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The long goodbye (III)

20. Juni 2012

Manche sozialen Forderungen im Geddo erschließen sich nicht von selbst.

Es ist Sommer. Sieht zwar nicht so aus, fühlt sich auch nicht so an, ist aber trotzdem so, also will ich raus in den Park, – Buch lesen. Dickes, schweres Brikett-Buch sogar. Scheiß drauf, was die Leute denken! Park im Geddo ist aber mal wieder mit stinkenden Müllbergen vollgeräumt, von Mitbürgen, die ich genau kenne, für die ich aber meine Hand nicht ins Feuer lege. Feuer legen tät ich im Viertel in Momenten des Zorns zwar schon ganz gern mal, aber das ist selbstredend ein inakzeptables Verhalten, das ich mit anmutiger Selbstverständlichkeit streng, aber gelassen verurteile, anprangere und dementsprechend auch widerstrebend unterlasse. Dennoch, multikulturelle Toleranz hin oder her, meine Stammbank im Park bleibt zugemüllt und stinkt. Die Abfall-Ratten haben vorsichtshalber ihre Anwälte mitgebracht, eine Schar im hohen Gras einherstolzierender Rabenkrähen im schwarzen Talar. C’honorarr! C’honorarr! kächzen sie gierig, alles wie immer. Keine Chance für Buch.

Dafür treffe ich, tiefer in den urbanen Regenwald vorgedrungen, den Marek. Der Marek trägt eine leuchtend orangefarbene Latzhose und ist es seines Zeichens assistierender, ansonsten weitgehend funktionsloser Begleiter des operativ leitenden Geräteführers einer körperkraftbetriebenen Ein-Sack-Abfall-Sammelmaschine der Duisburger Wirtschaftsbe-triebe. Der städtisch bevollmächtigte Chipstüten-Aufspießer  (Abteilung Klein-Abfall) heißt Horst, und Horst spricht jetzt ein Machtwort: „So. Pause!“ – Marek, ein melancholischer Mager-Pole, der zuhause in Krakau wahrscheinlich einen Doktor in Jura hat, und sich dadurch verrät, dass ihn mein Buch überhaupt nicht befremdet, erklärt mir auf Anfrage kompetent: „No, sagen wer ma so, der bekloppte Leut, wo nicht mal mindest der Zins entrichten tun fihr Sauberkeit von Stadt, der machen nebbich der meiste Dreck!“ So sehe ich das auch, selbst wenn ich es nicht so gut hätte ausdrücken können.

Erleichtert stelle ich fest, dass „Pausen“ bei den Duisburger Wirtschaftsbetrieben (vormals Stadtreinigung, noch vormaliger: Müllabfuhr) genug Muße lassen, um ganz in Ruhe zu frühstücken. Ich les derweil zwei-, dreihundert Seiten Unterhaltungs-Brikett weg. „Glennkill“, ein Bestseller, aber nicht wirklich richtig gut. Horst bietet Marek generös von seinem Formschinkenbaguette an. Der lehnt heroisch ab. Ja, wärs Pastrami gewesen. Dann trinkt man gemeinsam Fanta und meditiert. – Bester Satz im Buch übrigens: „’Es ist schön, dass wir nach Europa fahren’, sagte Cordelia nachdenklich, aber ist schade, dass wir dafür von hier wegmüssen.’ Die anderen Schafe nickten zustimmend.“ – Ich auch.

Um die Ecke werfen die Sons of Afrika ein paar Körbe gegen die Jungs vom Islam-Internat. Ahmed erklärt kurz, wie das geht mit dem Körbe-Werfen: „Erstens…“, sagt er und lässt den Zeigefinger vorschnellen, „musst dus wollen, Bruder, und zweitens…“, er zieht bedächtig am Joint und zeigt zusätzlich den Mittelfinger, „musst dus natürlich auch können.“ Doch, in etwa so könnte man das Leben im Geddo zusammenfassen. Ich bin froh, raus zu kommen – wenn man dafür bloß nicht hier weg müsste!

Müll & Metempsychose (Materie am falschen Ort)

9. Juli 2011

Materie am falschen Ort: Wiedergeboren als Müll

Metempsychose ist ja gar nicht, wie ich früher geglaubt habe, eine Geisteskrankheit – es bedeutet bloß Seelenwanderung! Pythagoras, der bekannte Erfinder der Dreiecksbeziehung, so erfuhr ich jüngst, glaubte zum Beispiel, man werde fünf Mal geboren, als Mensch, als Tier, als Pflanze, als Ding und als noch irgendwas (nachschlagen!) Vielleicht als Müll? Nein, das kann nicht sein, denn Müll ist ja gar nicht „etwas“. Müll ist vielmehr, wie der Alltags-Semiotiker im kulturanthropologischen Seminar gelernt hat, ähnlich wie „Schmutz“ eine rein relationale Kategorie und bedeutet bloß: Materie am falschen Ort. Über Müll und Metempsychose nachzusinnen, ergibt sich im Geddo reichlich Gelegenheit:

Auf Fahrradpatrouille im Viertel, in lauer Sommernacht, einer sanft entdämmernden schon, in der geheimnisvollen, sehnsuchtsgeschwängert parfümierten blauen Stunde vager Verheißung und unerwarteter Begegnungen, sah ich mich kürzlich am Eck vor dem aufgelassenen Orientcafé unversehens konfrontiert mit einer kapitalen, überaus wohlgenährten und äußerst selbstbewussten … Ratte. Beide wie gebannt wechselten wir, kurz geschockt, wie ertappt, einen langen Blick gegenseitiger Aversion. Dann drehte sie, die Ratte, mir, immerhin der verbrieften Krone der Schöpfung, betont langsam, geradezu pampig arrogant, das fette Hinterteil zu und hoppelte aufreizend träge, in diesem typischen hüftsteifen Humpelgang ihrer Gattung, davon, um sich in ihren komfortabel geräumigen Müllhaufen (zwei Etagen, mit Terrasse, Gäste-WC und Boulevardblick) zurückzuziehen…

Normalerweise erweise ich der sublunaren Tierwelt ein von Sympathie und Neugier, gelegentlich von biedermeierlicher Rührung grundiertes Interesse und nehme schmunzelnd zur Kenntnis, dass nicht jede Spezies in Gottes Schöpfung mit Niedlichkeit ausgestattet ist und zu Streicheleinheiten einlädt, was indes natürlich dennoch schade ist und ein Desiderat bleibt, weil, so haben Forscher herausgefunden, das Streicheln gerade niedlicher Tiere (u. a. auch Menschen-Babies!) im Menschen das Hormon Oxytocin freisetzt, was nicht nur Geburten erleichtert und den Milchfluss der weiblichen Brust befördert, sondern auch ganz allgemein soziale Interaktionen begünstigt, da es, das Hormon, freundlich und kommunikativ stimmt.

Wiewohl im Herzen Punk, bin ich persönlich allerdings nie auf die Idee gekommen, eine Ratte zu streicheln, zumal dies bei mir, aus einem archaischen, vielleicht sogar epigenetisch verankerten Reflex wohl lediglich Adrenalin und nackte Mordlust freisetzen würde, denn der Ratte bin ich unerklärlich abhold, ich perhorresziere dieses Tier, ich lehne es ab, ich will, dass es weggeht, weil es mich an Mittelalter, Pest und Schwarzen Tod, an Nosferatu und Albert Camus erinnert! Aus Gründen, die Professor Freuds Schüler aus meinen Neurosen oder archetypischen Ängsten herausdröseln mögen, gilt mir sowohl die gemeine Haus- wie die schlankere Wanderratte als Metapher metaphysischen Unheils, vielleicht nur noch mit der fett schillernden, dicken Schmeißfliege vergleichbar, die mich taktlos umschwirrt und indezent gierig auf meinen Tod wartet, um mir, kaum habe ich meine Seele Gott oder dem Nichts befohlen, ihre scheißblöden Eier in meine gerade erst blicklos gewordenen, noch tränenfeuchten Augenhöhlen zu legen.

Eine Ratte aber ist, emblematisch und übercodiert, der Inbegriff drohender Daseinsverdüsterung!  Einmal, früher, als mein Lebenslauf bedrohlich ins Stocken & Kleben geraten war, lag, schwer wie eine Metapher von Günter Grass, eine tote Ratte vor meinem Fenster auf dem Flachdach. Weder konnte ich sie da wegmachen, da ich mich enorm ekelte, noch konnte ich sie dort liegen lassen, weil sie nachhaltig, durch ihre bloße Präsenz, mein Gemüt bleiern beschwerte. Drei Tage haderte ich, bis es mir gelang, den Kadaver zu entsorgen, zitternd vor Abscheu. Aber siehe: Danach ging es in meinem Erdendasein wieder vorwärts, ich lernte eine unerschrockene Frau kennen, die ich heiraten durfte, und alles wurde gut! Das Leben setzte die Segel!

Gewisse Spezies, wenn sie uns auf die Pelle rücken, Wanzen, Läuse und Ratten etwa, geben uns den diskreten Hinweis, dass es bei uns mit der Hygiene nicht zum Besten bestellt ist. Massives Auftreten dieser Gattungen im urbanen Raum indiziert kulturellen Niedergang. Wir werden an den durch Rainer Werner Fassbender thematisierten Dreiklang erinnert: der Müll, die Stadt, der Tod, die drei apokalyptischen Reiter, die allabendlich durch mein Geddo traben. Niemand würde Ratten verübeln, irgendwo in stadtfernen regionalen Feuchtgebieten herumzuwuseln und sich in Gottes Schöpfungsplan irgendwie nützlich zu machen; hier, im urbanen Raum unseres Viertels mit internationalem Flair, wo allerhand Kinder sich verzweifelt bemühen, wenigstens aufzuwachsen, erscheinen sie, die Ratten, mir exorbitant fehl am Platz.

Bedenkenswert ist, dass der längst verblichene reaktionäre Krawallpolitiker Franz Josef Strauß gerade uns, die vorlauten, irgendwie jüdisch-zersetzenden Intellektuellen, dereinst als „Ratten und Schmeißfliegen“ titulierte. Ich wäre weder das eine noch das andere gerne, würde ich seelenwandernd (psychic walking) wiedergeboren. Und was wäre ich gern als Ding? Ein frivoler Vibrator? Ein bescheiden dienstfertiger Schuhlöffel? Ein mysteriöses Fässchen Amontillado? Angesichts meines Lebenswandels fürchte ich, als Müllhaufen wiedergeboren zu werden. Immerhin wäre die Kontinuität gewahrt: halt Materie am falschen Ort.

Polaroid aussm Geddo (Gott und ich sehen uns bei „Hart aber fair“)

3. April 2011

Die Gattin und ich gucken "Tatort"...

Nachtschicht im Geddo. Hatte, masochistisches Sonntagsritual, „Tatort“ geguckt bei der Gattin. Nach gefühlten fünf Stunden Thriller fragt eine Figur im Film verzweifelt: „Warum dauert das denn so lange?!“ Die Gattin und ich wechseln einen bedeutsamen Blick mit augenbrauen-induziertem Ausrufezeichen. Wir sind mal wieder Waldorf und Stattner, die ätzenden Grantler aus der Muppet-Show, kommunizieren allerdings nicht mehr durch Aperçus, sondern schon nur noch durch bloßes Augenrollen, verstehen uns aber dennoch blendend. – Dann halt nett „Gute Nacht“ gesagt und aufs Rad. Das Wohnbüro wartet ja, mit Arbeit zudem. Der Magister ist im Dienst. Muss noch einen Vortrag schreiben über „Aufklärung“. – Die Roma im Viertel schleppen den letzten Müll auf die Straße; die Ratten machen sich dran, alles – in den Keller der verschimmelten Bruchbude – wieder herein zu tragen. Ex- und Import, wie immer. Und wie immer frage ich mich, woher, zum Teufel, sie den ganzen Müll herhaben, eine Frage, die, wie die nach Gott, aus metaphysischen Gründen unbeantwortet bleibt. Zur Strafe für einen einzigen sonnigen Frühlingstag (gestern) regnet es jetzt natürlich in Strömen. Der Regen hat gewartet, bis ich auf dem Fahrrad bin. Hundert Meter und ich bin durchnässt. Super. Die Frage wiederum, womit ich das bitte verdient habe, bleibt ebenfalls offen. Gott und ich treffen uns nächste Woche bei „Hart aber fair“.

Mist, ich will bloß nach Hause, aber am Platz vor der Bude liegt „laughing Joe“, wie ich ihn mal getauft habe (obwohl er oft gar nicht lacht, sondern seine Wut ungezielt in die Nachbarschaft brüllt), unser Stadtteilpsychotiker halt, im schlammigen kalten Dreck und lächelt versonnen. Er  lächelt noch wegen der Sonne von gestern, weil er nämlich nach einem Drogenunfall immer ein bisschen zeitverzögert reagiert. Er ist indessen, was ihm erst morgen klar geworden sein wird, bereits kurz vorm Delirium tremens, außerdem total dehydriert und derbe auf Entzug. Schnellschnell einen mittleren Jägermeister gekauft, medizinische Nothilfe geleistet, Filterzigaretten zugesteckt, die ich zu diesem Zweck mit mir führe und dann dem Joe, ich kann ein verdammter Zyniker sein, noch eine schöne Nacht gewünscht. Er lächelt mir nach, meint mich aber nicht (Gott?).

Das Licht an meinem Fahrrad ist kaputt. Ich werde von einem Daimler mit bulgarischem Kennzeichen in der Kurve beinahe umgenietet. Mit dem Licht hatte das aber nichts zu tun. Mit Licht hätte er mich auch über den Haufen gefahren. Gott, vielleicht mit schlechtem Gewissen, rät mir, geistesgegenwärtig einen Haken zu schlagen. Davon gekommen! Beschämt Undankbarkeit gegenüber Gott registriert. Daheim versuche ich, mein Fahrrad in den Hof zu bugsieren. Dort geistert seit Stunden Pitti herum, der ehemalige Hausbesorgersgatte, der, seit seine Frau kürzlich an Darmkrebs verschied, auf würdige Weise von der Rolle ist und still, aber zielstrebig an seinem Untergang arbeitet. Er gespenstert mit wattigem Grinsen durchs dunkle Treppenhaus und referiert mir ungefragt seinen Tagesablauf: „Ehrss geh ich nache Bude, denn bin ich inner Kneipe, dann geh ich nochma anner Bude, denn wieder Kneipe und aahms nomma Getränke holen. Gezz geh ich ma rüber zu die Serben, aber, weisse, ich mach die Musik da nich so…“ Einwurf Magister: „Ich weiß, Pitti, ich weiß!“ „Und denn…“ verrät mir Pitti, dessen Nase eine ungesunde blaue Färbung angenommen hat, „denn zieh ich misch den Schlafanzug an und trink noch’n Bier! Muss morgen um sieben nachm Arzt! Wegen meim Gesicht!“ Ich grüble, durchaus auch in eigenem Interesse, was für Ärzte einem ab einem gewissen Alter mit dem Gesicht zu helfen vermögen, finde aber zu keinem Ergebnis.

Während ich mein Fahrrad verstaue, starrt Pitt im Hausflur auf seinen Briefkasten. Leise resigniert flüstert er mir zu: „Ich krieg ja nie Post. Die Post is immer für die Frau. Aber die is doch tot!“ Ich pack mein Herz auf Eiswürfel und sag: „Yo, Pitti, so ist das wohl. Denn mal noch einen schönen Abend!“ – Ich bin wirklich ein Herzchen! Oben in der Mönchsklause gieße ich mir ein Getränk ein und rufe verabredungsgemäß noch mal kurz die Gattin an. „Na?“ sagt die, „gut nach Hause gekommen?“ „Klar“, antworte ich, „keine besonderen Vorkommnisse“. Dann sind Gott und ich allein. Wie immer haben wir uns nicht viel zu sagen. Schätze, Er und ich werden wieder keine gute Nacht haben.

 

Frühling im Geddo. Eine Idylle

28. März 2011

Mittelgebirge im Geddo (wächst nachts noch...)

„Maßlos ist das Wachstum der Bäume und Gräser im Frühjahr
Ohne Unterlaß fruchtbar
Ist der Wald, sind die Wiesen, die Felder.
Und es gebiert die Erde das Neue ohne Vorsicht.“

(Bertolt Brecht)

Erste arabische Aufstandsbewegung um 6.49 Uhr morgens (ja, ich hab umgestellt!), zum Glück nur Musik, freilich Straßen füllend. Allah und Habibi-Gejodel. „Tod dem Merkel“ skandiert noch keiner und Schuhe fliegen noch nicht. Trotzdem: Aufstehen! Apropos: Das übliche Meisen- und Amselkleingeflügel tiriliert schon. Zart randaliert das Frühjahr. Meine Freunde, die Elstern, hat der harte Winter allerdings offenbar stark dezimiert. Dafür schreitet ein Kollegium ernster Rabenkrähen in schwarzglänzenden Seidenroben gravitätisch über den Hinterhof und erörtert anscheinend irgendetwas Juristisches.

Sonor volltönend Südostanatolisches pünktlich ab Acht. Nee, nicht der Muezzin, das ist bloß wieder Nachbar Abdul, der jetzt wichtige Ferngespräche führt, wie immer ohne Telefon, diagonal über die Straße. Es geht, ebenfalls wie immer (mein Basis-Türkisch reicht wirklich aus!), um Autos und sowie Geschäfte mit Autos. Ein richtiges Autohaus hat Abdul wohl nicht, er betreibt seinen Handel ambulant, was sicherlich sinnvoller ist. Er lehnt an seinem handpolierten silbernen Daimler und streicht sich wägend den Schnauzbart. Manchmal fliegen die Rabenkrähen ohne ersichtlichen Grund auf und krächzen hämisch, dann wirken sie fast wie Geier oder Anwälte.

Auf den ersten Bäumen und Sträuchern unnachahmlich frischgrüner Hauch. Wie Deo gegen den Wintermuff. Forsythien und Japankirschen feuerwerkeln schon protzig in der Morgensonne. Begleitet von unübersichtlich zahlreichem Nachwuchs schieben die ersten langmäntligen Mütter ihre Kinderwagen durchs Viertel. Oft auch Zwillingskinderwagen. Willkommen in Sarrazins Albtraum: Hier scheinen Migrantenkids im Stundentakt geboren zu werden. Man gebiert das Neue ohne Vor-, hier und da aber vielleicht mit Absicht. Merkwürdig genug: Überraschend viele Leute in unserem muslimischen Viertel besitzen auch noch Hunde (haram wie Schwein, aber außer mir weiß das mal wieder kein hiesiger Muslim), alle Größen und Sorten, vom monströsen Kangal über den toitschen Schäferrrrhund bis zur französischen Bulldogge und dem zittrig-winzelnden Yorkshire. Die werden jetzt ausgeführt, den Bolzplatz zuscheißen.

Aus meiner serbischen Stammkneipe stolpern blinzelnd die letzten Gäste  der Nacht. Es ist neun Uhr früh! Ich weiß Bescheid: Es gibt nämlich eine neue weibliche Bedienung. Die hat legendärerweise schon mal in einem Porno mitgemacht, den hat natürlich jeder Gast bereits auf dem Handy. Den Unterschied zwischen nacktem Märchen und bekleideter Arbeit zu checken, wird niemand müde. Der Slibo fließt die ganze Nacht. Ist ja eh eine Stunde weniger. Und der Schwanz, wie eine serbische Redensart heißt, guckt wenigstens nicht in die Schuhe.

Ab mittags steigt aus allen Ecken weißer Rauch auf. Keine Angst, kein neuer Papst und kein Super-GAU: Sobald der Himmel blaut und die Quecksilbersäule über 15°C steigt, wird unweigerlich der Holzkohlengrill angeworfen. Der betörende Duft von Grillfleisch umhüllt das Gesamtgeddo. Das ist ganz gut so, denn der Sonntag ist in der Folklore einer bestimmten, nicht genannt werden wollenden Volksgruppe auch der Tag, an dem man traditionell seinen verwesenden Haus- und krumpeligen Sperrmüll auf die Straße kippt. Verwesung vs. Fleischverkohlung: 0:1 nach Verlängerung.

Auf der Straße zeigen sich die ersten Grüppchen von türkischen Schönheiten, die jetzt mit Schminken und Kopftuchknüpfen fertig sind. Allgemein herrscht Disco-Islam: hautenge Hüftjeans, körperbetonte Tops, aber Kopftuch, in grell leuchtendem Rosa-, Türkis- oder Mintgrünmetallic. Mode ist, sich das Haar unterm Kopftuch dergestalt in einem Knoten zu binden, dass der Hinterkopf aristokratisch ausladend aussieht wie bei einer altägyptischen Prinzessin. Straße und Park sind schwarz von bunten Menschen, später auch bunt von schwarzen Menschen. Ganz selten mal das graue, verkniffen-argwöhnische Gesicht eines scheuen Deutschen – er wirkt irgendwie fremdartig hier, komischerweise auch auf mich.

Hinterm Kraftwerk parken über Nacht  Kohle-Trucks aus Bulgarien, der Tschechei und Polen. Es riecht nach Kohlenstaub, Nachtschweiß und Illegalität. Vor den Schlafkojen spreizen die Raben ihre Roben und warten auf Mandanten. „Honorarrr, Honorarrr, Honorarrr!“ krächzen sie erregt. Schlaftrunken blinzeln die Trucker in die Sonne. Sie bewegen sich vorsichtig und schwerfällig, wie die Leute bei der Mondlandung. Die Luft scheint zum Atmen geeignet, mit Abstrichen, aber ob der Planet Geddo auch bewohnbar ist? Immerhin, über allem – auch wenn man das Verb nicht mehr gern in den Mund nimmt – strahlt ein kobaltblauer Himmel.

Abends. Die Sonne versinkt postkartenreif hinter den Müllbergen. Es wird kühl. Wer jetzt kein Haus hat … schläft halt im Auto. Daheim aber beginnt die Natur unermüdlich und maßlos ihr fruchtbares Werk. Du spürst den Frühling, auch im Geddo.

Geddo Symphony

6. Oktober 2010

 

Hätt ich auch gern manchmal: Eine sog. Schallkanone (hier zur Piratenabwehr an Bord der Queen Mary). Fotoquelle: Wikipedia, Artikel "Lärm"

 

 

Wenn mich Leute mitleidig angucken, bloß weil ich erwähne, freiwillig im Hochfelder Geddo zu leben, krieg ich ja Trotzphase. „Hier, meine Lieben“, patze ich pampig oder prahlerisch zurück, „ist jedenfalls tausendmal mehr Leben auf der Straße als in euren muffig-putzigen Kleinbürger-Vorstädten mit Vorgarten-Idylle und Keramikschild an der Tür („Hier wohnen Anika und Thorben Mustermann mit Finn-Luka, Cleo-Malwine und Hund Nappo“); in solchen sklerotischen Norm-Schlafboxen für mittlere Angestellte möchte ich ja nicht für geschenkt wohnen!“

Sitz ich hingegen in der stylisch-coolen Wohnung der Gattin bei Abendessen und Tagesrückblick, hört sich das etwas anders an, in etwa so: „Dieser gottverfluchte verfickte Scheißlärm in meinem Geddo macht mich noch krank! Da hast du keinen Augenblick Ruhe, Mensch! Können die nicht mal für ’ne Minute die Klappe halten, das Kreischen und Bölken einstellen und ihr bescheuertes Arabesk-Gedudel runterdrehen?!“ – Beides ist nicht falsch. Leben find ich eigentlich ganz gut, und die vollverklinkerten niederrheinischen Mittagsschlafmützendörfer, die hinter heruntergelassenen Sicherheitsjalousien immer wie verzehrsberuhigt ausgestorben wirken, machen mir eher Angst. Andererseits bin ich ruhebedürftiger, denkberufstätiger Nörgelrentner, der auch schon mal gut ohne Soundtrack auskäme.

Leider fehlt mir die technische Ausstattung, sonst würde ich euch einen achtzehnstündigen Mitschnitt aufnehmen. Los geht’s um 7.00 Uhr. Ouvertüre: die städtischen Müllharmoniker. „Kraaatz-rawong! Braatzkrackgrommel? Mjampftrumbrummel Rattazong! Und Wrummm.“ Das Geddo steht an der Spitze der Welt-Müllproduktion, weswegen jeden zweiten Tag die Stadtreinigung mit einem airbusgroßen Schreddermonstertruck heranbrettert, um zerschlissene Sitzgruppen, kaputte Schrankwände und anderes undefinierbares Geraffel an Ort und Stelle herzhaft saftkrachschmatzend zu zermalmen. Leider geht das nicht erschütterungsfrei, so dass regelmäßig zwei, drei Auto-Alarmanlagen anspringen („Lalüüüja, lalüüüi, lalüüiiiii“), was die Besitzer aus den Betten scheucht, die vor dem Haus erst einmal ein ausgedehntes Palaver veranstalten, also nicht die Betten, aber die arbeitslosen Daimler-Besitzer von nebenan („Oooh, ağabey, olmaz! Sizin arabınz  kırıldı mı? Lanet olsun!“ – Yook, ama bilmiyorum ya, bu işi anlayamamıyorum, allahbilir!“*). [*= Etwa: „Oh weh, großer Bruder, das kann doch nicht! Ist Ihr wertes Automobil etwa entzweigegangen? So’n Mist!“ – „Nee, aber weiß ich ja auch nicht; werde aus der Kiste nicht schlau, weiß Gott!“] Dann: „Bollatabolla bollertromm bong dongboller“ – die geleerten Mülltonnen werden geborgen.

Sobald sich der Dorfplatz etwas beruhigt, schwärmen die Kids aus. Kinder treten ja hier grundsätzlich in Schwärmen auf. Kaum sind die kleinen Prinzen vor der Tür, schreien sie schon nach Mama: „An-nne! An-nne!“ gellt es die Fassaden hinauf, „den Yavuz, den scheiß orospuçocuğu, will misch der Ball nich…!“ Der Ball wird aber, nachdem „An-nne“ aus dem vierten Stock ausgiebig keifend die gelbe Karte gezeigt hat, doch frei gegeben, um dann für die nächsten Stunden ausdauernd gegens Garagentor gedonnert zu werden. Es holzbollerbolzt Galatasaray gegen Beşiktaş Istanbul; manchmal funkt auch Inter Mailand alias „Mehmed, den makat* [*=Arschloch]“ dazwischen. Der fette blonde Dirk kräht: „…unn deine Mudda is’ne Schwuchtel!“ – Der Pegel steigt. „An-nnne! An-nne!!“ Mama hat aber jetzt den Papp auf, hält einen erzieherischen Vortrag in mehrstimmig anatolischen Oberton-Koloraturen und trompetet abschließend ein energisches, arabisch aspiriertes „Bana rahat birak!“ in den Morgenhimmel. Ja, „laß mich in Ruhe“, das denke ich da auch schon.

Später Vormittag. Die ersten Trucker und Busfahrer aus dem Montenegro trudeln im Café Lipa ein. Als erstes treten sie steifbeinig vor die Tür, um der Heimat von ihrer glücklichen Ankunft („dobro! dobro, hvala!“)  zu berichten.  (Seltsames Phänomen: Die Serben qualmen zwar im Lokal, zum Telefonieren gehen sie aber grundsätzlich nach draußen…) Zuhause ist indes sehr weit weg, da müssen sie schon volle Lungenkraft einsetzen. Je kleiner das Handy, desto lauter; um die Nachbarschaft nicht auszuschließen, wird gastfreundlich auf Lautsprech geschaltet – man hört die Stimme Serbiens sogar bis hier hin („krrchz, rhzrntsch, prrschtnscht vryznntpt?“).  Außerdem donnern, rumpeln und klabautern jetzt in endlosen Krawallkarawanen die Lieferwagen, Vans und SUVs mit bulgarischem Kennzeichen durch die Straße. Vom Balkan haben die Fahrer die schöne Sitte mitgebracht, mitten auf der Kreuzung stehen zu bleiben, um sich, von Seitenfenster zu Seitenfenster, mit einem Bekannten auszutauschen. Das allfällige Hupkonzert wird dabei wohlwollend in Kauf genommen und fröhlich beantwortet.

Mittag. Einkaufszeit für Semra, Dilem und Aynur. Die Kinder kreischen markerschütternd. Die Mädchen kriegen eine geschallert, die Proto-Paschas werden zusammengebrüllt. Dorftratsch wird furioso con fuoco e fortissimo bequaakgackelt. Trolleys holpern übers Rumpel-Pflaster. Es wird Zeit, die heimischen HiFi-Türme auf Muezzin-Lautstärke zu bringen: gnadenlos jodelt, knödelt und jault das ewig gleiche Arabesk-Geschluchze durchs Viertel und gibt bis abends nicht mehr Ruhe.

Ab Nachmittag versammelt sich männliche Jugend, zumeist um ein Auto, dessen Motorklappe aufklafft. Man spielt „türkisches Ferngespräch“. (Vallah! Das geht preisgünstig ganz ohne Telefon – einfach bloß quer über die Straße schreien!) Johlend werden Jungmänner begrüßt, die im BMW-Cabrio auf extra breiten Schlappen vorbeipatroullieren, um uns großzügig und flächendeckend mit („Umpf! Umpf! Uffta-umpf!“) Gangsta-Rap und HipHop zu bedröhnen. Bei mir im ersten Stock beginnen alle Tassen im Schrank  zu klirren. Zum Glück nähert sich ein Streifenwagen mit Sirenengeheul. Aus dem Café Lipa schallen traurige Lieder. Die Heimat, die schöne Heimat.

„Düüdelflöt, flööt, flöööt!“ – die ambulanten Schrotthändler bitten um Aufmerksamkeit. „Schrapp schrapp futscherfutscherfutscher“ – ein Polizeihubschrauber kreist überm Viertel – die „Bandidos“ vom Chapter um die Ecke haben heut Jahreshauptralley mit geselliger Sammelausfahrt („Dröhndröhndonner, wummerkrawrrrumm, krawroll!“). Es wird Abend. Zeit für ein bissel marginales Bollywood-Quäken, Reggae-Tamtam und Radio Gaziantep. Fußball ist zuende („Geh isch gezz Video!“), Zeit für den Obst- und Gemüsehandel („schleif, kräwatter, rummbums“), die Kisten im Sprinter zu verstauen. „Krömmmm, wrömmmm rödelröchelrödel“ – Nachbar Izmet versucht noch immer, den maroden Motor seines Zweit-Astra zu starten.“Trömmel trömmel trömmel“ – endlich läuft er und wird vorsichtshalber die nächste Stunde angelassen, damit er nicht wieder ausgeht.

Letzten Sonntag war mal für eine halbe Stunde himmlische Ruhe – da wummerte urplötzlich etwas in die Stille, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ: DEUTSCHE SCHLAGERMUSIK! „Ruhe da unten!“ hörte ich mich brüllen, während ich nach dem Besenstiel suchte, um gegen die Wand zu bollern. Ist doch wahr, Mensch!

In Muttis Nippeshimmel

24. September 2010

Im "Geddo" noch präsent: der Nippes-Himmel

Ohne existentiell düstere Laune verbreiten zu wollen – ich beneide ja die hinterbliebenen Leute nicht, wenn ich mal plötzlich unerwartet und todsicher „auf tragische Weise“ zu früh tot, pardauz und zuschanden ginge. Wie ich mich kenne, kommt Gevatter Tod zu mir nämlich irgendwann so überhastet, dass ich „vorher“ nicht mehr zum Aufräumen gekommen bin! – So, nun stehen besagte Erben, von meinem Hinscheiden eh schon genervt und in ihrem Alltagstrott gestört, fassungslos in meinem halb-klandestinen Wohnschlafbüro im „Geddo“ („Gott! Was trieb der denn hier bloß!“), lassen den Blick über hochstapelnde Bücherberge, undurchsichtig heterogene Papierhalden (Pizza-Bestell-Service-Flyer, Nietzsche-Auszüge, Einkaufszettel, inhaltsleere Verpackungen, Schopenhauer-Porträts und Gebrauchsanweisungen etc.), ferner längst ausgelöffelte Ölsardinen-Büchsen und vor langer Zeit schon ausgetrunkenes, noch nicht eingelöstes Leergut schweifen (so weit dass auf 55qm geht) und murmeln unisono: „Ach du Scheiße!“ – Es gibt, wie ich vom Hinscheiden meiner verehrten Frau Mutter weiß, kaum etwas Deprimierenderes, als den versammelten Lebensschrott eines mehr oder minder ja doch geliebten „Nächsten“ entsorgen zu müssen. Weil aufheben kann den Müll doch keiner!

Wer in meinem Nachlaß zu wühlen hätte, tut mir jetzt schon leid! Der einzige Vorteil am Dasein eines veritabel berühmten Schriftstellers ist, daß man seinen aufgehäuften Schatz resp. Schrott noch zu Lebzeiten dem Marburger Literatur-Archiv vermachen und dafür sogar auch noch Kohle abgreifen könnte. Als hingegen lebenslang vollkommene Unberühmtheit genießender privater Kleinkunstgärtner besitze ich indes leider keinen Nachlaß, auf den sich begierig Germanisten-im-Hauptstudium stürzen würden, um angemessen ergriffen über meine hinterlassenen Einkaufszettel zu promovieren: Angewidert müsste man sich vielmehr durch Berge wirren Geschreibsels, kompromittierender Fotos und abstoßend schweinischer Videos („nur zu Studienzwecken!“) kämpfen; man verletzte sich an unbekannten, aber durchaus tödlichen japanischen Waffen, überflöge Papierfetzen mit obskurer Zen-Lyrik, entzifferte kryptische Philosopheme („Der Übermensch wäre letztlich auch bloß ein Arschloch!“) und durchstöberte Konvolute von auf Haftnotizzetteln gekritzelter Selbstermahnungen („Ab Morgen unbedingt weniger trinken!“, „Idiot! Auf Droge schreibst du auch nicht besser!“, „Mal endlich Müll runterbringen!“, „Morgen kommt die Putzfrau! Saubermachen!“), so daß man es bald satt hätte und den kompletten Schamott herzlos in einen Container schaufeln würde. Sic transit gloria mundi!

Während meine präsumtiven Hinterlassenschaften den schon zu Lebzeiten umgehenden Zweifel an meinem Charakter bestärkten, bestätigte dereinst die Besichtigung der Wohnung meiner verstorbenen Mutter (Ihr Gott habe sie selig!) unsere Ahnung, daß unsere bereits früh verwitwete, deshalb um so langlebigere Mama im Alter einer einzigen, zwar lässlichen, aber doch auch verschärft lästigen Leidenschaft frönte: der sorgfältigen, zuletzt aber auch manischen Akkumulation von Nippes. Und zwar, konkreter: Nippes, Nippes, Nippes! Sowie das ganze zum Quadrat!

Von einer ziemlich irren metaphysischen Panik getrieben, ertrug sie keinen Quadratzentimeter leerer Wand: Niedlichkeitsvortäuschende, neckische Setzkästlein mit dekorativen Miniatur-Dingelchen, verstaubte Strohblumenkränze, stumpf gewordene Zinnteller, Porzellan-Harlekine, herzige Engelsköpfe, semi-künstlerische Schmuckkacheln, dito Aquarelle, profane Paris-Reise-Souveniers, privat-familiäres Andenkenzeug, unerfindliche Memorabilien, Duft-Kerzchen, Schmuck-Väschen, Deko-Flakons, Duftbeutelchen, Kinderfotos, Kalenderspruchkalender, Kruzifixe (die karge, immer an Barlach erinnernde protestantische Art), Pinnwände mit Halskettchen und Ringelchen, Mokka-Sammeltassen, Ansichtskarten, gestickte Kopien von Dürers betenden Händen oder Hasen, in Kunststoffholz gerahmte fromme Sprüche, Kochrezepte und Geburtstagsgrüße etc. etc.  verwandelten ihre Witwen-Klause in ein stickiges Dickicht bzw. Horrorkabinett eminent überbordender Vollgestopftheit.

Auch wir pietätvollen Kinder  nahmen am Ende erschöpft Zuflucht zum Container-Dienst. Es war einfach zuviel des desaströs kitschigen, wertlosen Deko-Geraffels! Wer hält solche Ding-Flut denn aus! Auch nicht gerade aufbauend ist es übrigens, bei dieser Gelegenheit mit Kram konfrontiert zu werden, den man noch aus der Kindheit kannte, aber mittlerweile für die Ausgeburt ödipaler Alpträume gehalten hatte: Genau DIE beknackten Zuckerdöschen, Kuchengabeln, Cocktail-Spieße, Portwein-Schalen und Zierlöffel, die den verzweifelt undurchsichtigen, psychoanalytisch hochinteressanten Horror der Kindheit möblierten, existieren immer noch, und zwar ganz real, materiell und jeder Vergänglichkeit trotzend! Muttis hats aufgehoben! –  Weg damit jetzt, endlich!

Vor diesem Hintergrund wird es zum nahezu psychedelischen, quasi-traumatischen Erlebnis, einen Laden zu betreten oder, in meinem Fall, als Elefant im Porzellanladen, mich zaghaft hinein zu winden, der zentner- oder auch tonnenweise EXAKT DAS auf augentränend üppiger Halde feilbietet, was wir kürzlich erst mit schier übermenschlicher Mühe losgeworden sind:  Hier ist stolz der gesammelte Sammeltassen-Sammelsuriums-Salat der 40er, 50er, 60er und teilweise 70er Jahre aufgehäuft: als Muttis Traum vom Nippes-Himmel! Püppchen, Porzellan-Pudel, Parade-Paravents, Persil-Reklame-Tafeln, Fächel-Fächer, verschrobene Schraubenzieher, Nagelfeilen, Nähmaschinen-Reparatur-Sets, Patentkochtöpfe, Zigaretten-Etuis, Kämme, Armbänder, Abfluß-Siphons, Wasser-Hähne, Taschenbücher von Bertelsmann,  Army-Jacken, Clowns-Masken und Freddy-Quinn-Vinylschallplatten-Singles; wer Photo-Kameras aus den 30ern braucht, süßliche Terrakotta-Engel oder Kerzenständer aus lackiertem Messingholz, Pantoffel-Puschen im Orientdesign, mit Rosenplüsch bestickte Warmhalte-Kaffeekannen-Mützen oder gehäkelte Eier-Wärmer – alavotte! „Sehen Sie sich gerne um! Was SUCHEN Sie denn?“.

Ich suchte… – vorerst das Weite. Und dennoch, ohne daß ich einen Grund dafür benennen könnte: Daß es solche verborgenen, sich in der Tiefe eines unübersichtlichen, funzlig-duster beleuchteten  Raumes erstreckenden, wirren Trödel-Bazare überhaupt noch gibt, erfüllte mich mit Befriedigung, ja, gedämpfter Begeisterung. Wer dort in zwanzig Jahren versehentlich auf Kraskas Nachlaß stößt, darf ihn behalten! Komplett alles zusammen, inkl. der Fotos, für fünf Euro!

Kraska macht Putz, Stadt machen weg: Hetzefrei

19. Juli 2010

Paranoia aus dem Paralluniversum



Straßenfeger, Müllmann, Putze – alles keine populären Traumberufe! Der Karriere-Wunsch „Ich möchte so gern anderen Leuten ihren Dreck weg machen!“ wird heute nur noch selten geäußert. „Ooch, irgendwas so vielleicht mit Menschen“, murmeln vielmehr unbedarfte Schulabbrecher, verlegen in der Nase bohrend, wenn sie im Berufsbildungszentrum nach ihren künftigen Traumtätigkeiten befragt werden. Ja, schön. Bon. Nur leider, Leute, „Menschen“, – das heißt manchmal halt auch: Idioten, Ferkel, Dreckspatzen,  Graffitti-Spinner oder auch, nur ganz gelegentlich, ausnahmsweise und nicht generalisierend verstanden, südosteuropäische Kulturbereicherer, die in meinem Viertel gern glauben, die Glas-Leergutcontainer seien dazu da, dass man vor ihnen giftigen Elektroschrott, durchgepißte Matratzen, volle Windeln und Essensabfälle ablädt. Sind ja trotzdem auch Menschen, oder? Und keineswegs, wie vor allem meine serbischen, nigerianischen (!) und türkischen Nachbarn lautstark meinen, „alles Schweine, die scheiß Ausländer“!

Dennoch. Kürzlich stellte ich [– mein Gott, ich gehe offenbar zügig dem Status des ordnungsnotgeilen Rentner-Nazis entgegen! Mir fehlt, schätz ich, nur noch der kleinkrempige Pepita-Hut und der beige Popeline-Blouson! –], eine Roma-Frau (rate ich jetzt mal) zur Rede, dergestalt, dass ich bei der einen überquellenden Krempel-Trolley hinter sich her ziehenden Mutter Schmierage, die offenbar glaubte, Orangeschalen, kaputte Toaster und irgendein unentwirrbarer Kabelsalat gehörten bei uns im Grunde auch zum Leergut, mehr oder eher minder höflich anfragte, ob sie denn bitteschön noch alle Tassen im Schrank habe, daheim, in Bulgarien oder wo, zum Beispiel? Schnippisch, knapp und in stark gebrochenen (aber ungeschienten!) Deutsch wurde mir über den Müllhaufen hinweg beschieden: „Stadt holt ab! Stadt machen weg!“

Die Stadt (Duisburg) hat zwar kein Geld, weil keiner mehr nennenswert Steuern zahlt, dafür aber mehr und mehr Leute HartzIV-Versorgung benötigen („Leute! Laßt den Tropf nicht hängen!“), aber bei unseren Mitbürgern mit Migränehintergrund offenbar einen schweren Stein im Brett. Man verlässt sich drauf: Stadt macht schon irgendwie weg! Die Männer [(obs Frauen auch gibt? Weiß ich momentan gar nicht – aber deswegen gleich feministisch-fäusteballend fordern: „Öffnet die Müllabfuhr den Frauen!“ fände ich übertrieben.) der Duisburger Wirtschaftsbetriebe haben bei uns im Viertel immer Extra-Schicht. Ein Rätsel, das mir noch keiner lösen konnte: Wo kriegen dieMenschen ungenannter Herkunft bloß diese Unmassen Müll denn immer her? Sitzgruppen, Elektronik, Computerschrott, vermischt Organisches unterschiedlicher Verwesungsstufen? Na ja, lassen wir den Müll. Stadt macht, wie gesagt, schon irgendwie weg.

Zur Kompetenz der Wirtschaftsbetriebe gehört prinzipiell auch die Beseitigung graphischen Mülls. Der gliedert sich wesentlich in drei Kategorien: a) Stumpfsinnige bzw. uninspirierte sog. Tag-Schmierereien, dann b) mehr oder minder unterhaltsame Kundgebungen politischer oder allgemein lebensratgeberischer Natur sowie persönliche Nachrichten („Dilem, seni seviyorum –  isch liebe disch warum du misch denn nich?“) sowie c) Schablonen-Graffitti, die ich als coole urbane Ausdrucksform der Jetztzeit durchaus toleriere, meistens jedenfalls.

Es sei denn, es handelt sich um Mitteilungen aus einem psychopathologischen Paralleluniversum, das aus lauter barthaarfeinem Irrsinn und purer Propheten-Paraoia gesponnen ist wie das komplett realitätsabgekoppelte Wahnsystem der Islamerer. Von einem Transformatorenkasten bei mir um die Ecke lächelt mich da neuerdings mütterlich-einladend eine Kopftuch tragende Frau an und ermutigt mich: „Stoppt Antiislamhetze!“ Okay, pour-quois pas? Hetze find ich nicht gut. Hetze ist Müll. Sire, geben Sie Hetzefrei!

D’accord. Nur, nebbich, unsere Islamerer im Viertel kenne ich: Sie flanieren ostentativ im Freitags-Kaftan durch die Hood, ausgerüstet mit Häkelkappe und hennagefärbtem Vollbart, und finden, gegen Frauenunterdrückung vorzugehen, sei typisch westlich-verwerfliche „Antiislamhetze“.  Das Burka-Verbot etwa, das kürzlich vom französische Parlament verabschiedet wurde, ist für sie solche „Hetze“. Nun ja. – Vielleicht möchte man die Diskriminierung und Versklavung der Frauen zum Weltkulturerbe erklären lassen? Da wäre ich dagegen, schätz ich, genau so, wie mir das Recht, „Scheiss Juden“ an deutsche Wände zu schmieren, wenig schützenswert erscheint. Generell liegt die Zeit, in der mir das Beschmieren von öffentlichen Mauern mit bescheuerten, weil einseitigen und unterkomplexen Polit-Botschaften sinnvoll erschien, ca. 40 Mio. Jahre hinter mir.

Um die Stadt hetzefrei zu machen, würde ich die Wirtschaftsbetriebe Duisburg gern bitten: „Sie da, mit dem super Chemie-Dings, können Sie diesen Müll mal wegmachen, da?“ Aber ich weiß, dieser Service ist kostspielig und aufwändig. Im Grunde wäre wohl Bürgersinn gefragt. Und eine klare Vorstellung davon, was man an unseren Wänden dulden darf, und was nicht. Ich befürchte, das geht gerade flöten…

Man mache das weg da! Ich geb euch gleich was von wegen "scheiss Juden"...!

Nervt: Ödes, doofes, uninspirierstes Tag-Geschmiere

Blumen für den Schwarzen Block