Archive for the ‘Notizen’ category

Traumkritik

4. März 2014
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Man wird nicht ernstgenommen!

Auch bei Träumen gibt es mehr oder minder erfolgreiche Remakes. Solange das nicht ins zwanghaft Redundante ausartet, ist da gegen ja nichts einzuwenden, auch wenn man sich fragt, was das denn nun wieder soll. – Vor Jahren musste ich, im Traum, als Sechsjähriger, noch im flanellenen Bärchenschlafanzug, in meinem Kinderzimmer eine Doktorarbeit bei Theodor W. Adorno schreiben – mit abgebrochenen Buntstiften auf zweilagigem Toilettenpapier, als Schreibunterlage nur ein grober Sisalteppich zur Verfügung, während Adorno unten mit meinen Eltern am Nierentisch Liqueurwein trank und ungeduldig mit den Fingern auf die Lehnen des 50er-Jahre-Sesselchens trommelte. Er war übrigens taubengrau mit lila Punkten, – der Sessel, nicht Adorno.

Zwei Jahrzehnte später sitze ich in einer altmodischen Druckerei, die eher einem osttürkischen Basar gleicht, und zwar einem, in dem gerade ein Selbstmordattentat stattgefunden hat, und soll, weil es sich um eine Art Workshop handelt, vielleicht aber auch um eine Fortbildung, eine Geschichte schreiben, wobei in der gesamten Druckerei nicht ein einziges Fetzchen unbedrucktes Papier aufzutreiben ist; Schreibgerät gibt es auch keines. Nachdem ich ein furchtbar weinerliches Gezeter angestimmt hatte, des Tenors, ohne Material und Gerät könne ich nicht arbeiten, reichte man mir endlich, höhnisch grinsend, ein Stück Frischhaltefolie und einen lichthellgrau schreibenden, hauchfeinen Drehbleistift: Ich konnte selbst kaum lesen, was ich damit niederschrieb!

Zudem hatte ich meine Lesebrille nicht dabei. Wer setzt denn schon zum Träumen seine Brille auf? Es zog sich dann, dergestalt, dass man mir immer absurdere Surrrogate anbot; in einer Episode sollte ich mit einem komplett ausgelaufenen Filzstift um eine Krankenkassenreklame mit lauter lebensfröhlichen Menschen herum feinziselierte, hochartifizielle Literaturprodukte fabrizieren! Schließlich bestieg ich, entnervt, erschöpft und, wäre ich eine Comicfigur gewesen, gewiß mit lauter Blitzen und Totenköpfen um meinen Kopf herumschwirrend gezeichnet, einen Schusterschemel und hielt eine flamboyante Beschwerderede, in der ich die prekären Verhältnisse scharf verurteilte und vor weiteren Eskalationen warnte.

Das einzige Resultat war, dass man mir mit einer ans Putineske grenzenden Kaltschnäuzigkeit beschied, ich solle nun mal zu jammern aufhören und gefälligst etwas mehr Kreativität an den Tag legen. Kann es mir als Schwäche ausgelegt werden, dass ich unter diesen widrigen, ja niederträchtigen Umständen von meiner Geschichte nur ein einziges Wort ins Wachleben davon- und hinübertrug? Hier bitte dieses Wort. Es hieß: Nopil.

„Was soll das denn heißen?“ fragte die Gattin, der ich zum Frühstückskaffee den ganzen Quatsch brühwarm auftischte. „Ich habe keinen Schimmer“, antwortete ich, „es handelt sich um einen Namen, glaube ich, den Namen eines irgendwie unglücklichen, vom Schicksal hartherzig und mit tiefgefrorener Stiefmütterlichkeit behandelten Menschen…“„Du Armer“, murmelte die Mütterliche und bedachte mich mit einer Serie rascher, rhythmischer Schulterklopfer, die sie als „eben selbst erfundene Therapie gegen Verspannungen“ apostrophierte. – Kein Zweifel: Traum und Realität konkurrierten darin, mich nicht ernst zu nehmen!

New Year’s Hangover

1. Januar 2014
Wer zählt die Tage?

Wer zählt die Tage?

Ein bißchen hab ich von der Silvesternacht noch einen Kater. Aber warum heißt das eigentlich so? Niemand kann mir das erklären*. Warum jammert man nicht: Menno, ich habe vielleicht ein Mordskänguruh? Oder ein verflucht schlimmes Nacktnasenwombat, nur beispielsweise? Ich selbst besaß früher einmal einen Kater, er hieß originellerweise Tiger, aber außer dass er etwas streng roch und immer versucht hat, die Sofalehne zu vögeln (sagt man bei Katzen überhaupt vögeln?), war das ein ganz liebes Tier, ein ganz liebes. Weder hat er mir den Magen umgedreht noch im Kopf herumgehämmert wie blöde. Manchmal kapiere ich Metaphern nicht, da liegt irgendeine Blockade vor. Kann die mal jemand wegmachen? Ich wage jetzt auch mal eine Metapher, die nicht jeder verstehen wird, und zwar: Ein Jahr ist eine Tüte Chips. Oder, Moment, vielleicht besser: eine Tüte Erdnussflips. Genau! Ich darf kurz einflechten, dass die Erdnuss gar keine Nuss ist, sondern eine Hülsenfrucht; dies zu wissen kann Partys bereichern und einen in den Mittelpunkt einer faszinierten Damenwelt stellen, von der man rotwangig angestaunt wird. Was der alles weiß! Zurück zur Erdnuss. Kürzlich sah ich das Plakat einer Gutmenschenorganisation, da stand drauf: Problem: Kinder weltweit verhungern. Lösung: – und als Lösung war da dann eine Erdnuss abgebildet. Eine  (1) einzelne Erdnuss! Das muss man sich mal vorstellen: Da streckt einem ein armes Negerkind – früher hatten die sowas und das hieß auch so: Negerkind – streckt einem also verzweifelt die dürren Hungerärmchen entgegen, und was tut man als saturierter weißer Scheißer? Man wirft ihm eine (1!) Erdnuss in den Schoß. Welthunger-Problem gelöst! Soviel zum europäischen Humanismus, Leute. Das prangere ich an! Das muss sich ändern!

Eine Tüte Erdnussflips also, und zwar, es ist doch so: Mitten in der Nacht sagt man Prost! und reißt eine Packung dieser köstlich-knusprigen, würzig-fettigen, mit naturidentischen, indes enorm Sucht erregenden Aromastoffen aufgepimpten Erdnussmehl-Würmchen auf, weil man nur mal probieren will, ob die heutigen noch so schmecken wie in der Kindheit die guten von der Fa. Bahlsen – und zack! ist die Tüte, man weiß nicht wie, schon leer geknuspert. Das ganze Jahr kurzerhand eingepfiffen, wegschmaust, uffjefressen, komplettamente. Boah! Schon kommt die Gattin, guckt streng und äußerst sich kritisch: Sag mal, hast du etwa die ganze Tüte 2013 einfach mirnichts dirnichts weggefuttert?! Muss ich wohl. Die Packung ist jedenfalls leer und das Jahr konsumiert, als wäre man nicht dabei gewesen. Viel war ja auch nicht. Von den Naturkatastrophen ist mir nur die in Erinnerung geblieben, wo die ARD vorher schon zwei Extras gesendet hat, und dann kam der Orkan hinterher gar nicht. Emmissio praecox, wie wir Altklugsprachler sagen. Und sonst? Krisekrisekrise, Skandale, Randale („Rote Flora“, die Arschgeigen), dann wieder Krise, dann Krieg. Massakermassakermassaker: Rattarattata! Austattung von der Firma Heckler&Koch, weltweit tätiger deutscher Mittelstand. Apropos Rüstungsindustrie. Irgendein frommer Leitartikelidiot maulte kürzlich, die bösen Israelis würden ihre Waffen an den armen, friedfertigen Hamas-Arabern „ausprobieren“. Ja – sollen sie es besser in Deutschland tun? Vielleicht in der Redaktion der ZEIT oder der Süddeutschen? Oder, horribile dictu, an Peter Scholl-Latour? No way, sagt Helmut Schmidt, die uralte Morla, das Orakel der bleiernen Zeit.

Wo ich bei Blei und Orakel bin – ich mache mal den Nostradamus von Notredame und verrate, wie das Jahr 2014 werden wird (damit die ARD ihre Sondersendungen planen kann): Zuvörderst wird irgendwo das Meer überschwappen und evtl. Mitmenschen ersäufen, was uns betroffen macht, aber auch nicht so sehr, dass wir uns anderntags nicht schon wieder mit anderem Grusel verwöhnen lassen. Es wird ein bisschen schneien ( ARD-Extra: „Ganz Deutschland versinkt im Schneechaos“) oder auch nicht, was wahlweise als Indiz für Erderwärmung, Klimawandel oder neue Eiszeit bekakelt werden wird. Später wird es etwas wärmer („Ganz Deutschland stöhnt unter der Hitzewelle“). Kaum ist das durchgestanden, wird ein Minister in flagranti erwischt, mit der Hand in anderer Leute Knabbergebäck-Tüte. Aufschrei! Dann Fortschritt durch Rücktritt. Guido Westerwelle wird vor einer weltweiten Erdnussölkrise warnen. So Anne Will. Dann schließlich die wirkliche Katastrophe: Dreitägiger bundesweiter Stromausfall (Sondersendung der ARD: entfällt). Die Züge der Deutschen Bundesbahn werden danach zwei Jahre Verspätung haben, die Wirtschaft bricht zusammen, die Deutschen hungern. Die Unesco schickt jedem Bürger eine Erdnuss. Rettung! Puh, das war knapp! Überdies werden wieder mehrere betagte Mitmenschen den Löffel abgeben. Ein Berufskraftfahrer wird sich böse den Kopf anstoßen (Extra: „Ganz Deutschland betet für Idol Schumi!“), aber nee, Augenblick, das war ja schon. Am Ende aber, so weissage ich, wird es eine bundesweite Finsternis geben, die Menschen werden sich betrinken, Polytox-Cocktails in den Himmel werfen und eine neue Tüte Leben aufreißen, sofern beide Hände gesund drangeblieben sind bei der Knallerei. Und dann die Tüte. Lecker neue Erdnusslocken locken. Bitte, greift nur zu! – Ausblick auf 2015: The same procedure as every year: Die Menschen werden einen Kater haben.

 *Wer das unbedingt wissen will, der klopfe hier an: http://www.gfds.de/sprachberatung/fragen-und-antworten/uebersichtsseite/einen-kater-haben/

Die Reise nach Paderborn (III)

14. August 2013
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Reiseleiter Raymond Roussel. Von ihm lernen, heißt reisen lernen

Weißt du was – ich glaub, ich werd allmählich spirituell frigide“, teilte ich der Gattin mit, nach dem wir den Dom sowohl umrundet als auch durchquert hatten, „dieser katholische Prunkpunk lässt mich heute total kalt … und überhaupt … jetzt sind wir schon zehn Minuten in Paderborn und…“ – „…und dir will’s nicht fromm werden?“ So in etwa. Eine Weile Schweigen. Da unsere Gehirne vernetzt laufen, konnten wir einander denken hören. „Erinnerst du dich an Raymond Roussell?“ fragte ich beiläufig. – „War das nicht dieser ulkige Schriftsteller und fanatische Schachspieler, der praktisch das Wohnmobil erfunden hat?“ – „Genau, und das er auch fast nie verlassen hat, auf Reisen, höchstens mal, um irgendwo ein Foto von sich machen zu lassen. Aber ich meine jetzt die Sache mit Afrika…“ Die Sache mit Afrika war nämlich folgendermaßen. Der sensible Dandy Roussell hatte einst ein Buch über den dunklen Kontinent in Planung und sich zu diesem Zweck Richtung Marokko oder so eingeschifft. Vor der afrikanischen Küste ließ er den Dampfer aber dann ankern, verkroch sich in seine Salonkabine und schrieb dort seine berühmten „Impressions d’Afrique“, ein Buch, dessen Farbigkeit keineswegs dadurch beeinträchtigt wurde, dass sein Autor den schwarzen Erdteil nie betreten hat. Im Gegenteil.

Willst du damit andeuten, für dich wäre es ein akzeptabel cooler Ausflug, zweihundert Kilometer nach Paderborn zu fahren, dort vergeblich einen Parkplatz zu suchen, einen scheelen Blick auf die Passanten zu werfen – nur um dann unverzüglich die Rückfahrt anzutreten?“ Dem Ton konnte ich nicht entnehmen, ob dies eine Fangfrage war; ich blies erstmal betont neutral die Backen auf und machte etwas, das ich für ein Pokergesicht hielt. Das erwies sich als überflüssig. Die Gattin hat zwar den Schwarzen Gürtel in Pragmatismus, ist aber gelegentlich auch dem Wahnsinn auf gesunde Weise aufgeschlossen. „Aber lass uns wenigstens einen Ausstellungskatalog kaufen, damit wir eine schöne Erinnerung an Paderborn heimbringen!“ Abgemacht, gemacht und abgehauen. Schon bald tauchte Paderborn dort auf, wo man es am liebsten sieht, im Rückspiegel. Haha.

Kurz hinter Paderborn fanden wir eine anheimelnde Einöde resp. Gewerbewüstenei mit einem Autohof drin, wo ein Sternenbanner-Schild uns mit den Worten „Welcome to America“ in die Arme schloss, uns die Hände schüttelte und auf beide Wangen küsste. Ein fast original amerikanisches Diner machte auf diese weltmännische und herzliche Weise auf sich aufmerksam. Freie Parkplätze gab es zu hunderten, da konnte sich Paderborn mal eine Scheibe abschneiden! Wir ließen uns also nicht lange bitten, sind da schnurstracks hinein und haben, ohne zu fremdeln oder anti-amerikanischen Gefühlsumtrieben Platz zu geben, nach Herzenslust Cheeseburger mit Riesenhaufen French Fries gespachtelt, mit Mayo und Ketchup, das volle brutale Programm, herrlich, weil Reisen macht hungrig. Unsere Laune hob sich und erreichte Höchstwerte. Zwar hatten wir ca. vierzig Kilo zugenommen, aber das war nur wegen dem zweibändigen, hundsgroßen Katalog, den wir mitschleppten. Am Abend haben wir den Doppeltrumm gemeinsam beim Wein durchgeblättert und uns gleich noch mal gefreut, denn hätten wir all die ausgestellten Dingelchen und Sächelchen zu Fuß abklappern müssen, wäre das eine kaum zumutbare Strapaze gewesen. Dergleichen müssen ältere Menschen nicht mehr durchmachen müssen! So aber hatten wir genügend Energie übrig, gar nicht müde zu werden, einander zu versichern, was für ein schöner Ausflug die Reise nach Paderborn gewesen war.

Die Gattin wurde trotz Schluckauf sogar übermütig, hob das Glas und verkündete: „Das nächste Mal will ich nach Lourdes!“ – „Es sei denn“, gab ich mäßigend zu bedenken, „man könnte sich den Segen und das Heilige Wasser auch im Internet bestellen..“

Town with no cheer

24. Juli 2013
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Duisburg, Todestreppe

Klar, unsere Stadt ist wie Dodge City, Deadwood oder Tombstone, bloß zum Quadrat, nämlich fraglos eines der desolatesten Käffer im Wilden Westen der Republik, eine auf die schiefstmögliche Bahn geratene Pleitegeier- und Geisterstadt voller Bausünden, Millionengräber und öder Korruptionssümpfe, eine durch Schlaglochpisten notdürftig verbundene Ansammlung von Schrottimmobilien und Leerstandsruinen, mehr drangsaliert als regiert von fünf Handvoll großmäuliger, von den eigenen Grandiositätsphantasien im Dauersuff vegetierender Schwindler, Schieber, Rosstäuscher, Tagediebe und Scharlatane, deren Inkompetenz nur von ihrer Großmäuligkeit übertroffen wird – oder von ihrer leimsiederischen Feigheit, wenn es darum geht, mannhaft die Verantwortung zu übernehmen für den windschiefen Bruchbudenzauber, die geplatzten Spekulationsblasen, die Planungskatastrophen und sonder Zahl ans Licht gezerrten Verkommenheiten einer psychisch, mental und moralisch verwahrlosten… – was? das wäre übertrieben hart gesagt? Kann wohl sein; man ist halt zu nah dran. Wahrscheinlich ist unsere Stadt gar nicht viel anders als andere Knotenpunkte an der Bahnlinie Richtung Abgrund, eine nach dem Schneeballsystem künstlich am Leben gehaltene Kreditleiche und noch unbestattete Stadtattrappe, in der die Tageszeitungen „Die Durchhalteparole“ und „Unser Potemkinsches Dorf“ heißen und Hoffnung ein Wort ist, das nicht mal mehr die verbliebenen Deutschen noch buchstabieren können.

In diesem gottverlassenen Industriewüstenloch läuten heute alle Glocken. Jedenfalls sofern sie nicht bereits von Schrottdieben „mit südosteuropäischem Aussehen“ abmontiert, geklaut und eingeschmolzen wurden. Das Geläut erinnert an das love parade-Desaster heute vor eintausendfünfundneunzig Tagen, an dem 21 junge Menschen ihr Leben verloren und Hunderte verletzt und traumatisiert wurden. Eintausendfünfundneunzig Tage ist es nun her, das ein parakriminelles, unfassbar dilettantisches, dafür aber juristisch unfassbares System aus Behörden, Unternehmen und Verwaltungsapparaten, zugleich vereint und zertreut durch seine „organisierte Verantwortungslosigkeit“, angetrieben von Gier, Größenwahn und Renommiersucht, alle Bedenken, Warnungen und nicht zuletzt die Seufzer des gesunden Menschenverstandes in den Wind schlug und jenes entsetzliche loveparade desaster anrichtete, das 21 jungen Menschen das Leben kostete und Hunderte verletzte und auf Dauer traumatisierte. Die Ereignisse sind bekannt.

Seither, also seit drei vollen Jahren, „ermittelt“ die Staatsanwaltschaft; dreissig kompetente, gut ausgebildete Staatsanwälte haben mit vereinten Bürokräften, so wird verlautbart, 3500 Zeugen vernommen, 1000 Stunden Videos angesehen und damit mittlerweile eine Ermittlungsakte von mehr als 30.000 Seiten zusammengeklaubt, was in etwa einhundert Regalmetern Leitz-Ordner entsprechen dürfte. Niemand wird den Fleiß und den Willen zur Wahrheit anzweifeln, der die Juristen motiviert – und niemand wird sie um das Dilemma beneiden, in dem sie stecken, offenbar ohne vor oder zurück zu können. Denn eine Anklage ist noch immer nicht erhoben worden – je mehr man sucht, gräbt, bohrt, sortiert und Akten studiert, desto unwahrscheinlicher wird es, dass man für das tödliche Desaster juristisch verantwortliche „Täter“ findet. Darüber murrt das Volk, verständlicherweise. Man will Gerechtigkeit, Genugtuung usw., man will Schuldige und möchte ein paar Leute hängen sehen. Leider werden Hinterbliebene, Opfer und das durch sein gesundes Empfinden bekannte Volk in dieser Hinsicht in die Röhre schauen, und das, obwohl die Staatsanwaltschaft beteuert, „immer weiter vorwärts“ zu kommen. Sicher, bald werden es noch ein paar Meter mehr Akten sein – und dann?

Hat man mehrere Optionen, die darum konkurrieren, die schlechtmöglichste zu sein: Entweder man präsentiert am Ende – wie der kreißende Berg, der eine Maus gebar – ein paar subalterne Pechvögel und nachgeordnete Galgenstricke, die zwar ausgewiesene Schluris, Schlampen und Schlawiner sein mögen, in ihrer Inferiorität und subordinierten Nichtigkeit aber kaum als „Hauptverantwortliche“ figuriren können (wer die sind, weiß man ja, kann sie aber juristisch nicht belangen). Oder man stellt das gigantische Ermittlungsprojekt am Ende aus Mangel an Beweisen ein, was ebenfalls eine Katastrophe wäre. Am besten scheint mir noch, man ermittelt erstmal einfach weiter, bis irgendwann das Gras wieder wächst.

Warum ist das so? Weil der ganze grandiose Trick dieser Bande von Verwaltungsfuzzis, Stadtmarketingfritzen, Unternehmern, Polizeiführern und Genehmigungsbetreibern gerade darin bestanden hat, ein System zu konstruieren, indem nie jemals eine Person für irgendetwas von Bedeutung belangt werden kann. Opferanwalt Julius Reiter nennt es das System organisierter Verantwortungslosigkeit. Das trifft es. Dieses System arbeitet autopoietisch und subjektlos. Niemand ist persönlich zurechenbar verantwortlich, weil diese Verantwortung im undurchschaubaren Filz des Systems rotiert, wie ein zu kleines Kapital in einer betrügerischen Unternehmensgruppe. DerApparat besteht aus einem labyrinthischen Gewirr von Verweisungen, Delegationen und Vorbehalten, in denen die Staatsanwaltschaftshasen allenthalben Igeln begegnen, aber immer anderen, die auf noch andere verweisen. Die Befehlskette hat kein Anfang und kein Ende, sie ist zirkulär, eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, wie ein von Kafka ersonnenes Amtsnetz, das kein Zentrum und kein Außen besitzt und deshalb unangreifbar bleibt. Deshalb wird niemand belangt. Der politisch verantwortliche Oberbürgermeister ist mit guter Pension abgetaucht; ein anderer Drahtzieher ist Landesminister, ein dritter noch immer im kommunalen Amt.

Schön war der richtige Wilde Westen: Die Bösen trugen alle schwarze Hüte oder rote Haut und man wußte, wer zu hängen war. Vorbei, Vergangenheit. Heute sehen wir den hochrangigen Politikdarstellern, die sich die eigens die für Feiertage reservierten Bekümmertheitsknitter ins verlogene Gesicht gebügelt haben, dabei zu, wie sie Kränze niederlegen und Betretenheitsschleim absondern. Morgen geht es weiter, wie bisher. Wir sehen uns nächstes Jahr beim Gedenktag, okay?

Tiere in der Stadt

11. Juli 2013
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Verflogen?

Eben vorweg: Auf dem Rad zum Salatladen begegnete mir ein kleinerer Schwarm Postboten. Eifernd schnoben sie an mir vorbei und stießen aus ihren Nüstern weißen Qualm direkt in den vorne oben vor ihnen befindlichen Himmel, denn es war noch bitterer Wintermittag und in der Kantine gab es gute Suppe, bestimmt mit ordentlich Wursteinlage. Ich finde es schön, wenn Vorkommnisse erklärlich sind. Mögen Kausalitäten sich stets wohlig aneinander schmiegen, ohne hässliche Lücken zu lassen, in denen dann Schmuddel-Kommissare mit Ehe- oder Alkoholproblemen übermüdet und lustlos herumstöbern müssen!

Momentan übe ich fleißig das Affirmieren und Schönfinden, denn im Grunde ist mir nach Mieseln und Maulen, aber das nervt ja und macht alt. Schön zum Beispiel ist es ja wohl, was das ZDF mir neulich über den Papst mitteilte: „Der Papst ist nicht nur Südamerikaner, sondern auch Argentinier“. Wie es scheint, kehrt die Zeit der Doppelbegabungen zurück! – Doch nun endlich zur urbanen Fauna. Ausdrücklich begrüße ich im Stadtbild zurück den Eichelhäher, das mausgraue Moppeltaubenhudelhuhn und vor allem den stattlichen Königspudel. Letzteren hielt ich für leider ausgestorben, aber jetzt sieht man ihn hier und da wieder elegant federnd durchs Viertel traben, wobei er seine bescheuerte Frisur, für die er ja nichts kann, mit denkbar schnippischer Würde zur Schau trägt. Deutlich kühler begrüße ich indes den feinen Herren Marder, der uns den Kühlschlauch zerbissen hat. Lasse Er das inskünftig, Mistvieh!

Erlebnisse mit Tierbezug sind für den Städter generell eine willkommene Abwechslung vom Bad im Häusermeer. Gewiss, der meinungsfreudige Landmann, die hart arbeitende Landfrau, sie denken anders, sensibler, orientiert mehr an Nutzen und Frommen. Sie perhorreszieren den Schädling, den Wühler, den Beißer, das Bierschneckerl. Als metropolnisch-urbaner Tierfreund finde ich indes: Auch Bizarrem begegne man doch bitte mit höflichem Wohlwollen. So las ich mit solchem kürzlich, weil irgendwo bei uns eine Population possierlicher Biber nach erfolgter Auswilderung mittlerweile auf die stolze Zahl von fünfhundert Exemplaren angewachsen sei, hätte man sich behördlicherseits jetzt notgedrungen durchgerungen, Biberberater einzustellen. Dieser Beruf war mir neu, aber ohne Beratung geht ja heute nichts mehr; worin aber der spezielle Beratungsbedarf des Bibertums bestehen mag? Ich weiß es nicht. Wird vermutlich was mit Integration zu tun haben.

Stundenlang trug ich mich mit dem Plan, einen Song mit dem Titel „Ach, ich bin nur ein biblisch biederer Biberberater aus Biberach“ zu komponieren. Passend würde ich es von einer aus beleibten älteren Bandscheiben-Herren bestehenden Reggae-Truppe aufführen lassen, welche Biberkostüme mit enormen Überbiss-Schneidezahnprothesen trüge, wodurch der Text auf charmante Art vernuschelt und verlispelt heraus und herüber käme. Die feiste Landjugend würde höflich zum Mitsingen und -klatschen eingeladen sein, falls sie das gleichzeitig kann.

Im Übrigen ist mir klar, dass solche Projekte unter starkem Vergeblichkeitsverdacht stehen. Blütenreich duften die Wiesen und Weiden im Ideenhimmel und wem danach ist, der darf dort nach Herzenslust naschen und pflücken; leider erweist sich die mitgebrachte Ernte im Lichte morgendlicher Realität bzw. wiedererlangter Nüchternheit allzu oft als bereits hoffnungslos, d. h. irreversibel verwelkt. Dann heißt es, auf Lesefrüchte zurückgreifen: Über eine Gegend am Niederrhein las ich entzückt in der Rheinischen Post, bemerkenswert sei dort nicht zuletzt das Vorkommen des „nächtlich rufenden Weinhähnchens“. Darüber klatschte ich innerlich vergnügt in die Hände – wie innerliches Händeklatschen geht, erkläre ich ein andermal –, denn so ein nächtens rufendes, ja zuweilen sogar lauthals singendes Weinhähnchen war ja auch ich einmal; ein klein wenig enttäuscht erfuhr ich dann allerdings, das nachtaktive coq au vin sei streng genommen nichts als eine kleine Heuschreckenart, nämlich eine Blütengrille. Was Tiere sich immer für Namen zulegen!

Oder naive Navis. Gestern hatte ich am Rheinufer (im Geddo!) eine intensive Begegnung mit einem großen bunten Vogel. Es handelte sich um eine schnieke Nilgans, die nervös herumtrippelte, einigermaßen skeptisch, wenn nicht schon verstört über den Strom schaute und dabei insgesamt eine große Verlorenheit, ja geradezu Verflogenheit ausstrahlte bzw. verdeutlichte. Ihr Köpfchen mit dem eindrucksvollen Augen-MakeUp ruckte zweifelnd hin und her – und für einen einzigartigen Moment des Weltlaufes konnte ich genau verstehen, was sie dachte, und zwar dies: „Afrika, Afrika? Nie und nimmer ist das hier Afrika!“

 

Einiges über den Düsseldorfer

16. Mai 2013
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Qual der Wahl: Tannhäuser entringt sich den Verstrickungen der Sinnlichkeit (ohne Nazis, dafür mit Nackten)

Pah, Düsseldorf“, höre ich oft, „diese ridiküle Mediokropole, wo die Leute glauben, sie stammen von Hugenotten ab, nur weil man sie Parvenus nennt!“, – aber das ist ein bisschen unfair, weil, es ist ja schließlich auch, was total aalglatt aussieht, nicht immer alles bloß Plastikkram von Mr. Wongs Resterampe. Zum Beispiel, was viele nicht wissen, Düsseldorf wurde gerade in irgend so einem kriminologischen Ranking zur „zweitgefährlichsten Stadt Deutschlands“ gewählt! Ob sich das auf Straßen- oder Wirtschaftskriminalität bezieht, weiß ich nicht, weil ich Sachen, in denen das Wort „Studie“ mehr als zwei Mal vorkommt, grundsätzlich nicht zu ende lese, schon gar nicht, wenn sie mit Statistiken überbacken sind. Immerhin habe ich zahllose D’dorf-Aufenthalte unbeschadet durchgestanden. Ich kann ein harter Hund sein.

Oder es liegt an dieser unfassbaren Sensibilität der Düsseldorfer, die kürzlich ans Licht kam und von mir seither weit, weit offenen Mundes bestaunt wird. Ich meine, ich selber bin auch nicht gerade ein Klotz, ich habe bei „E.T.“ geweint, in der Kindervorstellung, ich kriegte früher jedes Mal monatelang seelische Verstimmungen, wenn mich eine Frau verließ (man sollte meinen, ich hätte mich irgendwann daran gewöhnen können, aber nein!), kurz, ich habe ein Herz aus klarer Butter, aber die Düsseldorfer, Mann, Leute, so etwas möchte einer kaum glauben! In denen ihrer Opernschaubude wurde kürzlich (oder wohl eher länglich) Richard Wagners „Tannhäuser“ gegeben, in Szene gesetzt von so einem Regietheater-Heini, d. h. es musste also entweder mit Nackten sein oder mit Nazis, zwecks der Provokationsüblichkeiten, ohne die ja sonst keiner mehr von RTL2 wegzulocken wäre. Jedenfalls, dieses Mal hatten mal wieder die ollen Nazis Bühnendienst, um ganz subtil auf die jüngsten Gerüchte anzuspielen, denen zufolge Wagner evtl. ein Antisemit gewesen sein soll, und auf der Bühne haben diese Nazis dann Juden erschossen, also nicht in echt, sondern nur theatermäßig vorgetäuscht, aber klar, schlimm genug. Wie man die Nazis halt kennt, Mörderpack das. Zwar hat das mit „Tannhäuser“ nicht das allergeringste zu tun, aber, so dachte sich vermutlich der regierende Regieregent, was solls, warum denn nicht, kann man ja doch mal machen. Da hatte er aber nicht mit den Düsseldorfern gerechnet.

Falls ich kurz abschweifen darf, nicht alle kennen sich mit Geschichte aus, die Nazis waren ein überaus schlimmes Volk von Monstern oder Aliens, denen früher mal Deutschland gehörte, bevor man es ihnen irgendwie umständehalber wegnahm oder abkaufte und dafür dort die Deutschen anbaute, treuherzige Siedler aus dem Schreberland hinter den sieben Gartenzwergbergen, brave Leute mit einem Gemüt aus lauter Weißbrot und Wäschestärke, empfindsam, zart und sensibel wie des Zaunkönigs hibbelige Tochter. So desgleichen der Düsseldorfer: Er war gekommen, um die schlussendliche hl. Erlösung des Rittersängers Tannhäuser aus den Verstrickungen der sinnlichen Liebe mitzuerleben bzw. musikalisch nachzupfeifen, denn nichts ist dem Düsseldorfer bekanntlich angelegener und teurer denn die Erlösung aus den Stricken der Sinnlichkeit – das walte wohlwollend Wagnern!

Doch was statt der keuschen Elisabeth, der Heiligen Jungfrau Maria und dem lautstark geläuterten Lust-bzw. Frustritter Tannenberg? Nazis! Judenmord auf offener Bühne! Graus und Blut und Anklage-Oper! Wollüstig waltete wirrer Wahn, vulgo entfesseltes Regietheater wütete wüst! Den Düsseldorfer Opernopfern schnitt dies tief in den Seelenquark, Kunstbusen wogten, Stirnadern schwollen und „Buh! Buuuh!“ entrang es sich waidwund der Hemdbrust zutiefst entrüsteter Premium-Premieren-Priester; Stücker 42 Personen verließen, laut CNN, türenknallend den Ort der Wagner-Schändung und, nun gut, um endlich auf den Punkt zu kommen: Ein volles Dutzend unter ihnen – musste zum Arzt! Ich weiß gar nicht, was es da zu kichern gibt! Das heißt, ich weiß es schon, aber was mich jetzt brennender interessiert, sind folgende Fragen: War es bei allen derselbe Arzt? Gibt es für Notfälle eine sanitäre Opernarztbereitschaft? Eine Art Art-Doctor? Und wie lautete die Diagnose? Was verschreibt man apoplektischen Entrüstungsmagnaten und Hyperventilatoren, die vollgepumpt mit Wagner-Wut mutwillig Kunstblut husten?

Wie zu hören war, hat man die Inszenierung des Schreckens umgehend abgesetzt, um weitere Gesundheitsschäden unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden. – An mir nagt und knabbert freilich der Neid: Einmal, nur einmal möchte mir doch ein Text gelingen, nach dessen Lektüre 12 Düsseldorfer zum Arzt müssten – ach!

 

Magister Jekyll und der Volksmund (Altersindolenz)

28. November 2012

Herr Gauck wird in ein Lied involviert (Foto: A. Probst)

Ich spreche ganz gut Volksmund, wenn es darauf ankommt, aber nicht gerne. Mir liegt das Rohe, Derbe, Gemeine nicht. Ich bin noch in der Goethe-Zeit aufgewachsen und finde, die Sprache eines älteren Herren sollte gepflegt, reinlich und voller Anmut sein. Also nicht gerade geschniegelt, auf Kante gebügelt und steifleinern, aber doch von Obszönitäten und gemaulten Schimpfreden frei. Leider überdauern meine guten Vorsätze nie die Silvesternacht, und so entfuhr mir kürzlich eine unfassbare Entgleisung, die mich zwar noch immer erröten lässt, die ich aber doch bekennen will. Kürzlich beobachtete ich nämlich auf dem Fernsehschirm die 3Sat-Kulturzeit-Schnepfe Tina Mendelsohn, wie sie gerade im Bezug auf den Nahost-Konflikt plapperte, man solle doch mal „die Narrative ändern“ und „die Hamas endlich von der Liste der Terrororganisationen streichen“. Da entfuhr es mir, ehe mich mir den Mund mit Seife auswaschen konnte, laut und herzhaft: „Du bist doch echt eine scheißblöde Antisemiten-Kuh!“ – Oh Mann, und jetzt lüge ich auch noch! Ich habe gar nicht Kuh gesagt, sondern – zarten Gemütern empfehle ich, jetzt einen Piepton beliebiger Länge einzublenden – … Fotze. Echt. Antisemiten-Fotze! Entsetzlich, oder? Na ja, so entsetzlich auch wieder nicht, denn zum Glück war ich ganz allein im Fernsehzimmer, und Frau Mendelsohn im Flachbildland hat mich nicht gehört. Ins Gesicht gesagt hätte ich ihr solche Unflätigkeiten natürlich nicht! Obwohl, die hätte bestimmt eine ordentliche Schnute gezogen und einen Flunsch dazu mit ihren dicken Aufblaslippen, die dumme Kuh!

Der Volksmund sagt gern, wenn ihn Ereignisse unberührt lassen, sie gingen ihm „am Arsch vorbei“. Ich zitiere das nur, ich selber würde den Begriff indolent vorziehen. Meine Indolenz erreicht derzeit das Stadium einer gewissen Altersabgebrühtheit, stelle ich fest. Die letzten Tage war hier nämlich der Teufel los, aber mein Ruhepuls lag trotzdem kaum über der Raumtemperatur. Zuerst kam Opa Gauck, der Bundespräsident aller Gutwilligen und Harmlosen, direktemang mitten ins Geddo. Ach was sage ich, in meine Straße! Die wurde dafür den ganzen Tag gesperrt, der Müll wurde weggeräumt und die Anwohner, das Geddo-Gesindel, bekamen, zack, Hausarrest. Gauck kam dann, als die Luft rein war, und hat angenehm unverlausten, frisch schamponierten Migrantenkindern den Kopf getätschelt, die ihm dafür was gemalt haben. Zum Höhepunkt haben sie ihm auch noch ein Lied vorgesungen. Der Presse entnehme ich, der Präsident sei „sogar in das Lied involviert“ worden. Ich war noch nie in ein Lied involviert, glaube ich. Wie das geht, weiß ich gar nicht. Das heißt, ich weiß es in diesem Fall ja doch: Er hat mitgeklatscht! Es gibt sogar ein Beweisfoto in der Lokalzeitung, obwohl man auf einem Foto natürlich gar nicht sehen kann, ob einer klatscht oder nur mit den Händen anzeigt, wie weit ihm die scheiß Symbolpolitik zum Hals raushängt. Ups, schon wieder der böse Volksmund!

Kaum war der Gutmensch abgedampft, hat man nebenan eine Weltkriegsbombe gefunden, die siebente in diesem Jahr, 500 Kg bester Sprengstoff mit Säurezünder, und zugleich brannte im Geddo auch noch eine Schule ab. Oh, oh. Den ganzen Abend bretterten alle dreihundert Löschzüge der Region mit Blaulicht und Sirene panisch durch die Stadt und veranstalteten ein solches Chaos, das alles Leben zum Erliegen kam. Eigentlich hätte man die Bombe auch gleich hochgehen lassen können. Sogar der Weihnachtsmarkt wurde teilweise evakuiert, während im anderen Teil das Gedudel eines Karussells sich in das Sirenengeheul mischte. Ich radelte munter dran vorbei und amüsierte mich darüber, dass die einzige Möglichkeit, in der Stadt mit dem Auto voranzukommen, darin bestand, in dieses Karussell zu steigen. Zum Beispiel in ein Feuerwehrauto.  Bizarr, aber lustig. So weit zu meiner Indolenz. Ich habe trotz allem meinen Abend-Vortrag über den Selbstmord durchgezogen. Viele Zuhörer blieben auf der Strecke, allerdings schon vorher, weil die Autobahn abgeriegelt war.

Das alles hat mich kaum tangiert. Blöder ist schon, dass die Gattin zur Wellnessüberholung weg ist. Gut, man bekommt sie vielleicht wie neu wieder, aber erst einmal fehlt sie bitterlich, und mir ist novembrig zumute. Ja, wäre sie eine Zimtzicke, dann käme vielleicht ein Hauch diebischer Freude auf über ihre Abwesenheit, aber das ist sie ja nicht. Sie ist eine gute Frau. Männer mit schlechten Frauen führen ein trauriges Leben, das kneift und kratzt wie ein härenes Hemd. Oft sieht man solche Männer im Schlafanzug einsam durch ihren Garten streifen und aus lauter Verzweiflung Käfer fotografieren. Ich möchte das nicht. Ich möchte auch nicht, dass die Gattin dies hier liest und daher jetzt weiß, was ich zu Tina Mendelsohn gesagt habe. Sie soll nicht an meiner Gesittung zweifeln, sondern mir den Kopf tätscheln, sich in ein Liebeslied involvieren lassen und: Magister Jekyll, möge sie sagen, dein Herr Hyde geht mir am Arsch vorbei, – und nun hopphopp, Leergut wegbringen!