dilettantismus angeht, und die Milliarden uninspirierter, hässlicher, geschmackloser Namens-„Tags“, die von unfähigen Writern überall hinge-etched oder mit Edding hingemacht werden, nerven mich wie Neuköllner Hundedreck. Kurzum: Suberversive, geile Kunst, verbunden mit Untergrund und Mutprobe: Respekt! Pubertäres Namensgeschmiere zur bloßen Reviermarkierung: Bah! – Ich habe leider keinen Kontakt zur Sprayer-Szene, deswegen weiß ich nicht, wie die diversen Fraktionen zur Illegalität stehen. Ist die unverzichtbar? Gelingen richtig bombastische Graffiti nur unter Adrenalin-Höchstdosen, also nachts, gejagt von Polizei und Saubermännern? Oder darf man, wenn man ein Könner ist, auch mal legal zur Spray-Dose greifen?

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Im Rheinpark, in Duisburg-Hochfeld, hat mans mal versucht (vgl. Fotos). Der nagelneue Rheinpark wurde auf dem Gelände einer Industriebrache am Rheinufer angelegt, ein großzügiges Gebiet mit Promenaden, Rhein-Strand, Grünflächen, Biker- und Skater-Trainingsplätzen usw. Auf dem Gelände befinden sich noch die Fragmente einer alten Sinteranlage, Mauern von rund vier Metern Höhe und zwanzig bis fünfzig Metern Länge. Das Geld für Sprengungen hat man dankenswerterweise gespart und dafür lieber die besten Sprayer der Region eingeladen, die Betonbrocken künstlerisch zu bearbeiten. Die Ergebnisse, finde jedenfalls ich, können sich sehen lassen. Da waren überwiegend echte KönnerInnen am Werk. „Ordentliche Arbeit!“ möchte man sagen, wenn man nicht wüsste, daß dies für Sprayer eventuell kein Lob bedeutete. Auf alle Fälle machen die farbenfrohen Riesenkunstwerke mitten im Grün einen ganz eigenartigen, wenn man ihrer zum ersten Mal und unvorbereitet ansichtig wird, surrealen Effekt.

Wenn unsere Stadtväter mal eine richtige pfiffige Idee realisieren, was seltener vorkommt als ein Gastspiel von „Lady Gaga“ in unserem Stadttheater, dann finde ich das richtig gut und bin mit meiner Gutfinderei vielleicht sogar mal auf Seiten der Mehrheit.

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Fly me to the moon! (Parzelle mit Weltaufgang)

21. Juli 2009
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Alles voll Mond heute...

Momentan ist ja überall voll Mond! Selbst Google Earth landet heute auf dem Mond! „Wo waren Sie damals?“ brüllt mir Mütterchen Printfresse launig ins taube Ohr. Die meinen natürlich den Tag oder Abend, als das Raumschiff Orion da gelandet ist und Pappkamerad Dietmar Schönherr und Monddomina Eva Pflug ihre Bügelbrett-Kommandozentrale verließen, um auf dem Trabi-Trabanten mal ordentlich Staub zu wischen. Ihr wisst gar nicht, wovon ich rede? Dann wart ihr noch zu jung, oder ihr wart auch da, wo ich damals war: hinterm Mond.

Man guckt zu dem kleinen doofen Käsestückchen am Himmel hoch, und wenn man ehrlich ist, kann man das gar nicht glauben: Da oben sind mal Menschen-Männeken ’rumgestiefelt? (Damals im Fernseh sahen die aus wie von Playmobil!) Ich mein, ich gehör schon zur (ersten) Generation, die die Welt eh nur aus dem Fernsehen kennt, deswegen kann ich nicht beurteilen, was riskanter war – das Apollo-Ding in echt oder alles im Studio-Hangar faken. Beides ist ja nicht ohne. Ebenfalls und schon wieder im TV wurde ein US-Typ und professioneller Verschwörungstheoretiker vorgestellt, der sein Leben dem Nachweis widmet, daß alles nur fake, phoney & propaganda: war. Womit man sein Dasein zubringen kann! (Obwohl, auch nicht blöder als wenn man Sachbearbeiterin für Medienfragen beim Wuppertaler Synodalvorstand ist, oder podologische Pflegefachkraft im Biker-Seniorenstift „Stairways to Hell“!)

Der Mond also, Lieblingsgesteinsbrocken der Poesiealbumslyriker und Sehnsuchtschluchzer. Edward „Buzz“ Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond, hat jetzt gestanden, damals habe man schon ein bißchen Angst vor den Mondbewohnern gehabt. Die Amis haben einen Knall, oder? Fliegen mit ’nem umgebauten Rasenmäher zum Mond, haben aber Manschetten vor Aliens! Dabei fällt mir ein Slogan ein, den ich kürzlich las: „Science flys you to the moon. Religion flys you into buildings.“ Jut, wa? Obwohl man das auch umdrehen könnte: Wissenschaft hat uns schon vor manche Wand gefahren, und die ganze Mondsucht hat auch etwas Religiöses. Wobei damals der Mond nicht das wichtigste war. Hauptsächlich ging es darum, den Russen den astronautischen Stinkefinger zu zeigen. „Ätsch! Erster!“haben die US-Startrekker auf dem Mond bekanntlich gehüpft und gesungen, nachweislich, um den Kreml zu düpieren. Die Boden-Redakteure fanden das aber dann doch zu kindisch und haben das später nachsynchronisiert. Im heutigen TV-Film heißt es nicht mehr „Ätsch! Erster!“, sondern „Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Schritt für die Menschheit“

Der Menschheit war das vergleichsweise egal. Sie blieb auch lethargisch, als ein gewisser Dennis Hope aus Nevada, 
USA, nach altem Wildwestrecht seine Ansprüche auf Mondgelände kundtat. Weil man ihn für komplett meschugge hielt, widersprach niemand, auch nicht die UNO, die Hope von seinen Besitzansprüchen informierte. Nach acht Jahren ohne erhobenen Einspruch gehört das Grundstück dem Claim-Antragsteller. Und so kommt es, daß man heute bei der„Lunar Embassy“ in Gardnerville, Nevada, legal Grund und Boden auf dem Mond erwerben kann.

Noch hab ich das nicht getan, Stückchen Mond kaufen, kann also über Seriösität, Service und Preise des Unternehmens kein fundiertes Verbraucherbewertungsurteil abgeben, aber ich spare schon für eine kleine Parzelle, denn irgendwann möchte ich unsere Erdenwelt auch mal auf-, und nicht immer nur untergehen sehen.

Ökotrophologie in der Bierschwemme, Akropolis auf Gelsenkirchner Barock. Zuviel Salz ist auf eigene Gefahr

20. Juli 2009
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Eindeutig: Zuviel Salz!

I.

Wir odyssieren weiter durch die Welt der „Griechen“. Anführungsstrich-Griechen sind solche, die statt authentischem griechisches Essen nur “griechisches“ 08/15-Standard-Zeug anbieten, Gyros, Souvlaki, Mykonosplatte, fertich! Gemischter Einheitsbrei „Deutsch-Hellenische Freundschaft“  für zwei Personen mit extra viel Knobi und Überwürz-Turbo. Eine ganz besonders interessante Unterabteilung der Anführungsstrich-Griechen bilden dabei aber die sog. Kuriosen oder auch Skurrilen Griechen. Im Ruhrgebiet scheinen sie mir besonders verbreitet, weil Hybrid-Gastro hier ihre ersten improvisatorischen Triumpfe feierte.

 Hybrid-Gastro? Oh ja!  Z. B. mein früheres Lieblings“restaurant“ im Duisburger Norden, gleich hinterm Thyssen-Stahlwerk: In einer aufgelassenen amerikanischen Texaco-Tankstelle hatten zwei pakistanische, ein sri-lankesischer und ein indischer Desperado gemeinsam eine italienische Pizzeria eröffnet, um deutsche und türkische Proleten pronto zu verköstigen. Das war globalisierte Hybrid-Gastro der ersten Stunde! Hier als Incog(n)ito-Magister und anonymer Camouflage-Philosoph Sonntag nachmittags den Proletarier auss’m Viertel zu geben, im ärmellosen Feinripp-Unterhemd da zu sitzen, billigen Frascati-Wein zu trinken und den „Kollegen“ beim Austausch alkohosophischer Allerweltsweisheiten zuzuhören, DAS hatte Stil! Und alle halbe Stunde mal selber über den feinripp-bespannten Bierbauch streichen und ein ruhr-buddhistisches Mantra zum besten geben, wie etwa: „Watt willze da machen? (längere Pause, als würzze erssma drüber nachdenken, dann: –) … Da kannze nix machen…!“

 II.

Irgendwie ist die „Taverna Olympus“ auch Hybrid-Gastro. Vor allem aber Kurioser Grieche! Die olympische Taverne residiert nämlich ausgerechnet in den eichenholzfurnierten, genre-typisch düsteren Räumlichkeiten des ehemaligen „Deutschen Vatter“, den es so lange gegeben hat, daß man den alten Namen heute noch in der Taverne RIECHEN kann: „Deutscher Vatter“ (aber selbzvaständlich mit ‚2 Bundeskegelbahnen’!) riecht unwiderruflich und bis zum Jüngsten Tag nach schalem Bier, billigen Zigarren-Stumpen, Kegler-Schweiß und diesem spezifisch muffigen Duft aus dem Fasskeller, wo die Leitungen zu lange nicht gereinigt wurden. Ein altdeutsches Odeur: Vatters Bierschwemme also. Die Einrichtung tut ihr übriges. Gelsenkirchner Kneipenbarock (frühe 70er Jahre!) mit allen Schikanen und Unvermeidlichkeiten, die man natürlich rigoros hätte herausreißen und im Renovierungsfuror hätte ausmerzen, übertünchen und vermauern können. Vielleicht auch sollen.

Aber der Patron der Taverne, ist, was man seiner Sancho-Pansa-Figur nicht zutraut, kulturell auf Feinsinn geeicht. Möglicherweise an der archäologischen Tradition der Hellenen daheim geschult, hat er das Weltkulturerbe-Monument „Deutscher Vatter“ nicht angetastet, sondern akkurat mit einer mehr oder weniger dünnen Schicht eigener Heimat-Mitbringsel und haufenweise Griechenkitsch-Nippes lediglich sanft überzogen. Das Ergebnis: gewissermaßen Sauerkraut-Eisbein mit Metaxa-Sauce.

Diesmal erhebt sich die kulinarische Akropolis auf den Ruinen deutscher Biertrinker-Kultur. Reizvoll. Bzw. gewöhnungsbedürftig, aber man hat eine Menge zu gucken. Ich glaub, so viel undefinierbaren Nippes hab ich nicht mehr auf einem Haufen gesehen, seit ich die Wohnung meiner verstorbenen Mutter (Ihr Gott habe sie selig!) aufgelöst habe. Angeln und Netze hängen von der mit Nordatlantik-Seesternen „mediterran“ (?) beklebten Decke, in der Vitrine ruhen einträchtig nebeneinander Fußball-Pokal, Sparvereins-Vase, Nikos-Kazantzakis-Büste sowie die katholische Jungfrau Maria. Auf piefig-deutscher Bierjemütlichkeit feiert hellenische Dekorationswut dionysische Orgien. Fast schon wieder gut, irgendwie! Multikulti von der ulkigen Sorte, Mischmasch, eklektische Stil-Libertinage. Egal!

 III.

 Egal, weil man hier nicht wegen des Ambientes herstiefelt, und übrigens auch nicht, weil die Speisekarte auch nur ein einziges Gericht aufführte, das man nicht von allen anderen Standard-Griechen auch kennen dürfte.   Für den Charme diese famosen Taverne sorgt vielmehr der ambitionierte Patron, Antonios Tsintsolis, der seine Kaschemme mit der Grandezza eines Chefkellners im Pariser Tour d’Argent führt. Blau geschürzt im folkloristischen Streifenhemd, gibt er alle Figuren zugleich: Den jovialen Chef, den eleganten Maitre d’Hotel, den kundigen Sommelier und den schelmischen Dessert-Garçon. Was auffällt, ist der bescheiden-selbstbewußte Stolz des kleinen Mannes mit den großen Gesten. Er dienert und schleimt nicht und läßt die gelegentlich etwas schmierige Devotheit balkanesisch-levantinischer Ausplünderungsgastronomie vollkommen vermissen. Mit einer staunenswerten Grazie balanziert er würdevoll zwischen homerischem Größenwahn und kritischer Selbstbescheidung. Wie das aussieht?

Nun, er kredenzt den empfohlenen Wein mit Schwung, kommentiert aber zugleich mit amüsantem Akzent und melancholisch umflorten Blick: „Isse vleich bissele zu kalt. Bukett kommt noch, später…!“ Dann zählt er, ganz comme il faut und professionell, mündlich die drei Gerichte des Tages auf. Frische Fisch ist dabei, was man angesichts der von der Decke baumelnden Deko-Angelruten noch eine Weile bedenkt; um faire Vergleichsmöglichkeiten zu haben, entscheiden wir uns aber wieder für Standard. Herr Tsintsolis trägts mit Gleichmut und gibt in rasselndem Stakkato-Griechisch die Bestellung an seine den Geschäftsbetrieb vom hintersten Tisch aus überwachende Gattin weiter, die es der Küche sagt.

 IV.

 Ich bin kein überaus strenger Restaurant-Kritiker, wenn ich in eine schlichte Taverne gehe. Ich bin schon angetan, wenn man mich, wie es Herr Tsintsolis tut, fragt, ob ich meinen Salat mit Essig & Öl oder mit Metro-Dressing möchte; als er ihn serviert, mustert der Patron seinen eigenen Salat noch ein Weilchen (wie ein Maler, der schweren Herzens ein Bild verkauft), und gibt skeptisch zu bedenken: „Isse vleich bissele viel Balsamico drauf…“ Och, es ging. Ich merke aber: Dieser Wirt nimmt seinen Beruf noch ernst! Als ich für meine (knusprigen, gut gemachten) Begleit-Pommes um ein Löffelchen Mayonnaise bitte, beäugt er mich ersteinmal aufmerksam, als wolle er meinen aktuellen Cholesterin-Spiegel abschätzen, befindet aber glücklicherweise nach einem gehörigen Weilchen: „Kein Problem.“ Schon eher ein Problem ist mein nächster Extra-Wunsch: Ich frage, ob ich vielleicht für Souvlaki und Pommes eine Prise Salz nachbestellen dürfe. Oh, oh.

Ich ernte einen schweigenden, nachdenklichen, leicht sorge-verdüsterten Blick. Herr Tsintsolis wiegt unmerklich den Kopf. Es arbeitet in ihm. Hab ich etwa seine Küchenkünste beleidigt? Nein, das ist es nicht. Er kommt mit einer Menage zurück, die er aber vorerst in der Hand behält, um sich vor mir aufzubauen und mit würdevollem Ernst einen Vortrag über Ökotrophologie (!!) zu halten, ungefähr des Inhalts, von ihm angebotene Speisen enthielten exakt gerade so viel Salz, wie a) nötig, und b) ökotrophologisch sowie ernährungsmedizinisch verantwortbar seien. Für etwaig exzessiven, gesundheitsschädigenden Salzmissbrauch lehne er jede Verantwortung ab; Nachsalzen sei somit ein Risiko, das der Gast selbst zu tragen habe. Abschließend besiegelt er sein Statement mit der Versicherung, dieses habe man ihm in zahlreichen einschlägigen Seminaren beigebracht und bestätigt!

Während meine Hand zögernd und etwas eingeschüchtert den Salzstreuer über den Teller führt ( – meine mündliche Versicherung, ich übernähme für alle Folgen die alleinige Verantwortung, hatte dem Patron ausgereicht), halte ich inne: Wo bin ich hier? Und wer ist dieser Mann? Ein einfacher Kaschemmen-Wirt, der Ökotrophologie-Seminare besucht? Ist das ein Film hier?

 V.

Die Speisen sind denn auch … anders. Nicht unbedingt authentischer griechisch, doch überraschend dezent, schmackhaft, ohne die brutalen Geschmacksverstärker-Exzesse der üblichen Gyros, Souvlaki & Co-Mafia. Das Fleisch darf hier artgerecht noch nach sich selber schmecken; die Vorspeisen sind sorgfältig, frisch und mit Liebe angerichtet, der Tsatsiki ist vom Tag, schmeckt nach Joghurt, Gurke und Kräutern und enthält gerade das nötige Minimum Knoblauch, nicht mehr. Vom Salz ganz zu schweigen.

VI.

Nach dem Mokka bedanken wir uns und sagen „Auf Wiedersehen“. Herr Tsintsolis schenkt uns dafür noch einen langen, nachdenklichen Blick, um schließlich gewichtig zu dem Resultat zu kommen: „Ja, das glaube ich. Sie werden wiederkommen! Ich weiß es nicht genau – aber ich glaube es!“ Er glaubt das mit Recht.

 VII.

 Etwas überwürzt ist höchstens die Flyer-werbung der Taverne, die mit vollmundigen Versprechungen und großzügig verteilten Ausrufezeichen nicht knausert. „Spitzen Küche! Solide Preise! Überzeugende Vielfalt! Top Service!“ Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Herr Tsintsolis das selbst geschrieben hat. Ein anderer Satz paßt freilich zu ihm: „Wir bürgen mit unserem Namen dafür…“ – Ist das nicht entzückend?

Griechisches Essen gibt es nicht ohne Anführungstriche (Wissenswertes über Dinslaken)

15. Juli 2009
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Die Idee des Kitsches kannte er noch nicht: Philosoph Platon

In einem zur Nazi-Zeit erschienenen Benimmbuch, so erzählte es mal Max Goldt, wurde dem deutschen Offiziersanwärter zur erfolgreichen Kontaktanbahnung mit jungen Tischdamen der Gesellschaft etwa folgendes unverfängliches Gesprächseröffnungsangebot empfohlen: „Würde es Sie, gnädige Frau, eventuell interessieren, etwas über den Reiz der deutschen Mittelgebirge zu erfahren?“ – Nazi hin oder her, ich find das auch nicht wesentlich blöder als das ewige „– …und was machst DU so beruflich?“, das heute meist üblich ist. Ich hasse diese Frage besonders, denn bei mir ist das so fürchterlich schwer zu beantworten und außerdem eine lange Geschichte, die keine Sau interessiert. Wenn ich nämlich zur Antwort gebe: „Dürfte ich ein kleines bißchen ausholen und bei meiner frühen Gymnasialzeit beginnen?“, dann müssen plötzlich alle mal wohin, eben mal kurz telefonieren, was holen oder wegbringen. Dann schon lieber deutsche Mittelgebirge. – Oder, wie wäre es vielleicht mit Wissenswertem über Dinslaken?

Also gut, gnädiges Fräulein, da Sie so bezaubernd mädchenhafte Wissbegierde simulieren können, hier ein paar Facts: Dinslaken ist eine kleine Stadt am unteren Niederrhein, die es, eingeklemmt zwischen Duisburg, Wesel und Oberhausen, dennoch fertig bringt, Stücker 70.000 Einwohner in ihren übersichtlichen Stadtteilen unterzubringen. Früher waren viele Bergleute darunter, dann machte die Zeche dicht und die Dinslakener hatten das Nachsehen; heute arbeiten sie bei KIK, City Grill oder Fahrschule Öçalan.

Obwohl das Städtchen seine Reize für meinen Geschmack etwas lieblos und unakkurat übers platte Land verstreut hat, findet man, wenn man endlich das Kabel von dem verdammten Navi rausgekramt hat, leicht den entzückenden kleinen Ortskern von Dinslaken, der sich um ein putziges kleines Kirchlein schmiegt und niederrheinische Liberalität demonstriert: Zwar ist überall Fußgängerzone, aber man fährt trotzdem mit dem Auto herein und parkt da. Warum man denn überhaupt, um Gottes Willen, in Dinslaken parken sollte, läßt sich erklären.

Und zwar hatten Kraska nebst Gattin einhellig Appetit auf „griechisch“, aber keine Lust, den warmen Sommerabend in einer düster-dumpfen, mit gipsernem Hellenenkitsch überdekorierten, nach Zwiebeln und heimlichen Zigaretten muffelnden Ouzo-Spelunke zu vertun. Da gibt es dann im ganzen Großraum Duisburg nur eine einzige Möglichkeit, das „Sorbas“ in Dinslaken, denn das hat einen großen, einigermaßen lauschigen Biergarten. – Aufmerksame LeserInnen haben möglicherweise aus den Augenwinkeln registriert, daß ich „griechisch“ geschrieben habe, also mit Anführungsstrichen. Das hab ich mit Absicht gemacht. Griechisches Essen ohne Anführungsstriche gibt es in Deutschland nämlich nicht! Man beweise mir gern das Gegenteil. Authentische griechische Küche, möglichst noch mit Niveau, findet man noch seltener als authentisch chinesische, die es ja immerhin in Märchenmetropolen wie Hamburg und Berlin mittlerweile geben soll.

Ich stell mir immer vor, es gibt so einen ultrastrengen Geheimerlaß der Ausländerbehörde, der Griechen grundsätzlich und bei Androhung beinharter Strafen verbietet, variantenreiches, genuin griechisches Essen feilzubieten. Immer bloß Souvlaki, Gyros und Poseidonplatte! Der Geheimerlaß erzwingt auch das Anbringen stereotypischer Gipssäulen, Akropolis-Bilder und Athene-Köpfen sowie das unentwegte Abspielen grauenhaft abgenudelter, pseudo-griechischer „Sirtaki“-Musik. Außerdem befiehlt das geheime Amt, daß „griechische“ Restaurants nur unter acht Namen wählen dürfen: Olympos, Mykonos, Athen, Akropolis, Syrtaki, Poseidon, Odysseus und Zorbas, auf Sonderantrag evtl. noch Plaka, Platon, Sokrates, Kreta oder Piräus. Was ich nicht weiß, ist, ob in dem Behördenbefehl auch steht, daß Griechen den Verdauungs-Ouzo „aufs Haus“ grundsätzlich nur vor, anstatt nach dem Essen kredenzen dürfen, wo man ihn ja eher nötig hätte. Schnaps auf nüchternen Magen trinke ich nicht gern; nach dem Essen ist er aber warm! Lasse Er doch diese Marotte, Grieche!

Da wir Essen mit Anführungsstrichen erwartet hatten, waren wir nicht enttäuscht. Gyros war unknusprig und überwürzt, Souvlaki ganz okay, Meze-Platte Standard. Wie es im Durchschnitt halt bei jedem Anführungsstrichgriechen so ist. Ungewöhnlich fanden wir indessen die Aufmerksamkeit, Fixheit und natürlich-fröhliche, fast schon herzliche Freundlichkeit der jungen Service-Kräfte, die ganz unaufgesetzt und echt wirkte. Echter jedenfalls als das „griechische“ Essen.

Man fühlt sich, wenn man kulinarisch mal Fünfe grade sein läßt, durchaus wohl und gut aufgehoben unter den großen Sonnenschirmen im Hof des Restaurants. Dazu trägt auch die lobenswerte Praxis des Hauses bei, gute griechische Weine (doch, die gibt es!) zu fairen Preisen, oft sogar im Angebot, zu offerieren. Ach ja, und einen Ouzo “aufs Haus” gab es vor UND nach dem Essen!

Soviel zu „Dinslaken“, Verzeihung: Dinslaken.

Woher ich denn überhaupt weiß, wie traumhaftes authentisches griechisches Essen schmecken kann? – Weil ich’s gekostet habe, – in … Chikago, Illinois.