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Romantik? Is‘ mit Sehnsucht, oder? (Aus meinem Tagebuch)

10. Oktober 2011

Romantik ist mit Sehnsucht, aber oft ohne Frühstück...

Polaroid von mir: Da kommt der König des Geddo! Altmagister Kraska walzt nächtens zu fuß, majestätisch seinen Embonpoint vor sich herschiebend wie den Bug eines äußerst selbstbewussten Öltankers, leicht schwankend über den Brückenplatz, steuert eine Gruppe schwarzer, des nachts aber noch erheblich schwärzer wirkender Ganja-Anbeter und Vielbier-Trinker an, teilt diese wie das Rote Meer, schreitet gemächlich durch sie hindurch, als wäre er von einer Uno-Blauhelmtruppe eskortiert und komplett immun gegen Anfeindungen und Zweifel jeder Art, grinst dabei auch noch doof herablassend und macht dazu ein Gesicht, das mimisch besagt: „Ja? Waas?!“ – Und? Kriegt er aufs Maul? Iwo! Rätselhafterweise nicht, im Gegenteil, ehrerbietig bildet das Zwielicht-Volk eine Gasse und lässt ihn sanftmütig passieren! – Bang frage ich mich, seit wann ich eigentlich dermaßen angstfrei bin. Ist es der Wein? Oder ist bereits das ein Anzeichen nachlassenden Lebenswillens? Geht es zu Ende mit mir?

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Wunderlich scheint mir auch, dass ich in erotischer Hinsicht, nach Cellistinnen, Friseusen und Sport-BH-Trägerinnen, nunmehr und gegenwärtig stark von barfuß singenden Soulschnepfen angefackelt werde? Ich wusste gar nicht, dass Senilität so bunt ist!

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Wenn nachts das Telefon in meinem Schlafbüro klingelt, dessen Nummer fast keiner kennt, kann es eigentlich nur Boris sein, mein Philosophen-Kollege, der Ex-Militante und gewesener Berliner Landesjugendmeister in der Kategorie „Forensisch relevantes und entsprechend kostspieliges Pflasterstein-Schmeißen“, dessen Doktor-Arbeit ich einst betreuen durfte (vgl. Boris Raskolnikov-Bronski, „Stein und Sein. Die Metaphysik der Überschreitung im Lichte hermeneutischer Ästhetik“, Heidelberg 1999); wenn ihm nach Telefonieren ist, liegt er meist, Unmengen von Absinth ohne Eis und Wasser vertilgend, in seiner Wohnbadewanne mit Blick auf den Zentralfriedhof, und äußert teils finsteres, teils aggressiv feindseliges, kulturpessimistisches Gedankengut.  Was uns zusammen schmiedet, ist unsere suizidale Neigung: Boris schläft mit dem Kopf im Gasofen, ich horte Pillen und übe Segler-Knoten an eingeseiften Hanfseilen. Wir sind beide noch am Leben, weil wir uns nicht einigen können, wer auf wen die Grabrede halten darf. Wir haben beide so gute Ideen!

Nach ca. drei, vier Stunden sind wir fertig mit Telefonieren, bzw. ich kann nicht mehr. Ich werde alt, Mensch! Boris, der gelegentlich leichte Züge von hereditärer Homophobie an den Tag legt, sagt noch: „Mann! Wie Mädchen! Wir telefonieren wie Mädchen!“ Dann ist es irgendwie zu spät, noch ins Bett zu gehen und zu früh, um Frühstück zu machen. – „Mein Gott!“, die Gattin schüttelt den Kopf, „Worüber zum Teufel UNTERHALTET ihr euch denn so lange?!“ „Darüber, dass alle außer uns doof sind“, entgegne ich betont beiläufig. – „Ach“, versetzt die Gattin nicht ohne Sarkasmus, „und dafür braucht ihr VIER Stunden?“

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 Nach früher Kälte noch mal Föhn. Die Fenster stehen auf und der warme, nächtliche Wind blättert in den aufgeschlagenen Büchern über das Wesen des Lesens, die sich auf dem Schreibtisch stapeln. Wer so etwas poetisch findet, kann nur ein sentimentaler alter Idiot wie ich sein. Machen wir uns nichts vor: Ein Großteil sogenannter Lyrik beruht auf peinlichen Klischees, das lässt sich kaum leugnen.

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 Azzize, die ich im Auftrag von Boris durchs Deutsch-Abitur peitschen soll, ist ein olivfarbenes, großes Fragezeichen mit seitlich so riesen Kreolen dran. Wir sollen steinalte, bemooste Gedichte verhutzelter Frömmlerinnen interpretieren. „Barock?“, murmelt Azzize ratlos, „nee, keine Ahnung. Ich hör mehr Old Scool, Jay Z und P. Diddy, kenn’ Se die?“ Ja, stell Dir mal vor, das kennt der alte Mann, Kiddo! – „Barock mehr so als … Epoche“, souffliere ich. Azzizes Gesicht hellt sich auf: „Ach, ja, Epoche, klar, wie Romantik oder? Romantik ist doch das mit Sehnsucht, ne?“ Na ja, in etwa kommt das hin.

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 „Boris!“ krähe ich ins Telefon, „kann es sein, dass unsere Schulbürokratie ein ziemlich zynisches Schweinesystem ist, das hauptsächlich Migrantenkinder verarscht?“ Ich soll nämlich inskünftig Murat, Emre, Gülter und Azzize (13. Klasse) Thomas Manns Schnarchsack-Wälzer erklären, aber pronto und inert vier Wochen. . „Manno, Boris“, jammere ich, „die können doch noch nicht mal ’ne Backpulveranleitung von Dr. Oetker kapieren!“ – Boris in seiner Wanne zuckt hörbar die Achseln: „Du wolltest doch die aussichtslosen Fälle!“ – Das hat man von seiner scheiß Phillipp-Marlow-Romantik!

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 Alle, die das Wohnzimmer der alten Bundesrepublik möbliert haben, werden früher oder später  verfilmt: Margarete Steiff, Marcel Reich-Ranicki, die RAF, Udo Jürgens und neuerdings Beate Uhse (Vorsicht, Pilcher-Kitsch mit fast gefühlsechtem Schleim!). Wer noch fehlt, ist Freddy „the mighty“ Quinn. Wenn ich mich erinnern will, wie verdammt scheiße alt ich bin, denke ich daran, wie ich als Kind von meinen Eltern zu Tante Klara abgeschoben wurde, die wiederum von ihrem weltläufigen Sohn Manfred, einem Seemann, einen Plattenschrank geschenkt bekommen hatte, auf dessen Zehn-Platten-Wechsler hauptsächlich Freddy-Quinn-Singles liefen, Sachen wie „Sie hängen Tom Dooley“, Fremdenlegionärs-Balladen und Seemannsschnulzen. – Wenn man danach gräbt, wovon man geprägt wurde, blickt man in einen Abgrund!

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 Früher erschien mir plausibel, was der Philosophie-Prof. Dr. Sloterdijk mal im Fernsehen sagte, dass man nämlich mit einem Riesenhaufen Dummheit geboren würde und dann sein Leben damit verbrächte, idealerweise zumindest, diesen Haufen im Laufe seines Lebens abzubauen. Ich hab das befolgt, in mühevollen Jahrzehnten, nur um am Ende zu kapieren, dass das Einzige, was man im Alter wirklich schmerzlich vermisst, die eigene Dummheit ist.

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 Romantik ist übrigens die Epoche, in der man voller Sehnsucht seiner vollkommen bescheuerten Jugend gedenkt. Mann, was hatten wir … Zukunft! Und, ja, nun,  Sehnsucht!

 


 

Das Geddo erwacht (Aldisierung)

16. September 2011

Roma-Logistik, nachts am Brückenplatz

Leute fragen: Gibs denn eigentlich nichts Neues aussem Geddo? Jetzt, wo Ramadan, Ferien und Unser-Dorf-in-Türkei endlich vorbei sind? – Nö, nicht wirklich. Nachbar Özgür hat sein Haus in Eigenbau fertig „grunzsaniert“. Ergebnis: Bei mir läuft stickum Wasser in die Klause und lässt das Eichenparkett quellen. Toll. Muss gucken, was Hausratsversicherung auf türkisch heißt, sowie der Satz: „Ey Mann, kannze vielleicht verdammte Scheiße noch eins mal pronto deine super selbst geschweißten scheiß Rohre checken, Kollege? Nur so für Sicherheit?“

Yavuz, der kleine fette Prinz und Nachwuchspascha von gegenüber, ist noch dicker aus den Ferien gekommen. „Isch bin gezz gleisch Fußball!“ kräht er, und das kann auch ziemlich gut   hinkommen.

Bloß weil ich paar Minuten auf der Parkbank sitze und in der Sonne sinne, kommt gleich Ghana-Aki mit seiner neuen grün-gelb-roten Rastafari-Häkelwollmütze angetanzt und fragt: „Ey, Br’ruder, brauchsch Ganja?“ Er schi-pricht das: „Gannnnd’jschaáh“ aus. Gott, ja, voice of mozza Affrica. –  Ich lege höflich die Hand aufs Herz, nur versehentlich rechts, und sag: „Danke, Bruder, ich vertrag doch kein Ganja nich, leider… Weissu doch! Ain’t nuthin no good stuff for me… “ Er schiebt ab, schnief-schnuffelt aber noch, vorsichtshalber, falls ich doch Bulle bin, „hab sowieso nix bei“.

Was sonst noch: Hede Marciniak feiert heute Geburtstag, 50, 60, 65 – schwer zu sagen. Hede ist wurzeldeutsch-polnisch, hat nur Minimum Tassen im Schrank, und ist hässlich wie die Neumondnacht, dabei immer scharf auf Männer. Schlechte skills letztlich. Sie macht heute Tach der offenen Tür, beschallt die Hood den ganzen Tag mit Leierkasten- und Akkordeon-Walzern aus den 50ern und guckt alle drei Minuten, ob jemand zum Schwofen oder Gratulieren kommt. Schorschi, ihr Mann, hat Wasser in den Beinen und Altzheim im Kopf. Legt Puzzle, Schwarzwaldlandschaft, sei drei Jahren dasselbe. Demenzkompetenz. Kommt aus dem Polstersessel nicht mehr hoch: siamesische Schwellkörpersymbiose.

Robbi, der Ober-Alk, ist mit dem Hund raus und beim Süffel-Symposium am Brückenplatz hängen geblieben. Als ich vorbei radele, nimmt er Haltung an und salutiert zackig. „Hey!“ grölt er anschleimend, „Nachbar!“ Ja, leider, du Arsch. Weils noch ein warmer Abend ist, besteht die Chance, dass er seine Heike erst verprügelt, wenn ich schon schlafe. Sein krakeeltes Lieblingsmantra „Datt daaaf donnich waaaahr sein!“ hat schon manche meiner Nächte grundiert.

Unser frisch verwitweter Ex-Hausbesorger Pitti entwickelt einigermaßen mysteriöse Trauerrituale. Im Hinterhof hat er ein rotes Plastik-Totenlicht aus dem DM-Markt aufgestellt, was ja noch nachvollziehbar ist für gute Katholen, aber er hat auch ein frisch gebügeltes, schneeweißes Feinripp-Unterhemd daneben gehängt! Hemd ist wohl Privat-Mythologie, aber die Kerze zünd ich oft heimlich wieder an, wenn der Regen sie gelöscht hat. Auch als Atheist ist man ja nicht ohne Pietät.

Fortschreitet die optische Aldisierung des Viertels: An jeder Ecke Einkaufswagen vom Discounter. Ist Trick von Roma, wo haben keine Esel-Karren mehr: Discounter-Drahtwagen klauen, Schloss knacken, Euro rauspulen, Wagen nach Hause schieben, dann stehen lassen. Na ja, was geht’s mich an. Bin ja kein Discounter, dafür mein eigener Esel: Fahrradkurier in eigener Sache. Mein Fahrrad hab ich nämlich noch, weil die Roma nicht wissen, wie sie mein hundsteures Super-Fort-Knox-Mega-Security-Steel-Schloss aufkriegen sollen. Schätz, is Frage von Zeit.

Der versemmelte Sommer macht mich moll. Mir regnets ins Hirn. Wenn hier nicht bald Randale aufkommt im Geddo, diese Folklore, die man aus dem Fernseh kennt, wo immer (Spanien, Griechenland, Chile, Syrien, Italien etc.) junge vermummte Leute Steine gegen Wasserwerfer schmeißen, in immer gleicher Choreographie, dann weiß ich auch nicht.

Heute Suizid versucht, indem ich zwei Mongos von den Hells Angels, die nächtens auf ihren voll schwulen Harleys durchs Viertel bretterten und röhrten, hinterherbrüllte, aus vollem Herzen: „Ihr verfickten scheiß Breitreifenärsche, einmal Arsch lecken bitte!“ – Ich leb noch, weil sie’s nicht gehört haben. Mut ist halt auch immer eine Frage des kalkulierten Abstandes.

Also, wie gesagt, im Moment nichts Neues im Geddo. Gute Nacht, Nachbarn…