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Sex, Sexismus, Frauenfußball

26. Juni 2011

Doofer Sexismus, aber sehenswert, oder? (Copy-Right: Natürlich der PLAYBOY)

Frauen, das ist inzwischen weltweit bekannt, haben ein Geschlecht. Man darf heute mutig hinzufügen: Und das ist auch gut so! Zwar, Männer haben ja auch eines, und sie sind sogar gemächtig stolz darauf, verstecken es aber auch gern unter Suspensorien, hinter vorgehaltenen Händen (beim Freistoß mit Mauer) oder in der Semantik. 2010 hatten wir z. B. die FIFA-Fußball-WM, klar, und was geht heute endlich ab? Die „FIFA-Frauen-WM“ – ein Turnier, in dem also offenbar ermittelt wird, wer Weltmeister im Frau-Sein wird. Verwirrend, denn die Weltmeisterin im Frau-Sein hieß lange Zeit „Miß Universum“ und die war gar nicht Teil einer Mann(!?)schaft.

Natürlich kann man sich trefflich über den latenten Sexismus der alten DFB-Säcke echauffieren, die noch vor drei Jahrzehnten keinen Zwanziger für den Frauenfußball gegeben hätten, aber Sexismus ist, wie ich an mir selber registriere, hartnäckiger als Haarwuchs an den falschen Stellen. Zwar bin ich seit Jahren Fan des Frauenfußballs, nur – bin ich es auch aus sport- und gender-politisch korrekten Gründen? Oder handelt es sich um einen klandestin-unbewußten Triebimpuls, wie ihn nur die Adepten von Professor Freud aus meiner schwarzen Seele herausgrübeln dürfen? Kann doch sein! In meiner Jugend wurde ich, außer von Cellistinnen, die aber nur selten vorkamen, erotisch stark von Friseurinnen – die man damals noch betörend-sinnenverwirrend „Friseusen“ nennen durfte, ein Wort, das so herrlich säuselte und süßelte – angefackelt. Sie rochen so gut und waren Virtuosinnen der Kopfmassage, und der Kopf ist ja bekanntlich, ahem, nun ja.

Heute machen mich eher stramm-schenklige, Sport-BH-tragende junge Frauen an, aber das ist falsch, oder? Evtl. sogar verwerflich? Das Fortbildungsmagazin „Playboy“ versorgt den Teil der männlichen Bevölkerung, dem beim Thema „Frauenfußball“ weniger das Herz, als die Hose aufgeht, mit Nackt-Fotos von Fußballerinnen, die selbst ich, gäbe es sie bei Panini, vermutlich wohl eher sammeln würde als etwa bodenlos hosenlose Fotos von Lukas Podolski oder Bastian Schweinsteiger, zugegeben. Auch ich bin „nur ein Mann“. Nebenbei, Frauenfußball ist vielleicht weniger kampfbetont und athletisch, dafür aber anmutiger, technisch versierter und ästhetisch befriedigender. Das liegt letzten Endes vermutlich daran, dass Frauenfußball von Frauen gespielt wird. Und damit sitze ich schon wieder in der Sexismus-Falle, weil ich ganz generell, als bekennender „Hetero“, Frauen ansehnlicher finde als Männer, und zwar ziemlich egal, was sie gerade tun. Selbst beim Trikot-Bügeln oder Beine-Rasieren würde ich Fatmire „Lisa“ Bajramaj, Celina Okoyino da Mbabi oder Kim Kulig wahrscheinlich lieber zuschauen als, sagen wir mal, Phillip Lahm. Schon wieder falsch! Ich soll ja nicht Frauen, sondern Fußball gucken.

Andererseits: Ich würde auch gern saudi-arabischen Frauen beim Auto-Fahren zuschauen, oder iranischen Mädels beim Fußball ohne Tschador, und das wäre, zunächst mal, ein politisch korrektes Begehren. „In Saudiarabien dürfen Frauen noch nicht mal Auto fahren!“ – diesen Satz hört man hierzulande gerade ziemlich oft, wenn die unglaubliche Tatsache ventiliert wird, dass Frauenfußball in Deutschland bis in die 70er Jahre – was? genau! verboten war! Er gefährde nämlich, so noch Sepp Herberger, die „weibliche Anmut“.  Das finde ich ja nun gerade eben nicht, aber könnten wir das Thema „weibliche Anmut“ nicht irgendwie überhaupt mal beiseite lassen? Offenbar nicht. Weil nämlich selbst Emanzipationsvorkämpfer wie DFB-Theo Zwanziger Werbespots genehmigen, in denen sich Spielerinnen mitten im Match die Lippen nachziehen und die Wangen pudern. Haha! Ein bisschen doof sind die Tussen also wohl doch, aber wenigstens nicht „vermännlicht“ wie Mario Gomez und Manuel Neuer, die sich wahrscheinlich noch nicht mal die Beine rasieren, schon gar nicht während des Spiels.

Ist das eigentlich ein Fall von latenter Homophobie? Dass Männer immer Angst haben, Sportlerinnen könnten „vermännlichen“?  Also meine Befürchtung ist das nicht, auch wenn Fußballerinnen mal vergessen, sich im Strafraum die Nägel zu lackieren. Ich verstehe auch nicht, warum so viele Testosteron-Junkies immer Angst vor Lesben haben. Glauben sie vielleicht, sie kriegen irgendwann keine Frau mehr ab, weil die alle ihresgleichen bevorzugen? Wie kleinkariert und kognitiv bierbäuchig! Ich halte es mit dem französischen Philosophen und Sozial-Utopisten Charles Fourier, der bekennender Anhänger des „Sapphismus“ war, was wohl, weniger vornehm, bedeutete, dass er gern bei lesbischem Sex zuschaute, was ich ganz gut verstehen kann. – Aber, warum rede ich bloß die ganze Zeit über Sex? Es geht doch um Fußball!

Nachher gucke ich das Eröffnungsspiel. Ich hoffe natürlich, dass unsere Frauen auf dem Platz gut aussehen. Wobei ich dies rein sportlich und wettkämpferisch verstanden wissen möchte. Andererseits: Würde das Geschlecht GAR KEINE Rolle spielen, könnte ich, wäre es mir nur um „schönen Fußball“ zu tun, ebenso gut auch den FC Barcelona ansehen. Es ist zum Mäuse-Melken – man entkommt irgendwie dem Geschlechtlichen nicht, selbst wenn man altersbedingt schon darüber hinaus ist!

Neue Männer: In der Nasch-Anlage

22. Februar 2010

Orientierung noch unentschieden: Geflügelter Knabe (Caravaggio)

Momentan tagt, unter heftigem Blitzgewitter und Geschwätztsunami der Medien, ein„Männer-Kongreß“ in Düsseldorf. Das Männer-Bild oder –Ego soll irgendwie renoviert werden oder so. Was soll ich darüber denken? In meinem Kopf herrscht ein kaum begreifliches Durcheinander. Unaufgeräumter als beim Hempels unter’m Sofa. Ich surfe mal auf dieser, mal auf jener Einstellung und schere mich einen feuchten Kehricht, ob sich das nun widerspricht, oder was. Eigentlich ist mir die sexuelle Orientierung genau so wie die pedantische Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht völlig schnurz, nicht nur bei anderen, auch bei mir. Gerade bei mir. Seit ich mir zu meinem 7. Geburtstag eine „Negerpuppe“ wünschte, und sonst nur Bücher, lebte mein Herr Vater, homophob wie nur irgend ein Scheich von Abu Dingsda, in der peinigenden Sorge, sein Stammhalter könnte womöglich „eine Schwuchtel“ werden. Tja, nebbich. So war er halt, mein Macho-Vati! Seine Rede war schlicht und biblisch: Ja, ja und nein, nein.

Meistens letzteres. Künftige Aufstände probend, ließ ich ihn daher kaltherzig in dem Glauben, ich sei tendenziell schon ein wenig arg mädelhaft geraten. Pöh! Na und? Mir doch egal! Auf ewig ein anmutig liebreizender, vorpubertärer, androgyner Elfjähriger, mit hohem IQ und gesegnet mit einer geradezu furchterregenden Neugier und Offenheit für alles, was Spaß macht: Das wärs, und das wär ich verdammt gern geworden bzw. auf immer geblieben. Äußerlich habe ich mich von diesem Ideal leider verabschieden müssen. Mist, Mist.

Andererseits, ausgerechnet ich, Sympathisant der radikalfeministischen Rebellion gegen die Zwangseinweisung in eine binäre Hetero-Sexualität, sorge ich mich in einem einzigen Punkt trotzdem häufig um meine Männlichkeit. Insgeheim, ohne recht zu wissen warum, halte ich meine Neigung zu Naschwerk irgendwie für unmännlich, genauso wie Nutella-Schnittchen, Duft-Kerzen und Batik-Hemden. Trotz meiner Nonchalance wäre es mir unangenehm, stünde auf meinem Grabstein gemeißelt: „Er war eine Naschkatze“! Obwohl ich genau das wohl bin. Exotische Nüsse, schwedische Hafer-Kekse, britische Ingwer-Kringel (Gingerbread), Rice-Crispies aus Indonesien, Erdnuß-Locken von Bahlsen, banale Salzbrezeln: Steht derartiges auf dem Tisch, bin ich nicht mehr zu bremsen. Ich nasche, knuspere, knabbere und kaue wie ein Suchtkranker! Ohne Hemmungen! Peinlich, oder? Ich meine, hat man John Wayne je Nüsschen knabbern sehen? Ernest Hemingway? Oder Rocky (I-IV)? Rambo etwa? Sie alle schienen Nüsschen und Kekse zu verschmähen und starben aufrecht in ihren Cowboy-Stiefeln, ungesüßt und unvernascht, Ikonen 100%iger machistischer He-Männlichkeit. Ich hingegen nasche und finde, unentwegt knabbernd, MusikerInnen wiek.d. lang oder Antony (von Antony and the Johnstons) gut, die etwas frappierend Unmännliches und Unweibliches an sich haben, und zwar irritierenderweise jeweils beides zu gleicher Zeit.

Aber wiederum andererseits: Meine orientalischen Freunde, in Male/Female-Dingen ansonsten extrem pingelig und ehrpusselich bis zur Zwangsneurose, haben mit Naschwerk überhaupt kein Problem. Nahezu pausenlos werden bei denen zuhause zum Tee Pistazien, Pinienkerne, Cashew-Nüsse, Sonnenblumenkerne oder Röstmais gereicht und umgehend verknuspert, pfundweise, und zwar gerade von Männern! Jederzeit auch gern Studentenfutter, Trockenobst, Kichererbsen, Mandelkern und Haselnuß, ohne Scheu und Scham, mit dicken Backen und Krümeln im Schnauzbart. Ich schwör.

Die Dealer hab ich jetzt getestet: Das Ehepaar Müzeyen und Mustafa Özkan betreibt hier im Viertel das „Param kuruyemışleri“ (in etwa: „Meine Währung: Studentenfutter“), ein Fach-Geschäft für im eigenen Laden frisch geröstetes Nussnaschwerk, getrocknete Früchte und sonstiges Knabberzeug. Meine Freunde sind nämlich keine Kümmel-, sondern eher Knabber-Türken.

Schon vor dem Schaufenster umweht einen der betörend rassig-nussige Duft frisch gerösteter Erdnüsse. Drinnen steht man vor der Glasvitrinen-Parade und fängt, um Zurückhaltung bemüht, erstmal ganz vorsichtig an: „Gehm’se domma bitte hiervon hundert Gramm!“ Aber Herr Özkan beobachtet die lüstern hin und her schweifenden Kundenblicke genau, und zack! streckt er einem ein Schäufelchen von diesem und jenem Leckerkram zum Probieren entgegen. Und schon geht es los. Die Hemmungen fallen. Hiervon noch, und einen Beutel davon, und was, bitte, ist dies hier? Herr Özkan schippt und schaufelt gleichmütig, was die Vitrinen hergeben und gibt nur noch lakonisch zwischendurch den erreichten Preis an. Der ist überraschend niedrig, was einem prompt die letzte Zurückhaltung nimmt.

Mit einer prall gedrehten Nasch-Tüte verlässt man die Naschanlage. Manno, denkt man, wer soll das denn eigentlich wieder alles essen? Zuhause angekommen, entsteigen die betörenden Röstnussdüfte und Orient-Aromen dem knister-knusperigen Beutel – und die Frage hat sich bereits erübrigt.

Das man nicht gleich direkt aus der Tüte futtert, sondern kultivierte Porzellan-Schälchen auffüllt, ist ein bemerkenswertes Zugeständnis an die Zivilisation, – aber dann wird genascht und geknuppert, bis man nicht mehr weiß, ob man Männchen oder Weibchen ist. Ob ich der vom Düsseldorfer Kongress dringend gesuchte „Neue Mann“ bin? Iwo, nee, ich fürchte, ich bin bloß ein Nasch-Pappi.