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Lerm und Geräusch. Plus 1 Hobby

23. Januar 2013

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Ins Fenster gucken (Künstler und Fotograf sind mir leider unbekannt)

Irgendwo, ich nehme an „im Netz“, hat man nun jüngst ein Museum ausgestorbener oder vom Verschwinden bedrohter Geräusche aufgemacht. Dorthin kann man am Sonntagnachmittag das zukunftsfrohe, aber erfahrungsarme und vielleicht widerstrebende Jungvolk hinschleppen, um ihm vorzuführen, wie die analoge Antike geklungen hat: Das Rattern des Super8-Projektors, das Schnurren der Telefondrehwählscheibe, das feenhafte Wispern und Quietschen vorspulender Musikkassetten, das Klappern der Gabriele-Schreibmaschine von der Firma Adler usw. Herrlich!  Man wird wieder richtig jung! Obwohl, jung ist man ja eh, zumindest inwendig. „Das Ich altert nicht“ – das hat eine kluge Frau mal gesagt, Susan Sontag, Hannah Arendt oder Hertha Däubler-Gmelin, ich erinnere mich nicht mehr so gut. Die Frage ist natürlich: Wie jung ist dieses unverwüstliche innere Ich? Trägt es kurze Hosen und hat noch immer Angst vor der Mathe-Arbeit? Oder ist das Ich schon etwas weiter, zieht saugend an einer Haschisch-Zigarette und greint weinerlich: „Ich MERK überhaupt GAR nichts…“? Und ist prolongierte Infantilität überhaupt etwas Gutes? Die einen sagen so, die anderen so, oder sie werfen das Problem auf, ob forever young eigentlich auch bedeutet, dass man sozusagen konstitutiv zu den Ewiggestrigen gehört. Das möchte man ja nämlich nicht.

Andererseits hat Gestrigkeit einen unleugbaren, unverwüstlichen Charme, wovon mir meine fast neunzigjährige Nachbarin erzählte, zum Beispiel aus der Frühzeit des Telefonierens auf dem Lande: Wenn in ihrer Jugend ein Gespräch anstand, kam ein Bote des Bürgermeisters auf dessen Dienstklepper angeritten und kündigte das alsbaldige Eintreffen eines Anrufes an, worauf man sich gemächlich zum Postamt verfügte, um dort von der Vermittlung eine Kabine zugewiesen zu bekommen, in der man gespannt auf das Klingeln des ungefähr fünf Kilo schweren Apparates wartete. Man darf gewisslich davon ausgehen, dass die anrufende Person dann weder „Hi, was machsn nachher so?“ oder „Ich sitze jetzt noch in der Bahn“ sagte, sondern etwas Wichtiges zu melden wusste, was sie sich zuvor vorsichtshalber auf einer Serviette notiert hatte, und zwar mit Füller!

Aufgrund der wohlerwogenen Seltenheit solcher Fernmündlichkeiten hatte ein jeder hinreichend Zeit für erbauliche Selbstgespräche, die das Ich trainieren und jung halten. Bushaltestellen waren noch Orte mitmenschlicher Begegnung, an denen mittels verstohlen gewechselter schwärmerischer Blicke zarte Bande zum anderen oder meinetwegen ruhig auch eigenen Geschlecht geknüpft werden durften. Heute starrt alles hypnotisiert aufs blassblau blinkende Handy und vereinsamt dabei, sitzt dann abends allein in der Küche und löffelt miese Fertiggerichte von Unilever mit tausend chemischen Zusätzen, von denen man eklige Allergien bekommt. Ruft man wo an, um sich auf ein Bier zu verabreden, heißt es: „Nee du, tut mir leid, heute geht schlecht, ich will mit der Gesine und dem Tobias die neue DVD mit Geräuschen aus den 80ern anhören!“ Hätte man sich doch beizeiten auch so ein Hobby zugelegt!

Meines ist, vor allem in der Winterzeit, die hierzu besonders viel Gelegenheit bietet, das Glotzen in anderer Leute Wohnungen. „Pfui Teufel, du Spanner“, schallt es mir entgegen, „das ist doch kein Hobby, das ist eine Perversion!“ Aber ich glotze keineswegs aus sexuellem Interesse, es ist mehr so ein Zwang, der wahrscheinlich aus meiner im tiefsten Unbewussten wurzelnden Überzeugung resultiert, das Leben der anderen müsste doch immerhin wenigstens etwas interessanter sein als mein eigenes. Natürlich ist das nur selten der Fall, was mich dann wiederum beruhigt und tröstet. Am liebsten schaue ich daher durchs Fenster Nachbarn beim Fernsehen zu, oder beim Telefonieren, aber bitte übers Festnetz. Das könnte ich stundenlang machen! Leider ist es dazu draußen zu kalt. Das Geräusch meiner klappernden Zähne stifte ich dem Museum.

 

 

Ewig die Mutter (Eine Gespenstergeschichte, glaub ich)

26. Juli 2012

Auf der Couch bei Professor Freuds Zauberlehrling – Notfalltermin! – Tja, Doktor, wie soll ich nur anfangen? Also ich komme nämlich wegen meiner übermäßigen Mutterbindung. Sie werden sagen, im fortgeschrittenen Rentenalter sollte man diese überwunden haben, oder? Ich finde unbedingt auch. Aber das Problem bin ja nicht ich – die Mutter ist’s, die mich nicht lassen will und kann! Seit drei Jahren hat sie mich nun jeden Morgen, teils um 8.00 Uhr, teils, wenn sie mich mal gnädigst ausschlafen ließ, um 8.16 Uhr, aus Übersee auf dem ominösen Funkradiowecker angerufen, den sie mir, ich vermute, mit Hintergedanken, einst unterschoben hatte. Immer nur angerufen – und nie ein Sterbenswort gesagt! Nur täglich ungemein vorwurfsvolles, beleidigtes, verkniffenes Schweigen! So begann jeder meiner Tage mit Beklommenheit und bleischweren Schuldgefühlen.

Die Gattin war es aber jetzt doch leid, das ewige Schwiegermuttergeglucke, und hat deshalb irgendwas mit diesem verdammten Wecker gemacht, dass er nicht mehr fiept und pickt und stichelt, die Anrufe mithin aufhören. Das war heute Morgen. Und dann ist passiert, was Sie mir nicht leicht glauben werden, ich aber hoch und heilig, sozusagen beim Leben meiner Mutter, ha! beschwöre: Ich sitze also vor der Eisdiele Rialto, um einen Eis-Café zu löffeln – eine gewiss unmännliche, infantile Nascherei, zugegeben – und um dabei arglos das ungewöhnliche Naturschauspiel eines sonnigen Sommertages zu genießen. Aufblickend aber  erstarre ich jedoch selber zu Blitzeis: An einem Nebentisch, keine fünf Meter entfernt, sitzt … meine  Frau Mutter! Mutterseelenallein, was natürlich schon wieder einen stummen Vorwurf beinhaltet, sitzt sie kerzengerade am Bistrotischchen und kramt, wie es ihre Art ist, hektisch in der Handtasche, nestelt neurotisch am Blusenkragen, richtet alle paar Sekunden ihre Frisur und ruckt mit dem Kopf wie eine orientierungslose Hühnertaube. Die Frisur, die Brille, das Gesicht, die verbittet herabgezogenen Mundwinkel, der weh einwärts gewandte Blick – hundertprozentig Mutter, wie sie leibte und lebte, als sie noch lebte! Ist das nicht unfassbar? Mir sträuben sich die Haare auf den Unterarmen.

Was? Sie sagen, es sei sicher ein Zufall, aber nun doch nicht geradezu transzendental irrwitzig, seine eigene Mutter unverhofft in einem Café zu treffen? – Da mögen Sie schon Recht haben, Doktor, aber ich finde es doch, nach allem was ich auf diesem Gebiet weiß, entschieden unpassend für Menschen, die seit mehr als fünf Jahren verstorben sind, in einer Eisdiele herumzulümmeln! Wenn das nun alle Verblichenen so hielten! Wie? Sie meinen, dann wäre meine Mutter ja schön blöd, wenn sie es nicht auch täte? Haha. Sie nehmen mich nicht ernst, nicht wahr? Ob ich gelegentlich an Erscheinungen glaube? Ich glaube praktisch nur an Erscheinungen!

Und selbst an die kaum noch – denn nachdem ich minutenlang wie gebannt zur Mutter hinübergestarrt hatte, trat unvermittelt eine dicke, schwitzende Matrone in hässlichen roten Capri-Hosen auf mich zu und patsche mir überschäumend fröhlich auf die Schultern: „Mann, was fürn Zufall!“ krähte sie enthusiastisch. Um meine Contenance war es endgültig geschehen. Fast begann ich in Tränen auszubrechen. Was wollten denn auf einmal alle von mir? Die dickdampfende Madame in Rot, meiner entgleisenden Gesichtszüge ansichtig, trat ein Schritt zurück, fasste mich schärfer ins Auge, patschte sich vor die Stirn und murmelte verlegen: „Oh. Tschulligung. Eine Verwechslung.“ Sehr, sehr seltsam, oder? Und, nein, Mutter war nach diesem Vorfall keineswegs verschwunden. Sie saß noch immer dort, nestelte, ruckte und schaute wehmütig ins Imaginäre, als ich schon fluchtartig das Café verließ, mich aufs Rad schwang und schleunigst, wie von Furien gehetzt, davon eierte.

„Ooch“, sagte die Gattin mit ihrem gewohnt herzlichen Mangel an Mitgefühl, „wahrscheinlich bist du bloß aus Versehen in ein Paralleluniversum getreten. Geh doch mal zum Kosmogonen oder Ornithologen, dich durchchecken lassen…“ Da wäre ich also, Doktor. Ich bin doch normal, oder hab ich was Ernsteres? Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass die Manipulationen am Funkradiowecker gar nichts genützt haben. Nicht nur, dass Mutter weiterhin durchklingelt – jetzt lässt sie sich überdies noch nicht mal mehr abstellen.