Archiv für November 2010

Nie wieder im Keller essen! (Frittierte Film-Schnitzel)

27. November 2010

Grundsympathisch: Bruno Ganz als Hitler (Foto evtl. urherrechtlich geschützt - Quelle: faz.net)

Kürzlich mal wieder den Film „Der Untergang“ („Dörr Onntergank“) angesehen und in alpträumerische Verwirrung geraten. Der Streifen spielt im Wesentlichen im Bunker („Bonckerr“) der Reichskanzlei; Hauptfiguren sind eine unbedarft rehäugige junge Sekretärin (bezaubernd: Alexandra Maria Lara), die viel und nervös raucht, allerhand Nazi-Mist abtippen und auch noch die zwölfundzwanzig Goebbels-Kinder bespaßen muß, ansonsten aber als verführte Unschuld nicht viel mitbekommt („wir wussten ja nichts“), sowie natürlich der tapprige olle Onkel Adolf („Heil“) Hitler (grundsympathisch: Bruno Ganz), der ein wenig cholerisch, aber letztlich doch bestürzend menschlich durch die unterirdischen Gänge klabautert, mit melancholischer Miene Stopfkuchen isst, seinen Schäferhund Blondie krault, verwahrlosten Kindern („Hitlerjugend“) wertlose Orden anpiekt und ansonsten händezitternd an seiner Parkinson-Erkrankung laboriert. Hitler geht es wie vielen Senioren: Er kann sich keine Namen mehr merken und hat Schwierigkeiten, sich mit dem Verlust der Weltherrschaft abzufinden. Seinen Hang zu wesentlich jüngeren Frauen sublimiert der „Führer“, indem er auf Generalsstabskarten Armeen herumschiebt, die es längst nicht mehr gibt. Typisch alter Sack, also.

Weil oben, in Berlin-Erdgeschoß, gerade das Deutsche Reich zu Bruch geht und der Russe brutalst möglich mit Schieß-Granaten schmeißt, leidet der „Föhrrerr“ sichtlich unter Stimmungsschwankungen. Beim heutigen Stand der Psychotherapie bzw. Palliativ-Medizin, so der Eindruck, hätte man dem verwirrten alten Mann durch gute medikamentöse Einstellung zu mehr Lebensqualität verhelfen können (Ritalin, Anti-Depressiva, Viagra). So aber verdüstert sich die Lage zusehends. Auch nicht gerade stimmungsaufhellend wirkt sich aus, dass in den neonbeleuchteten Kellergängen an jeder Ecke doofe Nazis herumstehen, um zackig zu salutieren, sinnlose Befehle zu bellen oder insgeheim mit den Augen zu rollen, weil die Umfrage-Werte der NSDAP mal wieder ganz schön im Keller sind – wenn schon nicht die Vernichtung der Juden oder der verlorene Krieg, so hat doch die Erhöhung der Tabak-Steuer Popularität gekostet! – Gänzlich unangenehm wird der Kelleraufenthalt durch die penetrante Anwesenheit eines ungemein hässlichen Patienten, der ein albernes, senfgasgelbes bzw. babydurchfall-braunes Jäckchen trägt und sich gern mit „Dr. Goebbels“ anreden lässt. Gespielt von Ulrich Matthes, wirft er dermaßen fanatisch-dämonische, böse Blicke um sich, dass die berühmten deutschen Fliegen-Asse tot von den Kellerwänden fallen und selbst Reichshundeführerin Blondie gequält aufjault.

Es geht zu Ende, in der TV-Fassung ca. 175 Minuten lang. Bei Tisch isst man auf Wunsch von Onkel Adolf vegetarisch (Nudeln mit kriegsbedingt künstlicher Pampe) und lauscht teils genervt, teils mit „onnerbettlicherr Önntschlossenheit“ seinem verworrenen Gebrabbel (die berühmten „Tischreden“ des Führers); betretene Blick auf den Teller sind – bei den geringfügiger belasteten Mitessern – die nur allzu verständliche Folge. Die Stimmung ist gedrückt, es will nicht mehr recht schmecken. Der vielbeschworene „Onnterrgank“, vor allem der Esskultur, ist greifbar nahe. Nachtisch muß ausfallen. Ohne Pudding ins Bett resp. zack! auf den „Müllhaufen der Geschichte“! Nach dem letzten Abendmahl macht man reinen Tisch – die Nazi-Prominenz retiriert ins Separée, nimmt Zyankali-Gift, gibt sich die Kugel und lässt sich hernach mit abgespreiztem rechten Arm feuerbestatten. Happy End und Abspann.

Nachdem das deutsche Volk wie durch ein Wunder von der Hüttler-Barbarei genesen, schwor es sich bekanntlich, dass in unserem Lande („unter deutschem Boden“) nie wieder im Keller gegessen werden sollte, vor allem keine künstliche Pampe, niemals bei Neon-Licht und keinesfalls mehr bedient von seelenlosen, in hässliche Uniformen gehüllten Schergen aus dem Bodensatz der Gesellschaft („Volkssturm“). Auferstanden aus Ruinen der Zivilisation wollte ein geläutertes Volk pausbäckiger Fruchtzwerge an den Katzentisch der manierlichen Nationen zurück, fürderhin ohne deutschtümelnde Schnitzelhuberei und braune Panade. Statt dem Braunkittel „Dr. Goebbels“ jubelte man nun „Dr. Oetkers“ zu und aus den Reihen hungriger Hitlerjungen entsprangen neue, blitzsaubere, grund-entnazifizierte Helden der Zivilgesellschaft: Esspäpste, Fernsehköche und Restaurantkritiker. Mit in stickigen Kellern verdruckst verschlungenen Schweineteilen („zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“) sollte es ein für allemal vorbei sein.

Doch das Böse schläft nicht, sondern lacht sich hämisch ins Panzerfäustchen. Tief unten, hinter den sieben Tiefgaragen, im Untergrund hedonistisch-bolschewistischer Konsumtempel verbunkert sich der alte Ungeist. Wer es sich einfallen lässt, im stickigen Untergrund (Forum, Untergeschoß, Frontabschnitt C 10), welcher in diesem Fall den Charme eines aufgepeppten Provinz-U-Bahnhofs versprüht, allen Ernstes Essen zu fassen, der muß, von allen Versorgungsbatallionen abgeschnitten, an Randes des Hungertods stehen, oder er hegt vielleicht deutschhubernden Multikulti-Hass. „Wer eine vielseitige Speisenkarte mit vielen unterschiedlichen Gerichten sucht – Fehlanzeige“ vermeldet schon der Internet-Auftritt vom „Schnitzelhuber“ triumphierend. Die Speisekarte wurde von allen volksfremden Elementen gereinigt! Hier wird deutsch gegessen! Wollt ihr das totale Schnitzel? Dann ist gut, denn „bei uns gibt es nur knusprige Schnitzel in vielen Variationen“, trumpft die Oberste Frittier-Leitung auf.  Als Konzession an unsere Kameraden im Ostreich gibt es immerhin noch „Wiener Backhendl (neu)“.  Zu betonen, dass diese „neu“ sind, macht Sinn, erweckt das stahlhart durchfrittierte Geflügel nämlich sonst eher den Eindruck, schon viele Luftkampfeinsätze geflogen zu haben. Ansonsten wird Material aus den Massentierhaltungs-KZs herangezogen.

Dennoch, das unbelehrbare Volk lässt sich mal wieder von falschen Versprechungen oder niedersten Instinkten verleiten: Mittags ist dieser Hort raffiniert ausgeklügelter Ungemütlichkeit rappelvoll. Zischend und fauchend wird auf die Teller gefeuert, was die 30cm-Fritteuse-Artillerie hergibt.  Die schäbig uniformierte Besatzung des U-Bootes „Generalfeldmarschall Schnitzelhuber“ ist dabei gestresst wie unsere Kameraden vor Stalingrad. Blickkontakt mit dem Feind bzw. der Kundschaft ist strengstens untersagt. Hier werden Geschütze bedient, nicht Kunden. Schweiß, Fett und Tränen. Wer hier als Zivilisten-Weichei eine Bestellung abgeben möchte, durch den wird mit eiserner Entschlossenheit hindurch geblickt. Für mich erfüllte sich damit zehn Minuten lang ein Kindertraum: Einmal im Leben unsichtbar sein! Nummern werden gebellt, Besteck fliegt über die Gräben, Tellerminen werden geworfen. Bloß keine Zeit verlieren: Schlacht in der Mittagspause!

Zum authentischen „Bonckerr“-Gefühl fehlt eigentlich nur ein dementer österreichischer Obdachloser, der in einer Ecke hockt, wirres Zeug stammelt und bramabasiert, „das Volck“ habe „nöchts besseres förrdient“ als … den „Onntergank“!

 

Philosophie im Bad. Elektro-Dreadlocks

10. November 2010

Extrem aufregendes Bekenntnis, Leute: Ich besitze einen Fön! Kaum zu fassen, ich weiß. Er ist halt nützlich bzw. unabdingbar zur Herstellung einer modischen Fönfrisur, das einzige, was meine wachsenden sog. Geheimratsecken einigermaßen kaschiert. So weit, so spannend. Wow, oder? Ein Fön! – Morgens, nach dem Duschen knipse ich ihn an und puste mir die Frisur zu Berge. So weit, so trivial. Gähn… – Das metaphysisch Eigentümliche, intellektuell kaum zu Bewältigende liegt indes darin, dass das anhängende Kabel, obwohl ich mit dem Fön überhaupt nichts Extravagantes anstelle, täglich und zusehends immer mehr und niederschmetternd … verkrunkelt(vgl. Foto!). Das Kabel verdreht, verzwirbelt und verknotet sich jeden Tag um mehrere Windungen, – und ich weiß nicht, wieso. Ich tanz doch nicht Tango beim Fönen! Dessen ungeachtet verflixt, verfilzt, verwirbelt und verdengelt sich das seelenlose Mistding ein ums andere Mal hoffnungsloser, bedrohlicher und irreversibler zu einem unauflöslichen Wirr-Quirl und Katastrophenknoten. Elektro-Dreadlocks.

Ich entwirre es fast täglich, drösele es mühsam wieder in Normalform, aber schon am nächsten Morgen bildet es wieder ein elend draht-nudelig in sich verflochtenes, verknotetes Gebilde selbstinduzierter Verdrehtheit, Verschraubung und Verkorkstheit. Eines Tages wird das Kabel endgültig an seiner eigenen, selbst gewollten Verdrillung zerbrechen und es ist aus mit der heißen Luft. Todestrieb der mobilen Haushaltsgeräte! – Gut, aber warum? Es gibt, so viel ich weiß, mathematisch-physikalisch-topologische Theorien, die beweisen, dass längliche, flexible Dinge (Haare, Nudeln, Kabel, Zwirn) nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten dazu neigen, sich zu unentwirrbarem Filz zu verknoten. Aber genügt das?

Es will mir doch auch etwas sagen, das Kabel, es verdrillt sich metaphorisch und symbolisch, es fungiert als ein Zeichen höherer, klügerer Mächte! Es spricht, und zwar auf Sanskrit: „Tat tvam asi“ sagt es, – das bist DU! Wie? Ich ? Wieso ich denn? Weil, nebbich, mein Hirn diesem Kabel halt aufs Haar gleicht. Als ich jung war und die Wirklichkeit noch direkt aus der Steckdose kam, verwandelte sich der Impuls unverwunden (!) und unmittelbar direkt in heiße Luft. – Wie anders heute! Jetzt, im fortgeschrittenen Alter, muss, was ich denke, sich durch ein wirres Knotenknäuel von Verdrehungen, kruden Verwindungen und jähen Richtungsänderungen kämpfen; alle anderthalb Zentimeter ein Wenn-und-aber, ein Jedoch- und-andererseits, ein Hingegen und Hinwiederum-im-Gegenteil! Die ursprüngliche Idee kühlt dabei merklich ab, relativiert, verzweigt, ja untergräbt und verknotet sich selber. Kaum gelingt es mir noch, mich zu einem Meinungsinhaber hochzufönen!

Das Kabelorakel verrät mir: Du wirst alt! Dein Denken wird ja peinlicherweise immer verdrehter, verwinkelter, knotenreicher und komplizierter. Noch nicht Alzheimer, aber doch schon eine Art Zerebral-Sklerose, ein empfindlicher Mangel an Gradlinigkeit, Direktheit und Schnörkellosigkeit. Der Kölner Alt-Bundeskanzler Konrad Adenauer konstatierte einst: „Je einfacher denken, is oft enne jute Jabe Jottes“. Ja, Pustekuchen! Damit ist es leider vorbei! An die Stelle schnurz-präpotenter Bescheidwisserei tritt das skeptische Abwägen, die frei assoziierende Abschweifung, die sich potenzierende Komplikation. Am Ende steht, anstelle eines knackigen Meinungs-Statements, bloß ein müde-fragendes „Phhhh…? – Wie bei meinem Fön!

Hülfe es, einen neuen Fön zu erwerben? Immerhin gäbe es den leichter als ein neues, junges Hirn. Das wärs doch: Neues, junges, unverknotetes Denken! Heiße Luft wieder ohne Umwege! Aah, noch mal jung sein! Rankes, schlankes Direkt-Meining! Andererseits: Der Fön TUT es doch noch! Nur das blöde Kabel zickt. Am liebsten wäre mir ein Laden, wo ich sagen dürfte: „Tun Sie mir bitte an den noch hervorragend pustenden Fön ein ordentliches neues, unverdrilltes Kabel so irgendwie unten hinten dranbummeln!“ – Aber solche Geschäfte gibt es ja nicht mehr, aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Man kann ja auch nicht zum Arzt gehen und sagen: „Bittschön, machen Sie da das bisschen Alzheimer weg, und lassen’s den Rest halt, wie er ist!“