Archiv für August 2013

Die Reise nach Paderborn (III)

14. August 2013
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Reiseleiter Raymond Roussel. Von ihm lernen, heißt reisen lernen

Weißt du was – ich glaub, ich werd allmählich spirituell frigide“, teilte ich der Gattin mit, nach dem wir den Dom sowohl umrundet als auch durchquert hatten, „dieser katholische Prunkpunk lässt mich heute total kalt … und überhaupt … jetzt sind wir schon zehn Minuten in Paderborn und…“ – „…und dir will’s nicht fromm werden?“ So in etwa. Eine Weile Schweigen. Da unsere Gehirne vernetzt laufen, konnten wir einander denken hören. „Erinnerst du dich an Raymond Roussell?“ fragte ich beiläufig. – „War das nicht dieser ulkige Schriftsteller und fanatische Schachspieler, der praktisch das Wohnmobil erfunden hat?“ – „Genau, und das er auch fast nie verlassen hat, auf Reisen, höchstens mal, um irgendwo ein Foto von sich machen zu lassen. Aber ich meine jetzt die Sache mit Afrika…“ Die Sache mit Afrika war nämlich folgendermaßen. Der sensible Dandy Roussell hatte einst ein Buch über den dunklen Kontinent in Planung und sich zu diesem Zweck Richtung Marokko oder so eingeschifft. Vor der afrikanischen Küste ließ er den Dampfer aber dann ankern, verkroch sich in seine Salonkabine und schrieb dort seine berühmten „Impressions d’Afrique“, ein Buch, dessen Farbigkeit keineswegs dadurch beeinträchtigt wurde, dass sein Autor den schwarzen Erdteil nie betreten hat. Im Gegenteil.

Willst du damit andeuten, für dich wäre es ein akzeptabel cooler Ausflug, zweihundert Kilometer nach Paderborn zu fahren, dort vergeblich einen Parkplatz zu suchen, einen scheelen Blick auf die Passanten zu werfen – nur um dann unverzüglich die Rückfahrt anzutreten?“ Dem Ton konnte ich nicht entnehmen, ob dies eine Fangfrage war; ich blies erstmal betont neutral die Backen auf und machte etwas, das ich für ein Pokergesicht hielt. Das erwies sich als überflüssig. Die Gattin hat zwar den Schwarzen Gürtel in Pragmatismus, ist aber gelegentlich auch dem Wahnsinn auf gesunde Weise aufgeschlossen. „Aber lass uns wenigstens einen Ausstellungskatalog kaufen, damit wir eine schöne Erinnerung an Paderborn heimbringen!“ Abgemacht, gemacht und abgehauen. Schon bald tauchte Paderborn dort auf, wo man es am liebsten sieht, im Rückspiegel. Haha.

Kurz hinter Paderborn fanden wir eine anheimelnde Einöde resp. Gewerbewüstenei mit einem Autohof drin, wo ein Sternenbanner-Schild uns mit den Worten „Welcome to America“ in die Arme schloss, uns die Hände schüttelte und auf beide Wangen küsste. Ein fast original amerikanisches Diner machte auf diese weltmännische und herzliche Weise auf sich aufmerksam. Freie Parkplätze gab es zu hunderten, da konnte sich Paderborn mal eine Scheibe abschneiden! Wir ließen uns also nicht lange bitten, sind da schnurstracks hinein und haben, ohne zu fremdeln oder anti-amerikanischen Gefühlsumtrieben Platz zu geben, nach Herzenslust Cheeseburger mit Riesenhaufen French Fries gespachtelt, mit Mayo und Ketchup, das volle brutale Programm, herrlich, weil Reisen macht hungrig. Unsere Laune hob sich und erreichte Höchstwerte. Zwar hatten wir ca. vierzig Kilo zugenommen, aber das war nur wegen dem zweibändigen, hundsgroßen Katalog, den wir mitschleppten. Am Abend haben wir den Doppeltrumm gemeinsam beim Wein durchgeblättert und uns gleich noch mal gefreut, denn hätten wir all die ausgestellten Dingelchen und Sächelchen zu Fuß abklappern müssen, wäre das eine kaum zumutbare Strapaze gewesen. Dergleichen müssen ältere Menschen nicht mehr durchmachen müssen! So aber hatten wir genügend Energie übrig, gar nicht müde zu werden, einander zu versichern, was für ein schöner Ausflug die Reise nach Paderborn gewesen war.

Die Gattin wurde trotz Schluckauf sogar übermütig, hob das Glas und verkündete: „Das nächste Mal will ich nach Lourdes!“ – „Es sei denn“, gab ich mäßigend zu bedenken, „man könnte sich den Segen und das Heilige Wasser auch im Internet bestellen..“

Die Reise nach Paderborn (II)

7. August 2013
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Kai in der Kiste – St. Brimborius wird durch Paderborn getragen

Bleib einfach ganz ruhig und versuch, wie ein Paderborner zu gucken“ befahl die Gattin, während sie den Wagen kaltblütig auf einen Anwohnerplatz setzte. Ich gab mein Bestes, schnitt ein grobschlächtiges Kartoffelgesicht und so getarnt stürzten wir uns voll teilnehmender Beobachtung in das Gewusel der Eingeborenen. Die Gassen um den Dom waren beige vor Menschen. So viele Anglerwesten an karierten Rentnerbäuchen! Heissa! Und soviel glutrote westfälische Quadratschädel! Die ortsübliche Bevölkerung hockte nämlich bereits in der prallen Sonnenglut auf Bänken rund um den Dom und widmete sich ernst und methodisch dem Verzehr von Bier, Wurst und Pumpernickel, eine närrische (neuntägige!) Woche in Trance, Dusel und Schwurbeldreh vorbereitend bzw. einläutend – wir waren nämlich versehentlich geradewegs in den Beginn des Liborifestes hineingeraten, was für Ethnologen natürlich ein unbedingtes must go hin darstellt. Liborifest, hm, wie soll man das erklären?

Die Padereingeborner erzählen es in etwa so: In ihrem Dom verwahren sie seit eh und je einen alten, mordsklotziggroßen goldenen Karton. Darin befinden sich, so glaubt man jedenfalls, nachgucken hat sich länger keiner mehr getraut, die Knochenreste eines gewissen Herrn Liborius. In grauer Vorzeit war der mal was, Bischof oder so, genaueres weiß man da nicht. Was er jetzt im einzelnen gemacht hat, um durch die Heiligkeitsprüfung zu rutschen, ist auch nicht weiter bekannt. Sind da nicht wenigstens ein paar Wunderheilungen fällig, etwas Bi- oder Trilokation sowie eine Prise Martyrium? Egal, den Stamm am Ufer der Pader ficht es nicht an, dass ihr Stadtpatron ein nur gerade mal knapp mittelbedeutender Kleinheiliger ist. Ist ja schon Wunder genug, dass er da überhaupt drin ist, in der Schatzkiste. Einmal im Jahr nun holen die Stammesältesten oder Kirchenfürsten diesen Heiligen Kasten aus dem Dom und tragen ihn feierlich durch die Stadt spazieren, natürlich mit allerhand Prunk, Pomp und Fisimatenten.

Vorneweg schreiten Würdenträger mit spitzen Hüten, grünem Federkopfschmuck oder roten Kappen und goldenen Wanderstöcken, es folgen die in Ostwurstfalen endemischen Schützenbruderschaften, dann div. Blaskapellen und sonstige honorige Volksabgeordnete im Sonntagsstaat. Man darf davon ausgehen, dass Choräle zu Gehör gebracht werden, ferner, zum Höhepunkt, der „Libori-Tusch“, der den Heiligen Brimborius quasi anwesen lässt. So heißt das auf Paderborner Theologenplatt. Das darf man sich aber nicht so vorstellen, als würde er jetzt plötzlich aus der Schachtel schnellen und Hallodria treiben – die Anwesenheit ist mehr eine zerebral-sakramentale bzw spirituell-mystisch-mirakulöse oder weiß der Geier was.

Abgerundet wird der fromme Paderspaß durch eine Kirmes mit Losbuden, Riesenrad und Kettenkarusell; man kann dort aber auch – die Paderer schlagen gern viele Fliegen mit einer großen Klappe – bei Bedarf Einkellerungskartoffeln und Gebrauchtwagen kaufen. Ferner bietet die Kirmes eine Abteilung namens „Klein Paris“. Sind das so Buden, wo Monsignore mal rasch mit der Marketenderin ins Stroh (die Kiste!) springt? Weit gefehlt. Hier wird feilgeboten, was sich der Ostwestfale unter „internationalen Spezialitäten“ vorstellt. Kartoffelbrei aus Hirse, Champignons à la Pompadour, Nonnenknusperkringel, schwedische Prälatenoblaten, schon der Duft, herrlich! Schlussendlich, wenn Leib und Seele einander selig Gute Nacht sagen, darf ein Feuerwerk nicht fehlen. Gelabt und getröstet geht man dann nach Hause und freut sich auf nächstes Jahr, wenn es wieder heißt: Libori-Tusch!

Man darf über solches Glaubensentertainment geteilter Meinung sein – ich jedenfalls bin es. Einerseits finde ich es begrüßenswert, wenn das sog. Volk sich die Pflege seines uralten Brauchtums angelegen sein läßt. Vom Mittelalter lernen heißt siegen lernen und speziell traditionelle Rituale, deren Sinn komplett abhanden gekommen ist, verleihen Stabilität und Bodenhaftung, wofür gerade der Ostwestfale ein stämmiges Exempel abgibt. Auf der anderen Seite hinterläßt es bei mir eine gewisse Mulmigkeit, wenn ich mir vor Augen führe, dass hier hundertausende ERWACHSENE Menschen, Lehrer, Busfahrer, Finanzbeamte und Gerichtsdiener, so beseligt wie traumverloren einer fabulösen Knochenkiste hinterher laufen und sich wunder was davon erhoffen. Ich meine, ein bisschen beunruhigend ist das schon, oder?

Wir standen entsprechend beklommen am Rande bzw. spirituell gewissermaßen etwas auf dem Schlauch. Mittun kam wohl nicht in Frage – aber wussten wir, was die Paderer mit Ketzern und Erzskeptikern anstellen? Immerhin war jetzt klar, warum wir kein Paderparkplatz ergattert hatten – St. Brimborius war los!

Die Reise nach Paderborn (I)

6. August 2013
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Der Erzbischof mit einem Grand Flush (Foto: nw-news.de)

Da hatten wir das Malheur: Stickum wuselnde Unrastratten hatten meinen festen Vorsatz zernagt, nie wieder im Leben eine Reise, eine Ausfahrt oder Pilgertour zu unternehmen, jedenfalls nicht in der heißen, stickigen, hirnverbrannten Realität. Pah, Vorsatz! Nur noch Brösel übrig. „In Gottes Namen, Frau“, stöhnte ich, „mir geht das enuyierende Gezeter der Islamerer hier auf den Nerv, ich muss kontrasthalber und als Remedium mal etwas derb-katholischen Bauernschweiß schnuppern!“ So ward der Plan geboren, eine Fahrt nach Paderborn zu wagen, ins Herz der Finsternis, wo Ministrant und Monsignore sich herzensfroh Gute Nacht sagen und außerdem derzeit eine „epochale Ausstellung“ (FAZ) zur Christianisierung Europas („Credo“) lockt bzw. auf gläubige Kundschaft lauert.

Von unserer Seniorenresidenz aus ist Paderborn weit weg, fast wie Afrika. Man muss ganz nach Westfalen hin, über Westostwestfalen, Südostwestfalen und dann noch ganz durch nach Nordostwestfalen. Es zieht sich. Um Reiseunterhaltung bemüht, zog ich die Gattin in ein Gespräch: „Sag, hast du früher eigentlich…geschnörkelt?“ Sie ist nicht prüde, zog aber  vorsichtshalber ein Indignationsgesicht. „Ich meine, so beim Telefonieren oder im Unterricht?“ setzte ich nach, „hast du da auch so Schnörkel gekritzelt? Spiralen? Sterne? Blumenranken? Herzchen? Keine Fangfrage jetzt, ehrlich!“ – „Schon…“, gab sie schließlich gedehnt zu, „…Herzchen aber nicht!“ – „Und teilst du meinen Eindruck, dass die Kulturtechnik des Schnörkelns im Untergang begriffen ist?“ Sie teilte. – „Ich habe eine Theorie, weshalb!“ verkündete ich. „Klar, wegen der Kabel“, kam sie mir zuvor, „die waren immer so spiralig verknotet und zwangen einen, am Resopalküchentisch zu sitzen beim Telefonat, und während Mutti erzählte, hatte man eine beschäftigungslose Hand, die sich langweilte und kritzelte. Bzw. dann eben schnörkelte...“ So ist es! Mobile kills the Schnörkel-Art! Man stellte im weiteren fest, dass die Kunst des sinnfreien Schnörkelns mittlerweile immerhin noch in den Händen von Spezialisten bewahrt wird, der Tatoo-Studio-Mogule nämlich, die in letzter Zeit vollschlanke Damen und anabolische Herren dermaßen methodisch und buchstäblich flächendeckend mit Ranken, Sternen, Runen und Rauten vollschnörkeln, dass es aussieht, als hätte der Schöpfer bei der Herstellung der menschlichen Schmierzettel eine Menge zu telefonieren gehabt.

Solchermaßen in kulturell wertvolle Plaudereien vertieft, näherten wir uns dem Weichbild der erzbischöflichen Residenz, was man umso erstaunlicher finden darf, als ich eigentlich gar nicht weiß, was ein Weichbild genau ist. „Früher war es kein Makel, etwas nicht zu wissen“, bemerkte die telepathische Gattin dazu, „heute heißt das nur, man ist zu faul zum googeln.“ – „Apropos! Hast du mal gegoogelt, wieviel Dome es in Paderborn gibt?“ – „Wieso?“ – „Weil wir schon zum fünften Mal an einem vorbeifahren!“ – Es handelte sich bei näherem Hinsehen allerdings immer um den selben, wofür es einen einleuchtenden Grund gab: Paderborn ist eine Stadt ohne freie Parkplätze. Ich meine, ich habe viele schlimme Dinge gesehen im Leben, ich war in verfluchten, verwahrlosten und komplett heillosen Metropolen wie Köln und Düsseldorf, wo die Leute aus purer Verzweiflung vor der grünen Ampel in der zweiten Reihe parken, aber das war nichts gegen Paderborn. Fortwährend kam es zu blutigen Massenkarambolagen, weil dreizehn, vierzehn, ja fünfzehn Limousinen zugleich in eine Lücke rammten. Verdammt, verdammt! „Und der feine Herr Erzbischof hockt derweil schön im eisgekühlten Diözesanpalast und spielt Poker mit seinem Chauffeur!“ stieß die Gattin, deren Vorstellungswelt gelegentlich windungsreich und voller Überraschungen ist, hervor. „Oder er telefoniert auf seinem goldenen Fernsprecher mit dem Papst, auf Latein!“ – „Und kritzelt dabei Schnörkel!“„Was Erzbischöfe wohl so schnörkeln?“„Natürlich Kreuze“, schlug ich vor, „mit so perspektivisch schrägen Kantendingern, damit sie dreidimensional wirken…“ – „Wenn er gut ist, malt der vielleicht Gésulini…“ spann die Gattin versonnen ihr Garn. „Wie? Nudeln?“ – „Nee, so kleine Jesusse…“ Jesusse! Die Hitze und die Parknot begannen uns zu schaffen zu machen…

Noch etwas später stieg die Gattin urplötzlich fast selbstmörderisch heftig in die Bremsen, um eine verirrte Paderborner Oma über die Straße zu lassen. Ich wischte mir das Blut von der Stirn und fragte: „Manno! Solln das?“„Meine gute Tat für heute“, hieß es da stoisch, „vielleicht dass…“ –„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Du glaubst, Gott jobt als Parkplatzwächter in Paderborn?!“ Die Gattin schenkte mir ein agnostisches Achselzucken und murmelte: “Was wissen wir schon….“ Ich beschloss, meinen Vortrag über Blasphemie stecken zu lassen – mit Ehepartnern über Glaubensfragen zu streiten, gilt zu Recht als untunlich, also lenkte ich ein: „Na gut, EINE Chance soll er haben!“ In der nächsten Stunde hatte ich Muße, darüber zu meditieren, was der Erzbischof zu Ostern gesagt hatte, nämlich der menschliche Geist möge hübsch aufpassen, dass er nicht aufgehe in sich selbst: in der Orientierung am Konsum, der Fixierung auf das Eigentum, dem Versinken in Banalität“

Und wir waren an letzterem schon verdammt nah dran…