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Text für bis zu 9 Leser

14. August 2012

Noch brühwarm und elektrisierend aus der intellektuellen Mikrowelle: Ich habe ein neues Wort! Und nicht nur ein Wort, gleich ein veritables Studienfach, ach was sage ich – eine neue Berufsperspektive: Vexillologie. Doch, das gibt es! Hätte ich mal bloß das studiert, denn wenn man bekennt, Philosophie-Magister zu sein, gucken die Leute nur immer mitleidig und streicheln einem herablassend über den Kopf. Und ich hasse Mitleid. Aber Vexillologe, ja, da hieße es gleich ehrerbietig: „Ach, ’tschuldigung, könnse nich ma gucken, Herr Dokter, ich happda morns immer son steifen Arm…“ – Allerdings übersteigt es mein Vorstellungsvermögen, mir auszumalen, was Vexillologen den lieben Tag über eigentlich so treiben, ein ganzes Berufsleben lang, bis zur Emeritierung. Gut, sie reisen sicher zu internationalen Vexillologen-Kongressen, halten dort Vorträge über ihr Spezialgebiet und arbeiten ansonsten wahrscheinlich viel mit Buntstiften, die natürlich auch mal angespitzt werden müssen – aber dann? und sonst?

Wird der Vexillologe wohl schon zeitig am Nachmittag heimkehren, nehme ich an, und daher noch Frau Frerkes antreffen, seine Haushälterin, die seit fünfzig Jahren in ihren Dienstherren verliebt ist und ihm gerade am Herd sein Leibgericht zubereitet, Tafelspitz mit Meerettichsauce, und während sie ihm seine Hauspuschen in der Mikrowelle anwärmt, dürfte sie, ein alter Scherz zwischen den beiden, flöten: „Na, Professorchen, was machen die Vexillen?“ – worauf der Gelehrte behaglich schmunzelnd die Hände reibt und wie immer entgegnet: „Nun, Frerkelchen, ich darf mir schmeicheln, dass meine Enzyklopädie der Querstreifen horrende Fortschritte macht!“ Das brikettschwere Werk wird seinem Todfeind Dekan Gregorius, dem Chef der Abteilung für quer gestreifte Trikoloristik, dereinst endgültig das Maul stopfen, hofft der Professor, den wir jetzt aber schleunigst verlassen, denn das Thema wird ja langsam uninteressant. Deutlich spannender ist eine Meldung, die mir gerade jetzt rechtzeitig auf den Bildschirm schneit:

„Wenn Sie sich bei Google+ anmelden, müssen Sie im Video-Chat nicht immer nur zu zweit sein, sondern können sich zum Beispiel mit bis zu 9 Teilnehmern gleichzeitig unterhalten oder zusammen YouTube-Videos anschauen.“ So sehen gute Nachrichten aus. Schon lange habe ich es im Video-Chat „nur zu zweit“ kaum noch ausgehalten! Immer die gleiche Visage vis-a-vis! Leider ist mein Bekanntenkreis zu klein, um auszuprobieren, ob es eine tatsächlich sensationelle Erfahrung darstellen würde, mich „mit 9 Teilnehmern gleichzeitig zu unterhalten“ und dabei auch noch YouTube zu gucken – oder gar YouPorn, hihi. Warum es aber gerade bloß „bis zu neun Personen“ sein dürfen, mit denen ich meine bevorzugten lustigen Kätzchen-Videos gucken kann und nicht zum Beispiel elf Freunde, das wird mir ein Fachmann erklären müssen, ein Videologe oder Numerologe vielleicht. Aber ich glaube, mir wäre das eh zu hektisch; ich kann es schon im Kino nicht ausstehen, wenn immer so Leute dazwischenbrabbeln, während ich mich auf einen Film konzentrieren möchte.

Unhektische Konzentration ist auch beim Lesen ratsam, sonst kommt es zu unwillkommenen Verlesern, manchmal sogar zu solchen, die man selbst Professor Freud selig nur errötend beichtete. Ich gab mich gerade meinem Laster hin, mehrere Dinge gleichzeitig bewältigen zu wollen, wobei eine dieser Tätigkeit im Überfliegen der Schlagzeilen von F.A.Z.online bestand, wo es dann hieß: „Durch Masturbation ans Krankenbett“. Die im Zustand milder Schockiertheit mein Gehirn überflutenden Bilder und Assoziationen möchte ich lieber dezent für mich behalten, zumal es in Wirklichkeit „Masterstudium“ hieß, was ja eine halbwegs seriöse Angelegenheit darstellt, wiewohl ich lieber altmodischer Magister als „Master“ bin, oder sogar bloß „Bachelor“, was in meinen Ohren doch irgendwie erbämlich nach Schmalspur und RTL klingt. „Ich habe einen Bachelor in Vexillologie“ – das wäre jedenfalls eine Information, die ich persönlich auf einer Party mit, sagen wir „bis zu 9 Teilnehmern“ kaum voller Stolz herumposaunen würde!

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Ewig die Mutter (Eine Gespenstergeschichte, glaub ich)

26. Juli 2012

Auf der Couch bei Professor Freuds Zauberlehrling – Notfalltermin! – Tja, Doktor, wie soll ich nur anfangen? Also ich komme nämlich wegen meiner übermäßigen Mutterbindung. Sie werden sagen, im fortgeschrittenen Rentenalter sollte man diese überwunden haben, oder? Ich finde unbedingt auch. Aber das Problem bin ja nicht ich – die Mutter ist’s, die mich nicht lassen will und kann! Seit drei Jahren hat sie mich nun jeden Morgen, teils um 8.00 Uhr, teils, wenn sie mich mal gnädigst ausschlafen ließ, um 8.16 Uhr, aus Übersee auf dem ominösen Funkradiowecker angerufen, den sie mir, ich vermute, mit Hintergedanken, einst unterschoben hatte. Immer nur angerufen – und nie ein Sterbenswort gesagt! Nur täglich ungemein vorwurfsvolles, beleidigtes, verkniffenes Schweigen! So begann jeder meiner Tage mit Beklommenheit und bleischweren Schuldgefühlen.

Die Gattin war es aber jetzt doch leid, das ewige Schwiegermuttergeglucke, und hat deshalb irgendwas mit diesem verdammten Wecker gemacht, dass er nicht mehr fiept und pickt und stichelt, die Anrufe mithin aufhören. Das war heute Morgen. Und dann ist passiert, was Sie mir nicht leicht glauben werden, ich aber hoch und heilig, sozusagen beim Leben meiner Mutter, ha! beschwöre: Ich sitze also vor der Eisdiele Rialto, um einen Eis-Café zu löffeln – eine gewiss unmännliche, infantile Nascherei, zugegeben – und um dabei arglos das ungewöhnliche Naturschauspiel eines sonnigen Sommertages zu genießen. Aufblickend aber  erstarre ich jedoch selber zu Blitzeis: An einem Nebentisch, keine fünf Meter entfernt, sitzt … meine  Frau Mutter! Mutterseelenallein, was natürlich schon wieder einen stummen Vorwurf beinhaltet, sitzt sie kerzengerade am Bistrotischchen und kramt, wie es ihre Art ist, hektisch in der Handtasche, nestelt neurotisch am Blusenkragen, richtet alle paar Sekunden ihre Frisur und ruckt mit dem Kopf wie eine orientierungslose Hühnertaube. Die Frisur, die Brille, das Gesicht, die verbittet herabgezogenen Mundwinkel, der weh einwärts gewandte Blick – hundertprozentig Mutter, wie sie leibte und lebte, als sie noch lebte! Ist das nicht unfassbar? Mir sträuben sich die Haare auf den Unterarmen.

Was? Sie sagen, es sei sicher ein Zufall, aber nun doch nicht geradezu transzendental irrwitzig, seine eigene Mutter unverhofft in einem Café zu treffen? – Da mögen Sie schon Recht haben, Doktor, aber ich finde es doch, nach allem was ich auf diesem Gebiet weiß, entschieden unpassend für Menschen, die seit mehr als fünf Jahren verstorben sind, in einer Eisdiele herumzulümmeln! Wenn das nun alle Verblichenen so hielten! Wie? Sie meinen, dann wäre meine Mutter ja schön blöd, wenn sie es nicht auch täte? Haha. Sie nehmen mich nicht ernst, nicht wahr? Ob ich gelegentlich an Erscheinungen glaube? Ich glaube praktisch nur an Erscheinungen!

Und selbst an die kaum noch – denn nachdem ich minutenlang wie gebannt zur Mutter hinübergestarrt hatte, trat unvermittelt eine dicke, schwitzende Matrone in hässlichen roten Capri-Hosen auf mich zu und patsche mir überschäumend fröhlich auf die Schultern: „Mann, was fürn Zufall!“ krähte sie enthusiastisch. Um meine Contenance war es endgültig geschehen. Fast begann ich in Tränen auszubrechen. Was wollten denn auf einmal alle von mir? Die dickdampfende Madame in Rot, meiner entgleisenden Gesichtszüge ansichtig, trat ein Schritt zurück, fasste mich schärfer ins Auge, patschte sich vor die Stirn und murmelte verlegen: „Oh. Tschulligung. Eine Verwechslung.“ Sehr, sehr seltsam, oder? Und, nein, Mutter war nach diesem Vorfall keineswegs verschwunden. Sie saß noch immer dort, nestelte, ruckte und schaute wehmütig ins Imaginäre, als ich schon fluchtartig das Café verließ, mich aufs Rad schwang und schleunigst, wie von Furien gehetzt, davon eierte.

„Ooch“, sagte die Gattin mit ihrem gewohnt herzlichen Mangel an Mitgefühl, „wahrscheinlich bist du bloß aus Versehen in ein Paralleluniversum getreten. Geh doch mal zum Kosmogonen oder Ornithologen, dich durchchecken lassen…“ Da wäre ich also, Doktor. Ich bin doch normal, oder hab ich was Ernsteres? Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass die Manipulationen am Funkradiowecker gar nichts genützt haben. Nicht nur, dass Mutter weiterhin durchklingelt – jetzt lässt sie sich überdies noch nicht mal mehr abstellen.

 

 

Traumberuf Truchseß

27. Januar 2012

Ein Truchseß werden!

Schon immer, so lange er denken, bangen und sehnen konnte, wollte Tobi ein Truchseß werden. Kein anderer Beruf kam für ihn in Frage. Sieben Jahre verdingte er sich als wandernder Vorkoster, stieg manchmal befristet zum Mundschenk auf, trug dann den hohen Hut mit Stolz und Würde. „Vorankommen!“ rief er sich schon vor Sonnenaufgang zu, „wer einmal ein Truchseß werden möchte, der rühre sich früh!“ Frisch das Schuhwerk poliert, die Wangen geschmirgelt und dann mutig heraus zum Markt der Praktikantensklaven getrabt! Traf er unterwegs vermeintliche Reichsverweser, riss er sein besticktes Mützchen vom Kopf, entbot den vorschriftsmäßigen Gruß und bekannte ihnen: „Ich lebe nämlich meinen Traum!“ Gleichgültige Blicke fochten ihn nicht an; ein flüchtiges Stirnrunzeln schon nahm er als günstiges Zeichen und Ansporn, seine Anstrengungen zu verdoppeln.

Vom Onkel, dem er ein wenig leid tat, bekam Tobi einen Schubkarren geschenkt, da schaufelte er seine Mappen hinein und schuf sie am Nachmittag zum Bewerbungspostamt, immer ordentlich mit Passbild drin, tabellarischem Lebenslauf und allem Pipapo. „Traumberuf Truchseß!“ schrieb er jeweils darüber, und „Ich bitte höflichst, einer Antwort gewürdigt zu werden“ darunter.

Abends saß er beim Schein der Petroleumlampe am Küchentisch, studierte die heiligen Benimmbücher, memorierte Königslisten (Merowinger, Ottonen, das ganze Programm) oder schneiderte an seiner selbst entworfenen Uniform, denn von einem Truchseß, daran glaubte Tobi fest, erwartete man tadellose Gepflegtheit in Kleidung und Auftreten. Wurde es spät, strich ihm wohl einmal die Mutter übers Haar und bat ihn sanft, den nötigen Nachtschlaf nicht zu vernachlässigen. „Ach, meine gute, liebe Mutter“, sprach der Strebsame dann, „ich muss doch an meiner Zukunft arbeiten, damit ich meinen Traum leben kann!“ Den von Sorgenfalten gesäumten, zu Tränen bekümmerten Mutterblick nahm er schweren Herzens nicht zur Kenntnis. „Wer eine Karriere in meinem Fach anstrebt, der muss es sich sauer werden lassen“, beruhigte er sich, und übersah geflissentlich selbst die sich anbahnenden Anzeichen seiner bestürzenden Gesundheitsverkümmerung.

Das Märchen tritt hier ein wenig auf der Stelle, deswegen führen wir rasch den Vater ein und regen an, ihn ein Machtwort sprechen zu lassen. Also poltert er, der Hierarch und gütige Wegweiser, donnernd in die Küche und aus seinem sympathischen Herrschermund entrollt sich ein Spruchband, auf dem steht in Fraktur: „Bub! Lass ab von deinem Traum! Und wisse – deinen Beruf gibt es nicht! Du gehst jetzt in die Schule wie andere Kinder auch!

Vergeblichkeitsempfindungen brachen einigermaßen schwallartig über dem Kind zusammen. Drohend erhob sich ein Trauma. In höchster Not brachte das „Große Volksbuch der Seelischen Zerrüttungen“ im Bücherschrank Hilfe: Vatermord nach Professor Freud! Tobi eilte zurück, wo unterm Küchenhimmel noch das väterliche Spruchband hing. Hitzig schrillte es aus dem noch weichen Kindermund: „Bei meiner Seele, Herr Vater! Meinen Traum lasse ich nicht! Eher musst du sterben, und zwar nach Professor Freud!“ Mit diesen Worten der Rebellion zerschnitt er das schriftlich verbietende Spruchband und sprengte hinaus auf die Straße der Freiheit. – Wer nun also in Gottes Namen Verwendung für einen Truchseß hat, der erbarme sich doch des armen Kindes und nehme sich seiner an meiner statt an!

Umheimliche Begegnung am Brückenplatz (steampunk)

16. Januar 2012

Professor Freud mit neuem Triebmodell (Fotoquelle: http://www.untote.cc/2008/07/21/steampunk-artwork/)

Die Menschen, scheint’s, werden zunehmend wunderlicher, ich bemerke das durchaus, ihr abgeschmacktes Auftreten, das flirrend Narrenhafte und Flamboyante ihrer Kleidung und wie sie hinterrücks mit toten, farblosen Augen mir Löcher in die Welt bohren! –

Gestrigen abends war es spät geworden; ein langer arbeitsreicher Tag lag hinter mir, sowie noch eine sowohl detaillierte als auch epische Schilderung der Gattin, wie sie selbigen Tages eine Brustvergrößerungsoperation gefilmt habe, wobei es aber der Tontechnikerin blümerant geworden sei, weil sie nämlich das Blubbern, Zischen, Knirschen und saugende Schmatzen des Fleisches direkt auf die Kopfhörer übertragen bekommen musste und zwischen ihnen, den Kopfhörern, eben nicht genügend Platz zu finden gewesen sei, um sich dem fleischlichen Elend flüchtend zu entziehen, – so dass ich, diese Erzählung auf dem Heimwege ins Büro noch ventilierend, mich für berechtigt hielt, mir am Büdchen auf dem Brückenplatz eventuell ein kleines Fläschchen Jägermeister zu erstehen: Man ist ja, wie es der Präsident unserer Republik sachdienlicher Weise formuliert hat, „auch nur ein Mensch“. Aber stimmt das denn auch und passt auf alle?

Wie ich nämlich gerade in den Hosentaschen nach kleiner Münze grub, um ein Schlückchen vom hilfreichen Kräuterlikör zu erwerben, traten mir wie aus dem Nichts entsteigend drei unheimliche, schwarz gekleidete Geschöpfe der Nacht entgegen, eines wohl männlich, eines ein fettes Mädchen, sowie ein ungeheuer langes, mich Norm-Riesen weit überragendes, klapperdürres Gespenst unbestimmter Geschlechtszugehörigkeit, das, nach steampunk-Art gewandet, sich mit schulterlangen, neonbunt durchflochtenen Dreadlocks schmückte und eine Brille mit gruftgrünen Gläsern (goggles) in die Stirn geschoben hatte. Das Gothic-Mädchen hingegen war nur notdürftig aus breitem, weißem Hefeteig geknetet, aber derart eng bestrumpft, gegurtet, umpuschelt, gehalsbandelt, vernietet, umkettet, abgespachtelt und generalübertüncht, dass es von ganz allein in der Form seiner Umrisse verblieb, was den Dritten im Bunde der apokalyptischen Triole zu einem gewissen Frauen-Besitzerstolz animieren schien. Selbdritt starrte man mich aus feindseligen Kajal-Augen an, als sei ich der personifizierte Absturz, der schwarze Morgen-Kater, das wandelnde Entzugssyndrom. „Wartet, wartet, ihr drei Schönen…“, japste ich mit unnatürlich hoher Stimme, denn ich wollte einen Beweis, „darf ich euch…“ – Ich wollte sagen: „…vielleicht fotografieren?“, aber da waren die drei schon genauso totenstumm und maskenschweigend wieder in der Nacht verschwunden, aus der sie sich zuvor so instantan manifestiert hatten.

Wie ich aber nun heute des morgens, am frühen Sonntag, auf dem nämlichen Brückenplatz, die dorten firmierende Bäckerei Bolten betrat, um, wie es meine gute, bewährte Gewohnheit ist, frische Brötchen zu kaufen, damit ich in der Folge frühstückshalber kommod der Gattin beizuwohnen in die Lage käme, fand ich sie, die Bäckerei, knüppeldicke besetzt, voll gestopft und nahezu verrammelt mit Scharen bestürzend ungefüger, grobschlächtiger, teilweise auch hässlich entstellter Brillenträger vor, welche in dummen, ja geradezu frappant albernen hellblauen Uniformen aus dem frühen 19. Jahrhundert steckten, welche ihnen sei’s viel zu groß um die Knochen schlackerten, sei’s spack und wurstig um die ausladenden Hüften spannten,  dergestalt dass sie, die urplötzlich emergierten Karnevalsjecken, denn um nichts anderes handelte es sich bei dem pickligen, unfrohen Volk,– am Ladentresen unentwegt eine, haha! „steife Latte“ und Zwiebelmettbrötchen „aber ohne Zwiebeln“ ordernd –, mir jede Aussicht auf zeitnah zu erwerbendes Backwerk raubten, was in mir, so früh am Morgen, heftige Anwandlungen von Misanthropie, wenn nicht sogar schlimmer, bösartiger Anthropofugalität verursachte, sintemalen ich, eben um diese Zeit, von einer enormen ästhetischen Hypersensitivität geplagt werde, die in reziprokem Verhältnis zu meiner mitmenschlichen Toleranzschwelle steht.

Was, frug ich mich, hat denn dieses idiotische Narrenpack, dieses urdeutsche Demenzphänomen  und Belästigungsgesindel, morgens um halb zehn, am heiligen Sonntag, ausgerechnet bei uns im Geddo zu schaffen? Ist denn, halten zu Gnaden, die Menschheit nunmehr ganz und gar aus dem Häuschen geraten? Aus dem urgemütlichen deutschen Haus- und Gemeinwesen ist wahrhaft ein bizarres Charivari geworden, in dem Tag und Nacht, Sinn und Nonsense, Menschliches und Gespenstisches schrill kichernd und haltlos ineinander gleiten, uns Gutgesinnte und gemütvolle Herzenstakt-Besitzer böswillig verwirrend, behindernd und ängstigend! Wie soll das noch auskommen?

 * * *

Apropos: Kürzlich hörte ich mich gesprächsweise behaupten, das voluminös gleißnerische Gesamt-Werk des Scharlataneriewarenhändlers Prof. Sigmund Freud mit all seiner vollrohr verschlungenen Psycho-Hydraulik, seiner plüschig-sofaesken Dampfsexualität und der wirren Bricolage aus Ventilen, Druckmessern und mystischen Triebwerken sei recht eigentlich eine veritable steampunk-Wissenschaft, eine phantastisch-retrofuturistische, viktorianische Bastelei von monströser Schönheit zwar, wiewohl dennoch letztlich auch zur Gänze nutzlos.  Ich rede viel, wenn der Tag lang ist, doch dieser Gedanke erschien mir noch lange, bis in die tiefe der Nacht hinein, haltbar. Wenn nicht sogar ausgezeichnet!

Müll & Metempsychose (Materie am falschen Ort)

9. Juli 2011

Materie am falschen Ort: Wiedergeboren als Müll

Metempsychose ist ja gar nicht, wie ich früher geglaubt habe, eine Geisteskrankheit – es bedeutet bloß Seelenwanderung! Pythagoras, der bekannte Erfinder der Dreiecksbeziehung, so erfuhr ich jüngst, glaubte zum Beispiel, man werde fünf Mal geboren, als Mensch, als Tier, als Pflanze, als Ding und als noch irgendwas (nachschlagen!) Vielleicht als Müll? Nein, das kann nicht sein, denn Müll ist ja gar nicht „etwas“. Müll ist vielmehr, wie der Alltags-Semiotiker im kulturanthropologischen Seminar gelernt hat, ähnlich wie „Schmutz“ eine rein relationale Kategorie und bedeutet bloß: Materie am falschen Ort. Über Müll und Metempsychose nachzusinnen, ergibt sich im Geddo reichlich Gelegenheit:

Auf Fahrradpatrouille im Viertel, in lauer Sommernacht, einer sanft entdämmernden schon, in der geheimnisvollen, sehnsuchtsgeschwängert parfümierten blauen Stunde vager Verheißung und unerwarteter Begegnungen, sah ich mich kürzlich am Eck vor dem aufgelassenen Orientcafé unversehens konfrontiert mit einer kapitalen, überaus wohlgenährten und äußerst selbstbewussten … Ratte. Beide wie gebannt wechselten wir, kurz geschockt, wie ertappt, einen langen Blick gegenseitiger Aversion. Dann drehte sie, die Ratte, mir, immerhin der verbrieften Krone der Schöpfung, betont langsam, geradezu pampig arrogant, das fette Hinterteil zu und hoppelte aufreizend träge, in diesem typischen hüftsteifen Humpelgang ihrer Gattung, davon, um sich in ihren komfortabel geräumigen Müllhaufen (zwei Etagen, mit Terrasse, Gäste-WC und Boulevardblick) zurückzuziehen…

Normalerweise erweise ich der sublunaren Tierwelt ein von Sympathie und Neugier, gelegentlich von biedermeierlicher Rührung grundiertes Interesse und nehme schmunzelnd zur Kenntnis, dass nicht jede Spezies in Gottes Schöpfung mit Niedlichkeit ausgestattet ist und zu Streicheleinheiten einlädt, was indes natürlich dennoch schade ist und ein Desiderat bleibt, weil, so haben Forscher herausgefunden, das Streicheln gerade niedlicher Tiere (u. a. auch Menschen-Babies!) im Menschen das Hormon Oxytocin freisetzt, was nicht nur Geburten erleichtert und den Milchfluss der weiblichen Brust befördert, sondern auch ganz allgemein soziale Interaktionen begünstigt, da es, das Hormon, freundlich und kommunikativ stimmt.

Wiewohl im Herzen Punk, bin ich persönlich allerdings nie auf die Idee gekommen, eine Ratte zu streicheln, zumal dies bei mir, aus einem archaischen, vielleicht sogar epigenetisch verankerten Reflex wohl lediglich Adrenalin und nackte Mordlust freisetzen würde, denn der Ratte bin ich unerklärlich abhold, ich perhorresziere dieses Tier, ich lehne es ab, ich will, dass es weggeht, weil es mich an Mittelalter, Pest und Schwarzen Tod, an Nosferatu und Albert Camus erinnert! Aus Gründen, die Professor Freuds Schüler aus meinen Neurosen oder archetypischen Ängsten herausdröseln mögen, gilt mir sowohl die gemeine Haus- wie die schlankere Wanderratte als Metapher metaphysischen Unheils, vielleicht nur noch mit der fett schillernden, dicken Schmeißfliege vergleichbar, die mich taktlos umschwirrt und indezent gierig auf meinen Tod wartet, um mir, kaum habe ich meine Seele Gott oder dem Nichts befohlen, ihre scheißblöden Eier in meine gerade erst blicklos gewordenen, noch tränenfeuchten Augenhöhlen zu legen.

Eine Ratte aber ist, emblematisch und übercodiert, der Inbegriff drohender Daseinsverdüsterung!  Einmal, früher, als mein Lebenslauf bedrohlich ins Stocken & Kleben geraten war, lag, schwer wie eine Metapher von Günter Grass, eine tote Ratte vor meinem Fenster auf dem Flachdach. Weder konnte ich sie da wegmachen, da ich mich enorm ekelte, noch konnte ich sie dort liegen lassen, weil sie nachhaltig, durch ihre bloße Präsenz, mein Gemüt bleiern beschwerte. Drei Tage haderte ich, bis es mir gelang, den Kadaver zu entsorgen, zitternd vor Abscheu. Aber siehe: Danach ging es in meinem Erdendasein wieder vorwärts, ich lernte eine unerschrockene Frau kennen, die ich heiraten durfte, und alles wurde gut! Das Leben setzte die Segel!

Gewisse Spezies, wenn sie uns auf die Pelle rücken, Wanzen, Läuse und Ratten etwa, geben uns den diskreten Hinweis, dass es bei uns mit der Hygiene nicht zum Besten bestellt ist. Massives Auftreten dieser Gattungen im urbanen Raum indiziert kulturellen Niedergang. Wir werden an den durch Rainer Werner Fassbender thematisierten Dreiklang erinnert: der Müll, die Stadt, der Tod, die drei apokalyptischen Reiter, die allabendlich durch mein Geddo traben. Niemand würde Ratten verübeln, irgendwo in stadtfernen regionalen Feuchtgebieten herumzuwuseln und sich in Gottes Schöpfungsplan irgendwie nützlich zu machen; hier, im urbanen Raum unseres Viertels mit internationalem Flair, wo allerhand Kinder sich verzweifelt bemühen, wenigstens aufzuwachsen, erscheinen sie, die Ratten, mir exorbitant fehl am Platz.

Bedenkenswert ist, dass der längst verblichene reaktionäre Krawallpolitiker Franz Josef Strauß gerade uns, die vorlauten, irgendwie jüdisch-zersetzenden Intellektuellen, dereinst als „Ratten und Schmeißfliegen“ titulierte. Ich wäre weder das eine noch das andere gerne, würde ich seelenwandernd (psychic walking) wiedergeboren. Und was wäre ich gern als Ding? Ein frivoler Vibrator? Ein bescheiden dienstfertiger Schuhlöffel? Ein mysteriöses Fässchen Amontillado? Angesichts meines Lebenswandels fürchte ich, als Müllhaufen wiedergeboren zu werden. Immerhin wäre die Kontinuität gewahrt: halt Materie am falschen Ort.

Aus dem Jenseits: Blaubeerkuchen

28. Juni 2009
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Was bedeutet Blaubeerkuchen?

Schwere, dumpfe Nacht (Grüner Veltliner). Geträumt, ich sei am Nachmittag bei Professor Sigmund Freud zum 81. Geburtstag in den Garten eingeladen. Wir saßen in klapprigen Liegestühlen und rauchten gelbe Zigarren. Es gab Blaubeerkuchen und eine Menge unattraktiver älterer Hausfrauen in geblümten Kittelschürzen hasteten mit Kaffeekannen durchs Buschwerk. Wir langweilten uns. Freud schlug nachlässig, aber unentwegt mit der flachen Hand nach kleinen blondgelockten Kindsköpfchen, die ihn liebreizend umschwirrten. Der Zwölfton-Komponist und kommunistische Arbeiterliedermacher Hanns Eisler war auch da; er passte nicht in den Liegestuhl und quengelte die ganze Zeit, wann wir endlich „einen heben gehen“ würden, da er pünktlich 15.30 Uhr (er sah dabei auf eine tropfenförmige Taschenuhr, die an einer Kette über seinem Embonpoint hing), seinen ersten Alkohol brauche. Eine mittelalte Matrone mit graumeliertem Dutt (Anna Freud?) klatschte in die Hände und rief in schauderlich ver-wienertem Englisch sinngemäß: „Kinder, Kinder, es gibt Kakao und Kokain in der Küch’n!“

Ansonsten passierte in dem Traum, der noch gefühlte Stunden vor sich hin ödete, nichts weiter Bemerkenswertes. Es war einer der langweiligsten Träume, die ich je hatte! Außer, daß wenigstens die Sonne schien, kann ich im Traummaterial keine verborgene Wunscherfüllung entdecken, die nach Freuds Traumtheorie dort zu finden sein müßte.

Das unbehagliche, irgendwie wehmütige, beinahe weinerliche Gefühl, das den Traum grundierte, hielt nach seinem Ende weiter an, so ein diffuses, symptomloses Leiden, ein leichter Druck in der Brust, so ein ziehendes Klopfen im Hinterkopf, ein irgendwo viszeraler Schmerz mit neuronalen Komponenten, verbunden mit einer sehr vagen, intermittierend aufstoßenden hysterischen Lachlust, – ich weiß nicht, vielleicht fühlt es sich so an, wenn man sich die Schweinegrippe zugezogen hat? Sie soll ja gar nicht schlimm sein, heißt es. Davon abgesehen, fühlte ich mich weder zu Eros noch zu Thanatos hingezogen, kein Todestrieb zu spüren, allerdings auch keine großartige erotische Begierde, außer stark nach frisch gebrühtem Kaffee und evtl. einer doppelten Kopfschmerzbrause „plus C“.

Der Traum war irgendwie aber schon doch ein stückweit signifikant, vor allem auch erklärlich, denn am Tag zuvor war ich vom famosen Dauerrregen nach Wien, in den 9. Bezirk, in die Berggasse 19, gespült worden und hatte mich erst in Freuds Warte-, dann in seinem Behandlungszimmer aufgehalten, bis ich einigermaßen getrocknet schien. (Einen großen Regenschirm, nach Freud DAS phallische Sexualsymbol, besaß ich nicht – nur einen „Knirps“ (!), welcher zwar meines Wissens dennoch keine Kastrationsangst in mir auslöste, gegen den Wiener Heldenplatzregen aber tatsächlich nur unzureichend Schutz geboten hatte). Die Berggasse in Wien, das ist, wie die meisten Wiener Gassen, natürlich gar keine Gasse, sondern ein Boulevard, der von großmächtigen Bürgerhäusern der Gründerzeit flankiert wird, Stuckpalästen von einer gewissen Monströsität und Protzigkeit, gewiß, aber immer noch besser als die Nachkriegsbauten der Betonfetischisten- und Verklinkerer-Innung.

In Nr. 19 hauste, werkelte, therapeutelte und traumdeutelte Prof. Freud beinahe geschlagene 50 Jahre lang, will sagen, hier wohnte er, hier hatte er Wartezimmer, Behandlungsraum und Arbeitskammer, nebenbei überraschend kleine, dunkle, niedrige Räume, damals, den Interieur-Fotos nach zu urteilen bis zum Anschlag mit Möbel, Plüsch und Nippes vollgestopft. Ich glaube ja, das berühmte psychoanalytische Couch-Setting hat Freud oder Frau Freud erfunden, weil für normale Sitzgelegenheiten kein Platz mehr war. Wer nicht stehen wollte, mußte sich halt aufs schonbezugbezogene Kanapée legen! Der karge verbliebene Luftraum wurde von dem gemeingefährlich aussehenden daumendicken, kurzen, gelben Zigarren beansprucht, die Freud unentwegt qualmte, um seine Denktätigkeit in Gang zu halten, nachdem sich Kokain wider Erwarten auf Dauer doch nicht so gut als Alltagsstimulanz eignete. – Übrigens habe ich eben zunächst statt „daumendick“ versehentlich „damendick“ geschrieben; ob dies als ein sog. Freudscher Verschreiber zu deuteln ist, der auf meine uneingestandene Verehrung für korpulente Frauen schließen läßt, bleibe vorerst dahingestellt bzw. ist auch meine Privatsache. Ich liege ja nicht auf der Couch!

Im kleinen Freudmuseeum, das in den ehemaligen Praxisräumen untergebracht ist, gibt es eine dunkle Kammer, in der auf Monitoren in Endlosschleife ein recht gespenstischer Filmschnipsel-Salat zu besichtigen ist. Man sieht tattrige Schwarz-Weiß-Stummfilmaufnahmen vom zittrigen alten Freud, der meistensteils zu sehen ist, wie er sich im hohen Alter in der Sommerfrische befindet, im Garten im Liegestuhl liegt und kurze Briefe schreibt, in denen etwa steht: „Nach der letzteren Operation“ (Freud hatte Mundhöhlenkrebs, von den Zigarren, schätz ich) „geht es schlecht; Essen, Trinken und Rauchen (sic!) geht noch gar nicht recht gut“. Ansonsten feiert er meistens Geburtstag. Der Meister wirkt dabei genervt, begreiflicherweise vielleicht, weil die Nazis den alten, gebrechlichen, kranken Mann nach 50 Jahren in der Berggassen-Plüschhöhle ins ungeliebte englische Exil vertrieben hatten. Am irresten ist aber die Kommentarstimme: Eine offenbar auch schon gefühlt 90-jährige Tochter Anna Freud, des Professors psychoanalytische Kronprinzessin, kommentiert in einem Englisch, das schauderhaft nach Grinzing klingt, mit einer irgendwie total unwirklich heulenden, jaulenden Stimme komplett Überflüssiges aus dem Off: Ist Freud zu sehen, jault die singende Nervensäge: „My Fathsser“, bekommt der Blumen, heult sie „Flowers…!“, und kommt der qirlige kleine Pekinese aus dem Busch gehoppelt, greint sie: „Sssiss iss ourr litt-tle dog“. Irgendwie spooky, als würde beim okkulten Tischerücken Oma aus dem Jenseits anrufen, um mitzuteilen, es stünde demnächst eventuell eine Reise bevor. Na ja, ungefähr so sind die Ausssagen der Psychoanalyse ja auch.

Eigentlich halte ich Freud nicht für einen Geistesriesen; er war ein Schlawiner, ein Windbeutel und ein bissel auch ein Ideologe vulgo Demagoge. Dennoch war ich irgendwie geknickt und bedrückt von der für heutige Verhältnisse unerträglichen Spießigkeit, Trivialität und Beschränktheit des Lebens in der Berggasse.

Die verbleibenden Fragen: Was machte Hanns Eisler in dem Traum? Der war zwar auch Wiener und auch Jude, hatte aber sonst, als Kommunist, mit dem kleinbürgerlichen Seelengepule gar nichts am Hut. Und schließlich: Wieso Blaubeerkuchen? Im Film kommt Blaubeerkuchen nicht vor! Was bedeutet es, wenn man von Blaubeerkuchen träumt? Steht da was drüber in der „Traumdeutung“? – Blaubeerkuchen … Blaubeerkuchen … Blaubeerkuchen….

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Fünzig Jahre in der gleichen Plüsch-und Nippeshöhle! Berggasse 19, 9. Bezirk, Wien