Archive for the ‘Freitagsgebet’ category

Drei Texte aus dem Jahrhundert der Erbaulichkeiten

24. Februar 2012

Was mir die Muse hinterließ...

Musenbesuch. – In der Nacht überkam mich trotz reichlich genossenem Punsch-Grog tiefe Traurigkeit des Herzens, und so entschloss ich mich, ein Räucheropfer darzubringen und Melpoméne zu beschwören, die Muse der Schwachmütigen, von der geschrieben steht, sie habe über die Zeitläufe hinweg sehr viel Unglück und Leid gesehen und hülfe durch ihren Gesang, neue Kraft in den menschlichen Geist zu transportieren, auf dass er schließlich triumphiere. Schon erscholl sie geisterhaft: „Sterblicher, geh hin und opfere mir ein heiser kläffendes Malterserhündchen oder einen nervigen Yorkshire-Terrier mit goldenem Vließ, so will ich dir unter Umständen erscheinen!“ Ich tat wie geheißen und massakrierte das lästige Schoßtier, es hatte dies längst verdient.

Ein Moment der Magie! Kaum erstarb gurgelnd das Kläffen des Hündchens, entwand sich dem Dunkel im Stubenwinkel wohlduftend das herrliche Mädchen, die hochbrüstige Jungfrau, rabenschwarz und alabasterhäutig, in seidengeblümte Lingerie-Waren gehüllt und sternenbestäubt: Melpoméne, quasi-göttliche Tochter des Zeus und der Mnemosyne! Herbstsüß wie Ahornsirup troff ihr ein Lächeln von den vollen, flaumumschattenen Lippen.

Ich schilderte meine Beschwerden, Malesten und Symptome, die ganze Not: „Beginnende Resopalisierung des Empfindungsvermögens“, lautete die Musen-Diagnose. „Das kann schlimme Desertifizierung der Großhirnrinde bewirken!“, murmelte sie besorgt. Ihre Stimme verschwamm schon im Punschbecken. „Hier, ich schreib dir was auf“ hörte ich die Muse noch panflöten, dann verblich sie schon wieder, anmutig ihren Namen tanzend, im Algendunst des Wecker-Lichts. Was sie hinterließ, gab mir indes zu rätseln.

Tiefer Fall. –„Keine Zeit, keine Zeit!“ – Apostel Petersen, eigentlich ein umgänglicher, geselliger Mensch, bügelte hektisch an seiner Business-Soutane und blies die rosigen Backen auf. Er war berufen worden und sollte abends ein Amt bekommen! Unsere Runde huldigte ihm schon mal frenetisch und berechnete johlend seine Pensionsansprüche. Wir freuten uns für den Kandidaten-Kameraden! Zu früh leider.

Die dreimal vermaledeite Sykophanten-Presse hatte nächtens nicht geruht, hatte gewühlt und es dann lüstern offenbart und herumposaunt resp. ausgeschrieen: Einst, als blutjunger stellvertretender Beauftragter für liquide Nutrifikation beim Nuntius von Schwenningen, hatte Apostel Petersen wohl einmal fahrlässig seines Nächsten Weib begehrt! Zwar, dem besagten Nächsten war dies egal, denn Herr Frerkes war schon lange verstorben, an unheilbarer Gemütsvertrübung, aber eine resche Witwe zu begehren, auch wenn sie nach Argentinien verzogen war und nur noch dem phantasmagorisch-transatlantischen Fernbegehren zur Verfügung stand, beschädigte das in Frage stehende Amt. „Schuldig! Schuldig! Schuldig!“ heulte der Chor der Furchtzwerge, „damit nehmen wirs genau!“

Apostel Petersen musste eine knieweiche, faselscheinige Erklärung abgeben und, einen spitzen Schandhut auf dem Kopf, schamfristgerecht zurücktreten. Ein Traum zerbarst, ein Trauma wurde geboren. Der Geschmähte ging damals als Aushilfs-Anachoret zum Häresiarchen nach Eritrea, um der Vergessenheit anheimzufallen. Heute soll er unerkannt bei der Continental in Lüneburg arbeiten, wo er alljährlich Puff-Partys für verdienstvolle Aquisiteure organisiert. – Hoch fliege, wer tief fallen möchte!

Jähe Verwandlung. – Ich führte stets das Asketenleben eines hageren Hungerherings, aß nur Sportbrot und Tubenfisch aus der Spürdose, ernährte mich von Diätbüchern, die ich selbst ersann, aufschrieb und im Eigenverlag vertrieb und ich mied das Normodrom, wo die Megalomanen, Hypermotoriker und Hydroklasten tobten, item die Sektierer, die Lügenbrut der Oligophyten, Lotophagen und Barbelo-Gnostiker, die dem Herrn ein Greuel sind und die ich gehorsamst verfluchte, ich blieb keusch und treugläubig, erkannte kein Weib, so es verschleiert des Weges kam und trank nicht aus Bechern, in die eine Jungfrau geschaut hatte. Nie ritt ich auf gescheckten Wiederkäuern mit geflecktem Fell und gespaltenen Hufen, noch trug ich je ungebügelte Hemden oder rauchte beim Gebet. Und dennoch schlug mich der Satan!

Eines Morgens erwachte ich und fand mich in einen ungeheuren, dicken alten Sack verwandelt, einen Schlemmer, Prasser und Wollüstling, der bei den Huren und Zöllnern speiste, die Frömmler verlachte und lästerliche Reden hielt. Verhängnis und Hässlichkeit! Wie war das zugegangen? Einer Hexe widriger Zauber? ein heimlicher Fluchspruch? der Dämonen übelriechender Odem? – Ach, vielleicht ist es einfach das Alter.

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Morns um Pfümpf (Zähneknirschen)

2. Dezember 2011

Bei Kilometer 8,5: Die Schmerzen kommen erst noch!

Verdammt, abends die Tabletten vergessen und zur Strafe morgens um 5.00 Uhr aufgestanden. Menno, greinte ich selbstmitleidig, um diese klamme Unzeit schläft ja selbst Frau Dr. Angela Merkel noch! Oder schlüpft höchstens gerade erst aus ihrem mit honigblauen Bärchen bedruckten Edelflanell-Pyjama, der in der kurzen Nacht kaum Zeit gehabt hatte, schlaftypisch seine sorgfältige Gebügeltheit zu verknittern, um sich, während man ihr die Haare macht und die verquollenen Äuglein pudert, von ihrer Assistentin das Redemanuskript reichen zu lassen, weil sie das „noch mal durchgehen“ will. Frau Merkel soll nämlich um neun eine Regierungserklärung verlesen und muss noch an dieser Metapher mit dem Marathon-Lauf feilen. Vor dem Frühstück!

Marathonläufer, wird sie später sagen, hätten ihr erzählt, ab Kilometer 35 würde es erst richtig, richtig schmerzhaft. Das sollte in Bezug auf die Euro-Krise wohl bedeuten, das schlimmste käme erst noch. Dazu deutete sie mimisch ganz kurz eine gewisse innere Finanzschmerzverzerrung an, um dann aber sogleich wieder ungemein mecklenburgisch-patent, tapfer und zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Als Bundeskanzlerin braucht sie ja Contenance-Kompetenz und kann jetzt nicht einfach so losheulen! Außerdem muss sie gleich schon wieder weg, nach Frankreich trampen jetten, um den großen Pinocchio zu treffen, da will man ja gut aussehen. Im Bus Flieger wird sie noch mal mit ihrer Gesichtstrainerin diese liebreizende Miene aus errötender Mädchenhaftigkeit und mütterlichem Beruhigungstrostdusel üben, die sie immer aufsetzt, wenn sie den kleinen Frosch Prinzen in Paris küsst. In der Stadt der Liebe! Das kommt nämlich gnadenlos im Fernsehen.

* * *

Ich selber kann morgens um fünf Uhr praktisch noch überhaupt gar nichts. Zitternd vor Desorientiertheit sitz ich am Schreibtisch und spüre, wie mir brachial die Bartstoppeln durch die Gesichtshaut brechen. Derart hypersensibilisiert studiere ich die Frühnachrichten, in denen es u. a. hieß, 10% aller Deutschen knirschten mit den Zähnen. Dazu haben sie auch allen Grund, denke ich, finde aber zugleich die Vorstellung grauenerregend, wie es sich anhört, wenn acht Millionen Menschen unisono mit den Zähnen knirschen. Man könnte das mal aufnehmen und mit so einem dumpfen, schleppenden TripHop-Beat unterlegen und vielleicht noch additiv dazu einsampeln, wie 25 Millionen Deutsche morgens verzweifelt gähnen, weil schon wieder so ein Tag ist. – Das Grauen! So etwas würde Frau Merkel sicher nicht hören mögen, sie hat sich wahrscheinlich eine schöne Entspannungs-CD eingelegt, für Flöte, Harmonium und Meeresrauschen, damit sie nach 35 Kilometern noch Puste hat. Mit Schnappatmung kann man keine Währung retten!

* * *

Vorgestern hab ich mit der Gattin einen Fernsehfilm angeschaut, worin Götz George einen pensionierten, mählich dahinsterbenden Staatsanwalt spielt, der einen alten Fall aufklären will, bevor er krebshalber wegmuss, und schon bald wird klar, er ist selbst der von ihm gesuchte Mörder, ermittelt also wie Kleists Dorfrichter Adam gewissermaßen in Eigenbedarf. Wozu er aber denn da, frage ich die Gattin aufklärungsheischend, weil sie von Filmen mehr versteht als ich, erst anderthalb lange Stunden hustend durchs fahl-dunstige Brandenburg stochern musste – er hätte doch genauso gut gleich zur Polizei gehen und sagen können, ich wars. Also er jetzt. Dann wäre der Film in Nullkommanichts zu bewältigen gewesen und dieses ganze entsetzliche Brandenburg wäre uns erspart geblieben. Als ich mit der dummen Fragerei nicht aufhören wollte, breitete die Gattin schließlich genervt die Arme aus und tremolierte pathetisch: „Mensch – er tahaat es für uns!“ – Man würdigt das zuweilen vielleicht nicht genug?

* * *

Fremde Berufswelten wie die von Angela Merkel finde ich im Prinzip schon phantasieanregend. Weil ich mich morgens leicht verlese, stolperte ich über einen Roman-Satz, der besagte: „Vor der Klinik saßen die Krankenhausbesitzer und rauchten.“ Diesen Satz würde ich gerne verfilmen: Wie so feiste, in gestärkte weiße Anzüge gehüllte Hospitaliers vor ihrer Bude sitzen, Zigarren schmauchen und ihre blutigen Hände reibend auf Patienten lauern! (Es hieß aber bloß Besucher, nicht Besitzer.) Die Gattin indes, Meisterin des kreativen Versprechers, meldete noch, die Familie der Wasserableser sei unterwegs. Bevor sie sich noch in „Firma“ korrigieren konnte, erträumte ich mir bereits einen vage zigeunerhaften und dubiosen Clan, der seit Generationen die exklusive und irgendwie klandestine  Kunst des Wasserablesens hütete, deren Geheimnis aber bei Todesstrafe nicht ausplaudern dürfe. Manchmal, denke ich, sollte man sich sprachlich etwas mehr gehen lassen, um Neuland zu entdecken.

Hausnachrichten

5. November 2011

Drei sind zuviel.

Vorgestern ist meine Nachbarin Heike gestorben. Habs grad erfahren. Man hat sie am hellen Mittwochnachmittag tot in ihrem Bett gefunden.  – Pitti, gerade erst frisch verwitweter Ex-Hausbesorger und Meister-Lakoniker, passt mich auf der Treppe ab. Er deutet mit sardonischem Lächeln nach unten, wo die Alk-Fraktion wohnt und wispert: „Ruhig da unten, die Tage, oder?“ –  „Stimmt!“ erwidere ich fröhlich, „seit Tagen schon kein Gebrüll und Krakeel mehr!“ Pitti nickt bedächtig: „Is wohl, weil die Heike gezz tot ist.“ Stumm sinnt er seinen eigenen Worten nach, während ich trocken schlucke. Jetzt ist das Martyrium also zu Ende. „Die blöde Votze“, so ihr Alk-Galan, der jeden Tag mit Gebrüll drohte, ihr „das Maul zu Brei zu schlagen“, hat jetzt, plötzlich, aber nicht völlig unerwartet, ihren Frieden. Zwar kann der Mensch Ungeheuerliches aushalten, aber nicht für ewig. Ob es die drei Flaschen Vodka pro Hartz-Tag waren, die Tabletten, die Prügel oder die allgemeine würgende Lieblosigkeit des Lebens, das wird vielleicht die Obduktion ergeben, oder auch nicht. Dass manche Menschen niemals Glück haben im Leben, das ist keine forensische Kategorie.

Wenn Heike nüchterne Tage hatte, was ab und zu vorkam, war sie eine angenehme Person, formvollendet höflich, leise und immer bemüht, sich ihr Elend nicht anmerken zu lassen. Perfekte Trinker-Contenance. Es gab Tage, an denen sie sich erinnerte, dass sie mal Akademikerin war, sie machte den Rücken gerade, unterdrückte das Zittern und beanspruchte Menschenwürde. Bei mir kein Problem, bei ihr schon, denk ich.

Nicht dass wir Freunde waren, dass sicher nicht, aber sie gehörte zu uns, sie war wie wir, nur schon etwas weiter vielleicht. Heike wurde 44 Jahre alt.  Das Schlimme ist nicht der Tod, sondern die Ahnung: Sie hatte es nie besser als jetzt.

Pitti, der mit Heike befreundet war (the blind leading the blind) läst sich nichts anmerken. „Kannze nix machen“, sagt er stoisch, auf dem Weg zur Kneipe, und: „meinnze, ich soll’n Schirm mitnehmen?“ – „Klar“, murmele ich, weil ich weiß, dass Pitti sein Hörgerät nicht drin hat, „besser noch, man würde mit’m Schirm geboren“. Das war eine Spitze gegen Gott, den ohnmächtigen alten Sack. Ruh in Frieden, Heike. Immerhin mit Schlägen ist jetzt Schluss.

 

Monsignore Kraska – Oberster Religionswächter im Geddo

22. April 2011

Traurig trotz allem...

„Oh Himmel, strahlender Azur!“ (Brecht) – Der Frühlingstag im Geddo so rücksichtlos schön, dass es fast wehtut. Bäume und Sträucher im Festtagsgrün, die Amseln flöten fromme Motetten, blank poliert und seinsfromm ruhen die silbernen Daimler am Straßenrand. Nachbar Özgür ist das wurscht, seit Tagen wütetet er im Nachbarhaus mit Bohrmaschine, Hammer und Meißel, schleppt Steine und Rigipsplatten, kurz, schuftet, dass die ganze Straße etwas davon hat. Soviel arbeitet der sonst im Jahr nicht! Tagelang war ich genervt, heute bin ich verärgert, denn es ist, nun ja … Karfreitag, weswegen ich mich persönlich herunter bemühe, um Nachbar Özgür mordsmäßig zusammenzuscheißen, dergestalt, dass ich ihm in derben Worten donnernd, zum Teil auf Türkisch (ayıp! haram!), vorhalte und verdeutliche, dass heute im Gedenken an den Märtyrertod des Propheten Isa ein hoher christlicher Feiertag begangen werde, an dem ruhestörender Arbeitslärm wahlweise Polizeieinsatz oder Höllenverdammnis nach sich ziehe. Schwer beeindruckt und offenbar eingeschüchtert lässt Häusleumbauer Özgür den Hammer sinken und verspricht eilfertig die Einstellung der Bauarbeiten.

Befriedigt ziehe ich ab. Die Gattin hingegen, zufällige Zeugin meines Einsatzes zur höheren Ehre Gottes, zieht die Brauen hoch und spöttelt: „Oha! Der Magister als oberster Religionswächter im Geddo! Ist ja mal ganz was Neues!

Nun ja, stimmt schon, als gläubiger Christ bin ich seit meiner Konfirmation nicht mehr hervor-, sondern vielmehr definitiv ausgetreten. Und doch. Man kann aus einer Kirche austreten und eine Religion ablehnen und ist ja doch in ihrem Dunstkreis aufgewachsen, von ihren Traditionen kontaminiert und visuell oder musikalisch verstrahlt. Ich hab zu viele öde Kindergottesdienststunden auf Bilder des am Kreuz gemarterten Jesus gestarrt und zu viele barocke Passionsoratorien gehört, als dass mir die wirre, traurige, unfassbare Passions-Poesie nicht irgendwie, sagen wir ruhig: im Herzen, naheginge, was immer diese gequälte, triste Geschichte nun symbolisieren will.

Man erkenne mir meinetwegen deshalb das Goldene Ausrufezeichen am Bande (für fünfzig Jahre linientreuen Atheismus) ab, – es ist halt so. Ich habe auch die immer mal auftauchenden, von eher pubertär geprägtem Humor zeugenden Persiflagen auf das Kruzifix, bei dem da ein Frosch, eine Osterhase oder sonst was gekreuzigt wird, nie besonders lustig gefunden. Und als kürzlich der öde Landeslümmel von den NRW-Grünen die Aufgabe der karfreitäglichen Feiertagsrestriktionen forderte – diese scheiß Generation implodiert halt, wenn sie mal einen Tag nicht „Party machen“ dürfen –, erlitt ich einen knapp einstündigen Anfall mittelalterlichen Glaubenskriegertums und rief nach dem Zorn Gottes, dass er niedergehe oder wahlweise bitte sich ergieße auf die Landeszentrale der Grünen, die mir sowieso immer mehr auf den Sack gehen, diese islamophil-debilen Erzschelme. Damit das auch mal gesagt ist.

So. Was noch? Gestern waren schon wieder die Zeugen Jehovas an der Tür. Haben mich  die Sekten-Ganoven doch tatsächlich notiert, weil ich sie neulich nicht gleich die Treppe herunterwarf, sondern freundlich ihres Weges schickte! Da könnte man ja eventuell noch mal mit dem „Wachturm“ nachbohren, dachten sie sich, in eklatantem Missverständnis dessen, was der dicke Magister sein „Tao der Sanftmut“ nennt. Selbst der sanfte Jesus soll ja gelegentlich recht grobianisch gewesen und mit dem Schwert gedroht haben. Manche Leute verstehen halt keine andere Sprache, wird er sich gedacht haben, und verzichtete daher darauf, soweit wir Leben-Jesu-Forscher wissen, mit doofen Heftchen von Tür zu Tür zu latschen. – 

Im Übrigen tröstete mich als Kind an der Passionsgeschichte immer, dass nach drei Tagen alles wieder gut, heil und in Butter war. Dramaturgisch ist das vielleicht etwas übers Knie gebrochen, aber was schluckt man nicht alles für ein bisschen Hoffnung. In diesem Sinne wünsche ich ein frohes Osterfest, an dem ihr glauben möget, was ihr wollt – wenn ihr nur die Finger vom Heimwerkern lasst!

Kraska macht Putz, Stadt machen weg: Hetzefrei

19. Juli 2010

Paranoia aus dem Paralluniversum



Straßenfeger, Müllmann, Putze – alles keine populären Traumberufe! Der Karriere-Wunsch „Ich möchte so gern anderen Leuten ihren Dreck weg machen!“ wird heute nur noch selten geäußert. „Ooch, irgendwas so vielleicht mit Menschen“, murmeln vielmehr unbedarfte Schulabbrecher, verlegen in der Nase bohrend, wenn sie im Berufsbildungszentrum nach ihren künftigen Traumtätigkeiten befragt werden. Ja, schön. Bon. Nur leider, Leute, „Menschen“, – das heißt manchmal halt auch: Idioten, Ferkel, Dreckspatzen,  Graffitti-Spinner oder auch, nur ganz gelegentlich, ausnahmsweise und nicht generalisierend verstanden, südosteuropäische Kulturbereicherer, die in meinem Viertel gern glauben, die Glas-Leergutcontainer seien dazu da, dass man vor ihnen giftigen Elektroschrott, durchgepißte Matratzen, volle Windeln und Essensabfälle ablädt. Sind ja trotzdem auch Menschen, oder? Und keineswegs, wie vor allem meine serbischen, nigerianischen (!) und türkischen Nachbarn lautstark meinen, „alles Schweine, die scheiß Ausländer“!

Dennoch. Kürzlich stellte ich [– mein Gott, ich gehe offenbar zügig dem Status des ordnungsnotgeilen Rentner-Nazis entgegen! Mir fehlt, schätz ich, nur noch der kleinkrempige Pepita-Hut und der beige Popeline-Blouson! –], eine Roma-Frau (rate ich jetzt mal) zur Rede, dergestalt, dass ich bei der einen überquellenden Krempel-Trolley hinter sich her ziehenden Mutter Schmierage, die offenbar glaubte, Orangeschalen, kaputte Toaster und irgendein unentwirrbarer Kabelsalat gehörten bei uns im Grunde auch zum Leergut, mehr oder eher minder höflich anfragte, ob sie denn bitteschön noch alle Tassen im Schrank habe, daheim, in Bulgarien oder wo, zum Beispiel? Schnippisch, knapp und in stark gebrochenen (aber ungeschienten!) Deutsch wurde mir über den Müllhaufen hinweg beschieden: „Stadt holt ab! Stadt machen weg!“

Die Stadt (Duisburg) hat zwar kein Geld, weil keiner mehr nennenswert Steuern zahlt, dafür aber mehr und mehr Leute HartzIV-Versorgung benötigen („Leute! Laßt den Tropf nicht hängen!“), aber bei unseren Mitbürgern mit Migränehintergrund offenbar einen schweren Stein im Brett. Man verlässt sich drauf: Stadt macht schon irgendwie weg! Die Männer [(obs Frauen auch gibt? Weiß ich momentan gar nicht – aber deswegen gleich feministisch-fäusteballend fordern: „Öffnet die Müllabfuhr den Frauen!“ fände ich übertrieben.) der Duisburger Wirtschaftsbetriebe haben bei uns im Viertel immer Extra-Schicht. Ein Rätsel, das mir noch keiner lösen konnte: Wo kriegen dieMenschen ungenannter Herkunft bloß diese Unmassen Müll denn immer her? Sitzgruppen, Elektronik, Computerschrott, vermischt Organisches unterschiedlicher Verwesungsstufen? Na ja, lassen wir den Müll. Stadt macht, wie gesagt, schon irgendwie weg.

Zur Kompetenz der Wirtschaftsbetriebe gehört prinzipiell auch die Beseitigung graphischen Mülls. Der gliedert sich wesentlich in drei Kategorien: a) Stumpfsinnige bzw. uninspirierte sog. Tag-Schmierereien, dann b) mehr oder minder unterhaltsame Kundgebungen politischer oder allgemein lebensratgeberischer Natur sowie persönliche Nachrichten („Dilem, seni seviyorum –  isch liebe disch warum du misch denn nich?“) sowie c) Schablonen-Graffitti, die ich als coole urbane Ausdrucksform der Jetztzeit durchaus toleriere, meistens jedenfalls.

Es sei denn, es handelt sich um Mitteilungen aus einem psychopathologischen Paralleluniversum, das aus lauter barthaarfeinem Irrsinn und purer Propheten-Paraoia gesponnen ist wie das komplett realitätsabgekoppelte Wahnsystem der Islamerer. Von einem Transformatorenkasten bei mir um die Ecke lächelt mich da neuerdings mütterlich-einladend eine Kopftuch tragende Frau an und ermutigt mich: „Stoppt Antiislamhetze!“ Okay, pour-quois pas? Hetze find ich nicht gut. Hetze ist Müll. Sire, geben Sie Hetzefrei!

D’accord. Nur, nebbich, unsere Islamerer im Viertel kenne ich: Sie flanieren ostentativ im Freitags-Kaftan durch die Hood, ausgerüstet mit Häkelkappe und hennagefärbtem Vollbart, und finden, gegen Frauenunterdrückung vorzugehen, sei typisch westlich-verwerfliche „Antiislamhetze“.  Das Burka-Verbot etwa, das kürzlich vom französische Parlament verabschiedet wurde, ist für sie solche „Hetze“. Nun ja. – Vielleicht möchte man die Diskriminierung und Versklavung der Frauen zum Weltkulturerbe erklären lassen? Da wäre ich dagegen, schätz ich, genau so, wie mir das Recht, „Scheiss Juden“ an deutsche Wände zu schmieren, wenig schützenswert erscheint. Generell liegt die Zeit, in der mir das Beschmieren von öffentlichen Mauern mit bescheuerten, weil einseitigen und unterkomplexen Polit-Botschaften sinnvoll erschien, ca. 40 Mio. Jahre hinter mir.

Um die Stadt hetzefrei zu machen, würde ich die Wirtschaftsbetriebe Duisburg gern bitten: „Sie da, mit dem super Chemie-Dings, können Sie diesen Müll mal wegmachen, da?“ Aber ich weiß, dieser Service ist kostspielig und aufwändig. Im Grunde wäre wohl Bürgersinn gefragt. Und eine klare Vorstellung davon, was man an unseren Wänden dulden darf, und was nicht. Ich befürchte, das geht gerade flöten…

Man mache das weg da! Ich geb euch gleich was von wegen "scheiss Juden"...!

Nervt: Ödes, doofes, uninspirierstes Tag-Geschmiere

Blumen für den Schwarzen Block

Vor der Wahl: Deutschland ein Wackelbild

26. September 2009
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Das Frank-Angela oder die Steinmerkel: Es kommt uns so oder so.

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So fing sie mal an: "Drei Tage Bonn inkl. Fahrt in einer echten Politikerlimousine"

Wie nicht ganz bei Groschen wackele ich seit Tagen hypnotisiert mit dem Kopf. Vierzig Grad, fünfundfünfzig Grad, und wieder zurück. Lentikularfolie. Wackelbild. Der SPIEGEL hatte diese Woche so ein Ding auf dem Titel kleben: Man sieht einen nachgemachten, pseudo-barocken Sessel in einer Art blühender Photoshop-Landschaftskulisse  stehen, und darauf thront, je nach Blickwinkel,  entweder Dr. Acula Merkel (40°) oder der charismatische Aktenautist Frank-Willi Steinhäger (55°). Es handelt sich nämlich um den berühmten Bundeskanzlerthron auf der grünen Reichtagswiese, auf dem wir ja alle gern Platz nähmen, um uns mal als echter Märchen-König von Deutschland zu fühlen, oder wie Alfons der Viertelvorzwölfte von Lummerland. Jedenfalls, egal, darüber steht als Headline: „Es kommt so..“ (40°) bzw. „… oder so“ (55°). Wahlweises Wackelgedackel: Das Frank-Angela oder die Steinmerkel. Wenn man aus ca. 48, 49° guckt, hat man ein vexiervermischt gedopppeltes Hybrid-Moppelchen, das irgendwie an Helmut Kohl erinnert und an hundert Jahre Langeweile. Wie wahl!

 Damit trifft das Nachrichtenmagazin den wetterwendischen Wackelwähler präzis auf den Kopf (obwohl beim SPIEGEL-Titel der kümmerliche Pointenfurz erst abschnarcht, wenn man das Wackelbild ablöst…). – Genau! Es kommt so oder so! Und das ist kaum spannender, als wenn in China irgendwo ein Bild schief hängt. Daß die „Kandidaten“ nur jeweils verwackelte Vexierbilder voneinander sind, war unser Eindruck ja auch schon seit längerem. Frank-Verwalter Steinmeier ist ja bloß der Merkel ihre Kehrseite! Beide „können Kanzler“, kräht der böse Clown aus der Wortspielhölle. Dabei können beide noch nicht mal Politik. Das ist nicht ihre Schuld; der eisgraue Aktenfresser („Oile“) aus dem Hundert-Morgenwald ist im Grunde ein harmloser Mann, dem ich meinen insgeheim gehorteten Vorrat an 100-Watt-Glühbirnen zur Aufbewahrung anvertrauen würde, und die Uckermärkische Spinatwachtel mit dem Pampgun-Gesicht ist ja in Wirklichkeit auch bloß eine Hausfrau, die früher mal im Preisausschreiben „drei Tage Bonn inkl. Fahrt in einer echten Politikerlimousine“ gewonnen hat und dann einfach vergaß, wieder nach Hause zu fahren.

Man soll nicht immer Ressentiments gegen Politiker schüren: Die tun doch nix. Die wollen bloß spielen. Ihr Spiel hat den barocken Titel: Wir haben im Grunde keine Ahnung, woran wir da herumfummeln, aber wir retten qua angeborener Kompetenz jetzt erstmal die Weltwirtschaft, ferner das Weltklima, das System der Rentenversicherung, das kranken Gesundheitssystem, den Frieden in Afgähnistan und alles weitere, und zwar mit Mitteln, die sich seit 40 Jahren schon nicht bewährt haben, aber was sollnwa machen, wir ham ja sonst nix. Wir fahren die Karre an jede verfügbare Wand, machen dabei aber ein triumphierendes Gesicht. Die Kunst der Politik in der Mediengesellschaft: Hauptsache, man verkauft, was überraschenderweise herausgekommen ist, als genau das, was man gewollt hat hat.

 Es kommt so oder so. Es kommt, wie es will. Es kommt, wie es kommt. Und alle so: „Yeaahh!“

 Pathetisch packt mich ein Bürgerlich-Sentimentaler am Sakko-Knopf: Wenn du nicht wählen gehst, verschmähst du die heilige Errungenschaft demokratischer Freiheit! Bürger beachteiligter Länder, denke nur an Iran, würden sich alle sechs Finger danach lecken, freidemokratisch wählen gehen zu dürfen! – Mich erinnert das immer an meine Kindheit: „Andere Kinder, denke nur an Indien oder Afrika, wären froh, wenn sie deinen Spinat hätten!“ (Und ich immer so, im Kopf: „Ich auch!“) – Auch Elli, die Hausbesorgerin, teufelt in diesem Sinne auf mich ein: Herr Kraska! Sie MÜSSEN WÄHLEN gehen! Sonst kriegen Ihre Stimme DIE ANDEREN! beschwört sich mich mit eindringlichem Blick. Auf meine verblüffte Rückfrage: „Welche ANDEREN denn?“ schweigt sie vielsagend, oder, nach der Rechtschreibereform: viel sagend.

 Abgesehen davon, daß ich befürchte, die Systeme, die über unser Schicksal entscheiden (globale Ökonomie, internationale Finanz-Märkte, Weltklima, Energieressourcen-Verteilung, geopolitische Weltmachtinteressen etc.) könnten bei weitem zu kompliziert und strukturbedingt eigendynamisch sein, um sie noch mit den Mitteln herkömmlicher, klassisch nationaler repräsentativer Demokratie steuern zu wollen, hab ich den Eindruck, der imaginäre Wähler, der den Wackelkandidaten vorschwebt, ist auf jeden Fall über fünfzig und dynamischer Frühsenior, der sich vorgenommen hat, wenn wir von der Wanderfahrt in den Harz zurückkommen, mach ich da mal an der Volkshochschule so einen Kurs über Internetz. Mal sehen, was da so drinsteht. – Die impertinente Ahnungslosigkeit und backpfeifig dumm-stolze Ignoranz, mit der Frau Dr. Merkel die Probleme, Interessen, Kompetenzen und Zukunftssorgen der heute 25-bis 35-jährigen  übergeht, wird sich irgendwann rächen, schätz ich. Vielleicht schon am Sonntag? Ach ja, „moine jungen Froinde aus dem Internetz“ dürfen ja schon wählen! Yeaahh!

 Wie ich mich kenne, lasse ich mich am Ende doch wieder breitschlagen und mach zwei Kreuze. Und da ich mich ziemlich gut kenne, glaube ich, das erste Kreuz mach ich bei den Grünen, wenn auch mit einem Gesicht, als hätte ich in einen zugleich sauren, faulen und verwurmten (und daher auch viel zu teuren!) EU-Norm-Bio-Apfel gebissen, einen Apfel, der höchstwahrscheinlich ziemlich weit vom Stamm des Baumes der Erkenntnis gefallen ist. Das zweite Kreuz schenk ich den Piraten, nehme es ihnen allerdings gleich wieder weg, sobald sie tatsächlich eine Partei werden. „PiratenPARTEI“ ist ja wohl das doofste Oxymoron nach „Verein der Vereinsgegner“!

 Ich glaube nicht, daß Sonntag ein weichenstellender Schicksalstag für Deutschland sein wird. Es kommt so … oder so. Wahrscheinlich aber noch ganz anders. 

Ich bin ein Pionier der Gentrification, denn ich finde mein abwrackreifes Ghetto „sexy“

16. August 2009

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SPÄTSOMMERBLUES NACHTS IM VIERTEL…

Manchmal, ich weiß auch nicht, sticht mich der Hafer, dann tu ich ignoranter, als ich eigentlich bin. Nur so „aus Daffke“, wie der Berliner früher sagte. Auch ich habe schroffe Seiten. Also nenne ich Aphrodite, den Hund der Alk-Fraktion im Erdgeschoß, einen Mops. „Na?“, sage ich beispielsweise sarkastisch zu Elli, der Hausbesorgerin, „watt machsn fürn Gesicht? Hat die Alk-Fraktion ihren Mops wieder erschöpfungshalber zum Scheißen bloß in den Garten geschickt?“ Der Ton in meinem neuen Ghetto ist halt rau, aber warmherzlich, ich kann nix dafür. Und natürlich weiß ich in Wirklichkeit sehr gut, daß Aphrodite kein Mops ist, sondern eine schwarz-weiß gescheckte französische Bulldogge, mit arttypischen Fledermausohren und dem wissenden, abgründig dunklen, unendlich todtraurigen Blick eines schwarzen, baumwollpflückenden Blues-Sängers. Ich nenne sie aber solange einen Mops, bis die Alk-Fraktion aufhört, mich durch nächtliche Gesänge oder Krakeelereien zu ängstigen! Man kann sich doch, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, auch mal still betrinken!

Tja, was soll ich sonst über mein Viertel sagen? Verkehrssprache ist hier ein basales Pidgin-Turk-Deutsch. Jungmännerdialog zwischen Osman und Tolgan (gestern im Rheinpark mitgehört) geht hier in etwa so: „Oh, Alter, Bruder, Weiber ey, isch sach dir! War Tussi an Händi!“ – „Escht? Scheise, Mann. Unnn? Haddse gestreitet?“ „Nee, war’m Heuln! Schwör! Die willmisch! Die Alde steht voll auf misch!“ „Schwör? Öylemi? Escht am Heuln, Ağabey?“ „Ja, Bruder, schwör! Ferttich war die, Mann, voll datt Opfer, eh, vallahi!“ „Boah, voll Missgeburt, Mann, äy! Issie scheis Jude, oder was?“ „Näh, die is auch Duisburger!“ „Abba Madonna is Jude, und, ey, die Alte da, in dem Film, wie heiß noch, Halle Berry…“

Thema der Woche bei der allabendlichen Hausgemeinschaftsbesprechung war, neben dem Dauerbrenner, daß die Alk-Fraktion immer das Treppenhaus versaut, das alljährliche Fest der Stadtwerke hier im Viertel, an diesem Wochenende. Wie früher die römischen Kaiser mit ihrem Zirkus, spendiert man fürs Volk Belustigungen. Hausbesorgerin Ellis Ehemann Pitti hat sichs schriftlich geben lassen und säuberlich aus dem Anzeigenblättchen ausgeschnitten: Costa Cordalis kommt! Und Olaf Hennig! Nach dieser Nachricht muß Pitti erstmal zur Bude, Frischbier holen, was mir Gelegenheit gibt, mich unauffällig zu erkundigen, wer die genannten Gaststars denn seien und welcher Lebensleistung sich ihr Ruhm verdanke. (Es handelt sich um einen ur- und einen mittelalten Schlagerheini mit Appeal zum Schlichtpublikum!) „Aber auch Sweet!“ trumpft Anneliese, der 60er-Spätlese-Teenager aus dem Nachbarhaus auf, „Sweet kommt auch! Die aus den 70ern! Fox on the run und so! Damdam dadada-damdam!“ Das Stadtwerkefest heißt übrigens „Energiespaßtage“, und ich bin ganz froh, nicht der herzlose Diktator von Deutschland zu sein, weil ich dann bestimmt zur Abschreckung ein paar Werbefuzzis für ihre scheiß Wortspiele ins Arbeitslager schicken würde.

Das friedliche Zusammenleben der Ethnien und Nationen wird bei uns nicht zuletzt durch sorgfältig getaktete Zeitkorridore geregelt. Alle haben ihre Zeit, die bulgarischen Menschen- und die serbischen Waffenhändler, die breit watschelnden, schnatternden anatolischen Kopftuchmuttis, die pakistanischen oder srilankesischen Krickett-Spieler, die verkniffenen altdeutschen Blockwarte, die beinharten russischen Putin-Doppelgänger und BMW-Kabrio fahrenden Bodybuilder vom Großpuff. An einem warmen Spätsommerabend wie gestern gehört seltsamerweise das Viertel ab 22.00 Uhr dem schwarzen Mann. Ich muß das leider so pauschal sagen, denn von außen sieht man ja nicht, ob einer jetzt Afro-Deutscher, Afroamerikaner oder Originalneger aus Mother Africa ist. Das hat mit Rassismus nichts zu tun! Ich kann von weitem sehen, ob einer Pole, Ukrainer, Kroate oder Slowenier ist, aber Hutu, Tutsi, Bantu oder Xhosa kann ich kaum unterscheiden! Ist hier aber auch nicht wichtig, nehm ich an.

Auf meiner Spätpatrouille entdecke ich vor „Gino’s Nachtcafé-Bistro“ die dicke Mandy, die, glaub ich, in Wirklichkeit Magdalena heißt und aus Kiew stammt. Es heißt, sie habe Architektur studiert oder Pharmazie. Auf jeden Fall macht ihr in Sachen Superblondheit keiner was vor. Ihr himmlisch weißbrotfarben schimmerndes Dekolletée erleuchtet die Straße wie ein dreidimensionaler Doppel(fast)vollmond; sie verhandelt auf der Straße mit zwei bejammernswert dürren, langen Schwarzen, und es sieht aus, als käme man ins Geschäft. Überhaupt kapier ich Naivling allmählich, daß die nachts überall an den Ecken herumstehenden, oft überraschend hübschen Mädchen gar nicht auf den Bus warten. Ich hab mich schon gewundert, weil hier nämlich gar keiner fährt!

Am Brückenplatz, der tagsüber der internationalen Alk-Fraktion gehört, sind in der Nacht alle Männer schwarz. Es müssen Afrikaner sein, denn sie frönen überwiegend ihrer, wie es aussieht, in der Fremde einzig kultivierten Obsession: Nach Hause telefonieren! „Hello?! Helloo?! Can you hear me?“ schallt es aus Rostlauben, Billigkneipen und Telefonierkabinen. Yes, we can! Die Dorfgemeinschaft daheim will schließlich informiert werden, was im deutschen Paradies so läuft. Ob man auch von Mandy erzählen wird?

Am Brückenplatz befindet sich die m. W. einzige Trinkhalle (für Nicht-Ruhris: Das ist ein Kiosk für Trinker- und Raucherbedarf mit extrem dehnbaren Öffnungszeiten) Duisburgs, die, ausweislich einer Reklameinschrift, auch jederzeit Zahngold und Unterhaltungselektronik ankauft.

Den südlichen Teil des Platzes beherrscht die bei mir hochrespektierte Duisburger Bäckereikette Bolten, die hier einen Brötchenladen mit angeschlossenem Café betreibt. Bolten ist gut: Deren Baguette z. B. kann ich warm empfehlen! Warm schmeckts jedenfalls am besten. Im Café sitzt die Bevölkerung der Postmoderne. Kaftan-Islamisten geben hier ihre zwei, drei Burkassen zur Aufbewahrung ab, wenn sie Koranlesen gehen; blasse, dünne Frauen aus Osteuropa ruhen sich hier aus, die all night long vergeblich auf den Bus gewartet haben; Herren aus aller Männer Ländern buchstabieren stirnrunzelnd ihre Zeitung, und manchmal trifft man auch mich hier, über esoterische Fragen nachgrübelnd, wie die, warum Konditoreimädel oft wirklich wahnsinnig und kinofilmreif süß sind, Fleischereifachverkäuferinnen hingegen überdurchschnittlich oft einen Hang zum Wurstigen und Grobfleischernen zeigen. Bei Bolten im Café sitzend und das Treiben im Viertel betrachtend, hat man die Wahl: Wahnsinnig werden, Amok laufen, oder still, bescheiden und konzentriert einer milden, wohlwollenden Melancholie verfallen.

Vielleicht bring ich Aphrodite mal ein Zipfelchen Wurst mit?